Verbale Diminutive — ihre Abgrenzung und Bedeutung
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Verbale Diminutive — ihre Abgrenzung und Bedeutung Tomáš Káňa ABSTRAKT Verbale Diminutive werden nicht so oft verwendet wie nominale Diminutive und sind nicht so gut beschrieben wie diese, nicht einmal in denjenigen Sprachen, in denen diese Kategorie zum fixen Bestandteil der Morphologie gehört. Dieser Artikel fasst unterschiedliche Betrachtungen der verbalen Diminutive im Tschechischen und Deutschen zusammen und skizziert den Kern dieser Kategorie aus der morphologischen und semantischen Sicht. Aus der kontrastiven und ausschließlich korpusbasierten Analyse der tschechischen und deutschen Diminutivformen geht hervor, dass lediglich einige wenige Suffixe als echte Diminutivsuffixe mit einem evaluativen Wert (nach Bauer, 1997) verwendet werden. Des Weiteren wird festgestellt, dass einige Affixe, die als diminuierende gelten, keinen evaluativen, sondern einen semantischen Charakter haben und in erster Linie die Kategorien Aspekt, Phase oder Intensität der Verben markieren. SCHLÜSSELWÖRTER Modifikation, verbales Diminutivum, Austriazismus, kontrastive Linguistik, korpusbasiert ABSTRACT Verbal diminutives are not so well described as diminutives of nouns, not even in those languages in which this category is considered to be astable part of morphology. There are probably at least two reasons for this: first, there is alogical discrepancy between the traditional definition of adiminutive: sb/sth is small, and the nature of averb, which is aword that expresses an action, an event or astate. Thus averb cannot be “little” or “small”. But it can convey aconnotative meaning and express an attitude— other (possible) features of adiminutive. Second, even in languages that have the category of verbal diminutives (such as Czech or German) it is not quite clear what these diminutives actually mean. The following contrastive analysis of the Czech and the German verbal diminutive forms reveals that only few suffixes can be used in an evaluative way (in terms of Bauer) for forming real verbal diminutives. Further, most of the affixes considered diminutive function as semantic markers differentiating the base verb from its morphological modification by aspect, phase or intensity. KEYWORDS modification, verbal diminutive, Austrian German, contrastive linguistics, corpus-based 1. VORÜBERLEGUNGEN Was sind eigentlich verbale Diminutive? Welche Bedeutungen tragen sie? Kann man sie anhand von Korpusdaten eingrenzen? Im Folgenden wird versucht diese Fragen zu beantworten. Ins Visier rücken hier zwei Sprachen, in denen das Vorkommen von verbalen Diminutiven als unumstritten gilt: Deutsch und Tschechisch. Darüber hin-
TOMአKáňA 59 aus kommen in diesem Artikel auch Beispiele aus dem Englischen und Slowakischen vor. Auf das System der verbalen Diminutive in diesen Sprachen wird hier jedoch nicht eingegangen. 2. VERBALE DIMINUTIVE ALS PROBLEMPUNKT Das grundlegende Problem der verbalen Diminutive liegt primär in der Definition des Diminutivums selbst: Die meisten allgemein zugänglichen Wörterbücher, (Fach-)Lexika und Enzyklopädien definieren Diminutive als „Verkleinerungsformen“ (vgl. DUDEN — Universalwörterbuch, 2006; Oxford Dictionary, 2002; SSJČ, 1989; PSJČ, 1935–1957 u.a.). Zu diesen Definitionen werden fast ausschließlich Beispiele aus dem substantivischen Bereich (vgl. auch Encyklopedický slovník, 2002, 283) angeführt. In der linguistischen Fachliteratur hingegen werden Diminutive meist nach ihrer Form und Funktionen aufgeteilt. Das Diminutivum wird grundsätzlich als ein sprachliches Gebilde definiert, das eine Basis (ein Basiswort) semantisch und/oder pragmatisch modifiziert (vgl. Dressler / Merlini Barbaresi, 1994, Jurafsky, 1996, Schneider, 2003, Nekula, 2004). Auch im fachwissenschaftlichen Diskurs wird das Interesse fast ausschließlich den substantivischen Diminutiven gewidmet. Dies entspricht zwar der von Ettinger (zitiert nach Bauer, 1997, 538) postulierten Hierarchie der Wortarten von denen Diminutive gebildet werden (1. Substantive, 2. Adjektive, 3. Verben etc. — vgl.Bauer, 1997, 538 u. 540), die Tatsache, dass neben Substantiven auch andere Wortarten Diminutive bilden können, bleibt jedoch oft ganz ausgeblendet oder wird nur marginal erwähnt. Weidhaas/Schmidt (2015, 185) bezeichnen sogar die Behandlung des häufigsten verbalen Diminutivsuffixes im Deutschen (-eln) seitens der Sprachwissenschaftler/-innen als „stiefmütterlich“: „It is no exaggeration to say that -eln verbs are the Cinderella of German word-formation.“ [Es ist nicht übertrieben, wenn man die Verben mit -eln als Aschenputtel der deutschen Wortbildung bezeichnet.] Im Tschechischen ist der Stand der verbalen Diminutivforschung nicht wesentlich besser. Selbst die neuesten Grammatiken des Tschechischen (Cvrček et al., 2010, Štícha et al., 2013), die (auch korpusbasiert) die Wortbildung tschechischer Verben detailliert beschreiben, widmen diesem Phänomen keine Aufmerksamkeit. Gründe dafür gibt es m. E. mindestens zwei: Erstens ist es die irreführende Bezeichnung „Verkleinerung“, denn „kleiner“ können nur Substanzen (Substantive), jedoch keine Tätigkeiten oder Zustände (Verben) sein. Sicher kann man die „Verkleinerung“ im übertragenen Sinne verstehen: Rötlich bedeutet weniger rot, also „geringere Intensität von Rot“, Lächeln ist schwaches Lachen, also „niedrigere Intensität von Lachen“ etc. Diese (rein) semantische Betrachtung führt unweigerlich zu einer breiteren Auffassung von verbalen (auch adjektivischen) Diminutiven, bzw. der Diminution. Diese Auffassung spielt eine bedeutende Rolle bei der typologischen Herangehensweise an diese Problematik (vgl. Nekula, 2013, 54–55). Als verbale Diminution werden demnach auch tschechische Verben mit dem Präfix po-/popo- (pousmát se [schwach/leicht lächeln]) bezeichnet, darüber hinaus zählt Nekula (2003, 154) auch Formen trochu se usmát [ein bischen lächeln] oder krátce se usmát [kurz lächeln] als eine analytische Diminution dazu.
