Ottokar II. redivivus: Der Přemyslidenfürst in Wissenschaft, Kunst und Medien
Abstract
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Full text
OttokarII. redivivus: Der Přemyslidenfürst in Wissenschaft, Kunst und Medien Veronika Opletalová– Palacký ‑Universität Olomouc Vom 5. bis 7. September 2018 fand an der Philosophischen Fakultät der Palacky -Universität in Olmütz eine interdisziplinäre Konferenz mit dem Titel OttokarII. redivivus statt, an der Philologen und Historiker aus Tschechien, Deutschland und Österreich über den historischen Nachlass und das Bild von Přemysl OttokarII. in diversen Medien diskutierten. Die Konferenzsprachen waren Deutsch und Englisch. Die Veranstaltung, welche 740 Jahre nach dem Tod des Herrschers stattfand, wurde vom Olmützer Lehrstuhl für Germanistik organisiert. Sie knüpfte lose an frühere mediävistische Tagungen (etwa Deutsche Literatur und Sprache im Donauram, 2005) und wissenschaftliche Projekte des Gastgeber -Instituts an.1 Die gewählte Thematik bot zugleich Anknüpfungspunkte an die Forschung zur deutschmährischen Literatur, die ebenfalls zum Forschungsprofil des Instituts gehört. Der Eröffnungsvortrag von Robert Antonín (Ostrava) beschrieb das Bild eines idealen Herrschers im mittelalterlichen Europa. Diskutiert wurde beispielsweise, inwieweit die Kardinaltugenden die Verhaltensregeln im Königshaus bestimmten. Der Redner zeigte, wie OttokarII. auf das Ideal des christlichen Herrschers reagierte und sein eigenes offizielles Bild schaffen ließ. In diesem Zusammenhang wurde etwa seine Darstellung in ausgewählten zeitgenössischen Chroniken besprochen. Auch in den Vorträgen von Vlastimil Brom (Brünn) und Anna Košátková (Prag) wurde das Bild von OttokarII. in den mittelalterlichen Chroniken thematisiert. Brom widmete sich der Tutsch kronik von Behem lant, der gereimten deutschen Fassung der alttschechischen Dalimil -Chronik. Nach kurzer Vorstellung der Überlieferung identifizierte der Redner die Übersetzungsstrategien von den deutschfeindlichen Stellen im tschechischen Original, zum Beispiel die Neutralisierung. Diese Strategie betraf auch die Darstellung von OttokarII. in der Reim -Übersetzung: Auch hier fanden sich deutschfeindliche Stellen, die in der deutschen Übersetzung weitgehend neutralisiert wurden. Weiterhin wurden die gegenüber dem Original erweiterte Stellen besprochen und deren mögliche Inspirationsquellen. Brom deutete darauf hin, dass gerade die Passagen über OttokarII. interessante Texterweiterungen enthielten. Anna Košátková widmete sich zwei mittelhochdeutschen Chroniken: der Steirischen Reimchronik Ottokars, die um 1290 in Steiermark entstanden ist, und der Österreichischen Chronik von den 95 Herrschaften, die etwa 100 Jahre später in Wien verfasst wurde. Letztere wurde in Prosa gehalten und hatte eine vorwiegend informative Funktion. Die Rednerin besprach Unterschiede im Inhalt, Sprachform und narrativer Strategie beider Werke. Besondere Aufmerksamkeit schenkte sie dem III. Buch der Österreichischen Chronik und den 1 Zur Übersicht über die mediävistische Forschung und Lehre an der Olmützer Germanistik siehe Solomon, Kristýna (2017): Mauern, Brücken und Orchideen.– In: Kasten, Ingrid/Auteri, Laura. (Hgg.), Transkulturalität und Translation. Deutsche Literatur des Mittelalters im europäischen Kontext. Berlin, Boston: de Gruyter, 238–240.
