Über die Sprache Heinrich Bölls (Heinrich Böll zum 100. Geburtstag)
Abstract
Der Artikel berichtet über einzelne sprachliche Mittel, die im literarischen Werk Heinrich Bölls eine stilistische Rolle spielen; diese werden in Gruppen geordnet und kurz kommentiert. Es handelt sich u. a. um Neologismen, koordinierte Synonyme (oder sinnverwandte Wörter) mit demselben Stamm, Wiederholung von Präposition, Konjunktion, Verbum finitum oder Substantiv statt Komma oder und, verstärkende Wiederholungen von Wörtern als stilistische Figur (Repetitio), Ellipse, kausativer Gebrauch von transitiven Verben und die Metapher. Die literarische Sprache Heinrich Bölls in ihrer Gesamtheit wird jedoch, anders als z. B. die des Thomas Mann, eher als unauffällig eingeschätzt.
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Über die Sprache Heinrich Bölls (Heinrich Böll zum 100. Geburtstag) František Štícha (Praha) ABSTRAKT Der Artikel berichtet über einzelne sprachliche Mittel, die im literarischen Werk Heinrich Bölls eine stilistische Rolle spielen; diese werden in Gruppen geordnet und kurz kommentiert. Es handelt sich u. a. um Neologismen, koordinierte Synonyme (oder sinnverwandte Wörter) mit demselben Stamm, Wiederholung von Präposition, Konjunktion, Verbum finitum oder Substantiv statt Komma oder und, verstärkende Wiederholungen von Wörtern als stilistische Figur (Repetitio), Ellipse, kausativer Gebrauch von transitiven Verben und die Metapher. Die literarische Sprache Heinrich Bölls in ihrer Gesamtheit wird jedoch, anders als z. B. die des Thomas Mann, eher als unauffällig eingeschätzt. SCHLÜSSELWÖRTER Heinrich Böll, literarische Sprache, Neologismen, Wiederholung, Metapher ABSTRACT This article is an overview of some specific features in the language and style of Heinrich Böll throughout his work. More specifically, the article focuses and briefly comments on the following: neologisms, coordinative synonyms with the same radix, repetition of prepositions, conjunctions, verbum finitum or noun instead of comma or and, repetition of words as astylistic figure (Repetition), ellipsis, causative verbs and the metaphor. Nevertheless, in contrast, for instance, to the language of Thomas Mann, the language of Heinrich Böll presents itself as inconspicuous to the reader. KEYWORDS Heinrich Böll, language of fiction, neologisms, repetition, metaphor 1. EINLEITUNG Heinrich Böll (1917–1985) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit. Der hundertste Jahrestag seines Geburtstages ist ein guter Anlass, Bölls literarische Sprache nicht nur aus literaturwissenschaftlicher, sondern auch aus linguistischer Sicht zu betrachten. Die Sprache Heinrich Bölls in der Gesamtheit seines literarischen Werkes ist jedoch nicht homogen; die Sprache in seinem klassischen Werk der 50er und Anfang der 60er Jahre unterscheidet sich durchaus von der in seiner mit Humor gesättigten Prosa, etwa in Ende einer Dienstfahrt oder in manchen Kurzgeschichten. Der vorliegende Aufsatz kann— in seiner Kürze— kein Gesamtbild der Entwicklung der Sprache Heinrich Bölls von den Anfängen der 30er und 40er Jahre bis zu seinem letzten Roman Frauen vor Flußlandschaft geben und auch eine globale stilistische Bewertung ist nicht angestrebt. Ich werde mich in diesem Aufsatz vor allem mit spezifischen grammatischen Phänomenen in der Sprache Heinrich Bölls befassen, die mir für ihn typisch erscheinen. Alles, was hier aus der Sprache Heinrich Bölls zitiert wird, wurde „manuell“ erhoben, d. h. es stammt aus der eigenen Lektüre.
FRANTIŠEK ŠTíCHA 87 Es ist ziemlich bekannt, worin der sprachliche Unterschied zwischen den beiden deutschen Nobelpreisträgern, Thomas Mann und Heinrich Böll, im Wesentlichen und Allgemeinen liegt: in der Kompliziertheit, einer gewissen Gehobenheit, vielleicht manchmal auch Erhabenheit, und einem tiefgründigen Ernst der Sprache des Einen und der relativen Einfachheit, Schlichtheit und Nüchternheit der Sprache des Anderen. Wohl bekannt ist auch die Tatsache, dass während Thomas Mann ein ernster Denker unter den Schriftstellern war, war Heinrich Böll eher ein Beobachter, „Zerleger“ und Schilderer der einfachen sozialen Realität und des einfachen und wohl auch traurigen Menschenschicksals. Marcel Reich-Ranicki (1986: 17) schreibt dazu: „Bölls Engagement resultiert jedoch nicht aus einem gedanklichen System, sondern vor allem aus seinem Verhältnis zu der ihn umgebenden Realität.“ Zustimmen will ich auch der folgenden Charakteristik: „Bölls Kunst ist ausgesprochen erzählerisch, aber nicht eigentlich episch.“ (Reich-Ranicki 1986: 29, Hervorhebung in Halbfett von mir) Dieses klassische und einfache Bild von Heinrich Böll, durch den „klassischen“ Böll der 50er und der frühen 60er Jahre (Wo warst du, Adam, Und sagte kein einziges Wort, Haus ohne Hüter, Billard um halb zehn, Ansichten eines Clowns) geprägt, ist jedoch nur die eine, wenn auch vielleicht die wichtigere Seite von Böll. Die andere, die humoristische1 und satirische ist die des Romans Ende einer Dienstfahrt, der Novelle Die verlorene Ehre der Katharina Blum sowie mancher Kurzgeschichten. Dazwischen, so scheint es mir, stehen die beiden längeren Romane der 70er Jahre, Gruppenbild mit Dame2 und der (nicht ins Tschechische übersetzte) Roman Fürsorgliche Belagerung. In der Besprechung des Romans Gruppenbild mit Dame schreibt Marcel Reich-Ranicki (1986: 57) über Bölls Sprache: „Er kümmert sich kaum um Alter, Beruf und Bildung, um die soziale und nationale Zugehörigkeit der zu Worte kommenden Ich-Erzähler— fast alle sprechen das gleiche Idiom, ein Böllsches colloquial German […]“3 (kursiv von MRR, halbfett von mir). Das mag wohl so sein, nur: Gibt es überhaupt Schriftsteller, die dies tun möchten und auch imstande wären, dies zu tun? Ein Hans Fallada lässt vielleicht ein Dienstmädchen anders reden als einen Juristen. Aber Unterschiede im Alter (10–20–40–60–80–100) oder Bildung (z. B.Grundschule— Gymnasium— Universität— führender Wissenschaftler mit weiter Sicht)? Das geht 1 „‚Humor‘ ist bei Böll zugleich eine Haltung, eine Schreibweise und eine Weltsicht.“ (Keller 2008: 140) Mit Humor hängt bei Böll auch „der ironisch-distanzierte Erzählton“ (Keller 2008: 147) zusammen. 2 Den ersten Absatz des Romans Gruppenbild mit Dame besprechend, spricht R.Schnell (2008: 205) von einer „salopp instrumentierten Rhetorik“ Bölls. 3 Auch bei R.Schnell (2008, 212) heißt es: „Tatsächlich weist die Wiedergabe von Äußerungen der Informanten durch den ‚Verf.‘ sprachlich eine überraschend große Homogenität auf. Kritiker des Romans haben deshalb den Vorwurf erhoben, dass Bölls Figuren, ‚abgesehen von einigen pseudoindividualisierenden Formeln und Tricks, alle gleich sprechen‘“ […] Auf Seite 213 wird dann behauptet: „Offenbar erfüllt Bölls Gruppenbild mit Dame jene Anforderungen nicht, die man nach Kriterien des ‚psychologischen Realismus‘ entwickeln könnte: individuelle Strebungen, Regungen und Reaktionen der Figuren in individuellen und individualisierenden Sprechweisen und Ausdrucksformen einzuarbeiten […]“.
