„The Ionians at War?“ Die Waffenweihungen in den ionischen Heiligtümern und das Apollon‑Heiligtum von Didyma
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STUDIA HERCYNIA XXI/2, 7–26 „The Ionians at War?“ Die Waffenweihungen in den ionischen Heiligtümern und das Apollon ‑Heiligtum von Didyma Marek Verčík ABSTRACT Weapons and armour were among the most frequent kinds of offerings made in the sanctuaries of the Greek world during the Archaic period. There exists an extensive bibliography and important theories concerning their significance. It was, however, only recently that most of the weapon votives preserved from about 130 cult places were analysed in summary. This synopsis pointed out certain differences in terms of chronology and chorology: the finds of weapons and armour were unearthed mainly in the Panhellenic or supra ‑regional sanctuaries in the southern and central Greece (Olympia, Delphi, Kalapodi etc.), whereas the cult places in the eastern Aegean remained relatively poor in these dedications; in Attika and Magna Graecia on the other hand the amount of the votives only started to increase in the 6 th c. BC.The aim of this study is to complement the picture of weapons and armour dedicated in sanctuaries of the ancient Greek world with the recently published and excavated finds from the eastern Aegean region of Ionia. KEYWORDS Greece; Ionia; Archaic period; sanctuaries; weapons; armour; votives. EINLEITUNG Die Funde von bronzenen und eisernen Waffen und Rüstungsstücken gehören zum gewöhnli‑ chen Bild archäologischer Untersuchungen in den griechischen Heiligtümern.1 Insbesondere die Fundinventare der großen panhellenischen Heiligtümer wie Olympia oder Delphi werden durch diese Objekte regelrecht geprägt (s. Baitinger 2001; Gabaldón Martínez 2005; Fri‑ elinghaus 2010; Baitinger 2011; Frielinghaus 2011; Aurigny 2016). Es handelt sich, wenn auch nicht ausschließlich, um Votive, unter denen die Beuteanathemata den größten Anteil einnehmen.2 Den schriftlichen und epigraphischen Quellen zufolge wurde nach einer erfolg‑ reichen Schlacht ein Teil der Siegesbeute den Gottheiten geweiht, als Dank für die vergangene 1 Die Funde von zahlreichen Waffen und häufig reich verzierten Rüstungsstücken in den griechischen Heiligtümern erweckten bereits sehr früh die Aufmerksamkeit der Forschung, was sich in der langen Liste der Studien widerspiegelt. Aus dem Grund weise ich nur auf die aktuellsten Arbeiten von Baitinger (2011) und Frielinghaus (2011), beide mit zahlreicher, älterer Literatur, hin. 2 Waffen werden meist als Kult‑ oder Opfergeräte gedeutet, die somit in den Besitz der Gottheit übergegangen wären und nur innerhalb des temenos entsorgt werden konnten (ouk ekphora ‑Regel). Dennoch können sie je nach Fundkontext ebenso gut Spolien oder Hinterlassenschaften kriegeri‑ scher Handlungen darstellen. Des Weiteren weist ein Votivdepot eines Athleten aus Nemea (Miller 1983) auf die mögliche Deutung der innerhalb der Kultstätte gefundenen Waffen als Weihungen von Utensilien sportlicher Wettkämpfe. Ähnlich könnten Einzelnen sowohl Jagdwaffen als auch ihre privaten Waffen und Rüstungstücke der Gottheiten weihen. Zu alternativen Deutungen für das Vorkommen von Waffen in Heiligtümern vgl. Baitinger 2011, 144–147.
