scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Reflexion des preußisch‑österreichischen Krieges in der Memoirenliteratur aus Böhmen und Mähren

Šimůnek, Vojtěch

Abstract

139

Full text

Reflexion des preußisch ‑österreichischen Krieges in der Memoirenliteratur aus Böhmen und Mähren1 Vojtěch Šimůnek– Palacký ‑Universität Olomouc ABSTRACT Reflections on the P,russian ‑Austrian war in memoir literature from Bohemia and Moravia The Austro ‑Prussian War of 1866 is considered to be ahistoric and political turning point in European history and has therefore been intensively and variously reflected in the literature. Since the most important and decisive events in the context of this war took place in the Central European (cultural) region, it makes sense to analyse the immediate reactions to the war in the memoirs from Bohemia and Moravia (Beda Franz Dudík, Edu‑ ard Deutsch, Emanuel Salomon von Friedberg ‑Mírohorský, Josef Simon). The following article deals the question of how the Austro ‑Prussian War of 1866 was reflected in the memoirs from Bohemia and Moravia. Similarly, it aims to discover to what extent these works were responsible for typical interpretive patterns that later became dominant for the (culture ‑specific) interpretation of the war. KEYWORDS Austro ‑Prussian War 1866; memoirs; cultural memory; literature from Bohemia and Moravia 1. EINFÜHRUNG Der preußisch ‑österreichische Krieg 1866 gehört zu den bedeutendsten europäischen Kriegen des 19. Jahrhunderts. Dieses Ereignis gilt dementsprechend als ein histori ‑ scher und politischer Wendepunkt in der Geschichte Europas und wurde daher auch von der Literatur intensiv und höchst unterschiedlich reflektiert. Da sich die ent‑ scheidenden Ereignisse im Rahmen dieses Krieges in der mitteleuropäischen (Kultur) Region abspielten, liegt es nahe, die unmittelbaren Reaktionen auf den Krieg in der Memoirenliteratur aus Böhmen und Mähren zu erforschen. Da dieser Krieg einer der wichtigsten Schritte zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs war und so eine Lösung der sog. deutschen Frage brachte (Bremm 2016: 275f.), wurde das Jahr 1866 und die „Trennung“ von Deutschland zu einem Trauma für die (Deutsch)Österreicher (Kienzl 2014: 35) und die Kriegserfahrungen von 1866 wurden dementsprechend zu 1 Die Ausarbeitung dieses Beitrags wurde dank der gezielten Unterstützung der Universitätsforschung ermöglicht, die das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport der Tschechischen Republik der Philo‑ sophischen Fakultät der Palacký ‑Universität Olmütz gewährt hat (IGA_FF_2021_035). 140 BRÜCKEN 29/1 einem wesentlichen Bestandteil ihres kulturellen Gedächtnisses. Mit der Bedeutung des Krieges von 1866 fürs kulturelle Gedächtnis befasste sich u.a. der berühmte öster‑ reichische Historiker Friedrich Heer in seinem Werk Der Kampf um die österreichische Identität, wobei er besonders das Kriegsjahr 1866 mit der ominösen Suche nach der „österreichischen Identität“ in Zusammenhang brachte (Heer 1996: 233–235). Im Rahmen dieser Suche kehrte man häufiger zur Bedeutung des preußisch‑ österreichischen Krieges zurück, wobei er eher in Verbindung mit den deutsch ‑öster‑ reichischen Beziehungen als in Verbindung mit den deutsch ‑tschechischen oder österreichisch ‑tschechischen Beziehungen thematisiert wurde. Der Machtkampf im Deutschen Bund zwischen Preußen und Österreich und der darauffolgende Krieg von 1866 wurden im Laufe der Zeit wiederholt aufgegriffen. Es sei etwa an den Witz aus der Zeit des Nationalsozialismus erinnert, „Hitler sei Österreichs Rache für Kö‑ niggrätz“ (Heer 1996: 234). Dieses von Ernst Niekisch stammende Zitat soll vor allem „den Sieg der süddeutschen völkischen Ideologie über den klassischen Nationalismus und Chauvinismus Preußens und des Nordens“ zusammenfassen (Pulzer 2004: 331). Für die Tschechen bedeutete dieser Krieg und seine Folgen eine große Enttäuschung und führte zu einer vertieften Entfremdung von der Habsburger Monarchie (Bremm 2016: 268f.). Im Folgenden soll der oben angedeuteten Frage nachgegangen werden, wie der preußisch ‑österreichische Krieg 1866 in der Memoirenliteratur aus Böhmen und Mähren reflektiert wurde und inwiefern sich bereits hier typische Deutungsmuster formierten, die später für die Sinngebung des Krieges dominant wurden. 