108 BRÜCKEN 27/2 darin enthaltenen Passagen über OttokarII. In diesem Zusammenhang behandelte sie die Frage, ob und inwiefern die früher entstandene Steirische Reimchronik als Inspirationsquelle für die Österreichische Chronik dienen konnte. Dorothea Klein (Würzburg) widmete sich in ihrem Beitrag mit dem Titel „Herrscherlob, Fürstenmahnung und Totenklage“ der Sangspruchdichtung über König OttokarII. Sie verwies darauf, dass nur wenige behandelte Sangsprüche eindeutig lobend waren– so fand sich etwa in der Strophe von Friedrich von Sonnenburg eine triumphale Liste von Siegen des Königs, die für sich sprachen. Die meisten behandelten Strophen oszillierten zwischen Lob und Kritik. Thematisiert wurde darin etwa das Idealbild eines Herrschers: So bildete eines der Motive das Glücksrad als Bild des Herrschers, der den glücklichen Moment zu etwas Stabilem macht. In der darauffolgenden Diskussion wurde die Sangspruchdichtung mit der barocken Panegyrik verglichen. Das Bild eines idealen Herrschers wurde auch im Vortrag von Kristýna Solomon (Olmütz) im Zusammenhang mit dem Alexander -Stoff thematisiert. Solomon beschäftigte sich mit der Rezeption des Stoffes in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts in Böhmen und konzentrierte sich dabei auf zwei Texte Ulrichs von Etzenbach: den Alexander -Roman und den sog. Alexander -Anhang. Alexander der Große diente in den beiden Werken als Identifikationsfigur des Auftraggebers Přemysl OttokarII. Die Rednerin verwies dabei darauf, dass der Alexander -Roman die Macht Ottokars legitimieren sollte. Mehrere Vorträge wurden dem Ottokar -Stoff in der neueren deutschen Literatur gewidmet. Markéta Hynešová (Olmütz) besprach das negative Bild von OttokarII. in Anton Kleins Trauerspiel Kaiser Rudolf von Habsburg (1878). Ottokar wird im genannten Stück als eitler und selbstverliebter absolutistischer Herrscher dem aufgeklärten Kaiser Rudolf gegenübergestellt, der in jeder Sicht positiv abgebildet wird. Daher symbolisierte Ottokar, wie die Rednerin betonte, die Vergangenheit, während Rudolf das Humanitätsideal der Aufklärung repräsentierte. Auch Václava Kofránková (Prag) thematisierte in ihrem breit angelegten Beitrag das Verhältnis zwischen Ottokar und Rudolf und besprach die Darstellung von beiden in der Historiographie, Literatur sowie der bildenden Kunst. Jörg Krappmann (Olmütz) widmete sich Ottokars Bild in den deutschsprachigen historischen Romanen des 19. Jahrhunderts. Er besprach mehrere Werke, die die Zeitspanne zwischen 1830 und 1897 abdeckten. Dabei wurde gefragt, inwieweit sich die Darstellung OttokarsII. wandelte. Auch in Krappmanns Vortrag kam das Verhältnis zwischen Ottokar und Rudolf zur Sprache. Barbara Hoiß (Stams/Innsbruck) bot in ihrem Beitrag mit dem Titel „König Ottokars Zepter“ eine literarische Wanderung durch unterschiedliche Epochen und Textsorten. Durch die Themenwahl spielte sie auf die komplizierte Geschichte eines Zepters der Olmützer Universität an, welches in den 1870er Jahren nach Innsbruck gelangte. In ihrem Vortrag stellte Hoiß das Zepter als Symbol der Macht und Stärke der Demut gegenüber und im Hinblick auf beide Aspekte diskutierte sie das Bild von Ottokar II in mehreren literarischen Werken, besondere Aufmerksamkeit widmete sie Grillparzers König Ottokars Glück und Ende sowie Claudio Magris’ Donau. Den Vortrag rundete sie mit einem Comic -Exkurs ab: Sie analysierte die Episode „König Ottokars Zepter“ des berühmten Comics Tim und Struppi, die der belgische Zeichner Hergé Ende der 1930er Jahre schuf. Erkan Osmanovic (Brünn) widmete sich näher Grillparzers Stück König Ottokars Glück und Ende und besprach dessen Inszenierung
109VERONIKA OPLETALOVÁ durch Martin Kušej, die im Jahre 2005, also 180 Jahre nach der Erscheinung des Dramas, zur Aufführung kam. Osmanovic wertete Kušejs Inszenierung als eine dramatische Rehabilitierung Ottokars. Sogar die Belletristik des 21. Jahrhunderts kam im Zusammenhang mit der Figur OttokarsII. zur Sprache. Milan Horňáček (Olmütz) widmete sich der Darstellung OttokarsII. und des mittelalterlichen Böhmens in Laurent Binets Roman HHhH (2010). Das Akronym geht auf den Spruch „Himmlers Hirnheißt Heydrich“ zurück, der Göring zugeschrieben wurde. Das Thema des Romans ist die Operation Anthropoid, dessen Ergebnis das Attentat auf den Reichsprotektor Reinhard Heydrich war. Später wird die Handlung (etwas unmotiviert) ins 13. Jahrhundert nach Kuttenberg versetzt. Diese Zeit– insbesondere die Regierungsperiode OttokarsII.– wird als Ursprungsszene von deutsch -tschechischen Konflikten betrachtet, die später in Form des Attentats auf Heydrich kulminieren sollten. Diese Interpretation der Geschichte kommt im Roman explizit vor, denn die Schilderung der Handlung wird um viele Autorenkommentare ergänzt. Horňáček verwies darauf, dass durch diese Kommentare die Konventionen des historischen Romans verfremdet wurden. Aus diesem Grund sah er Binets Text als einen metahistorischen Roman an. Aufmerksamkeit wurde auch einflussreichen Adeligen geschenkt, deren Verhältnis zu OttokarII. diskutiert wurde: Smil von Lichtenburg, Záviš von Falkenstein und Milota. Ersterem wurde der geschichtswissenschaftliche Beitrag von Tomáš Somer (Olmütz) gewidmet, den beiden letzteren der Beitrag von Ladislav Futtera (Prag). Futtera verglich die Rolle von Záviš und Milota in den deutschen, deutschböhmischen, österreichischen und tschechischen literarischen Werken der Vormärzzeit. Anhand von Beispielen diskutierte er, warum Milota in mehreren tschechischen Werken die Rolle des Hauptverräters spielte. Wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, präsentierten die Vorträge auf Olmützer Tagung eine breite Palette von Darstellungen des Königs und seines Hofs in verschiedenen Textsorten vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Die lebhaften Diskussionen ermöglichten einen Vergleich der Sichtweisen auf OttokarII. im deutschund tschechischsprachigen Kulturraum und auch darüber hinaus.