8STUDIA HERCYNIA XXI/2 und zugleich künftige, göttliche Unterstützung (Pritchett 1979). In diese Richtung weisen auch Inschriften auf den Beutestücken selbst, so etwa die Schutzwaffen aus Olympia, die mit dem Sieg der Argivern über die Korinther um das Jahr 500 v. Chr. zu verbinden sind, der vom Periegeten Pausanias (Paus. VI, 19. 12–14) schriftlich festgehalten wurde. 3 Die leider relativ seltenen Weihinschriften belegen ferner, dass die meisten Beutestücke innergriechischen Konflikten entstammen (s. Baitinger 2011, 150–155). Nur vereinzelt lassen sich einzelne Waf‑ fen oder Rüstungsteile als Teil der Kriegsbeute aus einem Sieg über einen nichtgriechischen Feind deuten (Baitinger 1999; Baitinger 2016). Weihungen von Waffen als Spolien setzten innerhalb der griechischen koiné in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhundert v. Chr. ein, zeitgleich mit der Aufgabe der Waffenbeigaben ins Grab (Baitinger 2011, 123–129; Frielinghaus 2011, 226). Der Brauch blieb bis in die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. überaus geläufig, bis es in der klassischen Periode zu einer allmählichen Änderung des Votivwesens kam und man begann dauerhaftere Monumente als Erinnerung auf vergangene Siege nicht nur in den Heiligtümern zu errichten, sondern auch auf den zentralen Plätzen der Poleis sowie den Schlachtfeldern (Baitinger 2011, 164–167; Frielinghaus 2011, 230). Der Ursprung der Waffendedikationen wird seitens der Forschung im Allgemeinen als eine autochthon ägäische Entwicklung gesehen (vgl. Baitinger 2011, 129; Snodgrass 2013), auch wenn die Sitte, mit den erbeuteten Waffen die Kultstätte zu schmücken, keineswegs nur auf die griechische oikuméne beschränkt war und ein ähnlicher Brauch an einigen Fund‑ orten im östlichen Anatolien (z.B. Ayanis, Karmir Blur, Toprakkale) beobachtet wurde.4 Die Ursachen für das Aufkommen der Waffenweihungen in der Ägäis sucht man den komplexen Umgestaltungsprozessen des späten 8. und frühen 7. Jahrhunderts v. Chr. Während die Waf‑ fengräber der protogeometrischen und geometrischen Periode noch ein klares Attribut der gesellschaftlichen Differenzierung darstellen, betrachtet man die Votive in den Heiligtümern als Ausdruck geänderter, ritueller Vorstellungen und gesellschaftlicher Strukturen (Snod‑ grass 1971, 281; Bräuning 1995; van Wees 1998, 366; Baitinger 2011, 128). Sie boten zwar weiterhin Platz für die Präsentation der Eliten, ließen aber zusätzlich den Geist des Agons in Vordergrund treten. Das agonale Verhalten galt sowohl für den Einzelnen als auch die sich neu herausbildeten Polis und war kennzeichnend insbesondere für die archaische Periode, die manchmal als „age of the agonal man“ bezeichnet wird (vgl. Stein‑Hölkeskamp 1989; Fisher 2013). Der gewaltsame oder aber gewaltlose Konflikt zwischen einzelnen Poleis sowie innerhalb der Polis selbst (sog. stasis) war ein Teil dieses Agons, der wiederum eine Form der gesellschaftlichen Interaktion darstellte, neben dem Handel, der Politik oder den Mischehen. In diesem Sinne wurden die von den Poleis, und seltener von den Heerführern, geweihten Spolien dieser Konflikte zu einer distinktiven Komponente innerhalb des soziokulturellen Systems im archaischen und klassischen Griechenland (Frielinghaus 2011, 229; Verčík 2016, 20). Ob jedoch ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Einsetzen von Waffendedikationen in den Heiligtümern und der Entstehung der Phalanx besteht, die von schwerbewaffneten Hopliten im Rahmen eines Gemeinschafts ‑Aufgebotes gebildet wurde, ist zu hinterfragen.5 3 Nachgewiesen sind drei Helme, drei Schilde, ein Schildzeichen, Schild‑ und Beschlagfragmente von mindestens fünf weiteren Schilden sowie eine Beinschiene. Zum Fund vgl. zuletzt Jackson 2000. Zur Inschriften s. zuletzt Siewert– Taeuber 2013, 172–179. 4 Die Waffen im sakralen Zusammenhang waren bereits im Verlauf des 8. Jahrhunderts v. Chr. im Königreich Urartu bekannt (vgl. Çilingiroğlu– Derin 2001; Seidl 2004; Baitinger 2011, 126–127; Çilingiroğlu 2016).Zum Phänomen der Waffenvotive in unterschiedlichen Regionen der antiken Welt vgl. die Aufsätze im Tagungsband von Eggetal. (eds.) 2016. 5 So Baitinger 2011, 128–129; im ähnlichen Sinne auch Hanson 1989, 48 und Snodgrass 1991, 19. Dagegen vgl. die Diskussion zur Einführung der Phalanx als einer Kampftaktik der Bürgerheere
