Mirko Nottscheid, Marcel Illetschko, Desiree Hebenstreit, Bernhard Fetz, Hans‑ Harald Müller (Hgg.): Der Briefwechsel zwischen August Sauer und Bernhard Seuffert 1880 bis 1926. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2020
Abstract
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Full text
137REZENSIONEN erotischen Konnotationen der vielen Pferde -Figuren im Werk Ebner -Eschenbachs nachzuspüren: „Ebner -Eschenbach setzt die sexuelle Symbolik von Pferd und Reiter zwar subtil aber nicht unschuldig ein.“ (S. 54) Die sehr schöne Studie erinnert mich an einen Beitrag auf einer Robert Musil Tagung in Wien vor vielen, vielen Jahren, als einer der Referenten ebenfalls die erotischen Konnotationen der Musilschen Pferde darstellte und diese Metapher -Obsession Musils als Ausdruck ungestillter Sehnsucht nach einem eigenen Pferd darstellte– da Musil als Infanterist ja kein eigenes Pferd besessen hätte. Der Beitrag war fulminant, doch in der Diskussion belehrten die Musil -Kenner den Redner, dass Musil als hoher Offizier freilich ein Pferd besessen hat. Mit diesem Vergleich soll freilich keineswegs unterstellt werden, dass die Argumentationslinie Strigls ebensolche Schwächen hätte. Und noch einen fünften Kreis gibt es: in ihm schmort der männliche Egozentriker Helmut Koopmann, auf den wegen seiner Beiträge aus den Jahren 1994 und 1999 fröhlich eingedroschen wird. Recht geschieht ihm! Meine Typologie greift zu kurz für Aufsätze über Ebner -Eschenbachs Lyrik (Walter Hettche, Ulrike Tanzer; eigentlich kein Aufsatz, sondern nur Abdruck von 14 Gedichten aus dem Manuskript des Liederbuches), den Aufsatz Kyra Waldners über die Schicksale des Nachlasses mit einer Würdigung Helene Buchers, der geliebten Sekretärin Ebner -Eschenbachs, und zwei Aufsätze– ebenfalls am Ende des Bandes– über die Dienste, welche die eben neu erfundene Fotografie den Autoren (Ferdinand von Saar aber auch Ebner -Eschenbach) bei der Kurzdarstellung und Visualisierung ihrer Figuren/Typen leistete (Magdalena Stieb) und über die unterstützende Rolle der Abbildungen/Fotografien und Skulpturen (Plaketten Medaillen Briefmarken) bei der Selbstinszenierung bzw. Gedächtnispflege. Als passionierte Tarockspielerin hänge ich mir das (auf S. 201 abgedruckte) Foto der tarockspielenden würdigen Damen, Ebner -Eschenbach, Betty Paoli und Ida Fleichschl (eigentlich spielen sie Tapper, da nur zu dritt) über meinen Tarock -Stammtisch im Olmützer Lokal Zum Golias und werde darunter nachdenken, ob mich die Damen zum Königrufen wohl eingeladen hätten. Mirko Nottscheid, Marcel Illetschko, Desiree Hebenstreit, Bernhard Fetz, Hans ‑Harald Müller (Hgg.):Der Briefwechsel zwischen August Sauer und Bernhard Seuffert 1880 bis 1926. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2020, 838 Seiten. Štěpán Zbytovský– Kurt Krolop Forschungsstelle für deutsch ‑böhmische Literatur, Karls ‑Universität, Prag Am Samstag, den 22. März 1919, schrieb Bernhard Seuffert (1853–1938) aus Graz an August Sauer (1855–1926) in Prag: Die eiserne Energie, mit der Sie bei der Arbeit trotz allem ausharren, bewundere ich, wie ich stets Ihre Leistungsfähigkeit bewundert habe. Ich bin seit dem zwecklosen Opfer des Sohnes darnieder, gleichgültig gegen alles. Und nun mir die Sorge
