Die unbekannte Moderne in der Provinz: Die deutsch-tschechische Grenzregion im modernistischen Roman Zapadlí vlastenci 1932
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Die unbekannte Moderne in der Provinz: Die deutsch ‑tschechische Grenzregion im modernistischen Roman Zapadlí vlastenci 1932 Patrik Valouch– Westfälische Wilhelms ‑Universität Münster ABSTRACT The Unknown Modernity in the Province: The German ‑Czech Border Region in the Modernist Novel Zapadlí vlastenci 1932 In his novel Zapadlí vlastenci 1932, Josef Kocourek (1909–1933) creates an atmospheric portrait of the German -Czech border region in the early 1930s and focuses on the conflict between the two nations that would later culminate in the ‘Sudetenkrise’. While Marxist literary criticism interpreted the text as a‘proletarian novel’ due to its ideological determination, this paper demonstrates that Kocourek’sliterary work is an intricate intertextual fabric that ironizes literary foils, transcends genre boundaries and permits avariety of different readings. The peculiarities of this novel consist in its avant -garde techniques (montage and collage), its multiply coded language oscillating between different stylistic registers and in its original graphic design, placing it firmly within Czech modern literature despite the provincial context in which it was written. KEYWORDS Josef Kocourek; novel; literary depiction; avantgarde; montage; collage; province; borderland; minority schools Moderne Literatur kann auch abseits der großstädtischen, literarisch -künstlerischen Zentren entstehen: das kleine, im nordböhmischen Riesengebirgevorland (Podkrkonoší) gelegene Städtchen Nová Paka [Neupaka] weist eine vielfältige und originelle künstlerische Tradition auf.1 Einer der dort geborenen Künstler war der Dichter, Schriftsteller und Maler Josef Kocourek (1909–1933), der für lange Zeit einer der großen Solitäre der modernistischen tschechischen Literatur blieb und selbst heute noch eher als ‚Geheimtipp‘ gehandelt wird. Bei seinem letzten, in „fieberhafter Hast“ (Kunstmann 1974: 292) auf dem Sterbebett entstandenen Roman Zapadlí vlastenci 1932 [Weltabgeschiedene Patrioten 1932] (1961, 1982)2 handelt es sich um einen bemerkens1 Bedeutende Vertreter der tschechischen modernen Literatur stammen aus der unmittelbaren Umgebung von Nová Paka, z. B. der symbolistische Lyriker Jan Opolský (1875–1942) oder der Schriftsteller Josef Karel Šlejhar (1864–1914), der dem Naturalismus zugerechnet wird. 2 In den diversen deutschsprachigen Überblicksdarstellungen zur tschechischen Literatur wird der Romantitel in zahlreichen Variationen angegeben: Untergegangene Patrioten 1932 (Kunstmann 1974), Ver‑ schollene Patrioten 1932 (Skalička 1985), Die weltabgeschiedenen Patrioten 1932 (Filip 1974)– weitere, damit jedoch Rais’ gleichnamigen Roman meinende approximatische Übersetzungsvorschläge sind: Vergessene
92 BRÜCKEN 29/2 werten, mittlerweile jedoch weitestgehend vergessenen Text der modernen Literatur Tschechiens: er besticht durch eine eigenwillige Metaphorik und vor allem durch avantgardistische Verfahrensweisen (graphische Ausgestaltung, Montage, Collage, literarischer Reportagestil) sowie durch einen ungewöhnlichen narrativen Aufbau. Dieser Text wird von der Literaturwissenschaft häufig als ein ‚dokumentarischer‘ Reportageroman klassifiziert, vergleichbar einer sozio -ethnographischen Studie, die durch das Prisma avantgardistischer Techniken die deutsch -tschechische Grenzregion darstellt. Gleichzeitig handelt es sich um einen satirisch -polemischen Roman, der auf unterschiedliche literarische Folien zurückgreift– am explizitesten verweist er (wie der Titel bereits erkennen lässt) auf die Vorlage von Karel Václav Rais’ Roman Zapadlí vlastenci [Weltabgeschiedene Patrioten] von 1894 –, um diese zu ironisieren, zu dekonstruieren und ihr die eigene Version entgegenzusetzen. Da mich in diesem Aufsatz neben den avantgardistischen Verfahrensweisen auch die Darstellung der deutsch -tschechischen Grenzregion beschäftigen wird, lohnt es, zudem der Frage nachzugehen, inwiefern sich Zapadlí vlastenci 1932 in die Tradition des tschechischsprachigen ‚Grenzlandromans‘ einschreibt. Doch zuvor sei Kocoureks künstlerischer Werdegang und seine spezifische Poetik charakterisiert. 1. BIOGRAPHISCHE HINTERGRÜNDE, REZEPTION UND POETIK Der am 22. Januar 1909 in Brdo [Berde] in eine verarmte Weberfamilie hineingeborene Josef Kocourek verlebte sein kurzes, knapp 24-jähriges Leben ausschließlich in der Provinz und hatte aufgrund seines frühen Todes nicht die Möglichkeit, aus seinen beengten Verhältnissen auszubrechen und sein schöpferisches Potential vollständig zu entfalten und zu realisieren. Obgleich Kocourek von einem Studium der Malerei in Prag träumte, konnte er nach seinem Abschluss am Realgymnasium in Nová Paka aufgrund der schlechten finanziellen Lage der Familie lediglich einen Ergänzungskurs am Lehrerbildungsinstitut in Jičín [Jitschin] belegen,3 um daraufhin als ‚Minderheitenlehrer‘ in die von seinem Heimatort weit abgelegene nordmährische Grenzregion des Schönhengstgaus (Hrebečko) geschickt zu werden (Mírov, Šilperk bzw. Štity, Řepová). Obwohl Kocourek nie in Prag (dem kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Zentrum der 1918 neu konstituierten Ersten Tschechoslowakischen Republik) lebte und es auch nur sehr selten besuchen konnte, gelang es ihm dennoch, sich mit den künstlerischen Strömungen der Avantgarde (Expressionismus, Dadaismus, Poetismus, Surrealismus) bekanntzumachen und selbst zum Verfasser von zwar nur dürftig rezipierten, aber beachtenswerten modernistischen literarischen Texten zu werden. Kocourek besuchte das seinem Heimatdorf Brdo nahegelegene Realgymnasium in Nová Paka 4 und wurde von seinem Tschechischund Französischprofessor Patrioten oder Weltferne Patrioten. Das vom tschechischen Verb „zapadnout“ (dt.: „fallen“ bzw. „untergehen“) abgeleitete Substantiv „zapadákov“ bezeichnet (eher) pejorativ einen (von der Zivilisation) abgeschiedenen Ort (dt. Krähwinkel, Kaff, verschlafenes Nest, Provinzgegend); ich verwende daher im vorliegenden Aufsatz das zwar sperrig und langatmig klingende, aber dafür treffendere Adjektiv „weltabgeschieden“. 3 An demselben Lehrerbildungsinstitut absolvierte auch K. V. Rais sein Abitur. 4 Dort knüpfte er für seine spätere künstlerische Laufbahn entscheidende erste gesellschaftliche und intellektuelle Kontakte mit seinen Mitschülern: František Gross (Maler), Ladislav Zívr (Bildhauer) und
93PATRIK VALOUCH Miloslav Jirda (1895–1970), der sein künstlerisches Talent rasch erkannte, in seinen schriftstellerischen Ambitionen unterstützt und gefördert. 5 Kocoureks Berührung mit moderner (insbesondere französischer) Literatur ging von Jirda aus, der diese Literatur übersetzte und sie seinem Schüler zum Lesen gab. 6 Nach seiner erfolgreich absolvierten Lehrerbildungsprüfung in Jičín wurde Kocourek nicht an eine städtische Schule, sondern nach Mírov [Mürau] geschickt, wo er am 3. Oktober 1928 seine Lehrertätigkeit aufnahm: dort blieb er jedoch nur etwa ein halbes Jahr, denn er fühlte sich stark isoliert, litt an Geldnot und der kulturellen Abgeschiedenheit, weswegen er in starke Depressionen verfiel und Suizidgedanken hegte (Skalička 1984: 28). Schließlich stellte Kocourek einen Antrag auf Versetzung an eine Schule in einem stärker besiedelten Gebiet, der ihm bewillig wurde: Am 8. Mai 1929 begann er als Lehrer an der Bürgerschule im damaligen Šilperk (1949 in Štíty umbenannt [Mährisch Schildberg]) zu arbeiten, wo er für zwei Jahre unterrichten sollte (Skalička 1984: 34). Während seiner Lehrertätigkeit in Štíty fiel Kocourek mit seinem bohèmehaften und antibürgerlichen Lebenswandel auf: er führte viele erotische Beziehungen, leistete sich zahlreiche Alkoholexzesse und machte Schulden. Zdeněk Filip zufolge fiel Kocoureks öffentlich zur Schau gestellte Sympathie für den Bolschewismus und seine Kolportage von linksorientierter Literatur der Schulbehörde unangenehm auf, wofür er mutmaßlich an die Minderheitenschule in Řepová [Rippau] versetzt wurde, die in der gesamten Grenzregion des Schönhengstgaus als die schlimmste Lehrerstation galt (Filip 1961: 288). Kocourek hatte sein Dasein unter schweren Lebensbedingungen zu fristen: gesellschaftliche Isolation, miserable Ernährung und Anfeindungen von der tschechischen Schulbehörde aufgrund seines unkonventionellen Lebensstils. In seinen Tagebüchern vergleicht Kocourek das Leben zwischen Prag (dem Zentrum) und Rippau (der abgeschiedenen Provinz), wobei deutlich wird, dass der Vergleich zu Ungunsten seines neuen Aufenthaltsorts ausfällt: První dni vŘepové, ohavné azlé. Vneděli ráno jsme se loučili naposled. Bylo to už klidné, hovořili jsme oPraze, ofrontě nezaměstnaných aobílé budoucnosti. Dnes žije ona tam, kde se vaří život, já vŘepové, kde všechno je mdloba, zlodějství, pod‑ vod, hysterie, neupřímnost, paďourství, samota, cizina anemoc. (Kocourek 2009: 507, Hervorhebungen P.V.) Miroslav Hák (Photograph) konnten im Gegensatz zu Kocourek in Prag studieren und wurden später Mitglieder der bedeutenden avantgardistischen Künstlervereinigung Skupina 42 [Die Gruppe 42]. 5 Kocoureks Beziehung zu Jirda beschränkte sich nicht nur auf ein Lehrer -Schüler -Verhältnis, sondern beide verband bis zu Kocoureks Tod eine enge Freundschaft. Jirda war stets gut unterrichtet über Kocoureks künstlerisches Schaffen und stand ihm bei Schwierigkeiten literarischer (aber auch persönlicher) Natur mit seinen Ratschlägen zur Seite. Jirda trug nicht nur wesentlich zu Kocoureks literarischer Profilierung und ästhetischer Wahrnehmung bei, sondern beeinflusste ihn mit seiner linksorientierten Gesinnung, mit der er ihn für soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit sensibilisierte. 6 Jiří Skalička (1984) und auch Jaromír Typlt (2021) weisen auf den Einfluss folgender Texte hin: Jean Giraudoux’ Provinciales (1909; tsch. Městečko, 1926) und Joseph Delteils Les cinq sens (1924; tsch. Pět smyslů, 1927), die beide von Miloslav Jirda ins Tschechische übersetzt worden sind. Jirda übersetzte an die 32 Bücher aus dem Französischen ins Tschechische, darunter auch maßgebende literarische Texte aus der klassischen, aber auch der modernen französischen Literatur.
