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Dialogisches Erinnern als Praxis? Krieg und Vertreibung im Online-Lexikon Wikipedia

Smyčka, Václav

Abstract

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Full text

Dialogisches Erinnern als Praxis? Krieg und Vertreibung im Online-Lexikon Wikipedia Václav Smyčka1 ABSTRACT Dialogical Remembrance as Practice? War and Expulsion in Online eEncyclopedia Wikipedia Following the theorists of “entangled” and “dialogical memory” (F. Krawatzek, G.Feindt, A.Assmann, M.Rothberg, etc.), the paper deals with the dialogical/monological character of collective remembrance in new digital media, such as the hypertext Wikipedia. It focuses on the negotiation of the representations of dramatic events of World War II, such as the Munich Agreement or the expulsion of Germans from Czechoslovakia that exceed the national frameworks of remembrance. KEYWORDS Entangled memory; memory culture; hypertext; Wikipedia; expulsion of Germans; World War II Seit einigen Jahren beobachtet man in der kulturund sozialwissenschaftlichen Gedächtnisforschung ein gesteigertes Interesse an der transkulturellen Dimension des kollektiven Erinnerns. Während die älteren Ansätze P.Noras und teilweise auch J.Assmanns überwiegend von der Einheit der Identität und des Gedächtnisses hervorgegangen sind, konzentriert man sich heutzutage eher auf die Verflechtungen (entangled memory)2 und Interferenzen der Erinnerungen (multi directional memory),3 die in pluralistischen Gesellschaften höchst aktuell sind. Die Verschiebung der Forschung in diese Richtung wird manchmal sogar als „dritte Welle“ der Gedächtnisforschung wahrgenommen.4 Im Mittelpunkt dieser Ansätze steht nicht mehr die Frage 1 Václav Smyčka, Institute of Czech Literature of Academy of Science CAS, Department for research of 19th century literature, Na Florenci 3/1420, Prague 110 00, Czech Republic, [email protected] 2 G.FEINDT— F.KAWATZEK— D.MEHLER et al., Entangled Memory: Toward aThird Wave in Memory Studies, in: History & Theory, Vol.53, No.1, 2014, pp.22–44.— Vorliegender Beitrag ist eine überarbeitete Fassung des Vortrags, der im Rahmen des Kolloquiums „Deutsch-tschechische/bayerisch-böhmische Erinnerungsorte“ auf der Grundlage einer „DAAD-Ostpartnerschaft“ zwischen den Universitäten Passau und Prag/Praha am 29.und 30.November 2013 in Passau gehalten wurde. 3 M.ROTHBERG, Multidirectional Memory: Remembering the Holocaust in the Age of Decolonisation, Stanford 2009. 4 FEINDT— KRAWATZEK— MEHLER, Entangled memory, S.22. 94 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 nach der Kollektivität und der transgenerationellen Vermittlung des Gedächtnisses, sondern die Frage nach dem Miteinandersein und der inneren Differenziertheit von latent konflikthaften Erinnerungen. Statt nach den „shared memories“ (A. Margalit) fragt man also immer mehr nach den „shareable memories“ (L. Passerini). Die zentrale Stellung in diesen Diskussionen kommt dem Modell des „dialogischen Erinnerns“ von Aleida Assmann zu. Assmann unterscheidet insgesamt vier Formen des Umgangs mit der gewaltbesetzten Geschichte: 1) das dialogische Vergessen, bei dem die Täter und ihre traumatisierten Opfer ihre Erfahrungen verschweigen; 2) das monumentalische Erinnern, das nie vergessen will; 3) das Erinnern, das zur kathartischen Lösung gesellschaftlicher Spannungen führen soll; 4) das dialogische Erinnern, bei dem Geschichtsnarrative unterschiedlicher sozialer Gruppen, u.a. Nationen, wechselseitig anerkannt werden.5 Das letzte Modell, das mich hier am meisten interessiert, bezeichnet die Situation, wenn zwei Staaten einseitig oder gegenseitig ihren eigenen Anteil an der traumatisierten Geschichte des anderen anerkennen und empathisch das selbst verursachte und zu verantwortende Leiden der anderen Nation ins