Russisches für die Insel-Bücherei. Zum Übersetzungskonzept Alexander Eliasbergs im Spiegel der Verlagskorrespondenz
Abstract
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Russisches für die Insel-Bücherei. Zum Übersetzungskonzept Alexander Eliasbergs im Spiegel der Verlagskorrespondenz Carmen Sippl Pädagogische Hochschule Niederösterreich [email protected] SYNOPSIS Russian Literature for the Insel-Bücherei: On Alexander Eliasberg’s Concept of Translation as Reflected in His Correspondence with the Insel Publishing House Based on the correspondence between the translator Alexander Eliasberg (1878–1924) and the German publishing house Insel-Verlag this paper explores the social, material and mental dimensions of their relationship from the point of view of cultural semiotics. Understanding the culture of translation as asemiosphere (according to Jury Lotman’s definition) furthers the insight into the dynamics and the (historical, sociocultural) conditions of the process of Russian-German cultural mediation. It also allows us to draw conclusions on Eliasberg’s concept of translation and the role of translation as amedium. One of Eliasberg’s translations from Tolstoy for the book series Insel-Bücherei, published in 1913, serves as an example. SCHLÜSSELWÖRTER / KEYWORDS Translation studies; Kultursemiotik; Alexander Eliasberg; Insel-Bücherei / translation studies; cultural semiotics; Alexander Eliasberg; Insel-Bücherei. DOI https://doi.org/10.14712/23366680.2020.1.9 Als Anton Kippenberg im Oktober 1912 Alexander Eliasberg von seiner Absicht in Kenntnis setzen lässt, „einige Tolstoi’sche Erzählungen zu veröffentlichen“ (17.X.1912), und ihn um eine Auswahl bittet, ist der genaue Plan noch nicht erkennbar. Es bedarf der Nachfrage des Übersetzers nach der „verfügbare[n] Bogenzahl“ und der gewünschten inhaltlichen Gewichtung (19.X.1912). Die Antwort des Verlags erfolgt umgehend, erläutert die typografischen Möglichkeiten und stellt klar: „Die Auswahl hätte unseres Erachtens rein nach künstlerischen Gesichtspunkten zu erfolgen.“ (24.X.1912) Es ginge nicht um einen Sammelband, sondern um einzelne Bände der Insel-Bücherei. Erst im Juni des Jahres sind die ersten zwölf Bände dieser Reihe mit „Weltliteratur in nuce“ (Buchinger 1998, S.133) erschienen, und der Verleger ist intensiv mit der Planung der weiteren Serien befasst. OPEN ACCESS
CARMEN SIPPL 177 Bereits dieser kurze Blick in die ersten drei belegten Briefe1 aus der Korrespondenz zwischen dem Insel-Verlag und dem Übersetzer lässt erkennen, dass verschiedene Kontexte für die Beantwortung der Frage nach einem Übersetzungskonzept Alexander Eliasbergs zu berücksichtigen sind. Kultursemiotisch betrachtet stehen diese Kontexte für das Zusammenspiel von sozialer, materialer und mentaler Dimension einer nach Jurij Lotman als Semiosphäre verstandenen Übersetzungskultur (vgl.Posner 2008, S.48; Lotman 2010, S.163–290). Diese Dimensionen können am Beispiel von Eliasbergs Zusammenarbeit mit dem Insel-Verlag, wie sie die Korrespondenz aus den Jahren 1912 bis 1924 als lebendiges Zeugnis widerspiegelt, beleuchtet werden. Im Fokus des für diesen Beitrag exemplarisch ausgewählten Schlaglichtes— einen Band in der Reihe Insel-Bücherei betreffend2— steht die Frage, wie der Übersetzer seine Angebote und seine Auswahl gegenüber dem Verlag argumentiert und inwiefern diese Argumentation konzeptuelle Rückschlüsse zulässt. DER ÜBERSETZER & DIE INSEL-BÜCHEREI Alexander Eliasberg (1878–1924), in