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Vorboten des Dreißigjährigen Krieges? Zeitgenössische Reflexionen über die Kometen von 1618/19

Hille, Martin

Abstract

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Vorboten des Dreißigjährigen Krieges? Zeitgenössische Reflexionen über die Kometen von 1618/19 Martin Hille1 ABSTRACT Harbinger of the Thirty Years War? Contemporary Reflections on the Comets of 1618/19 As is well known the Bohemian Revolt of 1618 to 1620 caused abroad media echo far beyond the Holy Roman Empire. Subsequently the three comets which appeared in large parts of Europe in fall and winter 1618/1619 triggered asimilar long-running debate. This is reflected by alarge series of treatises, pamphlets and letters as well as nomorous notes in contemporary chronicles and diaries used as the main sources for this article. In this light the paper discusses the controversy on the comets of 1618/19 with respect to the later escalation of the Bohemian Revolt to an European war. Both synchronous and retrospective views on these events will be examined indicating asignificant shift of time horizons since 1621/22. Until then most pamphletists and writers didn’t associate the celestical signs of 1618/1619 with the bohemian rebellion or an even wider war. Afterwards this historical connection was quick to establish itself in contemporary chronicles and diaries reflecting above all achange of communicative memory on both affairs. KEYWORDS Comets of 1618/19; Bohemian Revolt; Contemporary Perception; Communicative Memory; Media Influence Schon im Juni 1618, wenige Wochen nach dem Ausbruch des Böhmischen Aufstandes am 23.Mai 1618, sah der Kölner Novellant Caspar Caspars „große Gefahr für das Vaterland“ heraufziehen. Nach einem prominenten Gewährsmann für diese Einschätzung brauchte er nicht lange zu suchen. Kein geringerer als Kaiser Matthias (1557–1619) hatte etwa zeitgleich die böhmischen Stände vor der Gefahr eines Flächenbrandes gewarnt: „Großes Unheil, Jammer und Elend“ drohe demnach „nicht allein diesem Edlen Königreich“, so das Reichsoberhaupt, sondern „auch anderen Ländern“, die „noch durch den Krieg mochten zugezogen werden“.2 1 Martin Hille, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, Universität Passau, Innstraße25, D-94032 Passau, Germany, [email protected] 2 C.CASPARS, Historicae relationis continuatio […] von nechst verschiener Franckfurter Oster Meß, biß auff die jetzige Herbst-Meß dieses 1618.Jahrs […], Köln 1618— Online-Version der Bayerischen Staatsbibliothek, Bildnummer 28. 8 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2019 In der zweiten Jahreshälfte 1618 spitzte sich die Lage weiter zu, bis Ende November, wenige Wochen nach dem Fall der letzten pro-habsburgischen Bastion Pilsen, böhmische Truppen in Österreich einfielen.3 Doch während die Zeitgenossen auf weitere Nachrichten warteten, ereignete sich ein Himmelsspektakel, das über die habsburgischen Erblande hinaus in weiten Teilen Europas bestaunt werden konnte. Gleich drei Kometen in Serie tauchten am Nachthimmel auf: Der erste von August bis September, der zweite von November bis Anfang Dezember, und der dritte von Ende November bis Ende Januar 1619. Am spektakulärsten war der dritte Komet, der Winterkomet, der heller und eindrucksvoller erstrahlte als sämtliche Vorgänger und bei klarem Nachthimmel sogar mit bloßem Auge erkannt werden konnte.4 Das publizistische Echo war immens: Bis 1642 erschienen 298 Kometendrucke, ein bis dahin einmaliges Phänomen der Mediengeschichte.5 Heutigen Betrachtern, oder zumindest diejenigen, welche die weitere historische Entwicklung nach 1618/19 kennen, mag sich sogleich die Assoziation von, Komet und Kriegsausbruchʼ aufdrängen. Und doch stellt sich die grundsätzliche Frage, ob dies für jene Generation, die das Himmelschauspiel aus einer synchronen Warte beobachtete und beschrieb, ebenfalls galt. Immerhin war die Wahrnehmungsintensität des frühneuzeitlichen Menschen für „Zeychen und Wunder“ am Himmel sehr ausgeprägt, erschienen diese doch wie ein kosmischer Spiegel der irdischen Welt. Mental tief verwurzelt war damals die Vorstellung der Analogie von himmlischem Makrokosmos und menschlichem Mikrokosmos sowie der wechselweisen Abhängigkeit beider Sphären. Als ständeübergreifendes Phänomen war dieses Weltbild bei den späthumanistisch gebildeten Eruditi besonders ausgeprägt. Dahinter schiebt sich die Sinnformation des traditionellen Vorsehungsglaubens, also jene Lesart der Welt, welche von der Omnipräsenz des allwissenden und vorsehenden Gottes ausgeht6. Im Rahmen dieser Kosmologie offenbart sich der Allmächtige unter anderem über das Medium der Sterne, Planeten und Himmelskörper, Vorstellungen, die sich durchaus 3 G.WINTERMONAT, XXX der zehenjährigen Historischen Relation […] biß auff jetzige New Jahrs Messe, dieses 1619.Jahres […], Leipzig 1619, S.69. 