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Peter Filkins: H. G. Adler: A Life in Many Worlds. New York: Oxford University Press, 2019, 403 Seiten.

Zbytovský, Štěpán

Abstract

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Full text

167REZENSIONEN Peter Filkins: H. G. Adler: ALife in Many Worlds. New York: Oxford University Press, 2019, 403 Seiten. Štěpán Zbytovský– Kurt Krolop Forschungsstelle für deutschböhmische Literatur Anlässlich der Verleihung des Schweizer Charles -Veillon -Preises für seinen Roman Pa‑ norama (entst. 1948, veröffentlicht 1968) stilisierte sich Hans Günther Adler (1910–1988) als „der erfolgloseste, unbekannteste und verkannteste deutschsprachige Autor von einiger Begabung“ (Kölner Stadt ‑Anzeiger, 28.05.1969, S. 8). Gemessen an Forschungspublikationen der letzten Jahre scheinen Voraussetzungen dafür gegeben zu sein, dass sein Unbekannt -Sein mindestens historiographisch definitiv behoben wird. Ein halbes Jahr nach dem dreißigjährigen Todestag des Schriftstellers, Zeitzeugen und Schoah -Forschers, der bis heute vor allem dank des dreibändigen Standardwerks Theresienstadt 1941–1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft (1955) bekannt ist, wurde eine umfassende Monographie zu seinem Leben und Werk aus der Feder von Peter Filkins veröffentlicht. Zehn Jahre davor, kurz vor Adlers hundertstem Geburtstag, ist ein nicht weniger voluminöses Buch von Franz Hocheneder H. G. Adler (1910–1988). Pri‑ vatgelehrter und freier Schriftsteller (2009) erschienen, inzwischen publizierte Thomas Krämer eine weitere Dissertation Die Poetik des Gedenkens: zu den autobiographischen Romanen H. G. Adlers (2012), Jeremy Adler brachte nebst mehreren Einzelstudien zwei Buchpublikationen heraus (Sammelband Literatur und Anthropologie: H. G. Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner in London, 2014; Buchessay Das bittere Brot: H. G. Adler, Elias Canetti und Franz Baermann Steiner im Londoner Exil, 2015) und nicht zuletzt wurde ein Teil des brücken -Jahrbuchs 2011 dem Themenschwerpunkt H. G. Adler gewidmet. Angesichts der Gattung und des thematischen Fokusses bietet sich v.a. Hocheneders Buch zum Vergleich mit Filkins’ Arbeit. Erkennbar ist Peter Filkins als Poet und Übersetzer der literarischen Werke Adlers ins Englische (die Romane Panorama, Eine Reise, Die unsichtbare Wand) bereits an der Rolle, die er dem literarischen Schaffen Adlers beimisst. Es wird nicht nur fokussierten Auseinandersetzungen unterzogen wie im Kapitel „The Writer“ (S. 237–261), sondern auch engstens in die biographisch -historische Schilderung eingeflochten. Und selbst die Komposition des Buchs folgt gleichsam dem Schema eines Bildungsromans. Am Anfang steht „The Lecture“ (S. 1–8) als Exposé von Adlers lebenslanger Beschäftigung mit ‚geistigen Gütern‘. Filkins steigt in die Lebensdarstellung Adlers über Kafka ein, bzw. über die kafkabezogenen Lektürenotate, die während Adlers Inhaftierung in Theresienstadt entstanden sind. Damit sind vorausweisend wichtige Aspekte von Adlers Leben, Lesen und Schaffen gebündelt: seine Zugehörigkeit (nicht nur, aber auch) zum Prager literarischen Milieu, die ‚Ghetto‘-Haft als lebenslanges Thema und die rezeptiv -produktive Auseinandersetzung mit Texten als der Weg seiner Selbstfindung und seines Selbstausdrucks. Es folgen Kapitel, in denen historische Gegebenheiten und Lebensumstände Adlers im Vordergrund stehen– die Prager Jugend mit Zwischenstationen in Deutsch Beneschau, Dresden und Mährisch Trübau („The Exile“, „The Wanderers“; 9–44); detailreich werden seine Promotionszeit und die Einflechtung in die (nicht 168 BRÜCKEN 29/2 nur) Prager intellektuellen Netzwerke, seine Tätigkeit für den Volksbildungsverein Urania und die Zuwendung zum Judaismus behandelt („The Cataclysm“, „The Flight“; 