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Lena Scheidig: Prag und sein Narrativ von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart. Mythotopologie einer ‚magischen‘ Stadt. Stuttgart: Metzler, 2020

Höhne, Steffen

Abstract

172

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172 BRÜCKEN 28/1 Lena Scheidig: Prag und sein Narrativ von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart. Mythotopologie einer ‚magischen‘ Stadt. Stuttgart: Metzler, 2020, 557 Seiten und 16 Abbildungen. Steffen Höhne– HfM Weimar/Friedrich ‑Schiller ‑Universität Jena Ausgangspunkt der Leipziger Dissertation ist der Versuch einer Problematisierung des Mythos Prag als magische Hauptstadt Europas. Es geht um die Entstehung und das Fortbestehen des Narrativs einer magischen Stadt in der Literatur und deren Rekurse auf die Prager Topographie. Die Ausgangsthese lautet, dass eine „Gegenüberstellung von literarischen Prag ‑Texten aus dem gesamten 20. Jahrhundert mit einem kompa‑ ratistischen, transkulturellen Zugang“ bisher noch nicht verfolgt worden sei (S. 11). Ferner wird konstatiert, dass „gerade historische Erinnerungsorte“ einen „besonders starken mythischen Charakter“ hätten (S. 13) und dass eine kulturanthropologisch‑ ‑vergleichende Betrachtungsweise bisher kaum Beachtung gefunden hätte (S. 13). Dies sind zunächst einmal starke Thesen, auf deren Begründung man gespannt sein darf. Hierzu wird im II. Teil die Entstehung eines literarischen Mythos im zeitgeschichtlichen Kontext der Jahrhundertwende behandelt. Die Verfasserin geht der Frage nach, „wie das Bild der Stadt Prag (und der daraus entstehende Mythos) sich in der tschechischen sowie in der deutschen Literatur etablierte.“ (S. 12). ImIII. Teil folgt die mythoto‑ pologische Untersuchung des Narrativs magisches Prag als Versuch, „die Funktion, Beschaffenheit und Semantisierung“ der spezifischen Prag ‑Bilder in der Literatur zu rekonstruieren. Dabei soll eine Topologie der Erinnerung entworfen werden, die die Stadt als Gedächtnisraum in den Blick nimmt (S. 13). Gemäß dieser Topologie der Erinnerung wendet sich die Verfasserin dem jüdischen Prag, dem polemischen Prag und dem traumatischen Prag zu, wobei in den ausgewählten Texten Prag sympto ‑ matisch als Topos einer existentiellen Problematik mit Gefühlen der Unsicherheit oder Heimatlosigkeit vorgestellt wird (S. 359), wobei mit der Demythologisierung der Stadt zugleich eine Remythologisierung erfolgt (S. 363) mit dem dann allerdings doch etwas banalen Ergebnis, „dass die Stadt mit ihrer Geschichte einen identitäts‑ stiftenden Ort darstellt, der sowohl eine kollektive als auch eine individuelle Suche nach Identifikation Raum gibt“ (S. 367), was wohl für jede Stadt gelten dürfte. ImIV. Teil schließt sich eine Analyse von Entfremdungsphänomenen an, in denen die Stadt als Seelenspiegel aus der Perspektive von Flaneuren und Reisenden, von Kaffeehaus‑ und Keipenbesuchern betrachtet wird. Mit diesen Bildern oder Narrativen greift die Verfasserin zentrale Topoi der Großstadtliteratur auf, deren Relevanz im Hinblick auf Prag zunächst einmal nachvollziehbar erscheint. Nun wird der vorliegenden Studie tatsächlich ein sehr umfangreiches Textkorpus nicht nur aus deutschen und tschechischen Texten zugrunde gelegt, was man als Ver ‑ dienst allemal anrechnen darf. Leider fehlt ein theoretischer Ansatz, der es ermöglicht hätte, das heterogene Textmaterial entsprechend einzuordnen, zu kategorisieren und zu gewichten, um der in