9MAREK VERČÍK Die Waffendedikationen sind bislang aus rund 130 griechischen Kultstätten bekannt und wurden vor ein paar Jahren von H. Baitinger (2011) in einer musterhaften Synthese vorgelegt (vgl. auch Frielinghaus 2010; 2011, 210–232). Dadurch kamen gewisse, vorher nicht bemerkte Besonderheiten zum Vorschein, zuallererst die ungleiche geographische und chronologische Ausprägung dieser Weihesitte. H. Baitinger (2012, 31) stellte fest, dass besonders die großen, überregional bedeutenden Heiligtümern Mittel‑ und Südgriechenlands zahlreiche Waffen‑ funde aufweisen, wohingegen die Kultstätten in der östlichen Ägäis waffenarm blieben und die Dedikationen in westgriechischen Heiligtümern sowie in Attika erst im Laufe des 6. Jahrhun‑ derts v. Chr. in stärkerem Umfang einsetzen.6 Um diese Erkenntnisse zu ergänzen und zu aktualisieren, sollen im Folgenden die aktuellen Untersuchungen aus dem Apollon ‑Heiligtum in Didyma an der westkleinasiatischen Küste vorgestellt werden. Das Ziel des vorliegenden Aufsatzes ist es, einen ersten Überblick über das gesamte Spektrum der Waffenfunde aus der Orakel ‑Kultstätte zu geben und die didymäischen Waffendedikationen in einen breiteren Kontext Ioniens zum einen, und der griechischen Welt zum anderen, einzuordnen. Abb. 1: Didyma. Der hellenistische Apollon ‑Tempel vom Osten (nach Slawisch 2013, Abb. 1). DIE WAFFENFUNDE AUS DEM APOLLON ‑HEILIGTUM IN DIDYMA Das extraurbane Heiligtum von Didyma (Abb. 1) liegt am Golf von Iasos, etwa 20 km südlich von Milet, dessen zentralen Kultort es zugleich darstellte. Sein Zentrum bildete die Orakel‑ stätte des Apollon, die bereits im Verlauf der archaischen Zeit einen überregionalen Bekannt‑ heitsgrad erlangte. Sowohl schriftliche Quellen als auch die, nach der Mitte des 6. Jahrhunderts erst im späten 6. und beginnenden 5. Jahrhundert v. Chr., insbesondere van Wees (2004; 2013). Ar‑ chäologische Argumentation für eine spätere Einführung der Phalanx s. Verčík (im Druck). 6 Die Heiligtümer in Süditalien und auf Sizilien weisen eine Fülle am Fundmaterial aus, das allmählich publiziert wird und somit in den Fokus der Forschung gelangt, was wiederum das von H. Baitin‑ ger (2011) skizzierte Bild zu ändern vermag. Dazu vgl. La Torre 2011; Guzzo 2013; Camilli 2016; Graells iFabregatetal. 2017 sowie die künftige Publikation zur Tagung „Armi Votive in Magna Graecia“, 23.–25.11.2017 in Salerno– Paestum.
10 STUDIA HERCYNIA XXI/2 v. Chr. errichtete monumentale Tempelarchitektur bezeugen die herausragende Bedeutung des Heiligtums innerhalb sowie außerhalb der griechischen Welt (Bumkeetal. 2015; Slawisch 2013). In dieser Zeit war das Heiligtum in den Händen des Priestergeschlechtes der Branchiden und blieb es bis zum Ionischen Aufstand (s. Tuchelt 2007), im Zuge dessen die Orakelstätte geplündert und zerstört wurde. 7 Erst mehr als hundert Jahre später, in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr., setzte mit dem Neubau des Temples die neue Blüte des Kultortes ein. Abb. 2: Didyma. Topographischer Übersichtsplan, Stand 2013 (nach Bumke 2013, Abb. 1). Die regionale sowie supra ‑regionale Anziehungskraft der Orakelstätte bzw. der verehrten Gottheiten in der archaischen Zeit schlug sich nicht zuletzt auch in den zahlreichen Votiven nieder, die bei den Ausgrabungen des Deutschen Archäologischen Institutes seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts freigelegt wurden (Abb. 2).8 Unter diesen bilden die aus Metall herge‑ stellten Waffen eine der größten Fundgruppen, neben lokaler und importierter bemalter Keramik, sowie den in geringerem Umfang vorkommenden Aegyptiaca, Schmuckobjekten und Trachtzubehör (Bumke 2013; Slawisch 2013). Systematisch vorgelegt wurde bislang nur 7 So Bumke 2013; Slawisch 2013. Dagegen vgl. Tuchelt (1988, 434), der aufgrund fehlender archäo‑ logischer Befunde diese These infrage stellte. 8 Die frühen Grabungen fanden in den Jahren 1905–1913 statt und wurden nach dem Ersten Weltkrieg in unregelmäßigen Abständen fortgesetzt; dazu vgl. Wiegand 1941. Erneute systematische Unter‑ suchungen begannen unter der Leitung von K. Tuchelt erst in den 1960er Jahren und dauern bis heute in enger Kooperation mit türkischen Kollegen an; zusammenfassend s. Tuchelt 1977; 2007 und zu aktuellen Arbeiten vgl. Bumke 2015a; 2015b; Bumke– Breder 2016.