94 BRÜCKEN 29/2 [Die ersten Tage in Řepová waren gräßlich und böse. Am Sonntag nahmen wir zum letzten Mal Abschied. Es war schon ruhig, wir sprachen über Prag, über die Schlange von Arbeitslosen und über eine lichte Zukunft. Sie lebt heute dort, wo das Leben brodelt, ich in Řepová, wo alles Ohnmacht, Dieberei, Betrug, Hysterie, Unaufrichtigkeit, Banausentum, Einsamkeit, Fremdheit und Krankheit ist.] Als Kocourek an Lungentuberkulose erkrankte, gab er seinen Lehrerberuf auf, zog sich in die familiäre Obhut seines Geburtsorts Brdo zurückzog, um dort, bettlägerig und mit schwindenden Kräften, an seinem letzten Roman Zapadlí vlastenci 1932 zu arbeiten, den er innerhalb kürzester Zeit beendete. Drei Wochen später, am 31. März 1933, starb Kocourek in seinem Familienhaus Brdo an den Folgen der Tuberkulose (Skalička 1984: 61). Kocoureks Poetik entwickelte sich in mehreren überlappenden Phasen und Etappen (Romantik– Expressionismus, Expressionismus– Surrealismus; Dadaismus– Surrealismus, Poetismus– Naturalismus). Eine singuläre ästhetische und stilistische Dominante einer Strömung oder eines Stils lässt sich in den Texten der Frühphase nur kaum, oder nur recht vage und vorsichtig konstatieren. Kocourek, der sein ganzes Leben in der Provinz verbrachte, war zwar von der unmittelbaren künstlerischen Entwicklung abgeschottet, wusste sich aber die einschlägigen literarischen Zeitschriften und Bücher zu beschaffen und war daher in der Lage, die Entwicklungen der in den Zentren Prag und Brünn sich konstituierenden künstlerischen Avantgardebewegungen rege mitzuverfolgen und auch in seine literarischen Arbeiten zu überführen. Kocourek entfernt sich in seinen nach 1930 entstandenen Texten zusehends von der stark vom Expressionismus und Poetismus geprägten halluzinatorischen Bilderwelt und lässt die ‚Wirklichkeit‘ immer deutlicher durchscheinen, indem er realistische und naturalistische Elemente in seine Arbeiten integriert. In jener Zeit war Kocourek bereits als Minderheitenlehrer tätig und schrieb als unmittelbarer Betroffener über die in den Grenzregionen herrschende Armut und Rückständigkeit in sozialkritischen Feuilletonbeiträgen, die z. B. in Lidové noviny [Volkszeitung] veröffentlicht wurden.7 Für diese Beiträge verwendete er einen exakt -minutiösen, dokumentarischen Reportage -Stil, den er gleichermaßen mit Elementen eines lyrischen Tagebuches verband. Die Kombination von ‚literatura fakta‘ und autobiographischer Stilisierung legte den Grundstein zu einem neuen poetologischen Verfahren, das in Zapadlí vlastenci 1932 noch weit stärker zur Geltung kommen sollte. Nach seinem Tod gerieten Kocoureks literarische Arbeiten schnell in Vergessenheit und wurden erst auf die unermüdliche Propagierung Jirdas hin in den 1960er Jahren herausgeben, wobei vor allem die der Spätphase zugehörenden, sozialkritischen Texte von der marxistischen Literaturkritik hervorgehoben und die Texte seiner expressionistischen und poetistischen Schaffensphase ausgeklammert oder übergangen wurden. Der künstlerischen Liberalisierungsperiode der 1960er Jahre ist es daher wohl zu verdanken, dass Kocoureks literarische Texte der Frühphase, wie z. B. die Novelle Žena [Das Weib] (1968, 2000 [1929]) oder die von Jirda redigierten8 Auszüge aus Kocoureks 7 Eine Auswahl dieser Beiträge erschien 1980 im Buchformat unter dem Titel: Zkonce světa [Vom Ende der Welt]. 8 Vít Ondráček weist in seinem Beitrag in Tvar (2/2009) auf die Eingriffe, Auslassungen und Verschönerungen von Jirda hin: Kocourek äußerte sich in seinem Tagebuch expressiv und unverblümt über die Dinge, die im Widerspruch zu seiner Instrumentalisierung als ‚proletarischer‘, ‚klassenbewusster‘ oder ‚kommunistischer‘ Autor standen, weswegen seine Notate von Jirda etwas ‚berichtigt‘ oder ‚ge-
95PATRIK VALOUCH Tagebüchern, die unter dem bezeichnenden Titel Extáze [Ekstase] (1971) erschienen, publiziert wurden. Diese in einer traumhaft -deliriösen Sprache verfassten Tagebucheinträge zeigen auf, wie ein junger Autor sein entbehrungsreiches Leben mit literarischen Mittel ästhetisieren will, um aus der Kulturlosigkeit der Provinz auszubrechen und sich selbst schriftstellerisch zu profilieren. Das in einem provokant -rebellischen Gestus gehaltene Tagebuch Extáze stieß aufgrund seiner melancholisch -morbiden Grundstimmung, der rauschhaften Entgrenzungsphantasien und des experimentellen Stils bei vielen jungen Künstlern, die von der kulturellen und gesellschaftlichen ‚Normalisierungs‘-Phase frustriert waren, auf große Resonanz und avancierte bald zu einem identitätsstiftenden ‚Kultbuch‘.9 Nach 1989 wurde Kocourek wohl aufgrund seiner vermeintlichen Regionalität, seiner ideologischen Affinität zum Kommunismus und seiner von der marxistischen Literaturwissenschaft tradierten Kategorisierung als ‚proletarischer‘ Autor auf ein Abstellgleis gestellt. 10 Dennoch wurden die weitestgehend unpolitischen Texte seiner Frühphase, wie z. B. Žena (2000) oder Srdce (2008), neu aufgelegt, ohne jedoch von der Literaturkritik besonders beachtet zu werden. Erst die 2009– also pünktlich zu Kocoureks 100-jährigem Jubiläum– neu erschienenen, erweiterten und im Originallaut belassenen Tagebücher (Marto Marto Marto… Deníky 1927–1932 [Marta, Marta, Marta… Tagebücher 1927–1932]) zeitigten einen ungemeinen Erfolg und verhalfen Kocourek dazu, als ein zwar eigenwilliger, aber ernstzunehmender Autor der tschechoslowakischen Moderne angesehen zu werden. 2021 erschienen sogar seine im Alter von 16 Jahren verfassten Juvenilien Jensen alilie / Modrá slečna / Kráska [Jensen und Lilie/ Blaues Fräulein/ Schönchen] in der Editionsreihe „Skrytá moderna“ [Verborgene Moderne] des Verlagshauses Akropolis. Obgleich sich viele namhafte tschechische Künstler– darunter Autoren, Musiker und Maler– zu Kocoureks literarischem Werk bekannten, seinen Einfluss auf ihre eigenen künstlerischen Arbeiten betonten und sich stark für dessen Popularisierung einsetzen, 11 gelingt es Kocoureks Texten nach wie vor nicht, eine breitete Leserschaft zu generieren. In den letzten Jahren werden Kocoureks Texte nicht mehr ausschließlich aus politischer, sondern aus literarisch -ästhetischer Hinsicht beurteilt, so bezeichnen z. B. Jaromír Jech und Eva Koudelková Zapadlí vlastenci 1932 als ein „eigenwilliges, ein durchaus originelles und modernes Werk [, als] einen experimentellen Roman, der sich völlig in den Kontext der Literatur der 30er Jahre des 20. Jhdts. einfügte“ [je svébytné dílo, veskrze originální amoderní […] se jedná oexperimentální román, který zcela zapadl do kontextu literární tvorby třicátých let 20. století] (Jech/ Koudelková 2017: 80). radegebogen‘ wurden (Ondráček 2009). Deshalb war auch eine unzensierte Fassung von Kocoureks Tagebüchern nötig, die von Michal Jareš herausgegeben 2009 unter dem Titel Marto Marto Marto… Deníky 1927–1932 [Marta, Marta, Marta… Tagebücher 1927–1932] erschienen. 9 Die faszinierende, ja, fast hypnotisierende Wirkung dieses Tagebuchs ist mit anderen bedeutenden tschechischsprachigen diaristischen Texten, wie z. B. mit denen von Karel Hynek Mácha, Jiří Orten, Jan Zábrana, Pavel Juráček oder Miroslav Macháček vergleichbar. 10 Josef Kocourek ist bei weitem nicht der einzige Fall, der mit einer solchen Reputation behaftet zu sein scheint: Auch der im Vergleich zu Kocourek viel berühmtere Ivan Olbracht wird wohl aufgrund seiner deklarierten kommunistischen Überzeugungen gegenwärtig nicht mehr neu aufgelegt, obwohl er einer der bedeutenden Vertreter der tschechischen Moderne ist. 11 Z. B. erschienen in den renommierten Literaturzeitschriften Host (3/2003), Souvislosti (1/2008) und Tvar (2/2009) umfangreiche, von Jaromír Typlt durchgeführte Umfragen, in denen in unterschiedlich langen Beiträgen zahlreiche Künstler über ihre Begegnung mit dem Autor Kocourek und dessen Bedeutung für ihr eigenes künstlerisches Schaffen schrieben.
