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PRAGESTT – X. Jubiläumsjahrgang

Sogel, David

Abstract

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Full text

PRAGESTT– X. Jubiläumsjahrgang David Sogel - Philosophische Fakultät der Karls -Universität Vom 11. bis 13. März 2021 fand der zehnte Jahrgang der Prager germanistischen Studierendentagung (PRAGESTT) statt. In mehrerer Hinsicht handelte es sich dennoch um eine ‚neue‘ Konferenz. Wegen der Covid-19-Pandemie musste die ursprünglich für März 2020 geplante Tagung um ein Jahr verschoben werden, und dieser Jahrgang wurde zum ersten, in dem sich Vortragende, Moderatoren und Zuhörer ausschließlich online getroffen haben. Auch diesmal trug allerdings die Unterstützung seitens des Instituts für germanische Studien der Philosophischen Fakultät der Karls -Universität und weiterer Förderer zum reibungslosen Verlauf der von Studierenden organisierten Konferenz bei. Die Zahl der Studierenden, die sich mit einem versprechenden Vortragsvorschlag angemeldet hatten, war derart groß, dass das Tagungsprogramm diesmal um einen Tag verlängert wurde. An der PRAGESTT 2021 referierten insgesamt 46 Vortragende aus 33 Universitäten und drei Kontinenten. In 16 Vortragsblöcken trafen sich junge aktive Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich diversen Forschungsproblemen in den Bereichen der Literaturwissenschaft, Linguistik, Didaktik und Translatologie widmen. Hinsichtlich der Anzahl von sowohl passiven als auch aktiven Teilnehmenden feierte die Tagung einen großen Erfolg: Im Laufe der drei Tage nahmen mehr als 200 Personen teil. Alle Vorträge regten eine lebendige und fachlich relevante Diskussion an. Am 11. März um 13:30 wurde die X. PRAGESTT offiziell eröffnet, zunächst mit Grußworten von prof.Dr.Martin Humpál, Leiter des Instituts für germanische Studien, Dr.Daniel Soukup, Vize -Dekan der Philosophischen Fakultät, und Dr.Andreas Schmidinger, Direktor des Österreichischen Kulturforums Prag. Nach ihnen hatten die Teilnehmenden die besondere Gelegenheit, den Eröffnungsvortrag von prof.Dr.Peter Ernst (Universität Wien) Zur Periodisierungsproblematik in der deutschen Sprachgeschichte am Beispiel des Frühneuhochdeutschen zu hören. Peter Ernst beleuchtete in seinem Vortrag die Periodisierungsproblematik sehr aktuell und spannend– und mit didaktischer Brillanz– im Kontext der neueren Ergebnisse der diachronen linguistischen Forschung. Die studentische Konferenz selbst verlief parallel in zwei Online -Räumen: ein literarturwissenschaftlicher, ein linguistischer, translatologischer und didaktischer. Von den 16 Sektionen gehörten sieben der Linguistik und neun der Literaturwissenschaft. Das linguistische Programm wurde durch die Sektion Meine Heimat ist das Sudetenland eröffnet, in der nicht nur die Sprache der Sudetendeutschen in varietätslinguistischer Perspektive, sondern auch das Schulwesen in diesem Gebiet und die Identität seiner Bewohner besprochen wurden. Es folgten Sektionen, die sich der sprachwissenschaftlichen Translatologie, Didaktik oder der kontrastiven Linguistik widmeten. Auch aktuelle sprachpolitische und -soziologische Themen wie z. B. gendergerechte Sprache oder Kontaktaufnahmestrategien bei Tinder waren Gegenstand der Diskussion. In diesem Bericht werden allerdings die literarischen Sektionen näher fokussiert. 