11MAREK VERČÍK ein Teil der Waffenfunde und das im Rahmen einer, an der Martin ‑Luther ‑Universität Halle‑ ‑Wittenberg verfassten Magisterarbeit (Lubos 2008). Einzelne Funde oder Fundgattungen wurden ferner in mehreren Vorberichten (Naumann– Tuchelt 1963/1964; Tuchelt 1971; Bumke– Röver 2002; Furtwängler 2005; 2007; 2008) allgemein vorgestellt und in wenigen Aufsätzen (Lubos 2009; Slawisch 2009; Verčík 2016) im Hinblick auf bestimmte Frage‑ stellungen näher erläutert. Eine ausführliche Vorlage der jüngsten Funde von Waffen und Rüstungstücke aus Didyma, unter Einbeziehung der älteren Funde, wird zurzeit im Rahmen der Abschlusspublikationen zu einzelnen Grabungsprojekte vorbereitet.9 Abb. 3: Distribution der Waffenfunde in den archaischen Befunden innerhalb des Apollon‑heilig‑ tums in Didyma. Die bronzenen und eisernen Fundstücke, welche als Waffendedikationen angesprochen werden können, stammen aus mehreren archaischen Befunden im Bereich des Heiligtums (Abb.3). In großen Mengen kamen die Waffen im Apollon ‑Tempel und seinem unmittelbaren Umfeld bei den frühen, flächendeckenden Grabungen zutage, doch sind diese Funde größ‑ tenteils vor ihrer Bearbeitung und Publikation in den Wirren der beiden Weltkriege verloren gegangen. Ihre Zusammensetzung kann lediglich durch die erhaltenen Grabungsbücher erahnt werden (Naumann– Tuchelt 1963/1964). Wichtige Informationen lieferten daher die Nachuntersuchungen jüngster Zeit, die insbesondere in den Jahre 2004–2007 zahlreiche Neufunde erbrachten (Slawisch 2013), darunter mehr als 100 Waffenfunde. Dies umfasste rinerseits Nachuntersuchungen mittels gezielter Schnitte im Bereich des Sekos und der sog. Ostterrasse, andererseits die Untersuchung bislang unberührter Abschnitte im Südwesten des Tempels. Ebenso wurden mehrere Waffenfunde in den archaischen Planierungsschichten während der Begutachtung des Rundbaus vor der Ostfront des hellenistischen Didymaions 9 Die eisernen Waffen aus den Grabungen auf dem sog. Taxiarchis ‑Hügel und dem Tempel werden vom Verfasser vorgelegt. Die aus Bronze gefertigten Funde bearbeiteten G. Klebinder ‑Gauß (sog. Taxiarchis ‑Hügel) bzw. A. Slawisch (Tempelgrabungen).
12 STUDIA HERCYNIA XXI/2 freigelegt.10 Dies entspricht den Aufzeichnungen des ersten Ausgräbers H. Knackfuß, der in diesem Bereich eine Vielzahl an Waffenfunden verzeichnete.11 Im Hinblick auf diese eher schwierige Überlieferungssituation ist der weitgehend ungestörte archaische Befund auf dem nahe gelegenen sog. Taxiarchis ‑Hügel von besonderer Bedeutung (Bumke– Röver 2002; Bumke 2013). Hier wurde in drei dominierenden, versiegelten archaischen Schichten in den Jahren 2000–2009 eine Fülle an Objekten freigelegt, die in ihrer Zahl die bislang bekannten Fundkomplexe aus Didyma weit übertreffen, wobei die mehr als 170 Waffen einen erheblichen Teil der Funde darstellen. Der Vollständigkeit halber müssen an dieser Stelle ferner archaische Befunde erwähnt werden, die entweder keine oder nur sehr geringe Hinweise auf Waffen‑ dedikationen lieferten. Im ersten Fall handelt es sich um vier, im weichen Felsen eingetiefte Wasserbecken auf der sog. Felsbarre– ein direkt an der, von Milet nach Didyma führenden Heiligen Straße liegender Höhenrücken– deren untersten Schichten in das 7. Jahrhundert v. Chr. datieren (Bumke 2006, 216–217 mit weiterer Literatur). In die gleiche Zeit fallen die fünf Tüllenpfeilspitzen aus Bronze sowie eine eiserne Lanzenspitze, welche in der Sondage der Jahre 1970/1971 etwa 150 m westlich des hellenistischen Tempels zutage kamen (Tuchelt 1971, 831, Nr. 258–262, 275, Taf. 18:3, 20:3). Bei den letzteren handelt es um die frühesten, sicher datierbaren Waffenfunden aus dem Apollon ‑Heiligtum. Damit ist diese Art von Dedikationen im Vergleich zu den großen Fundin‑ ventaren aus Olympia oder Kalapodi in Didyma relativ spät bezeugt.12 Weitere frühere Votive lassen sich in der untersten, natürlich gewachsenen hell ‑braun ‑sandigen Schicht auf sog. Taxiarchis ‑Hügel vermuten, die das Fundmaterial aus dem Zeitraum vom Ende des 8. bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. erbrachte (Bumke 2008, 91; Bumke 2013, 335, Abb. 2). Eine genauere Datierung ist in diesem Fall nicht möglich, da die Funde