60 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2017 Zweitens ist das Vorkommen solcher Verben, die traditionell als Diminutive bezeichnet werden, auch in stark diminutivbildenden Sprachen (z.B. Tschechisch) sehr gering.1 In vielen Sprachen (z.B. im Englischen oder in skandinavischen Sprachen) wird von verbalen Diminutiven gar nicht gesprochen. Die Beschreibung verbaler Diminutive kommt in den meisten (jedoch nicht— wie schon oben angeführt wurde— in allen) moderneren Grammatiken und Fachpublikationen vor, die sich mit der Wortbildung des Tschechischen befassen (Šmilauer, 1971, Dokulil, 1982; Petr, 1986, Čermák, 1990 und 2011, Rusínová, 1990, Karlík et al., 1995, Nekula, 2003). In älteren Grammatiken (etwa Dobrovský, 1809 und 1940, Gebauer, 1936 oder Trávníček, 1951) fehlt sie jedoch. Für die deutsche Sprache werden verbale Diminutive am ausführlichsten in folgenden Werken beschrieben: Fleischer (1969 und alle späteren Auflagen), sowie Fleischer et al. (letzte Auflage 2012), Dressler / Merlini Barbaresi (1994), DUDEN— Grammatik (2005), Káňa (2016). Eine detaillierte Beschreibung der Geschichte und der Funktionen des verbalen Suffixes -eln liefern Weidhaas/Schmidt (2015). Deverbativa mit diesem Suffix erwähnen auch Donalies (2005) und Erben (letzte Ausgabe 2006). Grundsätzlich gilt auch in diesem Bereich, dass das Interesse der linguistischen Forschung an verbalen Diminutiven im proportionalen Verhältnis zum Vorkommen (und zur traditionellen Betrachtung dieses Vorkommens) in der jeweiligen Sprache steht: Slowakische verbale Diminutive werden ausführlich beschrieben z.B. in Šalingová (1955), italienische in Tovena (2010) und Dressler / Merlini Barbaresi (1994), um hier nur einige zu nennen. Zu englischen verbalen Diminutiven allerdings äußert sich Schneider (2003) in seinem umfangreichen Werk über englische Diminutive nicht. Implizit geht aus seinen Ausführungen hervor, dass es sie nicht gibt. 3. MERKMALE VERBALER DIMINUTIVE Bei der Analyse der Fachliteratur wird deutlich, dass eigentlich kein einheitliches Verständnis der verbalen Diminutive herrscht, was ihre Form und Bedeutung anlangt. Im Tschechischen werden für Diminutivmarker meist Suffixe, seltener ein Präfix (s. Tabelle 1) oder eben auch periphrastische Konstruktionen gehalten (s. oben). Die Bedeutung der Derivate wird am häufigsten als deminutiv, iterativ oder attenuativ bezeichnet (Quellen dazu s. in Kapiteln 5.1.1 und 5.1.2). Im Deutschen herrscht scheinbar ein Konsens darüber, dass verbale Diminutive mit dem Suffix -eln (oder -ern) gebildet werden. Tritt dieses Suffix an verbale Basen, dann haben die Verben eine „iterative“ (Erben, 2006, 81), „diminutiv-iterative“ (DUDEN— Grammatik, 2006, 718) und/oder auch „scherzhafte“ (Donalies, 2005, 122) Bedeutung. 1 Das geringe Vorkommen bezieht sich hier nur auf zugängliche Korpusdaten, die als einzige empirische Grundlage dieses Artikels stehen. Es liegt auf der Hand, dass in der Alltagssprache die Frequenz der verbalen Diminutive wesentlich häufiger ist als in anderen Stilschichten, die in Korpora vertreten sind.
TOMአKáňA 61 Für die Abgrenzung verbaler Diminutive scheint es sinnvoll diejenigen Merkmale aufzulisten, die in der Fachliteratur als unumstritten gelten (hier unten Punkte 1. bis 4.). Diese Merkmale werden durch weitere Kriterien ergänzt, die aus den Proberecherchen in verschiedenen Korpora hervorgegangen sind. Als Ausgangspunkt dient die Abgrenzung substantivischer Diminutive, denn diese werden in den meisten Fachquellen sehr ähnlich beschrieben (eine Synthese dieser Quellen vgl. Káňa, 2011). 1. Ein Diminutivum ist ein Ein-Wort-Gebilde. 2. Ein Diminutivum ist eine Wortmodifikation (nach Dokulil et al., 1967), wobei 2.1 das Basiswort in der heutigen Sprache geläufig ist; 2.2 die Basis und ihre Ableitung 2.2.1 zur gleichen Wortart gehören (Scalise, 1986, 232), 2.2.2 zu derselben Wortfamilie gehören, ihre Basismorpheme sind ident. 3. Das Modifikationsformativ hat in der Sprache auch eine evaluative Funktion. 4. Eine analytische synonyme Umschreibung entbehrt der für die Diminutive typischen emotionalen Färbung (Fleischer et al., 2012, 235). In der deutschen Auffassung der Diminutive2 geht man allerdings davon aus, dass Diminutive durch Suffixe gebildet werden, wobei die Suffixe an Basen unterschiedlicher Wortarten treten können: dumm (Adj.) → Dumm(er)chen (Subst.); blöd (Adj.) → blödeln (Verb). Dem widerspricht Scalise (1986) (hier Punkt 2.2.1). Der Grund dafür könnte m.E. darin liegen, dass deutsche Diminutivsuffixe spezifisch sind— sie bilden nur Diminutive, während tschechische Suffixe aspezifisch sind, so bildet z.B. -ek unterschiedliche Deverbative (poplatit [bezahlen] → poplatek [Zahlung], brousit [schleifen] → brousek [Schleifstein]), Deadjektive (bílý [weiß] → bílek [Eiklar], přední [vorder] → předek [Vorderer, Vorfahr]), fungiert auch als ein Integrationssuffix (dalamánek nach Rejzek (2001, 121) aus dem Französischen (pian) d’Allemand; oplatek, verpánek aus dem Deutschen Oblate, Werkbank) und eben auch als Diminutivsuffix (balkónek [Balkonchen] von balkon). Allerdings gibt es auch im Tschechischen spezifische Suffixe, die nur Diminutive bilden (-íček, -inkat). Da es unumstritten ist, dass ein (typisches) Diminutivsuffix der Basis eine diminutive Konnotation verleiht (Belege aus Umfragen s.in Káňa, 2016), werden im Folgenden die Diminutive in „echte“ und „unechte“ aufgeteilt. Zu echten Diminutiven gehören dann Wörter, die alle Kriterien (1. bis 7.) erfüllen. Ausgehend von den Postulaten 1. bis 4. konnten bei echten Diminutiven anhand von Korpusrecherchen folgende Eigenschaften beobachtet werden: 5. Die Frequenz des Diminutivums ist in einem ausgewogenen Korpus immer wesentlich geringer als die Frequenz seines Basiswortes. 6. Die häufigsten Kollokationspartner (Autosemantika) des Basiswortes und des Diminutivums überschneiden sich (Brücke/Brücklein (zwischen/über) überqueren, Brücke/Brücklein führt, hölzerne/sBrücke/Brücklein). 2 Vertretend für diese Auffassung s. Fleischer et al. (2012, 231–233).
