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Mehrsprachige Germanistinnen im Beruf : Ergebnisse einer explorativen Verbleibstudie unter Germanistikalumnae der Universität Tampere

Aho, Sarianna,Lankinen, Jutta,Pekkola, Meeri,Rantanen, Pekka,Reuter, Ewald,Silvan, Stephanie,Ylönen, Katariina

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Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht Didaktik und Methodik im Bereich Deutsch als Fremdsprache ISSN 1205-6545 Jahrgang 22, Nummer 2 (Oktober 2017) Mehrsprachige Germanistinnen1 im Beruf. Ergebnisse einer explorativen Verbleibstudie unter Germanistikalumnae der Universität Tampere Sarianna Aho, Jutta Lankinen, Meeri Pekkola, Pekka Rantanen, Ewald Reuter, Stephanie Silvan, Katariina Ylönen Fakultät für Kommunikationswissenschaften Deutsche Sprache und Kultur Kanslerinrinne 1 FI-33104 Universität Tampere Tel.: +358-050-318 1241 E-Mail: [email protected] Abstract: In diesem Beitrag werden die zentralen Ergebnisse einer im Frühjahr 2016 durchgeführten Verbleibstudie unter 36 Alumnae des Masterprogramms Deutsche Sprache und Kultur der Universität Tampere vorgestellt und erörtert. Nach der Darstellung des Forschungsdesigns werden folgende Aspekte summarisch präsentiert: a) Statistik über die von den Alumnae erworbenen/verwendeten Sprachen, b) Mehrsprachigkeit in Elternhaus und Schule, c) Auslandsaufenthalte, d) Gründe für die Studienfach-, Studienortund Berufswahl, e) Mehrsprachigkeit im Berufsleben, f) hidden competences und g) sprachenbezogene studentische Identitätsarbeit. Ein Ausblick auf die Rückkopplung der Ergebnisse mit dem Studienprogramm schließt den Beitrag ab. This article reports on the main findings of an alumni tracer study carried out in spring 2016 among 36 alumni of the master’s program of German Language and Culture at the University of Tampere. After a short description of the research design, the following results are commented upon briefly: a) statistics of the languages acquired/used by the alumni, b) multilingualism at home and in school, c) periods spent abroad, d) reasons for choice of study field, place of study and career, e) multilingualism in professional life, f) hidden competences, and g) development of students’ language based identities. The article finishes with an outlook on how the results may be linked back to the study program. Schlagwörter: Mehrsprachigkeit, Verbleibstudie, Deutsch in Finnland, Studium und Beruf; multilingualism, alumni tracer study, German in Finland, studies and career 1. Verbleibstudien als Element professioneller Alumniarbeit Im Zuge der Harmonisierung des europäischen Hochschulraumes (= Bologna-Prozess) erwächst Hochschulen und Universitäten mit dem Aufbau und der Pflege von Alumni-Netzwerken eine neue Daueraufgabe. Unter Verweis auf Vorbilder in anglophonen Hochschulräumen sollen Alumni als Werbebotschafter an ihre ehemaligen Hochschulen gebunden werden und durch Mund-zu-Mund-Propaganda (virales Marketing) zum Imagetransfer beitragen, also zur Steigerung der positiven Sichtbarkeit (visibility) einer Hochschule und ihrer Studiengänge. Dieser Marketingstrategie zufolge werden Alumni als potenzielle Sponsoren, Gastreferenten und einflussreiche Entscheidungsträger gesehen, aber auch als potenzielle Kunden, die Weiterbildungsangebote nachfragen oder Forschung in Auftrag geben. Geleitet wird diese Strategie von der Idee einer win-win-Situation, in der Hochschulen und Universitäten von ihren Alumni und Alumni als künftige celebrities von der Reputation ihrer Hochschulen und Universitäten profitieren. Gemäß dieser Philosophie ermitteln Verbleibstudien durch Befragungen von Alumni sich verändernde Anforderungsprofile der Arbeitswelt, welche als Richtlinien für Curriculumrevisionen herangezogen werden und dadurch die Beschäftigungsoder Arbeitsmarktfähigkeit (employability) künftiger Absolventen sichern sollen. In Finnland zeichnet sich ab, dass die Alumniarbeit nicht mehr dem Gutdünken einzelner Studiengänge überlassen bleibt, sondern durch rektoratsgesteuerte Rationalisierung standardisiert und professionalisiert wird (vgl. Reuter 2016; Szurawitzki 2012). Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel der vorliegenden Verbleibstudie, in einem ersten Zugriff exemplarisch zu ermitteln, welche konkrete Rolle Mehrsprachigkeit im Leben von Tamperenser Germanistikalumnae spielt. 31 Aho, Sarianna; Lankinen, Jutta; Pekkola, Meeri; Rantanen, Pekka; Reuter, Ewald; Silvan, Stephanie & Ylönen, Katariina (2017), Mehrsprachige Germanistinnen im Beruf. Ergebnisse einer explorativen Verbleibstudie unter Germanistikalumnae der Universität Tampere. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 22: 2, 30-43. Abrufbar unter http://tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/index.php/zif/. 2. Bildungspolitischer Kontext der vorliegenden Verbleibstudie Solange die Faustregel galt, dass diejenigen, die eine Fremdsprache studieren, automatisch Fremdsprachenlehrerinnen werden, verlief die Pflege freiwilliger Alumnaekontakte völlig unproblematisch, denn an der Schnittstelle von Schule und Hochschule waren Erfahrungsund Gedankenaustausch unausweichlich. Doch diese Praxis ist mitsamt den finnischen Fremdsprachenphilologien in eine Existenzkrise geraten, welche durch Richtungswechsel in Schulsprachenpolitik und allgemeiner Bildungspolitik verursacht wurde. Unter dem Druck der EU-weiten Austeritätspolitik verabschiedet Finnland, das sich offiziell als bilinguales Land mit den beiden Landessprachen Finnisch und Schwedisch versteht, unter Bezug auf das Barcelona-Prinzip der EU (= Dreisprachigkeitsprinzip, vgl. Kruse 2012) insgeheim die Politik, in Schule und Hochschule neben der Beherrschung der beiden Landessprachen auch gründliche Kenntnisse in wenigstens zwei Fremdsprachen zu verlangen. In den meisten finnischen Gemeinschaftsschulen wird Englisch inzwischen als einzige Pflichtfremdsprache angeboten, in der gymnasialen Oberstufe ist der Sprachenkanon jedoch noch breit gefächert. Im Einklang hiermit hat Finnland auch in der Bildungspolitik eine Kehrtwendung vollzogen und zielt nicht länger auf individuelle Persönlichkeitsbildung, sondern auf die Schaffung flexiblen Humankapitals. In Schule und Hochschule machen sich die Folgen dieses Politikwechsels gegenwärtig als gnadenloser Verdrängungswettbewerb bemerkbar. Sprachen wie Deutsch, Französisch, Russisch oder Spanisch überleben nur, wenn Lehrerinnen es schaffen, den jeweils geforderten Output zu liefern. Geschieht dies nicht, werden entsprechende Fächer an Schulen und Universitäten abgeschafft (vgl. Reuter 2014; Ylönen 2012, 2014; Ylönen & Heimonen 2017; vgl. auch Ward 2012). Aus Sicht der sogenannten kleinen Fremdsprachenphilologien in Finnland (z.B. Germanistik, Romanistik, Slawistik) war bereits Mitte der 1990er Jahre absehbar, dass Schulfächer und Studiengänge zwar schleichend, aber systematisch unter Druck gesetzt werden, weshalb man proaktiv werden musste, wollte man der Existenzbedrohung entgegenwirken. Ein Umstand, der ein solches Unterfangen an der Universität Tampere erleichterte und sich in Anlage und Ergebnis der nachfolgend dargestellten Verbleibstudie spiegelt, bezieht sich auf das entscheidende Alleinstellungsmerkmal der Universität Tampere unter den finnischen Hochschulen: die freie Nebenfachwahl. Studierenden mit einer Sprache als Hauptfach steht es folglich frei, andere Fächer wie Kommunikationswissenschaften, internationale Politik, Betriebswirtschaftslehre oder Marketing im Nebenfach zu