lediglich langlebige und chronologisch unempfindliche Formen aufweisen: eine mittelgroße Lanzenspitze, ein Dorn‑ und drei Tüllenpfeilspitzen aus Eisen und Bronze sowie ein Panzerplättchen und drei nicht näher rekonstruierbaren Helmfragmente. Im Wesentlichen lässt sich für das 6. Jahrhundert v. Chr. eine Zunahme der Waffenweihungen konstatieren. Im Zuge des Ionischen Aufstandes und der Zerstörung des Heiligtums zum Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. brachen die Votive ab. Aus der Zeit des hellenistischen Tempels liegen keine Hinweise auf Waffenvotive mehr vor. Die Auffindungskontexte der hoch‑/spätarchaischen Waffenfunde sind zum einen mit den verschiedenen architektonischen Umbauten im Areal des Apollon ‑Tempels zu verbinden, zum anderen handelt es sich um „Heiligtumsabfall“, der sukzessiv auf den sog. Taxiarchis‑ 10 Das Fundmaterial der Untersuchungen der Jahre 1991/1992 am sog. Rundbau (unter der Leitung von K. Tuchelt) ist bislang nicht vorgelegt und soll von F. Seiler bearbeitet werden. Die hier dargelegten Informationen werden im Folgenden lediglich als statistische Angabe behandelt und erheben keinen Anspruch als Fundvorlage zu dienen. Sie beruhen auf einer Durchsicht der Grabungstagebücher (Tagebücher der Grabung Didyma, 1991/1992) und eines Teiles des Fundmaterials– der Eisenfunde– seitens des Verfassers. 11 Vgl. die Angaben in den Tagebüchern der ersten Grabungen (vgl. Lubos 2008, 18–19). 12 Diese Tatsache ist vor allem durch die sehr komplexe Stratigraphie der Bereiche im und unmittel‑ bar am Apollon ‑Tempel bedingt. Die frühesten Funde, welche in die spätgeometrische und früh‑ archaische Zeit datieren, fanden sich gemeinsam mit hoch‑ und spätarchaischem Material in den mächtigen Auffüllungen und Planierungsschichten für den Bau des Tempels II (Mitte des 6. Jahr‑ hundert v. Chr.) bzw. des frühhellenistischen Didymäions. Einzig südwestlich des Tempels konnte frühes Material, wie beispielweise das Fragment eines geometrischen Dreifuß ‑Beinfragmentes in einem Bachlauf gefunden werden, über welchen die Quelle entwässerte, die innerhalb des Tempels Igefasst wurde. Dazu vgl. Furtwängler 2005, 206–208; Slawisch 2013, 54–55. Die abschließende Auswertung der Stratigraphie wird demnächst von A. Slawisch vorgelegt.
13MAREK VERČÍK ‑Hügel aufgeschüttet wurde. Sowohl die Planierungsschichten bzw. die Auffüllungen der späteren Bauten, als auch die Aufschüttungen liefern für die Datierung der Füllungen einen Terminus ante quem und umrahmen somit die Zeithorizonte, in denen die Waffendedikatio‑ nen ins Heiligtum gelangten. Zusätzlich zu den oben genannten, frühesten Kontexten lassen sich dementsprechend folgende Horizonte erkennen, aus denen Waffen und Rüstungsstücke geborgen wurden: – Im Bereich der Südwesthalle (Sondagen B, B ‑Nord) fanden sich zahlreiche Waffen in den Planierungsschichten über dem Schwemmboden, die mit der Errichtung der Südwest‑ halle um 570/560 v. Chr. in Verbindung stehen dürften (Naumann– Tuchelt 1963/194; Fürtwängler 2005, 206–207). – Einzelne Waffen stammen aus einer mit Poros‑ und Marmorblocken verdichteten Aschenschicht ‑Auslegung am südlichen Treppenfundament des hellenistischen Tempels (Sondage E) bzw. in Bereichen innerhalb des Sekos, die wohl zur Platzanlage beim Bau des spätarchaischen Tempels gehören (Furtwängler 2005, 207–208; Furtwängler 2009, 4–7). – Graubraune Schicht auf dem Taxiarchis ‑Hügel, die das Fundmaterial aus der zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. beinhaltet (Bumke 2013, 335). – Den fundreichsten Horizont stellt die mächtige Ascheschicht auf dem sog. Taxiarchis‑ ‑Hügel, die sich über mehrere Sondagen erstreckt. Sie wurde von den Ausgräbern mit der Zerstörung des Heiligtums zum Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. verbunden (Bumke 2008, 91; Bumke 2013, 335, Abb. 2). – Den jüngsten Horizont stellen die Auffüllungen für das jüngere Didymaion und die um‑ gebenden Bauten am südlichen Treppenfundament sowie auf der Ostterrasse und dem Rundbau dar, die vorwiegend aus umgelagertem archaischem Material bestehen (Furt‑ wängler 2009). Abb. 4: Funktionelle Gliederung der Waffen aus den archaischen Befunden innerhalb des Apollon‑ ‑Heiligtums in Didyma.
