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Sprachideologien und Sprachmanagement in sprachbiographischen Interviews: Sprecher mit tschechischem Migrationshintergrund in Bayern

Nekula, Marek

Abstract

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Sprachideologien und Sprachmanagement in sprachbiographischen Interviews: Sprecher mit tschechischem Migrationshintergrund in Bayern1 Marek Nekula– Universität Regensburg ABSTRACT Der Beitrag befasst sich mit Sprachideologien und deren Auswirkungen auf Spracherwerb und -erhalt, wie sich diesein sprachbiographischen Interviewsdarstellen, diemitSprechern mit tschechischem Migrationshintergrundaufgenommenwurden, die vor der sensiblen Phase nach Bayern kamen und der 1,5 Generation zugeordnet werden können.Im Einzelnen zeigt der Beitrag, wie in einer exogamen (gemischten) Familie das familiäre Sprachmanagementargumentiert wird, um die monooder bilingualen Interessen einer Person durchzusetzen.Weiterwird gezeigt, wiedieSprachregime des Aufnahmelandes und des Herkunftslandes, zu denen auch die Bewertung von Sprachen gehört, innerhalb einer individuellen migrantischen Sprachbiographie in Konflikt geraten und wie Sprachideologien im Plural innerhalb einer biographischen Narration zu einer Sprachideologie im Singular verwoben werden. Deshalb wurde eines der Interviews meines Samples näher analysiert, um eine„dichte Beschreibung“der sprachlichenSituationeiner (weiblichen) Migrantin und ihrer Strategien zur ideologischen Legitimierung ihrer eigenen diskursiven Position und zur Delegitimierung der Position derAnderenanbietenzu können. SCHLÜSSELWÖRTER Spracherwerb; Spracherhalt; Mehrsprachigkeit; Sprachideologie/n; Sprachmanagement; Sprachregime ABSTRACT Language ideologies and language management in interviews on language biogra‑ phy: Speakers with Czech migration background in Bavaria The paper deals with language ideologies and their impact on language acquisition and maintenance as represented in interviews on language biographies with speakers with aCzech migrant background who came to Bavaria before the sensitive age and belong to the 1,5 generation. The paper shows in detail how family language management serves someone’smonolingual interests in an exogamous (mixed) family. It shows further, how the host country’sand the country of origin’slanguage regimes, which also include the evaluation of languages, conflict within an individual migrant language biography and how language ideologies in plural intertwine to shape individual language ideology within abiographic narrative. One of the sample interviews was therefore analyzed closer to offer 1 Der Beitrag geht auf einen Vortrag bei der Tagung „Multilinguale SprachBioGraphien in Mittelosteuropa“ an der Universität Greifswald im Oktober 2016 zurück. 64 BRÜCKEN 28/2 a“thick description” of the linguistic world of a(female) migrant and of her strategies to ideologically legitimize her own discursive position and to delegitimize others’ positions. KEY WORDS Language acquisition; language maintenance; multilingualism; language ideology/s; language management; language regime 1. EINFÜHRUNG In meinem Beitrag geht es um Sprachideologien und ihre mögliche Auswirkung auf den Spracherwerb und Spracherhalt, wie sie sich in den sprachbiographischen Interviews mit Sprechern mit tschechischem Migrationshintergrund darstellen, die vor 1989 als kleine Kinder im Alter von 3 bis 8 Jahren (d.h. vor der Pubertät) nach Bayern gekommen und der 1,5 Generation zuzuordnen sind, bzw. die– analog zu Polinsky (2006), die solche russischsprachigen Sprachbenutzer in den USA untersucht hat– unmittelbar nach der Emigration der Eltern oder nach der Familienzusammenführung in Bayern geboren wurden und dort aufgewachsen sind. Der Beitrag geht von fünfundzwanzig sprachbiographischen Interviews aus,2 die in den Jahren 2005 bis 2009 von Verena Hämmerle und mir bzw. im Rahmen meines Seminars zu Sprachbiographien und Sprachkontakt mit tschechischsprachigen Herkunftssprechern aufgenommen wurden. Die Aufnahmen wurden auf Tschechisch, teilweise aber auch auf Deutsch durchgeführt, weil der Sprachverlust so stark war, dass sich die Sprecher kein Interview auf Tschechisch zutrauten und nur einem kurzen tschechischen Nachtrag zu dem narrativen Interview zustimmten. Im Einzelnen geht der Beitrag aus drei Gründen aber immer wieder– wenn auch nicht ausschließlich– auf ein Interview mit Martina ein: Einerseits kehren in diesem Topoi der anderen