studieren, und umgekehrt können Studierende anderer Hauptfächer Sprachen im Nebenfach belegen. Im Sinne der erwähnten Proaktivität wurde an der Universität Tampere die Chance der freien Nebenfachwahl genutzt, um Germanistikabsolventinnen auch außerschulische Berufsmöglichkeiten zu erschließen. Im Rückgriff auf z.B. betriebswirtschaftswissenschaftliches Vorwissen wurden neue Kooperationsformen mit Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen erprobt und sukzessive neuartige Vermittlungskonzepte erarbeitet, welche in der internationalen Germanistik gezielt zur Diskussion gestellt wurden (vgl. z.B. die Beiträge in Reuter & Piitulainen 2003 und in Hess-Lüttich, Colliander & Reuter 2009). In Forschung und Lehre wurde induktiv ein interdisziplinäres Vorgehen entwickelt, das die Integration von germanistischem Fachwissen und dem Fachwissen benachbarter Disziplinen wie Wirtschaftsund Kommunikationswissenschaften erlaubt. Seit Ende der 1990er Jahre ist es Tamperenser Germanistikstudentinnen daher möglich, Qualifikationsarbeiten nicht mehr nur in Kooperation mit Schulen, sondern auch mit Unternehmen und anderen Organisationen anzufertigen. Bedingung ist, dass die Arbeiten sowohl wissenschaftlichen als auch praktischen Erkenntnisgewinn erzielen (vgl. Reuter 2007). 3. Forschungsdesign 3.1. Hochschuldidaktische Ziele Im Anschluss an eine Tamperenser Vorgängerstudie (Bodmann, Hakanen, Köhler, Reuter & Salo 2013) wurde die Verbleibstudie im Frühjahr 2016 als Lehrforschungsprojekt im Masterprogramm Deutsche Sprache und Kultur der Universität Tampere geplant, durchgeführt und ausgewertet. Konkret bedeutete dies, dass die beteiligten Studentinnen von der Entwicklung der Forschungsfragen über die Durchführung der Studie bis zur öffentlichen Präsentation der Ergebnisse alle Phasen von Forschung durchliefen und dadurch bereits während des Studiums eigene Professionalisierungserfahrungen machen konnten. Ferner steht es den Studentinnen frei, die öffentlichen Auftritte2 und die vorliegende Publikation in ihre CV aufzunehmen (z.B. bei LinkedIn), aber auch, die Studie zu Masterarbeiten auszubauen. Weitere Ziele, über die weiter unten berichtet wird, betreffen die Rückkopplung der Ergebnisse mit Curriculum und Kommunikationspolitik des Studienprogrammes. 3.2. Forschungsfragen Nachdem ein Ergebnis der erwähnten Vorgängerstudie besagte, dass man in der Germanistik verstärkt „einund mehrsprachige Arbeitskommunikation erforschen lernen“ können sollte (Bodmann et al. 2013: 57), entstand die Idee, die Rolle der Mehrsprachigkeit im Leben von Germanistikalumnae näher zu untersuchen. Am Beispiel Tamperenser Alumnae sollten folgende Forschungsfragen beantwortet werden: 32 Aho, Sarianna; Lankinen, Jutta; Pekkola, Meeri; Rantanen, Pekka; Reuter, Ewald; Silvan, Stephanie & Ylönen, Katariina (2017), Mehrsprachige Germanistinnen im Beruf. Ergebnisse einer explorativen Verbleibstudie unter Germanistikalumnae der Universität Tampere. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 22: 2, 30-43. Abrufbar unter http://tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/index.php/zif/. - Wie sieht das sprachenbiographische Profil von Germanistikalumnae aus? - Welche Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit haben Alumnae in Kindheit, Schule, Studium, Beruf und Freizeit gemacht? - Welche Rolle spielt Mehrsprachigkeit in der heutigen Arbeitswelt der Alumnae? - Welche Rückschlüsse ergeben sich aus den Forschungsergebnissen für eine mögliche Lehrplanrevision? 