2. MEMOIREN UND DAS KOLLEKTIVE GEDÄCHTNIS Die bereits erwähnte Problematik der Identitätsbildung hängt sehr eng mit dem sog. kollektiven Gedächtnis zusammen. Für die Ziele dieser Studie ist dabei von Bedeutung, dass es ein breites Spektrum literarischer Texte gibt, die als Medium des kollektiven Gedächtnisses dienen. Zu diesen Texten sind auch die Memoiren zu zählen. Neben dem kollektiven Gedächtnis unterscheidet der deutsche Kulturwissen‑ schaftler Jan Assmann auch das sog. kulturelle Gedächtnis, dessen Funktion er als die ‚Arterhaltung‘ der Menschheit in einer dauerhaften und akzeptablen Form definiert (Assmann 1988: 12). Unter dem Begriff des kulturellen Gedächtnisses wird auch ein kollektiv geteiltes Wissen vornehmlich über die Vergangenheit verstanden, „auf das eine Gruppe ihr Bewußtsein von Einheit und Eigenart stützt“ (Assmann 1988: 15). Als einer der zentralen Gedanken im Rahmen der Erforschung von Kultur, Gedächtnis und ihrem Zusammenhang gilt jedoch, dass es unterschiedliche Motivationsper‑ spektiven des Erinnerns gibt: „Die einen erinnern sich an die Vergangenheit aus Angst, von ihrem Vorbild abzuweichen, die anderen aus Angst, sie wiederholen zu müssen.“ (Assmann 1988: 15f.) Es ist vor allem die kulturelle Überlieferung, die einen wesentlichsten Einfluss darauf hat, welche Teile der Vergangenheit einer bestimm‑ ten Gesellschaft oder eines bestimmten Volkes hervortreten und welche dagegen verborgen bleiben. Die Handhabung der Möglichkeit, die Rolle der Vergangenheit „in der Wertperspektive ihrer identifikatorischen Aneignung“ (Assmann 1988: 16) bestimmen zu können, ist aussagekräftig in Bezug auf die (aktuellen) Vorhaben der konkreten Gesellschaft. 141VOJTĚCH ŠIMŮNEK Die Literatur dient als eine eigenständige symbolische Form der Erinnerung. Lite‑ rarische Texte reflektieren die Prozesse und Probleme des kollektiven Gedächtnisses, handeln die Erinnerungskonkurrenzen aus und vermitteln Geschichtsbilder. 2 Die Wir‑ kung der Literatur in der Erinnerungskultur basiert auf Differenzen oder Ähnlichkei‑ ten zu kulturellen Gedächtnisprozessen. Es ist möglich, bestimmte Konvergenzpunkte festzustellen, zu denen allgemein „die Bildung prägnanter Erinnerungsfiguren und die Tendenz zur Sinnstiftung durch Narrativisierung und Gattungsmuster“ (Erll 2011: 173) zu zählen sind. Sowohl Gedächtnis als auch Literatur stellen nämlich konstruktive Wirklichkeits‑ und Vergangenheitsvarianten dar. Literarische Texte unterscheiden sich aber von anderen symbolischen Formen und spielen aufgrund einiger Privilegien im Zusammenhang mit anderen Symbolsystemen der Erinnerungskultur eine be‑ sondere Rolle. In der Memoirenliteratur werden die Erinnerungen aus einer Menge von verschiedenen Ereignissen, Medien und Prozessen ausgewählt, was allerdings mit den unterschiedlichen Motivationsperspektiven des Erinnerns zusammenhängt. Da sowohl das individuelle als auch das kollektive Gedächtnis nicht fähig sind, eine unbegrenzte Anzahl an Informationen aufzunehmen, unterliegen die einzel‑ nen Daten und Fakten bestimmten Selektionsprozessen. Es handelt sich hierbei um einen gemeinsamen Zug des autobiographischen Gedächtnisses, das sich in der Memoirenliteratur als essenziell zeigt, und des kollektiven Funktionsgedächtnisses, das genau wie das autobiographische Gedächtnis auf dem „Prozeß der Auswahl, der Verknüpfung, der Sinnkonstitution“ (Assmann 1999: 137) beruht. Literatur und Gedächtnis begegnen sich in drei zentralen Schnittpunkten, näm‑ lich der Verdichtung, der Narration und der Gattungsmuster. Das Verfahren der Ver‑ dichtung beruht darauf, dass die komplexen vergangenen Ereignisse im Rahmen des Erinnerungsprozesses durch „bestimmte Topoi, Narrative und Ikonen repräsentiert werden“ (Erll 2011: 174–176), in denen sich die Bedeutung der Vergangenheit zeigt. 