Das tschechische pohraničí im kulturellen Gedächtnis: Die Bildredaktion der ČTK als Akteur
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Das tschechische pohraničí im kulturellen Gedächtnis: Die Bildredaktion der ČTK als Akteur Theresa Langer1 ABSTRACT Czech Borderlands in Cultural Remembrance and the Role of ČTK’s Photo Editing Department The article deals with pictures of the Czech borderlands as part of the Czechoslovak cultural memory. It focuses on the Photo Editing Department of the Czechoslovak News Agency ČTK that was the main player in the fields of creating, storing, mediating, and consolidating visual knowledge (not only about the borderlands). It also gives insight into the Photo Editing Department’s practices of categorizing and keywording pictures, which had consequences on further publications of certain photos. Keywords ČTK; Czechoslovak News Agency; Czechoslovakia; Borderlands; photography; Cultural Remembrance; Visual History; Visual Culture; 1945–1956 Dieser Beitrag möchte Bilder des pohraničí (deutsch: Grenzland, Grenzgebiet, Grenzgebiete) als Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses der tschechoslowakischen Bevölkerung beleuchten. Dabei soll die Rolle der Bildredaktion der Tschechoslowakischen Presseagentur Československá tisková kancelář (ČTK) erörtert werden, die in der Tschechoslowakei maßgeblich an der Generierung, Speicherung, Vermittlung und Verfestigung visuellen Wissens (nicht nur über das pohraničí) beteiligt war. Zunächst werden die genutzten Begriffe genauer erläutert. Beim „kulturellen Gedächtnis“ bezieht sich der Beitrag auf das interdisziplinäre Handbuch Gedächtnis und Erinnerung, dessen Autorentrio sich v.a. an die Schriften Jan und Aleida Assmanns anlehnt.2 Christian Gudehus, Ariane Eichenberg und Harald 1 Theresa Langer, Department of Humanities, Faculty of Philosophy, Universi-ty of Passau, Innstraße 25, 94032 Passau, Germany, [email protected] 2 CH. GUDEHUS— A.EICHENBERG— H.WELZER, Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart / Weimar 2010.— Vorliegender Beitrag ist eine überarbeitete Fassung des Vortrags, der im Rahmen des Kolloquiums „Deutsch-tschechische/ bayerisch-böhmische Erinnerungsorte“ auf der Grundlage einer „DAAD-Ostpartnerschaft“ zwischen den Universitäten Passau und Prag/Praha am 29.und 30.November 2013 in Passau gehalten wurde.
128 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 Welzer definieren das kulturelle Gedächtnis als „intentionale, äußerst organisierte und größtenteils mnemonische Manifestation […]. Des weiteren dient es als eine Ressource bzw. Quelle für die Gruppenidentität, die auf Erinnerungen vertraut, die in unterschiedlichen archivarischen Medien, symbolischen Formen und Praktiken externalisiert sind und so selbst objektivierte Formen der Kultur werden.“ Es stellt eine „generationenübergreifende Langzeiterinnerung“ dar, die „institutionalisierter Aufbewahrungsorte“ wie Bibliotheken, Archive und Museen bedarf.3 Jan Assmann unterscheidet zwei Modi des kulturellen Gedächtnisses: erstens den „Modus der Potentialität als Archiv, als Totalhorizont angesammelter Texte, Bilder, Handlungsmuster, und zum zweiten den Modus der Aktualität, als der von der Gegenwart aus aktualisierte und perspektivierte Bestand an objektiviertem Sinn“.4 Diese beiden Modi treten bei der Betrachtung der in der ČTK archivierten Fotografien aus dem Grenzland der Tschechoslowakei deutlich in Erscheinung. Der tschechische Begriff pohraničí ist nicht geografisch, sondern historisch definiert und bezeichnet ehemals mehrheitlich von deutschsprachiger Bevölkerung besiedelte Gebiete im Süden, Westen und Norden der heutigen Tschechischen Republik.5 Seit 1936 definierten diverse tschechoslowakische Behörden die genauen Grenzen des pohraničí unterschiedlich. Häufig wurde pohraničí auch als Synonym für den deutschen Begriff „Sudetenland“ verwendet, für das tschechoslowakische Staatsgebiet, das auf Grundlage des Münchner Abkommens im Herbst 1938 ans Deutsche Reich angegliedert wurde. Dieses Gebiet enthielt allerdings auch Landstriche mit mehrheitlich tschechischsprachiger Bevölkerung, jedoch keine mehrheitlich deutschsprachigen Enklaven im Binnenland. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 wurde das sogenannte Sudetenland wieder integraler Bestandteil der erneuerten Tschechoslowakischen Republik (ČSR). Das tschechoslowakische Innenministerium untersagte die weitere Verwendung von „Sudety“, des tschechischen Pendants des Begriffs Sudetenland, und ordnete seine Ersetzung durch pohraničí an. Von 1945 bis 1947 wurde der überwiegende Teil der deutschsprachigen Bevölkerung der ČSR von den tschechoslowakischen Behörden und unter Billigung der Siegermächte in deutsche und österreichische Gebiete zwangsausgesiedelt. Die meisten Zwangsausgesiedelten waren im pohraničí ansässig gewesen, aber auch die deutschsprachige Bevölkerung aus Städten und Dörfern anderer Landesteile der ČSR war betroffen. Zur Verwaltung der Gebiete, aus denen Deutschsprachige zwangsausgesiedelt und andere Bewohner neu angesiedelt wurden, definierten das Besiedlungsamt (Osidlovací úřad) und andere staatliche Behörden die Grenzen des pohraničí jeweils entsprechend ihrer Bedürfnisse. Teilweise waren dabei auch deutschsprachige Enklaven oder größere Städte mit beträchtlicher deutschsprachiger Bevölkerung im 3 Ebenda, S.93f. 4 J.ASSMAN, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: DERS.— T.HÖLSCHER (Hrsg.), Kultur und Gedächtnis, Frankfurt/M. 1988, S.9–19, hier S.13. 5 A.WIEDEMANN, „Komm mit uns das Grenzland aufbauen!“ Ansiedelung und neue Strukturen in den ehemaligen Sudetengebieten 1945–1952, Essen 2007 (Veröffentlichungen der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission, 15; Veröffentlichungen zur Kultur und Geschichte im östlichen Europa, 29), S.26.