62 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2017 7. Mehrere Recherchen im deutsch-tschechischen Parallelkorpus (InterCorp de-cz v.8–9) haben ergeben, dass (in den meisten Belegen) einem pragmatisch eingesetzten substantivischen Diminutivum auch ein Diminutivum in der Kontrastsprache gegenübersteht, falls es keine Restriktionen für die Diminutivbildung gibt3. Diese Postulate wurden aufgrund ausführlicher Korpusrecherchen mehrerer substantivischer Paare (Basis → Diminutivum) im Tschechischen (kostel → kostelík, sukně → sukýnka, suknička, sukýnečka etc.) und Deutschen (Haus → Häuschen, Bach → Bächlein, Brücke → Brückchen/Brücklein u.a.) formuliert und auch bei einigen nichtsubstantivischen Paaren überprüft (vgl. Káňa, 2016). 4. METHODISCHE VORGANGSWEISE Es ist anzunehmen, dass die im Kapitel 3 postulierten Punkte auch auf Diminutive anderer Wortarten anwendbar sind. Demzufolge wurden für die Erschließung der verbalen Diminutive folgende Schritte gesetzt: 1) Aus der Fachliteratur wurden alle formalen Marker der verbalen Diminution übernommen, die jedoch nicht über die Grenze des Wortes hinausgehen. Es sind meistens Suffixe, selten Präfixe (s. Tabelle 1 und Tabelle 2). 2) Es wurden nur solche Verben betrachtet, die eindeutig ein Modifikationssuffix beinhalten, d.h. zwischen dem Basiswort und seinem Derivat gibt es heute noch eine sichtbare semantische Beziehung. 3) Im Korpus wurde nach Verben mit diesen Markern gesucht. Die Bedeutung des Wortes wurde dann a) nach dem Kontext und b) nach den Entsprechungen in anderen Sprachen bestimmt. Im folgenden Text werden mehrheitlich nur lexikalische Korpusäquivalente4 präsentiert (mit „≈“ gekennzeichnet), nur dort, wo es sinnvoll, beispielhaft oder notwendig ist, wird auch der minimale Kontext angegeben. Bei Belegen aus dem Parallelkorpus wird jeweils auch der deutsche Titel des Textes, aus dem die Textpassage stammt, angeführt. Die Diminutivmarker erweitern das Basiswort um ein evaluatives Merkmal und verleihen dem Derivat die typischen diminutiven Konnotationen: Verniedlichung der Sprache (mit Kindern (sog. Motherese) und Haustieren), aber auch Ironie oder Sarkasmus (vgl. Stephany, 1997, 147–148). Grundsätzlich kann man sprachliche Elemente 3 Beispielsweise Diminutive von Ableitungen auf -ei (*Bäckereichen, *Konditoreichen) werden üblicherweise nicht gebildet, sind in keinem Korpus belegt. Als eine okkasionelle Bildung sind sie jedoch nicht ausgeschlossen (s. einige wenige Belege im Internet). 4 Im folgenden Text bezieht sich die Bezeichnung „Äquivalent“, „Äquivalenz“ auf die funktionale und kommunikative Äquivalenz (mehr dazu in Knittlová, 2010, 18–37) der Textpassagen in Parallelkorpora mit dem Wissen, wie problematisch dies im Hinblick auf die Qualität der Texte, ihrer Übersetzungen und Repräsentativität der Daten ist.
TOMአKáňA 63 mit diesen Charakteristika in Korpora der geschriebenen Standardsprache5 nicht in einer signifikanten Frequenz erwarten, denn solche Elemente sind nicht gerade typisch für die Textsorten, welche in diese Korpora eingespeist werden (s. Přehled dostupných korpusů ČNK [Überblick über die Korpora des ČNK]6 oder Textklassifikation in COSMAS II7). Für die Recherchen wurden deswegen Daten aus verschiedenen Korpora, marginal auch aus dem Internet genutzt: InterCorp (whole, Core und Subtitles) Deutsch-Tschechisch, teilweise auch Deutsch-Tschechisch-Englisch, Versionen 8 (v. 8) und 9 (v. 9), sowie einsprachige, „nationale“ Korpora: Korpora des gesprochenen und des geschriebenen Tschechisch (oral 2013, SYN 2015 und syn v. 3), das deutsche Korpus DeReKo (Archiv W-öffentliche Texte der geschriebenen deutschen Sprache, Release 2013 und 2016), das österreichische Korpus der Medientexte AMC. 5. FORMATIVE DER DIMINUTIVBILDUNG Die Recherchen der Fachquellen bezüglich Bildungsformative der verbalen Diminutive sind fürs Tschechische in der Tabelle 1 und fürs Deutsche in der Tabelle 2 synthetisiert. Präfix po(po)- Suffixe -kat -tat -ičkat -inkat -ininkat -ulinkat -etat/-itat/-otat -olit -onit tabelle 1.Tschechische verbale Diminutivaffixe. Präfix — Suffixe -(e)ln -(e)rn -(e)rln tabelle 2.Deutsche verbale Diminutivsuffixe. 5 Zu Konzepten der Mündlichkeit und Schriftlichkeit s. Thaler, 2007. 6 https://wiki.korpus.cz/doku.php/cnk:uvod#prehled_dostupnych_korpusu [12.2.2017]. 7 http://www.ids-mannheim.de/cosmas2/projekt/referenz/textklassifikation.html [12.2.2017].
