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Zusammenarbeit tschechoslowakischer und kubanischer Geheimdienste: der geheime Aufenthalt von Ernesto Che Guevara

Zourek, Michal

Abstract

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Zusammenarbeit tschechoslowakischer und kubanischer Geheimdienste: der geheime Aufenthalt von Ernesto Che Guevara Michal Zourek1 ABSTRACT Cooperation between the Czechoslovak and Cuban Secret Services: Secret Stay of Ernesto Che Guevara The text analyzes Ernesto Che Guevara’s classified stay in Czechoslovakia between March and July 1966. The emphasis is placed on the cooperation that existed between the Czechoslovak and Cuban secret services. Through published studies, memoirs, interviews and Che Guevara’s files, the article provides valuable insights and dispels some of the myths surrounding amostly unknown period in the life of the famous Argentinean revolutionary. Attention is also paid to atheoretical document which Che Guevara created during his stay in Czechoslovakia. His remarks criticizing the Soviet “road to socialism” represent the biggest legacy of Che Guevara’s stay in Czechoslovakia. KEYWORDS Ernesto Che Guevara; Fidel Castro; Cuba; Czechoslovakia and Latin America; Secret service; Latin American Revolution; Armed Struggle EINLEITUNG Diese Studie ist dem geheimen Aufenthalt von Ernesto Che Guevara in der Tschechoslowakei im Jahre 1966 gewidmet. Sieben Jahre zuvor ist der gebürtige Argentinier zu einer der führenden Figuren der kubanischen Revolution geworden. Anschließend war er in verschiedenen Führungspositionen, unter anderem als Präsident der kubanischen Nationalbank und als Minister für Industrie. Im März 1965 trat er von all seinen Funktionen zurück und einige Monate war nichts von ihm zu hören. Die Freigabe von Archiven, sowie einigen Memoiren, Interviews und nicht zuletzt auch die Schriften von Che Guevara, haben in den letzten Jahren Antworten auf viele Fragen zu dieser geheimnisvollen Periode seines Lebens gebracht. Dies veranlasste die Entstehung von Studien zu seinen zahlreichen Missionen im Kongo (April bis November 1965) und in Bolivien (November 1966 bis Oktober 1967), die zweifellos dazu bei1 Michal Zourek, Department of Foreign Languages, Institute of Technology and Business in České Budějovice, Okružní 517/10, 370 01 České Budějovice, Czech Republic, zourek@ centrum.cz 70 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 getragen haben, viele Mythen über ihn zu relativieren. Die Zeitabschnitte zwischen diesen Missionen, also die geheimen Aufenthalte in Tansania (November 1965 bis Februar 1966), in der Tschechoslowakei (März bis Juli 1966) und Kuba (Juli bis Oktober 1966) erregen offensichtlich keine so große Aufmerksamkeit. Zwar sind sie in erster Linie eine Vorbereitungszeit, andererseits aber hat Che Guevara während dieser Zeit bedeutende, wenn auch lange Zeit unbekannte, theoretische Schriften geschaffen. Che Guevaras Aufenthalt in der Tschechoslowakei war streng geheim und wurde vollständig von der kubanischen Seite gesteuert. Deswegen gibt es wahrscheinlich in den tschechischen Archiven keine Informationen darüber. Die wahre Identität des berühmten Gastes wurde nur einem engen Kreis von Insidern bekannt. Die Erwähnungen über Che Guevaras Aufenthalt in der Tschechoslowakei kommen aber in den letzten Jahren immer häufiger vor, und die Sortierung dieser Fragmente ermöglicht uns, ihn zu rekonstruieren. Allerdings ist es wichtig zu erkennen, dass eine Menge Informationen über diesen Aufenthalt fiktional oder zumindest ungenau ist.2 Wichtige Informationen in seinem Buch brachte Ulises Estrada Lescaille.3 Er war einer der führenden Vertreter des kubanischen Geheimdienstes und mit Che Guevara seit 1961 