THERESA LANGER 129 Binnenland eingeschlossen.6 Dieser Beitrag bezieht alle Gebiete mit ein, die in der Tschechoslowakei der Jahre 1945 bis 1955/6 in der Öffentlichkeit als pohraničí bezeichnet wurden. Wenn nun vom pohraničí im kulturellen Gedächtnis die Rede ist, dann geht es um die Bedeutung der Grenzgebiete für die Vergangenheit einer Gruppe, die von der Gegenwart aus rekonstruiert wird und dem kollektiven Selbstverständnis dient. Als Gruppe möchte ich hier die Bürger der Tschechoslowakei nach 1945 betrachten. Die bedeutende Rolle des pohraničí für das nationale Selbstverständnis der Tschechen nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat bereits Christiane Brenner herausgestellt;7 sie gilt in diesem Beitrag als gegeben und wird im Folgenden nicht weiter erörtert. Stattdessen soll die Bildredaktion der ČTK, v.a. im Zeitraum 1945–1955/56, in Ausnahmen auch bis 1989 und weiter, im Fokus des Beitrags stehen. Erst seit kurzem beschäftigen sich Geschichtsund Kulturwissenschaftler mit den „Diskursregeln des Sichtbaren”, der Geschichte der Produktion, der Organisation und der Distribution sowie der Archivierung von Bildern.8 Ein 2013 angelaufenes Verbundprojekt des Zentrums für Zeithistorische Forschung (Potsdam), des Georg-Eckert-Instituts (Braunschweig), des Herder-Instituts (Marburg) und des Deutschen Museums (München) widmet sich besonderes der Erforschung von Institutionen, Akteuren und Medien, die die Bildgedächtnisse moderner Gesellschaften prägten und prägen.9 Zu den Projektbeteiligten zählt Annette Vowinckel, die sich mit dem Berufsstand der Bildredakteure als einem, der „hinter den Kulissen agierte“, befasst. Sie betont dabei die Bedeutung der Bildredakteure hinsichtlich der Gestaltung der „visuelle[n] Welt ihrer Zeitgenossen ebenso wie verschiedene[r] (z.B. nationale[r]) Bildgedächtnisse“.10 Da die ČTK im untersuchten Zeitraum eine staatliche Presseagentur war, kann man bei den von ihrer Bildredaktion aufgenommenen und vermittelten Fotografien von einer nationalen Reichweite ausgehen. Aufnahmen von und aus den tschechischen Grenzgebieten ließ die Bildredaktion in der Regel von eigenen Bildreportern anfertigen oder erwarb sie seltener aus anderen Quellen. Die staatliche Agentur speicherte die Aufnahmen und vermittelte sie an inländische Druckmedien. Sie hatte in zweierlei Hinsicht Anteil an der Formierung des kulturellen Gedächtnisses der Tschechen und Slowaken: zum einen als Genrationen überdauernder Speicher materieller Bilder, zum anderen als Akteur, der durch die Vermittlung von aus dem Archiv abgerufenen (sowie auch neu aufgenommenen) Fotografien das Bild des Grenzlandes und seiner Vergangenheit für die Gegenwart aktuali6 WIEDEMANN, S.26–32. 7 Zum tschechposlowakischen Grenzlansdiskurs in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, besonders aber in den Jahren 1945–1948: CH. BRENNER, „Zwischen Ost und West“. Tschechische politische Diskurse 1945–1948, München 2009 (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, 118), S.259–307. 8 M.ZIERENBERG, Die „Macht der Bilder“. Infrastrukturen des Visuellen im 20.Jahrhundert, in: M.SABROW— M.ZIERENBERG (Hrsg.), ZeitRäume. Potsdamer Almanach des Zentrums für Zeithistorische Forschung 2009, Göttingen 2009, S.219–227, hier S.221. 9 G.PAUL, Visual History. Version: 3.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte: http://docupedia.de/ zg/Visual_History_Version_3.0_Gerhard_Paul, [cit.2018-08-03]. 10 A.VOWINCKEL, Der Bildredakteur. Genese eines modernen Berufsbilds, in: A.RAMSBOCK— A.VOWINCKEL— M.ZIERENBERG (Hrsg.), Fotografien im 20.Jahrhundert. Verbreitung und Vermittlung, Göttingen 2013 (Geschichte der Gegenwart, 6), S.69–89, hier S.71.