64 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2017 Ins Visier rücken hier nur Affixbildungen, denn andere Bildungsmöglichkeiten (sog.„analytische Diminution“ nach Nekula, 2003) entsprechen nicht den Postulaten 1. und 2. im Kapitel 3. In grauer Schrift sind Suffixe gesetzt, zu denen es in analysierten Korpora keine Belege gibt. 5.1 TSCHECHISCHE VERBALE DIMINUTIVE Im Tschechischen werden von den meisten Autoren/Autorinnen nur Suffixe als diminutive Marker betrachtet, einige (z.B. Nekula, 2003) zählen dazu allerdings auch ein Präfix, wie in Tabelle 1 angegeben. Die Annahme, dass das Präfix poDiminutive bildet ist m. E. aus den folgenden Gründen nicht haltbar: a) Die verbalen Modifikationen mit dem Präfix pohaben keinen evaluativen Charakter. Dies ist aus Tabelle 3 ersichtlich, in der die häufigsten Modifikationen mit dem Präfix pound mit dem Suffix -inkat im analysierten Korpus zusammengefasst sind. Basisverb Modifikation mit poModifikation mit -inkat blít [kotzen]poblít (se) blinkat hačat [expressiv sitzen]pohačat si8hačinkat hajat [expressiv schlafen]pohajat si hajinkat mučit [foltern]pomučit mučinkat papat [expressiv essen]popapat papinkat spát [schlafen]pospat si spinkat/vyspinkat se srát [scheißen](při)posrat (se) serinkat šprtat se [büffeln]pošprtat si šprtinkat se tabelle 3.Vergleich der tschechischen Modifikationen mit pound -inkat.8 Der fehlende evaluative Charakter ist hier auch ohne Kontext deutlich zu sehen und wird in Tabelle 4 verdeutlicht. b) Den verbalen Modifikationen mit dem Präfix poentsprechen im Deutschen keine verbalen Diminutive. Die deutschen Pendants von pootočit, poodstoupit, popostrčit und pospat si in Tabelle4 zeigen deutlich, dass es sich eher um eine Deintensivierung handelt. Die Äquivalente haben keinen evaluativen Charakter, die meisten von ihnen sind nicht einmal expressiv. Solche Charakteristika gelten als typische Begleiter des semantischen Gehalts der Diminutive (vgl. Bauer, 1997, Čermák, 2011, Schneider, 2003). Das Präfix poscheidet demnach als ein typischer Diminutivmarker aus. 8 Die Funktion des Reflexivums, bzw. die Synergie mit dem Präfix po~ wird hier nicht ausgeführt. Weiter zu diesem Thema s. Šimečková (1997).
TOMአKáňA 65 Modifikat mit poDeutsches Äquivalent im InterCorp (v. 9) poblít ≈ kotzen, das Essen kommt hoch pootočit ≈ sich ein wenig/halb drehen, wenden poodstoupit ≈ etwas zurücktreten, einen Schritt zur Seite treten popostrčit ≈ schubsen, einen Ruck geben pomučit ≈ foltern, herumquälen (trochu) si pospat ≈ein (bisschen/etwas) schlafen tabelle 4.Modifikationen mit pound ihre Äquivalente im Deutschen. Unter den in Tabelle 1 angeführten Suffixen lassen sich mindestens zwei Gruppen unterscheiden: 1) typische diminutivbildende Suffixe (Kapitel 5.1.1); 2) Suffixe mit eindeutig modifizierender Funktion aber mit unklarer Bedeutung (Kapitel 5.1.2). 5.1.1 SUFFIXE -KAT, -IČKAT, -INKAT, -ININKAT, -ULINKAT Die Funktion dieser Suffixe zur Bildung verbaler Diminutive ist mehr oder weniger unumstritten. Sie bilden aus dem Basiswort ein Diminutivum (vgl. Šmilauer, 1971, 151; Dokulil, 1982, 7; Petr, 1986, 417; Karlík et al., 1995, 193–194; Čermák, 2011, 122). Die häufigsten diminutiven Verben in tschechischen Korpora (SYN 2015, oral 2013, InterCorp v. 8) sind: auf -kat endend: capkat/vycapkat, cupkat/přicupkat, dupkat, chrupkat, kakat/nakakat/pokakat/vykakat, kapkat, (na) papkat (se), ťapkat/přiťapkat/odťapkat, ťupkat, zobkat; auf -inkat endend: (blinkat/poblinkat/vyblinkat), hačinkat, hajinkat, mučinkat, papinkat, spinkat/pospinkat si/vyspinkat se, serinkat, šprtinkat se. Der evaluative Charakter dieser Verben (in Tabelle 5 in Fettschrift gesetzt) ist aus dem Kontrast zu Äquivalenten in anderen Sprachen ersichtlich. Zur Darstellung der semantischen Verschiebung werden in Tabelle 5 Äquivalente der Basisverben (Normalschrift) und ihrer Diminutivableitungen (Fettschrift) angeführt. Tschechisch Deutsch Englisch Slowakisch capat ≈ auf und ab gehen polowter, pitter-patter cupkať, behať capkat ≈ trippeln pad, patter cupkať dupat ≈ stampfen, trampeln stamp, trampel dupotať, dupať dupkat ≈ — — — kadit ≈ scheißen shit ondiť, srať kakat ≈kacken, groß machen/ müssen go stinky, crap kakať ťapat ≈ tappen, laufen walk, patter behať, cupitať ťapkat ≈tappeln, trippeln patter (Geräusch), scuttle (Bewegung) ťapkať, capkať, motkať
66 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2017 Tschechisch Deutsch Englisch Slowakisch blít ≈ kotzen puke, vomit, barf, throw up grcať, selten vracať blinkat ≈nichts essen throw up, toss cookies vracať, selten grcať spát ≈ schlafen sleep / be asleep spať spinkat ≈ schlafen sleep / be asleep spinkať, buvinkať tabelle 5.Verben auf -kat, -inkat: Vergleich mit Basis und Entsprechungen in anderen Sprachen. Die emotive Färbung ist aus dem minimalen Kontext sehr gut sichtbar (s. unten Beispiele (1) bis (5)). Andere Sprachen (hier Englisch und Deutsch) transportieren den ähnlichen Aussagewert durch diverse Mittel: expressive Anrede (1), Quantifikator (2), andere periphrastische Mittel (3) bis (5). (1) (cs) Je čas spinkat, ano? (en) You go to sleep, honey. (2) (cs) Spinkej. (de) Schlaf gut. (en) Sleep tight. (Subtitles In InterCorp v. 9) (3) (cs) Zjistí se, že si se Sörenem spinkala. (en) They’ll find out you slept with Sören-to put it nicely. (Škvorecký: Hříchy pro pátera Knoxe / Sins for Father Knox In InterCorp v. 9) (4) (cs) Vyspinkali se? řekl. (de) Haben wir schön geschlafen? fragte er. (en) Have we had beautiful sleep? he said. (Tolkien: Pán prstenů 2 / Der Herr der Ringe 2 In InterCorp v. 9) (5) (cs) Už chci jít spinkat. (en) Iwanna go noddy-blinkums. — (cs) Jdeme spinkat. (en) Ok, we’re going to go night-night. (Subtitles In InterCorp v. 9) Würde es sich in (1), (2), (4), (5) um Übersetzungen aus dem Tschechischen handeln, könnte man diese Vorgangsweisen als translatologische Kompensationen (nach Hervey/Higgins, 1992) betrachten. Da es sich hier jedoch nur in einem Fall um eine Übersetzung aus dem Tschechischen (3) handelt, kann man nicht grundsätzlich von einem translatologischen Prozess sprechen. Der kontrastive Vergleich der äquivalenten Textpassagen zeigt, welche Mittel die Sprachen benützen um denselben Inhalt zu transportieren. Eine Wortäquivalenz (im lexikographischen Sinne) zwischen dem Tschechischen und dem Deutschen (Englischen) ist hier kaum möglich. Der Vergleich in Tabelle 5 zeigt auf der Wort-Ebene deutlich, dass die Verben kakat [expressiv ausscheiden] und blinkat [brechen] keine Diminutive in der Bedeutung sind,