eigene Gedächtnis mit einschließen.6 Dialogisch erinnern sich die Kollektive laut Assmann nur dann, wenn die Erinnerungen innerlich differenziert bleiben, wenn die Repräsentationen der Geschichte unterschiedliche Perspektiven in sich inkorporieren können, und wenn die Ereignisse in einem breiteren Kontext eingebettet werden, der sie überdacht. Diesen Zugang zur Gewaltgeschichte empfiehlt Assmann dem heutigen Europa. Das Modell des dialogischen Erinnerns unterscheidet sich so von den anderen dadurch, dass es nicht nur ein analytisches Modell, sondern auch eine zukunftsorientierte präskriptive Kategorie ist. Im Folgenden möchte ich die Frage stellen, inwieweit die Praxis der Kommunikation über die Vergangenheit den gegebenen Bedingungen entspricht und daher als „dialogisch“ bezeichnet werden kann. Im Gegensatz zu Assmann lasse ich die ethische Normativität des Modells bei Seite und versuche, den tatsächlichen Zustand der Dialogizität und ihrer Grenzen aufgrund des Modells in konkreten Diskursen festzustellen. Ich konzentriere mich nur auf einen Typ des Diskurses— das Online-Lexikon Wikipedia— und hier wiederum nur auf zwei konkrete Themenkomplexe— die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei und das Münchner Abkommen, die hier stellvertretend für die anderen Ereignisse der Kriegsund Nachkriegsgeschichte behandelt werden.7 Wikipedia als Bestandteil der allgemeinen Inter5 A.ASSMANN, Auf dem Weg zu einer europäischen Erinnerungskultur, Wien 2012; A.ASSMANN, Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur, München 2013, S.180–203. 6 ASSMANN, Das neue Unbehagen, S.196. 7 Konkret werden folgende Artikel analysiert: Das Münchner Abkommen, Die Sudetenkrise, Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, Tetschen, Kaaden (in der deutschen Version des Lexikons) und Mnichovská dohoda, Sudetští Němci, Vysídlení Němců zČeskoslovenska, Děčín, Kadaň (in der tschechischen Version des Lexikons), d.h. die entsprechenden Artikel. Ich konzentriere mich auf die meist diskutierten und problematisierten Haupttopoi der deutsch-tschechischen Geschichte des Zweiten Weltkriegs (Münchner Abkommen, Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei etc.) sowie auf einige ortsbezogene Artikel (Geschichte der in den Grenzgebieten liegenden Städte Tetschen und Kaaden). Die Geschichte der zwei Städte wurde als ein kontrastives Korrektiv zum gesamtnationalen historischen Rahmen gewählt. VáCLAV SMYčkA 95 net-Kommunikation erscheint als ideales Feld, auf dem die Praxis des dialogischen Erinnerns untersucht werden kann, da gerade Internet in den theoretischen Aufsätzen von Assmann, aber auch z.B. in der (Erinnerungs-)Novelle von Günter Grass Im Krebsgang, für ein Medium gehalten wird, in dem die Vergangenheitsdiskurse in einem bisher nie gegebenen Maße liberalisiert und demokratisiert werden. Internet existiert laut Assmann „jenseits gesellschaftlicher Institutionen und damit derzeit auch noch weitgehend jenseits der Instanzen der Autorisierung und Zensur“.8 Mit der spezifischen Form der Vergangenheitsdiskurse in Wikipedia kommt so auch die Frage nach der Rolle der neuen Medien in der Transformation des europäischen Gedächtnisses ins Spiel. VERHANDELN UND DIE FRAGE NACH DER INNEREN DIFFERENZIERUNG DER ERINNERUNGEN Die Artikel im Online-Lexikon Wikipedia entstehen aus dem Aushandeln Hunderter Autoren und Autorinnen. Die gegenwärtige Fassung des Artikels Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei besteht aus mehr als sechshundert Beiträgen von insgesamt zweihundertzwanzig Benutzern.9 An der Gestaltung der tschechischen Fassung des entsprechenden Artikels beteiligten sich zweihundertfünfzig Benutzer, die sogar mehr als eintausenddreihundert Editationen durchgeführt haben.10 Das partizipative Prinzip von Wikipedia, nach dem sich jeder Benutzer (sogar auch ein unangemeldeter) an den Editationen der Artikel beteiligen darf, ermöglicht eine enorme Liberalisierung der Äußerungsmöglichkeiten. Die Kommunikation, die zur Entstehung der Artikel führt, schein deshalb auf den ersten Blick äußerst innerlich differenziert zu sein, was Assmann für eine der Grundbedingungen des dialogischen Erinnerns hält. Wenn eine große Anzahl der Benutzer in die Gestaltung des Artikels eingreift, heißt es aber noch nicht, dass alle ihre Stimmen wirklich den aktuellen Text des Artikels beeinflussen. Untersucht man sämtliche Änderungen eines Artikels, die gespeichert und mit einer dazu bestimmten Funktion „Versionsgeschichte“ abgerufen werden können, stellt man fest, dass sich in den ständigen Konflikten, die die Gestaltung eines Artikels begleiten, nur einige Ansichten im Artikel erfolgreich durchgesetzt haben, während die anderen bald nach ihrer Publizierung gelöscht wurden. Das betrifft exemplarisch die Artikel über das Münchner Abkommen (Das Münchner Abkommen in der deutschen und Mnichovská dohoda in der tschechischen Version). Während sich die Gesamtdarstellung der Ereignisse des Sommers 1938 in Wikipedia auf den ersten Blick nur wenig im Laufe der Zeit änderte, wurden die einzelnen 8 A.ASSMANN, Der lange Schatten der Vergangenheit, München 2014, S.245. 9 Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, in: https://tools.wmflabs.org/ xtools-articleinfo/?wikilang=de&wikifam=.wikipedia.org&grouped=on&page=M%C3%BCnchner_Abkommen, [cit.2017-06-05]. 10 Vysídlení Němců zČeskoslovenska, in: https://tools.wmflabs.org/xtools-articleinfo/?article=Mnichovsk%C3%A1+dohoda&nofollowredir=on&project=cs.wikipedia.org, [cit.2017-06-05]. 96 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 Begriffe, Argumente und Schilderungen der Motivationen von den Akteuren, die die Ereignisse auslegen und deuten, immer wieder gewechselt, gelöscht und wieder zurückgesetzt. Die Konflikte beschränkten sich manchmal nur auf Streitigkeiten um feine Unterschiede fast synonymischer Ausdrücke, wie im Falle des Streits am 14.März 2006 um die Bezeichnung der Bevölkerung der tschechoslowakischen Grenzregionen als „Deutscher“ oder „deutschsprachiger Bevölkerung“ in der deutschen Version des Artikels.11 Oft geht es jedoch um komplexere Interpretationen der Ereignisse, die im Artikel gegeneinander stoßen. Nur einige Monate nach dem Streit um die Bezeichnung der Bewohner der Grenzregionen hat ein anonymer Benutzer, dessen IP-Adresse in Osnabrück angemeldet wurde, versucht, denselben Artikel gründlich umzugestalten. Während die bisherige Fassung des Artikels die Einwilligung Englands und Frankreichs mit dem Abkommen als Folge ihrer Befürchtung einer Aggression Hitlers erklärte, interpretierte der Osnabrücker Benutzer die Einwilligung als Anerkennung der Gebrechlichkeit des Versailler Systems als solches. Die ursprüngliche Formulierung: „Großbritannien und Frankreich sahen diesen Beschluss als notwendige Maßnahme, um einen Krieg zu verhindern […]“ ersetzte er mit der Behauptung: „Großbritannien und Frankreich zeigten Verständnis für den Wunsch der sudetendeutschen Bevölkerung und sahen diesen Beschluss daher auch als Teilrevision des Versailler Vertrages an […]“12. Konsequenter Weise hat er den Anschluss der Grenzgebiete als „Rückgewinnung“ der Gebiete umformuliert, denn das Abkommen sollte seiner Meinung nach nur den historischen Zustand aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wieder hergestellt haben.13 Trotz wiederholter Versuche anderer Benutzer, die revisionistische Interpretation der Münchner Verhandlungen wieder zu ändern, ist es dem Osnabrücker Wikipedisten gelungen, seine Version im Artikel dank wiederholter Eingriffe für mehrere Jahre aufrechtzuhalten. Dass die Krise des Jahres 1938 immer noch zum Brennpunkt unterschiedlicher