3 Da‑ gegen ermöglicht die Narration bewusste Vergegenwärtigung von Erinnerungen. Bei der Analyse von Erzähltexten wird in der strukturalistischen Narratologie elementar „zwischen dem paradigmatischen Aspekt der Selektion von Erzählgegenständen und dem syntagmatischen Aspekt ihrer Kombination bzw. Konfiguration unterschieden“ (Erll 2011: 175). Die narrativen Strukturen gelten als integrierende Elemente jeder Erinnerungs‑ struktur. Die Narrativisierung von historischen Begebenheiten oder pränarrativen Erfahrungen zu einer Geschichte sind die Grundlage ihrer Deutung: „Die Welt der Kollektivgedächtnisse ist eine Welt der Narrative, in deren Rahmen die Vergangen‑ heit bereits weitgehend in sinnhafte Strukturen überführt worden ist.“ (Erll 2011: 175) Die „Sinnbildung über Zeiterfahrung“ 4 (Körber 2014: 2) wäre ohne Narration nicht möglich. 2 Zu anderen symbolischen Formen mit vergleichbarer Funktion gehören z.B. Mythos, Recht, Religion oder Wissenschaft. 3 Das Datum des 9. Novembers ist ein Beispiel für das Verfahren der Verdichtung. Mit dem 9. November sind mehrere Begebenheiten verknüpft wie die Novemberrevolution 1917, der Ludendorff ‑Hitlerputsch von 1923, die Reichspogromnacht 1938 oder der Fall der Berliner Mauer 1989. 4 Der Begriff „Sinnbildung über Zeiterfahrung“ stammt von dem deutschen Historiker und Kulturwis‑ senschaftler Jörn Rüsen. Die Bildung von Sinn über die Erfahrung von zeitlicher Kontingenz versteht er als das historische Denken bzw. das ‚Geschichtsbewusstsein‘. 142 BRÜCKEN 29/1 Aus dem kollektiven Gedächtnis ergibt sich das gemeinsame Wissen von Gesell‑ schaften, zu dem die Gattungsmuster als omnipräsente Kodierungen von Geschehens‑ verlaufen gehören. Das gemeinsame Wissen ist als ein unentbehrlicher Bestandteil der autobiographischen Erinnerung zu verstehen, der auch bei der Rezeption be‑ rücksichtigt werden sollte. Das heißt, dass auch die Memoiren Elemente von Ent‑ wicklungsverläufen beinhalten, die sich auf das kollektive Gedächtnis beziehen und dem Individuum helfen, seinen eigenen Lebensweg zu erzählen. Die Gattungsmuster in der Literatur werden also „in engem Kontakt zu ihrem erinnerungskulturellen Kontext“ (Erll 2011: 176) dargestellt. Bei der Vermittlung von Inhalten des kollektiven Gedächtnisses zeigen sich in literarischen Texten distinktive Merkmale. Zu diesen symbolsystemspezifischen Merkmalen zählen wir die sog. fiktionalen Privilegien und Restriktionen, Interdis‑ kursivität und Polyvalenz. Zu den fiktionalen Privilegien, die auf den fiktionalen Status literarischer Werke zurückgehen, gehört z.B. die Möglichkeit der uneinge‑ schränkten Innenweltdarstellung, Imagination alternativer Wirklichkeiten, fiktive Erzählinstanzen sowie Integration von Elementen, die entweder nicht belegt oder sogar kontrafaktisch sind (Nünning 1995: 175). Obwohl von Memoiren und Autobiographien ein höherer Anspruch auf Referen‑ zialität erwartet wird (Erll 2011: 178), ist es nicht immer so einfach. Der Anspruch auf Wirklichkeitsreferenz lässt sich bei den Memoiren oder Autobiographien z.B. von einem Ich ‑Roman rein textstrukturell nur schwierig unterscheiden. Darüber hinaus wird die Differenzierung zwischen fiktionaler und autobiographischer Schreibweise von Seiten der