Minsk als Sohn eines ostjüdischen Bankiers geboren und in russischer und deutscher Sprache aufgewachsen, lässt sich nach dem Studium in Moskau (1897–1902) und nach einer kurzen Station in Wien etwa 1906 in München nieder.3 1907 erscheinen seine ersten Essays und Übersetzungen aus dem Russischen und aus dem Jiddischen ins Deutsche.4 1912, als die Zusammenarbeit mit dem Insel-Verlag ihren Anfang nimmt, kann er bereits auf Veröffentlichungen seiner Übersetzungen in Zeitschriften wie dem Simplicissimus, der Jugend, den Süddeutschen Monatsheften, Licht und Schatten, Der Merker, Die Hilfe, Die Schaubühne und als Buchausgaben in Verlagen wie R.Piper, Georg Müller und Haupt & Hammon verweisen. 1 Im ersten belegten Brief vom 17.X.1912 nimmt der Verlag Bezug auf ein im Vorjahr von Alexander Eliasberg vorgelegtes Angebot, „einige russische Romane für unsere ‚Bibliothek der Romane‘ zu übertragen.“ Dieser Brief Eliasbergs an den Insel-Verlag ist im Archiv-Konvolut nicht enthalten. Es umfasst 165 Briefe zwischen Alexander Eliasberg und dem Verlag aus dem Zeitraum 1912–1924 sowie sechs weitere zwischen Eliasbergs Witwe Zinaida und dem Verlag aus dem Zeitraum 1924–1927. Alexander Eliasberg adressiert seine (z.T. maschinen-, z.T. handschriftlichen) Schreiben „An den verehrlichen Insel-Verlag“ und spricht „Sehr geehrte Herren“ an; da es sich bei den Briefen des Verlages um nicht unterzeichnete Durchschriften handelt, geht nicht eindeutig hervor, ob damit Anton Kippenberg und ein Lektor gemeinsam angesprochen werden. Alle Zitate aus diesen Briefen aus: Goetheund Schiller-Archiv, GSA 50/929 und GSA 50/930.— Bei Zitaten aus den Briefen und der Wiedergabe von bibliographischen Angaben folgen wir der dort verwendeten Transkription, sonst der wissenschaftlichen Transliteration. 2 Eine weitere Zusammenarbeit zwischen Eliasberg und dem Verlag besteht bezüglich der Reihen Bibliotheca mundi und Pandora sowie bei Werkausgaben von Dostoevskij und Tolstoj. Sie wird an anderer Stelle näher beleuchtet werden (Sippl 2020). 3 Eine kurze biografische Skizze von Leben und Werk Alexander Eliasbergs u.a. in Sippl 2001; 2004; 2017. 4 Zu Eliasberg als Übersetzer aus dem Jiddischen siehe Sippl 2018. OPEN ACCESS
178 SLOVO A SMYSL 33 Vor ihm liegt mehr als ein Jahrzehnt außerordentlicher Produktivität als Übersetzer, Herausgeber, Autor; seine Übersetzungen in Einzelbänden, thematischen Sammelbänden und Werkausgaben erscheinen u.a. bei Rütten & Loening, Georg W.Dietrich, C.H. Beck, Gustav Kiepenheuer, Axel Juncker, Julius Hoffmann, Jüdischer Verlag, Musarion, Orchis, Drei Masken Verlag. Und ab 1912 auch im Insel-Verlag.5 Unter dem Verleger Anton Kippenberg und mit zeitgenössischen Autoren wie Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Hans Carossa und Ricarda Huch entwickelt sich der Insel-Verlag in den 1910er-Jahren zu einem der führenden Kulturverlage im 20.Jahrhundert.6 Mit der Konzeption der Insel-Bücherei als „freundlich ausgestattete gebundene Bändchen […], die jedes fünfzig Pfennig kosten“7, gelingt Kippenberg ein großer Erfolg. Während die Bände inhaltlich „das ganze Programmspektrum des Verlags widerspiegeln“, besticht die Reihe insbesondere durch die besondere Ausstattung: „Alle Bände waren aus den besten Schriften der Zeit von Hand gesetzt, auf holzfreiem Papier gedruckt und, was ungewöhnlich bei einer Buchserie dieser Preisgruppe war, solide in Pappe gebunden.