scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Das Standardwerk zur Deutschen Orthographie in Forschung, Lehre und lexikographischer Praxis nach zehn Jahren. Eine Reflexion von außen

Vachková, Marie

Abstract

222

Full text

Das Standardwerk zur Deutschen Orthographie in Forschung, Lehre und lexikographischer Praxis nach zehn Jahren. Eine Reflexion von außen1 Marie Vachková (Praha) ABSTRAKT Der vorliegende Text geht auf die im Jahre 2017 zu erinnernden Ereignisse ein, die den Werdegang der deutschen Rechtschreibung markieren. Im Zentrum der Reflexion steht die letzte Ausgabe der Deutschen Orthographie, die Dieter Nerius 2007 veröffentlichte. Aus auslandsgermanistischer Sicht werden einige Stichpunkte erwähnt, die dieses Standardwerk bis heute zu einer unentbehrlichen Quelle für die germanistische Hochschullehre machen. Im Anschluss wird gezeigt, dass die strukturalistische Erfassung der Dynamik im Bereich der schwer erfassbaren Schreibung der komplexen Verben durch korpuslinguistische Analysen ergänzt werden könnte, die sowohl für Lexikographen als auch für Wortbildungstheoretiker vom Nutzen sein dürften. SCHLÜSSELWÖRTER Deutsche Rechtschreibung, Nerius, Reform, Prager Schule, Lexikographie, Wortbildung, komplexe Verben, Korpuslinguistik, Kookkurrenzanalyse ABSTRACT The article addresses the events to be remembered in 2017 that mark the history of German spelling. At the center of the reflection is the last issue of German Orthography, published by Dieter Nerius in 2007. From aforeign Germanist point of view, some key points are mentioned, which make this standard work an indispensable source for the Germanic university education. Subsequently, it is shown that today the structuralist understanding of the dynamics in the field of elusive spelling of complex verbs could be supplemented by corpus linguistic analysis, which might be useful both in lexicography and in word formation theory. KEYWORDS German orthography, Nerius, reform, Prague school, lexicography, word-formation, complex verbs, corpus linguistics, cooccurrence analysis 1. ZUR EINFÜHRUNG Die Rechtschreibproblematik zählt in den letzten Jahren keineswegs zu den zentralen Diskussionen im Rahmen der germanistischen Sprachwissenschaft, und dabei sind vor allem in der lexikographischen Praxis angesichts der großen Datenmengen (Inter1 Dieser Text entstand im Rahmen des an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität in Prag laufenden Forschungsprojekts Progres 4 (Q10).— Im Text wird einfachheitshalber das generische Maskulinum verwendet, das gleichermaßen männliche und weibliche Personen umfasst. MARIE VACHKOVá 223 net, Korpora) stets Probleme auf diesem Gebiet zu lösen, die ein ziemlich umfassendes geschichtliches Vorwissen verlangen, um die Argumente der beteiligten Forscher nachvollziehen zu können. Die Autorin möchte deswegen— vor allem mit Rücksicht auf die jüngere germanistische Leserschaft— zuerst einige geschichtliche Daten vorausschicken, an die im Jahre 2017 erinnert wurde, sowie die grundlegenden Informationen zur 4.Auflage der Deutschen Orthographie von Dieter Nerius (Hg.) zusammenfassen, deren Rezension in unseren linguistischen Periodika unseres Wissens leider ausgeblieben ist. (Seine Tätigkeit auf dem orthographischen Gebiet wurde verfolgt, vgl. Anm. 10). Allen hier genannten Tatsachen soll in dem zweiten Abschnitt Rechnung getragen werden, weil das geschichtliche Werden der heutigen Norm doch einen bedeutsamen Strang in der sprachwissenschaftlichen Debatte darstellen sollte. In den nächsten Abschnitten wird die Rechtschreibung im Hinblick auf die im Titel genannten Tatsachen aus der Sicht einer Auslandsgermanistin und Hochschulpädagogin reflektiert. 