130 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 sierte. Der Beitrag soll aufzeigen, welche Arten von Fotografien aus der Vergangenheit (und Gegenwart) des Grenzlandes in den Beständen der Presseagentur gespeichert wurden und welche davon für die tschechoslowakische Bevölkerung nach 1945 sichtbar werden konnten. Eine vollständige Übersicht, wann welche tschechoslowakische Druckmedien welche konkreten ČTK-Fotografien aus den Grenzgebieten publizierten, kann dieser Beitrag nicht bieten.11 Exemplarisch werden jedoch Veröffentlichungen einzelner Aufnahmen aufgeführt. Um aber die Rolle der ČTK-Bildredaktion als eines Akteurs des (visuellen) kulturellen Gedächtnisses im Allgemeinen sowie hinsichtlich der Grenzlandfotografien zu verstehen, ist es unerlässlich, das Augenmerk auf die Entstehung und Entwicklung der Bildredaktion der ČTK sowie auf die dortige Organisation der Bilder und des Bildwissens zu richten. Im Zuge dessen wird die spezifische Organisation der Bilder des pohraničí in der Bildredaktion aufgezeigt. Die Presseagentur ČTK wurde 1918 als staatliche Presseagentur der neu entstandenen ČSR gegründet.12 Sie unterstand bis Ende 1938 dem Präsidium der tschechoslowakischen Regierung und hatte ihren Sitz in Prag.13 Im Jahr 1924 stieg die ČTK in den wachsenden Markt für Pressefotografien ein.14 Abteilungen für Fotografie (Anfertigung) und für Bilddistribution richtete die Agentur schließlich 1929 ein.15 V.a. Zeitungen, seit Mitte der 1930er Jahre auch fotografische illustrierte Zeitschriften, die in der ČSR in dieser Zeit auflagenstärker wurden, waren die Abnehmer.16 Der Hauptanteil der Bildberichterstattung der ČTK-Fotografen bis zum Zweiten Weltkrieg zeigte staatliche Würdenträger bei Amtshandlungen, Staatsbesuchen und öffentlichen Veranstaltungen. Aus diesem Grund war der häufigste Aufnahmeort die Landeshauptstadt Prag, von wo aus auch die bei der Agentur angestellten Fotoreporter arbeiteten. Mit freiberuflichen Fotografen kooperierte die Agentur nicht. Von 1939 bis 1945, während des „Protektorats Böhmen und Mähren“, unterstand die Bildredaktion, die von der restlichen ČTK abgetrennt worden war, dem Präsidium der tschechischen (Protektorats-)Regierung und war mit Fotoceps, dem Bilderdienst der regierungseigenen Propagandaagentur Centropress vereint. Glücklicherweise blieb das ausgelagerte Bildarchiv vom Brand im ČTK-Gebäude Anfang Mai 1945 verschont und stand für eine weitere Nutzung zur Verfügung.17 Nach Kriegsende wurden die Fotoabteilung mit dem Bildarchiv sowie auch Fotoceps in die ČTK (rück-)überführt. Die gesamte Agentur wurde dem Pressereferat des Ministeriums für Informationen (MI) unterstellt, nach dessen Auflösung 1953 dem Ministerium für Kultur, im 11 Meine Recherchen in der ČTK-Bildredaktion im Jahr 2013 ergaben, dass keine Publikationsnachweise von Agenturbildern aus der Nachkriegszeit vorliegen. 12 Zur Geschichte der ČTK: J.STEJSKAL, Zprávy zčeského století. Tiskové agentury ačeská společnost 1848–1948 [Nachrichten aus dem Tschechischen Jahrhundert. Presseagenturen und die tschechische Gesellschaft 1848–1948], Praha 2008. 13 STEJSKAL, S.296. 14 Ebd., S.197. Zur Einrichtung der Bildabteilung: J.RICHTER (Hrsg.), ČTK včera, dnes azítra. ČTK Yesterday, Today and Tomorrow, Praha 1998, S5; STEJSKAL, S.197–203; J.KONČELIK— P.VEČEŘA— P.ORSÁG, Dějiny českých médií 20.století [Geschichte der tschechischen Medien des 20.Jahrhunderts], Praha 2010, S.30ff. 15 RICHTER, S.5. 16 STEJSKAL, S.198. 17 Ebenda, S.296.
THERESA LANGER 131 Jahre 1956 schließlich dem Präsidium der tschechoslowakischen Regierung.18 Bereits 1947 strebte das kommunistisch geführte MI an, der ČTK die politische Aufgabe „eines der Hauptinstrumente zur Bildung und Beeinflussung der öffentlichen Meinung“ zukommen zu lassen, so Hana Řehákový und Dušan Veselý.19 Nach der Machtübernahme der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ) im Februar 1948 formte das MI die ČTK nach seinen Vorstellungen um. Dutzende politisch unliebsame Redakteure, aber auch einzelne Bildreporter wurden in den folgenden Monaten und Jahren aus der Agentur entlassen. Man darf davon ausgehen, dass die verbleibenden Mitarbeiter „innere Zensur“ ausübten, um ihre Stelle in der Agentur zu behalten. Seit November 1950 gab es innerhalb der ČTK durch das sogenannte politische Sekretariat in jeder Redaktion eine genaue politische Überprüfung jeder ausgehenden Nachricht— so wohl auch aller verschickten Fotos. Ab Ende des Jahres 1953 gingen solche Aufgaben an die gesamtstaatliche Zensurstelle Hauptverwaltung für Presseaufsicht über, die Texte und Bilder aller nicht-militärischen Periodika überprüfte.20 Bis Anfang der 1950er Jahre übernahm die ČTK die Bildagentur des Außenministeriums sowie weitere private Bildagenturen.21 Dadurch baute sie ihre Monopolstellung als Bildlieferant für die Medien der ČSR weiter aus. Nach 1948 hatte die ČTK nicht nur das Exklusivrecht, den Präsidenten zu fotografieren und diese Bilder zu vertreiben, sondern konnte dieses Recht auch auf Regierungsmitglieder, Parteifunktionäre und die von ihnen wahrgenommenen offiziellen Anlässe ausweiten. Als staatliche Agentur kümmerte sie sich darum, der Bevölkerung die Vertreter des Staates und der KSČ im rechten Licht zu präsentieren. Die ČTK-Bildredaktion setzte in der Nachkriegszeit für die tschechoslowakische Bevölkerung konkurrenzlos den Standard bei der fotografischen Darstellung der inländischen Spitzenpolitiker und Staatsakte. Durch Termine führender Staatsvertreter im Grenzland entstand eine nicht geringe Zahl an Agenturfotografien aus diesen Gebieten. Z.B. eine Reportage von Juli 1946 über die Zwangsaussiedlung von 1200 Deutschen aus einem Sammellager in Reichenberg (Liberec), bei der auch Innenminister Nosek zugegen war (Abb. 2, 3).22 Oder eine Reportage von der Umbenennung einer Tagebaugrube in Bruch (Lom) bei Brüx (Most) von „Marie“ zu „S. K.Neumann“ durch Informationsminister Kopecký im Oktober 1947.23 18 Ebenda, S.434; RICHTER, S.13. 