88 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2018 einfach nicht. Kaum jemand (einschließlich Marcel Reich-Ranicki und einen Nobelpreisträger) wird seine Muttersprache in allen ihren Schichten, Mitteln, Strukturen und in großen Wörterbüchern verzeichneten Wörtern, also im wahrsten Sinne des Wortes „perfekt“, beherrschen. Bei der Betrachtung von Bölls Stil im Roman Gruppenbild mit Dame drängt sich M.Reich-Ranicki der Verdacht auf, „daß hier die Darstellung aus der Sicht verschiedener ´Auskunftspersonen´ als Alibi für stilistische Nachlässigkeit und mitunter auch für pure Geschwätzigkeit mißbraucht wird. Noch nie hat ein deutscher Klassiker so schlampig geschrieben wie diesmal Heinrich Böll“4 (1986: 57, halbfett von mir). Das ist leicht gesagt, aber schwer zu beweisen. Aber Reich-Ranicki in seiner Besprechung der Novelle Die verlorene Ehre der Katharina Blum weiß, dass „jeder Oberlehrer“ „ihm eine Anzahl stilistischer Nachlässigkeiten ankreiden“ kann. Reich-Ranicki braucht sich also nicht um Beweise zu kümmern. Man soll ihm glauben. Das tue ich aber nicht. Als Nichtmuttersprachler würde es mich wohl noch mehr als den Muttersprachler interessieren, wie sich diese stilistische „Schlamperei“ Bölls eigentlich konkret manifestiert, d. h. durch welche Sprachmittel. Nun, wir wissen es nicht. Reich-Ranicki zitiert in seinem Buch (1986) drei kurze Beispiele einer verwerflichen Sprache, hier sei das zweite und das dritte davon zitiert: „Diese junge Frau sagt ihrem Mann: ´Sie ist doch in dir, und du bist in ihr…´ So wird also in der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1977 geredet.“ Es kann vermutet werden, dass es vielmehr der Inhalt dieser kurzen Äußerung ist, der Reich-Ranicki störte, als deren Form. Über die Sprache von Bölls letztem Roman schreibt Reich-Ranicki: „Ferner gibt es hier nicht nur mißglückte Sätze (die waren in beinahe allen seinen Büchern zu finden), sondern auch Formulierungen, die wie vorläufige Notizen anmuten. So heißt es über eine der auftretenden Personen: ´Er ist festlich gekleidet. Schwarzer Anzug und so.´“ Diese Kritik ist eines Literaturpapstes vielleicht nicht würdig. Allerdings: Wenn es stimmt, dass Günter Grass „ein Meister des Sprachrealismus und der Sprachparodie“ (Schwitalla 2016) war, dass er „auf eine sehr individuelle Weise geschrieben“ hat, sowie „eine ausgedachte, kunstvolle Syntax schreibt“ und „syntaktisches Jonglieren eine Triebfeder“ seines Fabulierens war, dann sind Böll und Grass zwei Antipoden unter den Nobelpreisträgern für Literatur. Im Folgenden werden einzelne sprachliche Mittel, die im literarischen Werk Heinrich Bölls meines Erachtens eine stilistische Rolle spielen, in Gruppen geordnet und einige davon kurz kommentiert. Es ist jedoch nicht möglich, alles, was der Linguist für erwähnenswert findet, in einen Zusammenhang von Sprache, Stil und künstlerischen Inhalt zu stellen. 4 Interessanterweise erwähnt Hans-Werner Eroms (2008) Heinrich Böll überhaupt nicht. Aussagen und/oder Zitate von Thomas Mann und Günther Grass finden sich dagegen in seinem Buch. Über Thomas Mann schreibt Eroms (2008: 31): „ Bei einem Text von Thomas Mann dürfen wir davon ausgehen, dass nichts dem Zufall überlassen ist“ (halbfett von mir). Wie würde Eroms über Heinrich Böll urteilen? Und warum hat er eben diesen Nobelpreisträger zwischen Thomas Mann und Günther Grass ignoriert?