2. DAS STANDARDWERK VON NERIUS IM GESCHICHTLICHEN KONTEXT Wer die langjährigen Bestrebungen zur Entwicklung einer neuen Rechtschreibregelung von 19772 bis zur endgültigen Fassung der letzten Reform 2006 verfolgte,3 hat wohl noch die lebhaften Debatten4 in Erinnerung, die vor allem in der Dekade zwischen 1996 und 2006 stattfanden und in die außer prominenten Germanisten eine Reihe von Schriftstellern, Publizisten, Verlegern, Historikern und Künstlern involviert war.5 Seit November 19946 rückten die Diskussionen über die vorgesehenen 2 Die Rechtschreibkommission am Institut für die deutsche Sprache im Jahre 1977 kooperierte mit Experten aus Österreich, aus der Schweiz und der DDR. Auf dieser Basis ist eine internationale Arbeitsgruppe für die deutsche Rechtschreibreform entstanden, die dann 1989 die bisherigen Diskussionen zusammenfasste und einen Vorschlag für die Änderung der Rechtschreibnorm vorlegte. Zur Entwicklung bis 1998 s.den Bericht von Ilpo Tapani Piirainen in der Zeitschrift Orbis linguarum, https://archive.is/o/BaL9T/wayback.archive.org/web/20110723233241/http://www.orbis-linguarum.net/1999/12_99/piiraine.pdf. (10.1.2018). 3 Vgl. auch Šimečková, A. (1997) Závěrem (?) k„reformě“ německého pravopisu. In Časopis pro moderní filologii 1/79, 20–24. 4 Die lebhaften Diskussionen führten häufig zu Spannungen, vgl. den Beitrag Im Land der Wörtermörder unter http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41179092.html (10.1.2018). 5 Vgl. die Frankfurter Erklärung zur Rechtschreibung vom 6.10.1996. Zu den genannten Persönlichkeiten, die an der Debatte teilnahmen, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/ Frankfurter_Erkl%C3%A4rung_zur_Rechtschreibreform (10.1.2018). 6 An der sogenannten Wiener Orthographiekonferenz nahmen Delegationen aus Belgien, Dänemark, Italien, Liechtenstein, Luxemburg, Deutschland und Österreich teil. Dieses Treffen hatte sich darauf geeinigt, „eine kleine Reform der Vernunft“ durchzusetzen. Die Rechtschreibung in der Schweiz ging ihre eigenen Wege, vgl. die Hausseite der Schweizer Orthographischen Konferenz unter https://sok.ch/woerterlisten/wegweiser-zu-einer-einheitlichen-und-sprachrichtigen-deutschen-rechtschreibung/ (10.1.2018). 224 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2018 Eingriffe in die damals gültige Norm ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Seit diesem Zeitpunkt ist auch eine Fülle von Arbeiten entstanden, die das Thema der deutschen Rechtschreibung aus allen möglichen Blickwinkeln thematisieren.7 Den Ansporn zu dieser zusammenfassenden Retrospektive gaben der Autorin nicht nur die Einführung eines neuen deutschen Graphems im Juni 2017 wie auch kleiner Veränderungen in der Großschreibung8, sondern auch einige Ereignisse auf dem Gebiet der theoretischen deutschen Orthographie, die sich 2017 jährten. Der linguistische Nachwuchs sollte bei dieser Gelegenheit daran erinnert werden, dass die enge Zusammenarbeit der in der DDR und in der damaligen Tschechoslowakei tätigen Sprachwissenschaftler sich nicht nur im Bereich der angewandten Linguistik (Lexikographie, Didaktik) ereignete, sondern in theoretischer Hinsicht durch geteilte Forschungspositionen bestimmt war, und zwar durch das strukturalistische Erbe der Prager Schule. Deswegen ist es zu bedauern, dass unsere wissenschaftliche Gemeinde auf die vierte erweiterte Auflage der Deutschen Orthographie9, deren Herausgeber Prof. Dr. Dieter Nerius10 besonders an die Erkenntnisse der Prager