Interviews wieder, andererseits treten in ihm auf Grund der Konstellation einer auch ethnisch neu gemischten patchwork Familie (Stieffamilie) sprachideologische Konflikte und die Verknüpfung von Sprachideologien und Spracherwerb, -gebrauch und -erhalt nicht nur besonders deutlich zu Tage, sondern werden auch entsprechend intensiv diskutiert und reflektiert. Außerdem kann so eine „dichte Beschreibung“ der sprachlichen Welt einer Immigrantin und ihrer Strategien der ideologischen Legitimierung der eigenen diskursiven Position und der Delegitimierung der Position der Anderen geboten werden. Die Zahl der aufgenommenen Interviews ist zwar nicht überwältigend, doch haben die qualitativ erhobenen und ausgewerteten Daten ihre Validität. Die Interviewten– die fokussierte Interviewte eingeschlossen– akkumulieren und generalisieren nämlich in Bezug auf den Spracherwerb und Spracherhalt nicht nur ihre Erfahrung. Sie schließen auch die Erfahrungen anderer Herkunftssprecher, mit denen oder über die sie sich austauschen, in ihre Narrative ein. Diese diskursive Vernetzung wird gut im folgenden Zitat sichtbar, in dem sich die Interviewerin (selbst eine Herkunftsspre2 Zu den sprachbiographischen Interviews als Quelle und Methode vgl. Nekvapil (2004a), darin auch mehr zur Validität von sprachbiographischen Interviews, der Unterscheidung der Lebens-, Subjektund Textrealität sowie dem Umgang damit. 65MAREK NEKULA cherin des Tschechischen) und die Interviewte auf eine dritte Person beziehen und in Bezug auf diese eine gemeinsame kommunikative Erfahrung mit Sprachmischung herausarbeiten:3 (1) M: […] aber irgendwie (.) aber waaber ich weiß nicht, ob Nikole hier gestern auch war, äh im Kurs, (K: [ich kenne sie. tja,]) aber sie macht ((= spricht)) mit ihrer Mutter auch genau dasselbe. ((= mischt beide Sprachen)) K: ich auch. ((mit Lachen)) M: ja das ist dann; (A: äh) (.) mir scheint es ist irgendwie vielleicht normal. (.) und wir ver‑ versuchen jetzt nur Deutsch, oder Tschechisch; aber es gelingt uns irgendwie nie ganz. ((alle lachen))4 Das Ziel dieser narrativen Interviews war es, die quantitativ schwer erschließbare prekäre Sprachsituation der Migranten mit tschechischem Migrationshintergrund in Bayern zu erfassen (Hämmerle 2009), ihre Spracherwerbsoder Spracherhaltsstrategien zu verstehen und die Auswirkung ihrer Sprachbiographien auf ihre Herkunftssprache zu untersuchen. Damit ging es auch um die Ausprägung des additiven Bilingualismus, die Verlagerung der primären Sprache von der Erstauf die Zweitsprache und damit auch um den unvollständigen Spracherwerb und Verlust von nicht hinreichend stabilisierten Einheiten und Strukturen der Herkunftssprache bzw. um die Einschränkung (Subtraktion) des frühkindlichen Bilingualismus und die Rolle der geschriebenen Sprache beim Spracherwerb und Spracherhalt, wie dies in Bezug auf andere Sprachenpaare u.a. in Klein (1992), Romaine (1995), Polinsky (2006), Montrul (2008), Lüdi (2008), Matras (2009), Mülleretal. (2011), Riehl (2014), Mertins (2016), Nebeská (2016) oder Busch (2017) untersucht bzw. terminologisch diskutiert wird. Da Tschechisch als Herkunftssprache in Deutschland– anders als andere Slavinen– bisher kaum untersucht wurde und im Vergleich zu Tschechisch in Österreich, wo es den Status einer Minderheitensprache genießt, einen anderen Sprachkontakttypus darstellt,5 war diese Sonde auch als Beitrag zur Sprachkontakt3 Die Transkription der Interviews orientiert sich an der diskursanalytischen Transkription und die Zitate aus den Interviews in Seidlmayer (2009), die sie im Rahmen eines meiner Seminare durchführte, wurden in diesem Beitrag vom Autor überprüft sowie auch im Hinblick auf die Transkriptionsempfehlungen in Kaderka/Nekvapil (2016) angepasst: (.) (..) (…) stehen für unterschiedlich lange Pausen, die länger als die übliche Segmentierung sind, besonders starke Dehnung wird mit : oder :: markiert, besonders stark betonte Wortsilben werden unterstrichen, während Kommentare ((doppelt)) und der vermutete Wortlaut (einfach) umklammert werden. Die eckigen Klammern stehen dann für [simultane] Teile, und die Interpunktion hat eine eigene Bedeutung (? = stark steigende Antikadenz; , = leicht steigende Halbkadenz; ; = schwach fallende Kadenz; . = stark fallende Kadenz). Unveständliche Stellen werden mit ( ) markiert, die Übersetzungen der Zitate stammen vom Autor. 