vertraut. Er nahm mit ihm an der Kongo-Mission teil, später besuchte er ihn in Tansania, von wo sie zusammen in die Tschechoslowakei gereist sind. Estrada war einer von zwei Kubanern, mit denen Che Guevara während des ersten Monats seines Aufenthalts in der Tschechoslowakei in ständigem Kontakt stand. Der andere war Jose Luis Ojalvo, in den Jahren 1964 bis 1968 war er der Chef der kubanischen Vertretung in Prag. Im Jahr 1998 gab Ojalvo der chilenischen Zeitschrift SurDa einen Bericht über den tschechoslowakischen Aufenthalt Che Guevaras. Ein anderes Zeugnis bringt Harry Antonio Tamayo Villegas (Pombo), der sich im April 1966 in der Tschechoslowakei aufhielt.4 Villegas ist einer von fünf Männern (und drei Kubanern), welche die letzte Mission Che Guevaras in Bolivien überlebt haben. Zwei weiterer seiner „Mitbewohner“ aus der Tschechoslowakei— Carlos Coello (Tumo) und Fernández Montes de Oca (Pacho oder Pachunga)— kamen in Bolivien um. Eine wichtige Quelle sind die Memoiren von Che Guevaras Frau, Aleida March, die ihren Mann in der Tschechoslowakei besuchte. In ihrem Buch wurde u. a. ein Teil der Briefe veröffentlicht, die ihr Mann ihr aus der Tschechoslowakei geschickt hat.5 Der letzte, der ein direktes Zeugnis bringt, ist Luis Carlos Garcia, Fisín. Er war der beste kubanische Experte für Tarnung wurde aufgefordert, bei der Schaffung der neuen Identität Che Guevaras zu helfen— sowohl vor seiner Abreise aus Tansania als auch vor seiner Abreise aus der Tschechoslowakei.6 Unter mehreren Biographien von 2 Durch den Aufenthalt von Che Guevara in der Tschechoslowakei wurde unter anderem der argentinische Schriftsteller Abel Posse inspiriert. Seine Novelle Cuadernos de Praga (Briefe aus Prag) hat zwar diese geheimnisvolle Periode des Lebens des Revolutionärs der breiten Öffentlichkeit nähergebracht, aber es handelt sich um pure Fiktion. 3 U.ESTRADA, Tania la Guerrillera y la epopeya suramericana del Che, Melbourne— Nueva York— La Habana 2007. 4 L.BAÉZ, Secretos de generales, La Habana 1996. 5 A.MARCH, Evocación: mi vida al lado del Che, La Habana 2007. 6 L.G.GUTIÉRREZ, La otra cara del combate, La Habana 2004; A.ELIZUNDIA, Bajo la piel del Che, La Habana 2005. MICHAL ZOUREk 71 Che Guevara ist sein Aufenthalt in der Tschechoslowakei wahrscheinlich am besten in den Werken von Paco Ignacio Taibo II beschrieben.7 Die letzten zwei Jahre von Che Guevaras Leben bezeugt auch die Filmdokumentation Che, un hombre nuevo (Che, ein neuer Mensch) aus dem Jahr 2009, an der der argentinische Regisseur Tristán Bauer viele Jahre arbeitete. Die Dokumentation basiert vor allem auf bisher unveröffentlichtem Material, das Bauer nach langen Verhandlungen von der bolivianischen Armee erhalten hat. Der Rucksack Che Guevaras, der beschlagnahmt wurde, enthielt unter anderem auch zwölf Filmrollen. Seine Kameraden, die ihn tragen mussten, haben den Rucksack wirklich gehasst.8 Die beste Quelle stellen natürlich die Schriften von Che Guevara selbst dar. Seit 1999 begann dank der Zusammenarbeit zwischen dem kubanischen Centro de Estudios de Che Guevara aus Havanna und dem Verlag Ozean Presse/Ozean Sur eine Menge von bisher unveröffentlichten Werken Che Guevaras zu erscheinen. Veröffentlicht wurden unter anderem auch zwei Bücher, deren größter Teil während des Aufenthaltes in der Tschechoslowakei entstanden ist. Es handelt sich um Auszüge und Analysen aus Werken marxistischer Wirtschaftswissenschaftler und Denker, die zur Entstehung eines großen philosophischen Wörterbuches beitragen sollten.9 An diese Werke knüpfen Che Guevaras Kommentare zur Lektüre an, die er am Ende seines Lebens im bolivianischen Dschungel parallel mit dem berühmten Tagebuch schrieb.10 In Bolivien wurde in Che Guevaras Rucksack ein Notizbuch mit Gedichten