Tradition anknüpft, nicht aufmerksam gemacht wurde. Diese Auflage erschien sieben Jahre nach der dritten, das heißt vor zehn Jahren (2007). Zwischen der ersten und 7 Erwähnt seien hier nur die neuesten, die sowohl synchron als auch diachron ausgerichtet sind, vgl. z. B.Bergmann, R. und U.Götz (Hg.) (2007) Heino Lambeck. Düedsche Orthographia (1633)— Christoph Achatius Hager. Teütsche Orthographia (1639) (Documenta Orthographica. Quellen zur Geschichte der deutschen Orthographie vom 16.Jahrhundert bis zur Gegenwart. Abt. A: 16.bis 18.Jh., Bd. 2). Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms. lxxxix, 174 S. Moulin, C. (Hg.) (2008) Christian Gueintz. Die Deutsche Rechtschreibung (1645) (Documenta Orthographica Quellen zur Geschichte der deutschen Orthographie vom 16.Jahrhundert bis zur Gegenwart. Abt. A: 16.bis 18.Jh., Bd. 3). Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms. xlviii, 194 S. 8 Außer dem neuen Graphem für das große Esszet, d. h. der neuen ß-Majuskel, wird im Jahre 2017 die Großschreibung in einigen usualisierten Verbindungen erlaubt, die die Struktur „Adjektiv + Substantiv“ aufweisen. Diese neue Lizenz geht von dem bereits eingelebten Usus aus, vgl. „die Goldene Hochzeit“ oder (alles Gute im) „Neuen Jahr“. 9 Nerius, D. (Hg.) (2007) Deutsche Orthographie. 4., neu bearbeitete Auflage. Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms.484 S.Folgende Auflagen unter Anm. 11. Vgl. auch die identisch betitelte Besprechung von Buchmann, F. und N.Fuhrhop (2011) in Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Sprachwissenschaft, Bd. 3, Nr.1. DOI: https:// doi.org/10.1515/zrs.2011.019 (1.9.2017). 10 Zu seinen wichtigsten Werken zählen: Nerius, D. (1975) Untersuchungen zu einer Reform der deutschen Orthographie. Berlin: Akademie-Verlag. Nerius D. und J.Scharnhorst (Hg.) (1980) Theoretische Probleme der deutschen Orthographie. Berlin: Akademie-Verlag (= Sprache und Gesellschaft. 16) herausgegeben. Vgl. dazu die identisch betitelte Rezension von P.Sgall in Philologica Pragensia 25, 117–119. Andere Publikationen von D.Nerius sind: Starke, G., D.Nerius, und K.-E. Sommerfeldt (1981) Einführung in die Grammatik und Orthographie der deutschen Gegenwartssprache. Leipzig: Bibliographisches Institut. Bergmann, R. und D.Nerius (1998) Die Entwicklung der Großschreibung im Deutschen von 1500 bis 1700. 2 Bde. Heidelberg: Winter. MARIE VACHKOVá 225 der vierten Auflage liegen ganze 20 Jahre11, seit der ersten Auflage sind in diesem Jahr schon 30 Jahre vergangen. Die Verfasser der einzelnen Kapitel sind zum Teil in die Geschichte der deutschen Sprachwissenschaft eingegangen, wie z. B.Renate Baudusch, Rolf Bergmann, Petra Ewald, Klaus Heller (†), Dieter Herberg, Hartmut Küttel, Gottfried Meinhold, Claudine Moulin, Jürgen Scharnhorst (†) und Eberhard Stock. Professor Nerius, bis heute aktiv, befasste sich mit der Rechtschreibtheorie seit seiner Habilitation („Untersuchungen zu einer Reform der deutschen Orthographie“ aus dem Jahre 1973) und bis heute gilt er als führende Kapazität: Erinnert sei hier an sein letztes Werk zur Geschichte der deutschen Rechtschreibwörterbücher.12 Wer die einzelnen Auflagen des hier erwähnten Standardwerkes vergleicht, erkennt, dass die meisten Veränderungen die dritte erfahren hat. Die letzte Auflage bringt jedoch sehr wichtige neue Aspekte: Erwähnt werden sollten an erster Stelle die Passagen zum Stand der deutschen Rechtschreibung nach der neuesten Reform. Dank dieser thematischen Erweiterung liegt hier ein abgerundetes Werk vor, das sowohl der einheimischen als auch auslandsgermanistischen Gemeinschaft ein ganzheitliches Bild der deutschen Rechtschreibung bietet. 