4 M: […] ale nějak (.) ale coale Nikol, ((Name geändert)) já nevim esi ta včera tady nebyla, eh vkurzu, (K: [já ji znám. no,]) ale přesně to taky dělá to stejný smaminkou. K: já taky. ((mit Lachen)) M: jo tak to je; (A: mhm) (.) mě se zdá že to nějak asi normální. (.) amy teďkon zku‑ zkusíme ((= zkoušíme)) jenom němčinu, nebo češtinu; ale to se nějak nám nikdy nepovede moc. ((alle lachen)) (TK Martina 2009: 179–184; Seidlmayer 2009: 53; FettdruckM.N.) 5 Zu den Slavinen in Deutschland allgemein vgl. Achterberg (2005), zu einzelnen Slavinen vgl. u.a. Meng/ Protassova (2001), Meng (2004), Goldbach (2005), Brehmer (2007), Mehlhorn (2011), Anstatt (2013), Redderetal. (2013), Brehmer/Mehlhorn (2013). Zum Tschechischen in Deutschland vgl. inzwischen Nerlich (2007), Hämmerle (2009), Feldmeier (2014) sowie die Qualifikationsarbeiten von Brandl (2008), 66 BRÜCKEN 28/2 typologie und Skalierung der prekären Lage von slawischen Migrantensprachen in Deutschland gedacht. Die Frage nach Sprachideologien war also bei der Erhebung dieser Interviews nicht primär vorhanden, sondern kam erst nachträglich hinzu. Es wäre jedoch von Interesse, ob sich das vorhandene Material auch bei einer Untersuchung, die auf den Wandel von Sprachideologien von Sprechern mit tschechischem Migrationshintergrund in Deutschland, Bayern bzw. im Raum Regensburg vor und nach 1989 abzielen würde, verwenden ließe. Die Einbeziehung dieses Materials in eine solche Studie könnte nämlich andere Vorstellungen von Sprachen und deren Erwerb und Erhalt zu Tage bringen als die, welche die späteren (tschechischen) Migranten in demselben Raum haben. Diese Migranten erwerben und erhalten nämlich ihre Sprache unter ganz anderen sozialen und damit auch ideologischen Rahmenbedingungen als früher: So steht auf der einen Seite Exil ohne eine direkte Rückbindung zum einstigen Heimatland im Ostblock hinter dem Eisernen Vorhang und ohne jegliche institutionelle Förderung des Tschechischen in Deutschland, Bayern bzw. in der Region. Auf der anderen Seite stehen Emigration und/oder Familienzusammenführung in einer digitalisierten und insbesondere nach dem EU -Beitritt (2004) und dem Schengen -Beitritt (2007) vernetzten Welt, in der der Erwerb der Herkunftssprache in einer grenznahen Region von privaten, kommunalen sowie anderen Institutionen gefördert wird, wie dies etwa für die Tschechische Schule in Regensburg oder für die Förderung von Migrantensprachen durch die Regierung der Oberpfalz zutrifft. Auch wenn also in diesen Interviews keine gezielte Abrufung von Sprachideologien durch eine Hinterfragung des Erwerbs, des Erhalts oder der Aufgabe der Herkunftssprache vorliegt (wobei diese zur Begründung des Istzustandes und damit zur Explikation von Sprachideologien führt),6 kann man erwarten, dass die sprachbiographischen Narrationen in Bezug auf ‚Probleme‘ beim Spracherwerb und Spracherhalt nicht nur „language management summaries“ (Nekvapil 2004b) enthalten, sondern diese auch generalisieren, wodurch das jeweilige singuläre Sprachverhalten als allgemein geltend dargestellt und dadurch (sprach)ideologisch begründet wird: (2) K: und mit der Mutter sprichst du zu Hause auf Tschechisch? M: (.) ganz am Anfang (..) ha(ben) wir nur tschechisch gesprochen; aber jetzt mischen wir das alles. (K: äh) das ist das Problem dass man Tschechisch und Deutsch mischt, und wenn wir vielleicht kewenn wir die (.) wenn wir äh kein tschechisches Wort haben für etwas was wir sagen [wollen] (A: [äh]) nur das deutsche, dann deklinieren wir das deutsche auf [Tschechisch]. ((die letzten Wörter mit Lachstimme)) (K, A: [äh]) also (.) ich weiß nicht, es ist ein bisschen merkwürdig. wenn uns jemand zuhört, denkt er sich welche Sprache ((leise)) [sprechen die], ((leise)) [M,K,A: ((Lachen))]7 Feldmeier (2009), Seidlmayer (2009, 2013), Meier (2017), Panochová (2017), Plesníková (2018). Beiträge zu Tschechisch in Österreich und Wien wurden enzyklopädisch und bibliographisch zusammengefasst in Newerkla (2016). 6 Zu Sprachideologien in Interviews vgl. Laihonen (2008). 