19 H.ŘEHÁKOVÁ— D.VESELÝ, Zakázané dějiny ve fotografiích ČTK [Verbotene Geschichte in Fotografien der ČTK], Praha 1999, S.184. 20 Ebenda, S.187. Zum Wirken der Zensurbehörde allgemein: K.KAPLAN— D.TOMÁŠEK (Hrsg.), Ocenzuře vČeskoslovensku vletech 1945–1956 [Über die Zensur in der Tschechoslowakei in den Jahren 1945–1956], Praha 1994 (Sešity Ústavu pro soudobé dějiny AV ČR [Hefte des Instituts für Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik], 22). 21 STEJSKAL, S.302. 22 30 Bilder dieser Reportage sind in der Fotodatenbank der ČTK online abrufbar: http:// multimedia.ctk.cz/foto/search-view/dc38009cc398ebb70ec9106b3c34f272/select-continue, [cit.2016-05-07]. Mindestens ein Bild der Reportage stand unter Zensur. Abgedruckt in: ŘEHÁKOVÁ— VESELÝ, S.123. 23 Eine Aufnahme davon wurde abgedruckt in Svět vobrazech [Die Welt in Bildern], Jg. 3, H. 43, 1947, S.2. Weitere Bilder der Reportage sind online zugänglich: http://multimedia.ctk.cz/ foto/search-view/b3e4ec92a958c39ceff43ac19dcb1e58/select-continue, [cit.2016-05-07].
132 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 Wie wurden nun von den Bildredakteuren der ČTK eingehende Aufnahmen verzeichnet, betitelt, beschrieben und verschlagwortet? Zunächst wurden alle von den Agenturfotografen gemachten Einzelbilder oder Bildreportagen im Eingangsbuch der ČTK-Bildredaktion mit Eingangsdatum, laufender Nummer, Negativformat und ein paar Worten zum Bildinhalt verzeichnet. Erst ab ca. 1947 wurden regelmäßig die Namen der Fotografen der jeweiligen Bilder vermerkt. Eingegangene Bilder versahen die ČTK-Bildredakteure anhand der Angaben der Fotografen mit einer informativen Bildbeschriftung. Waren die Aufnahmen zur zeitnahen Übermittlung an die Presse bestimmt, so wurden die Bildbeschriftungen auf die Rückseite der Abzüge geklebt, die Agenturmitarbeiter den Medienredaktionen brachten oder schickten. Auch in die sogenannten Beschreibungsbücher der Bildredaktion wurden diese Bildbeschriftungen eingetragen. Sie waren ausführlicher als die knappen Einträge im Eingangsbuch und berücksichtigten außerdem die einzelnen Aufnahmen einer Reportage, wenn diese nicht alle dasselbe Motiv zeigen. Die Negative der Bilder wurden im ČTK-eigenen Bildarchiv aufbewahrt. Überdies ergänzte die ČTK ihre Bildbestände gelegentlich um Aufnahmen anderer Herkunft, die ebenfalls mit Eingangsdatum, laufender Nummer, Bildinhalt, seltener auch dem Fotografen oder Bildgeber, in das reguläre Eingangsbuch aufgenommen wurden. In der Regel wurde dabei im Eingangsbuch verzeichnet, dass es sich um ein Repronegativ, also ein abfotografiertes Negativ, handelte. Auch diese Negative wurden im ČTK-Bildarchiv aufbewahrt. Bei den meisten der extern gemachten Aufnahmen ist nicht bekannt, wie sie ihren Weg in die Agentur fanden. Vielleicht wurden sie der ČTK zum Erwerb angeboten. Vermutlich bemühte sich die ČTK aber auch aktiv darum, Leerstellen in ihrer Bildberichterstattung zu den jeweils gegenwärtig historisch und gesellschaftlich relevanten Themen mit Aufnahmen anderer Herkunft zu füllen. Zu diesen extern gemachten und nachträglich, bis in die 1980er Jahre hinein, von der Agentur erworbenen Fotografien zählten mindestens 120 Aufnahmen, die die Grenzgebiete in den 1920er und 1930er sowie den Jahren 1945 und 1946 zeigen. Die Menge dieser externen Grenzlandaufnahmen reicht bei weitem nicht an die Zahl der mehreren Hundert ČTK-eigenen Fotografien der Grenzgebiete dieser Zeit heran. Dennoch deutet der Erwerb einer solchen Anzahl an Bildern zu einem Themengebiet darauf hin, welch hohe Bedeutung die Ereignisse im Grenzland dieser Jahre für die Gruppenidentität der tschechoslowakischen Bevölkerung auch in späteren Jahrzehnten noch hatte. Die Negativarchive der Anfang der 1950er in die ČTK integrierten Bildagenturen wurden als Ganzes oder in Teilen ins ČTK-Bildarchiv überführt. Seit den 1960er Jahren wurden von den ČTK-Mitarbeitern Negative aus dem Archiv, denen keine längerfristige historische und gesellschaftliche Relevanz beigemessen wurde, skartiert und ans Staatliche Zentralarchiv, das heutige Nationalarchiv, in Prag abgegeben.24 Bilder aus den Grenzgebieten bis Mitte der 1950er Jahre betraf die Skartierung kaum bis gar nicht, denn die Bildredaktion nahm sie bei der Planung der Skartierung ausdrücklich davon aus.25 Das Negativarchiv der ČTK bildete einen institutionalisierten Aufbewahrungsort für die visuelle Langzeiterinnerung. Im Modus der Potentialität waren dort 24 Schreiben der ČTK-Bildredaktion an die ČTK-Leitung, 03.06.1963, in: Privatsammlung Jan Černý, Prag. 25 Ebenda.