Interpretationen werden kann, bezeugt auch der Konflikt zwischen den Benutzern Benatrevqre und Steinundbaum im Mai 2017, wieder in demselben Artikel Das Münchner Abkommen der deutschen Version von Wikipedia. Während der erste Benutzer die Formulierung: „,Sudetenkrise‘ war die Auseinandersetzung zwischen der Tschechoslowakei und dem Deutschen Reich um das Sudetenland im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs“ im Artikel aufrechterhalten wollte, kritisierte der andere die Verschleierung der tatsächlichen Asymmetrie unter den beiden Staaten. Er ersetzte daher die genannte Formulierung durch den folgenden Satz: „Die ,Sudetenkrise‘ war ein vom Deutschen Reich provozierter Konflikt mit der Tschechoslowakei um deren überwiegend von Deutschen bewohnte Randgebiete (Sudetenland genannt) im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs.“14 Doch sein Versuch den Artikel mitzugestalten, ist gescheitert, da die 11 Das Münchner Abkommen, in: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=M%C3%BCnchner_Abkommen&type=revision&diff=14650984&oldid=14650800, [cit.2017-06-01]. 12 Das Münchner Abkommen, in: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=M%C3%BCnchner_Abkommen&type=revision&diff=22385706&oldid=22057029, [cit.2017-06-01]. 13 Ebenda. 14 Die Sudetenkrise, in: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Sudetenkrise&type=revision&diff=165572561&oldid=164794671, [cit.2017-06-01]. VáCLAV SMYčkA 97 erstgenannte Version des Artikels schon am nächsten Tag von Benatrevqre wieder zurückgesetzt wurde.15 Nicht weniger dramatisch ist die Situation in den Artikeln, die sich mit der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei beschäftigen, d.h. im deutschen Artikel Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, und in dem tschechischen Artikel Vysídlení Němců zČeskoslovenska (Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei). Als Beispiel eines üblichen Streites sei hier ein Konflikt vom März 2017 zwischen einem anonymen Benutzer, dessen IP-Adresse in Kreuztal in Nordrhein-Westfalen angemeldet wurde, und dem Benutzer Horst Gräbner in der deutschen Version des Artikels genannt. Der Benutzer aus Kreuztal hat dem bestehenden Satz „Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei […] betraf bis zu drei Millionen Deutsche aus der Tschechoslowakei in den Jahren 1945 und 1946“ die Formulierung „Sie war völlig legitim, da die deutschen ja auch Juden misshandelt hatten“ hinzugefügt und dabei das Wort „Deutsche“ durch „Sudetendeutsche“ ersetzt.16 Sein Versuch, die Form des Artikels mitzubestimmen, dauerte jedoch nicht lange, da schon eine Minute später seine Formulierung vom Benutzer Horst Gräber gelöscht wurde. Die Meinung, dass die „Sudetendeutschen“ selbst wegen des Anteils an den nazistischen Verbrechen an ihrer Vertreibung verantwortlich sind, wurde also von der Kommunität der anderen Wikipedisten nicht anerkannt und blieb unerhört. Die Streitigkeiten über eine bestimmte Formulierung können manchmal sogar mehrere Wochen andauern. Im deutschen Artikel zur böhmischen Stadt Děčín (Tetschen) setzten sich die Auseinandersetzungen um einen Satz sogar einen ganzen Monat, nämlich vom 24.März bis zum 20.April 2006, fort. Es handelte sich dabei darum, ob nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Stadt „fast alle Deutsche“, oder „die Deutschen, die sich nicht gegen die Besetzung der Tschechoslowakei ausgesprochen haben,“ vertrieben wurden.17 Erst nach zahlreichen Änderungen hat die ursprüngliche (erstgenannte) Version „gewonnen“, d.h. ist im Text an der Stelle der zweiten Option geblieben. Ein dauerhafter Streit wird im Artikel auch über die Zulässigkeit und Unzulässigkeit der Quellen geführt, auf die die Editoren hinweisen, und mit denen sie ihre Änderungen belegen sollen. V.a. die Publikationen von rechtsextremen sudetendeutschen Historikern wie Herrmann Raschhofer, der den Anschluss der Sudetenländer ans Deutsche Reich rechtfertigt, oder von Felix Ermacora und Alfred de Zayas, die die Vertreibung der Deutschen aus völkerrechtlicher Perspektive als einen Genozid bezeichnen, tauchen in der Literaturliste oft auf und werden wieder entfernt oder zumindest kritisch kommentiert.18 15 Die Sudetenkrise, in: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Sudetenkrise&type=revision&diff=165628618&oldid=165572561, [cit.2017-06-01]. 