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Maria Piok, Ulrike Tanzer, Kyra Waldner (Hgg.): Marie von Ebner‑‑Eschenbach. Schriftstellerin zwischen den Welten. Innsbruck: Innsbruck university press, 2018

Fiala‑Fürst, Inge

Abstract

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Full text

134 BRÜCKEN 27/2 ‚Feministin‘: „Heute begegne ich der Feministin Ebner -Eschenbach mit derselben oder gar einer erhöhten Bewunderung…“ (S. 86) Dass Marie von Ebner -Eschenbach eine „lange vernachlässigte Autorin“ sei, ist angesichts der seit 150 Jahren ziemlich ununterbrochen andauernden Rezeption ihrs Werkes allerdings eine gewagte Behauptung, obzwar– wie Ulrike Tanzer im abschließenden Beitrag des Bandes erklärt– noch etliche Lücken zu füllen sind, um einen vergleichbar mustergültigen Stand der Rezeption und Wirkung wie bei den männlichen Zeitgenossen der Ebner -Eschenbach, etwa bei Theodor Storm, Gottfried Keller, Adalbert Stifter– oder zumindest Annette von Droste -Hülshoft zu erreichen. Als Defizite genannt werden eine Ebner -Eschenbach -Gesellschaft oder ein EbnerEschenbach -Zentrum, eine historisch -kritische Ausgabe oder zumindest eine vollständige Werk -Ausgabe samt Briefen und Notizbüchern, die Zusammenführung des Nachlasses unter einem Dach, aber auch die Errichtung einer Büste anstatt einer Gedenktafel im Hof der Wiener Universität, die Renovierung von Schloss Zdislawitz, schließlich die Behandlung von Marie von Ebner -Eschenbach im universitären Unterrichtskanon und im Lesekanon der Schulen sowie die Erweiterung der Forschung um Kontexte des Literaturund Theaterbetriebs und um komparatistische, narratologische, gattungstheoretische Fragestellungen und Stellungnahmen bis hin zu den „Human -Animal -Studies“ (S. 227). Die weibliche Welt dominiert den Band in vierfacher Hinsicht: in der überwiegenden Zahl der Autorinnen der einzelnen Beiträge, im wiederholten Herangehen an die (inzwischen in der Ebner -Eschenbach -Forschung kanonisierte) Frage, wie es denn der schreibenden ‚Dame‘ im „eindeutig männlich dominierten“ (S. 7) Literaturbetrieb ihrer Zeit ging, im Fokus auf weibliche Figuren in ihren Werken und– dies wohl am spannendsten– im Versuch, in ihrem Schreiben typisch Weibliches zu orten. Zum ersten Ausdruck der weiblichen Dominanz ist einfach nur zu sagen, dass die großen Würfe der Ebner -Eschenbach -Forschung und -Rezeption in den letzten Jahren tatsächlich von Frauen stammen: Ulrike Tanzer, Daniela Strigl, Evelyne Polt -Heinzl, Irene Fussl, Lina Maria Zangerl, Gabriele Radecke– sicher habe ich jemanden vergessen. Zum zweiten Kreis äußert sich zunächst Irene Fussl, indem sie den 2016 erschienenen Briefwechsel zwischen Ebner -Eschenbach und Josephine von Knorr kurz vorstellt und als dessen Hauptlinie das Leiden der Künstlerin an den ihr zugeschriebenen weiblichen Rollen darstellt: Der Briefwechsel zwischen Marie von Ebner -Eschenbach und Josephine von Knorr dokumentiert, wie eine Frau, die ihr Leben dem Schreiben widmen wollte, in die Rolle der unterstützenden Ehefrau, pflegenden Tochter und Schwiegertochter, erziehenden Tante und treusorgenden Schwester gedrängt wurde. Scheinbar geborgen inmitten einer großen Familie, tatsächlich jedoch durch diese oft wie von einem Korsett beklemmt, sehnte sich Ebner -Eschenbach nach der Freiheit und Luft für schöpferische Tätigkeit der alleinstehenden Freundin. (S. 68) Nur ein Glück, dass sie keine eigenen Kinder hatte und nicht kochen musste für das ganze Schloss, könnte man hier einwerfen! Will damit sagen, dass mir dieses Bemitleiden der adeligen Dame inzwischen auf die Nerven geht und als kontraproduktiv erscheint. Es gab schließlich Schriftstellerinnen, die es noch schwerer hatten. 