THERESA LANGER 133 Bilder angesammelt, die als Ressource für die Identität der tschechoslowakischen Bevölkerung dienten und bei Bedarf abgerufen werden konnten. Der Einfluss der ČTK-Bildredaktion und der ihr in der jeweiligen Zeit weisungsberechtigten Personen und Institutionen auf das (visuelle) kulturelle Gedächtnis wird deutlich, wenn man bedenkt, dass sie es waren, die entschieden, zu welchen Themen und Ereignissen keine Aufnahmen gemacht oder nachträglich ins Archiv aufgenommen wurden. So entstanden zu bestimmten zeitgenössischen oder im Nachhinein gesellschaftlich relevanten Ereignissen oder Themen visuelle Lücken. Im Zusammenspiel mit dem jeweiligen Chefredakteur, den Zensoren, den Mitarbeitern des für die ČTK zuständigen Ministeriums und den zuständigen Stellen des Zentralkomitees der KSČ stellte die ČTK-Bildredaktion die Zeigbarkeitsregeln ihrer Zeit auf. Das zeitgenössisch nicht Zeigbare, die visuellen Lücken, konnten (wenn gewünscht) höchstens nachträglich geschlossen werden, falls dann noch Bildmaterial aus gesicherten Quellen und von ausreichender Qualität für den Bildagenturbetrieb auffindbar war. So zeigt sich die Bildredaktion der ČTK in zweierlei Hinsicht als Akteur: einerseits beim Aufbau des Bildarchivs, anderseits bei dessen Zugänglichmachung, der Ermöglichung einer Aktualisierung der Bilder des Archivs. Von denjenigen Aufnahmen im Archiv, die zu bestimmten Zeiten einem Veröffentlichungsverbot unterlagen, wurde die Negativhülle mit einem entsprechenden Vermerk versehen, das Negativ selbst jedoch nicht aus dem Bildarchiv entfernt.26 Auch in den Eingangsund Beschreibungsbüchern wurden die entsprechenden Bilder gekennzeichnet, damit sie nicht in Umlauf kamen. Eine Aktualisierung mancher zum kulturellen Gedächtnis gehörenden Bildern wurde dadurch (vorübergehend) verhindert. Gezielt nutzen konnten Medienredaktionen archivierte Fotografien nur, wenn sie über verschiedene Findmittel von den Mitarbeitern der ČTK-Bildredaktion auffindbar waren. Deshalb wurden alle Aufnahmen nicht nur systematisch abgelegt, sondern auch verschlagwortet und dadurch Sinnzusammenhägen zugeordnet. Bei gegebenem Anlass wurden archivierte Bilder zu Themen und Ereignissen der Vergangenheit den Redaktionen der periodischen Presse, die die Bildberichterstattung der ČTK abonniert hatten, neben Aufnahmen zum aktuellen Geschehen zugeschickt. So wurde Agenda-Setting betrieben und die Verbreitung bestimmter Bilder und damit verbundener Bedeutungszusammenhänge gezielt propagiert. Oder aber die Medienredaktionen baten die ČTK von sich aus nach Bildern zu Themen der Vergangenheit. Über welche Wege aber suchten in der Nachkriegszeit Mitarbeiter der Bildredaktion und Kunden nach bestimmten Bildinhalten? In der Bildredaktion gab es neben den Eingangsund Beschreibungsbüchern noch weitere Findmittel. In erster Linie waren es Karteien, in denen die archivierten Einzelbilder oder Reportagen eingetragen wurden. Im Laufe ihres Bestehens nutze die ČTK-Bildredaktion zur Strukturierung ihres Bildwissens etwa ein Dutzend verschiedene Karteien. Darunter waren Namenskarteien, in denen die Aufnahmen nach den auf ihnen abgebildeten Personen verzeichnet wurden. Daneben gab es thematisch geordnete Karteien. Ende der 1930er oder in den 1940er Jahren entstand eine Kartei, die auf der universellen Dezimalklassifikation, einem internationalen Ordnungssystem für Bibliotheken, basierte. Die Einordnung von Fotografien aus dem Grenzland in dieser Kartei wäre sehr 26 ŘEHÁKOVÁ— VESELÝ, S.186f.