4 A.BÄHR, Der grausame Komet. Himmelszeichen und Weltgeschehen im Dreißigjährigen Krieg, Reinbek 2017; M.GINDHART, Das Kometenjahr 1618. Antikes und zeitgenössisches Wissen der frühneuzeitlichen Kometenliteratur des deutschsprachigen Raumes, Wiesbaden 2006; C.MEINEL (Hrsg.), Grenzgänger zwischen Himmel und Erde. Kometen in der frühen Neuzeit, Regensburg 2009; T. van NOUHUYS, The Age of the two-faced Janus: The Comets of 1577 and 1618 and the Decline of the Aristotelian World View in the Netherlands, Brill u.a. 1998; D.STILLMAN, C.D.O.MALLEY, The Controversy on the Comets of 1618. Galileo Galilei, Horatio Grassi, Mario Guiducci, Johann Kepler, Philadelphia 1960. 5 Einschlägig F.BRÜNING, Bibliographie der Kometenliteratur, Stuttgart 2000, hier S.XV. 6 M.HILLE, Providentia Dei, Reich und Kirche. Weltbild und Stimmungsprofil altgläubiger Chronisten 1517–1618, Göttingen, bes. S.233–398; vgl. auch K. VON GREYERZ, Vorsehungsglaube und Kosmologie. Studien zu englischen Selbstzeugnissen des 17.Jahrhunderts, Göttingen u.a. 1990; G.HAMM, Das Gewicht von Religion, Glaube, Frömmigkeit und Theologie innerhalb der Verdichtungsvorgänge des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit, in: M.HAGENMAIER— S.HOLTZ (Hrsg.), Krisenbewußtsein und Krisenbewältigung in der Frühen Neuzeit— Crisis in Early Modern Europe. Festschrift für Hans-Christoph Rublack, Frankfurt a. M. 1992, S.163–196. MARTIN HILLE 9 mit der aristotelisch-scholastischen Schulbuchüberlieferung vertrugen.7 Nicht von ungefähr brachten die zeitgenössischen Kalendersteller diese Lesart der Providentia Dei immer wieder auf die Kurzformel: „Astra regunt hominem, sed regit deus astra.“ Vor diesem Hintergrund stellt sich die Leitfrage, ab wann die mitteleuropäischen Zeitbeobachter direkte Verbindungen zwischen den Himmelserscheinungen von 1618/19, den böhmischen Unruhen und deren Eskalation zum Böhmisch-Pfälzischen Krieg herstellten. Zu diesem Zweck soll in einem ersten Schritt das zeitgenössische Kometenwissen umrissen werden. Dies erscheint umso wichtiger, zeichnete sich doch im gelehrten Diskurs um 1600 eine langsame Verabschiedung von den jahrhundertealten aristotelischen und ptolemäischen Lehrtraditionen ab. Andererseits blieb der Glauben an den zeichenhaften Charakter solcher Himmelsphänomene weiterhin stark sowie die Neigung, sie mit der Providentia Dei und dem Zeitgeschehen zu verknüpfen. Dies galt unter anderem für den kaiserlichen Hofastronomen Johannes Kepler (1571–1630), der von 1600 bis 1611 in Prag und von 1612 bis 1626 in Linz wirkte. Kepler verfasste auch Schriften zu den Kometenereignissen von 1607 und 1618/19, mit denen sich der nächste Abschnitt befasst. Besonderes Interesse verdienen die darin enthaltenen Lageeinschätzungen nach Ausbruch der böhmischen Unruhen sowie die Aussagen zur Zukunft des Hauses Habsburg und seiner Erblande. Anschließend wird die Kernfrage nach dem Niederschlag des Himmelschauspiels von 1618/19 in Chroniken und Tagebüchern aus dem Südosten des Sacrum Imperium aufgerollt.8 Besondere Berücksichtigung findet neben der Analyse der Deutungen ihre Einfärbung durch die verarbeitende Erinnerung. Außerdem wird der mediale Hintergrund eingeblendet, allen voran der Einfluss der Druckmedien und des „gemein geschrey“ im Rahmen der frühneuzeitlichen Kommunikationskultur ‚oraler Schriftlichkeit‘. GELEHRTES KOMETENWISSEN IN EUROPA UM 1600 Als meteorartige Körper aus Wassereis, Gas, Staub und kohlenstoffartigen Verbindungen („schmutzige Schneebälle“) bewegen sich Kometen oder Haarsterne meist in Ellipsen verschiedener Neigung um die Sonne. Nur während der kurzen Annäherung an die Sonne brechen aus dem Kern infolge der intensiven Bestrahlung leuchtende Gasmassen aus, die durch das Fernrohr als nebelartige Hülle, als Koma sichtbar werden. Sehr große Kerne erreichen einen Durchmesser von etwa 20 bis 35, sehr kleine dagegen nur von wenigen Kilometern. Indes können eindrucksvolle Himmelsschauspiele wie die des Halleyschen Kometen nur relativ selten bestaunt werden. Lediglich alle 74 bis 79 Jahre nähert sich dieser sehr lichtstarke, periodische Haarstern der Erde. Charakteristisch ist ferner der lange Schweif, den übrigens nur die wenigsten Kometen entwickeln. Zudem können die meisten dieser Himmelphänomene 7 Vgl. auch J.HAMEL, Geschichte der Astronomie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Basel u.a. 1998, S.104 ff.; K. von STUCKRAD, Geschichte der Astrologie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 2003, S.199–206; H.TERSCH, Unruhe im Weltbild. Darstellung und Deutung des zeitgenössischen Lebens in den deutschsprachigen Weltchroniken des Mittelalters, Wien u.a. 1996, hier S.70. 8 B. von KRUSENSTJERN, Selbstzeugnisse der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, Berlin 1997. 