3. ZUR ANWENDUNG DES WERKS IN LEHRE, LEXIKOGRAPHIE UND WORTBILDUNGSFORSCHUNG 3. 1 DAS WERK IN DER LEHRE: ERFAHRUNGEN, VERWENDUNG, KRITIK Das Buch wurde mehrmals in den Spezialisierungsund Doktorandenseminaren, die zum Teil auch der deutschen Graphematik gewidmet werden, verwendet. Die vorbildlich systematische und umfassende Bearbeitung der Rechtschreibproblematik bietet bis heute zahlreiche Anregungen zu Diskussionen, die sich aus den Einzeldarstellungen ergeben. Die Studierenden bekommen somit ein Bild der deutschen Rechtschreibung im Zusammenhang mit der Entwicklung der orthographischen Forschung (vgl. Kap. I), und zwar auch in Bezug auf die neueren linguistischen Disziplinen bzw. methodologische Zugänge in deren Entwicklung. Das Ziel der Seminare ist, die systematische Beschreibung (Kap. II) dazu zu nutzen, um a. die Stellung der graphematischen Ebene im System der Standardvarietät auszulegen und b. die Beziehungen zwischen der graphematischen und der phonologischen Ebene, zwischen der Graphematik und der Phonologie, der Graphematik und der Semantik bis zu den stilistischen Aspekten des Schreibens hervorzuheben. Kapitel III. begrüßen alle, die über den geschichtlichen Werdegang der deutschen Orthographie von deren Anfängen bis in die Gegenwart aufgeklärt werden möchten. Gerade dieser Abschnitt wird 11 Nerius, D. (Hg.) (11987, 21989) Deutsche Orthographie. Leipzig: Bibliographisches Institut Leipzig. Nerius, D. (Hg.) (32000) Deutsche Orthographie. Leipzig: Bibliographisches Institut und Brockhaus. Diese Auflagen basieren auf den Publikationen, die Dieter Nerius mit Jürgen Scharnhorst verfasste, vgl. Anm. 10. 12 Nerius, D. (2015) Das deutsche Rechtschreibwörterbuch. Entwicklung, Struktur und Funktion. Hildesheim, Zürich, New York: Georg Olms.341 S.Vgl. die identisch benannte Rezension von Dr. Imke Lang-Groth unter DOI: https://doi.org/10.1515/zrs-2016-0016 (10.1.2018). 226 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2018 in den Seminaren als Einstieg empfohlen, denn erfahrungsgemäß stellt er eine hervorragende Einführung in die ganze Problematik dar. Die zusätzlichen Informationen zu den Werken der einflussreichsten Autoren (außer Dieter Nerius vor allem Gerhard Augst, † Jürgen Scharnhorst und † Burkhard Schaeder) sind im Internet bequem abzurufen, die aktuellen Informationen sind durch regelmäßige Mitteilungen des Rats für Deutsche Rechtschreibung zu gewinnen.13 Angesichts der anstehenden Akkreditierung des Lehrerstudiums (Deutsch als Fremdsprache, weiter nur DaF) im Rahmen des Germanistikunterrichts werden die Ausführungen in Kapitel IV. zur Perzeption der geschriebenen Sprache und zu Problemen mit der Internalisierung von Rechtschreibregeln wieder aktuell. Obwohl hier vom muttersprachlichen Schulunterricht die Rede ist, präsentiert auch dieser zum Teil didaktisch orientierte Abschnitt (zum Leseprozess und Orthographieerwerb) ein linguistisch fundiertes Basiswissen für die Auslandsgermanistik, an das später in der praktischen Lehrerausbildung anzuknüpfen ist. Im Falle der fortgeschrittenen Lernenden wird empfohlen, die muttersprachliche Intuition heranzuziehen und die Regeln an zentralen Beispielen, die den Kern des Problems erfassen, zu erklären und die peripheren Erscheinungen erst später zu thematisieren: Somit wird hier die Umsetzung der Prager Metapher des Zentrums und der Peripherie auch auf der angewandten Ebene evoziert. Im Falle der didaktisch geeigneten Oppositionspaare, wo sich die Verflechtung der semantischen und syntaktischen