135REZENSIONEN Ebenfalls aus den Briefen an Josefine von Knorr, die vor allem „frauensolidarische Bedeutung“ (S. 69) und Bedeutung eines „Experimentierfeldes“ (S. 70) besäßen, rekonstruiert Lina Maria Zangerl in einem thematisch anknüpfenden Beitrag die verschiedenen Identitätsund Autorschaftsentwürfe der Ebner -Eschenbach als Schriftstellerin, also die „Konzeption des Schreibens als moralische Aufgabe“ (S. 76), die Legitimation des Schreibens durch göttliche Berufung sowie im Kontext einer „Krankheitsund Suchtmetaphorik“ (S. 78) in Verbindung mit der eigenen schriftstellerischen Tätigkeit und den weiblichen Vorbildern Betty Paoli und Annette von Droste -Hülshoff. Karin S. Wozonig unterstreicht die Wichtigkeit einer anderen Autorin für den Werdegang Ebner -Eschenbachs, nämlich der bereits genannten Betty Paoli, der „ersten Berufsjournalistin Österreichs (…) und gefragten Rezensentin“ (S. 103), deren Bemühen darin bestand, gerade „das erzählerische Werk von Marie von Ebner -Eschenbach einem breiten Publikum bekannt zu machen, weil sie es für gut hielt.“ (S. 104)– Dies allerdings erst nach Überwindung anfänglicher gegenseitiger Antipathien und nachdem sich „Betty Paoli mit Ebner -Eschenbachs Stoffwahl nach und nach anfreundete“ (S. 112). Ganz anders gestaltete sich die Beziehung zwischen Ebner -Eschenbach und einem Mann: dem von ihr stets bewunderten Nobelpreisträger Paul Heyse, wie Walter Hettche in seiner einfallsreich betitelten Studie Der Tiger und die alte Tante darlegt. In ihren Briefen (denn zu einem Treffen kam es nie: Paul Heyse wusste es immer erfolgreich zu verhindern) übe Ebner -Eschenbach „den Gestus der Unterwerfung unter das männliche Urteil, das sie zugleich immer wieder dementierte.“ (S. 139) Hier zitiert Hettche allerdings Manuela Günter, die „diese bewusst gewählte Strategie auch in Ebner -Eschenbachs Korrespondenz mit Julius Rodenberg identifiziert hat.“ (S. 138) Der Vergleich von Erzählungen Ebner -Eschenbachs (wovon sie einige– wie in den Tagebüchern belegt– unter direktem Einfluss von Heyses Erzählungen in Angriff nahm) mit thematisch verwandten Texten Heyses– wobei die thematische Verwandtschaft im Ringen beider Autoren „nach einer Lösung für das Problem der erzählerischen Darstellung sexueller Gewalt“ (S. 147) besteht– würde in den von mir gezeichneten vierten Kreis gehören, denn obwohl beide Autoren durch damalige gesellschaftliche Konventionen daran gehindert wurden, über Sexus und sexuelle Gewalt offen zu schreiben, scheint Heyse als schreibender Mann doch etwas mehr Freiheit genossen zu haben als die schreibende Frau Ebner -Eschenbach. Den dritten Kreis eröffnet Eda Sagara mit ihrem Beitrag über Kinderfiguren der Ebner -Eschenbach (unter welchen ja viele Mädchen sind) und stellt nach deren Vergleich „mit der Kinderwelt etwa eines Dickens, in der fast jedes Kind anders ist als das nächste“ fest, dass „Ebner -Eschenbachs junge Menschen bis auf wenige Ausnahmen mit einem bestimmten Muster konform gehen.“ (S. 86f.) Die Frage „woran liegt das?