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Milan Horňáček, Sabine Voda Eschgfäller, Alžběta Peštová (Hgg.): Der Erste Weltkrieg in der deutschsprachigen Literatur und Publizistik Böhmens und Mährens. Olomouc: Palacký‑‑Universität, 2017

Höhne, Steffen

Abstract

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148 BRÜCKEN 27/2 Oder pointiert eine These mit einem knappen „Voilá.“ (S. 309) Für einen deutschen Germanisten irritierend ist das immer mal wieder auftauchende, veraltet wirkende ‚Wir‘, das allerdings in der tschechischen Wissenschaft durchaus gang und gäbe ist. Die Studie ist sicherlich für lange Zeit das entscheidende Standardwerk zur Moderní revue, doch es würde wirklich zu kurz gegriffen sein, sie nur als ‚Fallstudie‘ zu dieser Zeitschrift zu beschreiben. Am Beispiel der Moderní revue zeichnet Stewart ein dichtes Bild der ‚Prager Moderne‘, das durchaus auch als Brücke über den von Milan Kundera beklagten Abgrund zwischen Germanistik und Bohemistik dienen kann. Von daher seien dem Buch nicht nur sehr viele Leser gewünscht, sondern auch bohemistische wie germanistische (und weitere) Wissenschaftler, die die Ergebnisse dieser Studie in an sie anschließenden Forschungen fruchtbar machen. Anschlussstellen bietet das Buch mehr als genug. Milan Horňáček, Sabine Voda Eschgfäller, Alžběta Peštová (Hgg.): Der Erste Weltkrieg in der deutschsprachigen Literatur und Publizistik Böhmens und Mährens. Olomouc: Palacký ‑Universität, 2017, 150 Seiten. Steffen Höhne– HfM Weimar/Friedrich ‑Schiller Universität Jena Die nicht nur erinnerungskulturelle Auseinandersetzung mit den Jahren 1914 bis 1918 hat in den Geisteswissenschaften intensive produktive und zugleich höchst unterschiedliche Wirkungen entfalten können, in denen sich unterschiedliche Tradierungen und Kanonisierungen erkennen lassen. Zieht man allgemein verbind - liche Deutungsmuster heran, so ließe sich konstatieren, dass der Erste Weltkrieg in Deutschland eher vom Zweiten Weltkrieg überlagert, im Westen dagegen als großer Opfergang erinnert wird. Demgegenüber ist er in Russland als Auftakt zu Revolution und Bürgerkrieg mit Opferzahlen konnotiert, die die des Weltkrieges weit übersteigen. Und in Zentraleuropa stellt er für einige Länder die entscheidende Phase nationalstaatlicher Wiedergeburt bzw. die Erfüllung irre dentistisch begründeter Erwartungen und territorialer Forderungen dar. Einig dürfte man sich wohl darin sein, dass mit 1914 das kurze, bis 1989 dauernde 20. Jahrhundert beginnt, ein Jahrhundert der Extreme, vom Ersten Weltkrieg als Urkatastrophe eingeläutet, der einen zuvor nicht gekannten Brutalisierungsschub darstellte und der jene Ideologien und Gewalten freisetzte, die in der Folge weitere Opfer in Millionenhöhe verursachen sollten. Nicht zuletzt der Zerfall der Vielvölkermonarchien in Europa im Epochenjahr 1918 führte zu einem Ende der politischen Ordnung des ‚langen‘ 19. Jahrhunderts– die zumindest in wichtigen Teilen auf den Wiener Kongress 1814/15 zurückzuführen ist. Das Jahr 1918 brachte aber eben auch die Erfüllung nationaler Erwartungen und Hoffnungen in den Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie wie der neugegründeten Tschechoslowakei, dem neuerstandenen Jugoslawien, dem wiedererrichteten Polen und dem deutlich vergrößerten Rumänien. Mit 1918 sind aber auch Verlusterfahrungen in Österreich und vor allem in Ungarn verbunden, in