Strukturen manifestiert, wie z. B. bei angsterfüllt, aber vor Angst erfüllt, kann man Ideen für den DaF-Unterricht finden. Das Ziel ist, dass die Lernenden auf der Basis von internalisierten Beispielen die Rechtschreibung in Zusammenhang mit dem angelernten grammatischen Wissen reflektieren können. Zur Vertiefung der Kenntnisse, die den historischen Kontext der deutsch-tschechischen Kontakte in der Forschungstradition anbelangen, dient eine erheblich erweiterte Bibliographie, wo der Einfluss der Prager Schule sichtbar wird: Nicht nur wegen ihrer Ausrichtung auf Phonologie, geschriebene und gesprochene Sprache wie auch die Fragen der Sprachkultur. Und vice versa erinnert man sich daran, dass die Werke von Dieter Nerius und Jürgen Scharnhorst zur Auffassung der Norm und der Sprachkultur von den tschechischen Autoren nicht selten reflektiert werden.14 Auslandsgermanistischer Nachwuchs stößt bei der Lektüre immerhin auf wenige, hier nur in Auswahl zu erwähnende Schwierigkeiten. Man vermisst die Klärung von terminologischen Fragen, falls man einige Termini ins Tschechische übersetzen möchte: So gerät man z. B. bei dem deutschen Ausdruck Schreibung (Graphie) in Un13 Vgl. http://www.rechtschreibrat.com/ (10.1.2018) 14 S. die Beiträge von Sedláček, Tejnor, Sgall u. a., auch von slowakischen Linguisten (z.B.Blanár), die heute im digitalisierten Archiv der Zeitschrift Naše řeč abrufbar sind. Diese Kooperation ist nicht nur als Folge des gemeinsamen Schicksals der DDR und der ehemaligen ČSSR im Rahmen des Ostblocks zu sehen; vielmehr handelte es sich um ein reges Interesse an den Werken von Mathesius, Filipec, Daneš, Vachek u. a. (vgl. dazu z. B. die Besprechung von Tejnor, A. (1977) Linguistische Studien 24 in Naše řeč, 60, 2 (S. das digitalisierte Archiv http://nase-rec.ujc.cas.cz/archiv.php (1.3.2018)). MARIE VACHKOVá 227 sicherheit, zumal bei Bußmann15 die Termini Graphemik/Graphematik bzw. Grafemik, Grafematik als synonyme Benennungen für die Erforschung der Schriftsysteme der natürlichen und der künstlichen (konstruierten) Sprachen aufgefasst werden. Der heute am meisten verwendete Online-Duden führt beim Eintrag Schreibung jedoch nur noch die Bedeutung Schreibweise, und die Termini Graphemik und Graphematik werden hier für Synonyme gehalten. Diese Fragen werden dann mit Hilfe anderer Quellen diskutiert (vgl. z. B. Fuhrhop und Peters 201616). Stellenweise tauchen Schwierigkeiten mit der Orientierung im Text auf. Die Studierenden bereuen, dass weder das Register noch der Inhalt darauf Rücksicht nehmen, dass der nicht aufgeklärte Adressatenkreis in der phonologischen und phonetischen Terminologie ziemlich hilflos ist. So ist z. B. die von Studierenden häufig gesuchte Antwort auf die Frage nach dem Zustandekommen des Graphems ß nur über den Terminus Phonographem zu finden. In diesem Sinne wäre es wünschenswert, wenn im Sachregister wenigstens die typisch deutschen Grapheme, die den Jahrhunderte langen Werdegang der deutschen Graphematik markieren, als selbständige Einträge figurieren würden. 3.2 GETRENNTUND ZUSAMMENSCHREIBUNG IM WÖRTERBUCH Die Rechtschreibebene ist mit der lexikalischen und mit der Wortbildungsebene verquickt, was auch für die Verflechtung der Orthographie mit der Grammatik gilt. Deswegen sind für den ausländischen Adressatenkreis jene Passagen aktuell, die die Unmöglichkeit einer rein statischen Beschreibung der Getrenntund Zusammenschreibung thematisieren und zur Ausbildung der heranwachsenden Lexikographen in dem Sinne beitragen, dass die Dynamik der verbalen Wortbildung nachvollziehbar wird. Der Verfasser des 