“8 Bis heute, nach einer mehr als hundertjährigen Erfolgsgeschichte, sind es „die gemusterten Überzugspapiere“9, die den Reihencharakter der Insel-Bücherei prägen. „REIN NACH KÜNSTLERISCHEN GESICHTSPUNKTEN“ Den Auftakt in Eliasbergs Zusammenarbeit mit dem Insel-Verlag macht, wie eingangs erwähnt, eine Auswahl aus Erzählungen von Lev Tolstoj: „Da wir glauben, dass Sie die ziemlich umfangreiche Novellistik Tolstois übersehen, bitten wir Sie, uns vorzuschlagen, was Ihrer Meinung nach für eine Auswahl von etwa 6–10 Erzählungen in Betracht zu ziehen wäre.“10 Die Anfrage des Verlages enthält den Hinweis, dass parallel auch der Schriftsteller und Übersetzer Rudolf Kassner (1873–1959)— seit 1904 Autor des Verlages— an einer Zusammenstellung arbeitet. „Es wäre uns deshalb lieb, wenn Sie Ihrem Auswahlvorschlag beifügten, welche dieser Werke Ihnen selber Ihrer Meinung nach am besten liegen würden.“11 Mit Blick auf die soziale Dimension wird hier deutlich: Eliasberg ist anerkannt, seine Meinung wird wertgeschätzt, aber eine Hierarchie und eine Konkurrenz unter den Übersetzern sind erkennbar. In seiner Antwort dankt Eliasberg „für die ehrenvolle Aufgabe, mit der Sie mich betrauen wollen“, fragt nach dem geplanten Umfang, der für seine Auswahl wesentlich sei, und ob „im Sammelband alle Perioden Tolstois vertreten“ sein müs5 Eine erste (zu ergänzende) Bibliografie umfasst insgesamt 328 Einträge (Walravens 2013). 6 Zur Verlagsgeschichte siehe Sarkowski— Jeske 1999; Sarkowski— Klitzke— Deutsche Bibliothek— Insel Verlag 1999. 7 Aus der Verlagsanzeige im Börsenblatt vom 23.Mai 1912, zit. nach Sarkowski— Jeske 1999, S.118. 8 Ebd., S.120–121. 9 Ebd. 10 Insel-Verlag an Alexander Eliasberg, Leipzig, 17.X.1912. 11 Ebd. OPEN ACCESS
CARMEN SIPPL 179 sen oder „ob ich mich einzig von künstlerischen Rücksichten leiten lassen soll“.12 Die präzisierende Antwort des Verlages verdeutlicht die materiale Dimension: „nicht in einem Sammelband, sondern in einzelnen Bänden unserer Insel-Bücherei“ sollen die Novellen erscheinen, jeder Band mit einem Umfang von fünf Bogen, „natürlich auch weniger. Etwaige Differenzen im Umfange können auch durch Verwendung verschiedener Schriftgrade in den einzelnen Bänden ausgeglichen werden.“13 Zur Veranschaulichung werden drei Musterbände mitgeschickt, „Gogoll, Hardt und Butzbach“14: vermutlich Der Mantel von N.Gogol in der Übertragung von Rudolf Kassner (IB 24); von Ernst Hardt kommen seine Novelle An den Toren des Lebens (IB 13) oder seine Übertragung von Gustave Flauberts Die Sage von Sankt Julianus dem Gastfreien (IB 12) infrage; bei Butzbach handelt es sich um den Titel Des Johannes Butzbach Wanderbüchlein (IB 26).15 Während die Bogenzahl— mit Blick auf die einheitliche Gestaltung und Kalkulation der Reihe hinsichtlich des Umfangs, der Ausstattung und des Preises16— also feststeht, bietet die Wahl der Schrift gewisse Variationsmöglichkeiten bezüglich des Umfangs, mit der Einschränkung: „Es ist selbstverständlich, dass wir die Tolstoischen Novellen nur in einer Schrift, aber in verschiedenen Grössengraden drucken werden.“17 Bezüglich der inhaltlichen Gewichtung der Textauswahl „rein nach künstlerischen Gesichtspunkten“, welche die mentale Dimension— aus Sicht des Verlages— im Spiegel des Reihenkonzeptes aufzeigt, folgt gleichfalls eine Relativierung: „Wenn es sich damit vereinbaren lässt, dass für verschiedene Entwicklungsstadien des Dichters zu gleicher Zeit charakteristische Proben geboten werden, so ist dies natürlich nur zu begrüßen, jedoch müsste dieser Gesichtspunkt durchaus in zweiter Linie stehen.