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Editorial

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Abstract

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Editorial Eine wichtige Rolle in der Übersetzungsgeschichte spielt nicht nur das Was und Wie, sondern auch das Wer des kulturellen Transfers. Die Rollen und Wirkungsbedingungen der Übersetzerinnen, Übersetzer und weiterer Akteure werden in der neueren Forschung fokussiert beispielsweise durch diverse translationssoziologische Ansätze, seien sie der Bourdieu’schen Feldtheorie, der Latour’schen Akteur -Netzwerktheorie, der Luhmann’schen Systemtheorie oder sonstigen Konzepten verpflichtet. Seit den 1990er Jahren werden außerdem, im Anschluss etwa an die Impulse Lawrence Venutis und Antoine Bermans und in den Studien Andrew Chestermans oder Anthony Pyms, die Ansätze der Translator Studies entwickelt, für die schließlich nicht nur Übersetzerinnen und Übersetzer, sondern immer stärker auch andere an translatorischen Vorgängen beteiligte Akteure relevant sind– Verleger, Lektoren, Mäzene, Literaturagenten, Redakteure literarischer Periodika, Rezensenten usw.– womit generell eine „Humanisierung“ der Translationswissenscha" vollzogen wird. Ausgehend von diesen Anregungen sind u.a. mehrere Übersetzerlexika entstanden bzw. im Entstehen begriffen, darunter auch das Germersheimer Übersetzerlexikon, der seit 2015 unter der Leitung Andreas F. Kelletats am Fachbereich Translations-, Sprachund Kulturwissenscha" der Johannes Gutenberg -Universität in Mainz/ Germersheim entsteht. Daselbst fand am 17. und 18. Juni 2022 der internationale Workshop Geschichte der deutschen Übersetzungen tschechischer Literatur: Akteure, Kontexte, Tendenzen sta$, dem die vier Studien des vorliegenden brücken -%emenhe"s entstammen. Organisiert von Renata Makarska (Johannes Gutenberg -Universität) und Lucie Merhautová (MasarykInstitut und Archiv der Akademie der Wissenscha"en der Tschechischen Republik), richtete sich der Workshop sta$ der bloßen Inventarisierung der ins Deutsche übersetzten tschechischen Literatur auf den gesamten Prozess der Übersetzung unter besonderer Berücksichtigung der involvierten Akteure und deren Kontexte. Bei der Wahl des %emas sind die Organisatorinnen u. a. davon ausgegangen, dass das Geflecht der tschechisch -deutschen Übersetzungsbeziehungen ein spezifisches ist, da es im Kontext von Kulturbeziehungen steht, die im Verlauf der Geschichte vielfältigen politischen Konjunkturen bzw. Großwe$erlagen und wechselnden, unterschiedlich angelegten Machtasymmetrien unterworfen waren. Insbesondere folgende Fragen standen dabe zur Diskussion: Was kennzeichnet die Übersetzungsprozesse aus „kleinen“ Literaturen in eine sog. große Sprache? Welche Rolle spielt der historische/ politische Kontext und wie sind die Wechselwirkungen zwischen einzelnen Akteuren und diesen Kontexten zu denken? Wodurch wird der Literaturtransfer befördert und wodurch behindert? In diesem He" liegen Studien vor, die sich mit unterschiedlichen Aspekten dieser %emenund Fragestellung in breiter zeitlicher Streuung von der Mi$e des 19. Jahrhunderts bis in die 1970er Jahre befassen. Zuzana Urválková thematisiert die Übersetzungen aus fremden Literaturen im Verlagsprogramm der populären Album - Bibliothek deutscher Originalromane (1846–1861) von Ignaz Leopold Kober. Mit Kober (1825–1866) wird einer der maßgeblichen böhmischen Verleger seiner Zeit aufgegriffen; der Aufsatz veranschaulicht den Transfer zwischen französischer, englischer, tschechischer 8BRÜCKEN 30/2 und deutscher Literatur anhand ausgewählter Bände der Album -Edition. Analysiert werden Kobers Bearbeitungen für das Album und komparativ auch die kulturvermittelnde Rolle der tschechischsprachigen Zeitschri" Denice [Morgenstern] und ihres Herausgebers Jakub Malý, der später für Kobers tschechischen Verlag tätig war. Nicht nur anhand dieses Beitrags wurde beim Workshop der Befund diskutiert, dass Übersetzungen überraschend häufig in mehrsprachigen (bzw. mehr -als -zweisprachigen) Konstellationen entstehen und/oder rezipiert werden. Weitere drei Beiträge setzen sich mit der Tätigkeit von Übersetzern auseinander, die entweder nicht aus den Böhmischen Ländern stammten oder mindestens ihre übersetzerische Tätigkeit erst nach der Auswanderung aufgenommen haben. Dabei werden in unterschiedlichen Gewichtungen der translatologischen Textanalyse, der Erkundung personaler Netzwerke und der Einblendung ideengeschichtlicher und politischer Zusammenhänge eine Übersetzerin aus der wilhelminischen Zeit und je