138 BRÜCKEN 27/2 um meine lange leidende Frau auf ganz unvorhergesehene schreckliche Weise genommen ist,– sie erwachte nach guter Nacht mit Sprachlähmung– ist der Inhalt des Lebens verloren. Ich wage nicht zu hoffen, dass ich die Genesung meines letzten Kindes erlebe, obwohl ich mir sage: ich darf die Augen nicht schliessen, bevor er arbeitsfähig geworden ist. (S. 614) Diese Stelle deutet die Intimität der langjährigen Korrespondenz zweier Germanisten, Editoren und Redakteure und Wilhelm -Scherer -Schüler an– eine Intimität, die freilich nie sentimental wurde, sondern immer durch geteilte flammende Leidenschaft für philologische Wissenschaft getragen war. 2016 wurden im Rahmen des binationalen deutsch -österreichischen Projekts „Kommentierte Auswahl -Edition des Briefwechsels zwischen August Sauer und Bernhard Seuffert. Ein Beitrag zur Kulturund Wissenschaftsgeschichte der Germanistik in Österreich und Deutschland“ sämtliche Korrespondenzdokumente dieses Gelehrtenverhältnisses von der Österreichischen Nationalbibliothek– insgesamt mehr als 1200 Briefe oder Karten aus den Jahren 1880–1926– auf dem Portal Briefwechsel Sauer -Seuffert online gestellt (http://sauer -seuffert.onb.ac.at/). Der Nutzwert der sorgfältig aufbereiteten Grundbausteine der elektronischen Edition– Faksimiles, Transkriptionen und grundlegende Metadaten– wird vervielfacht durch weiteres Bildmaterial aus dem Nachlass und insbesondere durch eine gut fungierende und zweckmäßig strukturierte Suchmaschine mit Filtermöglichkeiten nach Autoren, erwähnten Personen, Schreibund Empfangsorten, Zeiträumen und nach sinnvoll gegliederten „Themenlinien“ (z.B. Euphorion, Grillparzer, Wilhelm Scherer, Goetheausgabe etc.). Die Webplattform wurde nun durch den Band Der Briefwechsel zwischen August Sauer und Bernhard Seuffert 1880 bis 1926 ergänzt, der in der Printversion oder als OpenAccess -PDF zur Verfügung steht. Damit entstand eine an sich nicht uninteressante (und im wissenschaftlichen Bereich seltene) Konstellation medialer und Vertriebsformen, doch sind dabei nicht nur medienbedingte Unterschiede zu verzeichnen. Gegenüber der On -Line -Edition bietet der Band auch einen Anmerkungsapparat zu jedem Brief mit Erörterungen der biographischen Daten erwähnter Personen, der historischen Geschehnisse, der Zusammenhänge in wissenschaftlichen Publikationsaktivitäten der beiden Protagonisten und im breiteren Kontext der Literaturgeschichte und der germanistischen Philologie. Einleitende Abschnitte schließen ein knappes Vorwort mit Erörterung der Projektgenese, des Mitarbeiterteams wie auch der Kooperationspartner (insbesondere Nachlassbesitzer– Österreichische Nationalbibliothek, Staatsarchiv Würzburg und Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar), einen umfassenden Abkürzungsschlüssel und vor allem eine ergiebige philologisch -historische Einführung in den Briefwechsel ein (S. 27–61). Dank der überaus gründlichen Bearbeitung dieser Teile sowie des erschöpfenden editorischen Berichts (S. 641–658), der umfassenden tabellarischen Anhänge und eines kommentierten Namensregisters (S. 713–838) lässt diese Edition nichts zu wünschen übrig. Was in der übertreibenden Huldigungsrhetorik als billige Attribuierung wirken könnte, ist hier ein schlichtweg angemessener Ausdruck: es handelt sich um eine vorbildliche Edition, nicht nur hinsichtlich der kompromisslosen Einhaltung philologischer Standards, sondern hinsichtlich ihrer Verbindung mit dem wegweisenden medialen Arrangement der Projektergebnisse.