“18 Bereits zwei Tage später schickt Alexander Eliasberg einen ersten Vorschlag, dessen Berechnung nach Silben nicht auf der Grundlage der „avisierten Musterbändchen“ erfolgt ist, da diese noch nicht eingetroffen seien, sondern von solchen aus Eliasbergs eigener Bibliothek, konkret von Band 4 der Insel-Bücherei, Otto von Bismarcks Vier Reden zur äußeren Politik, der 42.000 Silben beinhalte.19 Eliasberg listet 18 Erzählungen Tolstojs auf, einmal gereiht nach empfohlenen Kombinationen (a–h) und einmal gereiht nach dem Umfang (1–18), letztere Liste nochmals unterteilt in Erzählungen (1–14) und Volkserzählungen (15–18). Er nennt wie gewünscht seine Präferenzen und fragt nach den Honorarbedingungen. Das dreiseitige Schreiben lässt eine intensive inhaltliche und rechnerische Auseinandersetzung des Übersetzers mit der Anfrage des Verlags erkennen. 12 Alexander Eliasberg an den Insel-Verlag, München, 19.X.1912. 13 Insel-Verlag an Alexander Eliasberg, Leipzig, 24.X.1912. 14 Ebd. 15 IB = Insel-Bücherei mit Bandnummer, verifiziert nach Kästner 2012. 16 Zur Konzeption und Kalkulation der Insel-Bücherei durch Anton Kippenberg siehe im Detail Sarkowski 1999; Sarkowski— Jeske 1999, S.116–123; Sarkowski— Klitzke— Deutsche Bibliothek— Insel Verlag 1999, S.64–68; Mix 2000. 17 Insel-Verlag an Alexander Eliasberg, Leipzig, 24.X.1912. 18 Ebd. 19 Alexander Eliasberg an den Insel-Verlag, München, 26.X.1912; Titel verifiziert nach Kästner 2012. OPEN ACCESS
180 SLOVO A SMYSL 33 Auch der Verlag setzt sich intensiv mit diesem Vorschlag auseinander, erstellt eine neue, kommentierte und ergänzte Liste auf der Grundlage von Eliasbergs Zusammenstellung und nach Rücksprache „mit einigen, unserem Verlag sehr nahestehenden Herren, darunter dem Herausgeber des bekannten Tolstoi-Buches Herrn Dr. Meyer-Benfey“20. Auch mit Kassner wurde gesprochen und ihm die erste Auswahl— aus Eliasbergs Vorschlag!— anheimgestellt, die sich mit dessen Präferenzen überschneidet, aber „darüber liesse sich gewiss eine Einigung erzielen“21, wie der Verlag anmerkt. Ein Problem zeigt sich bezüglich Eliasbergs Umfangberechnungen: „[…] bei der Geschichte ‚Die Kosaken‘ […] sind uns einige Bedenken aufgestiegen, ob Sie sich nicht verrechnet haben könnten.“22 Der Honorarvorschlag wird noch einmal vertagt. Wiederum scheinen hier die soziale und die materiale Dimension der als Semiosphäre verstandenen Übersetzungskultur zusammenzutreffen. Eliasbergs umgehende Antwort bringt in erster Linie seine zielführende Verbundenheit mit der Sache— den Erzählungen Tolstojs und ihrer möglichen Zusammenstellung für den deutschsprachigen Buchmarkt— zum Ausdruck: „Ihre neue Liste gefällt mir sehr gut“, schreibt er, verteidigt seine Auswahl („[…] halte ich von den Volkserzählungen die vier auf meiner ersten Liste stehenden für die weitaus besten“), die offenbar sowohl ergänzt als auch reduziert wurde. „Doch das ist Geschmackssache.“ Er fügt eine Neufassung seiner Liste an, „mit genau nachgerechneten Silbenzahlen“).23 Die (mit Blick auf Reihenfolge, Kombinationsmöglichkeiten, Bekanntheitsgrad, Umfang, aber auch persönliche Vorlieben und Befangenheit) kommentierte Liste umfasst nun 14 Titel (davon Punkt drei, die Volkserzählungen, mit vier Untertiteln), unterteilt in drei Sektionen: „In erster Linie“, „In zweiter Linie“, „In dritter Linie“. Diese Reihung und ihre Begründung zeigt uns wiederum die mentale Dimension mit Blick auf das Reihenkonzept der Insel-Bücherei— diesmal jedoch aus Sicht des Übersetzers. Kassners Wahl, ausgerechnet die Erzählung Der Tod des Iwan Iljitsch, „die mir die liebste ist“, schmerzt ihn, was Eliasberg jedoch dazu nutzt, eigene Bitten („Würde er mir vielleicht dann die Volkserzählungen lassen?