Kritik der sprachlichen Repräsentation durch die Dekonstruktion radikal in Frage gestellt (Marszałek 2017: 1). Die Memoiren als literarische Gattung haben neben ihrem subjektiven Charakter auch weitere Spezifika. Bereits Georg Misch, ein Pionier der Autobiographieforschung, versuchte die Besonderheiten der Memoiren als eines Genres festzustellen und sie somit von der Autobiographie zu unterscheiden. Im Vergleich zur Autobiographie sollte das Verhältnis der Memoirenschreiber zu ihrer Umwelt eher passiv sein. „Ob‑ wohl sie von sich zumeist– regelmäßiger als der Selbstbiograph– in der ersten Person schreiben“ (Misch 1949: 17), führen sie sich meist nur als Beobachter der erzählten Vorgänge und Aktionen ein. Diese Hypothese wird später durch Bernd Neumann mo‑ difiziert, in dem er argumentiert, dass die Memoirenautoren „als Träger einer sozialen Rolle“ (Neumann 1970: 11) sprechen. Demnach wurde die politische und individuelle Dimension der Lebensgeschichte v.a. in den Memoiren des 19. Jahrhunderts besonders hervorgehoben, wobei der ‚Memoirenschreiber‘ als eine Kraft in einem größeren und zusammenhängenden sozialen sowie politischen Netzwerk wirkte. So wird der subjektive Charakter der Memoiren noch mehr unterstützt. Trotz des höheren Anspruchs auf Referenzialität sollen sie also nicht als objektive Quellen betrachtet werden, sondern als literarische Texte, die jedoch von den fiktionalen Pri‑ vilegien im Vergleich zu anderen literarischen Vergangenheitsdarstellungen weniger motiviert sind. 143VOJTĚCH ŠIMŮNEK 3. REFLEXION DES PREUSSISCH ‑ÖSTERREICHISCHEN KRIEGES IN DER MEMOIRENLITERATUR AUS BÖHMEN UND MÄHREN 3.1 BEDA FRANZ DUDÍK: ERINNERUNGEN AUS DEM FELDZUG IN ITALIEN 1866 Beda Franz Dudík war ein mährischer Priester, Historiker und Schriftsteller, der bereits Anfang Juni 1866 als Historiker und amtlicher Berichterstatter dem Haupt‑ quartier der Südarmee5 zugeteilt wurde. In dieser Funktion verfasste er insgesamt 27 Briefe, wobei der erste Brief zum 17. Juni und der letzte Brief zum 15. August 1866 datiert werden (Dudík 1870: 17). Er schickte seine Briefe bereits im Verlauf des Krieges aus Verona nach Wien, wo sie in der Wiener kaiserlichen Zeitung abgedruckt wurden. Im Jahre 1870 erschien seine Korrespondenz mit Ergänzungstexten 6 in Buchform, wobei die einzelnen Briefe chronologisch mehreren Kapiteln zugeordnet werden, die durch ihre Titel auf konkrete Kriegsereignisse hinweisen. 7 Das zweite Kapitel widmet er der Schlacht bei Custozza, die sich am 24. Juni 1866 zwischen Italien und dem Kaisertum Österreich abspielte. Auf dieses Kapitel folgen insgesamt 14 Briefe, in denen er nicht nur die Schlacht bei Custozza, sondern auch den weiteren Verlauf des Krieges gegen Italien schildert (Dudík 1870: 138f.). Obwohl es sich in diesem Fall eher um Kriegsreportagen handelt, betitelt Dudík seine Briefe als Erinnerungen. Der Brief als Medium der Erinnerung unterstützt nämlich wesentlich die Authentizität und Glaubwürdigkeit seiner Reportagen. Ob‑ wohl sich Dudík mit den Konsequenzen des preußisch ‑österreichischen Krieges sowie konkreter Schlachten beschäftigt, hat er keine Schwierigkeiten zu gestehen, dass er Einiges nicht genau vermitteln kann, weil er in bestimmten Situationen nicht fähig war, die ‚aktuelle‘ Lage wahrzunehmen. Wenn er ein Ereignis beschreibt oder vermittelt, gesteht er manchmal, dass ihn sein Gedächtnis trügen kann und seine Erinnerungen nicht vollständig sein müssen, was die Glaubwürdigkeit seiner Repor‑ tagen als Ganzes jedoch unterstützt. Hätte er dagegen keine Fehler zugelassen bzw. sich deutlich als ein glaubwürdiger Vermittler dargestellt, hätte es die Authentizität seiner Erinnerungen noch vermindert. Außer der ‚technischen‘ Seite des Krieges8 und einer zusammenfassenden Be‑ schreibung der Verteilung von