96 BRÜCKEN 29/2 2. AVANTGARDISTISCHE TECHNIKEN IN KOCOUREKS ROMAN ZAPADLÍ VLASTENCI 1932 Zunächst sei der Plot des Buches kurz rekapituliert: Der stark autobiographisch geprägte Roman besteht aus zwei Teilen (1. Teil: Běženci [Die Flüchtlinge], 2. Teil: Kcíli jedinému [Zum einzigen Ziel]) und wird aus unterschiedlichen Erzählperspektiven geschildert (auktoriale, personale, Ichund DuForm), stellenweise werden diese innerhalb eines Absatzes oder sogar eines Satzes gewechselt. Der Protagonist Mikuláš Koukol ist ein 21-jähriger Maler und Dichter, der als Minderheitenlehrer an einer Bürgerschule im gemischtsprachigen nordmährischen Städtchen Arnau angestellt ist und seine Freizeit zusammen mit seinen Lehrerkollegen (Honza Klíš, Míla Bartošová, Vojtěch Vlasatý) und Freunden (Klema Saxová, Dr.Markl) in Wirtshäusern verbringt. Koukol verstrickt sich in amouröse Beziehungen, die entweder scheitern (Albína Heřmanská), ihn enttäuschen (Saxová) oder platonisch bleiben (seine Schülerin Greta). Er bewandert die umliegenden Bergdörfer und empört sich über die miserablen Lebensbedingungen der Bevölkerung, was zu seiner politischen Radikalisierung führt: er wandelt sich zu einem naiven, aber überzeugten Anhänger des Bolschewismus, klagt die Minoritätenpolitik des tschechoslowakischen Staates und die Machenschaften der nationalen Einrichtungen (Schulbehörde, Turnvereinigung Sokol, Nationale Einheit) an, die er für die grassierenden Missstände verantwortlich hält. Koukols politische Agitation und seine anti -bürgerliche Lebenshaltung (Alkoholexzesse, Liebschaften und Schulden) führen dazu, dass er ins soziale Abseits gerät und in ein ‚rein‘ deutsches Dorf namens Rašpava versetzt wird. Von den dortigen deutschen Dorfbewohnern wird Koukol ‚boykottiert‘, da er als tschechischer ‚Minderheitenlehrer‘ für eine Bedrohung gehalten wird. Tagtäglich besucht Koukol das Nachbarstädtchen Arnoštov, um dort an warme Mahlzeiten und in die Gesellschaft seiner ‚Landsleute‘ zu kommen. Koukol und die junge Kellnerin Eliška Panklová verlieben sich ineinander und beginnen eine heimliche Beziehung. Als Eliška ungewollt schwanger wird, entscheiden sie sich für eine Abtreibung. Danach erkaltet Eliškas Liebe zu Koukol, sie beginnt ihn zu verachten und zu meiden. Koukol vereinsamt und verbittert, lebt entbehrungsreich, hungert ständig, magert ab und erkrankt schließlich an Tuberkulose. Infolge dieser Erkrankung muss er den Lehrerberuf aufgeben und wird beurlaubt, doch auf der Rückreise in sein Heimatdorf gerät er zufällig in eine Arbeitslosendemonstration und bricht dort tot zusammen. Bei Zapadlí vlastenci 1932 handelt es sich um ein hybrides Romangefüge, das die herkömmlichen Genregrenzen transgressiert, da es disparate Elemente vereint: So lässt es sich z. B. einerseits als ein anti -nationaler, die bolschewistisch -revolutionären Ideale preisender und daher proletarischer Roman lesen, der für die polyperspektivisch gebrochene Narration avantgardistische Verfahrensweisen verwendet (wie die der Collage oder Montage), andererseits weist die vom Protagonisten Koukol durchlaufene ‚L’Éducation sentimentale‘ auf einen autobiographisch gefärbten Entwicklungsbzw. Künstlerroman hin. Mit dem gewählten Schauplatz der Grenzregion und der Thematisierung der Nationalitätsproblematik weist der Text Genremerkmale des patriotischen ‚Lehrerromans‘ bzw. des tschechischen ‚Grenzlandromans‘ auf. Mit den wechselnden poetistischen, expressionistischen und naturalistischen Stilebenen lässt sich der Roman in die Tradition der Moderne einordnen und aufgrund der häufig
97PATRIK VALOUCH auftretenden Motive Langeweile, Lebensüberdruss oder Absurdität des Daseins lassen sich Charakterstika ablesen, die ihn in die Nähe des exzistentialistischen Romans rücken. Für Heinrich Kunstmann stellt Kocoureks Zapadli vlastenci 1932den „bemerkenswerten Versuch [dar], lyrisierte Prosa mit Reportage -Elementen zu verbinden, um einen neuen Prosatyp zu entwickeln“ (Kunstmann 1974: 292). Gerade aufgrund der sozialkritischen Themen, mit denen Kocourek vehement die Nationalitätspolitik der tschechoslowakischen Regierung kritisiert, wurde dieser Roman in den 1960er und 1980er Jahren von der marxistischen Literaturkritik und -wissenschaft als ein Pionierwerk des „Soz -Realismus“ (Pytlík 1963; Skalička 1984, 1985) gelesen und Kocoureks gesamtes Schaffen nachträglich unter dem Paradigma der Proletarischen Literatur reinterpretiert und rekontextualisiert. Allen voran war der Literaturhistoriker Jiří Skalička mit seiner Monographie Průvodce životem adílem Josefa Kocourka [Ein Begleiter durch Josef Kocoureks Leben und Werk] (1984) 12 bemüht, Zapadli vlastenci 1932 als einen Vorläufer des „dokumentarischen proletarischen Romans“ [dokumentární proletářský román] zu deuten, der eine „einzigartige Synthese von Poetismus und sozialistischem Realismus“ [jedinečnou syntézu poetismus asocialistického realismu] darstellen soll (Vaníček 2010: 9). Wie ist es jedoch zu erklären, dass sowohl die Literaturkritik als auch die Literaturwissenschaft darin übereinstimmen, Kocourek habe einen ‚dokumentarischen Reportageroman‘ verfasst? Einen möglichen Erklärungsansatz liefert Radko Pytlík, der in seinem Aufsatz Umění dívat se kolem sebe [Die Kunst, ringsumher zu blicken] (1963) darauf hinweist, dass der Roman in der „Form eines lyrischen Tagebuchs“ [psán formou lyrického deníku] verfasst und dadurch imstande sei, „intimste Zeugenschaft“ [nejintimnější svědectví] zu suggerieren, was dazu führe, dass der Roman als „ein ungewöhnlich aufrichtiges und schonungslos wahres Bekenntnis sich selbst und anderen gegenüber“ [azpovědi neobyčejně upřímné abezohledné pravdivě ksobě ikostatním] rezipiert und interpretiert werden könne (Pytlík 1963: 61). Kocourek gelinge darüber hinaus eine „emotionale Atmosphäre der Epoche und der Momente“ [emocionální atmosféru doby iokamžiku] (Pytlík 1963: 62) zu evozieren und vermittle somit ein „Gefühl dramatischer Spannung“ [[p]ocit dramatického napětí] (Pytlík 1963: 62). Den reportagehaften Charakter erzeuge eine „Technik der Montage von Fakten und Dokumenten“ [stechnikou montáže fakt adokumentů] (Pytlík 1963: 61), wobei Pytlík jedoch zu übersehen scheint, dass gerade die Verfahrensweise der Montage ebenso das Gegenteil beweisen könnte: nämlich die Literarizität, die epische Gestaltung und Inszenierung des vorliegenden (faktographischen) Materials auszustellen.13 Für die 12 Bei Skaličkas Monographie handelt es sich ungeachtet der akribischen Grundlagenforschung um eine ideologisch verengte und reduktionistische Werkerschließung, die der Komplexität von Kocoureks literarischem Werk nicht gerecht wird. 13 Es ist mir nicht gelungen, zu eruieren und zu verifizieren, ob die von Kocourek als Collage arrangierten Zeitungsauschnitte tatsächlich in diversen tschechoslowakischen Zeitungen erschienen sind, da in Zapadlí vlastenci 1932 nicht das Datum und nicht überall die Quellen ausgewiesen sind. Dass es sich beim Protagonisten Koukol um einen leidenschaftlichen Zeitungsleser handelt und er somit unterschiedliche Zeitungen konsumiert, zeigt sich z. B. an folgender Stelle: „[…] dnes vydržel nad novinami (Lidové noviny, Tvorba, Moravský sever, Svět sovětů, Severní Morava, Země sovětů, Rudé právo, Nový deník etc.) celá půldne, nepromluvil slova, jen se smál.“ [heute hielt er einen halben Tag über den Zeitungen aus (Lidové noviny, Tvorba, Moravský sever, Svět sovětů, Severní Morava, Země sovětů, Rudé právo, Nový deník etc.), er sprach kein einziges Wort, er lachte nur.] (Kocourek 1982: 181)