139REZENSIONEN Sauer und Seuffert prägten von ihren Standorten in Graz und Prag das Gesicht der germanistischen Wissenschaft um 1900 nachhaltig und waren insbesondere an der methodologischen sowie curricularen Profilierung des Fachs beteiligt. Die Korrespondenz begann mit einer editorischen Kooperation, den 1881 von Seuffert gegründeten Deutschen Literaturdenkmalen des 18. und 19. Jahrhunderts in Neudrucken (1881–1924). Insbesondere in den ersten Jahren zählte Sauer zu den aktivsten Mitarbeitern und war 1891 als Seufferts Nachfolger Herausgeber der Reihe geworden. Die Briefe belegen seinen wesentlichen Anteil an der philologisch originellen Konzeption sowie der Auswahl der zu edierenden Werke– mit der Anakreontik, dem Sturm und Drang oder Heinrich Heine bewegte sich die Reihe nicht selten auf der ‚Hintertreppe‘ des damaligen literarhistorischen Kanons. Angeregt durch die Literaturdenkmale gründete Sauer seine schmalere 16-bändige Editionsreihe Wiener Neudrucke (1883–1886) für österreichische Autoren des 16. bis 19. Jahrhunderts. Beide waren zudem in nicht unbedeutendem Maße an der Weimarer Goethe -Ausgabe (1887–1919) beteiligt. Die im Briefwechsel einmal aufblitzende Idee einer zusammenfassenden Formulierung und Publikation von „principien“ (S. 111) editorischer Arbeit wurde leider nicht umgesetzt– aber gerade auch die Beobachtung derartiger nicht realisierter Absichten macht einen der Reize der Briefwechsel -Lektüre aus (besonders betrifft es das langfristige und schließlich ergebnislose Ringen um die Monographien über Wieland [Seuffert] und Grillparzer [Sauer]). Bei der Weimarer Ausgabe sind die Momente von besonderem Interesse, in den beide Mitarbeiter ihre konzeptionell oder situativ bedingten Bedenken gegenüber dem Projekt äußern– etwa bezüglich der Konkurrenz der sicherlich bedeutenden und ehrenvollen Arbeit mit anderweitigen Plänen, wie sie Seuffert hinsichtlich seiner Wieland -Monographie bekundete (S. 34f.). Als ein von den Reihenherausgebern sowie dem Redakteur Bernhard Suphan kaum vorgesehener Problemfall wird im Briefwechsel streckenweise Sauers Edition des Bands mit Götz von Berlichingen (S. 201–209, 225–230, 234–236) bezeugt. Ein ausgiebiges Zeugnis legt die Korrespondenz von der redaktionellen Betätigung Seufferts und Sauers in den Fachzeitschriften ab, besonders in Verbindung mit den gemeinsam diskutierten Plänen einer philologisch orientierten Zeitschrift für neuere deutsche Literaturgeschichte, aus den Seufferts vielbeachtete Vierteljahrsschrift für Litteraturgeschichte (1888–1893) und ihrer Nachfolgezeitschrift, dem Euphorion (gegr. 1894) hervorgegangen sind. Diesbezügliche Briefe dokumentieren auch die grundlegenden Unterschiede zwischen den beiden Freunden: während Seuffert durchaus konservativ und streng philologisch orientiert war, meldet sich in Sauers Briefen ein modernerer, mit mehr Organisationsund Improvisationstalent begabter Intellektueller zu Wort. Dementsprechend konzipierte er seine Zeitschrift nicht nur als Plattform für wissenschaftliche Abhandlungen, sondern als ein vielfältiges Diskussionsund Service -Organ für die wissenschaftliche Kommunität. Aussagekräftig ist hier nicht nur die neidlose Anerkennung Seufferts (S. 41), sondern auch der Austausch über konkrete Hefte des Euphorions, etwa das Sonderheft über Gundolfs Goethe -Buch von 1921 (S. 615–619), oder die Polemik vor dem Verlagswechsel 1896 (von C. C. Buchner zu Carl Fromme), nach der Sauer seinen ursprünglichen Plan revidierte, mit Jakob Willibald Nagl und Jakob Zeidler eine regelmäßige Beilage zur deutsch -österreichischen Literaturgeschichte anzulegen (S. 378–388). Das änderte nichts an dem langfristigen Interesse Sauers, der österreichischen Literaturgeschichte mehr Gehör zu verschaffen