7 K: asmaminkou mluvíš česky doma? M: (.) na začátku (..) úplně jsme mluvi(li) ((li verschluckt)) jenom česky; ale teďkon už to všechno mícháme. (K: mhm) to je ten problém že se míchá čeština aněmčina, akdyž možná nenemáme tu- (.) neznáme tu ehm český slovo pro něco co chceme [říct] (A: [mhm]) jenom to německý, tak to 67MAREK NEKULA Im vorliegenden Zitat wird eine episodische Erfahrung u.a. durch Deagentivierung und gnomisches Präsens generalisiert und somit als eine allgemeine Vorstellung über Sprache/n bzw. als Sprachideologie ‚Sprachmischung ist ein Problem‘ erkennbar gemacht. Eine Rolle spielen bei dieser Verallgemeinerung auch Bezeichnungen von Sprachen, andernorts auch ethnische Kategorisierungen („die Tschechen sind stolz auf ihre Sprache“) oder „extreme case formulations“ (Pomerantz 1986), d.h. Ausdrücke mit der Bedeutung „immer“, „überall“, „vollkommen“, „jeder“, „keiner“, „niemand“: (3) er ((der deutsche Stiefvater)) sagt vor allem dass man Deutsch kann; (.) die anderen Sprachen sind nicht, oder Englisch auch, ((„oder Englisch auch“ im anderen Tempo und mit anderer Stimme)) (A: [äh]) [aber] die anderen Sprachen, wie (..) äh Tschechisch Russisch oder solche Sachen, das interessiert ihn nicht; das muss keiner wissen.8 (4) alle die in Tschechien sind sprechen kein Deutsch.9 (5) wenn ich auf Deutsch rede dann ist alles irgendwie (…) sträh strenger, nein; (.) irgendwie merkwürdig, (.) ich weiß nicht.10 Geht man, wie Kroskrity (2004), davon aus, dass für Ideologien ein allgemeiner Geltungsanspruch charakteristisch ist, auch wenn sie Ausdruck partieller Interessen sind, dann dürften die explizierten Überzeugungen über Sprache/n durch die oben ausgeführten Verallgemeinerungen und den damit verbundenen allgemeinen Geltungsanspruch als Sprachideologien erkennbar sein, die einen Umgang mit den Sprachen begründen oder die durch Hinterfragung solcher Ideologien auch diesen hinterfragen. 2. SPRACHIDEOLOGIE/N Spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage, was man in diesem Beitrag unter der „Sprachideologie“ oder den „Sprachideologien“ versteht. In der klassischen Definition von Silverstein werden sie verstanden als sets of beliefs about language articulated by users as arationalization or justification of perceived language structure and use (Silverstein 1979: 193). Die Deutung von Sprachideologien als Rationalisierung oder Rechtfertigung von wahrgenommenen Strukturen und Verwendung von Sprache/n zeigt sich etwa im folgenden Auszug aus dem Interview mit einer tschechischen Herkunftssprecherin, die seit německý skloňujeme nějak do [češtiny]. ((die letzten Wörter mit Lachen)) (K, A: [mhm]) takže (.) já nevim, je to tak trošku divný. když nás někdo poslouchá, si myslí jakou řečí voni ((leise)) [mluvěj], ((M,K,A[lachen])) (TK Martina 2009: 171–178; vgl. Seidlmayer 2009: 53; FettdruckM.N.) 8 on říká že hlavně že se člověk umí německy; (.) ty jiný řeči nejsou, nebo anglicky taky, ((„nebo anglicky taky“ schneller und mit anderer Stimme)) (A: [mhm]) [ale] ty jiný řeči, jako (..) eh česky rusky nebo takovýhle věci, to mu nezajímá; to nikdo nepotřebuje vědět. (TK Martina 2009: 150–153; vgl. Seidlmayer 2009: 52; FettdruckM.N.) 9 všichni co jsou včechách neuměji německy. (TK Martina 2009: 161; vgl. Seidlmayer 2009: 52; FettdruckM.N.) 10 když mluvím německy tak je takový všechno (…) pšehm přísnější, ne; (.) takový divný, (.) já nevím. (TK Martina 2009: 523f.; vgl. Seidlmayer 2009: 63; FettdruckM.N.) 68 BRÜCKEN 28/2 der Kindheit in Deutschland lebt und das Ausbleiben des Erwerbs der tschechischen Schriftsprache durch das Fehlen von (positiven) Überzeugungen in Bezug auf die tschechische Schriftsprache rechtfertigt, welche deren Erwerb begründen würden: (6) M: […] [ich habe] nur Märchen gelesen oder [so] (K: [äh]) als kleines Mädchen ständig; (K: ähm,) und habe tschechische Filme geschaut oder [so], (K: [äh]) aber (.) äh (.) ich habe nie geschrieben, weil ich nicht wusste, (.) ich hatte nicht die Gelegenheit, oder ich wusste nicht, warum ich ((in Deutschland)) überhaupt ((Tschechisch)) schreiben soll. (A: äh,) (.) also habe ich es gelassen aber,11 Was den von Silverstein erwähnten „Satz“ von Überzeugungen über die Sprache betrifft, ist Woolard (1998) der Meinung, dass man ihn eher als eine lose „Aneinanderreihung“ als ein durchdachtes „System“ von Konzeptualisierungen von Sprache/n verstehen sollte, d.h. sie sieht nicht nur in der sprachlichen Praxis, sondern auch im Diskurs eher inkohärente Sprachideologien im Plural als eine kohärente Sprachideologie im Singular am Werk. In der Tat werden in den Interviews einerseits sehr unterschiedliche Überzeugungen über Sprache expliziert: ‚Tschechisch ist schöner als Deutsch‘ und ‚Sprache hat mit der Identität zu tun‘ oder ‚Standard steht über Non -Standard‘ und ‚Standard ist richtig, Non -Standard (Gemeinböhmisch) nicht‘ usw. Andererseits können diese Fragmente in einem auf die Sprache fokussierten Diskurs, wie ihn sprachbiographische Interviews darstellen, interpretativ zu einem kohärenten System zusammenfügt