98 BRÜCKEN 29/2 marxistische Literaturwissenschaft scheint die Frage nach der ‚Faktizität‘ letztlich eine zweitrangige gewesen zu sein. Wichtiger war, dass der Roman seine ideologische Aufgabe erfüllte– nämlich wegen der folgenden Punkte eine scharfe Anklage gegen die Erste Tschechoslowakische Republik zu richten: a.) der (aus der heutigen historisch - kritischen Perspektive widersprüchlich und nach wie vor kontrovers diskutierten) Minoritätenpolitik, b.) der von den Kommunisten als ‚nationalistisch‘ oder ‚chauvinistisch‘ betrachteten Expansionspolitik (‚Tschechisierung‘) im deutschsprachigen Gebiet und c.) der im Roman vehement angeprangerten desaströsen Verhältnisse in den Grenzregionen (ökonomische Stagnation und provinzielle Rückständigkeit aufgrund der Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, Hungerepidemien, Trunksucht, politische Radikalisierung, wechselseitige Ressentiments von Tschechen und Deutschen). Aufgrund dieser Themen war es einfach, Kocoureks Roman für ideologische Zwecke zu instrumentalisieren, denn spätestens nach 1948 galt die Erste Tschechoslowakische Republik als Gegenund Feindbild der im Geiste des proletarischen Internationalismus stehenden sozialistischen Gesellschaft (Konrád 2018: 338). Dass Zapadlí vlastenci 1932 auch nach 1989 als ein ‚dokumentarischer‘ Roman klassifiziert wurde, kann einerseits daran liegen, dass die Urteile der marxistisch - sozialistischen Literaturkritik ungeprüft übernommen wurden, andererseits lässt die minutiöse Beschreibung der Landschaft, die explizite Nennung von empirisch nachprüfbaren Realien14 und konkreten Daten den Eindruck zu, man lese eine sozio - ethnographische Studie. Hinter den textinternen Figuren konnten unschwer die real -historischen Personen– Kocoureks Freunde und Bekannte– erkannt werden.15 Schon allein der Protagonist Mikuláš Koukol16 weist mit dem realen Autor Josef Kocourek sehr deutliche und stellenweise sogar identische Parallelen auf. Im Roman bedient sich Kocourek derselben Strategie der Autostilisierung seiner Biographie, die er bereits in seinen Tagebüchern angewandt hatte. Diese gab er Klassenkameradinnen (und späteren Geliebten) zu lesen, da sie nicht nur die schriftliche Fixierung von alltäglichen Ereignissen, Stimmungen, Träumen, Liebesbekenntnissen, sondern auch Zeichnungen, graphische Experimente, Lektürenotate, poetologische Überlegungen, Exzerpte, Skizzen von literarischen Texten oder Abschriften von Briefen beinhalteten. In Zapadlí vlastenci 1932 werden diverse Textsorten einmontiert und auch auf die eigenen literarischen Texte referiert: so zitiert er z. B. einen Auszug aus seinem Poem Frývaldov [Freiwaldau] (1961 [1931]),17 das nicht dem realen Autor (Kocourek), 14 Die in Zapadlí vlastenci 1932 genannten Toponyme lassen sich leicht mithilfe der realen Ortsbezeichnungen decodieren: Arnoštov (Mirov), Arnau (Šilperk, bzw. heute Štíty), Rašpava (Řepová), Lochenice (Mohelnice), Sonnenburg(Šumperk), weitere Orte, wie z. B. Chirles (heute Krchleby na Moravě) wurden sogar ohne Verschlüsselung belassen. 15 Kocoureks Freunde und Bekannten erkannten sich bereits in seinen früheren Texten wieder, weshalb in Zapadlí vlastenci 1932 die Namen von Jirda verschlüsselt wurden: z. B. Jana Práglová alias Klema Saxová, Dr.Otakar Václavík alias Dr.Markl, Anežka Slouková alias Eliška Panklová, etc. 16 In Exztáze unterschrieb Kocourek einige seiner Briefe mit dem Pseudonym Koukol; auch taucht dieser Name in der von Jirda redigierten Version von Kocoureks Tagebuch auf (Zmilostného deníku Mikuláše Koukola [Aus dem Liebestagesbuch von Mikuláš Koukol]), die 1961 in Serienform in der Zeitschrift Kultura [Kultur] veröffentlicht wurde. 17 In diesem Poem verarbeitet Kocourek ein zum damaligen Zeitpunkt aktuelles Thema– den Protest arbeitsloser Arbeiter vom 25.11.1931 in Jeseník [Freiwaldau], der gewaltsam niedergeschlagen wurde und 8 Todesopfer und 13 schwer Verwundete forderte. Auch andere prominente linksorientierte Schriftsteller wie Vítězslav Nezval und Julius Fučík haben diesem Ereignis ein Gedicht bzw. eine Reportage
99PATRIK VALOUCH sondern dem Protagonisten (Koukol) zugeschrieben wird (Kocourek 1982: 205). An einer anderen Stelle verweist die Erzählinstanz selbstironisch auf Kocoureks ersten, stark vom Poetismus beeinflussten Roman Srdce [Das Herz] (1932, 2008 [1929]). Je sladká noc; hvězdy se zapalují na pouhé okamžiky amíjejí. Sta jiných naskočí po jejich hrobech, mohl bys soblohy seškrábat celé hřbitovy, už by nepromluvily, syty rozkoše. Je sladká noc; netopýři jí dávají rytmus atón. Ostatní lze zvěděti zknihy SRDCE na str.1–29, 37–219. (Kocourek 1982: 164) [Es ist eine süße Nacht: die Sterne zünden für ein paar Augenblicke und schwinden wieder. Hundert andere springen über ihre Gräber, du könntest vom Horizont ganze Friedhöfe runterkratzen, sie würden, lustgesättigt, kein Wort mehr von sich geben. Es ist eine süße Nacht; die Fledermäuse geben ihr den Rhythmus und den Ton vor. Alles weitere lässt sich aus dem Buch DAS HERZ auf den S. 1–29, 37–219 erfahren.] Dieser selbstironische Kommentar liegt wahrscheinlich darin begründet, dass Kocourek zum Erscheinungszeitpunkt dieses Romans bereits andere poetologischen Prinzipien verfolgte und sein Debüt daher als unreif und überholt ansah.18 Die metafiktionale Autoreferentialität verhilft dem Roman zu einer Transgression der Grenze zwischen Fiktionalität und Faktizität und verweist somit explizit auf den palimpsestartigen Charakter des Romans, der unterschiedliche literarische Folien ironisiert. Es handelt sich demnach um das Zusammenspiel von narrativen Strategien, die faktographisches Material (z. B. historische und soziologische Realien) in einen fiktionalen Zusammenhang einbetten und Fiktives wiederum als kredibel inszenieren, wodurch es zu einer Authentizitätssuggestion kommt, die ebenjene auratisch -atmosphärische Wirkung erzeugt, die viele Literaturkritiker dazu verleitet, den Roman als eine ‚dokumentarische‘ bzw. ‚reportagehafte‘ Darstellungsweise der ‚Wirklichkeit‘ aufzufassen.19 Die zahlreichen Faktizitätssignale evozieren den Eindruck einer sozio -ethnographischen Studie, die mit metaphorischer Plastizität das soziale Milieu und die Lebenswirklichkeit der Dorfbevölkerung in der Grenzregion minutiös zu reproduzieren versucht (z. B. Beschreibung der Landschaft, der Orte und Personen, Nachbildung der regionalen Sprechweisen der Figuren). Obwohl Koukols Schicksal im Vordergrund steht, ist es nur eines unter vielen, die in Zapadlí vlastenci thematisiert werden. Das kulturelle Leben der Großstädte (also der ‚großen‘ Welt) kennen die Dorfbewohner allenfalls passiv aus abonnierten Zeitschriften, Groschenromanen oder gelegentlichen Kinoaufführungen. Der Dichter Koukol leiht diesen Bewohnern seine ‚Stimme‘, indem gewidmet. Erschienen sind diese literarischen Texte gesammelt im von Zdeněk Filip und Jiří Skalička herausgegebenem Themenband Frývaldov [Freiwaldau] (1971). 18 Die in Kocoureks Tagebuch verfassten (als Briefe an Máňa [Marie] Šolcová konzipierten) Einträge (vom 29.08.1931) belegen, dass er statt seinem Roman Srdce die Veröffentlichung des gerade fertiggestellten Romans Kalendář, vněmž se obracejí listy [Der Kalender, in dem die Seiten umgeschlagen werden] ([1931], 1937, 1949) präferiert hätte (Kocourek 2009: 501f.). 19 Zapadlí vlastenci 1932 ist von vielen Literaturkritikern als eine Art autobiographisch gefärbte ‚Zeugenschaft‘ gelesen worden. Einen solchen Rezeptionshinweis gibt Miloslav Jirda in der Vorbemerkung zur ersten Ausgabe von Zapadlí vlastenci 1932, in der er schreibt: „Zemřel, sotva dopsal poslední slova svého svědectví.“ [Er starb, als er gerade die letzten Worte seiner Zeugenschaft niederschrieb.] (Kocourek 1961: 7)
106 BRÜCKEN 29/2 dass ein „Kind gezeugt wird, dass genauso blind, hilflos und nichtig wäre wie seine hässliche Mutter“ [„aby nebylo stvořeno dítě, které by bylo stejně slepé, bezmocné anicotné jako jeho ošklivá matka“] (Kocourek 1982: 110). Der provokant -rebellische Gestus Koukols und seine unerschütterliche politische Überzeugung werden zwar stellenweise ironisch und parodistisch durchbrochen, doch ist der Roman in einem Duktus verfasst, der nicht daran zweifeln lässt, dass selbst für den Erzähler (in dem man einen reiferen, abgeklärteren, sarkastischen Koukol sehen könnte) ein revolutionärer Umsturz zur Lösung der Probleme der tschechoslowakischen Gesellschaft wünschenswert wäre. An einer anderen Stelle mischt sich Koukol in die Dikussion zweier Großkaufmänner ein: in seiner leidenschaftlichen Argumentation glaubt er die reaktionäre bzw. sogar faschistoide Gesinnung der beiden entlarvt zu haben, woraufhin diese vehement versuchen, ihm seine Illusionen über die Sowjetunion auszureden, ihn dann aber aufgrund seiner energischen Widerrede, entrüstet als ‚schändlichen‘ Kommunisten desavouieren. Atakhle mluví! Člověče, to bych svý děti račí podřezal, než vám je svěřil na vychování! Kam to spějeme, kam chceme dojít stakovými, stakovými… ne… ne… já nemám slov… pro tu hanebnost… (Kocourek 1981: 139) [Und so redet er! Mensch, da würde ich lieber meine eigenen Kinder abstechen, bevor ich sie Ihnen zur Erziehung anvertraue! Wo führt das alles hin, wohin wollen wir hingelangen mit solchen, mit solchen… nein…nein… ich habe keine Worte… für diese Schande…] Besonders deutlich wird die ideologische Ausrichtung des Romans in der Schlusssequenz, in der Koukol (der von seiner Tuberkuloseerkrankung völlig entkräftet ist und bereits deliriert) auf seiner Heimreise in eine Arbeitslosendemonstration gerät und im Anführer seinen Freund Lojza, einen ehemaligen Busfahrer, erkennt. Koukol läuft zu ihm, bricht zusammen, aus seinem Mund strömt Blut, doch Lojza hält ihn „hoch über die Erde“ [vysoko nad zemí] und seine Arme sind „fast mütterlich warm“ [skoro mateřský teplé] (Kocourek 1982: 254). Auf diese Weise wird Koukols toter Körper zu einer Art doppelcodierten Trophäe ‚transzendiert‘: zum einen als Mahnmal, da Koukols Leiche für ein entbehrungsreiches und entwürdigendes Leben in den Grenzregionen steht, zum anderen als Symbol des Triumphs über die bourgeoisistische Gesellschaft, die– in der bolschewistischen Logik– ein zum Scheitern verurteiltes und nicht lebensfähiges Gesellschafsmodell ist, das Platz schaffen soll für eine im Geiste des Kommunismus sich neu formierende proletarische Gesellschaft. Koukol ist aufgrund seiner Entfremdung, seiner Intellektualität und seiner autodestruktiven Morbidität noch viel zu individualistisch und daher untauglich als Anführer einer größeren Masse. Doch der schlichte, starke, tatkräftige, seine Zukunft aktiv gestaltende Lojza stellt den neuen ‚erwachten‘ Menschentypus des Proletariats dar und ist mit seiner brachialen Entschlossenheit viel effektiver als Koukol mit seiner verzweifelten und letztlich vergeblichen Agitation. Koukol stirbt nicht privat in seinem Familienkreis (betrauert von seiner leiblichen Mutter), sondern öffentlich und fast triumphal in der Menge einer Arbeiterdemonstration: Lojza, der zum politischen Selbstbewusstsein erwachte Proletarier, wird ihm zur neuen, tröstenden Mutter. Die letzten Worte des