10 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2019 nicht mit dem bloßen Auge erkannt werden, sehr viel besser dafür mit dem um 1608 in den Niederlanden entwickelten Teleskop.9 All dies wusste man um 1600 so noch nicht. Obwohl der Nimbus der alten Philosophici langsam zu verblassen begann, orientierten sich die meisten Gelehrten und Schulmeister um 1600 weiterhin am tradierten Kanon der Kometenvorstellungen. Ganz oben stand die Autorität des Aristoteles (384–322 v. Chr.), allen voran seine Meteorologia, vermittelt über die Schriften des Albertus Magnus (1200–1280) und des Thomas von Aquin (1225–1274).10 Daneben kannte das ausgehende Mittelalter weitere Lehrtraditionen, deren Rezeption sich nach dem Fall von Konstantinopel 1453 noch intensivierte. So erlebte die Naturphilosophie der Vorsokratiker sowie der Platonismus mit dem Exodus byzantinischer Gelehrter in den lateinischen Westen eine wahre Renaissance.11 Hinzu kam die Wiederbelebung stoischer Traditionen im Gewand des sogenannten Neustoizismus in der zweiten Hälfte des 16.und in der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts.12 Bekanntlich ging so manche Kernidee eines Nikolaus Kopernikus (1473–1543), Isaak Newton (1642–1727) oder Edmond Halley (1656–1742) auf antike Vorbilder zurück. Dazu zählten auch die Vorstellungen des im Späthumanismus breit rezipierten Stoikers Lucius Annaeus Seneca des Jüngeren (ca. 1–65 n. Chr.). Ganz vorne stand die Theorie von der Periodizität der Kometen und der Ähnlichkeit ihrer Bahnen mit denen der Planeten, eine Theorie, die Aristoteles und Seneca unter anderem Pythagoras (570–510 v. Chr.?) und Appolonios von Myndos (um 270 v. Chr. ?) zuschrieben.13 Bei aller Vielfalt der zeitgenössischen Vorstellungen blieb die Kometologie weit über 1600 hinaus stark aristotelisch besetzt. Als besonders traditionsverhaftet erwies sich die volkssprachliche Kolportageliteratur. Weitgehend den Lehren des Weisen von Stagira entlehnt ist unter anderem das 1578 in Ingolstadt gedruckte Sternen oder Cometen Buch des Biberacher Schulmeisters Georg Schinbain. Demnach sei ein solcher Himmelskörper „kain gmainer stern, sondern ein Materi, dass gar vermischt von der Erden erstlich reucht, und biß ans Firmament nauff schleicht“.14 Als Ausdünstungen des Bodens, die bis in die obersten Luftschichten aufsteigen und im Licht der Sonne erstrahlen, seien diese Phänomene eindeutig unterhalb der Mondsphäre zu lokalisieren. Dahinter schiebt sich die aristotelische Vorstellung von der Zweiteilung des Universums in eine bewegliche, irdische Sphäre unterhalb und eine statische, himm9 J.C.BRANDT— R.D.CHAPMANN, Introduction to Comets, Cambridge u.a. 1981. 10 T.HEIDARZADEH, AHistory of Physical Theories of Comets. From Aristotle to Whipple, Dordrecht 2008, S.1–19; L.THORNDIKE, AHistory of Magic and Experimental Science: During the first thirteen Centuries of our Era, Bd. 2, 5.Aufl., New York 1958, bes. S.582 ff.; GINDHART, Kometenjahr, S.6 f. 11 NOUHUYS, Janus, S.43 f., 84–89, 89–144. 12 Immer noch grundlegend: G.OESTREICH, Antiker Geist und moderner Staat bei Justus Lipsius (1547–1606). Der Neustoizismus als europäische Bewegung, Göttingen 1989, hier bes. S.61–67; vgl. auch NOUHUYS, Janus, S.53–57, 373 ff. 13 R.WOLF, Handbuch der Astronomie ihrer Geschichte und Literatur, Bd. 1, Zürich 1891, Ndr. Hildesheim 1973, S.573 ff.; GINDHART, Kometenjahr, S.4 f., 56; NOUHUYS, Janus, S.43 f., 53–56. 14 J.G.SCHINBAIN, Sternen oder Cometen Buch […] Was auch gleich in jedem Jar besunder, für Effect oder würckung darauff gefolget […], Ingolstadt 1578, o.S. MARTIN HILLE 11 lische Sphäre jenseits des Mondes.15 Obwohl diese Denktradition schon 1531 von dem Ingolstädter Mathematiker Peter Apian (1495–1552), und dann vor allem in den 1570er Jahren von dem dänischen Astronomen Tycho Brahe (1546–1601) in Frage gestellt worden war, konnte sie sich weit über 1600 hinaus behaupten.16 Auch der erstmalige Einsatz des Teleskops durch Galileo Galilei (1564–1642), Simon Marius (1573–1624), Christoph Scheiner (1573–1650) und weitere europäische Gelehrte um 1609/11 führte noch keine wissenschaftliche Revolution herbei.17 Bei aller Kritik an den alten Modellen verabschiedeten sich selbst die führenden Protagonisten der neuen Astronomie noch längst nicht von sämtlichen Lehren des Aristoteles. Ein Schlaglicht hierauf werfen die gelehrten Kontroversen um die Kometenerscheinungen von 1618/19. Um ihren Beobachtungen und Erkenntnissen die nötige Anerkennung zu verschaffen, bemühten selbst die Anhänger der neuen Lesart des Kosmos bevorzugt die Autorität der Alten und weniger die eines Tycho Brahe, Johannes Kepler oder Galileo Galilei.18 Am wenigsten Notiz von den neuen Erkenntnissen nahmen die vielen theologischen Kommentatoren des Himmelsschauspiels von 1618/19.19 Fast durchweg lutherischer Überzeugung, bevorzugten sie neben dem aristotelischen Lehrkanon die astrologische Systematik des Claudius Ptolemaeus. Ptolemaeus (ca. 100–178 n. Chr.), der wohl die meiste Zeit seines Lebens im ägyptischen Alexandria wirkte, ist bis heute für die detaillierte Ausformulierung des geozentrischen Weltbildes bekannt. Als wegweisend erwies sich seine Syntaxis mathematica, die seit ihrer hochmittelalterlichen Rezeption über die Araber unter dem Titel Almagest bekannt ist.20 Neben dieser Kompilation des antiken astronomischen Wissens hinterließ Ptolemaeus den Tetrabiblios— vom zwölften bis zum 17.Jahrhundert das Standardwerk zur Astrologie schlechthin.21 Nach Ptolemaeus stellen Kometen ebenfalls sublunare Phänomene dar, unterliegen jedoch den Einflüssen der Planeten, die sie an die Erde weitergeben.22 Ein besonderes Augenmerk richtete Ptolemaeus auf Größe, Gestalt, Schein und Kolorit 15 GINDHART, Kometenjahr, S.216–219; MEINEL, Grenzgänger, S.15 f.; HEIDARZADEH, History, S.4–8, 9–15. 