14 STUDIA HERCYNIA XXI/2 Das Spektrum der Funde (Abb. 4) ist breit gefächert und setzt sich wie folgt zusammen: Helme, Keulen, Lanzenspitzen, Pfeilspitzen, Sauroter, Schilde, Schwerter, Streitmesser und Teile von Schuppenpanzern. Funktionsbedingt lassen sich die Objekte in zwei übergeordnete Gruppen aufteilen: Waffen und Schutzrüstung, wobei die ersteren mehr als drei Viertel aller identifizierbaren Waffenfunde bilden. Abb. 5: Bronzene Pfeilspitzen aus den Sondagen im Bereich des Apollon ‑Tempels (Grabungen 2004– 2007), Dornfeilspitzen: 1a–1b (Inv. 04‑BN13/2‑KF2, 04‑E32‑KF1); Zweiflüglige Tüllenpfeilspitzen: 2a–8 (Inv. 06‑OTC3‑KF10, MM‑01‑19, MM‑01‑10, MM‑01‑13, MM03‑217, 04‑E20‑KF1, MM‑00‑35, MM‑01‑15, MM‑01‑16, MM‑01‑08); Dreiflüglige Tüllenpfeilspitzen: 9a–13b (Inv. 04‑B11‑KF2, MM‑01‑07, MM‑ 00‑39, MM‑03‑216, 06‑OTC2‑KF5, MM01‑12, 06‑OTC2‑KF1, MM03‑108) (nach Lubos 2009, Taf. 1–13). Unter den Objekten, die als Angriffswaffen anzusprechen sind, kommen die Pfeilspitzen am häufigsten vor, gefolgt von den Lanzenspitzen. In geringer Zahl sind Sauroter, Schwerter und Streitmesser vertreten. Dieses Zahlenverhältnis überrascht wenig, denn die Funde von zahlreichen Pfeilspitzen gehören zum gewöhnlichen Bild archäologischer Untersuchung in den ägäischen Heiligtümern. Ebenso zeigen die Pfeilspitzen aus Bronze und Eisen eine be‑ trächtliche typologische Vielfalt (Abb. 5; vgl. Lubos 2009, 406–407). Während die Dornpfeil‑ spitzen nur mit vier Exemplaren vertreten sind, wurden aus den hoch‑ und spätarchaischen Fundzusammenhängen 135 Tüllenpfeilspitzen geborgen. Unter ihnen dominieren die zweif‑ lügligen Exemplare mit und ohne Widerhaken. Die dreiflügige Pfeilspitzen mit rhomboidem Blatt und integrierter Tülle, die mitunter als „persisch“ bezeichnet werden (Typus II B4 nach Baitinger 2001, 22–23), treten ebenfalls auf und sind möglicherweise mit der Zerstörung des Heiligtums durch die Perser zu verbinden. Die 70 didymäischen Lanzenspitzen wurden ausschließlich aus Eisen geschmiedet. Bronzene Exemplare sind aus dem Heiligtum von Di‑ dyma nicht bekannt, womit eine Analogie zu den verhältnismäßig reicheren Ensembles aus Isthmia, Kalapodi oder Olympia festzustellen ist.13 Zugleich lässt sich beobachten, dass die 13 In Isthmia wurden ausschließlich eiserne Lanzenspitzen gefunden (Broneer 1953, 193; Broneer 1958, 35). In Olympia ist das Verhältnis der eisernen zu bronzenen Lanzen 9:1 (Baitinger 2001, 33). Unter den Angriffswaffen aus Kalapodi fand sich bislang nur ein einziges bronzenes Exemplar (Schmitt 2007, 427). Die Waffenfunde der jüngsten Grabungen (2004 – bis dato) konnten hier nicht berücksichtigt worden, da ihre Vorlage noch nicht erfolgte.