Teilen eklektischen Textsammlung einen strukturellen Rahmen zu bieten. Weder erfolgt eine Anknüpfung an aktuelle Raum‑ bzw. Stadtdis‑ kurse in der Forschung, noch an die Debatte um Inter‑ und Transkulturalitität, zu der gerade im Hinblick auf die Prager Literatur eine Reihe von einschlägigen Studien 173REZENSIONEN vorliegen. Dies gilt auch für einschlägige Periodika wie die brücken, in denen in den vergangenen Jahren immer wieder thematisch einschlägige Arbeiten vorgestellt wur‑ den. Dass selbst das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder keine Berücksichtigung fand, ist dann nicht weiter verwunderlich. Dieser selektive Zugang erweist sich auch im Hinblick auf zentrale Konzepte wie Erinnerungsort oder Mythos als problematisch, die unspezifisch, um nicht zu sagen alltagssprach‑ lich Verwendung finden. Andere wie das Konzept der magischen Stadt erfahren eine ahistorische Betrachtung bzw. werden als allgemeingültig vorausgesetzt, ohne die Genese des Konzepts zur Kenntnis zu nehmen. Die These, nach der „das Bild einer ‚magischen‘ Stadt […] möglicherweise aus der tiefen Verwobenheit der böhmischen Mythologie mit der Prager Stadtgeschichte“ (S. 57) erklärt werden könne und dass sich die Magie Prags „auch aus dem Schwellencharakter der Stadttopologie“ ergebe, verkennt die Realitäten. Der Topos des Magischen stammt bekanntermaßen der als Frühlings‑ oder Jung Prag ‑Generation bezeichneten Gruppe um Paul Leppin, die mit diesem Topos sich im literarischen Feld positionierten und– auch aus kommerziellen Motiven heraus– eine insbesondere westeuropäische Erwartungshaltung zu bedienen wussten. Der Versuch einer Herleitung aus den böhmischen Chroniken muss schon daran scheitern, dass die kategorialen Unterschiede dieser Textsorte im Unterschied zu literarischen Texten nicht reflektiert werden. Ein weiteres Manko ergibt sich aus dem Textkorpus, welches sich aus Texten zu‑ sammensetzt, die über die Stadt eine indirekte oder direkte künstlerische Aussage treffen (S. 15), aber letztlich sei, so die Vf., „jedwede Äußerung, welche über die Stadt Prag eine bestimmte Aussage trifft“, ein „Teil des Prag ‑Mythos.“ (S. 15) Die darin implizit angelegte Willkürlichkeit zeigt sich bspw. im Narrativ des Patriotischen, in dem so unterschiedliche Texte wie von Jan Neruda, Karolina Světla, Jiří Karásek ze Lvovic, Daniela Hodrová mit Überlegungen zu Kafkas Konzept der kleinen Literatur und Rilkes frühen Texten in Verbindung gebracht werden, dies gleichwohl ohne Kenntnisnahme der doch recht umfangreichen Forschungsdiskussion. Gerade hierbei erweist sich die Absenz einer zugrundeliegenden Theorie als nachteilig. Ähnlich eklektisch angelegt sind die Überlegungen zur Prager deutschen Literatur mit z. T. abenteuerlichen Behauptungen, wenn 1918 mit der Gründung der Tschecho‑ slowakei für die deutschsprachigen Autoren „aufgrund der kulturpolitischen Ver‑ änderungen die Möglichkeit zu schreiben bzw. zu publizierten erheblich erschwert“ wurden (S. 131). Dies gilt– ebenfalls ohne Belege– auch für ‚die‘ Germanistik, die Kafka zum „rätselhaften Sonderling stilisierte“ (S. 137). Und Angst als Motiv im Werk finde man bei Kafka laut Max Brod nur dort, wo sich „in Anbetracht eines erstarkenden Hitlerdeutschland eine ‚begründete Angst‘ darstellte“ (S. 138). Kafka ist bekanntlich 1924 gestorben! Der „Topos der Zwietracht“, so eine weitere These, sei kaum „konkret literarisch thematisiert“ (S. 143) worden, obwohl entsprechende Textstellen, z. B. von Rilke, Kisch