134 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 aufschlussreich, um die Bildvermittlung der ČTK in den 1940er und frühen 1950er Jahren zu erforschen.27 Die universelle Dezimalklassifikation erwies sich im Redaktionsalltag jedoch als umständlich. Deshalb legte die Bildredaktion seit 1956 eine neue thematische Kartei an, die bis in die 1990er Jahre hinein ergänzt wurde.28 Anhand der Negativnummern kann man dort auch das ungefähre Datum der Erfassung der Aufnahmen in den ČTK-Eingangsbüchern ermitteln. In diese von der Bildredaktion so genannte Neue Kartei wurden rückwirkend auch Aufnahmen eingetragen, die vor 1956 im Archiv eingegangen waren. Aufnahmen aus dem Grenzland sind hier v.a. auf den Karteien der Rubriken „Sudety“ und „Pohraničí“ enthalten. Die Rubrik „Sudety“ enthält nur eine Karteikarte mit nur einer laufenden Nummer: eine Bilderserie mit 17 Aufnahmen überwiegend von der sudetendeutschen Bewegung in den Jahren 1928–1938, von der Flucht von Tschechen oder tschechoslowakischen Einheiten aus dem Grenzland im Jahr 1938, die nur ein Bruchteil der Fotografien der Agentur zu diesem Thema auflistet (Abb. 1).29 Zum Schlagwort „Pohraničí“, das vermutlich Ende der 1950er Jahre angelegt wurde, findet sich ebenfalls nur eine Karteikarte. Sie verzeichnet in erster Linie Aufnahmen vom Wohnungsbau und den landwirtschaftlichen Genossenschaften im Grenzgebiet aus den Jahren 1956–1960. Neben diesen beiden Schlagworten, die in der obersten Schlagwortebene der Neuen Kartei verortet sind, kommen Bilder aus den Grenzgebieten auch unter dem sehr umfangreichen Schlagwort „Geschichte“ vor. Dieses Schlagwort bildet eine eigene kleine Kartei, in die weitere Schlagworte in alphabetischer und numerischer Folge eingeordnet wurden. Diese sehr unterschiedlich gearteten Schlagworte lauten beispielsweise „Armee“, „Brigaden“, „Geschichte der ČSR“, „Grenzgebiete der ČSR“, „Industrie— Textil“, „Slowakei“, „Presse“ und „Geographie“. Bei manchen Schlagworten finden sich nur einige wenige eingetragene Negativnummern mit Kurzbeschreibungen oder lediglich ein Verweis auf ein anderes Schlagwort. Das Schlagwort „Geschichte der ČSR“ hingegen besteht aus mehreren Dutzend Karteikarten, die weitestgehend chronologisch geordnet sind und mit Unterüberschriften wie „1914–1918“, „1921–1937“, „1938“, „Protektorat Böhmen und Mähren“, „1945“, „1946“ versehen wurden. Bilder aus dem Grenzland finden sich in mehreren dieser Unterkategorien, v.a. unter „Grenzgebiete der ČSR“. Es umfasst acht Karteikarten, die Bilder von Begebenheiten im Grenzland zwischen 1922 und 1946 auflisten, wobei Aufnahmen aus dem Jahre 1938 die überwiegende Mehrheit darstellen. Ergänzt wurde diese Rubrik bis mindestens 1985. 27 Leider hatte ich auf diese Kartei bei meinem Archivbesuch im Jahr 2013 keinen Zugriff. 28 Als Weiterentwicklung der Karteien entstand in den 1990er Jahren eine Datenbank, in der für archivierte und für alle neu entstandenen Aufnahmen Datensätze erstellt wurden. Von den archivierten Negativen wurden einerseits diejenigen in die Datenbank aufgenommen, die von Kunden (häufig) nachgefragt wurden. Andererseits wurden nach und nach aus allen Jahrzehnten Datensätze zu denjenigen Aufnahmen in die Datenbank aufgenommen, die den Erfahrungen der Bildredakteure nach das größte Potential besitzen, nachgefragt zu werden. Dabei werden bewusst Lücken gelassen. 29 Diese Bildserie wurde 1983 vom Institut für Marxismus-Leninismus erworben und im April 1985 im Eingangsbuch der ČTK-Bildredkation verzeichnet. Sie stellt eine der Ausnahmen da, bei denen bekannt ist, auf welchem Wege externe Fotografien in die Bestände der ČTK eingingen. Unter welchen Umständen die Bilder entstanden und wie sie ins Institut für Marxismus-Leninismus gelangten, bleibt jedoch im Dunklen.
THERESA LANGER 135 Inhaltlich überwiegen Bilder vom Grenzschutz durch tschechoslowakische Einheiten, von Veranstaltungen und Anhängern der Sudetendeutschen Partei und von der Besetzung durch deutsche Truppen.30 Lediglich vier Reportagen decken das Thema Wiederbesiedlung und Zwangsaussiedlung der Deutschen in den Jahren 1945/1946 ab. Der gesamten Rubrik „Geschichte“ mit ihren untergeordneten Schlagwörtern kommt eine Schlüsselfunktion zu. Zunächst versammelte sie ausgewähltes visuelles Wissen über die Vergangenheit der Tschechoslowakei, diente somit als Speicher des potentiell für die Öffentlichkeit Sichtbaren. Darüber hinaus strukturierte es die visuellen Informationen entsprechend der zur Zeit der Karteianlage dominanten Diskurse. Die dabei gestifteten Sinnzusammenhänge wurden durch die Nutzung der Kartei, der Abfrage nach Bildern zu bestimmten Schlagworten, reproduziert. Malte Zierenberg hat diesen Prozess so formuliert: „Die Logik des Wiederaufrufens von Bildern entlang der diskursiven Ordnung des Zettelkatalogs bewirkte— in sich selbst verstärkenden Schleifen— die Etablierung ikonographischer Reihen, die einem bestimmten Phänomen ein bestimmtes visuelles Reservoir an Motiven zuordneten.