feindlichen Streitkräften an der österreichischen Grenze wird immer wieder die unverzichtbare Hilfe Gottes betont. Da es sich um Reportagen eines Priesters handelt, ist es kaum überraschend, dass Dudík in seinen Schilderungen seine Andacht, Liebe zum katholischen Italien und sein Wissen über Heilige mehrmals demonstriert. Seines Erachtens ist es vor allem Gott, der auf den Krieg und auf seine Entwicklung einen realen Einfluss hat (Dudík 1870: 8). In diesem 5 Das österreichische Militär hatte die Südarmee während des preußisch ‑österreichischen Krieges gegen Italien zur Verfügung, das in diesem Krieg ein Verbündeter Preußens war. 6 Die einzelnen Briefe wurden inhaltlich nicht geändert. Sie wurden bloß in eine chronologische Reihen‑ folge gebracht und um einzelne Texte ergänzt, in denen Dudík die Rolle eines Historikers übernimmt und den historischen Hintergrund der folgenden Briefe erklärt. 7 Die ersten neun Briefe fasste er im Kapitel „Eröffnung des Feldzuges“ zusammen. 8 Es wurden z.B. die Bewegungen und Strategien der beiden österreichischen Armeen beschrieben, wo‑ bei immer sehr konkrete zeitliche, örtliche und persönliche Angaben zu Bestandteilen der erzählten Ereignisse werden. 144 BRÜCKEN 29/1 Zusammenhang befasst sich Dudík beispielsweise mit dem kaiserlichen Manifest und vornehmlich mit der Stellung der beiden österreichischen Armeen zu diesem kaiserlichen Manifest, das er mit dem Wort Gottes gleichsetzt. Während die Südarmee, der Dudík zugeteilt wurde, sich das kaiserliche Wort zu Herzen nahm, ignorierte die Nordarmee unter der Führung des Feldzeugmeisters Ludwig von Benedek „den alten Gott“ (Dudík 1870: 9) und wollte selbst handeln. Sie erhob sich quasi über das Wort Gottes, was die „österreichische Katastrophe“ (Bremm 2016: 245) verursacht haben soll. Auf der anderen Seite soll auf dem Weg nach Wien dem „ruhmgekrönten Sieger von Custozza“ (Dudík 1870: 138) Erzherzog Albert von Sachsen ein Hoch zugerufen worden sein, obwohl das Kaisertum Österreich bereits die entscheidende Niederlage vom 3. Juli 1866 hinter sich hatte. So wurde durch die Narration ein Geschichtsbild vermittelt, das die Südarmee als die Siegerarmee unter Beistand Gottes darstellt, die ihre Aufgabe erfüllte. Der Erzherzog wurde nicht nur als „das Symbol des bereits er‑ rungenen Sieges“, sondern auch als „das Zeichen der künftigen Heldenthaten“ (Dudík 1870: 139) gefeiert. Dudík distanziert sich an dieser Stelle von den Misserfolgen der Nordarmee und konstruiert ein Narrativ, das die Südarmee uneingeschränkt als loyal, andächtig und heldenhaft darstellt. Es scheint seine Absicht zu sein, alle (auch künftigen) Heldentaten der Südarmee zuzuweisen, wobei die Abkehr der Nordarmee von Gott als Grund aller Misserfolge dargestellt wird. Gleichzeitig gesteht er jedoch, dass die Nordarmee gegen einen Feind kämpfte, der ihr an Stärke wesentlich über‑ legen war (Dudík 1870: 164). Seines Erachtens soll die Südarmee wirklich nicht verlassen worden sein, weil sie um Gottes Beistand flehte. Außerdem wird auch die Entwicklung des Konflikts zwischen dem Kaisertum Österreich und dem Königreich Italien9 thematisiert und die im Zusammenhang mit den Soldaten der Südarmee so oft wiederholte Loyalität zum Kaiser und Österreich betont: Unter Gottes Beistand und unter dem Schutze der schwarzgelben Fahne kennt der Soldat der Südarmee keinen Widerstand mehr, und je drohender ihm die Gefahr geschildert wird, desto kühner trotzt er derselben. (Dudík 1870: 17) Die Herausgabe der Briefe im Jahre 1870 war ein Versuch, nicht nur die vermeint‑ liche ‚Gottlosigkeit‘, sondern auch das katastrophale Kriegsende zu ‚ergründen‘, also eigentlich ein Vorgehen, das von einem Priester zu erwarten ist. Diese ‚Er‑ bzw. Be‑ gründung‘ ist ein integraler Bestandteil dessen, wie Dudík