162 BRÜCKEN 28/2 Die erste Sektion mit dem Namen Wo ist mein Heim, die Clemens Braun moderierte, stellte zwei Beiträge vor: Nationalismen und Transnationalismen in der Exilliteratur(forschung) am Beispiel des deutschsprachigen Exils in Mexiko von Cornelia Arbeithuber (Hamburg) und Ein ‚guter Europäer‘? Stefan Zweig und die Geopolitik von Korbinian Lindel (Erlangen). Durch diesen Einstieg wurde der Komplex von Nationalität und Transnationalität eröffnet, der den wissenschaftlichen Austausch zwischen Teilnehmern auch außerhalb der Diskussionen anregte. Die zweite literarische Sektion, moderiert von Daria Šemberová, trug den Namen Böhmen und Mähren haben Krallen? Diese Allusion an Franz Kafkas berühmtes Diktum über Prag schloss drei Beiträge zusammen, in denen die prekären Konsequenzen interkultureller Konstellationen thematisiert wurden: Doppelte Strukturen als Form des transnationalen Schreibens im Text von Maxim Biller ‚Sechs Koffer‘ von Kristina Omelchenko (Hamburg), Louis Weinert -Wilton– der deutsche Edgar Wallace? von Radek Flekal (Olomouc) und Zwischen einem liebevollen Mütterchen und einer Rabenmutter. Kritik des Lebens in der Habsburgermonarchie in der deutschsprachigen und tschechischen Literatur der von Magdalena Bak (Wien). Unter dem Titel Intermezzo eröffnete eine von Marta Škubalová moderierte Sektion den zweiten Konferenztag. Ihre drei Beiträge wurden von Jana Schulze (Hamburg), Shivani Deshpande (Pune) und Viktoria Döberl (Wien) präsentiert und sie waren durch den Fokus auf Vernetzung und Mobilität, und zwar in kultureller als auch textueller Hinsicht, verbunden. Shivandi Deshpandes Beitrag Förderung nationaler Identität in Tarnung des ‚Schein -Weltbürgertums‘ in dem Bildungsroman ‚Die Biene Maja und ihre Abenteuer‘ (1912) war hinsichtlich der Zuhöreranzahl der überhaupt erfolgreichste Beitrag, obwohl sich nicht wenige in der Abschlussdiskussion gegen das Konzept der Identität in Waldemar Bonsels Roman positioniert haben. Der Umzug in die Online -Welt ergab das Dilemma der Kaffeepausen. Als Treffpunkt diente ein dritter Online -Raum, in dem die Diskutierenden während der ganzen Konferenz die Chance nutzten, sich auch informell auszutauschen. Am Freitag Nachmittag folgte die vierte literarische Sektion Auf dem Schachbrett der Literatur, welche von einer langjährigen Mitarbeiterin der PRAGESTT Julia Mierbach, heute an der Universität Bonn tätig, moderiert wurde. Der Titel dieser Sektion lehnte sich an den ersten Beitrag Wenn Schachfiguren fliegen– Oder wie eine Nebenfigur zum Akteur wird von Anna Dorit -Lachmann (München) an. Daran knüpfte Angelia Gaspardo (Bonn) an mit ihrem Thema Drastik in Erich Maria Remarques ‚Im Westen nichts Neues‘. Diesem intensiv diskutierten Vortrag folgte Dora Kelemen (Freiburg in Briesgau) mit ihrem Beitrag „In erster Linie sind wir Kommunisten…“– Zu Figuren in sozialistisch -realistischen Betriebsromanen der DDR und UdSSR“. In der anschließenden Debatte wurden nicht nur literaturhistorische und -ästhetische Zusammenhänge besprochen, sondern auch das Politische: Die Diskutierenden haben über die Geschichte des Kommunismus in ihren Ländern gesprochen und haben verglichen, wie unterschiedlich die kommunistischen Regime funktionierten. In der zweiten Hälfte des Tages folgte die fünfte literarische Sektion Verstehst du mich?, moderiert von Jana Dušek Pražáková. Das Hauptthema dieser Sektion war Kommunikation und eine durch Migration herbeigeführte Sprachkrise. Die