11.Kapitels, Hartmut Küttel, geht von dem allgemeinen Rahmen der Schriftsoziogenese17 und Ontogenese aus und erklärt aus historischer Sicht Herangehensweisen an Fragen, die zu den schwierigsten im Rechtschreibbereich zählen, indem treffende Beispiele herangezogen werden. Je mehr das Bedürfnis nach der Normierung der Schreibung (seit der ersten Kodifizierung im Jahre 190118) steigt, desto schwieriger wird es, die Sprachentwicklung durch Regeln zu bändigen; am schwierigsten ist dies wahrscheinlich im syntaktisch komplizierten verbalen Bereich (der sog. komplexen Verben), zumal man dort auf Konstruktionen trifft, die auch identische Komponenten aufweisen, vgl. stehen/bleiben, bekannt/machen, blank/putzen, abwärts/gehen, aber auch in Wortbildungen des Typus d/Deutsch/sprechend, zu/viel; ir15 Bußmann, H. (Hg.) (32002) Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag. 16 Diese Autoren unterscheiden in ihrer Einführung in die Phonologie und Graphematik konsequent auch zwischen den Adjektiven graphetisch, graphemisch, graphematisch (analog zu phonetisch, phonisch, phonematisch, vgl. Fuhrhop, N. und J.Peters (2016) Einführung in die Phonologie und Graphematik. Stuttgart: Metzler, 203. (Zit. nach http://bit.ly/2wwvW6J, 3.9.2017). 17 Vgl. dazu z. B.Maas, U. (1992) Grundzüge der deutschen Orthographie. Tübingen: Niemeyer, 19ff. 18 Die I.Orthographische Konferenz von 1901 fand in Berlin statt und wird manchmal auch II. Orthographische Konferenz genannt, falls als die erste die von 1876 verstanden wird. 228 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2018 gend jemand/irgend etwas aber irgendwo. Seit der letzten Reform haben uns auch wir, die auf dem DaF-Gebiet tätig sind, an die in manchen Fällen zugelassene doppelte Rechtschreibung gewöhnt, vgl. stehen bleiben/stehenbleiben (konkrete vs. übertragene Bedeutung). Dadurch, dass beide Schreibungen erlaubt sind, werden manchmal auch größere semantische Unterschiede verwischt. Die Verunsicherung ist jedoch gestiegen und damit hat sich auch die Frequenz des Nachschlagens im Rechtschreibduden bzw. im Duden Bd. 919, erhöht, vgl.: Dort, wo vor der Reform z. B. bei sitzenbleiben („durchfallen“, tsch. auch figurativ „zůstat sedět“) und sitzen bleiben (in konkreter Bedeutung) die beiden Lesarten einander gegenübergestellt wurden, argumentiert man heute mit einer vorgeblich problemlosen Desambiguierung mit Hilfe des Kontextes, obwohl die eingelebte und durch die Sprachentwicklung begründbare Opposition getrennt vs. zusammen bzw. konkret vs. figurativ immer wieder in metasprachlichen Texten des Online-Dudens vorkommt. Bei einigen Fällen jedoch (vor allem bei Verbindungen von Adverbien und Partizipien), wie z. B. richtigstellen („berichtigen“, tsch. „opravit, napravit, uvést na správnou míru; odstranit chybu, nedostatek“) und richtig stellen (tsch. „něco správně nastavit“, informell „něco [správně] naštelovat“) bietet die relativ stabiliserte Kollokabilität eine willkommene Stütze (die Uhrzeiger richtigstellen oder richtig stellen20, neben der einzig richtigen Schreibweise in der Kollokation eine Behauptung richtigstellen). Bei den Nichtmuttersprachlern spielt häufig die Unkenntnis der Akzentuierung eine entscheidende Rolle, vgl. z. B. im Falle von freisprechen „befreien“, frei sprechen „aus dem Stegreif reden“. Die kontrastive Sicht ist wegen der hilfreichen Äquivalenz pädagogisch vorteilhaft. Dass die lexikographische Umsetzung solcher Verhältnisse nicht nur aus der Sicht der bilingualen Lexikographie überaus anspruchsvoll ist, braucht man bei der Sichtung der Makrostruktur des heutigen