3.3. Stand der Forschung Die Rolle von Mehrsprachigkeit und Multikulturalität in der finnischen Gesellschaft wird von unterschiedlichsten Disziplinen untersucht, die hier nicht alle erwähnt werden können. Aus DaF-Perspektive ist zunächst festzuhalten, dass die Praxis des finnischen Fremdsprachenunterrichts seit jeher sowohl in fremdsprachenphilologischen Qualifikationsarbeiten als auch in fremdsprachenphilologischer Begleitforschung untersucht wird, was die in diesem Bericht zitierte Literatur pars pro toto belegt. Im Rahmen der einphasigen Lehrerausbildung liegt es praktisch auf der Hand, dass sich Absolventinnen in ihren Qualifikationsarbeiten mit Aspekten des DaF-Unterrichts beschäftigen und mitunter Ergebnisse auch in Tempus, der Zeitschrift des Finnischen Fremdsprachenlehrerverbandes (SUKOL), veröffentlichen. Neu ist hingegen, dass die Vorstellung, man müsse Fremdsprachen jeweils völlig isoliert voneinander erlernen, aufgegeben und durch mehrsprachendidaktische Vorstellungen ersetzt wird (z.B. Luoma 2012; Vidgren 2010). Dabei wird auch der aktuellen finnischen Schulsprachenpolitik und ihren Folgen verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt (z.B. Helenius 2011; Koskela & Helminen 2012; Helminen & Koskela 2013). Weiter ist festzuhalten, dass auch die Erforschung nichtschulischer mehrsprachiger Arbeitskommunikation in wirtschaftsnahen Berufen etabliert ist. Neben landesweiten und regionalspezifischen Bedarfsanalysen (z.B. Bodmann et al. 2013; Breckle & Rinne 2016; Grasz & Schlabach 2011; Kantanen 2011; Reuter & Minkkinen 2003) werden sowohl frequente berufliche Textund Gesprächssorten und die berufliche Nutzung neuer Medien als auch das Übersetzen von Fachtexten untersucht (z.B. Minkkinen 2006 sowie entsprechende Beiträge in Bonner & Reuter 2011 und in Hyvärinen, Richter-Vapaatalo & Rostila 2014; Lindroos 2015). Deutlich weniger untersucht werden dagegen das subjektive Erleben und die subjektive Bedeutung von Mehrsprachigkeit und Multikulturalität. Diesbezüglich interessant ist eine biographieanalytische Studie, die am Beispiel von 16 finnischen Migrantinnen, die von den 1970er bis in die1990er Jahre nach Deutschland auswanderten, nachweist, dass weibliches „Begehren“ des Ausländischen und Fremden bereits in der Kindheit erwachen kann. Folglich kann weibliche Selbstbestimmung darin bestehen, sich durch schulischen Erwerb einer Fremdsprache wie Deutsch und anschließende Migration aus der erlebten Enge von Elternhaus oder lokaler und nationaler Gesellschaft zu befreien. Zugleich erweist der intergenerationelle Vergleich, dass finnische Frauen, die heute nach Deutschland migrieren, nicht mehr wie früher auf ein Hausfrauendasein reduziert werden, sondern auch zu Karrierefrauen aufsteigen und in Deutschland multilingualmultikulturelle Vielfalt in Beruf und Freizeit gleichberechtigt gestalten und genießen können (vgl. Ruokonen-Engler 2012). Auf vergleichbare Weise demonstriert eine weitere Studie, wie schöpferisch an der Universität Mainz-Germersheim ausgebildete finnische Übersetzerinnen und Dolmetscherinnen Familie und Beruf vereinbaren, indem sie im Karriereverlauf flexibel zwischen Lohnarbeit, Freelancertätigkeit und Unternehmertum wechseln und bei Bedarf zwischen Herkunftsund Gastland pendeln (vgl. Takanen-Körperich 2008). Die Berücksichtigung solch seltener Studien ist wichtig, da die Erfahrung lehrt, dass Studienlandwechsel z.B. von Finnland ins deutschsprachige Ausland und aus dem deutschsprachigen Ausland nach Finnland an den jeweiligen Herkunftsuniversitäten leicht als Verlust durch Studienabbruch registriert werden, obwohl dies der Sache nach nicht stimmt: Die Grundlagen für den erfolgreichen Studienlandwechsel wurden an den Herkunftsuniversitäten gelegt. Aus der Gegenperspektive zeigen bereits studentische Interviews mit Migrantinnen aus dem deutschen Sprachraum, dass man in Finnland ohne solide Finnischkenntnisse in Wort und Schrift kaum beruflich Karriere machen kann (vgl. Hiekkalahti, Koskela, Lindström, Luoma, Nislin, Ovaska, Veikkola & Reuter 2007). Aus anderen Interviews geht weiter hervor, dass deutsche Frauen bewusst auf eine Karriere im Heimatland verzichten oder diese sogar aufgeben, um durch Migration nach Finnland ein völlig anderes Leben nach eigenen Vorstellungen führen zu können, wobei der Umgang mit Mehrsprachigkeit stets eine zentrale Rolle spielt (vgl. Schirrmann & Richter-Vapaatalo 2014)3. Selbst wenn finnische Arbeitgeber qualifizierte ausländische Arbeitskräfte gewinnen und zeitweise in den Arbeitsalltag integrieren, stellt sich ihr längerfristiger Verbleib in Finnland als problematisch heraus. In einer karrierebezogenen Survey-Studie weisen Raunio & Forsander (2009) am Beispiel ausländischer ICTund Biowiss-Experten nämlich nach, dass ausländische Expatriaten nur dann länger in Finnland verweilen, wenn sie ein sicheres und stabiles Kleinstadtleben schätzen und ihre Lebensgefährtinnen eine berufliche Dauerbeschäftigung finden. Im Gegenzug berichten finnische expats wiederum, dass sie im Ausland mitunter einen sehr kritischen Blick auf das entwickeln, was man sich in Finnland selbstlobend über die finnische Arbeitskultur und das Verhältnis von Finnen zur Arbeit erzählt (vgl. Kolehmainen 2008). Die Durchsicht der relevanten Forschungsliteratur ergibt, dass die DaF-disziplinäre Wahrnehmung von Mehrsprachigkeit und Multikulturalität bislang sehr stark von den Erfordernissen der Unterrichtspraxis in Schule und Hochschule geprägt ist. Ferner deutet sich an, dass Mehrsprachigkeitsdidaktik und Gesamtsprachencurricula neuartige Herausforderungen an Schule, Lehrende und Lernende stellen (vgl. Allgäuer-Hackl, Brogan, Henning, Hufeisen & Schlabach 2015; Linderoos 2016). Aus 33 Aho, Sarianna; Lankinen, Jutta; Pekkola, Meeri; Rantanen, Pekka; Reuter, Ewald; Silvan, Stephanie & Ylönen, Katariina (2017), Mehrsprachige Germanistinnen im Beruf. Ergebnisse einer explorativen Verbleibstudie unter Germanistikalumnae der Universität Tampere. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 22: 2, 30-43. Abrufbar unter http://tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/index.php/zif/. DaF-Sicht ist jedoch auch zu konstatieren, dass Einblicke in die außerschulische subjektive Wahrnehmung von Mehrsprachigkeit und Multikulturalität ein Forschungsdesiderat darstellen. Verbleibstudien können dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. 4. Datenerhebung und Inhaltsanalyse Aus der Tatsache, dass an finnischen Hochschulen und Universitäten die Alumniarbeit erst professionalisiert wird, folgt, dass professionelle Verbleibstudien erst erprobt und ausgebaut werden. Über die universitären Karrierezentren (vgl. Universität Tampere 2017) sind bereits wichtige, jedoch nicht immer aktuelle Kennziffern erhältlich. In Tampere belegen entsprechende Angaben für den Zeitraum 2000-2008, dass 1 Jahr nach Studienabschluss rund 50 % der Absolventinnen des Masterprogramms Deutsche Sprache und Kultur im Schulbereich und rund 50 % in der Wirtschaft oder in wirtschaftsnahen Berufen befristet oder unbefristet beschäftigt waren. Laut Umfrage gaben zudem 90 % an, dass ihr Studium völlig oder doch großenteils dem beruflichen Anspruchsniveau entsprach (vgl. Universität Tampere 2012). Diese Zahlen sind teilweise veraltet, da es infolge der oben beschriebenen Schulsprachenpolitik inzwischen arbeitslose Deutschlehrerinnen gibt. Bezüglich des rauer werdenden Schulalltags belegt eine aktuelle Studie, dass festangestellte Lehrerinnen befristet angestellte DaF-Berufsanfängerinnen inzwischen nicht mehr auf die gewohnt fürsorgliche Art und Weise betreuen und ins Kollegium integrieren, sondern sie sich oft selbst überlassen (vgl. Veijanen 2013). Vor dem Hintergrund dieser Auskünfte wurden im Zeitraum Januar