gefunden, von denen er einige bereits in der Tschechoslowakei geschrieben hat.11 * An der Herausgabe weiterer, bisher unbekannter Werke wird z. Z. noch gearbeitet. Che Guevara war ein „gewohnheitsmäßiger Autor“ und hat z. B. sein Leben lang Tagebücher geschrieben. Es ist daher möglich, dass es ein Tagebuch gibt, das seinen Aufenthalt in der Tschechoslowakei dokumentiert. Mit Sicherheit ist die gegenseitige Korrespondenz Che Guevaras und Fidel Castros aus dieser Zeit bekannt. Nicht einmal die wurde aber bisher veröffentlicht. Eine Ausnahme ist Castros Brief in die Tschechoslowakei, den Aleida March (Besitzerin der Urheberrechte) in ihrem Vorwort zu dem Tagebuch aus dem Kongo veröffentlichte.12 Mit Hilfe der oben genannten Arbeiten besprechen wir in den folgenden Kapiteln die Umstände der Ankunft und Abreise Guevaras, seine alltäglichen Aktivitäten und schließlich auch noch seine theoretische Ausführungen, die Guevara in der Tschechoslowakei schrieb. Diese nicht besonders berühmte Periode des Lebens des argentinischen Revolutionärs versuchen wir im Kontext der Zusammenarbeit 7 P.I.TAIBO II, Ernesto Guevara. También conocido como el Che, Buenos Aires 2010. 8 Taibo II führt diese Tatsache in Anlehnung an die Aussage von Harry Villegas Tamayo (Pombo) im folgenden Interview an: El Che era grafómano, ponía en papel todo lo que vivía, in: Página/12, 14.9.2007. 9 E.GUEVARA, Apuntes filosóficos, La Habana 2013. 10 N.KOHAN, En la selva, Los estudios desconocidos del Che Guevara, Buenos Aires 2011. 11 P.I.TAIBO II, El cuaderno verde del Che, México 2007. 12 E.GUEVARA, Pasajes de la guerra revolucionaria: Congo, Barcelona 1999. 72 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 der tschechoslowakischen und kubanischen Geheimdienste näher zu bringen. Auf Grund dieser Zusammenarbeit wurde Prag in den 60er Jahren zu einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der lateinamerikanischen Revolutionäre. Die Orte, wo der berühmte und umstrittene Revolutionär seine Zeit verbrachte, beziehen sich auf dieses bewegte Kapitel der tschechoslowakischen Geschichte. DIE UMSTÄNDE VON GUEVARAS ANKUNFT IN DER TSCHECHOSLOWAKEI Im November 1965, nach dem Scheitern der Mission im Kongo, zog es Che Guevara nach Tansania. Seine Feinde suchten eifrig nach ihm und er musste in völliger Geheimhaltung handeln. Sein Schicksal war gänzlich von der Unterstützung des kubanischen Geheimdienstes abhängig. In der kubanischen Botschaft in Dar es Salaam, wo er sich drei Monate aufgehalten hat, konnte er nicht länger bleiben. Obwohl er auf der sofortigen Abreise nach Südamerika bestand, wurde er schließlich überredet, in einen neuen sichereren Ort zu ziehen.13 Zu diesem Zweck wurde Prag gewählt, wie Ulises Estrada sich erinnert: „In Moskau war keine so gute Infrastruktur wie in Prag, wo wir Wohnungen und Absicherung zur Verfügung hatten, die uns geholfen haben. Auch Ankünfte und Abflüge am Flughafen wurden uns erleichtert, denn zu dieser Zeit waren Revolutionäre aus verschiedenen Ländern der Welt gezwungen, nach Kuba im Geheimen zu reisen. Prag war ideal für viele Operationen. Der tschechoslowakische Geheimdienst hat uns voll und ganz unterstützt, ohne ganz genau zu wissen, worum es wirklich geht. Man muss ihm dankbar sein.