FRANTIŠEK ŠTíCHA 89 2. DIE SPRACHE ALS MITTEL DER LITERARISCHEN KUNST 2.1 DIE LITERARISCHE WIEDERGABE DES GESPROCHENEN Heinrich Böll mag zwar seine literarische Sprache im Prinzip nur wenig nach Hochund Umgangssprache, geschweige denn nach Dialekt differenzieren, dennoch finden sich bei ihm in unterschiedlicher Dichte sprachliche Merkmale, die das Gesprochene im Allgemeinen kennzeichnen oder andeuten sollen. 2.1.1 REDUZIERTE WORTFORMEN Es handelt sich vor allem um den üblichen reduzierten Artikel ’ne, ’nen statt eine, einen, die vielleicht im Geschriebenen weniger übliche Form ner statt einer, das reduzierte is statt ist und andere vereinzelt zu findende lautliche Kurzformen, z. B.: „ […] Haben Sie ’ne Lampe?“ (WA); „Nein, wenn ich schon in ’ne Fabrik gehe, dann in ’ne richtige“ […] (ET, 77, Keine Träne um Schmeck); Nur ne Bar war offen […] (GD, 63); Sie lagen schon da in ner Schule […] (GD, 63); „Er ist Oberleutnant, is’ ihm zwar egal, aber er ist es. Besser, du weißt es. (V, 35); blieben fuffzehn Mann liegen; (VW, 37, Der Mord); „Nix zu machen […] (VW, 37, Der Mord) Es ist gewiss eine übliche Nachahmung des Gesprochenen, die bei Böll eher in mäßigem Umfang herangezogen wird. 2.1.2 ZUSAMMENGEZOGENE WORTFORMEN 2.1.2.1 PRÄPOSITION + ARTIKEL Weniger übliche Enklisen sind bei Böll eher selten, z. B: […] für ihn wär ich sogar regelrecht aufn Strich gegangen […] (GD, 63) 2.1.2.2 ADVERB ODER KONJUNKTION + UNBESTIMMTER ARTIKEL Auch diese Art Enklise ist bei Böll eher selten und kommt erst in seinem Spätwerk vor: Für son Stuß hat son großartiger Junge nun gelebt. (GD, 70); Das war doch wien Märchen […] (GD, 102) 2.1.2.3 PRONOMEN, PRÄPOSITION, ADVERB, KONJUNKTION ODER VERBUM + ES Vom Pronomen es wird nur das san das vorangehende Wort der genannten Art angebunden. Diese Art Enklise war nur in Gruppenbild mit Dame und in Fürsorgliche Belagerung zu finden5: 5 J.O.Askedal (1991) führt über einen Teil des Doktor Faustus von Thomas Mann an: „Mit dem vorangehenden Wort zusammengeschriebenes swird […] im Gespräch zwischen Adrian Leverkühn und dem Teufel im Doktor Faustus, wo weitgehend ‚altdeutsch‘ gespro-
90 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2018 „Hast dus schon gehört?“ (FB, 91); […] und für diese Idioten hat ers dann ergreifen müssten […]; (GD, 94); Käthe hätte ihm das doch gesagt, wenn sies gewusst hätte (FB, 15); […] ob sichs so entwickelt hatte […] (FB, 74); […] bevors jemand merkte […] (FB, 76); […] obs ihre oder seine Initiative gewesen war […] (FB, 74); […] weils ne Freude war […] (GD, 61); […] ihr zuzusehen, wies ihr beim Frühstück schmeckte […] (GD, 61); […] ja das ists, edel. (GD, 63); „Natürlich bin ich Kund werds auch bleiben […] (FB, 152); […] die kanns sich leisten, so dazusitzen“. (FB, 63); […] wenn einer es weiss, müßtens doch die Sicherheitsleute wissen […] (FB, 138); […] aber der übertriebs […] (GD, 123) 2.1.3 ANDERES Sonst findet sich nicht viel von Nachahmungen des Gesprochenen oder „Gebrochenen“ bei Böll. Registriert wurden nur: „Na, die Herren Studenten, um halb zwölf Feierabend— und jetzt mit die Mädchen los, was?“ (ET, 66, Keine Träne um Schmeck). Und eine komische Art von „Fremdensprache“: „[…] selbst die gesprochene Sprache war in seinem Munde ein nur schlecht angewandtes Verständigungsmittel. ,Ah‘, sagte er, sich die Augen reibend, ‚pennen ich, verdammt pennen ich, nie passiert.‘“ (V, 48) Einzigartig ist auch eine Korrektur des eben Gesagten (Correctio), wie man sie in der gesprochenen Rede relativ häufig findet: „War der— war dieser— war er Ihr Freund? (FB, 333) Insgesamt kann über die Nutzung von Formen des Gesprochenen und dessen Nachahmung gesagt werden, dass diese bei Böll eher mäßige Anwendung findet und keine besondere Rolle in seiner literarischen Sprache spielt. 2.2 DIE GEHOBENE SPRACHE Die gehobene Sprache wird sowohl im Tschechischen wie auch im Deutschen nicht nur für gehobene Zwecke, sondern auch für Karikatur, Satire, Ironie oder einfach als humorbildend verwendet. Es verwundert daher nicht, dass eine gehobene (oder aber „gekünstelte“ u. Ä.) Ausdrucksweise eher in Bölls Humoresken und Satiren auftaucht und eine Rolle spielt, als in seinen ernst gemeinten Werken (Wo warst du, Adam, Und sagte kein einziges Wort, Haus ohne Hüter und anderen Werken dieser Art). Nur der erste von den folgenden drei im gehobenen Stil geschriebenen Sätzen ist mit vollem Ernst gemeint: Die möglichen Gedanken der Sicherheitsleute ertöteten jede Spontaneität in ihm. (FB, 27) chen wird, gebraucht, und in diesem Teil des Romans überwiegt sim Verhältnis zu ´smit 30 gegenüber 14 Vorkommen.“ (S.18)
FRANTIŠEK ŠTíCHA 91 Doch meistens— denn das schien mir der Atmosphäre gemäß— bediente ich mich des Imperativs. (UG, 72, Es wird etwas geschehen) Gewisse Erscheinungsformen der Heuchelei übergehe ich mit himmlischer Höflichkeit. (ET, 123, Entfernung von der Truppe) Hinsichtlich des stilistischen Niveaus seiner Prosa kann grundsätzlich gesagt werden, dass Heinrich Böll seinen Erzähler und seine Figuren keine deutlich stilisierte Hochsprache sprechen lässt. Indessen unterscheidet er sich merklich nicht nur vonThomas Mann, sondern auch z. B. von Hermann Broch oder Werner Bergengruen. 2.3 LEXIKON 2.3.1 NEOLOGISMEN Als Neologismen werden hier nur solche Wörter aufgefasst, die weder im Großen Wörterbuch der deutschen Sprache in acht Bänden, noch im DeReKo (Mannheimer Korpus des IDS) in mehr als drei Belegen gefunden worden sind. Ob sich auch Ausdrücke bei Böll finden, die vor ihm nicht im üblicheren Gebrauch und in keinem deutschen Wörterbuch verzeichnet waren, die jedoch im IDS-Korpus zahlreiche Belege haben, konnte ich nicht untersuchen. Ich nehme an, es gibt auch heutzutage keine Mittel in der Linguistik, um zuverlässig und ohne mühevolle und langwierige „manuelle“ Arbeit eines sehr aufmerksamen Lesens festzustellen, welcher unter den bedeutenden deutschen Schriftstellern mehr, und welcher weniger Neologismen in seinem literarischen Werk gebraucht hat6. Natürlich sind es vor allem Komposita, die weitaus häufiger neu geprägt werden als andere Wortbildungsmuster. Im folgenden Verzeichnis7 werden diese Neologismen zuerst nach Wortart und innerhalb dieser Gruppierung alphabetisch angeordnet; immer wird angegeben, wieviel Belege im IDS Gesamtkorpus der geschriebenen Sprache von 2017 gefunden sind. Substantive: Ahnenverdächtigung (GD, 126, kein Beleg ); Angstfrühstück (UG, 41, Doktor Murkes gesammeltes Schweigen, 4 Belege, zitiert aus Böll); Ästhetenmord (A, 115, 1 Beleg aus diesem Roman); Artillerielagen (KL, 335, kein Beleg); Augenblickssehnsüchte (A, 200, 1 Beleg aus diesem Roman); Beichtstuhlhüsteln (A, 267, 6 Nach Schwitalla (2016) soll „ein Meister der lexikalischen Neuschöpfung“ Günter Grass sein. Ein paar Beispiele, die er anführt, können jedoch kaum einen Beweis für diese kühne Erklärung darbieten. Nach M.Luukkainen (2005) sind „eigenartige Zusammensetzungen ein charakteristisches Stilmittel“ in Bölls „Katharina Blum“. Es sollen in dieser satirischen Erzählung „besonders viele auffällige Wortbildungen vorkommen.“ 7 Selbstverständlich handelt es sich um eine Auswahl.