16 Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, in: https://de.wikipedia.org/w/index. php?title=Vertreibung_der_Deutschen_aus_der_Tschechoslowakei&type=revision&diff= 162367483&oldid=162287034, [cit.2017-06-01]. 17 Tetschen, in: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=D%C4%9B%C4%8D%C3%ADn&- dir=prev&offset=20050811173818&action=history, [cit.2017-06-01]. 18 Die Sudetenkrise, in: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Sudetenkrise&type=revision&diff=128015656&oldid=127988554 https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=M%C3%BCnchner_Abkommen&type=revision&diff=127967417&oldid=127967115, [cit.2017-06-01]. 98 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 Die letztgenannten Titel werden zum Objekt der Streitigkeiten auch in der tschechischen Version des Artikels Vysídlení Němců zČeskoslovenska (Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei), wo der Druck auf ihre Entfernung aus dem Text noch deutlicher ist. So wie in der deutschen Version, rufen die Versuche, weitere Titel der Literaturliste hinzufügen, eine ablehnende Reaktion hervor, ähnlich wie im Falle des langen Streites zwischen dem Benutzer PB 0305 und anderen Wikipedisten im September und Oktober 2009, bei dem es um die Frage der Rechtswidrigkeit und des genozidalen Charakters der Vertreibung ging.19 Kämpfe, in die mehrere Benutzer involviert werden, können dann manchmal sogar zur Sperrung des Artikels führen, was in dem tschechischen Artikel Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei im September und Oktober 2012 passierte. Im Artikel wurden wegen der zu heftigen Streitigkeiten alle Veränderungen für zwei Monate verhindert.20 Die Aufzählung der Konflikte, zu denen es täglich in Wikipedia kommt, könnte sicher beliebig erweitert werden. Es ist also klar, dass die Meinungen, die hier geäußert werden, innerlich höchst differenziert sind und damit die erste Bedingung des dialogischen Erinnerns nach Assmann erfüllen. Es ist bemerkenswert, dass diese Differenzierung nicht unter den Mitgliedern unterschiedlicher nationaler Traditionen, sondern innerhalb der gleichen Gesellschaften entsteht. Aufgrund der Informationen aus den Seiten der Benutzer und v.a. anhand der IP-Adressen kann man feststellen, dass die absolute Mehrheit der Streitigkeiten, samt denen, die ich oben vorgestellt habe, nicht zwischen Tschechen und Deutschen geführt wird, sondern entweder nur unter den Deutschen oder nur unter den Tschechen stattfindet. Die Fälle, bei denen ein tschechischer Benutzer in der deutschen Version oder umgekehrt ein Deutscher in der tschechischen Version seine nationale Perspektive durchsetzen möchte, kommen— mit Ausnahme der englischen Mutation des Artikels— höchst selten vor. Stattdessen sind die radikalen Kritiker der Vertreibung, sowie diejenigen, die sie legitimieren, auf beiden Seiten vertreten. DER TEXT UND DER PERSPEKTIVENWECHSEL So deutlich sich die innere Differenziertheit der Ansichten demonstriert, so fragwürdig ist es jedoch, ob es dabei auch zu einem dialogischen Perspektivenwechsel kommt, der von Assmann als die zweite Bedingung des dialogischen Erinnerns angesehen wird. Die innere Differenzierung der im Hintergrund des Artikels verhandelten Meinungen zeichnet sich im eigentlichen Text kaum ab, da die unterschiedlichen Meinungen meistens übereinander geschrieben, d.h. immer wieder gelöscht werden und weiterhin beim Einbauen in den Text nicht markiert und auch nicht im Text in ihrer Differenz reflektiert werden. Anstatt mit einem Geflecht der wechselnden Per19 Vysídlení Němců zČeskoslovenska, in: https://cs.wikipedia.org/w/index.php?title=Vys%C3% ADdlen%C3%AD_N%C4%9Bmc%C5%AF_z_%C4%8Ceskoslovenska&type=revi sion&diff= 4451121&oldid=4358887, [cit.2017-06-01]. 