TOMአKáňA 73 Die semantischen Beziehungen zwischen den Verbpaaren sind aus Tabelle 7 ziemlich deutlich zu sehen: Sie spielen sich nicht auf der konnotativen Ebene Basis → Diminutivum, sondern eher auf der denotativen Ebene ab und bilden (ungeachtet der Rolle von Präfixen) diese Dichotomien: 1) Kausativa: aschen— ein~/veräschern, falten— fälteln, einschlafen— einschläfern, steigen— steigern, (an)reichen— anreichern, stinken— stänkern; steigen—steigern; 2) Iterativa: sich drängen— sich drängeln; rucken— ruckeln, stechen— sticheln, tanzen— tänzeln; 3) In/Transitiva: traufen— träufeln, zünden— zündeln; 4) Aspekt: zischen (durativ ≈ syčet)— zischeln (terminativ ≈ syknout, zasyčet). Die Kategorien 1) bis 4) sind durchgängig und überschneiden sich. Die meisten Paare unterscheiden sich auch in ihrer syntaktischen Einbettung: Am Beispiel drängen → drängeln sieht man, dass das Verb drängeln wesentlich häufiger als Kausativum (zu dringen) verwendet wird. Das häufigste syntagmatische Muster im DeReKo (Belica, 1995) ist auf etw. drängen. Dessen Ableitung drängeln wird jedoch fast ausschließlich in reflexiver Form verwendet: sich drängeln. Nur in dieser Form (sich drängen → sich drängeln) kann man von einer Wortmodifikation sprechen, die jedoch eher auf eine iterative Funktion als auf eine diminutive Funktion hinweist. Nur einige wenige Modifikate können evaluativ verwendet werden. In dieser pragmatischen Funktion sind sie jedoch in den zur Verfügung stehenden Korpora kaum belegt. Die geringe Frequenz in geschriebenen Texten ist für echte Diminutive typisch (s. oben Kapitel 2). Die Entscheidung, ob es sich um eine evaluative (verniedlichende, ironische oder anders emotiv gefärbte) Verwendung handelt, ist äußerst schwierig zu treffen (Fleischer (1969, 292) behauptet „gar unmöglich“). Dennoch lassen sich aufgrund der Äquivalente einige Wortpaare herausfiltern, bei denen die evaluative Verwendung möglich sein kann— es sind diejenigen, die in Tabelle 7, rechte Spalte, gleiche tschechische Äquivalente haben, also lediglich diese Paare: husten— hüsteln, kochen— köcheln, tanzen— tänzeln und tropfen— tröpfeln. Diese wurden noch näher unter die Lupe genommen, indem nach solchen Kontexten gesucht wurde, in denen beide Formen austauschbar wären: (10) (de) Lake unterdrückte ein Lachen, indem er erst lächelte und dann hustete. (cs) Nejdřív ze všeho se Lake snažil, aby nevyprskl; podařilo se mu to tak, že se jen usmál apak si odkašlal. (en) Lake’s first reaction was to suppress alaugh, which he did by smiling, then coughing. (Grisham: Die Bruderschaft In InterCorp v. 9) (11) (de) Slartibartfaß hüstelte höflich. (cs) Slartibartfast si zdvořile odkašlal. (en) Slartibartfast coughed politely. (Adams: Per Anhalter durch die Galaxis In InterCorp v. 9)
74 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2017 Das Verb hüsteln (11) könnte hier die geringere Intensität des Hustens andeuten und dadurch das höfliche Verhalten unterstreichen (eine evaluative Funktion). Auf der anderen Seite entsprechen dem deutschen Verb im Tschechischen odkašlat si [sich räuspern], rozkašlat se [husten anfangen]. In dieser Hinsicht kann wiederum hüsteln eher als ein Phasenverb zu husten (Wörterbuchäquivalent: kašlat) verstanden werden. In (13) vermute ich gegenüber (12) eine Verharmlosung, die durch das modifizierte Verb köcheln erzielt wird. (Die übliche Form der festen Verbindung lautet in der Gerüchteküche kocht es.) Eine Ironie oder Sarkasmus ist auch nicht ausgeschlossen. Dies müsste jedoch eine gründliche Analyse der Texte beweisen oder widerlegen. (12) (de) Schon Wochen vor Beginn der offiziellen Transferzeit kocht es in der Gerüchteküche. (DeReKo) (13) (de) Derweil köchelt es in der Gerüchteküche. Die Gerüchteküche kann also noch ein wenig köcheln ... (DeReKo) Auch tänzeln dürfte in (15) evaluativ (hier eher verniedlichend) verwendet werden, wenn man es mit einem ähnlichen Kontext (14) vergleicht. Beide Formen sind in den Beispielen (16), (17) durchaus austauschbar, wertend ist jedoch eher nur die Form in (17). (14) (de) Nun tanzten wir über die Terrasse, auf deren Blumenmeer Licht aus dem Wohnzimmer fiel. (cs) Apak jsme tančili na terase , kam dopadalo světlo zobývacího pokoje na moře květin . (Simmel: Die Antwort kennt nur der Wind In InterCorp v. 9) (15) (de) …aber Herzchen Li tänzelte schon über den Sand zur Lagune. (cs) …ale drahoušek Li už tančila po písku klaguně . (Čapek: Der Krieg mit den Molchen In InterCorp v. 9) (16) (de) Seine Finger tanzten über die Tastatur,... (Clancy: US Marines In InterCorp v. 9) (17) (de) Eltons Finger tänzelten über die Tasten, man konnte es auf der Videowand mitverfolgen. (DeReKo) Das Derivat tänzeln fungiert offensichtlich auch zur Bezeichnung der „Scheinhandlung“12, wie aus (18) ersichtlich ist: (18) (de) Die Alte tänzelt. (cs) Stará přímo jako by tančila. (Grass: Die Rättin In InterCorp v. 9) — 12 Dazu auch Weidhaas/Schmid (2015, 199).