“ (S. 87) beantwortet Sagara mit der These, dass Ebner -Eschenbachs „Kinderfiguren und Jugendliche weniger dem Realismus des mittleren und späten 19. Jahrhundert als vielmehr der Tradition der moralischen Erzählung angehören“ (S. 88) und deswegen die spezielle Funktion der Gesellschaftskritik ausüben (wozu sie mit keiner besonders durchgearbeiteten psychologischen Charakteristik und Individualität ausgestattet werden müssen). Spannend für unser Bezugsfeld männlich -weiblich ist ebenfalls die Bemerkung Sagaras: „Aufschlussreich ist, so weit ich sehe, dass „Heilung“ bei Ebner -Eschenbach den wenigsten der weiblichen misshandelten Kinder gilt.“ (S. 88) 136 BRÜCKEN 27/2 Als „Experimente“ (S. 92), die an Spinozas Gedankenwelt und an Lessings Spinozismus geknüpft sein sollen, behandelt Marie Luise Wandruschka einige (vornehmlich weibliche) Figuren Ebner -Eschenbachs, die sich „im literarischen Labor“ (S. 92) versuchsweise zwischen Traurigkeit, Melancholie, Resignation, Furcht, Passivität, Schuldgefühlen einerseits und aktivem Handeln, Mitleid, Leidenschaft und Liebe andererseits bewegen. Die vielen Frauenfiguren, die „nicht ausschließlich, aber sehr häufig […] trotzig und selbständig ihr Leben erkämpfen,“ (S. 121) nimmt auch Milan Tvrdík zum Anlass, um ein ‚klassisches‘ Bild der Ebner -Eschenbach zu zeichnen, als einer Autorin, die in ihrem Glauben an das Gute m Menschen, an die klare Trennung zwischen Gut und Böse, an die Kraft der humanen Erziehung sich nicht beirren liess und (diese Werte) gegen Desillusion und Pessimismus ihrer Zeitgenossen, die das Triebhafte, Gewalthafte, ja selbst Pathologische im menschlichen Charakter für die Literatur erschlossen (…) Eine solche Durchdringung der Psyche des neuen Menschen blieb ihr fremd (…) Sie hielt es für die Aufgabe der Literatur, den guten Willen im Menschen mit allen Kunstmitteln zu stärken. (S. 120) Diese Weltund Literaturanschauung Ebner -Eschenbachs gebe „ihrem Erzählstil etwas Konventionelles, Vorgeprägtes, Unpersönliches, ja sogar Oberflächliches“ und sei „neben ihrer schlichten Erzählweise der Hauptgrund, warum man sie nach dem Einzug der Moderne ungerechtfertigterweise als Erzählerin der moralischen Unterhaltungsliteratur abwertete.“ (S. 121) Der nachfolgende Vergleich der Ebner -Eschenbach mit Karolina Světlá, einer tschechischen Realistin, fällt etwas dürftig aus, doch die vorhin zitierten durchaus strittigen Passagen scheinen unmittelbarer Anlass für den nachfolgenden Beitrag von Evelyne Polt -Heinzls zu sein, die die vielfältigen Kontakte der Ebner -Eschenbach mit den Autoren des Jungen Wien aufzählt (Karl Kraus, Hermann Bahr, Felix Salten, Hans Müller -Einigen, Arthur Schnitzler, Raoul Auernheimer u.a.m.), um eben den Graben zwischen den beiden Generationen und zugleich den zwischen Vormodernität und Modernität, den die Literaturgeschichtsschreibung lange wohl zu deutlich akzentuiert hat, zuzuschütten. Zum vierten Kreis endlich gehört u.a. die Behauptung PeterC. Pfeiffers: „mir scheint aber ihre Rolle als schreibende Frau der Grund dafür zu sein, dass die traditionellen Gattungsformen nicht ausreichende Ausdrucksmöglichkeiten liefern, um die weiblichen Erfahrungswelten zu strukturieren,“ welchen Befund dann Pfeiffer für die Diskrepanz zwischen „oftmals fulminanten Anfängen […] und manchmal weniger überzeugenden Enden“ (S. 32) der Erzählungen und Romane Ebner -Eschenbachs verantwortlich macht. Ebenfalls hierhin gehört der Beitrag von Daniela Strigl, die aus dem Briefwechsel zwischen Ebner -Eschenbach und Josephine von Knorr ein völlig neues und ungewöhnliches Bild der (jungen) Ebner -Eschenbach herausliest, nämlich einer „Sportkomtess“ und „hannakischen Atalante“ (wenn nicht gar eines „Blaustrumpfs“ (S. 43f.), die ums Leben gern ritt („Den eigenen Weg ohne Rücksicht auf andere bestimmen zu können, das ist der jungen Marie von Ebner -Eschenbach nur im Sattel vergönnt.