92 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2018 1Beleg aus diesem Roman); Berührungsgeschichten (SKW, 158, 4 Belege, die Bibel betreffend); Bilderbuchdemokratin (FF, 41, kein Beleg); Büchsenfleischatem (ZP, 27, kein Beleg); Denkmaleinweihungsbewegungen (B, 133, kein Beleg); Ehescheidungsfilme (A, 105, 2 Belege aus diesem Roman); Einrichtungsfanatiker (UG, 71, Es wird etwas geschehen, kein Beleg); Erschossenwerder (GD, 278, kein Beleg); Erwachsenengespräch (A, 150, 1 Beleg aus diesem Roman); Fliegerangrifbutterbrote (ZP, 15, kein Beleg); Floskelmüll (GG, 134, 2 Belege); Flußgrün (UG, 126, Im Tal der donnernden Hufe, 2 Belege als eine Übersetzung eines Namens); Flüsterstadt (A, 224, 3 Belege, davon 1 Beleg aus diesem Roman); Frömmigkeitsindustrie (SKW, 88, 3 Belege); Gesinnungschichten (ED, 147, kein Beleg); Gunstvorschüsse (GD, 193, kein Beleg); Germanistinnengesichter (ET, 67, Keine Träne um Schmeck, kein Beleg); Glaubenslokomotive (A, 138, 1 Beleg aus diesem Roman); Ihre Hutlosigkeit (WKS, 329, Kerzen für Maria, 3 Belege); Instinktkatholiken (ET, 116, Entfernung von der Truppe, kein Beleg); Komiteestimme (A, 159, 1 Beleg aus diesem Roman); Literaturfratzke (FF, 174, kein Beleg); Musalität (ED, 178, kein Beleg); Nonneninstinkt (A, 65, 1 Beleg aus diesem Roman); Panzerhose (ZP, 58, kein Beleg); Pfadfinderworte (A, 117, 1 Beleg aus diesem Roman); Pornotheologie (GD, 20, 1 Beleg); Promiskuitivismus (GD, 412, kein Beleg); an den Rassegesichtern (WKS, 71, Wanderer, kommst du nach Spa…, 1 Beleg aus dieser Kurzgeschichte); Reicheleutegeschenk (A, 22, 1 Beleg aus diesem Roman); Restgezische (A, 99, 1 Beleg aus diesem Roman); Riesensoldatenbumslokale […] (FB, 120, kein Beleg, Bumslokale— 5 Belege); Schnellverfahrensliebesbrauch (GD, 149, kein Beleg); Schulkapitalisten (BH, 17, kein Beleg); Seminaristenvorstellung (A, 150, 2Belege aus diesem Roman); Soziologengesicht (FF, 115, 3 Belege, alles Böllzitate); Stopfkinder (A, 245, 1 Beleg aus diesem Roman); Nach einer Telefonade von fast zwei Tagen (V, 108, kein Beleg); Tonröhrenlastwagen (ED, 26, kein Beleg); Touristisierung des Rhein (FB, 153, kein Beleg); Venusfreuden (ET, 122, Entfernung von der Truppe, kein Beleg); Vereinigungsonkel (HH, 18, kein Beleg); Wahrheitsgetue (FF, 202, kein Beleg); Weintrinkerrhein (UG, 96, Undines gewaltiger Vater, 2 Belege aus Böll) Adjektive: absichtstrunken (ET, 112, Entfernung von der Truppe, kein Beleg); adelsgläubig (A, 127, 2 Belege, 1 aus diesem Roman); bekenntnisunfreudig (ET, 95, Entfernung von der Truppe, kein Beleg); Ich war brotsüchtig […] (BFJ, 15, 4 Belege, davon 3Zitate aus Böll); Ich zog mich bewußt ein bißchen nonnig an […] (FF, 55, 2 Belege); rotweingesichtiger (B, 133, kein Beleg); ein spinnendünnes Mädchen (WKS, Über die Brücke, kein Beleg); verhängnisatmende (BH, 52, kein Beleg) Adverbien: hormonstrotzend (GD, 78, kein Beleg); staubwischenderweise (GD, 21, kein Beleg)
FRANTIŠEK ŠTíCHA 93 Verben: […] Straßenbahn […] die […] sich quengelig […] auf den Waidmarkt zuquält. (ET, 106, Entfernung von der Truppe, kein Beleg); […] es überdunkelte sogar den Haß. (VW, 63, Vive la France!; 3 Belege) Einige von diesen „Augenblicksbildungen“ führe ich im Kontext an: Nun hatte Murke seit zwei Tagen aus einem besonderen Grund auf sein Angstfrühstück verzichtet […] […] eine Zeitlang hatte ich sie in Annäher und Nichtannäheer eingeteilt, als wir von einem amerikanischen Lager (wo das Tragen von Rangabzeichen verboten war) in ein englisches (wo das Tragen von Rangabzeichen erlaubt war) überstellt worden waren […] Ich bin Angestellter des Hundesteueramtes und durchwandere die Gefilde unserer Stadt, um unangemeldete Beller aufzuspüren. […] entdeckten Bergnolte, der mit überraschend ältlicher Löffelführung gerade sein Schokolaldenparfait verzehrte […] Vom Verteidiger gefragt, ob er nicht doch an Kampfhandlungen teilgenommen habe, sagte Gruhl: „Nein, ich habe nur an der Möbelfront gekämpft, hauptsächlich an der Louis-seize-und Directoirund Empire-Front.“ […] aber wie zum Beispiel sollten sich die potenziellen zu Erschießenden, nennen wir sie die Erschossenwerder, verhalten? Einer der drei Belege des Kompositums Hutlosigkeit im IDS-Korpus (Stand: 22.12.2017) stammt schon aus dem Jahr 1954, ein anderer berichtet über einen Modetrend nach dem Ersten Weltkrieg (halbfett von mir): „Bei so viel hoffnungsvoller Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern der Hut-Industrie gibt es, wie das Hutforschungsinstitut (Hat Research Foundation) feststellte, für die Zukunft des amerikanischen Hutes nur noch eine Gefahr: das immer mehr um sich greifende ‚modische Gift der Hutlosigkeit‘“ (S54/AUG.00062 Der Spiegel, 11.08.1954, S.24; Arbeiter als Gläubiger) „Der Erste Weltkrieg und der Zusammenbruch der Monarchie brachte schwere Zeiten. Der traditionelle Absatzmarkt brach mit der Zersplitterung von Österreich-Ungarn auseinander. Zusätzlich entwickelte sich der Modetrend nach dem ersten Weltkrieg zunehmend in die Hutlosigkeit, was die traditionellen Firmen schwer belastete“. (J. Oberwalder and Co., In: Wikipedia URL:http://de.wikipedia. org/wiki/J._Oberwalder_&_Co._: Wikipedia, 2011) Ohne dass wir verlässliche spezielle Wörterbücher von den bedeutendsten deutschen Schriftstellern zur Verfügung haben, können wir kaum herausfinden, ob der eine Klassiker in seinem Werk mehr Neologismen gebraucht hat, als der andere, beispielsweise G.Grass mehr als H.Böll oder umgekehrt.