20 Vysídlení Němců zČeskoslovenska, in: https://cs.wikipedia.org/w/index.php?title=Vys%C3% ADdlen%C3%AD_N%C4%9Bmc%C5%AF_z_%C4%8Ceskoslovenska&type=revi sion&diff= 8938218&oldid=8938204, [cit.2017-06-01]. VáCLAV SMYčkA 99 spektiven hat man es hier eher mit einem Palimpsest der übereinander geschichteten Aussagen zu tun. Der Grund dafür liegt darin, dass die eigentliche Textgattung Lexikon-Artikel trotz allen Innovationen des partizipativen Prinzips von Wikipedia immer noch auf dem grundsätzlich monologischen (also geschlossenen) Ordnungsprinzip der alten Summa beruht. Nicht nur die durch die partizipative Infrastruktur bedingte Offenheit, sondern auch die traditionelle Geschlossenheit der Textgattung mit ihrem architextuellen Ordnungsprinzip eines eindeutigen und umfassenden Wissensbestandes bestimmt die Kommunikation im Medium. Statt die Differenzierung der Ansichten in die Form des Artikels hineinzunehmen und hier entsprechend zu markieren, impliziert die traditionelle enzyklopädische Form des Textes immer noch die unwandelbare Festigkeit des Wissens, die die eigentliche Pluralität der Ansichten verschweigt. Die innere Differenziertheit der Meinungen demonstriert sich auf der Oberfläche des Artikels nur dort, wo die Meinungen explizit markiert und als solche in den Text inkorporiert werden. So wird z.B. in die Einleitung des Artikels Das Münchner Abkommen eine kurze Bemerkung eingeführt, dass es „aus tschechischer Sicht teilweise als ,Münchner Diktat‘ bezeichnet“ wird, womit gleich am Anfang des Artikels die unterschiedlichen Interpretationen des Ereignisses angedeutet werden.21 Eine umfangreichere Markierung der Spaltung von Deutungen entwickelte sich im Laufe der immer stärkeren Streitigkeiten seit 2009 im tschechischen und später auch im deutschen Artikel über die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei. In Folge der Differenzierung der Meinungen entstanden in den Artikeln zwei Unterkapitel, in denen einerseits die „tschechischen Argumente für die Vertreibung“, und andererseits die „deutschen Argumente gegen die Vertreibung“ (bzw. im deutschen Artikel umgekehrt) gesammelt wurden.22 Im tschechischen Artikel dauerte dieser Zustand nur bis Sommer 2012, als die heftigen Streitigkeiten und andauernden Sperrungen des Artikels seine gründliche Rekonstruktion hervorgerufen haben, bei der die Verdoppelung aufgelöst wurde. Im deutschen Artikel blieb die Verdoppelung der Perspektiven in den zwei Unterkapiteln teilweise bis heute beibehalten. Es ist jedoch fragwürdig, ob man es in diesen Fällen mit einem Perspektivenwechsel, den Assmann als eine der Grundbedingungen des dialogischen Erinnerns bezeichnet, zu tun hat. Die in den Artikeln präsentierte Position „der Anderen“ stellt nämlich nicht wirklich die im Grunde durchaus gespaltenen Positionen der „Anderen“, sondern meistens nur einen Heterostereotyp dar. Es ist charakteristisch, dass die Positionen im tschechischen sowie im deutschen Artikel als eindeutig nationale Positionen der „Tschechen“ und der „Deutschen“ vorgestellt wurden, was der tatsächlichen Differenziertheit der Meinungen widerspricht. Die innere Differenzierung der jeweiligen „anderen“ Position wird daher ignoriert. Auch die in den Artikeln eingenommene Perspektive der „Anderen“ kann also nicht wirklich als Perspektivenwechsel wahrgenommen werden, sondern nur als eine Bestätigung eigener (ebenso wenig in ihrer Differenziertheit reflektierten) Position. 