“14 Wenn wir uns fragen, warum gerade die Tschechoslowakei gewählt wurde, müssen wir ein paar Jahre zurückgehen. Der Sieg der kubanischen Revolution im Jahre 1959 hat in Osteuropa Interesse an der bisher vernachlässigten Region Lateinamerika geweckt, das von Reflexionen über stärkere Kontakte mit dem Kontinent oder zumindest mit einigen Gebieten begleitet wurde. Die Tschechoslowakei, die das einzige Land des sozialistischen Blocks war, das intensive Kontakte mit der Region bereits in der Zwischenkriegszeit unterhielt, wurde bald zu einem wichtigen Vermittler des sowjetischen Einflusses in Lateinamerika. Die definitiv intensivsten Kontakte gab es mit Kuba. Tschechoslowakische Erzeugnisse haben zuerst den Export der Sowjetideologie begleitet, später wurden sie zum notwendigen Bestandteil der so genannten internationalen Hilfe, die der Sowjetblock dem Castro-Regime gewährleistet hat. Zum Stützpfeiler wurden Lieferungen von Investitionsgütern und Waffen, eine ebenso wichtige Komponente war auch die intensive Zusammenarbeit zwischen dem tschechoslowakischen und dem kubanischen Geheimdienst.15 Im Oktober 1962 stand die Welt am Rande eines Atomkonflikts. Infolge der Karibik-Krise musste Kuba einer Blockade standhalten und Flugverbindungen mit der Insel wurden abgebrochen. Eine der wenigen Möglichkeiten wie man die „Insel der Freiheit“ verlassen konnte, bot die Fluglinie Havanna-Prag. Sie wurde im April 1961 als erste direkte Flugverbindung zwischen dem kommunistischen Osteuropa 13 L.J.ANDERSON, Che, Buenos Aires 1997, S.674. 14 N.KOHAN, El internacionalismo de la revolución cubana, in: Rebelión, 16.8.2005. 15 H.BORTLOVÁ, Československo aKuba vletech 1959–1962, Praha 2011. MICHAL ZOUREk 73 und Lateinamerika errichtet.16 Somit wurde Prag in den sechziger Jahren zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, über den Tausende von Lateinamerikanern nach Kuba und zurückreisten. Mehr als tausend von ihnen wurden in Prag mit Hilfe des tschechoslowakischen Geheimdienstes innerhalb der so genannten Operation Manuel abgefertigt.17 Das tschechoslowakische Innenministerium half bei der Herstellung von gefälschten Dokumenten und mit der Bereitstellung von Unterkünften. Der tschechoslowakische Geheimdienst hat die Unterkunft in den Prager Hotels Internacional, Splendid, Central, Centrum usw. sichergestellt. In einigen Ausnahmefällen sollte den Personen von besonderem Interesse jeder Kontakt mit Ausländern erspart werden. Es wurden daher sichere Häuser verwendet, vor allem VALENTINA in Prag-Holešovice. Im Fall von größeren Gruppen wurde ein ländliches Gebäude in der Ortschaft Ládví verwendet, etwa 10 km südlich von Prag. Es war eine unauffällige zweigeschossige Villa, umgeben von einem großen Grundstück. Die Villa gehörte seit dem Zweiten Weltkrieg dem Innenministerium, das sie seit den sechziger Jahren für die Bedürfnisse des Geheimdienstes genutzt hat. Im Juli 1964 hat sich drei Wochen in Ládví z. B. der venezolanische Guerillakämpfer Wismar Medina Rojas versteckt, der im Vorjahr die Entführer des Schiffes Anzoátegui18 befehligte. In der gleichen Villa verblieb er zwischen April und Oktober 1964; mit mehreren Unterbrechungen war dort auch die kubanische Agentin deutscher Abstammung Tamara Bunke „Tania“, die später während der Mission Che Guevaras in Bolivien stirbt.19 Che Guevara selbst blieb heimlich in Prag Anfang April 1965, vor der Abreise nach Afrika. Er präsentierte sich mit einem falschen Pass auf den Namen Juan Soto.20 José Luis Ojalvo, der für Transite der Kubaner verantwortlich war, erinnert sich an diesen Besuch: „Zu dieser Zeit sind über Prag kleine Gruppen von drei Kämpfern und Ausbildern Richtung Afrika gereist, alle natürlich dunkelhäutig, schlank und eher kleiner Statur, ähnlich den Menschen im Kongo. Eines Tages ist im Transit eine Gruppe erschienen, die von den anderen unterschiedlich war, die ich bisher abgefertigt habe. […] Ich dachte zunächst, dass es sich um einen sowjetischen Berater oder so etwas handeln kann. Er trug einen Hut und eine Brille auf den Augen. Irgendetwas an ihm war mir vertraut. Da die ich Unterkunftsmöglichkeiten, die mir zur Verfügung standen, in Bezug auf ihre Sicherheit nicht mehr für angemessen hielt, schlug ich ihnen vor, im Hotel Solidarita zu übernachten, das kürzlich am Stadtrand von Prag errichtet wurde.