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Viera Glosíková/Ilse Nagelschmidt/Kilian Thomas (Hgg.): Mit der Schrift sehen – der Prager deutsche Autor Oskar Baum

Höhne, Steffen

Abstract

151

Full text

151REZENSIONEN von Ladislav Klíma nach, dessen Autor einer der originellsten tschechischen Denker des 20. Jahrhunderts ist. In Klímas Auffassung ist der Mensch ein Wesen, „bytostí rozpjatou mezi animálním monstrem… aNietzschovým nadčlověkem“ (S. 74) [das sich von einem animalischen Monster bis zu Nietzsches Übermenschen erstreckt]. Zum Schluss können in diesem Text, in dem sich „podobně jako vjiných Klímových prózách mísí imaginativní rovina sreálnou, vznešené obrazy avěty svulgaritami abanalitami.“ (Markvartová 2022: 74) [ähnlich wie in anderen Schlüsselerzählungen imaginative und reale Ebene, erhabene Bilder und Sätze mit Vulgaritäten und Banalitäten vermischen], die beiden Protagonisten das göttliche Bewusstsein erlangen. Das von Eva Markvartová vorgelegte Buch öffnet den Literaturwissenschaftlern viele neue Perspektiven auf ein interessantes, wenn auch von vielen Menschen verdrängtes und von der Forschung lange wenig beachtetes Thema. Eine anthropologische Dimension verleiht dem Buch die Beschäftigung mit dem Thema in dem längst möglichen Horizont, der vom Altertum bis in die heutigen Tage reicht und Entwicklungen sichtbar macht. Darüber hinaus kann es für diejenigen Leser, die sich auch Phänomenen öffnen, die durch die an Fakten orientierte Naturwissenschaft nicht überprüfbar sind, eine Brücke ins Jenseits sein. Vom regen Interesse der tschechischen Fachöffentlichkeit an der Neuerscheinung zeugt die Tatsache, dass bis jetzt in der Fachpresse drei Besprechungen erschienen sind. LITERATUR Markvartová, Eva (2014): Alchymie atarot: klíče krománům Gustava Meyrinka. Praha: Malvern. Viera Glosíková/Ilse Nagelschmidt/Kilian Thomas (Hgg.): Mit der Schrift sehen– der Prager deutsche Autor Oskar Baum. Berlin: Frank & Timme, 2020, 194 Seiten. Steffen Höhne– HfM Weimar / Friedrich, Schiller ‑Universität Jena Wie schon im Band zu Max Brods Tycho Brahes Weg zu Gott (s. Rezension in brücken 26/1, 2018/19, S. 137–139) wird mit dem vorliegenden Sammelband zu Oskar Baum ein studentisches Projekt dokumentiert, bei dem die Beschäftigung mit zwei Erzählungen von Oskar Baum, Der Geliebte und Der Weg des blinden Bruno, im Zentrum stehen. In drei Sektionen findet man Beiträge zum Leben Oskar Baums, zu einigen Kontextualisierungen und zu Interpretationen der beiden Erzählungen. Insgesamt wird damit ein umfassender Blick auf Oskar Baum geworfen, welcher in der Forschung zur Prager deutschen Literatur doch eher nur am Rande Berücksichtigung fand. Neben einer biographischen Annäherung von Michal Žvachta (Oskar Baums Lebensgeschichte, S. 11–19) und einer Einordnung Baums in den Prager Kreis bei Karin Polcarová und Ferdinand 152 BRÜCKEN 30/1 Hauser (Oskar Baum und seine Rolle im Prager Kreis, S. 21–30) findet man in der zweiten Sektion Versuche einer Kontextualisierung Baums. Anna Römer Die Neuromantik und Oskar Baum (S. 31–41) legt eine Lesart zu den Erzählungen Der Weg des blinden Bruno und Der Geliebte mit Hilfe von Sigmund Freuds Texten Das Unheimliche und Die Traumdeutung (S. 35–38) vor, um dann eine gleichwohl etwas schematische Einordnung Baums in die Neuromantik vorzunehmen. Ebenfalls mit dem blinden Bruno befasst sich Anežka Klimentová (Die Blindenanstalten in Prag und Wien. Reflexion des Lebens im Blindeninstitut in der Erzählung ‚Der Weg des blinden Bruno‘, S. 43–53), die in der Erzählung eine literarische Reflexion der Erfahrungen Baums im Blindeninstitut Hohe Warte in Wien erkennt. Neben einem sehr knappen historischen Abriss weniger der Hohen Warte in Wien ohne näheren Bezug zu Baums Texten erhält man vielmehr einen zum Prager Privat -Institut für arme blinde Kinder und Augenkranke, das 1807 auf dem Hradschin gegründet worden war. Der Bezug zu Baums Text bleibt auch hier eher vage, andererseits wäre ein Hinweis auf die Beziehung zur Prager Literatur in der Restaurationszeit von Interesse gewesen. Denn Aloys Klar und sein Sohn Paul Aloys Klar stellten ihre publizistische Tätigkeit in den Dienst der sozialen Fürsorge. Der Vater widmete die Erlöse seiner beiden Anthologien Auswahl von Gedichten für declamatorische Uibungen einmal „zum Besten der hierorts bestehenden Unterstützungs -Anstalt für nothleidende Hörer der Philosophie“ (Prag 1822), einmal für die „Begründung einer Künstlerstiftung für den Oesterreichischen Kaiserstaat und zunächst für Böhmen gewidmet“ (Prag 1829); während sein Sohn die Erlöse des Jahrbuches Libussa (von 1842 bis 1860) für „die Versorgungsund Beschäftigungsanstalt für erwachsene Blinde“ und für das „Kinderhospital