107PATRIK VALOUCH Romans– „Auděláme jeden pochod!“ [Und wir machen einen Marsch!] (Kocourek 1982: 254)– künden daher nicht einen Trauer-, sondern eher einen Triumphmarsch an, der– symbolisch überhöht– in eine verheißungsvolle, kommunistische Zukunft weist. Mit diesem Schluss kann man festhalten, dass Rais’ Nationale Erweckungsidee von Kocourek zwar dekonstruiert worden ist, jedoch durch eine nicht mehr nationalistisch, sondern internationalistisch geprägte ‚Erweckung‘ überschrieben wird, nämlich die des Beginns des proletarischen Klassenkampfs für eine vermeintlich gerechtere Gesellschaftsordnung. 4. ZAPADLÍ VLASTENCI 1932 ALS TSCHECHISCHER GRENZLANDROMAN? Im zweiten Teil des Romans wird Koukol aus der gemischtsprachigen Kleinstadt Arnau in das ‚rein deutsche‘ Dorf Rašpava versetzt. An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer kulturhistorischer Exkurs: Nachdem sich 1918 die Erste Tschechoslowakische Republik konstituiert hatte, wurde die Minoritätenpolitik zu einem entscheidenden, staatstragenden Faktor der innenpolitischen Staatsbildung. In die Grenzregionen wurden von der tschechoslowakischen Schulbehörde Minderheitenlehrer [menšinový učitel] geschickt, die als ‚Kulturarbeiter‘ eingesetzt wurden, um dort ‚patriotische Aufklärungsarbeit‘ zu leisten. 27 Ein geeignetes Instrument für diese patriotischen Bestrebungen waren die Minderheitenschulen, die für eine tschechische Minderheit im überwiegend deutschsprachigen Gebieten eingerichtet wurden. In diesen Schulen wurden die Schüler in der Staatssprache Tschechisch unterrichtet und von den Lehrern im Zuge des neu eingeführten verpflichtenden Staatskundeunterrichts zu selbstbewussten tschechoslowakischen Staatsbürgern erzogen (Šimáně 2019: 62). Einige Historiker weisen jedoch darauf hin, dass diese Schulen nicht für eine bestehende Minderheit errichtet wurden, sondern eine tschechische Minderheit in vielen Orten des deutschsprachigen Gebiets gar nicht existierte und erst ‚künstlich‘ erschaffen werden musste. 28 Für Koukol sind die von offizieller Stelle betriebenen 27 Der Minderheitenlehrer versah in seinem Einsatzort nicht nur eine Lehrerfunktion, sondern von ihm wurde darüber hinaus erwartet, dass er auch Aufgaben im kulturellen, ökonomischen, sozialen und politischen Bereich erfüllte (Šimáně 2019: 143). 28 Zahlreiche, vor allem von sudetendeutschen Historikern angeführte Statistiken untermauern die von Kocourek in seinem Roman thematisierten Praktiken: so schreibt z. B. Emil Franzel in Sudetendeutsche Geschichte (1958) empört: „Hand in Hand mit der Zerstörung des deutschen Schulwesens ging der Aufbau eines kostspieligen, der nationalen Eroberung dienenden tschechischen Schulwesens. […] Von etwa 1400 sogenannten Minderheitenschulen, die in der Tschechoslowakei errichtet wurden, waren mehr als neun Zehntel tschechische Schulen. Sie dienten keineswegs dazu, eine vorhandene tschechische Minderheit zu schützen, sondern wollten eine solche Minderheit überhaupt erst schaffen.“ (Franzel 1958: 340f.) (Die Aussagen werden jedoch allgemein gehalten und durch keine näheren Details oder Statistiken belegt.) Rudolf Fiedler beruft sich auf das von der Revolutionsnationalversammlung verabschiedete Minderheitengesetz vom 03.04.1919, das vorsah, dass deutsche Schulen mindestens 40 Kinder aufweisen mussten, um weiterhin bestehen zu können. Für die Errichtung tschechischer Schulen soll es hingegen keine Mindestanforderungen gegeben haben. (Gemeint sein könnte jedoch auch das Gesetz Nr. 189/1920 (03.04.1920), bekannt als ‚Minoritätengesetz‘, bzw. ‚Lex Metelka‘). Fiedler schreibt über die Praktiken der Expansionspolitik: „[…] so errichtete man Schulen für verschwindend kleine Zahlen tschechischer Schüler, in Kaltenbrunn z. B. für fünf, in Zittai für sieben, in Zwolln für neun usw. Hier
108 BRÜCKEN 29/2 Bestrebungen der Etablierung einer tschechischen Einflusssphäre im deutschsprachigen Gebiet eine unter dem euphemistischen Deckmantel ‚patriotischer Volkstums - arbeit‘ sich vollziehende Expansionspolitik, die darauf abzielt, das von den Deutschen besiedelte Gebiet für die tschechoslowakische Republik ‚zurückzuerobern‘. Diese ‚Tschechisierung‘ solle die Untergrabung der kulturellen und sozialen Dominanz der deutschen Bevölkerung bezwecken, die diese Entwicklung mit Verdrossenheit und wachsender Sorge verfolgte. Die ohnedies niemals konfliktfreie Beziehung beider Nationen geriet durch die Minoritätenpolitik zu einem noch zusätzlich verstärkten Spannungsverhältnis. In radikalisierten Kreisen führte es sogar zu einer offenen Gegnerschaft und mit anwachsendem Zulauf auf beiden Seiten in die nationalistischen politischen Lager auch zu einer eklatanten Feindschaft. In Zapadlí Vlastenci 1932 wird die Minoritätspolitik des tschechoslowakischen Staates von Kocourek verurteilt und angeprangert. In einer bereits am Beginn des Romans stehenden Sequenz wird der junge und noch unerfahrene Koukol von seinem etwas älteren Lehrerkollegen Honza Klíš in die Praktiken der Schulpolitik eingeweiht, über die er sich echauffiert, sie aber als absurde Gegebenheit akzeptiert, gegen die aufzubegehren sich nicht lohnt. Proč se tam zakládají školy, vždyť tam nemůže být ani minimální počet českých dětí?“– „Nemusí být. Stačí, aby vryze českém městě byl disciplinárně potrestán třebas poštmistr, přeloží ho do německého území, má náhodou dvě děti, aaby si to nahoře spravil, začne agitovat pro českou školu. Však se mu vyplatí strčit do podniku pár korun! Přemluví dvě nebo tři indiferentní rodiny, sepíše se seznam patnácti dětí, ikdyby česky mluvily právě jen ty poštmistrovy, předá se Ústředí Národní jednoty apo prázdninách můžeš být jist, že bude škola otevřena. Ve Schwarzwaldě udělali školu pro tři děti pana lesního aněkolik dřevařských rodin, usedlých jen na několik sezón. Byl tam ustanoven jakýsi Kalina, mladý kluk, mluvil jsem sním nedávno. Když se po celodenním bloudění vlesích dostal do vesnice, omdlel únavou. wurde das Gebäude der deutschen Schule samt Lehrerwohnung für die tschechische Minderheitsschule beschlagnahmt, die 43 deutschen Kinder der Ortschule mußten in einem Kellerraum unterrichtet werden.“ (Fiedler 1967: 85) Der als geschichtsrevisionistisch geltende Autor Gerd Schultze -Rhonhof führt in seinem Buch Das tschechisch ‑deutsche Drama 1918–1939 als Beispiel das in Mähren gelegene Dorf Terešov [Tereschau] an, wo eine tschechische Schule für 16 Kinder eröffnet, aber eine deutsche bestehende Schule mit 31 Kindern geschlossen wurde (Schultze -Rhonhof 2011: 115). Der Jurist und Publizist J. W. Brügel entkräftet in seiner monumentalen Geschichtsschreibung Tschechen und Deutsche 1918–1938 (Bd. 1) die pauschalisierende Verurteilung der tschechoslowakischen Minderheitenpolitik und verweist darauf, dass es in der Tschechoslowakei sogar mehr deutsche Schulen gab als in Deutschland (Brügel 1967: 534f.). Die jüngsten aus Tschechien stammenden wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema der Minderheitenschulen äußern sich viel vorsichtiger und weniger emotionalisierend. Als Beispiel führe ich die Dissertation von Michal Šimáně (2019) an, in der er u. a. schreibt: „Nejednoznačnost menšinových zákonů […] mohla vést ktomu, že pokusy ozřízení české školy vjazykové většinové německé oblasti narážely na pochopitelný odpor německé populace.“ [Die Uneindeutigkeit der Minoritätengesetze […] konnte dazu geführt haben, dass Versuche der Einrichtung einer tschechischen Schule in mehrheitlich deutschsprachigem Gebiet auf verständlichen Widerstand der deutschen Bevölkerung stieß.] (Šimáně 2019: 56). Einen differenzierten und daher sehr wertvollen Beitrag liefert Mikuláš Zvánovec’ umfassende Studie Der nationale Schulkampf in Böhmen, wobei ich v. a. auf das Kapitel 7 verweisen möchte (Zvánovec 2021: 167–179).