16 MEINEL, Grenzgänger, S.15–21. 17 NOUHUYS, Janus, S.92 f., 143 f., 368, 372, 558 f.; STILLMAN— O’ MALLEY, Controversy, S.VIII. 18 GINDHART, Kometenjahr, bes. S.238, 248 ff. 19 G.DÜNNHAUPT, Neue Kometen, böse Propheten. Kometenflugschriften in der Publizistik der Barockzeit, in: Philobiblion 18, 1974, S.112–118; H.LEHMANN, Die Kometenflugschriften des 17.Jahrhunderts als Quellen, in: W.BRÜCKNER (Hrsg.), Literatur und Volk im 17.Jahrhundert, Bd. 2, Wiesbaden 1985, S.683–701; F.MAUELSHAGEN, Illustrierte Kometenflugblätter in wahrnehmungsgeschichtlicher Perspektive, in: W.HARMS— M.SCHILLING (Hrsg.), Das illustrierte Flugblatt in der Kultur der frühen Neuzeit. Wolfenbüttler Arbeitsgespräch 1997, Wolfenbüttel 1997, S.101–137. 20 P.KUNITZSCH, Der Almagest. Die Syntaxis mathematica des Claudius Ptolemäus in arabisch-lateinischer Überlieferung, Wiesbaden 1974; vgl. auch allgemein HAMEL, Geschichte, S.34–42. 21 W.KNAPPICH, Geschichte des Astrologie, 2.Aufl. Frankfurt/M. 1988, hier S.96 f.; NOUHUYS, Janus, S.64 f. 22 GINDHART, Kometenjahr, S.2; NOUHUYS, Janus, S.57. 12 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2019 der Haarsterne, wie er sie ausführlich in seinem Tetrabiblios beschrieb. An der ptolemäischen Lehrtradition orientiert sich auch der 10-Punkte-Kanon der Kometenbeobachtung des 16.und 17.Jahrhunderts, der bei aller Spitzfindigkeit durchaus der Wahrnehmungsweise des damaligen Menschen entgegenkam.23 Besonders gebannt blickten die Zeitgenossen auf den Schweif sowie dessen Himmelsrichtung, da dies als Indikator auf die Geographie der Kometenwirkungen galt. Kaum weniger intensiv wurden die Farben beobachtet und beschrieben. Meist nahmen die Autoren die Farbe weiß wahr, und doch reichte das Spektrum sehr weit, von gelb über beige und grün bis zu grünblau und rot. Alter astrometeorologischer Tradition gemäß stand jedoch keine Farbe für sich allein, sondern jeweils für einen der sieben damals bekannten Planeten Mond, Sonne, Venus, Merkur, Mars, Jupiter und Saturn. Als Kind des Saturn galt zum Beispiel ein auffällig grün schimmernder Schweif am Nachthimmel. Der Planet Mars wiederum figurierte als sehr kriegerisches Temperament und verlieh seinen Kometenkindern eine sichtbar rötliche Ausstrahlung.24 Hielt sich das Phänomen auch noch wochenlang am Nachthimmel, drohte der Menschheit auf Jahre hinaus schlimmstes Blutvergießen.25 Neben den antik-heidnischen Traditionen überlagerte der traditionelle Vorlesungsglauben Vorstellung und Wahrnehmung von Kometen im 16.und 17.Jahrhundert. Verbindungen zum Zeitgeschehen wurden hergestellt und die Signa-Funktion des Himmels für künftige Wendungen des irdischen Schicksals hervorgehoben.26 Anknüpfungspunkte bot unter anderem die biblische Tradition der Zeichen der Zeit, die gemäß den Verheißungen der Evangelien das nahende Weltende ankündigt.27 Und es werden Zeichen geschehen an der Sonnen, Mondt und Sternen, doch was diese bedeuten, eschließe sich den einfältigen Gemütern nicht sogleich, wiederholten die Kometenautoren immer wieder aufs Neue, darunter auch Johannes Kepler.28 Die synoptische Apokalypse spricht von einer auffälligen Häufung widernatürlicher Erscheinungen zum Ende aller Zeiten, hier insbesondere von bedrohlichen Himmelsschauspielen, Unwettern und Naturkatastrophen, nicht jedoch von Kometen.29 Von diesen natürli23 STEGEMANN, Komet, in: H.BÄCHTOLD-STÄUBLI— E.HOFFMANN-KRAYER, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 5, Berlin 1933, Ndr. Berlin 1987, Sp. 89–170, hier bes. 151–160; GINDHART, Kometenjahr, S.7, 140–163; MEINEL, S.52 f. 24 GINDHART, Kometenjahr, S.141 f.; HILLE, Providentia Dei, S.366, 368. 25 GINDHART, Kometenjahr, S.9 f., 201; MAUELSHAGEN, Kometenflugblätter, S.113 ff. 26 HILLE, Providentia Dei, S.365–371; MAUELSHAGEN, Kometenflugblätter, S.118 ff.; STEGEMANN, Komet, Sp. 104–111. 27 I.SCHMALE-OTT, „Die fünfzehn Zeichen vor dem Weltuntergang“, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 85, 1954, S.219–234; vgl. auch E.BERNHEIM, Mittelalterliche Zeitanschauungen in ihrem Einfluss auf Politik und Geschichtsschreibung. Erster (einziger) Teil. Die Augustinischen Ideen, Antichrist und Friedensfürst, Regnum und Sacerdotium, Tübingen 1918, Ndr. Aalen 1964, S.78–97. 