Online-Duden21 nicht mit weiteren Beispielen zu erläutern. Eine eingehende Information ist im Falle von richtig stellen nur unter richtig auffindbar.22 3.3 ORTHOGRAPHISCHE VARIANTEN IN DER BEGLEITENDEN FORSCHUNG UND IM DIENST DER KORPUSBASIERTEN LEXIKOGRAPHIE: EINE STICHPROBE Die eben angedeuteten makround mikrostrukturellen Aspekte in einsprachigen Bedeutungswörterbüchern, hier dem Online-Duden, müssen von den Bearbeitern der bilingualen Nachschlagewerke detailliert analysiert werden, zumal sich die erstgenannten weder auf Korpora und korpuslinguistische Analysen beziehen, noch die 19 Dudenredaktion (Hg.) Richtiges und gutes Deutsch. Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle. 8., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin: Cornelsen, Duden 2016. 20 Vgl. Duden Rechtschreibung, Bd. 1, Mannheim u. a.: Dudenverlag 2006, weitere Beispiele s. auch u. https://www.duden.de/rechtschreibung/richtig_fehlerfrei_passend_wahr (10.1.2018). 21 Vgl. www.duden.de (10.1.2018). 22 Die grammatisch-theoretische Erfassung dieses Bereichs hat zahlreiche Konzeptionen erfahren, vgl. Šimečková, A. (1994) Untersuchungen zum ´trennbaren Verb´ im Deutschen I.Acta Universitatis Carolinae (AUC)— Philologica. Monographia CXIX— 1993, Praha: Univerzita Karlova— Karolinum, 38ff. MARIE VACHKOVá 229 häufig vorkommenden Kollokationsbzw. Kookkurrenzpartner in deren Variabilität bzw. authentischen Formen bieten. Hier eine kleine Stichprobe, die Korpusdaten aus dem Deutschen Referenzkorpus und aus dem Internet herangezogen hat.23 Es sei vorausgeschickt, dass das Wort im korpuslinguistischen Sinne bei solchen Analysen ausschließlich als Token verstanden wird, also kein Lexem im strukturalistischen Sinne (als repräsentative Form für alle Wortformen), und das im Geflecht seiner Umgebung bzw. seiner Kookkurrenzen. Hier ist auf die berühmte Maxime von Firth24 hinzuweisen: You shall know aword by the company it keeps, sprich: Erst die statistisch signifikante Analyse der Kookkurrenzund Kollokationsverhältnisse führt zu empirisch begründeten Aussagen. Erfahrungsgemäß gilt, dass jedes Token andere Kookkurrenzen entwickelt und dass auch auf der Kollokationsebene zum Teil unterschiedliche Konstellationen zu vermerken sind. Eine zufällige Google-Suchanfrage25 zu „Uhrzeiger richtiggestellt“ bietet keinen Beleg, die Suchanfrage zu „Uhrzeiger richtig gestellt“ auch keinen. Auch die Suchanfrage „Zeiger richtiggestellt“ bringt nichts, nur die Wendung „Zeiger richtig gestellt“ gibt 309 Treffer ab. (26.2.2018, 14:38). Die Syntagmen mit Formen Zeiger + stellen (nicht unbedingt mit richtig!) treten häufiger auf. Die Korpusdaten26 erfassen Daten vor und nach der Rechtschreibreform, aber in diesem Punkt geht es nicht um deren Trennung, sondern ausschließlich um die Affinität der Kookkurrenzund Kollokationspartner. Die Suche im DeReKo (26.2.2018, 14:50) ergibt bei der Suche nach „richtiggestellt“ 1781 Treffer, die Kookkurrenzanalyse findet jedoch keinen Beleg für „Zeiger richtiggestellt“. Die profilierten Konstruktionen (im Kontext Berichtigung) sind: Im Absatz/Satz/in der Zeile wurde richtiggestellt, dass ... Behauptungen, Angaben, Infos, Fehler usw. wurden richtiggestellt. Die Suchanfrage „richtig gestellt“ ergibt 2946 Treffer, die höchsten LLR-Werte27 kommen im Falle der Verbindung Weichen— richtig und Weichen— gestellt vor). Auch die Ergebnisse der Kookkurrenzanalyse auf der Grundlage der Kookkurrenzdatenbank CCDB28 liefern verwendungstypische Verbindungen, vgl. 23 Vgl. Das deutsche Referenzkorpus DeReKo, Release vom 3.2.2018, 42 Milliarden Wörter, vgl. http://www1.ids-mannheim.de/kl/projekte/korpora/, 26.2.2018). 