werden: Tschechisch habe mit der eigenen ethnonationalen Identität zu tun, was sich darin offenbart, dass der bereits mehrfach zitierten tschechischen Herkunftssprecherin Tschechisch im Vergleich zu Deutsch „schöner“ und „natürlicher“ vorkommt, ihr emotional „näher“ sei und sie sich darin „freier“ als im „strengen“ Deutsch fühle. Da aber Tschechisch durch die tschechische Schriftsprache prominent repräsentiert werde und sich nur darin voll entfalten könne, habe sie als „wahre“ Tschechin in Deutschland trotz des dort geltenden deutschen Sprachregimes „ihre“ Sprache nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern auch den Standard zu beherrschen.12 Die Rolle von Deutsch und vor allem von Tschechisch schätzen allerdings die Deutschsprachigen in Deutschland, wie dies in den Interviews dargestellt und in diesem Beitrag später wiedergegeben wird, anders ein. Dies kann man vor dem Hintergrund von Kroskritys fünf Ebenen der Organisation von Sprachideologien sehen (Kroskrity 2004): (1) Sprachideologien repräsentieren die Wahrnehmung der Sprache und des Diskurses, die im Interesse einer bestimmten sozialen oder kulturellen Gruppe konstruiert sind; (2) sie sind im Hinblick auf die Pluralität der bedeutungsvollen sozialen Differenzen (Klasse, Gender, Elite, Generationen etc.) im Plural zu denken; (3) Akteure zeichnen sich durch ein unterschiedliches Niveau des Bewusstseins von Sprachideologien aus; (4) die Sprachideologien der Akteure vermitteln zwischen 11 M: […] [já jsem] jenom četla pohádky nebo [tak] (K: [mhm]) jako malá holka pořád; (K: mhm,) adívala jsem se na české filmy nebo [tak], (K: [mhm]) [ale] (.) ehm (.) já jsem nikdy nepsala, protože ((r nicht gerollt)) jsem nevěděla, (.) neměla tu možnost, nebo já jsem nevěděla, proč mám vůbec psát. (A: mhm) (.) takže jsem to nechala ale, (TK Martina 2009: 188–192; Seidlmayer 2009: 53; FettdruckM.N.) 12 Zum Konzept des Sprachregimes vgl. Kroskrity (2000) bzw. auch Busch (2017), zu Sprachregimen in Südosteuropa vgl. Irvine/Gal (2000). 69MAREK NEKULA den sozialen Strukturen und Formen des Sprechens; (5) Sprachideologien werden bei der Herausbildung und Repräsentation von sozialen und kulturellen Identitäten (Nationalität, Ethnizität…) produktiv verwendet. Die Ebenen (1), (2) und (5) wurden bereits in den oben angeführten Zitaten aus dem Interview mit Martina sowie in den Ausführungen dazu deutlich. Deutlich wird darin allerdings auch die Ebene (4): Da die tschechischsprachigen Immigranten in Deutschland über keine stabilen sozialen Netzwerke, Minderheitenrechte und/ oder -institutionen verfügen, die wie die der Sorben in Deutschland wenigstens eine regionale Reichweite hätten, bleibt im Sinne der vierten Ebene der Erwerb der Herkunftssprache auf Familien und auf das Orale begrenzt. Der Erwerb der tschechischen Schriftsprache macht erst mit Blick auf die berufliche Perspektive im oder in Bezug auf das Herkunftsland und seine sozialen Strukturen wieder Sinn. Angesichts der Entwicklung der fokussierten Sprecherin zu einer bewussten Verwendung der Herkunftssprache ist darin allerdings auch die Ebene (3) zu sehen: Schließt man vom Fehlen positiver Überzeugungen auf das Vorhandensein negativer Überzeugungen, scheint das oben angeführte Zitat die Tatsache vor Augen zu führen, dass die Sprachideologie/n auch nur gelebt werden und in der Praxis lediglich implizit vorhanden sein können, wie dies Errington (2001) bzw. linguistische Anthropologie, Ethnographie der Kommunikation oder soziale Anthropologie einschätzen. In der Retrospektive werden sie im vorliegenden Fall bewusst reflektiert und in der Metasprache explizit manifestiert. Darin können Sprachideologien fassbar werden, worauf Silverstein (1979) bzw. auch die kritische Diskursanalyse oder Politikwissenschaft bauen. Beide Herangehensweisen unterscheiden sich dabei nach Woolard (1998) auch in der Einschätzung, wer und auf welcher Ebene in Bezug auf die Sprache über die Expertise verfügt: so stehen die Sprachbenutzer den Experten, die Interaktion der Organisation, die neutrale Sichtweise in Bezug auf die Sprachideologie der kritischen gegenüber. Die Antwort auf die Frage, ob Sprachideologien in einer dialektischen Beziehung zu der linguistischen Praxis stehen und damit das sprachliche Handeln bestimmen, oder ob sie in Bezug auf diese Praxen lediglich prospektiv genutzt oder retrospektiv herausgebildet werden, ist nicht unumstritten. Ich gehe hier unter Berufung auf die Sprachmanagementtheorie davon aus, dass zumindest im sog. organisierten Sprachmanagement eine solche dialektische Beziehung vorliegt, weil künftige Sprachproduktion und -rezeption nicht nur geplant, sondern auch ausgehandelt und in Bezug auf allgemeine Vorstellungen über Sprache und Kommunikation oder das, was dafür gehalten wird, begründet werden. 