109PATRIK VALOUCH Druhý den se mělo vyučovat. Atu, když pátral po nějaké školní budově nebo místnosti, vysmáli se mu. Pan lesní řekl, že to je jeho starost. Když po dlouhém jednání sehnali lokál vhostinci, nebyla tabule, nebyla jediná kniha nebo pomůcka. Ateď si představ tu slast opatřovat to všechno atahat na místo deset hodin vzdálené od nejbližší zastávky! Avyučovat děti, které česky nikdy nemluvily azoufale se bránily naučit se několika větám ačíslicím! Aten člověk tam žil dva roky! Pak se ho začala chytat těžká melancholie adnes má dovolenou. Ale ano, cíl byl dosažen, Národní jednota se ve své statistice jistě nezapomněla pochlubit velikým úspěchem tam, kde by byl nikdy nevěřila vnárodní probuzení. Že to odkašlal Kalina, na to se ti každý vyplije. To je jeden případ zpadesáti, které znám já. Kolik jich bylo akolik jich ještě bude! (Kocourek 1982: 32f.) [„Aber warum werden dort Schulen errichtet, da kann es doch nicht einmal eine Minimalanzahl von tschechischen Kindern geben?“– „Die muss es nicht geben. Es reicht schon, dass beispielsweise in einer rein tschechischen Stadt ein Postmeister disziplinär bestraft wird, er wird ins deutsche Gebiet versetzt, zufällig hat er zwei Kinder, und damit er es oben wieder richtet, beginnt er für eine tschechische Schule zu agitieren. Es zahlt sich aus, wenn er in dieses Unterfangen ein paar Kronen reinsteckt! Er überredet zwei oder drei indifferente Familien, man schreibt eine Liste mit fünfzehn Kindern auf, selbst dann, wenn nur die beiden vom Postmeister Tschechisch sprechen sollten, sie wird der Zentralstelle der Nationalen Einheit überreicht und nach den Ferien kannst du sicher sein, dass eine Schule eröffnet wird. In Schwarzwald haben sie eine für die drei Kinder des Försters und ein paar Holzfällerfamilien eingerichtet, die sich nur für ein paar Saisons niedergelassen haben. Dort wurde ein gewisser Kalina, ein junger Bub, hingeschickt, vor kurzem hab ich mit ihm gesprochen. Als er einen ganzen Tag in den Wäldern herumgeirrt war und schließlich ins Dorf gelangte, brach er vor Müdigkeit in Ohnmacht zusammen. Am nächsten Tag sollte unterrichtet werden. Und als er nach irgendeinem Schulgebäude oder einem Raum suchte, lachten sie ihn aus. Der Förster sagte, das sei seine Sorge. Als nach langen Verhandlungen ein Raum im Gasthaus aufgetrieben wurde, gab es keine Tafel, gab es nicht mal ein einziges Buch oder ein Hilfsmittel. Und jetzt stell dir das Vergnügen vor, das alles zu beschaffen und es an Ort und Stelle zu schleppen, wenn sich die nächste Haltestelle zehn Stunden weit entfernt befindet! Und Kinder zu unterrichten, die nie Tschechisch gesprochen hatten und sich verzweifelt dagegen wehrten, auch nur paar Sätze und Zahlen zu lernen! Und der Mensch hat da zwei Jahre gelebt! Dann fiel er in tiefe Melancholie und ist jetzt beurlaubt. Aber ja, das Ziel wurde erreicht, die Nationale Einheit hat in ihrer Statistik nicht vergessen, sich mit ihrem großen Erfolg dort zu brüsten, wo sie niemals an eine Nationale Erweckung geglaubt hätte. Dass sich Kalina dafür abgeschunden hat, darum schert sich keiner einen Dreck. Der ist nur einer von fünfzig Fällen, die ich kenne. Und wie viele gab es schon und wie viele wird es noch geben!] Die Aufgabe eines Minderheitenlehrers bestand darin, die im deutschsprachigen Gebiet installierten Minderheitenschulen zu behaupten, damit dieses ‚eroberte‘ Gebiet nicht wieder zurück in die ‚Einflusssphäre‘ der deutschen Bevölkerung kam. Er musste aber auch auf eigene Initiative bei den umliegenden tschechischen Bauern für
110 BRÜCKEN 29/2 Kinder ‚werben gehen‘, damit seine Schule aufrechterhalten und nicht geschlossen werden würde. In Zapadlí vlastenci 1932 macht sich Kocourek auf, um bei den umliegenden tschechischen Bauern Schüler für seine Klasse einzuwerben. Koukol muss sich um die drei Kinder der bettelarmen Säuferin Lejdarka bemühen, die erkennt, dass Koukol erpressbar ist und ihm droht, die Kinder auf eine deutsche Schule zu schicken, falls Koukol ihr die bislang stets erfolgte finanzielle Unterstützung ent - ziehen sollte (was konkret bedeutet, dass Koukol Lejdarka bezahlen soll, damit sie die Kinder in die tschechische Schule schickt). Koukol steckt in einem doppelten Abhängigkeitsverhältnis: einerseits ist er auf ihre Kinder angewiesen, denn ohne sie wäre er nicht mehr in der Lage, seinen Beruf auszuüben und würde somit arbeitslos werden, andererseits dient ihm Lejdarka als Vermittlerperson, um von den Deutschen lebensnotwendige Sachen (Nahrung und Möbel) erhalten zu können. Zum Unterschied von den anderen im deutschsprachigen Gebiet wohnenden Tschechen, bekennt sich Lejdarka stolz zu ihrer Herkunft (Kocourek 1982: 15). Ihr Bekenntnis zum Tschechentum hat für sie allerdings pragmatische Gründe, denn für diesen ‚Patriotismus‘ kann sie finanzielle und materielle Zuwendung vom tschechoslowakischen Staat erhalten. Lejdarka erkennt die Sinnlosigkeit und Absurdität einer tschechischen Minderheitenschule in Rašpava und verdeutlicht das mit den Worten: „[…] beztoho tu je česká škola jenom pro blázny“ [die tschechische Schule ist hier sowieso nur für Verrückte] (Kocourek 1982: 157). Aufgrund der Thematisierung der Absurdität dieser Minderheitenschulen und der in den Grenzregionen akuten Nationalitätsproblematik ist es lohnenswert, darüber zu reflektieren, ob Zapadlí vlastenci 1932 sich in die Reihe der ‚Grenzlandliteratur‘ fügt und die Merkmale des Grenzlandromans erfüllt. Michael Berger versteht unter ‚Grenzlandliteratur‘ die von grenzlanddeutschen Autoren verfasste Literatur, die eine nationalistische oder gar völkische und rassische Tendenz aufweisen und u. a. beabsichtigen, den „slawischen Verschlingungsdrang zu entlarven“ (Berger 1995: 265f.). Karsten Rinas plädiert dafür, auf das Kriterium der Tendenz zu verzichten und den Grenzlandroman als eine „primär inhaltlich geprägte Textsorte“ aufzufassen und unter Grenzlandliteratur alle Werke zu subsumieren, deren Handlung im Grenzland angesiedelt ist und die den Nationalitätenkonflikt thematisieren (Rinas 2017: 308). Rinas weist in seinen Aufsätzen darauf hin, dass sich tendenziöse Grenzlandliteratur nicht nur bei sudetendeutschen, sondern auch bei tschechischen Autoren findet 29 und dass nicht alle Texte zwangsläufig nationalistisch konzipiert seien.30 29 Freilich gibt es, wie Karsten Rinas oder Jörg Krappmann in ihren Aufsätzen zur Grenzlandliteratur nachweisen, nicht nur nationalistisch -tendenziöse Romane, sondern auch Beispiele, in denen sich die Autoren um ein einigermaßen differenziertes und ausgewogenes Bild der Nationalitätskonflikte bemühen: z. B.: R. M. Rilkes Zwei Prager Geschichten (1899), Karl Wilhelm Fritschens Um Michelburg (1911) und Friedrich Bodenreuths Alle Wasser Böhmens fließen nach Deutschland (1937) (Rinas 2015: 291). In einem weiteren Aufsatz zeigt Rinas auf, dass es in der tschechischsprachigen Literatur Pendants zum sudetendeutschen Grenzlandroman gab, die dieselbe tendenziöse Haltung aus spiegelverkehrter Perspektive aufweisen (Rinas 2008). 30 An dieser Stelle soll jedoch auch angemerkt werden, dass die Grenzlandliteratur, so wie sie Berger und auch Rinas verstehen, nicht nur von sudentendeutschen Autoren (aus dem Grenzland), sondern auch von Prager Autoren verfasst worden ist– wie z. B. Fritz Mauthner (Der letzte Deutsche von Blatna, 1887) oder R. M. Rilke (Zwei Prager Geschichten, 1899).