21 Das Münchner Abkommen, in: https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnchner_Abkommen, [cit.2017-06-01]. 22 Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, in: https://de.wikipedia.org/wiki/ Vertreibung_der_Deutschen_aus_der_Tschechoslowakei, [cit.2017-06-01]. 100 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 Die spezifische Medialität des Wikiedia-Lexikons bietet aber dennoch eine Form des Austausches an, die die klassischen Lexika nicht anbieten können. Die Liberalisierung der Nutzungsrechte,23 die sich auf die Artikel beziehen, ermöglicht eine rege Übersetzungspraxis unter den Artikeln unterschiedlicher Sprachmutationen. Im Gegensatz zu den anderen Lexika, wird in Wikipedia aus der einen Sprachmutation in die andere massiv übersetzt. Manchmal gehen ganze Abschnitte aus dem einen Artikel einer Sprachmutation in den entsprechenden Artikel der anderen Mutation über und werden hier als normale Beiträge in den Text inkorporiert (oder wieder gelöscht). So ist schon die erste Fassung des deutschen Artikels Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei als eine freie Übersetzung des damaligen entsprechenden Artikels in der tschechischen Version entstanden.24 Umgekehrt wurde z.B. der Absatz über den Konflikt der Demonstrierenden mit der tschechischen Polizei am 19.April 1919 in Kaaden/Kadaň im Artikel Die Geschichte der Tschechoslowakei aus dem deutschen in den tschechischen Artikel übertragen.25 Letztlich kann auch die Spaltung des Artikels Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei in die Unterkapitel „für“ und „gegen die Vertreibung“ als eine Paraphrase der älteren tschechischen Fassung gehalten werden. Auch in diesem Fall ist es jedoch fragwürdig, ob die Übersetzungspraxis als eine Form des dialogischen Erinnerns bezeichnet werden kann. Die Passagen, die übersetzt werden, werden nicht als solche im neuen Text markiert und werden weiterhin— da sich keine Urheberrechte und traditionelle Modelle der Autorschaft auf sie beziehen— dem neuen Kontext angepasst. Für die Übersetzungen gilt ähnlich wie auch für die originalen Aussagen in den Artikeln, dass sie weiter umformuliert und selektiert, wenn nicht ganz gelöscht werden, sodass der befremdende Effekt entsteht, und ein Wechsel der Perspektiven dabei wiederum aufgelöst werden kann. Es ist daher nicht überraschend, dass die Artikel trotz der übersetzten Passagen und den wenigen markierten Spannungen der Meinungen immer noch einer dominanten und im Grunde wenig dialogischen nationalen Perspektive verhaftet bleiben. Der Text der Artikel wird trotz der geschilderten inneren Differenziertheit durch relativ feste nationale Rahmen bestimmt, die von den Benutzern meistens nicht hinterfragt werden. Auch wenn der tschechische sowie der deutsche Text des Artikels über die „Vertreibung“, resp.„Aussiedlung“, die ähnliche Ereignisse beschreiben, dieselben Gewaltverbrechen erwähnen, die Anzahl der Opfer und die Abfolge der Ereignisse angeben, bleiben die beiden Artikel doch grundsätzlich unterschiedlich. Der deutsche Artikel unterscheidet sich schon seit der frühen Phase der Entwicklung vom tschechischen Artikel darin, wie viel Raum der langen Vorgeschichte der Vertreibung gewidmet wird. Ein weiterer Unterschied liegt in der Darstellung der kon23 Creative commons, in: https://de.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons, [cit.2017-06-01]. 24 Vgl. die folgenden Versionen: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Vertreibung_ der_Deutschen_aus_der_Tschechoslowakei&oldid=16374307; https://cs.wikipedia.org/- w/index.php?title=Vys%C3%ADdlen%C3%AD_N%C4%9Bmc%C5%AF_z_%C4%8Cesko slovenska&oldid=483166, [cit.2017-06-01]. 