“21 Vor Che Guevaras weiterer Reise in die Tschechoslowakei war zu ihm nach Tansania der Maskenbildner Luis Carlos García genannt Fisín eingeladen. „Die Verwandlung enthielt einen Haarschnitt stehender Haare; Erzeugung der unteren und oberen Prothesen, die seine Zähne und Kiefer verformt haben; Nähen eines Unterhemds, das ihn buckelig hielt; 16 New CSA service to Havana, in: FLIGHT International, 81, 2753, 11.1.1962, S.73. 17 Die Operation Manuel verlief von 1962 bis 1969. In ihrem Rahmen hat der tschechoslowakische Geheimdienst in Prag die Rückkehr der Personen aus Kuba nach Lateinamerika gesichert (falsche Pässe, Unterkunft, Reisepläne). M.ZOUREK, Operation Manuel, When Prague Was aKey Transit Hub for International Terrorism, in: CEJISS, 9, 3, 2015, S.132–152. 18 Archiv der Sicherheitsdienste (ABS), 80723/104, Protokoll eines Kontakts, 17.8.1964. 19 ABS, 80723/300. 20 P.I.TAIBO II, Ernesto Guevara: también conocido como el Che, Buenos Aires 2010, S.599, 605. 21 Che Guevara inkognito in Prag, in: Naše pravda, 29.10.2007. 74 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 sowie eine Innenpolsterung der Schuhe und sehr starke Linsen, die offenbar aus Glas waren.“22 Che Guevara reiste aus Tansania Ende Februar 1966 ab.23 Er wurde von Ulises Estrada begleitet, der mit ihm in Prag blieb, und José María Martínez Tamayo (Papi), der anschließend in Südamerika an den Vorbereitungen für eine neue Mission arbeitete. In Kairo, wo er umstieg, konnte Che Guevara seine Leibwächter verrückt machen, denn hier sah er sich trotz großer Gefahr einen Dokumentarfilm über die Olympischen Spiele in Tokio an und hat im Café Hilton gegessen.24 Über Belgrad kommt er dann nach Prag. Zu seinen Lebzeiten hat Che Guevara eine Vielzahl von Pseudonymen benutzt. Im Kongo trat er unter dem Namen Tatu auf, der auf Suaheli „drei“ bedeutet. In Tansania fing er an, den Namen Ramon zu verwenden, den er auch während seines Aufenthalts in der Tschechoslowakei, auf Kuba und einige Zeit in Bolivien verwendete. Sicher ist, dass er aus der Tschechoslowakei mit einem uruguayischen Pass auf den Namen Ramón Benítez ausreiste. Hingegen ist unklar, ob er auch mit diesem Pass in die Tschechoslowakei eingereist ist. Cupull und González erwähnten, dass Che Guevara mit einem Pass auf den Namen Raúl Vázquez Rojas kam.25 Sollte diese Information wahr sein, würde es bedeuten, dass der uruguayische Pass höchstwahrscheinlich erst in der Tschechoslowakei in Kooperation mit dem lokalen Geheimdienst hergestellt wurde. Der gesamte Aufenthalt Che Guevaras wurde von dem kubanischen Geheimdienst in Prag organisiert, die tschechoslowakischen Behörden haben die wahre Identität des berühmten Gastes höchstwahrscheinlich nicht gekannt. Dass Che Guevara nicht viel Vertrauen in die tschechoslowakischen Agenten hatte lässt sich aus der ständigen Erwähnung der Tatsache ableiten, dass Estrada in Angst davor lebte, dass im Haus Mikrofone versteckt sind. Er hat alle konsequent darauf aufmerksam gemacht, dass seine wahre Identität nicht offenbart werden darf. „Oft war er wütend auf mich, weil ich ihn mit ‚Comandante‘ angeredet habe und zwang mich, ihn Ramon zu nennen, was der Name war, den er verwendet hat. Über ernste Dinge haben wir auf der Terrasse oder in Restaurants gesprochen.“26 Ein weiterer kubanischer Agent, Juan Gómez Abad, fügt die folgende Erinnerung hinzu: „Nach einem gemeinsamen Abendessen hat mich mein Chef aufgefordert, mit auf den Hof zu gehen, weil es möglich ist, dass es im Haus eine geheime Abhöranlage geben kann. Ich war über seinen Verdacht sehr überrascht. […] Ich habe seine Ängste zerstreut und erklärte ihm, dass der tschechische Geheimdienst sehr hilfsbereit […] in Sachen Pässe ist und nie nach den Zielen unserer Abreise fragt.