28 So auch J.KEPLER, Ausführlicher Bericht von dem newlich im Monat Septembri und Octobri diß 1607.Jahrs erschienenen Haarstern, oder Cometen, und seinen Bedeutungen […], in: M.CASPAR— F.HAMMER (Hrsg.), Johannes Kepler. Gesammelte Werke, Kleine Schriften, Bd. 4, München 1941, S.59–76, hier S.67. 29 Lk. 21, 25; MK 13, 24; Mt 24, 29: beste Grundlage: Synopse der vier Evangelien. Griechisch-Deutsche Ausgabe der Synopsis Quattuor Evangeliorum. Auf der Grundlage des Novum MARTIN HILLE 13 chen zu sondern sind die sozialen Indikatoren der zunehmenden Sündhaftigkeit des Menschengeschlechts, allen voran der moralische Verfall in Verbindung mit überhandnehmendem Hochmut, Ehrgeiz und Neid sowie der Häufung von Aufständen und Kriegen. Im Übrigen liegen kaum antike und frühmittelalterliche Zeugnisse vor, die das Auftauchen eines Haarsterns mit einem drohenden göttlichen Strafgericht verbinden. Immerhin war die Denktradition vom Kometen als Unglücksboten sehr alt, während sich die Hochkonjunktur der straftheologischen Deutungen erst im 16.und 17.Jahrhundert abzeichnete.30 Maßgebliche Impulse gingen hier von der Reformation aus sowie der eschatologischen Vertiefung sämtlicher Übel der Römischen Papstkirche.31 Hinzu kam der Einfluss der Druckmedien sowie der nach 1550 stark anschwellenden Flut meist volkssprachlicher Wunderund Kometendrucke.32 Bezeichnenderweise steckten hinter solchen Elaboraten fast immer protestantische Autoren, zumindest im deutschsprachigen Raum.33 Ganz vorne standen die lutherischen Kanzelredner, doch auch Ärzte und Hofastronomen füllten ihre Beiträge immer wieder aufs Neue mit eindringlichen Warnbotschaften. Als Zeichen der Omnipräsenz Gottes in dieser Welt sollten Kometen der sündigen Menschheit die Augen öffnen und den Weg zu Umkehr und Buße weisen. Gott als Weltenrichter sei zwar streng, aber auch gerecht und gnädig, könne also die drohenden Sündenstrafen immer noch abwenden.34 Im Übrigen vertraten selbst prominente Vertreter der gelehrten Astronomie solche Auffassungen, allen voran Johannes Kepler.35 Schon lange bevor Kepler mit der Veröffentlichung seiner Astronomia nova 1609 den Meilenstein für die moderne physikalische Astronomie setze, verfolgte er zugleich ein moralisch-pädagogisches Anliegen. Anknüpfend an die Exempla-Tradition des Spätmittelalters, flossen besonTestamentum Graece von Nestle-Aland, 26.Aufl, und des Greek New Testament, 3rd Edition sowie der Lutherbibel, revidierter Text 1984 und der Einheitsübersetzung 1979 hrsg. von K.ALAND, Stuttgart 1989, hier S.261. 30 GINDHART, Kometenjahr, S.7ff., 201; STEGEMANN, Komet, Sp. 95. 31 Einschlägig: R.B. BARNES, Prophecy and Gnosis. Apokalypticism in the Wake of the Lutheran Reformation, Stanford 1988; T.KAUFMANN, Apokalyptik und politisches Denken im lutherischen Protestantismus in der Mitte des 16.Jahrhunderts, in: DERS., Konfession und Kultur. Lutherischer Protestantismus in der zweiten Hälfte des Reformationsjahrhunderts, Tübingen 2006, S.29–66; V.LEPPIN, Antichrist und Jüngster Tag. Das Profil der apokalyptischen Flugschriftenpublizistik im deutschen Luthertum 1548–1618, Heidelberg 1999. 32 Dazu auch R.SCHENDA, Die deutschen Prodigiensammlungen des 16.und 17.Jahrhunderts, in: Archiv für Geschichte des Buchwesens 4, 1962, S.638–710, hier bes. 650–666. 33 Vgl. auch GINDHARDT, Kometenjahr, S.25 ff.; LEHMANN, Kometenflugschriften, S.684 ff.; MAUELSHAGEN, Illustrierte Kometenflugblätter, bes. S.112 ff. 34 S.HAUDE, Zorn und Schrecken, Buße und Gnade. Diskurse in astrologischen Schriften des 17.Jahrhunderts, in: C.HEITZMANN (Hg.), Die Sterne lügen nicht. Astrologie und Astronomie im Mittelalter und der frühen Neuzeit, Wiesbaden 2008, S.178–200; zur judiziartheologischen Lesart des spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Vorsehungsglaubens auch HILLE, Providentia Dei, S.239 f. 35 Beste Biographie nach wie vor: M.CASPAR, Johannes Kepler, 4.Aufl. ergänzt um ein vollständiges Quellenverzeichnis, Stuttgart 1995. 14 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2019 ders in seine volksprachlichen Beiträge, Kalender und Astrologica mehr oder weniger eindringliche Mahnund Warnbotschaften ein. Als Ende September 1607 ein Halleyscher Komet erschien, machte sich Kepler, damals noch Hofmathematicus von Kaiser RudolfII. in Prag, ausführliche und grundsätzliche Gedanken über Sinn und Zweck solcher Phänomene. So bestand für ihn kein Zweifel, „daß sie Zeugen seyen, das ein Gott im Himmel, von dem alles künfftige Glück und Unglück vorgesehen, verhenget, geordnet, gemessiget und geregieret werde: Zu Besserung der Epicurischen Leute, die keinen Gott gleuben, zu Abmahnung deren, die mit Unglück schwanger gehen, und ihre Begierden nicht inne halten können“.36 Kepler fasste Kometen mithin als Medium Gottes auf, als signa der aktuellen conditio humana und ihrer Sündhaftigkeit, nie jedoch als ihre causa, als ihre Wirkursache.37 Zugleich bekannte er sich mutig zur neuen kopernikanischen Lehre der Planetenbewegungen um die Sonne, die immer noch sehr umstritten war, und nach wie vor nur wenige Anhänger fand.38 Noch mehr