TOMአKáňA 75 (de) Er war ständig wie aus Höflichkeit ein wenig vorgebeugt, tänzelte, obwohl er sich nicht von der Stelle rührte, und spielte mit seiner Uhrkette. (cs) Byl neustále, jakoby ze zdvořilosti trochu vpředklonu, pohyboval se, jako když tančí, ačkoliv se nehýbal zmísta, ahrál si sřetízkem od hodinek. (Kafka: Amerika In InterCorp v. 9) Evaluativ kann auch das Modifikat tröpfeln (19), (20) eingesetzt werden. Im Tschechischen (20) entspricht diesem eine umgangssprachlich konnotierte Abwandlung von kapat [tropfen]. (PSJČ bezeichnet das Verb krápati noch als „volkstümlich“.) (19) (de) Tatsächlich tropft es nur noch vereinzelt vom grau verhüllten Himmel. (DeReKo) (20) (de) „Es tröpfelt!“ sagte Volkmar leise. (cs) „Krápe,“ řekl Volkmar tiše. (Konsalik: Haus der verlorenen Herzen In InterCorp v. 9) Übliche Kollokationspartner zu tropfen sind: Schweiß, Nase, Blut (tropft); die häufigsten syntagmatischen Muster sind: es tropft von der Decke, der Schweiß tropft (ihm) von der Stirn, der Regen tropft etc.; mit tröpfeln: es tröpfelt (vom Himmel) (d.h. es regnet schwach), es tröpfelt leise. In dieser Hinsicht ist tröpfeln ziemlich eindeutig ein Attenuativum zu tropfen. Die Verben hüsteln, köcheln, tänzeln und tröpfeln können also eine evaluative Funktion haben, wie aus (10) bis (20) ersichtlich ist. Dennoch liegt der Unterschied zwischen ihnen viel häufiger in der Semantik: hüsteln— kurz/schwach husten, sich räuspern; tänzeln— scheinbar tanzen, tröpfeln— schwach regnen. Dies unterstreicht auch die Tatsache, dass ihnen im Tschechischen keine verbalen Diminutive entsprechen. Man darf jedoch zuversichtlich sein und annehmen, dass mit dem wachsenden Korpus (in den kommenden Versionen) sich unter den tschechischen Äquivalenten auch einige verbale Diminutive vorfinden werden (zakašlinkat, kapinkat u.ä.). Solche Wörter sind im heutigen Tschechisch nicht unüblich, beschränken sich allerdings auf spezifische kommunikative Situationen: Sprache der Kinder, mit Kindern, bzw. Ironisierung dieser Sprache u.ä. (einige Belege sind im Internet). 5.2.2 VERBEN MIT DEM SUFFIX -ERLN Einen unumstritten evaluativen Charakter können Deverbative mit dem „österreichischen“ Suffix -erln beinhalten. Im ACM wurden lediglich sechs Verben gefunden, die 1) sich im heutigen Gebrauch auf ein Basisverb beziehen lassen und 2) zu denen es in diesem Korpus auch mehr als zwei Belege gibt. Es sind: abbusserln, gaberln, hockerln, kasperln, nerverln und schnürln. Aus urheberrechtlichen Gründen werden hier Belege aus dem Korpus DeReKo (2016) und (falls vorhanden) auch aus dem InterCorp (v. 9) präsentiert. Als echte Diminutive können nur die Verben abbusserln, hockerln und kasperln bezeichnet werden. Diese Paare sind auf der denotativen Ebene nicht differenziert:
76 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2017 abbusseln → abbusserln (21) (de) „Am liebsten würde ich alle, die hier sind, abbusseln“, meinte der Politiker überschwänglich. (de) „Wenn sich ein Gegenkandidat findet, werde ich ihn abbusserln.“ (DeReKo) In (21) sind beide Verbformen Austriazismen, hingegen gehören hocken (22) und kaspern (23) zum gesamtdeutschen Wortschatz. hocken → hockerln (22) (de) Es ist schon seltsam, wenn man, im schönen Sommerkleid, plötzlich die Schuhe ausziehen muß, um einen mit Tatami-Matten ausgelegten Speiseraum zu betreten, in dem sechs würdige Herren in dunklen Anzügen an einem langen niedrigen Tisch auf Kissen hocken, sich erheben, statt die Hände zu schütteln, ihre Visitenkarten zücken, und dann sieht man ihre Füße, die auch nur in Socken stecken. Ein richtiges japanisches Diner hat einen Zeremonienmeister. Er verbreitet Würde, indem er mit klarer Stimme ankündigt, was zu tun ist. Der Gast macht einfach (als wäre das so einfach!) alles nach. Man erhebe das Glas: „Kampai, kampai!“ Prost! (de) Meistens sieht man ihn knien, sitzen oder hockerln. (DeReKo) kaspern → kasperln/(verkasperln) (23) (de) Neben dem kaspern und dem angeln, bin ich überrascht das du Zeit hattest fürs „bilden“ (cs) Když jsi pořád šaškoval arybařil, divím se, žes stíhal taky školu. (Subtitles In InterCorp v. 9) — (de) Da kasperlt nicht bloß das komische Paar über die Bühne. (DeReKo) Einen markanten Unterschied gibt es in der Distribution der Basisverben hocken und kaspern. Diese Verben haben (laut Recherche in DeReKo: Länderansicht) in deutschen Texten gegenüber den österreichischen Texten eine deutlich höhere relative Frequenz. In Texten aus Deutschland kommen sie etwa zweimal häufiger vor als in österreichischen Texten (genaue Werte: hocken 6,2 pMW13 in Texten aus Deutschland, nur 3,2 pMW in Texten aus Österreich; kaspern 0,06 pMW in Texten aus Deutschland, gegenüber 0,03 pMW in Texten aus Österreich). Die Wörter gaberln, nerverln und schnüreln sind keine eindeutigen Diminutive. Alle drei Paare haben sich im österreichischen Deutsch semantisch deutlich getrennt. 13 Pro Million Worte: relatives Vorkommen im Korpus umgerechnet auf eine Million Worte.