45–84). Der größte Raum wird den Erfahrungen im ‚Ghetto‘ Theresienstadt („The Railroad“, „The Ghetto“; 85–126) und weiteren Konzentrationslagern Auschwitz, Niederorschel und Langenstein -Zwieberge gewidmet, die v.a. durch die wertende Optik des Theresienstadt -Buchs beleuchtet werden („The Resistance“, „One Thousand Paces“, „The Letter Writers“, „The Escape“; 127–212). Immer wieder wird dabei– keineswegs simplifizierend– Adlers Zuwendung zum jüdischen Glauben (unter dem maßgeblichen Einfluss von Leo Baeck) als der Weg zur Schärfung allgemeinmenschlicher Werte wie Freiheit oder Nächstenliebe unterstrichen; immer wieder schimmert Adlers an Joseph Roth erinnernde, letztlich positive Wertung der Heimatlosigkeit durch: „Homelessness to me means freedom“ (131). Die philosophisch -theologischen Momente sind es in Filkins’ Darstellung– und nicht allein die Erfahrung der Schoah –, was den inneren Antrieb und die Kohärenz von Adlers Gesamtwerk ausmacht. Die Kapitel im letzten Buchdrittel beziehen sich auf die Rollen, in denen Adler sich in der zentralen Periode seines Schaffens nach 1945 äußerte– „The Survivor“ (213–236), „The Writer“ (237–260), „The Scholar“ (261–284), „The Witness“ (285–308). Spätere wissenschaftliche Werke (Die Erfahrung der Ohnmacht, 1964; Der verwaltete Mensch, 1974) und literarische Veröffentlichungen werden unter der Überschrift „The Maker“ (309–330) thematisiert. Dabei sticht insbesondere die Publikationsund Rezeptionsgeschichte der gleichsam magisch -realistischen Erzählung Eine Reise (entstanden 1950–51, Erstdruck 1962) hervor, weil an ihr exemplarisch die Entwicklungen der deutschsprachigen Shoa -Literatur der 1950er und 1960er Jahre sowie der einschlägigen Einstellungen der Schriftstellerkollegen, Verlage und Leser sichtbar werden. Im Schlussabschnitt unter dem Titel „The Man“ (331–346) wird– ob wider Erwarten oder erwartungsgemäß– kein vollendeter Reifezustand suggeriert. Ausgehend von seinem intellektuellen Engagement gegen den Verwalteten Menschen und von der Vorschule für eine Experimentaltheologie (1987) wird vielmehr die vorher mehrmals aufgezeigte Fähigkeit und Entschlossenheit Adlers gewürdigt, auch angesichts der bittersten Erfahrungen nicht zu verbittern, sondern seinen Ausblick auf eine eschatologische ‚Perfektionierung‘ des Humanen stets in Bemühungen umzumünzen, den (und die) Menschen in seiner aktuellen historischen Situation von der Humanitätsflucht abzuwenden. Als Literat wird Adler (zurecht) vor allem anhand der Texte fokussiert, die zwischen Ende des Zweiten Weltkriegs und 1960 entstanden sind. Dabei unterstreicht Filkins die Mannigfaltigkeit des literarischen Schaffens von dem semi -autobiographischen Roman Panorama (1948, entstanden während und kurz nach der Arbeit an Theresien‑ stadt 1941–1945), über die futuristischen Allegorie Die Ansiedlung (1949) bis zu den vielen kleinen Geschichten und Gedichten. Außerdem werden literarische Verfahren im Theresienstadt -Werk identifiziert– Exposition tragischer Konflikte, (Re-)Konstruktion verdeckter Motivationen und ein Sprachstil, der den Leser geschickt in die dargestellten moralischen Dilemmata und Zwangslagen hineinzieht. Ob das alles sumarisch unbedingt mit dem Begriff des „Gesamtkunstwerks“ (240) verbunden werden soll, würde ich bezweifeln. Nichtsdestotrotz werden die Belege eines einheitlichen Plans für die zentralen Texte der intensivsten Schaffensphase (nur 1947–56 an die 3000 169REZENSIONEN Druckseiten) überzeugend zusammengetragen: Adler beabsichtigte bereits seit der Theresienstadt -Haft eine multiperspektivische Aufnahme der Entwicklung, der sozialen und ethischen Implikationen sowie der persönlichen Erfahrung der rezenten Geschichte Zentraleuropas. Besonders relevant für die Selbstwahrnehmung Adlers und seine Wahrnehmung der Kultur