“) und Wünsche („Den ‚Schneesturm‘ würde ich ganz gerne übernehmen; auch der ‚Leinwandmesser‘, den ich Ihnen gar nicht warm genug empfehlen kann, reizt mich sehr.“) vorzubringen. „Ich will aber die Verteilung der Arbeit zwischen Herrn Dr. Kassner und mir gerne Ihnen überlassen.“24 Er rechnet also fest mit diesem Übersetzungsauftrag; offen sind nur noch die Fragen betreffend Honorar und Abgabetermin. 20 Insel-Verlag an Alexander Eliasberg, Leipzig, 2.XI.1912. Gemeint ist Tolstoj-Buch: Ausgewählte Stücke aus den Werken Tolstoj’s. Mit Tolstoj’s Bildnis, hg. von Dr. Heinrich Meyer-Benfey. F.Wunder, Berlin 1906. Eine 2.Auflage ist für 1911 belegt. 2015 erfuhr der Band eine Neuausgabe unter besonderer Berücksichtigung der Geschichte des Franz Wunder Verlages. Posthum 1946 erschien Tolstois Weltanschauung (Deutscher Literatur-Verlag, Hamburg) des Germanisten und Philologen Heinrich Meyer-Benfey (1869–1945), das vermutlich auf gleichnamige Artikel in Der Türmer 1907/08 zurückgeht (vgl. Hanke 1993, S.104). 21 Insel-Verlag an Alexander Eliasberg, Leipzig, 2.XI.1912. Die im Brief genannte und diesem beigelegte Liste ist leider im Archiv nicht erhalten. 22 Ebd. 23 Alexander Eliasberg an den Insel-Verlag, München, 3.XI.1912; Unterstreichung im Original. 24 Ebd. OPEN ACCESS
CARMEN SIPPL 181 Eliasbergs Taktik, will man eine solche in seinem Verhandlungsstil zwischen einem auf die Reihe konkret zugeschnittenen Angebot, einem teilweisen Nachgeben gegenüber dem Konkurrenten und der Hervorhebung eigener Einschätzungen erkennen, ist erfolgreich: Der Verlag beauftragt ihn mit der Übersetzung der vier Volkserzählungen, mit dem Ausblick auf eine weitere, aber noch nicht endgültig getroffene Auswahl in der Folge.25 Eliasberg ist mit dem angebotenen Honorar einverstanden26, lediglich die Abgabe verzögert sich ein wenig: Statt Ende Dezember liefert er am 7.Januar 1913 ab.27 Gegenüber dem Auftrag hat er eine kleine Änderung vorgenommen: Den Titel einer Erzählung (im Original Dva starika, in Übersetzungen als Die beiden Alten, Zwei Greise, Die beiden Greise bekannt) hat er in Die Wallfahrt geändert, um eine Doppelung mit dem Titel einer weiteren, Die drei Greise, zu vermeiden.28 Der Verlag liest die abgelieferte Übersetzung sofort und moniert lediglich ein sprachliches Phänomen: In Passagen, die in der Vergangenheit erzählt sind, sind einzelne Sätze in der Gegenwart eingestreut. „Wir wissen wohl, dass sich dies auch im volkstümlichen Deutsch nicht selten findet, es scheint uns aber fraglich, ob wir diesen, wahrscheinlich schon im russischen Manuskript vorhandenen, Wechsel der Zeit nachahmen können“, betont der Verlag und schlägt vor: „Die Sache ist zu unbedeutend, als dass wir Ihnen Ihr Manuskript noch einmal zusenden möchten. Liegt Ihnen nichts daran und sind Sie mit uns einverstanden, so bringen wir die Sache gern vor dem Satz ins Gleichgewicht.“29 „DER IDEALE ÜBERSETZER […] IST NOCH NICHT GEBOREN.