TOMአKáňA 77 gabeln → gaberln Das Verb (sich) gabeln (allgemein Deutsch) bedeutet sich teilen, verzweigen; auf eine Gabel nehmen, hingegen gaberln ist ein Austriazismus und bedeutet in erster Linie einen Ball mit dem Fuß nach oben dribbeln. Nur selten werden beide Verben in der Bedeutung (mit einer Gabel) essen (24) verwendet. (24) (de) Einer, mit dem man auch einen Butterkuchen hätte gabeln können, ohne fürchten zu müssen, dass er einem die Gabel hernach in die Wange rammt. Wer 3 Mal Pietro Pizzi „gaberlt“, egal welche Pietro Pizzi-Sorte, kann eine Reise ins Land des Fußball-Europameisters 2008 oder weitere tolle Preise gewinnen. (DeReKo) nerven → nerverln Das Verb nerven gehört auch zum gesamtdeutschen Sprachgut und bedeutet äußerst lästig sein, während nerverln sich auf einen „nervösen Zustand“ bezieht: aufgeregt, angespannt und/oder nervös sein, vor lauter Aufregung zittern. Nur bedingt kann nerverln auch im Sinne von nerven (25) verwendet werden. (25) (de) Nur 30 Pillen, oder 60, wenn Sie wollen, dass ich Sie nicht ständig nerve. (cs) Jen třeba 30 nebo 60, jestli nebudete chtít, abych vás pořád otravoval. (Subtitles In InterCorp v. 9) (de) „François, hör auf zu nerven. Die Rede ist sehr gut so.“ (DeReKo) (de) „Hört’s auf zu nerverln, gehen wir wieder gemeinsam an die Arbeit.“ (DeReKo) schnüren → schnüreln Auch die beiden Wörter schnüren und schüreln sind semantisch bereits voneinander weit entfernt, wobei die Motiviertheit des Verbs schnüreln in Bezug auf (starken) Regen ziemlich deutlich metaphorisch einleuchtet. (26) (de) Man schnürt die Schuhe und läuft los. Wir schnüren die Wanderschuhe enger und wandern los Richtung Bollenwees. (DeReKo) Kurz gesagt, es schnürlte wieder Regen aus dunklen Wolken, die tief hingen. Ein warmer Sommerregen schnürlt herab auf die Gemeinde, die… (DeReKo) Die typische Einbettung ist in (26) ersichtlich. Laut Kookkurrenzanalyse (Belica, 1995) sind diese Verbindungen im DeReKo üblich: Paket, Schuhe oder neues Sparpaket schnüren.
78 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2017 Das Verb schnüreln bedeutet (stark) regnen. Nach einer Recherche im DeReKo (Länderansicht) ist es zwar ein reiner Austriazismus (vgl. auch Ebner, 1980, 163), einige Belege davon gibt es jedoch auch im süddeutschen Raum. Dies bestätigt auch das Variantenwörterbuch (2004, 684). Weiterhin gibt es im österreichischen Deutsch auch Verben, zu denen es in der heutigen Sprache kein Basisverb (mehr) gibt. Zu solchen „Quasidiminutiven“ gehören: fensterln ohne Basiswort, vermutlich Konversion von Fensterl häckerln ohne Basiswort, vermutlich Konversion von Hackerl, motiviert durch die Metaphorik der zum Hacken gebogenen Arme magerln ohne Basiswort (vermutlich abgeleitet von mögen) mascherln/auf~ ohne Basiswort, vermutlich Konversion vom Mascherl papierln ohne Basiswort (Die Motivation vermute ich im österreichischen Beamtentum— „Papierdeutsch“.) papperln/auf~/bebapperln falls vom Basisverb pappen (?) (aufkleben), dann bereits ohne semantischen Bezug (differenziert); wahrscheinlicher ist jedoch eine Entlehnung aus dem Tschechischen papat piperln ohne Basisverb (vermutlich Onomatopoetikum) schurln/herum~ vermutlich übertragen von scheuern oder abgeleitet vom Hypokoristikum Schurl (George) stierln/herum~/heraus~ ohne Basiswort wurlen vermutlich Iterativum aus dem Mittelhochdt. wurrren tabelle 8.Österreichische Quasidiminutive. Sowohl die echten Diminutive auf -erl (21) bis (26) als auch diejenigen in Tabelle 8 können als Konversionen entsprechender (österreichischer diminutiver) Substantive betrachtet werden: Busserl → busserln, Gaberl → gaberln, Schnürl → schnürln etc. Die affektive Note ist hier durch das Suffix relativ markant. Stilistisch gehören diese Wörter zur österreichischen Umgangssprache, deswegen sind sie auch im ACM, also in publizistischen Texten relativ häufig vertreten. 6. FAZIT Die Korpusanalysen haben gezeigt, dass lediglich Verben auf -kat und -inkat im Tschechischen und -erln im Deutschen einen eindeutig evaluativen Charakter haben können. Verben mit anderen Suffixen (im Tschechischen etwa -ičkat, -ininkat, -ulinkat) sind nicht einmal im größten Korpus des geschriebenen oder gesprochenen Tschechisch belegt. Sie sind allgemein gesehen in der Sprache selten. Die Funktionen anderer hier behandelter Affixe ist in erster Linie nicht evaluativ diminuierend: Das tschechische Präfix pound das deutsche Suffix -eln bilden Attenuativa, die Suffixe
TOMአKáňA 79 -etat/-itat/-otat, -olit bilden oft Frequentativa oder Iterativa, selten auch Augmentativa (řehtat → řehotat). Die vermeintlich diminuierenden Suffixe im Deutschen dienen primär zur semantischen Differenzierung der Aktionsart, zur Bildung von Kausativen oder Phasenverben. Den evaluativen Charakter haben diese Verben also kaum, und wenn sie ihn haben, dann sehr selten und nur kontextbedingt. Am ähnlichsten sind sich Tschechisch und (das österreichische) Deutsch bei den verbalen Diminutiven, die auf -(in)kat im Tschechischen bzw. auf -erln im Deutschen enden. Belege dafür findet man in Korpora kaum, aus dem Sprachgebrauch sind sie jedoch bekannt: bumbinkat ≈ pipperln (im Deutschen jedoch nur mit der Implikatur „alkoholische Getränke“), hačinkat ≈ hockerln, papinkat/papkat ≈ papperln, pusinkovat ≈ busserln, serkat/serinkat ≈ scheißerln, spinkat ≈ schlaferln. Hier bewegen wir uns zwar relativ tief im Substandard und ausschließlich in der (fiktiven) gesprochenen Sprache, Belege hiefür gibt es jedoch (27), (28). (27) (de) „Er papperlt und pipperlt und is rundum zfriedn,…“ (Neue Kronen-Ztg., 22.08.1996, S.12 In DeReKo) (28) (de) „Also wir sind schon da, wir sind zu euch schlaferln und papperln gekommen, wir wern euch Knocherln geben und Krusterln, und früh wern wir dann wieder weiterziehn aufn Feind.