die historische Aufgabe Mährens sowie der ganzen Habsburger Monarchie versteht und wie er sie bereits in der Vorrede zum ersten Band seines Werkes Mährens allgemeine Geschichte beschrieb: Mähren hatte nämlich die schöne Aufgabe, als Sions ‑Wächter hingestellt zu werden mit dem Flammenschwerte des apostolischen, am Petri ‑Stuhle genährten und ge‑ schärften Glaubens, nicht etwa gegen Byzanz […]; aber gegen Deutschland sollte Mähren auf die Wache gestellt werden. (Dudík 1860: 8) 9 In seinen Erinnerungen kehrt er z.B. auch zu Giuseppe Garibaldi oder dem Zweiten Italienischen Un‑ abhängigkeitskrieg vom Jahre 1859 zurück. 145VOJTĚCH ŠIMŮNEK So versteht Dudík nicht nur Mähren, sondern auch die katholische Monarchie als ‚Wächter‘, die vor Deutschland vorsichtig bleiben sollen. Die Niederlage und die damit verbundenen Katastrophen versteht er als einen Plan Gottes bzw. eine planmäßige Abfolge göttlicher Handlungen. So versucht er als Priester, die Hoffnung zu behalten, dass alles zu einem richtigen Ende nach Gottes Willen führt. Er stellt sich in den Kriegsreportagen als ein Zeuge des Leidens dar, das er selbst auf dem Schlachtfeld und in Lazaretten erlebte. Außer Gott, dessen Beistand seines Erachtens die größte Rolle im Leben eines Menschen spielt, spricht er den Opfern des Krieges eine große Bedeutung zu. Er hält sie für Helden, an die man sich erinnern and auf die man stolz sein soll. Ein sehr wichtiges Thema in seinen Briefen ist die Heimat‑ liebe und die Loyalität dem Kaiser gegenüber, dessen Manifeste mit dem Wort Gottes gleichgesetzt werden. Den Kaiser versteht er als seine apostolische Majestät, die den Plan Gottes auf Erden zu ‚realisieren‘ hilft. Er nimmt die kaiserliche Armee als Ganze wahr, ohne auf die einzelnen Natio‑ nen aufmerksam zu machen, die das österreichische Heer bildeten. Die Gegenseite bezeichnet er jedoch meistens als Feinde und so wird sie auch wahrgenommen. Obwohl es zu der „Reichsgründung“ (Bremm 2016: 33) erst ein Jahr später nach der Herausgabe dieser Briefe kam, ist das Trauma von 1866 bereits hier zu spüren. Dudík spricht den schweren Opfern eine große Bedeutung zu und versucht Österreich zu ermutigen. Die Gefallenen von 1866 sollten durch ihr tapferes Heldentum dem Stolze Österreichs ruhmvolle Erinnerungen, wichtige Lehren und die Achtung der ganzen Welt ‚erkaufen‘ (Dudík 1870: 164). Die klare Einstellung Dudíks sowie die Deutung seiner Kriegsreportagen hängen auch damit zusammen, dass er seine Briefe als amtlicher Berichterstatter im Auf‑ trage des Mährischen Landesausschusses verfasste. Dementsprechend erfüllte er in seinen Kriegsreportagen nicht nur die Rolle eines ‚einfachen‘ Beobachters, sondern er vermittelte ein offiziell genehmigtes Bild der Südarmee und der Kriegsereignisse. Da es sich in diesem Falle um keine privaten Erinnerungen eines gewöhnlichen ‚Be‑ obachters‘ handelt und Dudíks Briefe propagandistisch eine offizielle Deutung der Begebenheiten von 1866 darstellen, ergeben sich weitere Fragen, die als Desiderat für weitere Forschung offenbleiben: So zum Beispiel, ob auch andere Historiker in glei‑ cher Rolle angestellt wurden, oder wie ihre Funktion in der Presse reflektiert wurde. 3.2. EDUARD DEUTSCH: DIE PREUSSEN IN MÄHREN 1866. ERINNERUNGEN Die Erinnerungen von Eduard Deutsch erschienen im Selbstverlag im Jahre 1891, also ein Vierteljahrhundert nach der Okkupation Mährens durch die preußische Armee. Es handelt sich jedoch nicht um das erste Werk Deutschs, in dem er sich mit den Kriegsereignissen von 1866 auseinandersetzt. Bereits im August 1866 gab Deutsch das Buch Die Occupation Mährens durch königlich preußische Truppen 1742 und 1866 heraus, in dem mehrere Passagen zu finden sind, die auch in den 1891 erschienen Erinnerungen vorkommen. Die Fassung von 1866 wird um Deutschs