“31 Ein weiteres Hilfsmittel der ČTK-Bildredaktion zum einfachen Bearbeiten von Bildanfragen stellten die sogenannten Vorlagealben dar, die bis Mitte der 1990er Jahre aktiv genutzt wurden, als in der Foto-Datenbank der ČTK neben Informationen zum Negativ auch Ansichten erster digitalisierter Aufnahmen aufrufbar wurden. Die noch erhaltenen Vorlagealben aus der Zeit des „Protektorats Böhmen und Mähren“ sind großformatige Alben mit chronologisch eingeklebten Kontaktabzügen, die mit der Negativnummer und manchmal auch Stichworten zum Inhalt versehen waren. Mit ihrer Hilfe konnte man schnell einen Überblick über die archivierten Bildinhalte und die Bildästhetik einzelner Aufnahmen bekommen. In der Nachkriegszeit wurden zu besonders nachgefragten Themen Alben aus zusammengehefteten Abzügen in Postkartengröße angelegt. Řeháková und Veselý sind der Ansicht, dass in den 1950er Jahren eine Vorlageserie zum Thema „Vormünchner Republik“, das heißt zur ČSR bis einschließlich September 1938, angelegt worden sei. Dort seien „alle Fotografien aus der Zeit der Wirtschaftskriese, Aufnahmen von Arbeitslosen und alles Negative versammelt worden, was die Republik dem Geiste der kommunistischen ideologischen Schablone entsprechend illustrierte.“ Die Nutzung der anderen Fotografien habe eine besondere Erlaubnis erfordert sowie eine politische Begründung, wofür die Bilder eingesetzt werden sollten.32 Leider hat sich diese Vorlagenserie nicht erhalten. Auf den Rückseiten der Abzüge in den noch vorhandenen Vorlagealben waren neben den Negativnummern weitere Informationen zum Bild zu finden. Die kleinformatigen Vorlagealben wurden in Schachteln bereitgehalten, die mit einen Schlagwort zum Inhalt und der entsprechenden Ziffernkombination der universellen Dezimalklassifikation beschrifteten waren. Im Laufe der Zeit wurden Alben zu neuen Themen angelegt. Bestehende Alben wurden erneuert oder aktualisiert, 30 Eine der Karteikarten zu Schlagwort „Pohraničí ČSR“ findet sich in der Bildbeilage. 31 M.ZIERENBERG, Die Produktion des Sichtbaren im Verborgenen: Diskursordnungen der Pressefotografie, ca. 1900–1930, in: F.X.EDER— O.KÜHSCHELM— CH. LINSBOTH (Hrsg.), Bilder in historischen Diskursen, Wiesbaden 2014 (Interdisziplinäre Diskursforschung), S.174–194, hier S.186f. 32 ŘEHÁKOVÁ— VESELÝ, S.187.
142 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 Orte, Personen und Ereignisse im Grenzgebiet, konnte die Bildredaktion der ČTK gegenüber den Druckmedien Agenda-Sett ing betreiben und die Aktualisierung bestimmter Bilder besonders begünstigen. Das Agenda-Sett ing funktionierte einerseits durch die gezielt verbreiteten sowie durch die restlichen zur Vermitt lung bereitgehaltenen Bilder selbst, andererseits durch die mitgelieferten Bildbeschrift ungen, die implizit oder explizit bestimmte Deutungen der grenzlandspezifi schen Ereignisse und Sachverhalte nahelegten. Die im Negativarchiv der Agentur verwahrten Aufnahmen stellten langfristig einen Vorrat an möglichen visuellen Erinnerungen dar, die je nach Bedarf unveröff entlicht bleiben oder aktualisiert werden konnten. Diese Faktoren führten dazu, dass sich die Bildredaktion der ČTK nach 1945 und v.a. nach 1948 zu einem bedeutenden Akteur der Aushandlung nationaler Diskursregeln des Sichtbaren sowie der Archivierung und Bereitstellung der Bilder des kulturellen Gedächtnisses entwickelte. Daraus erklärt sich der Einfl uss der ČTK-Fotografi en aus dem Grenzland auf die Wahrnehmung dieser Gebiete und die Deutung der mit diesen Gebieten verbundenen Geschehnisse durch die tschechoslowakische Bevölkerung. BILDBEILAGE: aBB. 1:Nach 1985 angelegte Karteikarte zum Schlagwort „Sudety“ (Sudetenland) in der Neuen Kartei. Im Karteikartenkopf steht ein Verweis zum Schlagwort „Mnichov 1938“ (München 1938), womit das Münchner Abkommen gemeint ist. Quelle: Sammlung der Abteilung Fotobanka der ČTK (weiter nur SFB ČTK), Prag. Foto: Th eresa Langer, Oktober 2013.
THERESA LANGER 143 aBB. 2:Fotografie, die bei einem Besuch des Innenministers Nosek im Sammellager für Deutsche in Reichenberg (Liberec) gemacht wurde. Neben dem Minister waren an diesem Tag, an dem 1200 Personen aus dem Lager zwangsausgesiedelt wurden, auch Pressevertreter anwesend. Quelle: © ČTK, unbekannter Fotograf, Reichenberg, Aufnahmedatum: 13.07.1946, Foto ID: F201102250209901. Bildbeschreibung in der Fotodatenbank ins Deutsche übersetzt: „Abschub von Deutschen aus dem Reichenberger Sammellager“.
144 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 aBB. 3:Ein Bild aus derselben Reportage über eine Zwangsaussiedlung aus dem Sammellager Reichenberg (Liberec). Es zeigt im Vordergrund zwei dunkel gekleidete Frauen dicht neben einem Güterzug, vermutlich kurz vor Fahrtbeginn. Beide haben etwas Handgepäck bei sich, die ältere der Frauen geht am Stock. Den Experten für die ČTK-Bildredaktion, Veselý und Řeháková, zufolge war diese Aufnahmen zeitweise mit einem Veröffentlichungsverbot belegt. Quelle: © ČTK, unbekannter Fotograf, Reichenberg, Aufnahmedatum: 13.07.1946, Foto ID: FO00112042. Bildbeschreibung in der Fotodatenbank ins Deutsche übersetzt: „Abschub von Deutschen aus dem Reichenberger Sammellager“.