“ (cs) „Tak už jsme tady, přišli jsme se kvám vyhajínkovat, napaputínkat, dáme vám kostičky, kůrčičky aráno potom zas půjdeme dál na nepřítele.“ (Hašek: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk In InterCorp v. 9) Vor allem (28) beweist nicht nur den okkasionellen Gebrauch solcher Bildungen14, sondern auch die Möglichkeiten der Modifizierung der Suffixe: Die Form napaputínkat (Bildungsformativ -utínkat) ist im Tschechischen einmalig. Verbale Diminutive existieren sowohl im Tschechischen als auch im Deutschen. Aus einigen Parallelpassagen ist ersichtlich, dass sie im Englischen nicht existieren und meist lexikalisch (vgl. cook → simmer) oder periphrastisch (vgl. cough → cough in apolite way) kompensiert werden (können). Echte verbale Diminutive erfüllen eine pragmatische, wertende Funktion, die grundsätzlich erst aus dem Kontext ersichtlich ist (13), (15), (17). Neben den echten verbalen Diminutiven existieren im Tschechischen und auch im Deutschen Diminutivformen/Quasidiminutive, die nicht alle hier postulierten Bedingungen (Kapitel 3) erfüllen: Beispielsweise hopkat [hüpfen], kuckat [prusten, husten]; ähneln, frösteln, papierln lassen sich synchron auf kein Basisverb beziehen, sie können also nicht pragmatisch verwendet werden. (Die Ableitung kann in demselben Syntagma nicht durch ein Basisverb ersetzt werden.) Es ist allerdings unumstritten, dass solche Verben mit 14 Zu okkasionellen („ad hoc“) Bildungen / Gelegenheitsbildungen s. Metzler— Lexikon (2000, 235).
80 LINGUISTICA PRAGENSIA 2/2017 einem typischen diminutiven Suffix die Basis leicht „verfärben“, auch wenn es sich um kein echtes Diminutivum handelt. Die Grenze zwischen den echten und unechten Diminutiven (Quasidiminutiven) ist daher sehr dünn und manchmal undeutlich. Auch deswegen muss die Bestimmung, ob es sich um ein echtes Diminutivum handelt oder nicht, im Prinzip für jede Diminutivform gesondert erfolgen. QUELLENVERZEICHNIS LITERATURQUELLEN Bauer, L. (1997) Evaluative morphology. Search of universals. Studies in Language 21/3, 533–575. Belica, C. (1995) Statistische Kollokationsanalyse und -clustering. Korpuslinguistische Analysemethode. Mannheim: Institut für Deutsche Sprache. http://corpora.idsmannheim.de/ [22.5.2012]. Cvrček, V. et al. (2010) Mluvnice současné češtiny. Praha: Karolinum. Čermák, F. (1990) Syntagmatika aparadigmatika českého slova. 2: Morfologie atvoření slov. Praha: Univerzita Karlova. Čermák, F. (2011) Morfématika aslovotvorba češtiny. Praha: Nakladatelství Lidové noviny. Dobrovský, J. (1809) Ausführliches Lehrgebäude der Böhmischen Sprache, zur gründlichen Erlernung derselben für Deutsche, zur vollkommenen Kenntnis für Böhmen. Prag: J. Herrl. Dobrovský, J. (1940) Podrobná mluvnice jazyka českého vredakcích zroku 1809 a1819. Praha: Komise pro vydávání spisů Josefa Dobrovského při Královské české společnosti nauk. Dokulil, M. et al. (1967) Tvoření slov včeštině 2. Odvozování podstatných jmen. Praha: Academia. Dokulil, M. (1982) Dva příspěvky kodvozování sloves. Naše řeč 65/1982, 1, 1–11. Donalies, E. (2005) Die Wortbildung des Deutschen: ein Überblick. Tübingen: Narr. Dressler, W. U. u. L. Merlini Barbaresi (1994) Morphopragmatics: Diminutives and Intensifiers in Italian, German, and Other Languages. Berlin: de Gruyter. DUDEN Grammatik (2005) Wermke, M. et al. (Hrsg.), DUDEN— Grammatik. Mannheim/ Leipzig/Wien/Zürich: Dudenverlag. Erben, J. (2006) Einführung in die deutsche Wortbildungslehre. Berlin: E. Schmidt. Fleischer, W. (1969) Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Leipzig: Bibliographisches Institut. Fleischer, W. et al. (2012) Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. Berlin: de Gruyter. Gebauer, J. (1936) Příruční mluvnice jazyka českého pro učitele astudium soukromé. Praha: Česká grafická unie a.s. Hervey, S. u. I. Higgins (1992) Thinking Translation. London: Routledge. Jurafsky, D. (1996) Universal tendencies in the semantics of the diminutive. Language 72/3, 533–578. Káňa, T. (2011) Deminutiva ademinutivní vyjádření včeštině, němčině aangličtině— hledání hranic. In Čermák, F. (Hrsg.) Korpusová lingvistika Praha 2011: 1— InterCorp, 168–185. Praha: Nakladatelství Lidové noviny, ÚČNK. Káňa, T. (2016) Česká aněmecká deminutiva na pozadí korpusových dat. Brno: Masarykova univerzita. https://www.muni.cz/lide/363/ kvalifikace [12.1.2017]. Káňa, T. (2016) Česká deminutiva nejmenných slovních druhů asledování jejich protějšků vněmčině aangličtině. In: Čermáková,A.etal. (Hrsg.) Jazykové paralely, 64–94. Praha: Nakladatelství Lidové noviny. Karlík, P. et al. (1995) Příruční mluvnice češtiny. Praha: Nakladatelství Lidové noviny. Knittlová, D. et al. (2010) Překlad apřekládání. Olomouc: FF UP. Nekula, M. (2003) System und Funktionen der Diminutive. Kontrastiver Vergleich des
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