eigene Aufzeichnungen und um einen Bericht über die Ereignisse auf dem böhmischen Kriegsschauplatze ergänzt, was zur Glaubwürdigkeit seines Textes beitragen sollte. Deutsch ist sich bewusst, dass er wahrscheinlich auf abschlägige Kritik seines Werkes stoßen wird. Deswegen setzt er sich bereits im Vorwort mit seinen potenziellen Kritikern auseinander: 146 BRÜCKEN 29/1 Wohl gibt es bei uns Leute, denen es angenehm gewesen wäre, hätte ich in der unparteiisch und wahr geschriebenen Skizze den von ihnen mit blinder Leiden‑ schaft gehaßten Gegner verkleinert, […]. Allein unbekümmert um die Sorte von Patrioten, welche immer kaiserlicher sein wollen, als der Kaiser selbst, […], bin ich einzig und allein der Stimme meines Gewissens gefolgt. (Deutsch 1866: Vorwort [ohne Seitenzahl]) So positioniert sich Deutsch klar gegen eine radikal antipreußische Tendenz, die seinen Text ideologisch manipulieren könnte, und untermauert damit den Objekti‑ vitätseffekt. Außerdem macht Deutsch darauf aufmerksam, dass seine Arbeit einen hohen Wichtigkeitsgrad aufweist, da er sie als „die erste dieser Art“ bezeichnet, die „eine freundlichere Gesinnung gegen die benachbarte preußische Nation“ an den Tag lege (Deutsch 1866: Vorwort [ohne Seitenzahl]). Nach 25 Jahren gab dann Deutsch seinen Text unter dem Titel Die Preußen in Mähren 1866 heraus, den er selbst als Erinnerungen bezeichnete. Bereits in der Vorrede dieser Fassung versetzt er sich in die Rolle eines Beobachters, was eine bestimmte Distanz zu den in seinen Erinnerungen beschriebenen Begebenheiten impliziert. Er wählt wiederum eine leicht andere ‚Strategie‘ als Beda Franz Dudík, um sich als ein glaub‑ würdiger Vermittler seiner eigenen Erinnerungen zu legitimieren. Deutsch versucht zu zeigen, dass er sich an dem Erinnerten nicht aktiv beteiligte, obwohl er sich als derjenige darstellt, der diese bedeutsamen Ereignisse miterlebt und mitempfunden hatte. Damit zeigt er, dass er keine Motivation zur Entstellung des Bildes jener Zeit durch unwahre Elemente hat, was er bereits in der Vorrede seiner Erinnerungen de‑ klariert (Deutsch 1891: Vorwort [ohne Seitenzahl]). Das Verfassen seiner Erinnerungen hat ein vollkommen anderes Ziel, als den Stolz Österreichs und das tapfere Heldentum österreichischer Soldaten zu betonen. Sein Ziel, das er gleich am Anfang seiner Memoiren explizit äußert, sei es nämlich, durch die freundliche Aufnahme seiner Schrift „die Strahlen der Versöhnung in die Räume […], wo noch immer Neid und Rachsucht wohnen“ (Deutsch 1891: Vorwort [ohne Seitenzahl]), zu werfen. Um diesem Ziel nachzukommen, verwendet er einige Mittel wie z.B. die Idealisierung der Beziehungen zwischen Preußen und Österreich vor dem Kriegsausbruch im Rahmen des Deutschen Bundes, wo Preußen auf der einen Seite mehrmals die Bundesrechte und den Bundesfrieden verletzte und Österreich sich auf der anderen Seite unter der Führung Metternichs immer bemühte, seine Hegemonie im Bund zu bewahren (Bremm 2016: 25–27).10 Deutsch bewegt sich in seinen Erinnerungen auf zwei Ebenen. Erstens beschreibt er chronologisch die einzelnen Tage vom 21. Juni 186611 bis zum 18. Oktober 186612, wobei er die Begebenheiten schildert, die sich an diesen Tagen zugetragen hatten. Da aber einige Tage und Ereignisse unerwähnt bleiben, stellt sich die Frage, ob er das mit 10 Eduard Deutsch sieht den Anlass zur Zerstörung der ‚Freundschaft‘ zwischen Preußen und Öster‑ reich in der sog. Schleswig ‑Holstein ‑Frage, die er ausschließlich mit dem Jahre 1866 verbindet und überhaupt nicht erwähnt, dass diese Frage ein überdauerndes Problem im Deutschen Bund seit der 1848er ‑Revolution war. Dies passt allerdings zu seiner Methode der Idealisierung und „Versöhnung“. 11 Am 21. Juni 1866 wurde die offizielle Kriegserklärung an Österreich in Form eines Schreibens über‑ bracht. 