“ Alexander Eliasberg ist „selbstredend einverstanden“, als er auf diesen Korrekturvorschlag postwendend antwortet.30 Dieser Antwortbrief ist für unsere Fragestellung von besonderer Bedeutung. Er offenbart, als ein rares Zeugnis, Eliasbergs Eigensicht des Übersetzens an sich und von sich als Übersetzer. „Die Wiedergabe des volkstümlichen Tones der Tolstoj’schen Erzählungen gehört zu den schwierigsten Aufgaben, die einem Übersetzer überhaupt gestellt werden können“, hält er zunächst fest und weist darauf hin, dass auch bereits vorliegende Übersetzungen dieser Erzählungen „so weit ich sie nachprüfen konnte, von den von Ihnen gerügten Fehlern nicht frei“ seien, sondern darüber hinaus „zahlreiche auf mangelnder Kenntnis der russischen Sprache beruhende Uebersetzungskuriosa enthalten“. Als Beispiel führt er die Bezeichnung „dvornik“ für „1) Hausmeister, Hausknecht und 2) (volkstümlich)— Besitzer einer Herberge“ an, mit dem Hinweis darauf, dass die zweite Bedeutung „im Wörterbuch […]“ fehle. „Nun haben alle Uebersetzer die zweite Bedeutung des Wortes ‚Dwornik‘ nicht gekannt […]. Diesen Fehler finde ich 25 Insel-Verlag an Alexander Eliasberg, Leipzig, 5.XI.1912. 26 Alexander Eliasberg an den Insel-Verlag, München, 6.XI.1912. 27 Alexander Eliasberg an den Insel-Verlag, München, 10.XII.[1912] und 7.I.1913. 28 In der gedruckten Ausgabe erscheint die Erzählung unter dem Titel Die Wallfahrer. 29 Insel-Verlag an Alexander Eliasberg, Leipzig, 8.I.1913. 30 Alexander Eliasberg an den Insel-Verlag, München, 9.I.1913. OPEN ACCESS
182 SLOVO A SMYSL 33 in sämtlichen mir vorliegenden Tolstoj-Uebersetzungen.“31 Doch er weist nicht nur auf diese Fehlübersetzung aus Unkenntnis hin, sondern insbesondere darauf, „dass selbst die besten Uebersetzer aus dem Russischen schwierige Stellen einfach unterschlagen. Selbst in Ihrer Ausgabe von Gogols ‚Mantel‘ finde ich einige eigentümliche Auslassungen.“32 Was folgt, ist nichts weniger als ein in Bescheidenheit gekleidetes Bekenntnis: „Wenn meine Uebersetzungen dem deutschen Leser auch nicht so glänzend erscheinen wie viele andere, so darf ich von mir dafür behaupten, dass mir niemand in den vielen von mir übersetzten Büchern eine Unterschlagung oder ein Uebersetzungskuriosum nachweisen kann.“ Er wolle dabei lediglich festhalten, „dass es bisher noch keinen guten Uebersetzer aus dem Russischen gibt: die einen schreiben ein vorzügliches Deutsch und verstehen nur mangelhaft russisch; andere verstehen gut russisch, schreiben aber ein mangelhaftes oder unschönes Deutsch; es gibt auch solche, die keine der beiden Sprachen beherrschen. Der ideale Uebersetzer, der beide Sprachen beherrschte, ist noch nicht geboren.“33 „Verzeihen Sie mir meine spontanen Aeusserungen. Da Sie aber Uebersetzungen aus dem Russischen bringen, durfte ich annehmen, dass Sie auch für die von mir berührte Frage Interesse haben“, schreibt Eliasberg abschließend. Und der Verlag beeilt sich zu versichern, dass dies auch ihm „selbstverständlich von grossem Interesse“ sei und „unsere kleinen Einwendungen keinerlei Kritik Ihrer Arbeit bedeuten sollten, sondern nur von unserem Interesse an dieser Aufgabe Zeugnis ablegten.“34 Tolstojs Volkserzählungen— Wovon die Menschen leben, Die Wallfahrer, Wieviel Erde braucht der Mensch?, Die drei Greise— in der Übersetzung Alexander Eliasbergs erscheinen im Januar 1913 als Band 68 der Insel-Bücherei und erleben in dieser Ausgabe neun Auflagen: die Auflage von 1913 mit 15.000 Еxemplaren, 1922 mit 50.000 Exemplaren, 1939 ist das 80.Tausend erreicht (Kästner 2012, S.34). Das Honorar beträgt einmalig „M. 40,- für den Bogen“35, also 200 Mark. „WIRKLICH ERSTKLASSIGE LITERATUR“ Alexander Eliasberg wird in diesem Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges noch zwei weitere Bände für die Insel-Bücherei übersetzen, jeweils auf seine Vorschläge hin: Tolstojs Novellen Albert und Luzern in einem Band (1914, Band 136) und Dostoevskijs Die Sanfte (1914, Band 116), in letzterem Fall mit erhöhtem (bei geringerem Um31 Ebd. Unterstreichung im Original. 