3. SPRACHMANAGEMENT UND SPRACHIDEOLOGIE Die Sprachmanagementtheorie, die mit Verweis auf die Arbeiten von Neustupný (1978) und Jernudd (1991), bzw. Jernudd/Neustupný (1987) und Neustupný/Nekvapil (2003) etwa in Neustupný (2002), Nekvapil (2006, 2012) oder Nekvapil/Sherman (2015) zusammenfassend dargestellt und z.B. von Nekvapil/Sherman (2009) oder Marriott/Nekvapil (2012) weiterentwickelt wurde, geht davon aus, dass es neben der Sprachproduktion und -rezeption auch menschliche Aktivitäten in Bezug auf die Sprachproduktion und -rezeption gibt, die man mit Neustupný (1978) als „Verhalten gegenüber der Sprache“ bezeichnen könnte. 70 BRÜCKEN 28/2 Diese Aktivitäten könnte man im weiteren Kontext der „theory of language correction“ (Cooper 1989) einordnen, weil sie durch eine Abweichung von der sprachlichen, kommunikativen oder auf die Sprache bezogenen soziokulturellen Norm ausgelöst werden. So könnte man den Versuch des Abstellens der „Sprachmischung“, der im ersten Zitat angesprochen und im zweiten Zitat als „Problem“ wahrgenommen wird, als einen Sprachmanagementprozess deuten, bei dem zunächst die Abweichung von der Norm oder von der Erwartung eines Sprachgebrauchs wahrgenommen wird, der „mir […] irgendwie vielleicht normal“ erscheint, allgemein aber wohl nicht. Im Anschluss daran kann diese Abweichung– wenn wir dies allgemeiner sehen– positiv, negativ oder neutral bewertet und dafür eine Korrektur ausgewählt oder geplant bzw. eine Maßnahme oder Lösungsstrategie ergriffen und anschließend implementiert werden: „wir […] versuchen jetzt nur Deutsch, oder Tschechisch“. Jedes „kann“ im vorigen Satz steht dabei für Eintreten/Nichteintreten der jeweiligen Phase des Sprachmanagementprozesses, d.h. der Sprachmanagementprozess kann, falls er beginnt, nach jeder Phase abbrechen. Nach dem Abschluss des Sprachmanagementprozesses wird dann geprüft, ob der Sprachmanagementprozess erfolgreich war, wobei das Bemerken des negativen Falls („aber es gelingt uns irgendwie nie ganz“) zum Auslöser eines weiteren Sprachmanagementprozesses werden kann (aber nicht muss). Das Sprachmanagement realisiert sich dabei auf zwei Ebenen: auf der Mikroebene einer konkreten Interaktion, wenn z.B. jemand seine oder die fremde Aussprache des Wortes Tür von [ti:r] auf [ty:r] korrigiert, und auf der transinteraktionellen Makroebene, indem die Aussprache von y, ü [y] vs. i[i] in einer Phonetik -Übung für slawischsprachige Deutschlernerinnen und -lerner eingeübt wird, damit diese fit für Interaktion/en auf Deutsch werden. Dabei stehen Mikround Makroebene in einer Wechselwirkung: das einfache Sprachmanagement in Form einer diskursorientierten Fremdkorrektur der Abweichung von der Norm auf der Mikroebene der Interaktion dürfte den betroffenen Sprecher bei Wiederholung zum organisierten, transsituationellen Sprachmanagement auf der Makroebene, d.h. zum bewussten Einüben der Aussprache in einem Phonetikkurs führen, während die Abweichung von der Norm auf der Mikroebene der Interaktion mit Bezug auf das organisierte Sprachmanagement auf der Makroebene (Besuch eines Phonetikkurses) wahrgenommen und selbstkorrigiert werden kann. Ein Teil des organisierten Sprachmanagements, das transsituationell (situationsübergreifend), in unterschiedlich komplexen Netzwerken, Organisationen oder Institutionen verankert ist und explizit erörtert wird, ist auch die Artikulation von „allgemeinen“ Überzeugungen über Sprache/n, die ein Sprachmanagement rationalisieren oder begründen sollen, wie dies Nekvapil/Sherman (2013) in Bezug auf das organisierte Sprachmanagement in Unternehmen im Detail ausführen. So gesehen scheint sich die Sprachmanagementtheorie auf die explizierten Sprachideologien im organisierten Sprachmanagement zu fokussieren. Bedenkt man aber die angesprochene Wechselwirkung von Makround Mikroebene, wird deutlich, dass sich die im organisierten Sprachmanagement explizierten Sprachideologien in die Sprachproduktion und -rezeption einschreiben und diese bestimmen bzw. dass die Abweichungen von der Norm von den Akteuren nicht nur identifiziert, sondern dass sie sie auch zu Korrekturen veranlassen, die auf ihre Überzeugungen über die Sprache zurückgehen (‚Standard steht über Non -Standard‘) und von ihnen auch expliziert 71MAREK NEKULA werden können, was nicht ausschließt, dass sich Sprachideologien in Interaktionen verhandelt und verändert werden (zur konstruktivistischen Spracheinstellungsforschung vgl. etwa den Überblick in Soukup 2019). 