12 Am 18. Oktober 1866 besucht Kaiser Franz JosephI. Brünn. 147VOJTĚCH ŠIMŮNEK Intention tut oder ob er sie für unwichtig hält bzw. sich an sie nicht erinnern kann. Auf der zweiten Ebene widmet er sich schicksalhaften Ereignissen resp. bestimmten Fixpunkten, an welche sich der Horizont des kulturellen Gedächtnisses bindet. Zu diesen schicksalhaften Ereignissen kam es häufig viele Jahrhunderte vor dem Jahre 1866 bzw. vor dem Jahre 1891, in dem Eduard Deutsch seine Erinnerungen schreibt. Dementsprechend konnte er die Geschehnisse der vorigen Jahrhunderte nicht mit‑ erleben, also werden die eigentlichen „Erinnerungen“ hier in das Gewebe des weiter‑ reichenden kulturellen Gedächtnisses eingewoben, genauer gesagt, sie werden durch „Erinnerungsfiguren“ hervorgerufen und wachgehalten (Assmann 1988: 12). Im Vergleich zu den Kriegsreportagen von Beda Franz Dudík, der im Rahmen des preußisch ‑österreichischen Krieges die ‚Feinde‘ von der österreichischen Armee klar trennte, konzentriert sich Deutsch in seinen Erinnerungen hauptsächlich auf die Rolle der preußischen Soldaten in Mähren, deren Bild unter der mährischen Bevölkerung noch vor ihrer Ankunft sehr negativ war (Deutsch 1891: 5). Deutsch, der sich selbst implizit zu den Deutschmährern13 zählte, sympathisierte mit der Stadtverwaltung der Stadt Brünn, die nach der Ankunft der Preußen in einigen ausländischen Medien14 als schwach und servil dargestellt wurde. Das Ziel des damaligen Bürgermeisters war es je‑ doch nicht, auf die Ehre und den Patriotismus Mährens zu verzichten, sondern das Bild der Preußen zu verbessern und dadurch unnötige Panik zu vermeiden (Deutsch 1891: 5). Da es unmöglich ist, im Rahmen des kulturellen Gedächtnisses eine unbegrenzte An‑ zahl an Informationen aufzunehmen, versucht Deutsch, die „Strahlen der Versöhnung“ (Deutsch 1891: Vorwort [ohne Seitenzahl]) durch die Selektionsprozesse zu ‚werfen‘, de‑ nen Daten und Fakten unterliegen. Außerdem demonstriert er seine Loyalität und seinen Respekt gegenüber dem Kaiser, was ihn nicht daran hindert, das Bild der preußischen Vorgesetzten, wie z.B. des Königs WilhelmI. zu verbessern (Deutsch 1891: 13). Einige historische Ereignisse verknüpft Deutsch mit seiner Gegenwart, also dem Jahr 1891: Vergangenheit und Gegenwart, wie innig sind sie oft mit einander verknüpft! 125 Jahre sind es bald, daß der Erweiterer des preußischen Staates, FriedrichII., das damals noch unbedeutende Brünn besichtigte. Verlassen wir auf einige Augenblicke die Gegenwart, um das Bild der Stadt vom Jahre 1742 zu betrachten. (Deutsch 1891: 14) Die Anwesenheit der Preußen in seinen Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Jahre 1866 und vor allem mit der Stadt Brünn erinnert ihn also weiter an die Preußen und an das Bild der Stadt vom Jahre 1742. Hier haben wir ein Beispiel, in dem sich einige Erinnerungsfiguren, in diesem Falle eine Menschengruppe bzw. konkrete Personen und ein Ort, zu mehreren ‚Zeitinseln‘ (1742, 1866) herausbilden. Diese sog. Zeitinseln weiten sich dann zu einem Erinnerungsraum „retrospektiver Besonnenheit“ (Assmann 1988: 12) aus. Im Grunde genommen geht es um eine bestimmte Verkettung von Erinnerungen, mittels derer sich Deutsch unter dem Einfluss einiger Geschichts‑ signale, die in dem Erinnerten von 1866 zentral sind, an weitere Geschehnisse von 1742 13 Er demonstrierte seine Zugehörigkeit zu Mähren impliziert durch den Ausdruck „unser“: „Nach bald 125 Jahren betraten die Preußen abermals unser friedliches Land.“ (Deutsch 1891: 2) Der Nachname ‚Deutsch‘ war auch einer der typischen Namen für Deutschmährer jüdischer Abkunft. 14 Den Empfang der ersten preußischen Truppen beschrieb z.B. die Times, die nach Deutsch eine ganz unwahre Schilderung der Ereignisse vermittelte.