32 In der Übertragung von Rudolf Kassner 1912 als Band 24 der Insel-Bücherei erschienen. 33 Alexander Eliasberg an den Insel-Verlag, München, 9.I.1913.— Zu Eliasbergs Bemühen um originalgetreue Wiedergabe siehe auch Sippl 2019. 34 Insel-Verlag an Alexander Eliasberg, Leipzig, 10.I.1913. 35 Insel-Verlag an Alexander Eliasberg, Leipzig, 5.XI.1912 und 8.III.1913.— Die Volkserzählungen in der Übersetzung Alexander Eliasbergs erlebten in den vergangenen mehr als hundert Jahren zahlreiche weitere Ausgaben, zuletzt— nach Ablauf des Urheberrechts— in einem Nachdruck 2019 (Boer Verlag); sie sind mittlerweile frei verfügbar im Projekt Gutenberg <https://gutenberg.spiegel.de/buch/volkserzahlungen-9400/1>. OPEN ACCESS
CARMEN SIPPL 183 fang) Honorar für „eine ganz besonders schöne Uebertragung“36. Im Verhandeln um Vorschüsse und Honorare ebenso wie im Aushandeln von Vorschlägen des Übersetzers als Experten— hier für russische Literatur, Sprache, Realien— erscheint die soziale Dimension unserer kultursemiotischen Betrachtung der Beziehung zwischen Übersetzer und Verlag, aus der Perspektive beider Seiten. Ebenso offenbart die mentale Dimension— hier etwa die Auswahl der Autoren und Texte sowie deren sprachliche Übertragung mit Blick auf das Reihenkonzept der Insel-Bücherei und die Zielgruppe— die Perspektive sowohl des Übersetzers als auch des Verlages. Diese beiden Dimensionen zeigen sich dabei wiederum eng verknüpft mit der materialen Dimension— hier in der Beschränkung auf eine bestimmte Bogenzahl, die sich in unserem Beispiel sowohl auf die zu treffende Auswahl (mentale Dimension) als auch das dem geringen Umfang entsprechende Übersetzerhonorar (soziale Dimension) unmittelbar auswirkt. Die Korrespondenz zwischen Übersetzer und Verlag erweist sich als ein sprechendes Zeugnis für unsere Frage nach einem Übersetzungskonzept Alexander Eliasbergs: Er begegnet den pragmatischen Erfordernissen— den Vorgaben von Reihenkonzept, Umfang, Honorar, Termindruck, Konkurrenz— angemessen und zielgerichtet, durchaus im Bewusstsein seines Expertenstatus als russisch-deutscher Kulturvermittler. In seinen Empfehlungen, Vorlieben bei der Auswahl, der sprachlichen Umsetzung seiner Übersetzungen, der wirtschaftlichen Notwendigkeit offenbart sich aber auch eine ganz persönliche Seite. Beide Aspekte, der pragmatische wie der empathische, zeigen den Übersetzer als immanenten Teil und als wirkmächtigen Gestalter einer Übersetzungskultur, deren kultursemiotische Erschließung auf der Grundlage der Übersetzungen und der Kontexte deren Entstehungsgeschichte Aufschlüsse über die Rolle der Übersetzung in der Kulturvermittlung ermöglicht. ARCHIVMATERIAL 36 Insel-Verlag an Alexander Eliasberg, Leipzig, 30.X.1913. Alexander Eliasberg— Insel-Verlag. Briefwechsel 1912–1924. Goetheund Schiller-Archiv, Weimar, GSA 50/929 und GSA 50/930. PRIMÄRQUELLEN Dostojewskij, Fjodor: Die Sanfte. Eine phantastische Erzählung, deutsch von Alexander Eliasberg. Insel-Bücherei 116. Insel Verlag, Leipzig 1914. Tolstoi, Leo N.: Der Schneesturm. Die drei Tode. Zwei Novellen, deutsch von Alexander Eliasberg. Insel-Bücherei 73. Insel Verlag, Leipzig 1913. Tolstoi, Leo N.: Volkserzählungen, übersetzt von Alexander Eliasberg. Insel-Bücherei 68. Insel Verlag, Leipzig 1913. Tolstoi, L.N.: Luzern. Albert, deutsch von Alexander Eliasberg. Insel-Bücherei 136. Insel Verlag, Leipzig 1914. OPEN ACCESS