nach Auschwitz ist die Darstellung des nicht unproblematischen langjährigen Austausches mit Adorno; in Hocheneders Buch wird das zunehmend distanzierte Verhältnis angesprochen, bei Filkins vielmehr in breiteren Zusammenhängen besprochen (wobei er nachhaltig auf Jeremy Adlers Studien zum Thema zurückgreifen kann). Ebenso zentral für Adlers literarisches Profil ist der gar unpolemische (nicht nur) literarische Kontakt mit Franz Baermann Steiner, dem engsten Freund Adlers seit Kindheitsjahren und einem Gefährten in England nach 1948; beachtenswert sicherlich auch der Austausch mit Elias und Veza Canetti, mit Hermann Broch, Heinrich Böll oder Wilhelm Unger. Der eventuelle Verdacht, Filkins würde Franz Hocheneders umfangreiches Buch von 2009 nur noch anders angeordnet wiederholen können, zeigt sich als unbegründet. Wo Hocheneders Darstellung passagenweise durch die Fülle der zitierten Dokumente und literarischen Texten Adlers– insbesondere dem Roman Panorama– einen einheitlichen Blick z.B. auf die Prager Verhältnisse der Zwischenkriegszeit oder seine Tätigkeit für den Volksbildungsverein Urania etwas erschwert oder gar zugunsten einer losen Zitatenfolge aufgibt, dort schafft Filkins eine überzeugende– und dennoch adäquat differenzierende– Einheit der breiteren Aufnahme historischer Situation mit biographischen Details und literarischen Reflexen. Wo Hocheneder kommentiert, unterlaufen ihm so manche diskutablen Vereinfachungen– etwa dass Adler beinahe sein gesamtes Leben außerhalb des deutschen Sprachraums verbrachte, womit eben auch Prag gemeint ist. Filkins unterscheidet und formuliert vorsichtiger. Wo Hocheneder an manchen Stellen einen kontraproduktiv übertriebenen apologetischen Ton anschlägt, schafft Filkins ein nüchternes, jedoch plastisches Bild. Dies lässt sich an den Betrachtungen der späteren Kritik mancher Holocaustund Theresienstadt -Historiker und -Zeugen an Adler beispielhaft vorführen. In Bezug auf den Aufruf Miroslav Kárnýs von 1992, Adlers Bücher seien einer kritischen Neulektüre und historiographischen Ergänzung zu unterziehen, und auf Ruth Bondys vehemente Polemik mit Adlers kritischer Schilderung der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde im Protektorat (und in Theresienstadt) wertet Hocheneder, es habe sich um Versuche gehandelt, „Adlers Theresienstadt -Buch nachträglich ungeschehen zu machen“ (Hocheneder 2009: 161). Filkins versucht stattdessen die ausschlaggebenden Momente zu benennen, die Adler zu seinen negativen Urteilen veranlasst haben: „first, how the menacing employment of Nazi power caused Jewish leaders to fail at thwarting it, leading to the corruption of leadership and individuals alike; and second, what such failings teach about the relationship between abuses of power and the need to defy it in order to sustain one’shumanity“ (Filkins 2019: 230). Ebenfalls der Punkt wird explizit gemacht, an dem die meisten Kritiker ansetzen, nämlich „when Adler casts specific blame on the Jewish leadership itself and argues, however disproportionally, both Jews and Nazis were guilty” (230). Entscheidend ist dann allerdings Filkins’ Analyse des Schuldbegriffs bei Adler, der in der Perspektive seiner Zuwendung zum religiösen Judentum betrachtet wird und in der nach Adlers Aussagen u.a. davon auszugehen sei, dass „humanity is acommunity of guilt“ (233). 170 BRÜCKEN 29/2 Parallel zu dieser Analyse führt Filkins deutlich vor, Adlers „mission“ sei „religious but devoid of zealotry“ (234). Dennoch sind beide vorliegende Monographien meines Erachtens lesenswert– die von Peter Filkins als erste, denn sie bietet eine sprachgewaltige, kohärente und kontextualisierende biographische Aufnahme mit klarer These, die Hocheneders danach, als ergänzende Zusammenstellung von Hinweisen und Dokumenten in Originalsprache.