24 Firth, J.R. (1957) ASynopsis of Linguistic Theory. Oxford: Oxford University Press, 11. 25 Die Dynamik der Internetsuchen mittels der Google-Suchmaschine wird hier vorausgesetzt, vgl. https://www.mitpressjournals.org/doi/pdf/10.1162/coli.2007.33.1.147 (26.3.2018). 26 Das Heranziehen bloßer Korpusdaten ohne deren Relativierung mit Ergebnissen einer Internetsuche besitzt relativ kleine Aussagekraft, denn beide Belegquellen sind im stetigen Wachstum begriffen, vgl. Anm. 23. 27 Der LLR-Wert (LLR steht für Log-Likelihood-Ratio) ist ein statistischer Wert, der beschreibt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass zwei Wörter (im Verhältnis zu ihren Häufigkeiten) in der existierenden Kookkurrenz und in dem vorliegenden Datensatz zusammen auftreten, bzw. wie stark ihre Bindung ist. (Ausführliche Information zu korpusanalytischen Methoden bzw. der Kookkurrenzanalyse vgl. http://www1.ids-mannheim.de/kl/misc/tutorial.html, 25.2.2018). 28 Vgl. http://corpora.ids-mannheim.de/ccdb/ (28.3.2018). 230 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2018 Ich möchte folgendes richtigstellen: ... Dazu muss folgendes richtiggestellt werden falsche Behauptungen/einige Fakten/Irrtümer/unwahre Tatsachen/Vorwürfe richtigstellen (müssen) usw. Die in den Nachschlagewerken empfohlenen Verwendungsbeispiele sollten deswegen immer auf einem quantitativ abgesicherten Fundament fußen, zumal der nichtmuttersprachliche Benutzerkreis eines zweisprachigen Wörterbuchs über die Fähigkeit einer automatisierten Variierbarkeit des lexikalischen Materials (Uhrzeiger— Zeiger/ richtig stellen— stellen) nicht verfügt. Zusammenfassend kann man wohl sagen, dass die Reflexion des Informationsangebots zur Orthographie in einem deutschen Bedeutungswörterbuch während der Arbeit an einem Übersetzungswörterbuch29 immer wieder auf nicht zu vernachlässigende Aspekte (metalexikographischen Charakters) hinweist und eine durchdachte Umsetzung der kontrastiven Sicht beansprucht. 4. ZUSAMMENFASSUNG Es erübrigt sich zu sagen, dass die Suche nach den systemischen Beziehungen auf der Ebene der Rechtschreibung und der Durchsetzung von zweckmäßigen Änderungen eine anspruchsvolle Tätigkeit ist, zumal der Sprachbenutzer möglicherweise wenige und präzise formulierte Verwendungsregeln beansprucht. Deren Vermittlung in Form eines Angebots an punktuellen Lösungen mittels lexikographischer Information gewinnt an Bedeutung vor allem im Falle der orthographisch unstabilen Wortbildungen. Deren strukturalistisch angelegte morphosyntaktische Erfassung30 wäre durch Untersuchungen auf einer umfassenden empirischen Basis zu ergänzen: Korpusbasierte Wortbildungsforschung, die auf die theoretischen Prämissen der Kookkurrenzanalyse baut, kann durch Erfassung der unmittelbaren Kotexte der häufigsten Wortformen zur gängigen lexikographischen Praxis beitragen, weil sie orthographische bzw. semantische Differenzierungen präziser beschreiben kann. Jede Rechtschreibregelung setzt ein wahrhaft tiefgründiges Wissen auf allen linguistischen Beschreibungsebenen voraus, und das im Zusammenspiel der diachronen und der synchronen Achse. Die hier reflektierte Publikation von Dieter Nerius, die die Rechtschreibproblematik in zahlreichen Bezügen zu erfassen versucht, kann auf diese Weise nicht nur als nützliche Quelle zum Nachvollziehen 29 Gemeint wird hier das entstehende Große akademische Wörterbuch Deutsch-Tschechisch unter der Leitung der Autorin dieses Beitrags, vgl. mehr unter http://lexarchiv.ff.cuni.cz/ lexikograficka-sekce/de/ (26.3.2018) 30 S.Anm. 22.