111PATRIK VALOUCH Hugo Maria Kriz’ Grenzlandroman Der Kampf um Eisenburg (1934), der nahezu zeitgleich wie Kocoureks Zapadlí vlastenci 1932 entstand, zeichnet sich einerseits „durch Situationskomik, satirische Überzeichnungen und dialektalen Sprachwitz“ aus (Krappmann/Lahl 2017: 241), anderseits durch das Bemühen, ein differenziertes Bild der deutsch -tschechischen Bevölkerung zu zeigen. Obwohl Kriz’ Sympathie für die Deutschen sehr deutlich wird, kann der Roman in den spannungsgeladenen 1930er Jahren als ein „Plädoyer für ein gleichberechtigtes und friedliches Zusammenleben“ (Krappmann/Lahl 2017: 243) gelesen werden. Ungeachtet der zu jener Zeit grassierenden Massenarbeitslosigkeit ist das von Kriz geschilderte Dorf– ähnlich wie in Rais’ Roman– ein abgelegener, idyllischer Ort der „frohen Sorglosigkeit“ (Kriz 1934: 27), das von der Wirtschaftskrise nicht betroffen zu sein scheint. Der in Prag lebende Oberrechnungsrat Antonin Pokorny31– ein fanatischer Nationalist, der die schlimmsten Vorurteile gegen die Deutschen hegt32– glaubt bei einem zufälligen Versuch in Eisenburg ein ‚Nest von Hochverrätern‘ aufgestöbert zu haben und setzt daher den Legionären Vlasta Dub als Gendarmen ein, um die Dorfbevölkerung zu ‚sekkieren‘. Doch der Zusammenhalt und die Solidarität der Dorfgemeinschaft sind ungebrochen– auch dank des gutmütigen und gewitzten jungen Bauern Ferdl Neuhofer, der sich von seinen beiden Widersachern nicht einschüchtern lässt. Dub verfällt nach vergeblichen Versuchen, die Dorfgemeinschaft zu provozieren, auf die Idee, eine tschechische Witwe aus Prag mit zwei schulpflichtigen Söhnen zu heiraten, um von Eisenburg für eine Minderheitenschule zu agitieren. Mithilfe von Pokorny wird die bestehende deutsche Schule geschlossen (die deutschen Dorfkinder müssen die Schule im Nachbardorf besuchen) und an ihrer Stelle eine tschechische Schule für seine zwei Stiefsöhne eingerichtet. Dennoch schafft die Dorfgemeinschaft es, den Status Quo wiederherzustellen, weil einerseits die deutschen Kinder aufgrund permanenter Schneeverwehungen die Schule im Nachbardorf nicht erreichen können, somit die Vormittage mit Schlittenfahren verbringen und damit die zwei neiderfüllten tschechischen Kinder dazu bringen, der Schule fernzubleiben, andererseits weil der aus Prag kommende Oberlehrer sich in dem abgelegenen Böhmerwalddorf tödlich langweilt und sogar selbst den Antrag auf Schließung der Minderheitenschule stellt (Kriz 1934: 244f.). Letztlich läuft alles auf ein ‚Happy End‘ hinaus: Pokorny wird wegen Korruption verhaftet, Dub in die Trinkerheilanstalt geschickt und Ferdl und seine Braut Mizzi– eine deutsche Lehrerin– sind wieder vereint, nachdem Ferdl von einer 31 Bereits sein Nachname „pokorný“ (demütig) erzeugt einen satirischen Effekt, denn Pokorny ist alles andere als demütig: er gibt sich als ein hochmütiger, neurotischer und jähzorniger Mensch zu erkennen, der z. B. von einem schwarz -gelb angestrichenen Postkasten (die Farben der Habsburgermonarchie) empört ist, da er darin ein Indiz für eine bewusste Provokation zu erkennen glaubt und ihn sogar als ‚Hochverrat‘ der deutschen Dorfgemeinschaft auslegt: „‚Überhaupt Sie können sich keine Vorstellung davon machen, was für Zustände in diesen deutschen Nestern herrschen! Es ist das reinste Deutschösterreich! […] Sie greifen sich an den Kopf, Herr Doktor, und fragen sich verwirrt: Bin ich denn in der Tschechoslowakei?‘ […] Das reinste Hochverräterpack, kann ich Ihnen sagen! Frech und unverschämt! Als ob sie die Herren im Staate wären!‘“ (Kriz 1934: 49) 32 Bereits zu Beginn des Romans werden Pokornys gehässige Ausfälle gegen die Deutschen offengelegt: „Überhaupt– ekelhafte Gegend [= das deutsche Dorf], findet Pokorny. Und auch die Leute sind unsympathisch. Alles Deutsche– doppelt unsympathisch! […] Alles, was deutsch ist, ist ihm zuwider. […] Ebenso hat Herr Pokorny eine tiefe Abneigung gegen alles Deutsche; und das war nie anders.“ (Kriz 1934: 7) Die von Pokorny internalisierten Vorurteile gegen Deutsche finden sich an zahlreichen weiteren Stellen (z. B. Kriz 1934: 139–142).
112 BRÜCKEN 29/2 Verwandten von Pokorny– der tschechischen Städterin mit dem bezeichnendem Namen Lilli– verführt wurde und ihretwegen fast zum ‚Deserteur‘ geworden ist. Kocoureks Zapadlí vlastenci 1932 greift genau wie Kriz’ Roman die Nationalitätsproblematik auf, zeichnet aber das Spannungsverhältnis zwischen Deutschen und Tschechen nicht in einem ulkigen Schwank, sondern mit anklagendem Sarkasmus, wobei Kocourek die Absurdität der tschechischen ‚Minderheitenschule‘ in einem rein deutschen Dorf aus der Perspektive eines jungen tschechischen Lehrers schildert. Die Handlung und der Schauplatz in Zapadlí vlastenci 1932 spielen sich, anders als in Kriz’ Roman, nicht in einem unmittelbar bei der bayrischen Grenze gelegenen Dorf im Böhmerwald ab, sondern in der deutsch -tschechischen Grenzregion in Nordmähren. Kocourek bemüht sich ebenfalls um einen differenzierten Blick auf die Nationali - tätsproblematik, wobei er mit keiner Nationalität sympathisiert, sondern– ganz der Ideologie des bolschewistischen Internationalismus verschrieben– mit der vom Kapitalismus ausgebeuteten Arbeiterklasse. Das Feindbild sind also weder die tschechische noch die deutsche Bevölkerung, sondern die Nationalisten auf beiden Seiten, wobei sich Kocoureks Kritik vordergründig an die tschechischen Funktionäre richtet. Sowohl Kriz’ als auch Kocoureks Roman thematisieren die Ideologisierung der Presse im Nationalitätenkonflikt. Während Kocourek Auszüge aus Zeitungsartikeln collagiert, die in einem moralisierend -pathetischen Ton die vermeintliche ‚Germanisierung‘ des Grenzlands brandmarken, zeigt Kriz in einer Sequenz, wie die Fabrikation eines solchen Narrativs zustande kommt: Pokorny und sein Untergebener Dr.Pracek diskutieren über die Wirksamkeit von provokant formulierten Schlagzeilenentwürfen für einen potentiellen Zeitungsartikel, der ebenjene ‚Germanisierung‘ anprangern und die Opferrolle der Tschechen bestärken soll (Kriz 1934: 171). Im ersten Teil von Zapadlí vlastenci 1932, der in der gemischt deutsch -tschechischen Kleinstadt Arnau spielt, begegnen sich die beiden Nationen tagtäglich, ihr Verhältnis ist weder von Hass noch Feindschaft geprägt, sondern weitgehend friedfertig und tolerant. Koukols Freunde kehren nahezu jeden Abend in die Weinstube der Deutschen Anna Cerna ein, wo sich regelmäßig auch die deutschen Bürger der Stadt einfinden. Sie haben keine Probleme damit, ihre Bestellungen auf Deutsch aufzunehmen und auch Deutsche zu einem Getränk einzuladen (z. B. Kocourek 1982: 122). Im zweiten Teil des Romans jedoch, wo der Schauplatz in das ‚rein deutsche‘ Dorf Rašpava und dessen Umgebung verlegt wird, finden sich zahlreiche Stellen, in denen sich die Nationalitätsproblematik in konfliktuösen Beziehungsgeflechten manifestiert. Der in Rašpava als Minderheitenlehrer tätige Koukol wird von der deutschen Dorfgemeinschaft als ein unwillkommener Gast gesehen, dessen Anwesenheit zwar von offizieller Stelle geduldet werden muss, dessen Integration aber in die Dorfgemeinschaft unmöglich gemacht wird.33 Er wird zur Zielscheibe des Unmuts und auf verschiedenste Weisen 33 Im Nachwort (Učitelská léta Josefa Kocourka [Die Lehrerjahre von Josef Kocourek]) zur ersten Buchausgabe von Zapadlí vlastenci 1932 schreibt Zdeněk Filip: „Kocourek tam [= vŘepové] na české menšinové jednotřídce učí jen pět žáků, ztoho ještě tři Němce. Na vlastní oči vidí nesmyslnou akrátkozrakou národnostní politiku české buržoazie, která si vydupává českou školu ivčistě německých obcích, dosazuje tam české úředníky azřízence (hajné, cestáře, listonoše) apřetahuje do české školy iděti německých rodičů. Poznání skutečných národnostních poměrů na sevěrní Moravě se Kocourkovi stává školu internacionalismu. Proti své vůli je však zatahován do malicherných národnostních potyček azoufale trpí cizotou kolem sebe. Vněmecké škole ho nenávidí avyhánějí ho odtud, ve vesnici mu nechtějí prodat ani mléko.“ (Filip 1961: 288)
113PATRIK VALOUCH ‚boykottiert‘: Koukol werden z. B. die Mahlzeiten im Wirtshaus verweigert (Kocourek 1982: 151), auch der Kauf täglicher Lebensmittel, wie z. B. Milch (Kocourek 1982: 171) oder jeglicher weiterer Gebrauchsgegenstände (Kocourek 1982: 158). Es tauchen vermehrt negative Darstellungen von Deutschen auf, wobei die Beschreibungen auf bekannte Stereotypisierungsmuster rekurrieren. Konkret werden drei Figuren mit negativen Eigenschaften ausgestattet: 1.) der Bauer namens Müller, der als reich und habgierig charakterisiert wird, 2.) der Bauer Schimunek, der als überzeugter Nationalist in Erscheinung tritt, ein starkes Ressentiment gegen die Tschechen als Volk hegt (Kocourek 1982: 224f.) und sogar die Bezeichnung „Hakenkreuzler“ [hakenkrajcler] (Kocourek 1982: 225) erhält, 3.) der Gasthausbesitzer Winkler, ein Pragmatiker und Mitläufer, der aus Angst, seine Stammkunden (Müller und Schimunek) zu verlieren, Koukol die Mahlzeiten verweigert (Kocourek 1982: 151). Kocourek skizziert jedoch auch im zweiten Teil eine potenzielle Annäherung zwischen Deutschen und Tschechen, die sich aber nicht als zukunftsfähig erweist (z. B. Koukols Lehrerkollege Lorenz). Die Kommunikation zwischen Koukol und Lorenz vollzieht sich in einem komisch wirkenden Kauderwelsch aus Deutsch und Tschechisch (mit französischen und russischen Einsprengseln): „Já ne špatný chlap, Herr Kolege… já vím, moc pít. Ala santé! Früher sehr wenig… Já mít dobrá žena… sehr gute Frau, aimable, aimable… já děti moc rád, žena nic, nikdy nic. Koupit Motorrad, Radio, pes, ničevo. Tolko děti, meine Frau ničevo. Ich bin sehr trauriger Mensch, Herr kolego, trinken Sie mit, ala santé!“ (Kocourek 1982: 238) Durch das einfache Gespräch näher und vertrauter geworden, laden Lorenz und seine Frau Koukol zum täglichen Mittagessen in ihre Wohnung ein. Koukol hat diese Mahlzeit bitter nötig, da er kurz davor steht, sich unfreiwillig zu Tode zu hungern, weswegen er sich bisweilen mit selbstironischem Galgenhumor als Märtyrer für die patriotische Sache der Tschechen bezeichnet (Kocourek 1982: 243). Nachdem allerdings der Bürgermeister und Schimunek von diesen Vertraulichkeiten erfahren, stellen sie Lorenz ein Ultimatum: er solle Koukol, der übrigens nicht mit Namen, sondern nur als der „von nebenan“ [tomu vedle] (Kocourek 1982: 243) bezeichnet wird, nicht mehr willfährig sein, sonst drohe ihm der Ausschluss aus der Dorfgemeinschaft, was für Lorenz einem Existenzverlust gleichkäme, denn als deutscher Lehrer hätte er wegen der Wirtschaftskrise anderswo keine realen Jobchancen (Kocourek 1982: 243). Koukol bemüht sich um eine übernationale Verständigung und stempelt keine Nation zu einem Feindbild. Mehr noch: die Animositäten und die Ressentiments der deutschen Bevölkerung, mit denen Koukol konfrontiert wird, sind für ihn nachvollziehbar, da er sich bewusst ist, Repräsentant eines die Deutschen benachteiligenden Systems [Kocourek unterrichtet dort [= in Řepová] in einer Klasse der tschechischen Minderheitenschule nur fünf Schüler, davon sind drei sogar Deutsche. Er sieht mit eigenen Augen die sinnlose und kurzsichtige Nationalitätenpolitik der tschechischen Bourgeoisie, die auch in rein deutschen Dörfern tschechische Schulen errichten will, dort tschechische Beamte und Amtsdiener (Förster, Straßenwärter, Postboten) einsetzt und Kinder deutscher Eltern auch in die tschechische Schule hinüberzieht. Die Erkenntnis der realen nationalen Verhältnisse in Nordmähren wird für Kocourek zu einer Schule des Internationalismus. Gegen seinen Willen wird er jedoch in kleine nationale Scharmützel hineingezogen und leidet verzweifelt unter der Entfremdung um ihn herum. In der deutschen Schule wird er gehasst und von dort vertrieben, im Dorf will man ihm nicht einmal Milch verkaufen.]