94 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2018 2.3.2 KOORDINIERTE SYNONYME (ODER SINNVERWANDTE WÖRTER) MIT DEMSELBEN STAMM Diese Art Synonymie8 mag eines der wenigen sprachlichen Spezifika Heinrich Bölls sein. Es handelt sich um koordinierte Ausdrücke mit demselben Stamm (derselben Wurzel) und (a) unterschiedlichen Suffixen oder Präfixen; (b) auf eine andere Art unterschiedlich gebildeten Wörtern; (c) unterschiedlichen Konjugationsformen eines Verbs. Adjektive und Partizipien: Frau Gruyten […] sieht entzückend aus: zart und zärtlich, liebenswürdig und fein […] (GD, 77); […] eine ältere, fast ältliche Dame […] (ED); Müßte ich nur die Tatsache berücksichtigen, dass Caligula von hier aus, um so trügerischen […] wie betrügerischen Ruhm zu erwerben […] (ET, 98, Entfernung von der Truppe); Die Umwelt möchte Leni am liebsten aboder wegschaffen; (GD, 11); […] ein solcher Fall muß aufgeoder wenigstens versuchsweise erklärt werden. (EKB, 317); Sie wurden über-, aber nicht bewacht […] (FB, 46); Es ist anzunehmen, daß er sich in die voll erblühte und wieder aufgeblühte Leni verknallt hat. (GD, 138); […] sie hätten doch wissen müssen, daß er so ohnmächtig wie machtlos war […] (FB, 32); […] alle seine Spielarten, die so gesetzlos wie ungesetzmäßig auftreten […] (GD, 29); […] geregelt sei ihre Arbeit schon, regelmäßig nicht. (FB, 159); Leni ist schweigsam und verschwiegen […] (GD); […] überzeugend und überzeugt klang das aus seinem Mund […] (FF, 138); […] und irgendwo unbekannt und unerkannt leben […] (FB, 63); […] den unvergesslichen und unvergessenen Text […] (ET, 109, Entfernung von der Truppe); […] blaß, mehr verdorben als verderbt, eine verkörperte Madame Bovary collaborateuse. (EF, 93, Entfernung von der Truppe); […] die sei schon ein paar mal, wenn […] die finanzielle Lage des Angeklagten […] sei so verwirrt wie verworren gewesen. (ED, 54); Ihr Verhältnis zur Blum wird als sehr vertraut, fast vertraulich bezeichnet. (EKB, 329) Substantive: Abstraktes und Abstraktionen lagen ihr zwar nicht gänzlich fern […] (GD, 30); […] wir wußten, so genau wie nur Kinder es wissen, daß sein Schimpfen ein Spiel war, auch sein Geschimpfe mit uns […] (NWZ, 129, Der Tod der Elsa Baskoleit); Ganz sicher ist, daß Leni um die Jahreswende 41/42 die Höhe ihrer Schweigsamkeit und Verschwiegenheit erklimmt. (GD, 154); Da entstanden Spannungen, Gereiztheiten, Vertrautheiten, die nie zu Vertraulichkeiten werden sollten […] (FB, 76); Ich wünsche Anton Erlösung von seiner geheuchelten Dämonie, von seiner Verkanntheit und seiner Verkennung. (ET, 120, Entfernung von der Truppe) Die Häufigkeit von koordinierten Synonymen mit demselben Stamm ist wahrscheinlich eines der typischsten sprachlichen Merkmale von Heinrich Böll. 8 Das kann eine Art sprachliche Manifestation von „Bölls besonderer Sensibilität für Wortbedeutungen“ (Keller 2008: 129) sein.
FRANTIŠEK ŠTíCHA 101 originellen und schönen Metaphern, von denen viele die Beschaffenheit und die Tiefen der menschlichen Seele illustrieren, z. B. schreibt Stašek: die (ihre) Seele taumelte von Schmerz zu Schmerz11 (die lautliche Form dieser Metapher klingt vielleicht im tschechischen Original besser). Trotzdem liest zu Recht heutzutage keiner diesen Klassiker. In dem Buch Der Streit um die Metapher (1998) wird eine Vielfalt von unterschiedlichsten, oft gegensätzlichen Ansichten vorwiegend deutscher Schriftsteller über die Metapher vorgestellt. Z.B. fordert Marinetti: „Dichtung muß eine ununterbrochene Folge neuer Bilder sein […]“ (S.97) Darauf antwortet A.Döblin, „wir wollen keine Verschönerung, keinen Schmuck, keinen Stil, nichts Äußerliches […]“ (Müller-Richter und Larcati (eds) 1998: 101) Interessantes über Stil und Metapher wird auch in dem Buch Theorie und Technik des Romans im 20. Jahrhundert (Steinecke 1979) von Schriftstellern geäußert. Z.B. sagt H. von Doderer „Das bedeutet die Priorität der Form vor den Inhalten: in der Tat wird erst durch sie der Roman zum eigentlichen Sprachkunstwerk.“ (S.83, halbfett von mir) E.Kreuder wirft den zeitgenössischen Romanciers Folgendes vor: „Ihre Romane beschäftigen vorwiegend unsere Intelligenz, unser Interesse, unsere Wißbegierde und unseren Wissensdurst, dafür zunehmend weniger unsere unmittelbare innere Teilnahme.“ (S.92) Es fragt sich aber, ob ein Roman auch ein „Sprachkunstwerk“ sein soll oder muss. Ich glaube eher nicht. In der tschechischen Literatur hat— ohne jeden Zweifel— das größte „Sprachkunstwerk“ Vladislav Vančura geschaffen. Trotzdem ist es nicht er, der auch außerhalb meines kleinen Vaterlandes einigermaßen bekannt ist. Weltberühmt ist vielleicht— außer Jaroslav Hašek— nur Milan Kundera, dessen Sprache, sei es meine Muttersprache, sei es das Französische, an sich fast belanglos ist. Was ist auch sprachlich so spezifisch bei Hemingway oder Zola oder Sartre? Es gibt jede Menge anderer Beispiele. Heinrich Böll geht mit dem Gebrauch von Metaphern bedächtig um. Die Dichte des Bildhaften in seiner Prosa dürfte durchschnittlich und unauffällig sein— bis auf eine Ausnahme: sein erster Roman Kreuz ohne Liebe, der erst nach seinem Tode publiziert worden ist, kann mit vielleicht nur ein bisschen Übertreibung für eine fast ununterbrochene Kette von Metaphern gehalten werden. Daher werden Metaphern aus diesem Roman von mir sehr selektiv zitiert. Nur am Rande bemerkt: Würde H.Böll im Geiste dieses Romans weiter schreiben, würde er bestimmt— trotz der überreichen Metaphorik— keinen Nobelpreis für Literatur erhalten. So meine ich. Einige Passagen des Kreuzes ohne Liebe muten sogar als Trivialliteratur an. Heinrich Böll scheut es auch in seinem reifen Werk nicht, auch einfache Genitivmetaphern zu gebrauchen; diese sind allerding eher in seinem Frühwerk zu finden: die Algebra der Zukunft (B, 121); das Feuer der Erwartung (KL, 319); im Gefängnis der Uniform (V, 50); das Gift der Verwirrung (KL, 93); Glocke der Verzweiflung (KL, 314); Knospe des Mundes (BH, 68, Gefangen in Paris); Konzert 11 A.Stašek, Na rozhraní, Praha: SNKLHU, 1957, I., S.32. Im tschechischen Original duše vrávorala od bolesti kbolesti.