Vortragenden Nina Vlhová (Bratislava) mit ihrem Beitrag Bedürfnis nach Utopie: Sprachkrise in ‚Simul - tan‘ von Ingeborg Bachmann, Sai Kolhatkar (Pune) mit ihrer Analyse der Conscious -Raps 163DAVID SOGEL von muslimischen Rappern mit Migrationshitergrund und Annabelle Jänchen (Berlin/ Ústí nad Labem) mit ihrem Beitrag Die dritte Stimme: Migration in der jüngeren deutschsprachigen Gegenwartsliteratur setzten sich mit der Problematik der historischen und teilweise auch heutigen Migration in unterschiedlichen Perspektiven auseinander. Der Tag war mit dieser Sektion allerdings noch nicht zu Ende. Im Rahmen des Begleitprogramms stellte die Kurt -Krolop -Forschungsstelle für deutsch -böhmische Literatur (Karls -Universität) die Handy -App SAMSA. Deutsche Orte Prags vor. Die Präsentation, geleitet von Dr.Štěpán Zbytovský und prof.Dr.Manfred Weinberg, machte die Zuhörenden mit einer besonderen Möglichkeit vertraut, die mit dem (Kultur-)Leben der einstigen deutschsprachigen Bewohner Prags verbundenen Orte online kennenzulernen. Das Hauptprogramm am Freitag schloss die sechste literarische Sektion unter dem Motto Geheimnisse der (weiblichen) Seele ab. Als ‚Lenker‘ (lat. moderator) der Suche nach den Geheimnissen trat hier ein regelmäßiger Tagungsteilnehmer Felix Lindner auf. Die Beiträge Der Missbrauch des Archetyps der Hexe in Goethes Faust Iund Faust II von Kristina Radman -Livaja (Zadar) und Gender und Fremdheit in der weiblichen Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts von Roxana Lisaru (Bayreuth) stellten die Frage nach dem Verhältnis von den Frauenbildern und -stereotypen in der literarischen Perspektive einerseits und in der mentalitätsgeschichtlichen und genderpolitischen Perspektive andererseits. Das literaturwissenschaftliche Programm des dritten Tags begann mit einem etwas mysteriösen Block Gibt es einen Teufel? Der Moderator Václav Smyčka stellte die Teilnehmer vor, deren Beiträge sich mit vielfältigen Figurationen des Bösen in der neueren deutschen Literatur befassten. An Markéta Buštovás (Olomouc) Thema Literarische Inszenierung des Teufelspaktes am Beispiel von Heinrich Zschokkes Novelle ‚Walpurgisnacht‘ (1812) knüpfte Evgenia Maleninská (Praha) mit dem Beitrag Erzählen über die Vertreibung zwischen Autobiographie und Fiktion an. Bogdan -Gabriel Burghelea (București) hat diese Sektion über verschiedene Aspekte des literarisierten Teufels mit seinem Vortrag Pubertäre Sexualität in der deutschsprachigen Literatur von den Anfängen der Moderne bis zur Gegenwart abgeschlossen. Es blieben noch zwei literarisch orientierte Sektionen übrig. Die erste trug den Titel Unter dem runden Tisch gefunden (auch mit Kafka!) und wurde von Elias Friedrichs und Radek Flekal moderiert. Nach den Titeln der ersten zwei– Fiktionalität in den ersten deutschsprachigen Artusromanen Erec und Iwein von Hartmann von Aue von Birgit Müllner -Stieger (Klagenfurt) und los frau und hör des hornes schal– Der Wächter im mehrstimmigen Tagelied von Elisabeth Hösl (München)– hätte man denken können, dass es sich um eine mediävistisch orientierte Sektion handelt. Schließlich waren aber die beiden Beiträge thematisch nicht so sehr weit entfernt von Lukas Sean Ahlhaus’ (Tübigen) Die Bildung des Selbst im Werk Kafkas und Kierkegaards; alle drei boten mit dem Thema Individuum und Religiosität eine gemeinsame Diskussionsbasis. Die Debatte regten hier nicht nur die Beiträge