oder Urzidil von der Verfasserin selbst zitiert werden. Edvard Beneš, dem man sicher viel vorwerfen kann, war keinesfalls Mitglied der „Nationalsozia‑ listischen Partei“ sondern der Tschechoslowakischen Volkssozialistischen Partei (S. 287). Und ob man von einer „Okkupation der Kommunisten“ sprechen kann und der damit verbundenen „jahrzehntelangen politischen Entmachtung“ (S. 531), dürfte wohl ebenfalls fraglich sein– zumindest ließe sich damit unterstellen, der Kommunismus sei ausschließlich wie ein Fremdkörper von außen über Prag gekommen. Und dass 174 BRÜCKEN 28/1 aufgrund der wechselnden Regime und Fremdherrschaften eine eigene tschechische „zeitgenössische Kunst und Kultur kaum möglich“ war (S. 288), darf man sicher auch in das Reich der Legende verweisen. Es zeigt sich, dass grundlegende kulturhistorische und wissenschaftliche Kontext‑ kenntnisse zur Einordnung der literarischen Entwicklungen fehlen, sicher ein Grund dafür, dass die Interpretation einzelner Texte an vielen Stellen eher unverbunden nebeneinander gestellt erscheinen, ohne das der eingangs aufgestellt komparatis‑ tische Anspruch erfüllt wird. Letztlich erhält man eine mehr oder weniger additive Aneinanderreihung von Texten und deren Inhaltsangaben, ohne dass intertextuelle Bezüge hergestellt bzw. deren jeweiliger, kultur‑ wie sozialhistorisch herleitbarer Status im Hinblick auf die Stadt Prag und ihr Image des Magischen angemessen reflektiert, geschweige denn erfasst werden. Auf diese Weise kann dann der Abdruck eines rückblickenden Textes von Franz Hauptmann aus dem Jahr 1953 in das Prager Tagblatt verlegt werden, das damit eine erstaunliche Verlängerung seiner Erscheinungsdauer erlebt hätte. Tatsächlich ist der zitierte Text in den Prager Nachrichten erschienen (S. 154). Gabriela Veselá: Česko německá literární křižovatka. Kapitoly kdějinám literatury apřekladu [Tschechisch ‑deutsche literarische Kreuzwege. Kapitel zur Geschichte der Literatur und Übersetzung]. Praha: Karolinum, 2020, 647 Seiten. Václav Smyčka– Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik/Karls ‑Universität Prag Mit Česko ‑německá literární křižovatka erscheint in kurzer Zeit nach dem Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder (Metzler 2017) die bereits zweite umfassende Publikation, die die Geschichte der deutschen Literatur in den böhmischen Ländern vorstellt. Die beiden Arbeiten unterscheiden sich allerdings stark in ihrer Konzeption. Während an dem Handbuch mehr als dreißig Autoren gearbeitet haben, trägt der Kreuzweg den Namen einer einzigen Autorin, Gabriela Veselá. Wird das Handbuch in thematische Kapitel mit dem Fokus auf unterschiedliche Fächer, Epochen, Problematiken und Themen gegliedert, ordnet Veselá den Kreuzweg strikt chronologisch nach historischen Epochen. Während sich das Handbuch als ein wissenschaftliches Nachschlagewerk profiliert, wendet sich der Kreuzweg als Lehr‑ buch an Studierende (Germanisten und Translatologen). Dies wird zwar durch den Titel und im Klappentext der Arbeit von Veselá, wo sie über „die Erweiterung unserer Vorstellungen über den Umfang der deutschen Literatur“ schreibt, nicht ganz deutlich, im Vorwort werden aber explizit Studierende und Gymnasiallehrer adressiert (S. 9). Als Lehrbuch zeichnet sich der Kreuzweg durch einige positive Eigenschaften aus. Das Buch ist übersichtlich. Der auf die „harten Daten“ bio ‑bibliographischen Charak‑ ters konzentrierte Text erleichtert das Memorieren und (vielleicht noch mehr) das