4. SPRACHIDEOLOGIE/N UND SPRACHMANAGEMENT IN SPRACHBIOGRAPHISCHEN INTERVIEWS Durch sprachbiographische Interviews bekommt man die Praxis des Sprechens sicherlich nur vermittelt mit.13 Mit der Explikation von Sprachideologien in metasprachlichem Bezug auf diese Praxis sieht das in diesen Interviews besser aus. Dies hat auch damit zu tun, dass das Sample der Interviewten durch ein besonderes ‚Schneeball- -Prinzip‘ entstand: Sie wurden mit sprachbewussten Sprechern mit tschechischem Migrationshintergrund durchgeführt, die den unvollständigen Spracherwerb, die Attrition oder den Verlust ihrer Herkunftssprache nicht hinnehmen wollten und sich entschieden, an der Universität Tschechisch zu erwerben bzw. in Richtung Standardund Schriftsprache auszubauen: (7) S: […] jetzt fing ich mit dem Buch Großmutter ((von Božena Němcová)) an, das war ja schon irgendwie schlimmer, weil dies wirklich ein (.) (K: schwieriges) schreckliches ((mit Lachen)) Tschechisch ist, na ja, schwierig ja, (.) aber ich hab’sschon auch gelesen, (.) also habe ich’sschon irgendwie geschafft. äh no und es ist ja ein gutes Training, um Tschechisch noch zu verbessern. ich hab eigentlich vor allem Gemeinböhmisch gelernt, und um das richtige Standard ‑Tschechisch zu lernen.14 Ihre Bereitschaft, zu Anfang des Studiums ihre Sprachbiographie zu teilen, kann dabei als ein Beleg dafür gelten, welche Bedeutung der Spracherwerb und Sprachgebrauch des Tschechischen für sie hat. Die Entscheidung für Tschechisch und die Standardsprache hätte man bei Sabrina in (7) sicher aus allgemeinen Wert-/Vorstellungen über die Sprache/n wie ‚Die Herkunftssprache, die Identität begründet, ist wichtig‘ oder ‚Standard steht über Non -Standard‘ ableiten können. Sie wird allerdings in einem anderen Interview mit Martina in (8) im Sinne der Sprachmanagementtheorie, die eine Wechselwirkung von Mikro und Makro postuliert, aus konkreten Interaktionen abgeleitet: (8) A: äh gut also (.) du du wolltest wieder einfach (.) also noch [richtig] (M: [ja ich habe]) Tschechisch lernen hier an der Uni? 13 Eine indirekte Quelle sind auch die Interaktionsinterviews, wie sie Neustupný (2004) erklärt, während Beobachtung und Mitschnitt einer Interaktion Daten (mehr) direkt greifbar machen. 14 S: […] teďka sem se pustila do babičky ((von Božena Němcová)), to už bylo takový horší, protože to je opravdu (.) (K: těžký) strašná ((mit Lachen)) čeština, no, těžká no, (.) ale už to mám přečtený taky, (.) tak sem to docela zvládla. no no aje to takovej dobrej trénink, abych se zlepšila ještě tu češtinu. Hlavně, já sem se vlastně naučila obecnou češtinu, aabych se naučila tu správnou spisovnou češtinu. (TK Sabrina 2009: 299–303; Seidlmayer 2009: 79; FettdruckM.N.) 78 BRÜCKEN 28/2 Spracherwerb von weiteren Sprachen, beim Lösen von kognitiven Aufgaben sowie im sozialen Handeln profitiere. Dass sich dieser Diskurs mit dem Identitätsdiskurs verbinden kann und die erste Diskursposition Argumente für das einsprachige Sprachregime bzw. den ethnonationalen Identitätsdiskurs und/oder die zweite Diskursposition Argumente für das mehrsprachige Sprachregime bzw. die Lockerung des einsprachigen Sprachregimes und/oder gegen den ethnonationalen Identitätsdiskurs liefert, ist in Bezug auf den nationalen sowie rassischen Sprachdiskurs, in dem Volkssprache, Volksgeist und Volkskörper als eine organische Einheit verstanden werden, hinlänglich bekannt.25 Ohne seinen rassischen Diskursrahmen, den Martina in dem Interview konstruiert, um das einsprachige Regime zu delegitimieren, strahlt dieser nationale Sprachdiskurs in die Sprachpolitik der Nationalstaaten weit ins 20. und 21. Jahrhundert hinein aus (Blommaert 2006). In Staaten, in denen die Mehrsprachigkeit föderal oder anders institutionell verankert ist, dürfte dabei die zweite Diskursposition in mehrsprachigen Familien mit größerer Leichtigkeit eingenommen werden, weil auch die Diskurse auf der Makroebene für diese offener sind. In einem Interview mit einer amerikanischen Mutter mit ungarisch -italienischen Wurzeln, die sich in Genf– auch unter Einbeziehung von Forschungsliteratur– mit ihrem deutschsprachigen Mann für eine mehrsprachige Erziehung entschieden hat und