“27 22 P.I.TAIBO II, Ernesto Guevara: La otra cara del Combate, La Habana: Conocido también como el Che, Buenos Aires 2010, S.674. Der Autor stützt sich auf die Arbeit von L.G.GUTIÉRREZ, La otra cara del combate, La Habana 2004. 23 Das genaue Datum ist nicht bekannt, die Autoren geben Februar oder März an. Paco Ignacio Taibo II. erwähnt, dass die Abfahrt aus Tansania Ende Februar erfolgte und Ulises Estrada setzt die Ankunft in Prag Anfang März fest. Diese Version scheint uns wahrscheinlich. 24 P.I.TAIBO II, Ernesto Guevara: también conocido como el Che, Buenos Aires 2010, S.677. 25 A.CUPULL— F.GONZÁLEZ, La CIA contra el Che, La Habana 1992. Diesen Namen, wahrscheinlich in Anlehnung an die oben genannte Arbeit, führt auch Abel Posse in seinem Roman Cuadernos de Praga an. 26 N.KOHAN, El internacionalismo de la revolución cubana, in: Rebelión, 16.8.2005. 27 U.ESTRADA, Tania la Guerrillera y la epopeya suramericana del Che, Melbourne— Nueva York— La Habana 2007, S.101, S.103. MICHAL ZOUREk 75 Nach der Meinung von Stanislav Svoboda, höchstrangigem Diplomat der kommunistischen Tschechoslowakei, war Che Guevaras wahre Identität nur zwei Vertretern der obersten Parteileitung bekannt.28 Davon zeugt auch das Ereignis von 1970, als während des Besuchs des Außenministers Ján Marek der kubanische Staatschef Fidel Castro sein Interesse an der Suche nach dem Haus ausgedrückt hat, in dem Che Guevara mehrere Monate lebte. Die Prager Zentrale antwortete, dass es notwendig ist, die Informationen zu liefern, unter welchem Namen und wann Che Guevara in die Tschechoslowakei kam und wer seinen Aufenthalt in Prag besorgte. Die „I. Direktion des Innenministeriums (Geheimdienst, Anm. des Autors) war vom Aufenthalt Che Guevaras in Prag nicht informiert und deshalb konnte Guevara unter seiner Identität in keinem der Gebäude des Innenministeriums untergebracht sein.“29 Die Leitung des tschechoslowakischen Geheimdienstes hat zugleich empfohlen, dass die Informationen über den möglichen Aufenthalt Che Guevaras streng vertraulich bleiben. „Die Veröffentlichung dieser Tatsache könnte zum Auslöser einer antitschechoslowakischen Kampagne in Lateinamerika führen und könnte in einigen Staaten zur Verschlechterung unserer Beziehungen und unseres Einflusses beitragen.“30 CHE GUEVARAS AUFENTHALT IN DEN ERINNERUNGEN DER DIREKTEN TEILNEHMER Estrada argumentiert, dass die Kubaner bewusst ein kleineres nicht allzu auffälliges Haus am Rande der Hauptstadt forderten, um nicht den Verdacht zu erwecken, dass der Mann, der sich in der Tschechoslowakei aufhält, nicht nur ein gewöhnlicher Mitarbeiter der lateinamerikanischen revolutionären Bewegung ist. „Wir haben zunächst die schlechtere Wohnung gewählt, die uns die Tschechen angeboten haben, nicht die Villa.“31 Estrada spricht von einer Wohnung in Prag, die nur ein Zimmer mit zwei Betten und ein Radio, sowie Küche und Bad hatte. Diese bescheidenen Verhältnisse ergänzt Estrada mit folgender Erinnerung: „An einem Tag habe ich gekocht und aufgeräumt, am nächsten Tag wieder Che“.32 Diese Wohnung war das sichere Haus VALENTINA in der Heřmanova-Straße Hausnummer 408 in Holešovice. Als ein großer schwarzer Mann war Estrada aber zu auffällig, deshalb kehrte er nach einem Monat Aufenthalt in Prag nach Kuba zurück. Nach seiner Abreise begann Che Guevara, die Villa in Ládví zu benutzen.33 Dies bestätigt Ojalvo: „Ich habe ihn in einer sicheren, aber relativ kleinen Wohnung untergebracht. Kurz darauf informierte ich ihn über 28 M.ZOUREK, Checoslovaquia y el Cono Sur 1945–1989, Relaciones políticas, económicas y culturales durante la Guerra Fría, Praga 2014, S.334. 