ein Übersetzer aus Westund aus Ostdeutschland der 1950er bis 1970er zum %ema. Veronika Jičínskás Aufsatz befasst sich mit der aus München stammenden Dichterin und Übersetzerin Otilie Malybrok -Stieler (1836–1913), die u.a. die Werke Julius Zeyers ins Deutsche übertrug. Ihre Übersetzung des Epos Vyšehrad wird vor dem Hintergrund des Verständnisses von Historizität und nationalen Mythen im Werk des tschechischen Dichters bzw. der zeitgenössischen Historismusdeba$en beleuchtet. In diesem Zusammenhang geht die Verfasserin auch der Vernetzung der Übersetzerin im tschechischsprachigen Kontext und ihrem Selbstverständnis als weibliche Intellektuelle bzw. der spezifischen Rolle von Frauen als Übersetzerinnen nach. Während Malybrok -Stieler v. a. als Übersetzerin bekannt ist, werden die Namen der zwei jüngsten Akteure in der vorliegenden Zusammenstellung üblicherweise mit ihren eigenen literarischen Arbeiten verknüp". In ihrer Studie Vom Nirgends zum Irgends: Franz Fühmann als Nachdichter aus dem Tschechischen stellt Anne Hultsch einen knappen Überblick der von Fühmann (1922–1984) präferierten tschechischen Autoren vor und zeigt, wie sich Fühmanns allgemeiner Blick auf die tschechische Lyrik im Laufe der Jahre veränderte und welche Hindernisse für die Veröffentlichung der Anthologie Die Glasträne (1964) und von Nezvals Auf Trapezen (1978) behoben werden mussten. Der Schwerpunkt liegt allerdings auf einer textnahen Analyse von drei Gedichten und der Erörterung der übersetzerischen Vorgehensweise Fühmanns. Julia Miesenböck beschä"igt sich schließlich mit der relativ kurzen Periode im poetischen Schaffen und der psychiatrischen Praxis Konrad Balder Schäuffelens (1929–2013), in der er tschechische konkrete Poesie übersetzte (Jiří Kolář, Bohumila Grögerová, Josef Hiršal u.a.). Sie geht vom Begriff der übersetzerischen agency aus und untersucht die Wechselbeziehungen zwischen Schäuffelens Übersetzungstätigkeit und seinen weiteren Aktivitäten und die Einwirkung seiner persönlichen Netzwerke auf seine Übersetzungstätigkeit sowie seine Motivation für Gedichtübersetzungen aus dem Tschechischen ins Deutsche. Von den nicht abgedruckten Beiträgen des Workshops seien einige erwähnt: Lucie Merhautová setzte sich mit Konstellationen auseinander, in die tschechische Literatur auf dem deutschen und österreichischen Buchmarkt um 1900 eintrat und diskutierte u.a. mögliche Gründe fürs Scheitern einiger konkreter Publikationspläne. Anhand der Referate Jan Budňáks und Štěpán Zbytovskýs konnten die Anwesenden zwei Übersetzer– Rudolf Illový und Julius Mader– vergleichen, die in ihrer publizistischen 9DIE HERAUSGEBER Tätigkeit (vermi$lungs)politische Zusammenhänge tangierten. Das weite Feld der Übersetzung tschechischer Literatur in der DDR (samt der bedeutenden Verlage und Editionen) überblickte in ihrem Beitrag Renata Makarska. Roman Kopřiva befasste sich mit Rainer Kunzes Übersetzungen aus der Poesie Jan Skácels im Wandel der politischen Regimes und des Publikumsgeschmacks. Andreas Kelletat gab Einblick in die übersetzerische Arbeit des Dichters Manfred Peter Hein, der sich vor allem– wie auch Fühmann– mit František Halas befasste und für den das Ende des Prager Frühlings auch das Ende seiner Übersetzungen aus dem Tschechischen bedeutete. Eine besonders lebha"e Deba$e regte Václav Petrboks „Versuch einer kollektiven Biographie“ der Übersetzerinnen aus dem Tschechischen ins Deutsche um 1900 an. Die Diskussionen des Workshops haben u. a. die Produktivität der komparativen Betrachtung der Übersetzer und weiterer Akteure über die Epochengrenzen hinweg unter Beweis gestellt– genauso wie den Gewinn, den ein synchroner Blick auf Akteure in unterschiedlichen sozialen und politischen Konstellationen (BRD vs. DDR) verspricht. Es bleibt zu hoffen, dass die am Rande des Workshops geführten Vorgespräche über ein umfassenderes Projekt zur Geschichte der literarischen Übersetzung im mi$eleuropäischen Kontext in Zukun" in irgendeiner Form zum Tragen kommen. Den %emenschwerpunkt dieses He"s ergänzt ein thematisch verwandter Bericht von Anne Hultsch über eine bisher unbekannte Veröffentlichung der ersten Übersetzung von Ka-as Kurzprosa Das nächste Dorf ins Tschechische zu Lebzeiten des Autors. Zwei weitere Studien von jüngeren Kollegen– Michal Smrkovskýs psychoanalytische Lektüre des Romans Die Verstümmelten von Hermann Ungar und Hana Zatřepálkovás werkbiographischer Aufsatz über Franz Bacher– und eine Reihe Buchbesprechungen gewähren Einblick in aktuelle Forschung im üblichen thematischen Skopus der brücken. Die Herausgeber