15MAREK VERČÍK didymäischen Funde nur bedingt eine funktionelle Unterscheidung zwischen Lanzen und Speeren möglich machen, denn die überlieferten Spitzen besitzen durchgehend ein mittleres Format.14 Große Exemplare mit einer Blattlänge über 30 cm, die in Olympia oder Kalapodi seit der spätgeometrischen Zeit vorkommen und sich insbesondere in Befunden der hoch‑ und spätarchaischen Zeit konzentrieren, sind in Didyma nicht vertreten (Baitinger 2001, 48–50; Schmitt 2007, 459). Somit kann in diesem Fall die Argumentation von H.‑O. Schmitt (2007, 426) übernommen werden, die Lanze stelle wohl eine Waffe mit zweifacher Verwendbarkeit dar. Demnach konnte sie sowohl im Nahkampf als auch zum Wurf verwendet werden. Mit 19 Exemplaren sind Lanzenschuhe (Saurotere) repräsentiert, darunter keine Bronzestücke. Der überwiegende Teil der Saurotere besitzt zudem eine einfache konische Form, die sich zur Spitze hin verjüngt und einen runden Querschnitt hat. Robuste Lanzenschuhen des spätarchaischen bzw. klassischen Typus mit quadratischer Spitze und einem Bronzering am Übergang von der runden Tülle zur Spitze fehlen in Didyma gänzlich.15 Es lassen sich nur ihre unmittelbaren morphologischen Vorläufer fassen, die konischen Tüllenspitzen mit annähernd vierkantiger Spitze (Form IIa nach Schmitt 2007, 486, 543, Nr. 328–333, Taf. 91). Die Schwerter sind unter den Funden aus Didyma mit rund 10 Exemplaren vertreten. Bis auf eine Ausnahme wurden sie in sehr fragmentarischem Zustand geborgen, wobei alle Fragmente dem Typus der Griffzungenschwerter (Naue II) zugeordnet werden können, der erstmals im Bronze gegen Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. in der Ägäis auftritt und, ab der geometrischen Zeit im Eisen, bis ins 6. Jahrhundert v. Chr. die vorwiegende Kurzwaffe in der Ägäis darstellte. Von den späteren Schwertformen ist in Didyma lediglich das Streitmesser überliefert, das in den antiken Schriftquellen als machaira oder kopis bezeichnet wurde (vgl. Verčík 2014, 46–47). Es handelt sich um eine speziell für einen kraftvollen Hieb konstruierte Waffe mit einschneidiger, leicht gekrümmter Klinge und einer massiven Spitze, die sich ab der Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. allmählich von Makedonien aus in der gesamten Ägäis verbreitete. Das singuläre, sehr gut erhaltene didymäische Exemplar (MM03‑204; Pl. 1/1) wurde in einem spätarchaischen Kontext auf dem sog. Taxiarchis ‑Hügel freigelegt. Um den Abschnitt zu den Angriffswaffen abzuschließen, muss an dieser Stelle noch der fragmentierte Kopf einer Bronzekeule mit versetzten Buckeln erwähnt werden, gefunden in einer rezenten Störung am südöstlichen Fundamentkopf des archaischen Adytons (Pl. 1/2; Slawisch 2009, 195). Es handelt sich um einen Import aus dem Nahen Osten, vermutlich aus Assyrien, der im Verlauf des 8. Jahrhunderts v. Chr. entstanden und anschließend, in einem nicht genau festzustellenden Zeitabschnitt, ins Apollon ‑Heiligtum geweiht wurde (Slawisch 2009, 200). Zu den bekanntesten Weihungen archaischer Zeit in Didyma zählt jene Schutzrüstung, welche der ägyptische Pharao NechoII. nach der siegreichen Schlacht bei Megiddo (609 v. Chr.) und der Eroberung der Stadt Kadytis in der Levante dem Apollon widmete (Hdt. II, 159). Der besagte Leinenpanzer ist freilich nicht mehr überliefert, doch sind im archäologischen Material mehrere Teile und Fragmente von Helmen, Panzern und Schilden vertreten, auch wenn ihre Zahl deutlich hinter den Fundständen in anderen überregionalen Heiligtümern zurückbleibt (Felsch 2007; Frielinghaus 2010; Graells iFabregat 2016). Am häufigsten belegt sind eiserne und bronzene Plättchen, die den Besatz von Schuppenpanzern bildeten (Abb. 4). In Didyma lassen sich zwei Formgruppen erkennen– beim Einhalten von typologi‑ schen Unterscheidungskriterien wie Form und Befestigungsart können sie als Typen bezeich‑ 14 Insgesamt lassen sich in Didyma 8 Formen in zwei Gruppen erkennen, die allesamt eine Gesamt‑ länge knapp über 20 cm (Typ A) bzw. unter 20 cm (Typ B) besitzen und einen Durchmesser von ca. 1–2 cm aufweisen. 15 Zur Entwicklung der Lanzenschuhe s. Baitinger 2001, 54–72; Schmitt 2007, 472–473.