29 ABS, 80723/112, Zu der Information unserer Residentur in Havanna Nr.75 und 75 wird folgende Stellung empfohlen 9.11.1970. 30 ABS, 80723/112, Zu der Information unserer Residentur in Havanna Nr.75 und 75 wird folgende Stellung empfohlen 9.11.1970. 31 A.ELIZUNDIA, Bajo la piel del Che, La Habana 2005, S.61. 32 N.KOHAN, El internacionalismo de la revolución cubana, Rebelión, 16.8.2005. 33 Einige Autoren erwähnen irrtümlich eine Villa in der Nähe von Lidice, z. B.J.CASTAÑEDA, La vida en rojo. Una biografía del Che Guevara, México 1997, S.398. 76 PRAGUE PAPERS ON THE HISTORY OF INTERNATIONAL RELATIONS 1/2018 die Unterkunft, die ich verwendet habe, um größere Gruppen unterzubringen. Dann blieb er dort etwa vier Monate, bevor er nach Kuba zurückkehrte.“34 Der Hauptgrund für den Umzug in die Villa scheint die Ankunft der Anderen zu sein, mit denen die Vorbereitungen für die Mission in Bolivien koordiniert wurden, denn dafür war die Wohnung kapazitätsmäßig unzureichend. Che Guevara hat die Unterkunft in Holešovice gelegentlich auch noch in der Zukunft benutzt. Anfang April 1966 kommen Harry Villegas und Carlos Coello, die an der Mission im Kongo teilnahmen und mit Che Guevara auch in Tansania blieben.35 Aus der Tschechoslowakei reisen sie dann Anfang Juli aus. Beide lebten direkt in Ládví. Sie brachten uns in einer Villa in der Nähe von Prag in einem von Seen umgebenen Gebiet unter.36 Später sind in Ládví auch Che Guevara und sein enger Freund Alberto Fernández Montes de Oca (Pacho oder Pachunga) und der schon erwähnte Maskenbildner Luis Carlos García (Fisín) untergebracht. Im April 1966 wurde Che Guevara von seiner Frau Aleida March besucht, die über die Unterkunft erzählt, wie folgt: „Wir lebten an zwei verschiedenen Orten. Der erste war eine Wohnung, die ich schon kannte, da ich sie auf der Durchreise nach Tansania benutzte. Es war eine sehr enge Wohnung, denn sie bestand nur aus einem Zimmer mit Bad, Küche und Waschküche. Hier verbrachten wir unsere Wochentage. Die andere Wohnstätte war ein Haus in einem Dorf, geräumiger und freundlicher. Dort wohnte die Eigentümerin der Wohnung mit ihrer Tochter, die geistig behindert war. Diese Frau hat für uns gekocht. Hier haben wir auch mit einigen Soldaten gelebt, die später mit Che nach Bolivien gingen: Alberto Fernández Montes de Oca (Pacho oder Pachunga) Harry Villegas (Pombo) und Carlos Coello (Tumo). Andere besuchten uns wegen der Arbeit. […] Am Wochenende brachte uns dann José Luis Ojalvo zurück nach Prag.“37 Che Guevaras Aufenthalt in der Tschechoslowakei war vor allem eine Zeit des ungeduldigen Wartens auf den richtigen Moment für den Start der nächsten südamerikanischen Mission. Daraus ergibt sich die Frage, wann sich Che Guevara endlich für Bolivien entschied, da er über diese Absichten keine ausführlichen schriftlichen Informationen führte, oder zumindest sind noch keine bekannt. Estrada argumentiert, dass Bolivien zu diesem Zweck bereits in Tansania gewählt wurde, aber zur gleichen Zeit fügt er hinzu, dass es Che Guevara nie erwähnt hat.38 Harry Villegas, der über die ganze Angelegenheit sicherlich besser als Estrada informiert wurde, argumentiert, dass „Che zunächst an Peru oder Argentinien dachte. Die eigentliche Entscheidung über Bolivien fiel sicherlich erst in der Tschechoslowakei. Von seiner Entscheidung sagte er mir erst im Frühjahr nach meiner Rückkehr aus Kuba“.39 Darauf könnten politische Veränderungen in beiden Ländern in der ersten Hälfte des Jahres 1966 hindeuten. Während der peruanische Guerillakrieg überwältigende Rückschläge erlebte, haben sich die Bedingungen in Argentinien im Zusammenhang mit dem Aufstieg von General Onganía deutlich verschlechtert. Im gleichen Sinn spricht sich auch ein weiterer 34 Che Guevara inkognito vPraze, in: Naše pravda, 29.10.2007. 