für Prag und Böhmen“ (Vorwort 1842, S. VI) vorsah. Ebenfalls eher deskriptiv verbleibt der Beitrag von Lucie Smejkalová (Rezeptions‑ und Entstehungsgeschichte, S. 55–64), eine mehr oder weniger additive Auflistung von Texten Baums in Prager Zeitungen bzw. von Rezensionen seiner Texte, ohne diese näher in den Kommunikationsraum Prag im Allgemeinen, den Prager Kreis im Besonderen zu positionieren. Dem Konzept des Politischen von der Achsenzeit (nach Karl Jaspers) bis zum Prager Kreis (!) folgt Matthias Schulz (Die Literatur als Instrument des politischen Menschen, S. 65–74), um dann auf die Kafka -Konferenz von Liblice 1963 einzugehen, eine mindestens verkürzte Darstellung, die letztlich lediglich das Narrativ von Liblice als Ausgangspunkt des konterrevolutionären Prager Frühlings perpetuiert. Gerade was eine Kontextualisierung angeht, hätte man sich in dieser Sektion sicher mehr Informationen erhofft, sei es was die publizistische Tätigkeit Baums angeht, sie es seine Positionierung im Prager literarischen Feld. Dass nicht einmal die elementarste Forschungsliteratur zum Prager Kreis bzw. zur Prager deutschen Literatur zur Kenntnis genommen worden ist, erweist sich daher, was die Ausarbeitung der Texte angeht, doch als ein gravierender Nachteil. Bei den Interpretationen der beiden Erzählungen in der dritten Sektion werden vor allem Detailfragen behandelt. Erzähltextanalysen nach Genette mit den Kategorien Zeit, Modus und Stimme greifen Alexandera Mehnert und Charlotte Ristein auf (Erzähltextanalyse, S. 75–93), die eine Übertagung auf die beiden Erzählungen vornehmen, um auf diese Weise pragmatische Aspekte des Schreibstils mit der jeweiligen literarischen Tradition aufzuzeigen. Auf diese Weise gelingt es, den spezifischen Erzählstil Baums herauszuarbeiten. Bei Lena Eckle (Figurencharakterisierung, 153REZENSIONEN S. 95–102) erfolgt ein Versuch, das Konzept der Figurencharakteristik nach Manfred Pfister auf die beiden Erzählungen zu übertragen. Ferner befassen sich die Beiträge mit Aspekten der Individuation, der Weltaneignung, den Motiven der Entmenschlichung und der mentalen Blindheit. Auf diese Weise werden viele, durchaus wichtige Aspekte in den beiden Erzählungen angerissen. Leider wird versäumt, die mehr oder weniger essayistischen und nur bedingt den Forschungstand reflektierenden Studien in einem rahmenden Artikel in Form einer abschließenden Synthese zusammenzuführen, die dann als eine Art roter Faden die Beiträge verbunden hätte. Insofern wird das Potential des Bandes leider verschenkt. Anna Förster: Der Schriftsteller als Philologe. Bohumil Hrabal, Jaroslav Hašek und die Philologie. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2020 (= Epistemata. Würzburger wissenschaftliche Schriften. Reihe Literaturwissenschaft, Band 915), 332 Seiten. Anne Hultsch– Universität Wien Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die überarbeitete Fassung einer Dissertation, die 2018 am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Ludwig -Maxi milians -Universität München fertiggestellt worden ist (S. 9). Die Vf. hat sich, wie sie einleitend schreibt, zum Ziel gesetzt, in ihrer Arbeit drei Elemente zu untersuchen: „[1.] Hrabals philologisches Handeln, [2.] die Präsenz philologischer Diskurse in Hrabals Texten sowie [3.] die sich in ihnen abzeichnende Auseinandersetzung Hrabals mit dem Verhältnis von Literatur und Philologie“ (S.24). Philologie werde dabei „weniger im Sinne einer wissenschaftlichen Disziplin[ ] denn als eine Fokussierung auf das konkrete Umgehen und Hantieren mit Texten, das aber von seinen institutionellen und diskursiven Einbindungen nie ganz zu trennen sein kann“, verstanden (S. 24). Wie aus den drei angeführten Punkten ersichtlich wird, geht es bei dem „Schriftsteller als Philologen“ um Hrabal, wenngleich Hašek gleichberechtigt im Untertitel neben diesen gestellt wird. Im Laufe der Arbeit gerät Hašek jedoch hin und wieder etwas aus dem Blick. Das Hauptaugenmerk der Vf. gilt folgenden Texten Hrabals: Bohumil Hrabal uvádí… [B. H. präsentiert…] (1967); Morytáty alegendy [Moritaten und legenden] (1968); Pražské pavlačové anekdoty [Prager Pawlatschenanekdoten] (1968/1994); Imaginární rozhovor [Ein imaginäres Gespräch] (1984); Živo‑ topis trochu jinak [Biographie mal anders] (1986); Kličky na kapesníku [Knoten im Taschentuch] (1987) und Rukověť pábitelského učně [Handbuch eines Baflerlehrlings] (1970/1975). In diesen Werken werden Spuren dessen nachgewiesen, dass sich Hrabal kritisch– und eigenwillig– mit Texten von Hašek und mit Sekundärtexten zu diesen, mit Sekundärtexten zu seinen eigenen Texten, mit seinen eigenen Texten aus einem gewissen zeitlichen Abstand sowie mit ausgewählten theoretischen Texten von Roland