“ (S. 45) Die in den Briefen bestätige Reiter -Passion nimmt Strigl im Folgenden zum Anlass, den 137REZENSIONEN erotischen Konnotationen der vielen Pferde -Figuren im Werk Ebner -Eschenbachs nachzuspüren: „Ebner -Eschenbach setzt die sexuelle Symbolik von Pferd und Reiter zwar subtil aber nicht unschuldig ein.“ (S. 54) Die sehr schöne Studie erinnert mich an einen Beitrag auf einer Robert Musil Tagung in Wien vor vielen, vielen Jahren, als einer der Referenten ebenfalls die erotischen Konnotationen der Musilschen Pferde darstellte und diese Metapher -Obsession Musils als Ausdruck ungestillter Sehnsucht nach einem eigenen Pferd darstellte– da Musil als Infanterist ja kein eigenes Pferd besessen hätte. Der Beitrag war fulminant, doch in der Diskussion belehrten die Musil -Kenner den Redner, dass Musil als hoher Offizier freilich ein Pferd besessen hat. Mit diesem Vergleich soll freilich keineswegs unterstellt werden, dass die Argumentationslinie Strigls ebensolche Schwächen hätte. Und noch einen fünften Kreis gibt es: in ihm schmort der männliche Egozentriker Helmut Koopmann, auf den wegen seiner Beiträge aus den Jahren 1994 und 1999 fröhlich eingedroschen wird. Recht geschieht ihm! Meine Typologie greift zu kurz für Aufsätze über Ebner -Eschenbachs Lyrik (Walter Hettche, Ulrike Tanzer; eigentlich kein Aufsatz, sondern nur Abdruck von 14 Gedichten aus dem Manuskript des Liederbuches), den Aufsatz Kyra Waldners über die Schicksale des Nachlasses mit einer Würdigung Helene Buchers, der geliebten Sekretärin Ebner -Eschenbachs, und zwei Aufsätze– ebenfalls am Ende des Bandes– über die Dienste, welche die eben neu erfundene Fotografie den Autoren (Ferdinand von Saar aber auch Ebner -Eschenbach) bei der Kurzdarstellung und Visualisierung ihrer Figuren/Typen leistete (Magdalena Stieb) und über die unterstützende Rolle der Abbildungen/Fotografien und Skulpturen (Plaketten Medaillen Briefmarken) bei der Selbstinszenierung bzw. Gedächtnispflege. Als passionierte Tarockspielerin hänge ich mir das (auf S. 201 abgedruckte) Foto der tarockspielenden würdigen Damen, Ebner -Eschenbach, Betty Paoli und Ida Fleichschl (eigentlich spielen sie Tapper, da nur zu dritt) über meinen Tarock -Stammtisch im Olmützer Lokal Zum Golias und werde darunter nachdenken, ob mich die Damen zum Königrufen wohl eingeladen hätten. Mirko Nottscheid, Marcel Illetschko, Desiree Hebenstreit, Bernhard Fetz, Hans ‑Harald Müller (Hgg.):Der Briefwechsel zwischen August Sauer und Bernhard Seuffert 1880 bis 1926. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2020, 838 Seiten. Štěpán Zbytovský– Kurt Krolop Forschungsstelle für deutsch ‑böhmische Literatur, Karls ‑Universität, Prag Am Samstag, den 22. März 1919, schrieb Bernhard Seuffert (1853–1938) aus Graz an August Sauer (1855–1926) in Prag: Die eiserne Energie, mit der Sie bei der Arbeit trotz allem ausharren, bewundere ich, wie ich stets Ihre Leistungsfähigkeit bewundert habe. Ich bin seit dem zwecklosen Opfer des Sohnes darnieder, gleichgültig gegen alles. Und nun mir die Sorge