dem bis heute das Trauma von 149REZENSIONEN Trianon politische und mentale Wirkungen bis in die Alltagskultur hinein entfaltet, aber auch in dem in seinen imperialen Erwartungen enttäuschten Italien. Dies ist der Kontext, an den der eher schmale Olmützer Band anknüpft, der maßgeblich von Milan Horňáček mit drei Beiträgen bestritten wurde (Zur Einführung: Remarque in Böhmen, 5–17; Der Erste Weltkrieg in der deutschsprachigen Literatur aus Böhmen und Mähren. Versuch einer Standortbestimmung, 19–55; Exkurs: Der Erste Weltkrieg als Weg in die Unabhängigkeit. Narrative und Deutungsmuster in der tschechischen Literatur, 57–64) und der einen fundierten Einblick in die literarisch -publizistische Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg innerhalb der Tschechoslowakei bietet, wobei der Hauptfokus auf den deutschsprachigen Texten liegt. Für die hier untersuchten Texte erscheinen dabei zwei Rahmenbedingungen von zentraler Bedeutung: zum einen bestand, wie allerdings auch in anderen Ländern, eine Notwendigkeit, dem Krieg, vor allem wenn er mit einer Niederlage endete, einen Sinn zu verleihen. Zum anderen sind die spezifischen Bedingtheiten des böhmisch -mährischen Raumes in diesem „Bewältigungsdiskurs“ (S. 13) zu berücksichtigen. Hierzu erhält der Leser zunächst einen Überblick über die Autoren und Texte, die sich mit dem Weltkrieg auseinandergesetzt haben. Bei diesem Überblick, eine erweiterte Fassung eines Beitrags, der für das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder (Metzler 2017) verfasst wurde, wird das Feld von Milan Horňáček in fundierter Weise abgesteckt. Horňáček nimmt neben der deutschsprachigen auch die tschechische Weltkriegsliteratur in den Blick, bei der die Legionärsliteratur, verbunden mit dem zentralen Mythologem Zbórow (eine Schlacht am 1. und 2. Juli 1917) im Zentrum steht. Insgesamt dominiert in der tschechischen Literatur ein Narrativ, das den gesamten Krieg als Vorgeschichte der Staatsgründung interpretiert, damit aber kein Deutungsangebot für die große Mehrheit der tschechischen und slowakischen Soldaten macht, die auf Seiten der habsburgischen Armee gekämpft haben und deren Kriegserfahrung somit als sinnlos einer vollkommenen Entwertung unterzogen wurden. Eine derart einseitige Instrumentalisierung lässt sich allerdings auch in anderen Nachfolgestaaten beobachten. Die Rolle der Ostfront und die Erfahrung der Kriegsgefangenschaft untersucht Miroslav Kilík („Erkundungsritte ins Ungewisse“. Bild der Ostfront des Ersten Weltkriegs in der deutschsprachigen Literatur aus Böhmen und Mähren, 65–87). Anhand von vier Romanen, Robert Mimra, Batterie 4 (1930), Bruno Wolfgang (= Wolfgang Prochaska), Batjuschka. Ein Kriegsgefangenenschicksal (1936), Franz Werfel, Barbara oder die Frömmigkeit (1929) und Fritz Schwartzer, Söldner in Sibirien. Erlebnisse eines Sudetendeutschen (1935) werden Bilder des ‚Ostens‘ analysiert. Mit einzelnen Autoren setzen sich die weiteren Beiträge auseinander. Alžběta Peštová (Patriotische und religiöse Momente im Roman ‚Die einsame Flamme‘ von Rudolf Jeremias Kreutz, 89–111) untersucht einen Roman von Kreutz, wobei nicht nur eine Verortung innerhalb der Weltkriegsliteratur erfolgt, sondern auch eine Einordnung in die Traditionen der Moderne. Eine durchaus lesenswerte Abhandlung. Adéla Rossípalová (Das Bild des Ersten Weltkriegs und seiner Folgen im deutsch -böhmischen