102 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2018 des Leides (KL, 93); Melodie ihrer Gedanken (KL, 320); das Reich des Dämons (KL, 93); der Same des Todes (UG, 111, Im Tal der donnernden Hufe); Schmetterlinge des Winters (KL, 165); am Ufer der Sünde (UG, 112, Im Tal der donnernden Hufe); Zahlreicher sind jedoch Metaphern in Form eines umfangreicheren Syntagmas, eines Satzes oder einer noch größeren Texteinheit. Kennzeichnend ist, dass viel mehr Metaphern gebraucht werden, die das Psychische oder die soziale Realität des Menschen betreffen, als Metaphern, die Natur schildern: Psychisches, inneres Leben und dessen Äußerungen (fett von mir): […] verwundet vom Anblick ihrer kostbaren Schönheit […] (BH, 56, Gefangen in Paris); […] ihr Herz ist der Brunnen, der Lärm und Geschrei, Lust und Mord und alle Freveltat schlucken muß […] (KL, 94); grausam umkrallten schwarze Klauen ihr Herz und preßten es zusammen; (KL, 100); Sie hatte die Hoffnung ausgegraben aus dem Schutt ihrer verlorenen Trauer […] (KL, 99); Nur nicht die Erinnerung aus ihrer Erfrierung auftauen, die Eisblumen würden wie flaues schmuddeliges Wasser herunterrinnen; (B, 250); Ich schnitt meine Erinnerung auf, wie man sein Rockfutter aufschneidet, um die Münze, die man ertastet hat, herauszunehmen […] (BFJ, 80); Sie lag da oben auf ihrem Bett, ganz zugedeckt von dem unsichtbaren Staub, den der Sekundenzeiger aus dem Nichts herausbohrte. (BFJ, 53–3); […] meine Augen stürzten sich auf das Haus. (WKS, 9, Über die Brücke); Plötzlich machte die Angst einen Sprung und setzte sich ihm mitten ins Herz. (VW, 69, Vive la France; […] er schoß sein ganzes Magazin leer, auf die Frau, die am Boden lag und unter Qualen ihre Angst erbrach … (WA, 124 […] ich würde sie an ihren Tränen hinter mir herschleppen […] (ZP, 34); […] Es ist wunderbar, sich in Schlaf zu trinken, dem freundlichen Bruder des Todes in die Arme zu sinken. (V, 124) Soziales Leben: Ich bin die Spinne, die das Netz spinnt— ich bin nicht das Netz. (FF, 29); Er war still gewesen, Jahre häuften sich um ihn herum wie Bleischichten aus Stille; (B, 106); wenn ich auf den eisigen Ozeanen der Zukunft, Einsamkeit wie einen riesigen Rettungsring um mich herum, mich mit meinem Lachen stärke; (B, 122); Wir sprachen nie von der Vergangenheit. Sie war eine überfüllte, nur schwach verschlossene Kammer, an deren Riegel man nicht rühren durfte. (V, 126); […] er kam sich verdammt (kursiv von HB) vor […] zwischen den weinenden Frauen, der Feigheit des Bäckers und dem nackten Gedärm des Elends […] (HH, 206); Jahrelang hat er auf den Steppen der Kultur das magere Gras dieser Kunst gefressen, bis er einen Verleger fand. (UG, 26, Die Suche nach dem Leser); Fleißig, sauber, emsig, mit nicht zu viel, nicht zu wenig Leidenschaft webten sie am Gobelin der Kultur […] (HH, 126);
FRANTIŠEK ŠTíCHA 103 Naturerscheinungen: […] die Erde tanzte in wilder Umarmung mit den Wolken einen lustvollen Tanz […] (KL, 86); An den stillen Ufern des Rheins brütete die glühende Sonne des Sommers die Pracht des Herbstes aus; (KL, 69); Der Abend schüttete langsam […] die letzten hellen Lichter des Tages mit seinen blauen Schatten zu […] (BH, Gefangen in Paris); Draußen unter den duftenden Kiefern flüsterte die erste sanfte Kühle des Abends lächelnd mit den letzten Wolken der Hitze […] (KL, 190); […] die Zeit, von der Sonne vor sich hergeschoben […] (B, 70); […] und auch der ungeheure Bogen der Stille schien überspannt und geborsten; (KL, 80); Dumpf erbrachen die Glocken von Sankt Severin die Zeit […] (B, 78); […] wie harte Früchte mit langen gelben Stacheln hingen die Lichter in der Nacht. (UG, 15, Daniel, der Gerechte); […] und die Brücken, die herrlichen Brücken, die streng und elegant über das Wasser springen wie große schlanke Tiere. (ZP, 41) Gemischtes (psychisches + soziales Leben; psychisches Leben + Naturerscheinungen): […] der Tag kam und brachte ihm die schwerste aller Pflichten: sein Gesicht aufzusetzen. (UG, 16, Daniel, der Gerechte); Fünf Jahre lang hatte er Tag für Tag eine Mauer in sich errichtet, indem er unmerklich einen Stein auf den anderen schichtete […] (KL, 54); Ich schlucke seine Ratschläge, wie man Arzneien schluckt […] (BFJ, 30); Ja, die Mutter und Christoph, denen war die Religion eine helle Flamme, die nach oben schlug … (KL, 35); […] es schien, als könne Hans Bachem nichts mehr retten als ein heißer Strahl der Gnade, die ihn von oben bis auf den Grund seines Wesens ausbrannte… (KL, 44); Ihr Erstaunen war wie das eines Kindes, so ungekünstelt und ungehemmt sprang es über die Schleuse der Konvention mitten hinein in ihr Gesicht […] (KL, 133); […] die Stimme […] überschlug sich so sehr, daß sie in den Himmel zu steigen schien, schnell, allzu schnell, wie eine verrücktgewordene Lerche, die sich einen Stern zum Futter pflücken will. (WA, 9); Wenn die Posaunen des Gerichts ertönen, werden die Engel ihm hoffentlich nicht alle Worte, die er in seinem Leben gesprochen hat, wie ein ganzes Gebirge aus Zuckerwatte in den Mund zurückwürgen. (ET, 123, Entfernung von der Truppe); die tausend verschiedenen Schatten, die über der Gegenwart lagen, schienen sich zusammenzuziehen in einer einzigen dunklen Wolke aus Entsetzen und Grauen… (KL, 22); Ich bin nicht dein Jerusalem, dachte sie, nein, ich bin es nicht, und doch ist dein Blick, wie der Blick der Pilger sein muß, wenn sie die Türme ihrer heiligen Stadt sehen. (UG, Im Tal der donnernden Hufe). Als eine Art Oxymoron kann man folgende Bilder betrachten: Einige Tage vergingen in einer seltsamen unruhigen Ruhe. (V, 656); […] vielleicht wäre es gut gewesen, so eine zu heiraten, freundliche Göttin, leidenschaftlich träge […] (HH, 149) Meine Auswahl des Bildhaften in Bölls Prosawerk verdeutlicht, so hoffe ich, dass die Metapher in einem prosaischen Werk nicht immer für einen oberflächlichen