trat er als treuer Schüler des dänischen Astronomen Tycho Brahe hervor, von 1597 bis 1601 sein Vorgänger als Hofastronom Kaiser Rudolfs II. in Prag. Als Brahe mit bloßem Auge den spektakulären Kometen von 1577 beobachtete, verortete er diesen mittels Parallaxenbestimmung im superlunaren Bereich.39 Entgegen der aristotelischen Lehrtradition schien die Sphäre jenseits des Monds bewegt zu sein, ein Eindruck, der sich Brahe bereits 1572 bei der Beobachtung eines neuen Sternes (Supernova) aufgedrängt hatte, der heller erstrahlte als die Venus. Zu ähnlichen Schlüssen gelangten nach dem Kometenereignis von 1577 auch die Ärzte und Mathematiker Helisaeus Roeslin (1544–1616), Cornelius Gemma (1535–1579) und Michael Mästlin (1550–1631) sowie nicht zuletzt der astronomiefreudige Landgraf WilhelmIV. von Hessen-Kassel (1567–1592).40 36 KEPLER, Ausführlicher Bericht, S.68. 37 Zu Keplers Vorsehungsglauben auch: P.J.BONER, Keplers Cosmological Synthesis. Astrology, Mechanism and the Soul, Leiden u.a. 2013, S.121–127. 38 P.URBAN— N.PUCKER, Johannes Kepler: Sein Anteil an der Entwicklung der Naturwissenschaften, in: P.URBAN— B.SUTTER (Hrsg.), Johannes Kepler 1571–1917. Gedenkschrift der Universität Graz, Graz 1975, S.11–27, hier S.13. 39 Vereinfacht ausgedrückt bezeichnet Parallaxenbestimmung (von gr. Parállaxis: Veränderung, Hinund Herbewegen) die Berechnung der Winkeldifferenz zwischen zwei Geraden, die der Betrachter von verschieden Beobachtungsorten zum Blickpunkt zieht (in diesem Fall zum Kometen). Liegt der Blickpunkt näher, ergibt sich eine größere Winkeldifferenz als bei einer entfernteren Position. Dieses Phänomen lässt sich leicht mit der sogenannten ,Daumensprungmethode‘ nachvollziehen. Betrachtet man den Daumen einmal mit dem linken und einmal mit dem rechten Auge, ergibt sich bei ausgestreckter Hand ein geringere Winkeldifferenz und eine geringere Hintergrundverschiebung als aus der unmittelbaren Nahperspektive vor der Nase. Dieses Prinzip übertrug Brahe auf die Observation des Kometen von 1577 und verglich seine Daten mit denen mehr oder weniger weit entfernter Beobachtungsorte in ganz Europa. 40 HAMEL, Geschichte, S.168–175; HEIDARZADEH, History, S.41–45; NOUHUYS, Janus, S.122–135. MARTIN HILLE 15 JOHANNES KEPLERS DEUTUNGEN DER KOMETEN VON 1607 UND 1618/19 Nicht grundsätzlich anders dachte Jahrzehnte später Johannes Kepler.41 Und doch blieb dieser bei aller Neuheit seiner Analysen teilweise weiterhin in aristotelischen Denkfolien verhaftet. Vor allem sah er Haarsterne als Objekte an, die entstehen und vergehen und daher nicht der ewigen Kreisbewegung der Gestirne unterliegen können.42 Während Kepler das Himmelsereignis von 1607 noch von Prag aus beobachtete, erlebte er das Drei-Kometenjahr 1618/19 in Linz. Bereits im Frühjahr 1619, kurz nach dem Tod von Kaiser Matthias am 20.März, stellte er dort seine prominenteste Kometenschrift De Cometis Libelli tres fertig.43 Seit Ende August 1618, seit dem Auftauchen des ersten Haarsterns über Linz, hatte er große Mühen investiert, um so viel Beobachtungsmaterial wie nur möglich zu sammeln. Weitere Informationen entnahm er seiner europaweiten Gelehrtenkorrespondenz, allen voran jenen Briefen, die seit Spätsommer 1618 unter anderem aus Kaschau, Wien, Wittenberg, Speyer, Ulm, Tübingen, Budweis und Frankfurt an der Oder eintrafen.44 Indes war der erste Komet vom August und September 1618 selbst für die aufmerksamsten Himmelsbeobachter kaum zu erkennen.45 Beim zweiten Schweifstern vom November gab es wiederum ein handfestes Identifikationsproblem, da sich dessen Endmit der Anfangsphase des dritten Kometen überschnitt, der noch bis Ende Januar 1619 gesehen werden konnte. Umso so mehr bemühte sich Kepler um eine eindeutige Zuordnung der einlaufenden Berichte über den cometum secundum respektive den cometum tertium.46 Im Einzelfall gelang ihm dies nicht immer, ja hier und da blieben ernsthafte Zweifel, wie zum Beispiel nach der Lektüre eines Schreibens aus Budweis, wozu Kepler unter anderem bemerkte: „Am 24.November [1618 ]wurde in Budweis in Böhmen, wo das kaiserliche Herr im Winterquartier lag, ein Komet mit einem hell leuchtenden Kopf und einem ungewöhnlich hell erstrahlenden Schweif gesichtet. So versicherte es mir jedenfalls Maximilianus Marsilius von der Societas Jesu, der sich zu jener Zeit dort aufhielt. Und doch zweifle ich heftig hin und her, ob damit der zweite oder dritte Komet gemeint ist.“47 Auch in Linz traten beide Phänomene synchron auf, wenngleich nur sehr kurz, am Morgen des 29.November 1618. Nachdem er den zweiten Haarstern um fünf Uhr nur mit großer Mühe verortet hatte, verschwand dieser rasch zwischen Mondschein und Wolken.48 Als der Himmel eineinhalb Stunden später wieder aufriss, stieg Kepler erneut auf das Dach seines Hauses, um den zweiten Kometen noch einmal genauer 41 KEPLER, Ausführlicher Bericht, S.60 f. 42 MEINEL, Grenzgänger, S.50. 