THERESA LANGER 145 aBB. 4:Eine im Vorlagealbum „Besiedlung des Grenzgebietes I“ in der Schachtel „Besiedlung des Grenzgebietes“ enthaltene Aufnahme. Quelle: © ČTK, Fotograf: Sommer, Neugebäu (Nový Svět), Aufnahmedatum: 12.08.1955, Foto ID: F201806010417401. Bildbeschreibung in der Fotodatenbank ins Deutsche übersetzt: „Neue Landwirte auf den Böhmerwaldhängen. Eine von vielen Brigaden, denen ehrliche Anerkennung gebührt, sind die jungen Brigadearbeiter auf dem Staatsgut Neugebäu bei Winterberg (Vimperk). Ihnen wurde von der Verwaltung der Tschechoslowakischen Staatsgüter 1.004 ha Land zur Bewirtschaftung übergeben. ‚zeitgenössischer Text‘ Auf der Aufnahme richten junge Brigadearbeiter Häuser für Neusiedler her“. aBB. 5:Rückseite des Fotoabzugs mit dem Motiv von Abb. 4 aus dem Vorlagealbum „Besiedlung des Grenzgebietes I“ aus der Schachtel „Besiedlung des Grenzgebietes“. Bildbeschriftung ins Deutsche übersetzt: „Fotodienst der ČTK [Neg. Nr.] 1052997/12 | [Bearbeiterkürzel] –re- | Junge Brigadearbeiter, die auf dem Staatsgut in Neugebäu (Nový Svět) bei Winterberg (Vimperk) tätig sind, richten Häuser für Neusiedler her. | Foto Sommer 12.VIII.55“. Quelle: SFB ČTK, Prag. Foto: Theresa Langer, 2013.
146 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 aBB. 6:Eine Aufnahme der Reportage von der feierlichen Verleihung von Landbesitzurkunden in Karls bad (Karlovy Vary). Quelle: © ČTK, unbekannter Fotograf, Karlsbad, Aufnahmedatum: 17.03.1946, Foto ID: FO01017491. Bildbeschreibung in der Fotodatenbank ins Deutsche übersetzt: „Landwirtschaftsminister Julius Ďuriš übergab in Karlsbad, auf der Pferderennbahn, die Bodendekrete an tschechische Landwirte — der Minister überreicht Landwirten die Dekrete“.
THERESA LANGER 147 aBB. 7:Ein Bild aus der Reportage über die Evakuierung der tschechischen Bevölkerung aus der Stadt Politschka (Polička), die im Zuge des Münchner Abkommens ans Deutsche Reich angeschlossen werden sollte. Quelle: © ČTK, unbekannter Fotograf, Politschka, Aufnahmedatum: 08.10.1938, Foto ID: F200907210027501. Bildbeschreibung in der Fotodatenbank ins Deutsche übersetzt: „Evakuierung der tschechischen Bevölkerung aus Politschka am 8. Oktober 1938“.
148 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 aBB. 8:Eine im Vorlagealbum „Sudetendeutsche“ enthaltene Aufnahme, aufbewahrt in einer Schachtel für Vorlagealben mit der Aufschrift „Vormünchner Ereignisse — Sudetenland I“. Quelle: © ČTK, unbekannter Fotograf, Asch (Aš), Aufnahmejahr: 1930, Foto ID: F201806010417501. Bildbeschreibung in der Fotodatenbank ins Deutsche übersetzt: „Der Vertreter der Nationalsozialisten und Mitglied der NSDAP Joseph Goebbels spricht bei einer Versammlung in Asch“. aBB 9:Die Rückseite des Fotoabzugs aus dem Vorlagealbum „Sudetendeutsche“, aufbewahrt in einer Schachtel für Vorlagealben mit der Aufschrift „Vormünchner Ereignisse — Sudetenland I“. Rückseitige Bildbeschriftung ins Deutsche übersetzt: „[Neg. Nr.] 5 8 . 8 5 0 | 58.850 | Reichsminister für nationale Aufklärung und Propaganda Josef Goebbels [sic!] bei Rede auf Versammlung in Asch (Aš) im Jahr 1930 | foto ČTK | [Bearbeiterkürzel] ek“. Quelle: SFB ČTK, Prag. Foto: Theresa Langer, 2013.
THERESA LANGER 149 aBB. 10:Bildausschnitt einer Fotografie vom Sturz der deutsch-tschechoslowakischen Grenzsäule auf Rückseite des Schutzumschlages der Publikation „Hitler befreit Sudetenland“. Im Mittelteil dieser Bildpublikation wurde die Aufnahme noch einmal unbeschnitten abgedruckt, als eines von zwei Bildern zum Thema „Die Grenzen fallen!“. Unbekannter Fotograf, [Ende September / Anfang Oktober 1938], unbekannter Ort an der deutschbzw. bayerisch-tschechoslowakischen Grenze. Quelle: H. Hoffmann (Hrsg.), Hitler befreit Sudetenland, Berlin 1938.
150 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 aBB. 11:Seite mit Einträgen vom 17. Dezember 1945 im Eingangsbuch der ČTK-Bildredaktion für den Zeitraum 24.07.1945 bis 07.07.1946 (der zweitunterste Eintrag betrifft das Bild vom Sturz des Grenzpfahls), unpaginiert. Quelle: SFB ČTK, Prag. Foto: Theresa Langer, 2013.