104 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2018 Schmuck gehalten werden muss, sondern dass sie auch einen inhaltlichen Aussagewert darstellen kann. Alles hängt davon ab, inwieweit sich das Bildhafte mit dem direkten Sprachgebrauch, inwieweit sich die Aussagekraft des Metaphorischen mit der Aussagekraft des direkten, ja auch des einfachen und schlichten Sprachgebrauchs verträgt. Natürlich kann man dieses Verhältnis auf keinem Weg irgendwie messen und objektiv beweisen. 3. AUSSAGEN ÜBER DIE SPRACHE Dass Heinrich Böll die Sprache, die er benutzt, nicht unwichtig erscheint,12 bezeugen auch seine expliziten Aussagen, die er seinen Erzähler (der vielleicht, wenigstens zum Teil, mit dem Autor identisch ist) oder aber eine Figur über diesen oder jenen Aspekt der Sprache äußern lässt (fett von mir): Sein Deutsch war Greck widerwärtig. Es war seltsam weich und schnodderig zugleich, so als spräche er eine ganz fremde Sprache mit deutschen Worten aus. (WA, 56); […] er sagte, er habe mehr an ein strenges hymnisches exklusives Stefan-George-Deutsch gedacht […] (ED, 69); […] er schrieb in Gerechtigkeit statt des zweiten e ein ä, weil er sich dumpf daran erinnerte, daß alle Worte einen Stamm haben, und es schien ihm, als sei der Stamm von Gerechtigkeit Rache. (UG, 24, Daniel, der Gerechte); Daß Albert das „doch“ dreimal unterstrichen hatte, bewies die Wichtigkeit dieser Wörter, die der Lehrer haßte und deren Anwendung verboten war. (HH, 46); […] zwei Frauen […], von denen die eine den Ruf sagenhafter Biederkeit und kirchentreue, die andere den Ruf einer übersinnlichen (kursiv von HB) Person genoß, wobei über (kursiv von HB) als Steigerung von sinnlich, nicht im Sinne von metasinnlich gemeint war; (ED, 11); Leni konnte Boris vor der Toilette rasch zuflüstern: „Ich liebe dich“, und er flüsterte rasch zurück: „Ich auch.“ Diese grammatikalisch falsche Verkürzung muß man ihm verzeihen. Er hätte natürlich sagen müssen: Ich dich auch […] (GD, 250). In der Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum lässt Böll die Blum über die sinnund formverwandte Wörter gutmütig und gütig grübeln (fett von mir): 12 J.Schubert (2008: 246) äußert sogar dazu: „Bölls Aufmerksamkeit auf die Sprache ist methodisch.“
FRANTIŠEK ŠTíCHA 105 Im Protokoll stand „nett zu mir“, die Blum bestand auf dem Wort gütig, und als ihr statt dessen gar das Wort gutmütig vorgeschlagen wurde, weil gütig so altmodisch klinge, war sie empört und behauptete, Nettigkeit und Gutmütigkeit hätte mit Güte nichts zu tun. (S.271) Diese metasprachlichen Betrachtungen Bölls lassen vermuten, dass dem Nobelpreisträger nicht nur der Inhalt, sondern auch die sprachliche Form, auch das einzelne Wort, seine genaue Bedeutung und dessen grammatische Struktur wichtig waren. Selten bedient sich Böll der Ironisierung eines erfundenen Namens: […] so ziert ein riesiges Fresko des genialen Hans Otto Winkler die fensterlose Nordfront des Gebäudes; […] (ET, 13, Der Bahnhof von Zimpren); Es mag zwar eine Person, vielleicht auch mehrere Männer, namens Hans Otto Winkler gelebt haben, keiner davon war jedoch ein genialer bildender Künstler, den man in den fünfziger Jahren als solchen kennen würde. Sonst müsste man diesen Namen in einem großen Lexikon der bildenden Kunst und/oder im Internet finden. 4. EIN SCHLUSSWORT Heinrich Böll hätte, so meine ich, auch dann ein großer Schriftsteller werden können, der den Nobelpreis für Literatur verdiente, hätte er keinen einzigen Neologismus, keine einzige Metapher, keine einzige originelle Wortfolge und auch überhaupt nichts von den uns allen zur Verfügung stehenden sprachlichen Mitteln, die einer linguistischen Erwähnung wert sind, in seinem prosaischen Werk benutzt. Denn Besonderheiten der sprachlichen Form können im Rahmen der erzählerischen Kunst nur dann Wesentliches bedeuten, wenn sie die Besonderheiten der erzählenden Inhalte markieren und diese hervorheben (Robert Walser, Hermann Broch, Thomas Mann, Günter Grass seien hier als Beispiele genannt). Bei klassischem und ernsthaftem Böll sind die Inhalte einfach und einfach soll deshalb auch die Form sein. Man kann wohl ohne Übertreibung sagen, dass es eben die meisterhafte Einfachheit des Böllschen Erzählens ist (Ähnliches wird auch dem Hemingway nachgesagt), die seinen Namen berühmt machte und ihm zum Nobelpreis verhalf. Dass die Inhalte Bölls die Nachkriegszustände und das deutsche Nachkriegsbewusstsein auch meisterhaft schildern, ist zwar vielleicht das Wichtigste an seinem literarischen Schaffen, ohne eine meisterhafte Sprache, sei sie klassisch einfach, oder aber ironisierend kompliziert, hätte er jedoch kaum berühmt werden können. Marcel Reich-Ranicki hat über Heinrich Böll geschrieben (1986: 16): „Abgesehen von einigen Kurzgeschichten hat Böll nichts geschrieben, was auch nur annähernd als vollkommen gelten könnte. Seine fünf Romane und drei größere Erzählungen haben ärgerliche Schönheitsfehler und Schwächen; […].“ Ich glaube das nicht. Denn: Was ist schon vollkommen auf dieser Welt? Und außerdem: Man sollte einem