25 Vgl. die folgenden Versionen: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kada%C5%88&- oldid=24665944; https://cs.wikipedia.org/wiki/Kada%C5%88, [cit.2017-06-01]. VáCLAV SMYčkA 101 kreten Akteure, die für die Vertreibungen verantwortlich gemacht werden. Während der deutsche Artikel in einem selbständigen Kapitel die Vorgeschichte der nationalistischen Antagonismen der Tschechen und der Deutschen schon im 19.Jahrhundert behandelt und hier auch den Anfang der Geschichte setzt, fängt der tschechische Artikel und die hier präsentierte Version der Geschichte erst mit dem Zweiten Weltkrieg an. Im tschechischen Artikel und in den hier abgelaufenen Diskussionen wird weiterhin viel mehr Aufmerksamkeit der Frage der Verantwortlichkeit der einzelnen Akteure und der Frage der zentralen Leitung der Vertreibung geschenkt. V.a. die offene Frage der (im deutschen Artikel nicht wirklich hinterfragten) Spontaneität der Massenverbrechen, resp.ihrer zentralen Steuerung seitens der Staatsbehörden oder der sowjetischen Geheimdienste, sowie das Ausmaß der internationalen Unterstützung der Vertreibung werden unterschiedlich beantwortet. Ebenso werden auch die Artikel Münchner Abkommen und Mnichovská dohoda von einem relativ stabilen Rahmen geprägt, der für die jeweilige Sprachversion charakteristisch ist. In der deutschen Fassung des Artikels stoßen zwei große Narrative zusammen, die die Beweggründe der Einwilligung Frankreichs und Englands mit dem Abkommen unterschiedlich erklären. Während das eine Narrativ die Einwilligung als einen Bestandteil der Appeasement-Politik erklärt und mit der Angst vor der Aggression Hitlers motiviert, interpretiert sie das andere Narrativ als ein tatsächliches Einverständnis Frankreichs und Englands mit den Anforderungen der Sudetendeutschen, denen bei der Gründung der Tschechoslowakei das Selbstbestimmungsrecht nicht zugestanden wurde (siehe z.B. den oben beschriebenen Konflikt vom Herbst 2006). Dabei wird das Münchner Abkommen als eine Revision und Rückkehr zur ursprünglichen Situation vor den Pariser Verträgen dargestellt, wobei auch die Frage nach der Gefahr einer sowjetischen Einmischung in die Sudetenkrise erwähnt wird. In beiden Fällen steht im Zentrum des Artikels die Frage nach der Legitimität, resp.Illegitimität, des Abkommens. Im Gegensatz dazu wird das Abkommen in der tschechischen Version überhaupt nicht als Rückkehr zu einem ehemaligen Zustand und Einverständnis mit den nachvollziehbaren Wünschen der Sudetendeutschen erklärt, sondern nur im Rahmen der Fehlerhaftigkeit der Appeasement-Politik gedeutet. Einige Aspekte, wie die Frage nach den potentiellen Machtansprüchen der Sowjetunion oder die Einstellung Hitlers zum Ergebnis des Abkommens, werden überhaupt nicht thematisiert. Stattdessen steht hier im Zentrum die tragische Verkettung der Ereignisse, die zum Abkommen geführt hat, und die Problematik des gescheiterten Systems der bilateralen Verträge der Zwischenkriegszeit, die die Sicherheit der Republik garantieren sollten, sowie die Verhandlungen Beneš’ kurz vor dem Abkommen. Ebenso wichtig scheint hier die Frage der heutigen Einstellung Deutschlands, Englands und Frankreichs zum Abkommen. Schließlich legt auch der etwa doppelte Umfang des tschechischen Artikels im Vergleich zum deutschen Zeugnis davon ab, dass der Darstellung eine zentrale Stellung im nationalen Opfer-Narrativ zukommt, während sie im deutschen Geschichtsbewusstsein keine feste Stellung hat. Trotz der enormen Differenziertheit der Ansichten einzelner Wikipedisten bleibt der unterschiedliche Rahmen der nationalen Kontexte beibehalten. Diese Unterschiede der Artikel stützen sich offensichtlich auf selbstverständliche Voraussetzungen der jeweiligen Gruppen der Benutzer, über die nicht mehr in den Diskussionen und Streitigkeiten entschieden wird.