184 SLOVO A SMYSL 33 LITERATUR Buchinger, Susanne: Stefan Zweig— Schriftsteller und literarischer Agent. Die Beziehungen zu seinen deutschsprachigen Verlegern (1901–1942). Archiv für Geschichte des Buchwesens, Studien 1. BuchhändlerVereinigung, Frankfurt/M. 1998. Hanke, Edith: Prophet des Unmodernen. Leo N.Tolstoi als Kulturkritiker in der deutschen Diskussion der Jahrhundertwende. Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 38. May Niemeyer, Tübingen 1993. Kästner, Herbert (Hg.): Die Insel-Bücherei. Bibliographie 1912–2012. Insel Verlag, Berlin 2012. Lotman, Jurij M.: Die Innenwelt des Denkens. Eine semiotische Theorie der Kultur, übers. von Gabriele Leupold und Olga Radetzkaja, hg. und Nachwort von Susi K.Frank, Cornelia Ruhe und Alexander Schmitz. Suhrkamp, Berlin 2010. Mix, York-Gothart: Kulturelles Kapital für 20, 50 oder 80 Pfennige. Medialisierungsstrategien Leipziger Verleger in der frühen Moderne am Beispiel der „Universal-Bibliothek“, der „Insel-Bücherei“ und der Sammlung „Der Jüngste Tag“. Archiv für Kulturgeschichte 82, 2000, Nr.1, S.191–210. Posner, Roland: Kultursemiotik. In: Ansgar Nünning— Vera Nünning (Hg.): Einführung in die Kulturwissenschaften. Theoretische Grundlagen— Ansätze— Perspektiven. Metzler, Stuttgart— Weimar 2008, S.39–72. Sarkowski, Heinz: Die ersten zwanzig Jahre der „Insel-Bücherei“. 1912–1932. Buchhandelsgeschichte 3, 1999, B116–128. Sarkowski, Heinz— Jeske, Wolfgang: Der Insel Verlag 1899–1999. Die Geschichte des Verlags 1899–1964, eingeleitet von Siegfried Unseld. Insel Verlag, Frankfurt/M.— Leipzig 1999. Sarkowski, Heinz— Klitzke, Gert— Deutsche Bibliothek— Insel Verlag (Hg.): 100 Jahre Insel Verlag 1899–1999. Begleitbuch zur Ausstellung. Insel Taschenbuch 2700. Insel Verlag, Frankfurt/M.— Leipzig 1999. Sippl, Carmen: Die Bibliothek des Übersetzers Alexander Eliasberg: Eine Spurensuche. Imprimatur N.F. 16, 2001, S.134–143. Sippl, Carmen: «Превосходный посредник». Томас Манн и Александр Элиасберг. Звезда 2004, Nr.9, стр. 169–179. Sippl, Carmen: Der „Bote von außen“: Alexander Eliasberg und Thomas Mann. Münchner Beiträge zur Jüdischen Geschichte und Kultur 11, 2017, Nr.2, S.40–57. Sippl, Carmen: „Die Werkstatt des Wunders“: Alexander Eliasberg und die ostjüdische Literatur. In: Lazar Fleishman— Fedor Poljakov (eds.): Across Borders: 20th Century Russian Literature and Russian-Jewish Cultural Contacts. Essays in Honor of Vladimir Khazan. Stanford Slavic Studies 48.Peter Lang, Berlin 2018, S.137–151. Sippl, Carmen: Der Apfelkönig. Boris Sadovskoj in der Übersetzung Alexander Eliasbergs. Eine raumpoetologische Lektüre. In: Lazar Fleishman— Stefan Michael Newerkla— Michael Wachtel (eds.): Скрещения судеб. Literarische und kulturelle Beziehungen zwischen Russland und dem Westen. AFestschrift for Fedor B.Poljakov. Stanford Slavic Studies 49. Peter Lang, Berlin 2019, S.265–283. Sippl, Carmen: „Von Heiligen und Bösewichtern“. Zur Korrespondenz zwischen Alexander Eliasberg und dem Insel-Verlag. Wiener Slavistisches Jahrbuch N.F. 8, 2020 [in Vorbereitung]. Walravens, Hartmut: Alexander Eliasberg (1878–1924). Das Werk des fruchtbaren Übersetzers aus dem Russischen und Jiddischen. Veröffentlichungen der Osteuropa-Abteilung 42. Staatsbibliothek zu Berlin— Preußischer Kulturbesitz, Berlin 2013. OPEN ACCESS