35 L.BAÉZ, Secretos de generales, La Habana 1996, S.544. 36 Ebenda, S.544–545. 37 A.MARCH, Evocación: mi vida al lado del Che, La Habana 2007, S.209. 38 N.KOHAN, El internacionalismo de la revolución cubana, in: Rebelión, 16.8.2005. 39 Interview des Autors mit Harry „Pombo“ Villegas am 22.6.2011, Buenos Aires. MICHAL ZOUREk 77 Mitkämpfer aus Bolivien, Régis Debray, aus: „Es scheint, dass Che bis Mitte 1966 wirklich nicht an Bolivien gedacht hat.“40 In Bolivien war seit 1964 die kubanische Agentin Tamara Bunke („Tania“) tätig, und bald haben sich weitere angeschlossen. Einer von ihnen war José María Martínez Tamayo (Papi), der im März 1966 zu Che Guevara aus Bolivien kam. Während der Treffen in Prags Restaurants gab ihm Che Guevara den Befehl, Kontakte mit der bolivianischen kommunistischen Partei anzuknüpfen. Während seines nächsten Besuchs ordnete er ihm wieder an, in Bolivien zu bleiben und die Bedingungen für die Ankunft der kubanischen Truppen vorzubereiten.41 In Bezug auf den Alltag erinnert sich Estrada, dass Che Guevara während des ganzen Aufenthalts vor allem geschrieben, gelesen und Schach gespielt hat. „Er hat Capablancas Handbuch detailliert studiert und war wirklich hervorragend. Einmal hat er mich dazu gezwungen, mit ihm zu spielen. Ich war ein sehr schlechter Schachspieler, aber er ließ mich doch gewinnen.“42 Estrada erzählt auch verschiedene Anekdoten nach, die ihm Che Guevara in der Tschechoslowakei über seine enge Beziehung zu Fidel Castro erzählte, aus denen seine tiefe Bewunderung für den kubanischen Staatschef ersichtlich war. Gleichzeitig versucht er auf diese Weise Spekulationen über ihre persönlichen Konflikte zu widerlegen.43 José Luis Ojalvo erwähnt, dass Che Guevara seine Tagesordnung täglich genau eingehalten hat. „Er war sehr methodisch. Viel Zeit verbrachte er mit Studium. Er hat sich auch mit der Mathematik beschäftigt, von der er sagte, dass es die Wissenschaft der Zukunft ist. Ich habe ihm jede Art Literatur geliefert, die aus Kuba kam, und auch die, die in Französisch oder Spanisch in Prag zu bekommen war.“44 Der tschechoslowakische Aufenthalt war für ihn sicherlich eine gute Gelegenheit, um endlich an seinem großen theoretischen Werk zu arbeiten, das er für sehr erforderlich hielt. Che Guevara hat in der Tschechoslowakei mehr als zweihundert Seiten Notizen über politische Ökonomie und historischen Materialismus geschrieben, was zweifellos seine Haupttätigkeit in diesem Land darstellt. Die Anthologie El cuaderno verde del Che (Ches grünes Heft), herausgegeben von Ignacio Taibo II, stellt den argentinischen Revolutionär aber auch als einen Leser der Poesie vor. Dieses Buch enthält 69 Gedichte von Pablo Neruda, Nicolas Guillén, León Felipe und César Vallejo, die von CIA-Agenten in Che Guevaras Rucksack in Bolivien kurz vor seiner Hinrichtung45 gefunden wurden. Che hat die Gedichte in sein Heft neu geschrieben, um nicht weitere schwere Bücher mitzuschleppen. Nach TaiboII schrieb er die meisten Gedichte in Bolivien, aber einige von ihnen auch in 40 R.DEBRAY, La guérrilla du Che, Paris 1974, S.43. 41 U.ESTRADA, Tania la Guerrillera y la epopeya suramericana del Che, Melbourne— Nueva York— La Habana 2007, S.99–100. 42 N.KOHAN, El internacionalismo de la revolución cubana, in: Rebelión, 16.8.2005. 43 U.ESTRADA, Tania la Guerrillera y la epopeya suramericana del Che, Melbourne— Nueva York— La Habana 2007, S.15. 44 Che Guevara inkognito vPraze, in: Naše pravda, 29.10.2007. 45 Nestor Kohan spricht in der Einleitung des Buches En la Selva von der Existenz der Gedichte von Rubén Darío, die in einem anderen Heft registriert wurden, und im oben erwähnten Sammelband fehlen. N.KOHAN, En la Selva, Los Estudios desconocidos del Che Guevara, Buenos Aires 2011, S.19.