Roman ‚Kinder einer Stadt‘ von Hans Natonek, 113–123) befasst sich mit dem Sportund Journalistenroman von Natonek, der gleichwohl Bezüge zum Weltkrieg aufweist. Sabine Voda Eschgfäller (Ein anthroposophisch inszenierter Untergang. Zu den Hintergründen des Ersten Weltkrieges in Ludwig Polzer Hoditz‘ Drama ‚Rudolf, Kronprinz von Österreich‘, 150 BRÜCKEN 27/2 125–143) befasst sich mit einem Text, der den Ursachen des Krieges nachgeht, der aber auch– anthroposophisch gedeutet– eine Perspektive zur geistigen Erneuerung Europas nach dem Weltkrieg entwickelt. Dem Band gelingt eine gute Darstellung der höchst divergenten Auseinandersetzungen mit dem Weltkrieg und schafft, zumindest durch Einbezug unterschiedlicher Texte und Textsorten, auch eine in Ansätzen repräsentative Erfassung der Thematik. Auf diese Weise bildet er nicht nur eine wichtige Stimme im Feld der wissenschaftlichen Bearbeitungen zum 100jährigen Gedenken an das Ende des Weltkriegs, sondern eröffnet auch neue Forschungsfragen und -themen um den Komplex Erster Weltkrieg in Mitteleuropa. Doreen Densky: Literarische Fürsprache bei Franz Kafka. Rhetorik und Poetik. Berlin, Boston: de Gruyter, 2020, 227 Seiten. Jörg Krappmann– Palacký ‑Universität Olomouc In der vorliegenden Studie, die auf eine Dissertationsarbeit an der Johns Hopkins University zurückgeht, versucht die Verfasserin Fürsprache nicht nur als zentralen Gegenstand zu fassen, der sich „wie ein roter Faden thematisch durch zahlreiche Texte Kafkas“ (S. 2) zieht, sondern vielmehr als Analysekategorie zu implementieren, die „in Kafkas Werk, […] in der literarischen Rezeption und in den wissenschaftlichen Diskussionen seiner Schriften maßgeblich“ (S. 2) ist. Sie arbeitet damit den Entwurf einer kritischen Geschichte der Fürsprache aus, den Rüdiger Campe in dem Sammelband von Arne Höcker und Oliver Simons (Kafkas Institutionen. Bielefeld 2007) zunächst in Bezug auf Kafka (Kafkas Fürsprache, 189–212) und später allgemein formulierte (Synegoria und Advokatur. Entwurf einer kritischen Geschichte der Fürsprache, erschienen bei Claudia Breger und Fritz Breithaupt, Empathie und Erzählung. Freiburg 2010, 53–84). Methodologisch bringt sie ein Verfahren zwischen wissenspoetologischer Rhetorik und „einem narratologischen Close Reading“ (S. 5) in Anschlag, das offen genug ist, um auch außertextuelle Faktoren miteinzubeziehen, wohingegen eine Orientierung an Bettine Menkes dekonstruktivistischem ProsopopoiiaProjekt nur angekündigt, aber kaum weiter verfolgt wird. Nach einer kurzen Einleitung werden das theoretische Gerüst und die engere Fragestellung der Arbeit anhand der Diskursfelder (Gericht, Gesellschaftspolitik, Religion) weiter entwickelt, die sich im Allgemeinen mit Fürsprachesituationen verbinden. Die Strukturanalogie zwischen diesen Diskursen und dem „System des Erzählens“ (S. 10) wird zunächst an Texten wie Der neue Advokat oder Beim Bau der Chinesischen Mauer, vor allem aber an den differierenden Fassungen von Der Fürsprecher aufgezeigt und mit dem Repräsentationsproblem verbunden, das sich aus der triangulären Kommunikation der Fürsprache als Sprechen vor jemanden für jemanden ergibt. Lesern, die die Grundlagentexte von Campe, Benno Wagner oder Joseph Vogl nicht kennen, wird der Zugang zur Argumentation nicht gerade leicht gemacht, wozu auch die kurzgetaktete Anordnung der Kapitel beiträgt, in denen der Entfaltung der