an, sondern auch das etwas entspannte Moderieren von Elias Friedrichs mit Zigarette. Es zeigte sich, wie unklar die Grenze der In-/Formalität während einer Online -Live -Übertragung sein kann. Die letzte literarische Sektion wurde von Markus Grill moderiert und hieß Es war einmal eine Geschichte. Es handelte sich um Analysen und Interpretationen dreier Bücher mit einem starken Geschichtsbezug. Anni -Lotta Hamer (Frankfurt) eröffnete die 164 BRÜCKEN 28/2 Sektion mit ihren Zauberhaften Zeichen: Semiologien des Phantastischen in Klaus Manns Roman ‚Der Vulkan‘. Es folgte Manuel Kloibhofer (Wien) mit seiner narratologisch ausgerichteten Präsentation „Österreichische Doppelgeleisigkeit“– Die Darstellung des Juliputsches 1934 in George Saikos Roman ‚Der Mann im Schilf‘ (1955). Im letzten Beitrag Archivpoetik und Textgenese in Heimrad Bäckers ‚nachschrift‘ zeigte Sophie Liepold (Wien) die Rolle von den Verfahren der konkreten Poesie in der literarischen Vergangenheitsbewältigung auf. Neben dem wissenschaftlichen Austausch im Vortragsprogramm gewährt das Begleitprogramm Gelegenheit für das persönliche ‚Netzwerken‘, Kennenlernen des Ortes oder kulturelle Bereicherung. Trotz der On -line -Form war es auch bei der diesjährigen PRAGESTT der Fall. Am Freitag fand das Webinar Motivation bewegt. Bewegung motiviert. Dynamisches Grammatikund Wortschatztraining von Lukas Mayrhofer in Kooperation mit dem Hueber Verlag statt, in dem den DaF -Lehrenden zahlreiche Tipps für effektives Lernen interaktiv vorgestellt wurden. Am Abend organisierte der Klett Verlag ein Webinar, bei dem Das Portal DerDieDaF.com– Zusatzmaterialien für den modernen Unterricht und seine praktische Nutzung vorgestellt wurden. Den Tag schloss Elizaveta Getta (Prag) mit ihrer Abenteuerlichen Forschung zum Deutschen in Afrika ab, die trotz vollem Tag viele Zuhörer anlockte. Es ist fast schon eine Tradition geworden, dass den Endpunkt des Programms am Samstag prof.Dr.Manfred Weinberg mit seinem Schlusswort setzt. Seine Worte waren diesmal höchstaktuell und trugen zum allgemein geteilten Gefühl bei, wie wichtig es ist, trotz aller Hindernisse eine internationale Konferenz wie PRAGESTT zu organisieren. Er hob u.a. hervor, wie außerordentlich es ist, dass eine von Studierenden organisierte Tagung bereits ihren zehnten Jahrgang erlebte. Die ganze Tagung wurde mit einem speziellen Programm beendet. Petra Liebl, die zum Gründer -Team der PRAGESST gehörte, bereitete zusammen mit Anna Glogarová einen literarischen On -line -Spaziergang vor mit dem Namen Kafka, Kisch und Golem zu Gast auf Ihrer Couch. Oder: Wenn Sie nicht nach Prag kommen können, kommt Prag zu Ihnen! Der Spaziergang war in mehrfacher Hinsicht speziell. Er kombinierte Audioaufnahmen von Auszügen aus verschiedenen Texten deutscher Autoren, die verschiedene Orte in Prag betreffen, mit einem virtuellen Spaziergang über/durch den Stadtplan und Vorträgen über die einzelnen Orte. Die zehnte Prager Germanistische Studierendentagung war damit beendet. Für den glatten und nach vielen Rückmeldungen nutzbringenden und erfolgreichen Verlauf ist dem ganzen Organisationsteam, besonders dem Hauptorganisator Lukáš Felbr, wie auch allen Sponsoren und Partnern zu danken. Ohne ihre Unterstützung und ohne den Beistand von Professor Manfred Weinberg und anderen Dozierenden von der Karls -Universität wäre es nicht möglich, die PRAGESTT dieses Jahr zu verwirklichen.