140 BRÜCKEN 27/2 und die periphere Lage Prags durch die Umsetzung anspruchsvoller Projekte und Etablierung einer zentralen Zeitschrift für Literaturgeschichte auszugleichen. Die Briefe geben nicht selten Aufschluss über sonstige Freundschaften und Konkurrenzbeziehungen der beiden Protagonisten– etwa bezüglich des zwischen nüchterner Kollegialität, Konkurrenz und „ärgster […] Feindschaft“ (S. 571) changierenden Beziehung Sauers zu Jakob Minor, mit dem Sauer die kurzlebigen Beiträge zur Geschichte der deutschen Literatur und des geistigen Lebens in Österreich (1883–1884) ins Leben rief. Grundsätzliche Meinungsverschiedenheit deckt der Austausch über Sauers programmatische Rektoratsrede Literaturgeschichte und Volkskunde von 1907 auf. Sauer beruhigt die vorausgesetzte Besorgnis bezüglich potenzieller Relativierung bzw. Nivellierung der höchsten literaturästhetischen Werte: „Die höchsten ästhetischen Spitzen und künstlerischesten Leistungen werden vielleicht nicht berührt oder ändern sich mindestens nicht nach meiner neuen Betrachtungsart; aber das Gesa[mm] tbild verschiebt sich.“ (S. 576) Seuffert hat sich bereits früher skeptisch gegenüber stammeskundlich orientierten Ansätzen geäußert und zweifelt auch diesmal: „Die botschaft ist schön, allein mir fehlt der glaube.“ (S. 577) Als problematisch empfand er vor allem den empirischen Gehalt und die literaturhistorische Erklärungskraft der stammesgeschichtlichen Volkskunde. Nur 297 von den insgesamt über 1200 zwischen Seuffert und Sauer gewechselten Briefen und Karten wurden in den Band aufgenommen. Die sicherlich nicht restlos objektiven, doch offensichtlich bedächtig umgestzten Kriterien der Repräsentativität für einzelne Phasen der persönlichen Beziehung und wichtige Themen des Austausches werden im editorischen Bericht (nebst Anordnung, Textkonstitution und -darstellung) detailliert diskutiert. Als besonders wichtig– neben den wissenschaftliche Belange betreffenden Briefstücken– erscheint die Aufnahme einiger konfessorischer „Lebensbriefe“ (so Sauers Benennung; v.a. Seufferts Brief vom 2. Juni 1884 und Sauers Brief vom 4. September 1884), die nicht nur persönliche Reflexionen der bisherigen Lebensbahn und wissenschaftlichen Entwicklung dokumentieren, sondern auch die Art und Weise, wie Seuffert und Sauer einschneidenden Umbrüchen und Krisen reflektierend und kommunikativ begegneten. Die Textwiedergabe folgt dem Prinzip, die Handschrift möglichst ohne Eingriffe zu vermitteln, die dennoch unerlässlichen Eingriffe werden systematisch vorgenommen und eindeutig signalisiert. Die recht seltenen Tippund Satzoder faktographische Fehler (z.B. der Verlagswechsel des Euphorion wird einmal auf das Jahr 1898 datiert [S. 41]) können an der oben formulierten Hochschätzung der Edition nichts ändern. Sie bezeugt, dass die Korrespondenz nicht nur als Dokument der fachbezogenen sowie rein persönlichen Themenpräferenzen, Standpunkte und Anschauungen lesbar ist, und nicht bloß einen Einblick in das breit gespannte Spektrum der wissenschaftlichen Interessen und die weitreichenden Netzwerke von fachlichen sowie gesellschaftlichen Kontakten zweier zentraler Figuren der Germanistik um 1900 gewährt. Denn nicht nur Abbildung, sondern dynamische Gestaltung– Suche, Ausformulierung und Revisionen– der jeweiligen Positionen findet in diesem Dialog über Jahrzehnte hinweg statt. Ein bedeutendes und präzise bereitetes Stück der Germanistikund Germanistengeschichte um 1900 ‚im Prozess‘ wird hier aufgerollt.