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Sabine Voda Eschgfäller/Milan Horňáček (Hgg.): Ottokar II. redivivus. Der Přemyslidenfürst in Literatur und Geschichte. Dresden: Thelem, 2021

Höhne, Steffen

Abstract

199

Full text

Sabine Voda Eschgfäller/Milan Horňáček (Hgg.): OttokarII. redivivus. Der Přemyslidenfürst in Literatur und Geschichte. Dresden: Thelem, 2021, 318 Seiten und 10 Abb. Steffen Höhne– Hochschule für Musik Weimar/Friedrich ‑Schiller‑ Universität Jena Ottokar PřemyslII., laut Joseph von Hormayr im Gegensatz zum epischen Helden Rudolf ein tragischer Held, unter dessen Herrschaft Böhmen tatsächlich bis (fast) ans Meer reichte, wie Shakespeare später behaupten sollte, ist eine Figur, die in besonderer Weise der Legendenbildung in Literatur und Geschichte ausgesetzt war. Verstärkt wird dies, hier ist den Herausgebern uneingeschränkt zuzustimmen, durch eine Rezeption im Spannungsfeld sich nationalisierender Philologien. In diesem polyphonen Rezeptionsprozess avancierte Ottokar zu einer Projektionsfläche für nationale Identitätsbildung, aber auch für gute bzw. gerechte Herrschaft (S. 5). Dass dabei immer auch bestimmte Topoi in unterschiedlicher Deutung (die Rolle der böhmischen Stände, die von Ottokar forcierte ‚deutsche Kolonisation‘, das Motiv des Verrats) aufgegriffen werden, belegt nur die unterschiedliche und auch konträre (be‑ zogen auf die österreichische und tschechische) Funktionalisierung der jeweiligen Ottokar ‑Bilder. Ein derartiger Rezeptionsprozess setzte bereits mit Ottokars Tod ein und lässt sich bis in die Gegenwart verfolgen, wie die Historikerin Václava Kofránková in ihrem informativen Überblicksbeitrag zur Rezeption in den Chroniken und in der Geschichtsschreibung feststellt. In Bezug auf Ottokar lässt sich tatsächlich von einer longue durée im böhmischen Geschichtsbewusstsein sprechen (S. 6). Leider wurde dieser wichtige Beitrag sehr unzulänglich übersetzt, was sich an einer ganzen Reihe von Stilblüten sowie falschen Begriffen und Bezeichnungen zeigt. Die chronologisch angeordneten Beiträge setzen sich mit unterschiedlichen Ottokar ‑Bezügen auseinander, ausgehend vom Mittelalter (Spruchgesänge über König Ottokar im Beitrag von Dorothea Klein), dem Alexander ‑Roman Ulrichs von Etzenbach im Beitrag von Kristýna Solomon, ein Stoff, der sich im Böhmen des 13. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreute (S. 97), der Dalimil ‑Chronik bzw. dem deut‑ schen Äquivalent, der Tutschen Kronik im Beitrag von Vlastimil Brom sowie einem Beitrag von Tomáš Somer zur Rolle Smils von Lichtenburg wird die die unmittelbare Rezeption nach Ottokars Tod in den Blick genommen. Hieran schließen sich Bearbei‑ tungen an, die der Aufklärung zuzuordnen sind. Vorgestellt werden das Schauspiel Rudolf von Habsburg von August Clemens Werthes (1775) von Sabine Voda ‑Eschgfäller, in dem die Figur des idealen Herrschers vor der Kontrastfolie des als Mensch und Herrscher versagenden Ottokar (S. 176) entworfen und das Drama in fünf Akten als eine Apotheose des Kaisers und legitimen Herrschers entwickelt wird. Allerdings geht es Werthes letztlich um mehr als eine Inszenierung eines historischen Ritterspiels, sondern um ein Denkmal für den habsburgischen Herrscher Rudolf von Habsburg (S. 186) und seinen Kontrahenten Ottokar. Ebenfalls der Aufklärung zuzuordnen ist das Drama Kaiser Rudolf von Habsburg (Beitrag Markéta Hynešová) von Anton (von) Klein. Kleins Kaiser Rudolf, 1780 zunächst als Operntext entstanden, erscheint als 200 BRÜCKEN 29/1 aufgeklärter Idealherrscher gegenüber einem anachronistisch