106 LINGUISTICA PRAGENSIA 1/2018 guten, geschweige denn einem hervorragenden Schriftsteller nicht mit Misstrauen begegnen. Denn: Wer sollte schon besser schreiben können, als es ein Schriftsteller kann? Wer sollte schon besser schreiben können, als Heinrich Böll geschrieben hat? Ein Heinrich Böll, der von seinen Lesern so geliebt wurde und immer noch geliebt wird? DIE BÜCHER VON HEINRICH BÖLL (IN ALPHABETISCHER ORDNUNG) Ansichten eines Clowns (A), DTV,46. Auflage, 2000. Billard um halb zehn (B), DTV, 25. Auflage, 2000. Das Brot der frühen Jahre (BFJ), DTV, 25. Auflage, 2015. Das Vermächtnis (V), DTV, 7. Auflage, 2005. Der blasse Hund (BH), DTV, 1997. Der Engel schwieg (E), Kiepenheuer & Witsch, 1994. Der Zug war pünktlich (ZP), DTV, 31. Auflage, 2014. Die verlorene Ehre der Katharina Blum (EKB) In: Heinrich Böll, Mein Trauriges Gesicht. Humoresken und Satiren. Reclam, 1988. Die Verwundung (VW), Lamuv Verlag, 1983, Büchergilde Gutenberg, 1986. Ende einer Dienstfahrt (ED), DTV, 27. Auflage, 2011. Entfernung von der Truppe (ET), DTV, 1992. Frauen vor Flusslandschaft (FF), Kiepenheuer & Witsch, 2007. Fürsorgliche Belagerung (FB), DTV, 10. Auflage, 2011. Gruppenbild mit Dame (GD), DTV, 25. Auflage, 2015. Haus ohne Hüter (HH), Ullstein Bücher, 1961. Kreuz ohne Liebe (KL), DTV, 2006 Nicht nur zur Weihnachtszeit (NWZ), DTV, 21. Auflage, 2016. Unberechenbare Gäste (UG), DTV, 3. Auflage, 2003. Und sagte kein einziges Wort (SKW), DTV, 21. Auflage, 2012. Wanderer, kommst du nach Spa… (WKS), DTV, 2011. Wo warst du, Adam? (WA), Reclam, 3. Auflage, 1970. LITERATUR Askedal, J.O. (1991) Zur Enklitisierung des Pronomens es (´s) im Deutschen. Eine empirische Untersuchung anhand der Erzählprosa Thomas Manns. In: SPFFBU— Brünner Beiträge zur Germanistik und Nordistik VII, 7–18. Drosdowski, G. (ed.) (1993) Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in acht Bänden. Mannheim— Berlin: Dudenverlag. DeReKo: Das Deutsche Referenzkorpus (2017) W-öffentlich. Mannheim: Institut für Deutsche Sprache. Available at www.idsmannheim.de/DeReKo Eroms, H.-W. (2008) Stil und Stilistik. Eine Einführung. Berlin: Erich Schmidt Verlag. Jung, W. und J.Schubert (eds) (2008) „Ich sammle Augenblicke“ Heinrich Böll 1917–1985. Bielefeld: Aisthesis Verlag.
FRANTIŠEK ŠTíCHA 107 Keller, J. (2008) Bölls Säftelehre— oder: Humor und Wirklichkeit. In: Jung, W. und J.Schubert (eds) „Ich sammle Augenblicke“ Heinrich Böll 1917–1985, 123–152. Bielefeld: Aisthesis Verlag. Luukkainen, M. (2005) Zu „Zeitnennwörtern“ des Typs Raummacher, Zärtlichkeitsanbieter und Warmduscher von Justus Georg Schottelius bis zu Heinrich Böll und den modernen Medien. In: Hasselblatt, C, Helimski, E. und A.Widmer (eds) Finnisch-Ugrische Mitteilungen Band 28/29. Hamburg: Helmut Buske Verlag. Müller-Richter, K. und A.Larcati (eds) (1998) Der Streit um die Metapher. Poetologische Texte von Nietzsche bis Handke. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Reich-Ranicki, M. (1986) Mehr als ein Dichter. Über Heinrich Böll. Köln: Kiepenheuer & Witsch. Schnell, R. (2008) Ästhetik der Moderne: Gruppenbild mit Dame. In: Jung, W. und J.Schubert (eds) „Ich sammle Augenblicke“ Heinrich Böll 1917–1985, 197–234. Bielefeld: Aisthesis Verlag. Schubert, J. (2008) „Aufklärung in allen Ständen…“ Marginalien zu Ästhetik und Sprache13 Heinrich Bölls. In: Jung, W. und J.Schubert (eds) „Ich sammle Augenblicke“ Heinrich Böll 1917–1985, 235–248. Bielefeld: Aisthesis Verlag. Schwitalla, J. (2016) Ein linguistischer Abschied von Günter Grass: „Vonne Endlichkait“. Acta facultatis philosophicae universitas ostraviensis, Studia Germanistica 18/2016, 41–56. Steinecke, H. (ed.) (1979) Theorie und Technik des Romans im 20. Jahrhundert. Tübingen: Max Niemeyer. Štícha, F. (1992) Die lexikalische Unbesetztheit des Objektkomplements im englischen, französischen, deutschen und tschechischen Satz. In: Mair, C. und M.Markus (eds) New departures in contrastive linguistics I, 225–232. Innsbruck: Innsbruck University Press. Štícha, F. (2015) Wie identifiziert man das lexikalisch unausgedrückte Objekt im Satz? In: Domínguez Vázquez, M.J. und L.M.Eichinger (eds) Valenz im Fokus: Grammatische und lexikographische Studien zu Ehren von Jacqueline Kubczak, 211–223. Mannheim: IDS. František Štícha Institut für tschechische Sprache der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, Abteilung Grammatik Letenská 4, 118 51 Praha 1, Czech Republic [email protected] 13 Es sei darauf hingewiesen, dass über die Sprache in diesem Aufsatz kaum etwas mitgeteilt wird. footn