22 STUDIA HERCYNIA XXI/2 hervor. Eine besondere Stellung des Apollon ‑Heiligtums in Bezug auf diese spezifische Weihsitte bestätigt schließlich auch die mehrmals zitierte Erwähnung Herodots (Hdt. II, 159), die zugleich auch einen Hinweis auf die Stifter der Waffen und Rüstungsstücke liefern könnte– die Söldner.32 Die zahlreichen Waffenweihungen im Apollon ‑Heiligtum von Didyma reflektieren dabei zwei der herausragenden Merkmale des archaischen Ionien: den konfliktgeladenen Charakter sowie die Internationalität. Diese Arbeit entstand im Rahmen des European Regional Development Fund‑Project “Cre‑ ativity and Adaptability as Conditions of the Success of Europe in an Interrelated World” (No. CZ.02.1.01/0.0/0.0/16_019/0000734). LITERATUR Alk. = Alkaios. Transl. M. Treu. Alkaios. München 1963. Hdt. = Herodotus. The Histories. Transl. A.D. Godley. Herodotus. Cambridge, Mass. 1920. Paus. = Pausanias: Description of Greece. Transl. W.H.S. Jones– H.A. Ormerod. Pausanias Description of Gre‑ eceIV. Cambridge Mass, 1918. Aurigny, H. 2016: Sicilian and Italic votive objects in the Panhellenic sanctuary of Delphi. In: Baitinger (ed.) 2016, 161–174. Baitinger, H. 1999: Waffen und Bewaffnung aus der Perserbeute in Olympia. Archäologischer Anzeiger 1999/1, 125–139. Baitinger, H. 2001: Die Angriffswaffen aus Olympia. Olympische Forschungen 29. Berlin. Baitinger, H. 2011: Waffenweihungen in griechischen Heiligtümern. Monographien des Römisch ‑Germanischen Zentralmuseums 94. Mainz. Baitinger, H. 2012: Mit Trophäen behängt. Waffenweihungen in griechischen Heiligtümern. In: W. Meighör ‑ ner (ed.): Waffen für die Götter. Krieger, Trophäen, Heiligtümer. Innsbruck, 28–33. Baitinger, H. 2016: Fremde Waffen in griechischen Heiligtümern. In: Eggetal. (eds.) 2016, 67–85. Baitinger, H. (ed.) 2016: Materielle Kultur und Identität im Spannungsfeld zwischen mediterraner Welt und Mit‑ teleuropa. Akten der internationalen Tagung am Römisch ‑Germanischen Zentralmuseum Mainz, 22.–24. Oktober 2014. Abschlusstagung des DFG ‑Projekts „Metallfunde als Zeugnis für die Interaktion zwischen Griechen und Indigenen auf Sizilien zwischen dem 8. und 5. Jahrhundert v. Chr.“ Mainz. Blinkenberg, Ch.S. 1931: Lindos. Fouilles et recherches, 1902–1914. Berlin. Boardman, J. 1967: Excavations in Chios, 1952–1955: Greek Emporio. British School of Archaeology. Supple‑ mentary volume 6. London. Born, H. 2009: Die Helme des Hephaistos. Handwerk und Technik griechischer Bronzen in Olympia. München. Bräuning, A. 1995: Untersuchungen zur Darstellung und Ausstattung des Kriegers im Grabbrauch Griechenlands zwischen dem 10. und 8. Jahrhundert v. Chr. Internationale Archäologie 15. Rahden/Westf. Brize, P.1989/1990: Archaische Bronzevotive aus dem Heraion von Samos. Scienze dell’antichità. Storia, ar‑ cheologia, antropologia 3, 317–326. Broneer, O. 1953: Isthmia Excavations, 1952. Hesperia 22, 182–195. 32 Die immer noch problematische Verbindung der nahöstlichen Votive mit dem Phänomen Söldner soll hier nicht weiter erörtert werden, da dies bereits an einer anderen Stelle erfolgte (vgl. Crielaard 2015; Iancu 2016; Verčík 2016; Iancu 2017).
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185PLATES Pl. 1/1: Streitmesser des späten 6. Jahrhundert v. Chr. (Typus IV nach Verčík 2014) aus dem archaischen Befund auf dem sog. Taxiarchis ‑Hügel, Inv. MM‑03‑204 (Fotos ©Grabung Didyma).
186 STUDIA HERCYNIA XXI/2 Pl. 1/2: Nahöstliche Bronzekeule aus Didyma, Inv. 05‑AE ‑KF1 (nach Slawisch 2009, Abb. 1). Pl. 1/3: In der Ägäis selten vorkommende assyrische Panzerschuppen des Typus Inach Verčík 2016, Inv. MM‑09‑242 (Fotos ©Grabung Didyma).