gezeichneten Ottokar, der ein überkommenes mittelalterliches Herrschaftsprinzip vertritt. Im 19. Jahrhundert mit seiner sich durchsetzenden Nationalisierung kommt es zu weiteren Funktionalisierungen, wie die Beiträge von Futtera und Krappmann zeigen. Futtera, der sich vor allem der Figur des ‚Verräters‘ Milota von Dědice widmet, analy‑ siert die literarische Ottokar ‑Rezeption vor allem im Vormärz, nach Arnošt Kraus Teil der Rudolfottocare. Nach einer Phase, die den Stoff eher im Sinne einer dynastischen Verehrung bis hin zur Panegyrik einsetzte, folgte eine Phase, in der Autoren wie Hein ‑ rich von Collin und Johann Ladislaus Pyrker das gängige Dichotomie ‑Modell Rudolf vs. Ottokar zu überwinden suchen, wobei natürlich mit Grillparzer der Antagonismus‑ Topos wieder ins Zentrum rückt. Betrachtet werden dann aber ausgehend von einem Artikel Palackýs im Časopis Českého museum (1831) sowie seiner Geschichte Böhmens die tschechischen Adaptionen des Stoffes bei Jan Erazim Vocel, Simeon Karel Macháček, František Turinský und Prokop Chocholoušek sowie schließlich auch Jan Kollár, in dessen Slávy dcera Milota lediglich einen Platz in der Vorhölle erhält. Als sich durch‑ setzende Tendenzen werden die Deutung Palackýs sowie die Akzentuierung des Topos vom ‚vaterlandsfremden‘ Adel (S. 240) identifiziert. Insgesamt gelingt Futtera eine gute Rekonstruktion der tschechischen Rezeption. Einer These sei allerdings wider‑ sprochen, nach der die deutschböhmischen Schriftsteller Stoffe, die zunehmend als Teil einer tschechischen Nationalgeschichte gedeutet wurden, nach 1848 derartige Bearbeitungen unterließen (S. 238). Hier sei nicht nur an die fortgesetzte Populari‑ tät des Hussitenstoffs erinnert, sondern auch an die supranationale Umdeutung der Přemysliden bei Adalbert Stifter. Jörg Krappmann befasst sich mit den Bearbeitungen des Stoffes im deutschspra‑ chigen historischen Roman des 19. Jahrhunderts, der Blütezeit des Genres, wie rich‑ tigerweise bemerkt wird. Dabei werden kaum noch bekannte Texte von Karl August Friedrich von Witzleben (König Przemysl OttocarII., 1843), Elfriede von Taura (= August Peters) (Záviš von Rosenberg, 1860), Carl Schmeling (Es lebe der Kaiser! 1858), August Sperl (Die Söhne des Herrn Budiwoj, 1896) in den Blick genommen, wobei auch ein kurzer Blick auf die Dramen von Grillparzer und Uffo Horn geworfen wird. Charak‑ teristisch für die hier untersuchten Texte sind– ausgehend von Walter Scott– die „Trans‑ und Interferenzen zwischen Geschichtsschreibung und Literatur“ (S. 257), die als gattungskonstitutives Element in der Forschung herausgearbeitet wurden. Und selbst das 20. Jahrhundert hält noch Bearbeitungen bereit, wie Barbara Hoiß in einem deskriptiv gehaltenen Beitrag und ausgehend von dem Konzept der Demut an Beispielen der Dramatik (Grillparzer), der Essayistik (Claudio Magris), dem Comic (Hergé = Prosper Remi) und dem Bilderbuch (Piotr und Jósef Wilkon) belegt. Mit einem nur scheinbaren Randthema, was den Ottokar ‑Stoff betrifft, setzt sich Milan Horňáček auseinander, der den Roman HHhH (= Himmlers Hirn heißt Heydrich) von Laurent Binet aus dem Jahr 2009 und dessen metanarratives Erzählverfahren untersucht. Am Beispiel der scheinbaren Nebenfigur Ottokar gelingt Horňáček in einer präzisen Interpretation die dem Text zugrundeliegende imaginative Entstehung der deutsch ‑tschechischen Konfliktgemeinschaft (S. 305). Zieht man ein Fazit, so ist festzustellen, dass ein wichtiger Band vorgelegt wurde, in dem vor allem bisher nur am Rande oder gar nicht berücksichtigte Texte zum Ottokar ‑Stoff vorgestellt werden.