43 J.KEPLER, De Cometis Libelli tres […], Augsburg 1619, in: F.HAMER (Hrsg.), Johannes Kepler. Gesammelte Werke, Bd. 8, München 1963, S.131–262. 44 Ibidem, u.a. S.177, 180 f., 183 f. 45 Ebenda, S.177 f. 46 Ebenda, u.a. S.178, 181 f., 185. 47 Ebenda, S.183 f.: „Die 24.Nouvemb. Budowicis in Bohemia, in hybernis exercitus Caesaraeani, visum esse Cometam clara luce capite et cauda clarissimis, affirmavit mihi Maximilianus Marsilius Societas Jesu, tunc ibi praesens: id an ad secundum, an ad tertium referam, valdè ambigo.“ 48 Ebenda, S.185. 22 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2019 Schließlich darf die Bedeutung der Druckmedien für die memoriale Aufarbeitung der Eindrücke von 1618/19 sowie deren Verknüpfung mit dem Theatrum Belli nicht unterschätzt werden. Vor 1620/21, als noch nicht von einem Teutschen Krieg die Rede war, stellten selbst die gedruckten Zeytungen und Prognostica kaum Verbindungen zwischen beiden Komplexen her. Solche Rückschlüsse erlaubt jedenfalls die Lektüre zeitgenössischer Nachrichtenperiodica. Dazu zählen unter anderem die sogenannten Messrelationen, die halbjährlich zu den Frühjahrsund Herbstmessen in Frankfurt am Main und Leipzig erschienen.85 Von den insgesamt acht im Frühjahr 1619 publizierten Messrelationen erwähnen einige nicht einmal die Kometenereignisse vom Herbst und Winter 1618/19.86 Selbst jene, die hiervon Notiz nehmen, begnügen sich in der Regel mit stereotypen straftheologischen Warnbotschaften, ohne sich auf weitere Spekulationen über die Zukunft einzulassen. Vor allem stellen sie keine direkten Zusammenhänge zum Böhmischen Krieg her sowie dessen drohender Ausweitung zu einem europäischen Flächenbrand.87 Auch die ersten Flugschriftenund -blätter über die Kometen von 1618/19 assoziierten diese zunächst nicht mit den böhmischen Unruhen. Stellvertretend für andere mögen die Schriften von Elias Ehinger (1573–1553) stehen, nach 1635 Direktor des Gymnasium Poeticum in Regensburg, wo er auch verstarb. Als er mit seinem Iudicium Astrologicum einen der ersten illustrierten Drucke zum Winterkometen von 1618/19 publizierte, hielt er im dazugehörigen historischen Exempla-Katalog nicht nur negative Folgeereignisse fest.88 Als Gewährsmann und geistige Autorität zitiert er den renommierten Humanisten, Arzt und Naturforscher Julius Caesar Scaliger (1484–1558). Demnach belegten die „Historiae“, dass die „Cometae bisweilen gute sachen verkündiget und angezeigt“ hätten. Gleich als erstes Beispiel führt er jenen Schweifstern auf, der angeblich die Geburt Christi verkündet habe. Ansonsten dominieren in seinem pseudo-historischen Kometenkatalog die Negativ-Exempla. Weitergehende Schlussfolgerungen erspart sich Ehinger, denn „was nun deß jetzigen Cometae deutung sein wirdt, kann man zur zeit nicht eygentlich wissen“. Zwar kündigten solche Zeichen häufig Krieg, Blutvergießen und Teuerung an, doch liege ihre eigentliche Botschaft im Aufruf zur Umkehr und Buße.89 85 Immer noch wichtig: F.STIEVE, Ueber die ältesten halbjährigen Zeitungen oder Messrelationen und insbesondere über deren Begründer Freiherrn Michael von Aitzing, in: Abhandlungen d. 3.Klasse der königlichen Akademie der Wissenschaften, Bd. 16, 1.Abtlg., München 1883, S.179–265; außerdem: U.ROSSEAUX, Die Entstehung der Meßrelationen. Zur Entwicklung eines frühneuzeitlichen Nachrichtenmediums aus der Zeitgeschichtsschreibung des 16.Jahrhunderts, in: Historisches Jahrbuch 124, 2004, S.97–123; komplettes Bestandsverzeichnis bei: K.BENDER, Relationes Historicae. Ein Bestandsverzeichnis der deutschen Meßrelationen von 1583 bis 1648, Berlin u.a. 1994; kommentierte Bibliographie samt Inhaltsangaben und Angabe der Aufbewahrungsorte: E.B.KÖRBER, Messrelationen. Bibliographie der deutschund lateinischsprachigen „messentlichen“ Periodika von 1588 bis 1805, 2 Bde., Bremen 2018. 86 Aufgeführt bei BENDER, Relationes Historicae, S.151–154. 87 HILLE, Providentia Dei, S.369. 88 E.EHINGER, Judicium Astrologicum von dem Newen Cometa Welcher den 1.Decemb. 1618 am Morgen vor vnd 6.Vhren zu Augspurg vnd andern Orten von vielen Personen gesehen worden, [Augsburg 1618]. 89 Ebenda— Online Version der Bayerischen Staatsbibliothek, Bildnummern 6, 7, 10. MARTIN HILLE 23 Mit der relativen Unverbindlichkeit seiner Deutungen stand Ehinger unter den damaligen Kometenautoren alles andere als allein da. Vielmehr haben wir es mit einem Breitenphänomen zu tun, denn politische Rücksichten forderten hier ebenso ihren Tribut wie das konkurrenzintensive Geschäft der Zukunftsprognose.90 Um sich eine möglichst breiten Abnehmerkreis zu sichern, begnügten sich die Autoren oft mit recht dehnbaren Formeln. Hinzu kamen die Auflagen der Zensur sowie die Vorgaben der damaligen ,Arcan-Kultur‘ mit ihren Sozialkonventionen der Geheimhaltung, Dissimulation, Verstellung und Andeutung.91 So musste selbst Johannes Kepler einräumen, nur die Generalia und nicht die Specialia vorhersagen zu können.92 Ein Recht der freien Meinungsäußerung oder so etwas wie Pressefreiheit gab es damals eben noch