die von Lena -Maria Huttner für ihre Hausarbeit in einem Gruppeninterview interviewt wurde, konkretisieren sich die oben angeführten Argumente für die Mehrsprachigkeit. Neben diesen Argumenten bringt die interviewte Mutter jedoch auch andere, geradezu ‚philosophische‘ Vorstellungen über den Zweck der Mehrsprachigkeit ins Spiel, die zwischen den Formen des Sprechens und den sozialen Strukturen vermitteln und auch dadurch als Sprachideologien erkennbar werden: (16) A: und ich habe auch, (..) ich weiß nicht ob es überhaupt stimmt, (.) aber ich finde, (.) es gibt einen ganz wichtigen Grund auch was nicht mit der Struk‑ tur der Sprache zu tun hat; sondern eher philosophisch; (..) oder, (..) äh (..) menschlich, (..) für mich ist es ganz schön dass meine Kinder wissen, dass es mehr als eine richtige Antwort gibt, (.) dass man mehr, (..) in mehreren, (..) ja dass man mehreren, (.) äh (..) façon, (..) äh (..) ways, (..) äh (.) ja; (..) hat etwas auszudrücken. […] ich hoffe sie werden akzeptierender sein; (.) und toleranter, (.) dass, (..) ich weiß nicht ob das überhaupt stimmt, aber das ist wirklich für mich ganz wichtig.26 7. FAZIT Es zeigte sich, dass Sprachideologien in sprachbiographischen narrativen Interviews in Bezug auf Deutsch und andere Sprachen sowie in Bezug auf Einund Mehrsprachigkeit durchaus präsent sind, selbst wenn man sie nicht durch spezifische Strategien 25 Vgl. u.a. auch Zitate aus dem langen 19. Jahrundert in Nekula (2012). 26 Aufnahme von Lena -Marie Huttner, die sich auf eine in Genf lebende Familie bezieht und die für die Hausarbeit im Rahmen meines Hauptseminars „Sprachideologien und Sprachgebrauch“ im Wintersemester 2014/15 entstand. 79MAREK NEKULA bei der Interviewführung abruft. Sie rationalisieren nämlich Sprachprobleme und Sprachkonflikte und begründen ihre Lösungen beim einfachen und organisierten Sprachmanagement in der Familie, in Bildungseinrichtungen und im öffentlichen Raum in Bezug auf den Spracherwerb oder Spracherhalt bzw. den Nichterwerb oder Abbruch des Erwerbs. Die Argumente werden u. a. auch durch „extreme case formulations“ als allgemeingültig markiert und auch dadurch als Sprachideologien erkennbar. Das macht das vorhandene sprachbiographische Interviewmaterial in einem weiteren Forschungskontext nutzbar und interessant. Außerdem zeigte sich, wie scheinbar isolierte Sprachideologien im Plural im Rahmen einer Narration expliziert und zu einem System, einer Sprachideologie im Singular, verbunden werden können: in Bezug auf ihre Träger in Tschechien und Deutschland, die auf komplementäre Sprachideologien rekurrieren und vergleichbare Sprachregimes praktizieren. Die Vorstellungen über die Sprache sind in der Praxis eines solchen Sprachregimes nur implizit vorhanden, sie können aber etwa bei einem sprachbiographisch bedingten interkulturellen Konflikt von Sprachideologien auch explizit gemacht und durch eine Verknüpfung mit der Macht als Sprachideologie/n einer Interessengruppe, in diesem Falle der autochthonen sprachlichen „deutschen“ Majorität, erkennbar gemacht und hinterfragt werden. Schließlich spiegelt sich in den Interviews mit den tschechischen Migranten, die vor 1989 in Bayern geboren und/oder aufgewachsen sind, wie sprachlich prekär die Situation dieser zerstreuten allochthonen Minderheit war. Ohne eine direkte Rückbindung zum einstigen Heimatland hinter dem Eisernen Vorhang und– anders als die autochthone tschechische Minderheit in Österreich bzw. Wien– ohne jegliche institutionelle Förderung des Tschechischen in Deutschland, Bayern bzw. in der Region haben die tschechischen Migranten der Anderthalbgeneration ihre mitgebrachte oder Herkunftssprache weit weg von der Heimatlandbaseline erworben oder sie bzw. ihre jüngeren Geschwister im unterschiedlichen Ausmaß verloren. Ein Teil der Interviews mit den Studierenden mit tschechischem Migrationshintergrund, die mit ihren Eltern vor 1989 nach Deutschland emigriert sind oder dort geboren wurden, musste infolge des abrupten Sprachwechsels (language shift) innerhalb einer Generation auf Deutsch geführt werden. LITERATUR Achterberg, Jörn (2005): Zur Vitalität slavischer Idiome in Deutschland. Eine empirische Studie zum Sprachverhalten slavophoner Immigranten. München: Sagner. Anstatt, Tanja (2013): Polnisch als Herkunftssprache: Sprachspezifische Grammatische Kategorien bei bilingualen Jugendlichen.– In: Kempgen, Sebastianetal. (Hgg.), Deutsche Beitrage zum 15. 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