114 BRÜCKEN 29/2 zu sein. Die Schulbehörde bezichtigt ihn des mangelnden Engagements für die ‚nationale Sache‘ und stuft ihn als unzuverlässigen und zu passiv agierenden ‚Patrioten‘ ein, wofür er Tadel über sich ergehen lassen muss (Kocourek 1982: 212f.). In seiner ideologisch verengten Wahrnehmung denunziert Koukol die tschechoslowakische ‚Demokratie‘ als verlogen und verbrecherisch und macht sie für den grassierenden Nationalitätenkonflikt und die miserablen Lebensbedingungen in der Grenzregion verantwortlich (z. B. Kocourek 1982: 111). Koukol fühlt sich um seine Jugend und sein Talent betrogen, die er für ein dubioses Ziel aufgeopfert hat. Der Eindruck, ein elendes, gescheitertes und deformiertes Leben zu führen, die bittere Erkenntnis, einer vergeblichen Tätigkeit nachzugehen und das ständige Warten auf Ereignisse, die sich nicht einstellen, zeigen Koukol als einen zerrissenen, mit sich hadernden Menschen, der auf eine tiefe Existenzkrise zusteuert. Weiterhin bestrebt, gegen die Ungerechtigkeit anzukämpfen, muss er bald seine politische Ohnmacht anerkennen. Um die eigene Frustration und den sozialen Druck zu kompensieren, flüchtet er in übermäßigen Alkoholund Nikotinkonsum, in die destruktiven Verstrickungen des Sexus und in Augenblicksekstasen der Kunst. In einem rauschhaften Präsenzempfinden entgrenzter Unmittelbarkeit durch den künstlerischen Schaffensdrang kann er kurzweilig einer idealen, realisierten Version seiner Existenz habhaft werden und aus der quälenden Reflexion über die sinnentleerte Monotonie seines Lebens ausbrechen. Koukols umgebende trostlose Landschaft in seiner düsteren Farbenskala ist für ihn eine todgeweihte Erde, die er metaphorisch mit Bildern der Leere und des Todes anreichert. Die über ihn schließlich hereinbrechende Tuberkuloseerkrankung empfindet er als eine Art perverse ‚Erlösung‘, da sie ihn zwar aus seinem verhassten Beruf befreit, aber nur um den Preis seines eigenen Lebens. Depression, Lebensüberdruss, Verzweiflung, das Empfinden von Leere und Absurdität des Daseins rücken Kocoureks Roman in die Nähe des Prä -Existentialismus, wie auch Vladimír Papoušek in einer in Dějiny nové moderny [Die Geschichte der neuen Moderne] (2014) veröffentlichten Studie über Zapadli vlastneci 1932 argumentiert. Er verweist darauf, dass es sich bei diesem Roman um mehr als nur die Darstellung einer bestimmten Region oder der Beziehung von Tschechen und Deutschen in der böhmisch -deutsch -mährischen Grenzregion handelt, denn der Roman sei vielmehr noch ein „Dokument des fließenden Lebens“ [dokument plynoucího života] und ein „existentielles Tagebuch“ [existenciální deník] (Papoušek 2014: 164f). Die Stärke dieses Romans sieht Papoušek in der eindrucksvollen Abbildung einer erstarrten Wirklichkeit und der „unmittelbaren existentiellen Reflexion von Objekten, Menschen, Situationen und der Sprache“ [bezprostřední existenciální reflexí objektů, lidí, situací či řeči] (Papoušek 2014: 164ff). 5. FAZIT Zusammenfassend sei festgehalten: Josef Kocourek entwirft in seinem Roman Zapadlí vlastenci 1932 ein atmosphärisches Porträt der deutsch -tschechischen Grenzregion in den beginnenden 1930er Jahren mit den typischen Problemen der dort ansässigen Bevölkerung. Aufgrund der im Roman dargelegten scharfen Kritik und seiner ideologischen Determiniertheit wurde der Roman von der marxistischen Literaturwissenschaft zu einem ‚proletarischen‘ Roman instrumentalisiert. Kocourek thematisiert
115PATRIK VALOUCH die brennend aktuelle, lange Zeit verschwiegene und nur schleppend aufgearbeitete Problematik des Nationalitätenkonflikts zwischen Tschechen und Deutschen. Es handelt sich um einen vielschichtigen und facettenreichen Text, der die Genregrenzen überschreitet und unterschiedliche Lesarten anbietet: literarischer Reportageroman, Künstlerund Entwicklungsroman, patriotischer ‚Lehreroman‘ oder Grenzlandroman. Zudem handelt es sich um ein intertextuelles Gewebe, das tradierte literarische Folien ironisiert, parodiert, satirisch überhöht und mit einem eigenen Narrativ konterkariert. Die Besonderheiten dieses Romans liegen– ungeachtet der provinziellen Entstehungsbedingungen– in den avantgardistischen Verfahrensweisen (Montage und Collage), der mehrfachkodierten, zwischen unterschiedlichen Stilregistern oszillierenden Sprache und in der frappierend originellen graphischen Gestaltung. QUELLEN Kocourek, Josef (1961 [1933]): Zapadlí vlastenci 1932 [Die weltabgeschiedenen Patrioten 1932]. Praha: Mladá fronta. Kocourek, Josef (1982 [1933]): Zapadlí vlastenci 1932 [Die weltabgeschiedenen Patrioten 1932]. Ostrava: Profil. Kocourek, Josef (2009): Marto Marto Marto. Deníky 1927–1932 [Marto Marto Marto. Tagebücher 1927–1932]. Praha: Dauphin. Kriz, Hugo Maria (1934): Der Kampf um Eisenburg. Leipzig: Wilhelm Goldmann Verlag. LITERATUR Berger, Michael (1995): Von der böhmischen Heimat ins sudetendeutsche Grenzland. Differenzierungsprozesse in der deutschböhmischen Literatur von 1848 bis 1939.– In: brücken N. F. 3, 241–277. Brügel, Johann Wolfgang (1967): Tschechen und Deutsche 1918–1938. München: Nymphenburger. Fiedler, Rudolf (1967): Volksund Bürgerschule– Sonderschulen.– In: Keil, Theo (Hg), Die deutsche Schule in den Sudetenländern. Form und Inhalt des Bildungswesens, 23–132. Filip, Zdeněk (1961): Učitelská léta Josefa Kocourka [Die Lehrerjahre von Josef Kocourek].– In: Kocourek, Josef, Zapadlí vlastenci 1932 [Die weltabgeschiedenen Patrioten 1932], Praha: Mladá fronta, 287–292. Filip, Zdeněk (1974): Der Kampf der tschechischen und deutschen Lehrer Nordmährens gegen den Faschismus.– In: Monumenta Paedagogica 15, 113–119. Franzel, Emil (1958): Sudetendeutsche Geschichte. Eine volkstümliche Darstellung. Augsburg: Adam Kraft. Jech, Jaromír/Koudelková, Eva (Hgg.) (2017): Vlastenec, který nezapadl. Dvě století Věnceslava Metelky [Ein Patriot, der nicht unterging. Zwei Jahrhunderte Věnceslav Metelka]. Liberec: Bor. Konrád, Ota (2018): Widersprüchlich und unvollendet. Die Demokratie der Ersten Tschechoslowakischen Republik 1918 bis 1938.– In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 66/2, 337–348. Kovařík, Vladimír (1983): Slavní azapomenutí [Gerühmte und Vergessene]. Praha: Mladá fronta. Kunstmann, Heinrich (1974): Tschechische Erzählkunst im 20. Jahrhundert. Köln, Wien: Böhlau.