nicht, Umstände, welche die Kalendersteller, Astrologen und Novellanten von vorn herein zu einer gewissen politischen Zurückhaltung zwangen. RESÜMEE Obwohl das Medienecho auf die Kometentrias von 1618/19 mittlerweile verhallt war, blieb die Erinnerung daran weit über das Kriegsende von 1648 hinaus wach. War es da reiner Zufall, dass im Vorfeld des Regensburger Reichstages von 1653/54, als das Friedenswerk von Münster und Osnabrück in geltendes Reichsrecht umgesetzt werden sollte, erneut ein heller Haarstern über der Stadt gesichtet wurde? Immerhin illustrieren vier zeitgenössische Kupferstiche das nächtliche Himmelsschauspiel in scharfen schwarz-weiß-Kontrasten. Bezeichnenderweise fanden diese Eingang in den siebten Band des Theatrum Europaeum von Johann Georg Schleder aus Regensburg, einem Fortsetzungswerk zur Geschichte des Dreißigjährigen Krieges.93 So wurde die Memoria an 1618/19 gerade dann lebendig, wenn erneut ein Komet am Nachthimmel auftauchte. Im Jahr 1665 war es wieder einmal soweit: Gleich zwei Schweifsterne hintereinander zogen am europäischen Firmament vorüber, der Eine vom November 1664 bis zum Januar 1665, der Andere im April 1665.94 Kein Wunder, dass sich das doppelte Himmelsereignis rasch zu einem Medienereignis entwickelte. Nicht weniger als 146 Flugblätter, Flugschriften und Traktate verließen allein im Jahr 1665 die überwiegend deutschen Druckerpressen. Das war noch mehr als im letzten 90 Vgl. HILLE, Providentia Dei, S.36. 91 Zur Bedeutung von Geheimnis, Verstellung und Symbolsprache in der höfisch geprägten Kommunikationskultur der frühen Neuzeit: A.GESTRICH, Absolutismus und Öffentlichkeit. Politische Kommunikation in Deutschland zu Beginn des 18.Jahrhunderts, Göttingen 1994, hier bes. S.41–59; A.V.HARTMANN, Arcana Imperii und Theatrum Mundi: Überlegungen zur Bedeutung des Geheimnisses in der Frühen Neuzeit, in: Geschichte und Wissenschaft und Unterricht 53, 2002, S.434–443. 92 STRAUSS, Kepler, S.123. 93 Eigentlicher Abriß und Situation des Newen Sterns, wie derselbe zu Regenspurg, und anderen Orthen im H.Röm. Reich, den 14.15.16.24.25.26 Decembris des 1652 Jahrs Observiert und gesehen worden, in: J.G.SCHLEDER, Irenico-Polemographia, sive Theatri Europaei continuati septennium. Das ist. Sieben-Jährige Historisch-außgeführte Friedens-und Kriegsbeschreibung, Bd. 7, Frankfurt/M. 1663, Taf. 14, S.318 f. 94 MEINEL, Grenzgänger, S.78 ff. 24 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2019 Rekordjahr 1619, als immerhin 120 Titel auf den Markt kamen.95 Natürlich wurde auch an 1618/19 erinnert, besonders an die schlimmen, jahrzehntelangen Kriegsheimsuchungen nach damals „beschehener Erscheinung“.96 In den Jahren 1618/19 war das noch anders. Solange die Flugschriftenverfasser, Chronisten und Tagebuchschreiber ihre Eindrücke aus einer synchronen Perspektive festhielten, stellten sie kaum Verbindungen zwischen den böhmischen Unruhen und jener Kometenserie her. Selbst von einem drohenden göttlichen Strafgericht war eher selten die Rede, wenngleich die Kriegsangst hier und da ihren schriftlichen Niederschlag fand. Noch mehr ins Zentrum der Berichterstattung rückte die Böhmische Rebellion in den zeitgenössischen Nachrichtenperiodica. Dafür wurde darin dem Himmelsschauspiel von 1618/19 eher marginale Notiz geschenkt, ja ein Kontext zur wachsenden Kriegsgefahr in Europa nicht einmal angedeutet. Erst um 1621/22 zeichnete sich bei den Chronisten und Historica-Autoren eine signifikante Verschiebung der Zeitperspektiven ab. Immer häufiger wurde jene Kometentrias als böses Omen für die spätere Ausweitung des böhmisch-habsburgischen Konflikts auf „Teutschland“ aufgefasst. Zwei ursprünglich separat wahrgenommene Ereignisse am Himmel und auf Erden verdichteten sich nun in den Köpfen der Zeitgenossen zu einer einzigen Sinnformation, zur Sinnformation von ,Komet und Kriegsausbruch‘. Und doch wurde der Vorzeichencharakter jener Schweifsterne für das politisch-religiöse Schicksal Böhmens, Habsburgs und Europas bereits zur Zeit ihres Erscheinens erörtert, besonders in gebildeteren Kreisen. Die gelehrte Korrespondenz eines Johannes Kepler sowie die vielen besorgten Anfragen patrizischer und höfischer Kreise bei ihm legen hiervon Zeugnis ab. Außerdem hatte der Mathematicus einen Zusammenhang zwischen dem aktuellen Himmelschauspiel, den böhmischen Querelen und dem Halleyschen Kometen von 1607 hergestellt. Für Kepler stand dieser am Anfang jener schon seit über einem Jahrzehnt anhaltenden Unruhen in den habsburgischen Erblanden, Unruhen die sich seit dem Frühjahr 1618 dramatisch zuspitzen sollten. Darüber hinaus hatte er frühzeitig vor einer Eskalation des böhmischen Aufstandes gewarnt, ja vor dessen Ausweitung zu einem mitteleuropäischen Flächenbrand, Befürchtungen, die sich schon mittelfristig bewahrheiten sollten. 95 Nach BRÜNING, Bibliographie, S.140–164, 202–235. 96 ANON., Wunderbare Wider-Erscheinungen eines Neu-geschwantzten Cometens […s.l. 1665], o.S.