bis April 2016 insgesamt 36 Germanistikalumnae der Universität Tampere im Rückgriff auf halbstrukturierte sprachenbiographische Interviews befragt. Konkret bedeutete dies, dass die Befragten zunächst die Gelegenheit erhielten, die Erfahrungen, die sie in ihrem gesamten Leben mit Mehrsprachigkeit machten und machen, erzählerisch darzustellen (vgl. Lucius-Hoene & Deppermann 2002). Meist am Ende solcher Darstellungen wurden bei Bedarf präzisierende Nachfragen gestellt. Die Anschriften der Alumnae wurden teils über die Alumniliste der Universität Tampere (vgl. Universität Tampere 2017), teils durch die Verfassernamen von im Internet zugänglichen Masterarbeiten über Facebook und teils durch eigene Kontakte, also im sogenannten Schneeballverfahren, ermittelt. Von den 36 Alumnae der Geburtsjahrgänge 1964-1992 waren 31 weiblich und 5 männlich. 3 Befragte hatten Deutsch im Nebenfach studiert, 5 Personen das Hauptfach gewechselt oder das Studium abgebrochen. 16 Befragte waren als Lehrerinnen tätig, 15 Personen gingen anderen Beschäftigungen nach. Unter den Befragten befanden sich 3 Migrantinnen aus dem deutschen Sprachraum. Die Interviews wurden auf Deutsch oder Finnisch geführt und digital gespeichert. Die Gesamtdauer beläuft sich auf 25,6 Stunden Tonmaterial, was eine durchschnittliche Interviewdauer von rund 43 Min. ausmacht. Im Zuge einer ansatzweisen qualitativen Inhaltsanalyse (vgl. Hirsjärvi & Hurme 2008; Mayring 2015) wurden von den einzelnen Interviews zunächst thematisch geordnete Verlaufsprotokolle erstellt. In einem zweiten Schritt wurden die thematischen Ordnungen der Gespräche miteinander verglichen, um Thematisierungsmuster und die damit verbundenen Relevanzsysteme aufzudecken. Es geht bei der Analyse der Interviews also stets darum, Kategorien aus dem Material zu entwickeln. 5. Ergebnisse Im vorliegenden Bericht werden die zentralen Ergebnisse der qualitativen Inhaltsanalyse summarisch dargestellt und nicht durch transkribierte Auszüge aus dem umfangreichen Interviewmaterial belegt. Ferner werden die Ergebnisse dieser Verbleibstudie vor allem im Rückbezug auf Ergebnisse einschlägiger Tamperenser Masterarbeiten4 kommentiert. 5.1. Statistische Resultate Aus Abb. 1 geht das Lokalkolorit der durchgeführten Verbleibstudie insofern hervor, als nur eine Befragte Schwedisch als Muttersprache angibt. An Universitäten in den dominant schwedischsprachigen Landesteilen Finnlands (z.B. Åbo, Vasa) dürften entsprechende Zahlen anders ausfallen. Die Statistik deutet auch nur indirekt an, dass Befragte mit Finnisch als Muttersprache mitunter aus binationalen Familien stammen und Deutsch gleichsam als Zweitsprache erworben haben. Ähnliches gilt für solche Befragte, die während ihrer Kindheit im Rahmen von Auslandseinsätzen ihrer Eltern im deutschen Sprachraum Deutsch erwarben. Ferner fällt auf, dass die befragten Alumnae bis auf Rumänisch und Russisch offenbar in keinerlei Kontakt kamen mit den Sprachen heutiger Immigrantinnen wie Afghanisch, Arabisch oder Somali (vgl. Latomaa 2012), die seit Finnlands EU-Beitritt im Jahre 1995 zunehmend häufiger zu hören sind. Ansonsten bestätigt Abb. 1 den sprachenbiographischen Normalverlauf von Studierenden der Fremdsprachenphilologien: Das Interesse an einer bestimmten Fremdsprache erwacht spätestens in der Schule und wird durch die gesamte Schulund Studienzeit hindurch bis ins Berufsleben aufrecht erhalten. Deutlich ablesbar ist auch die Anglophonisierung des Berufslebens, was im Falle der Lehrerinnen bedeutet, dass sie oft mehr Englisch als Deutsch unterrichten, obwohl sie Englisch „nur“ im Nebenfach studiert haben. 34 Aho, Sarianna; Lankinen, Jutta; Pekkola, Meeri; Rantanen, Pekka; Reuter, Ewald; Silvan, Stephanie & Ylönen, Katariina (2017), Mehrsprachige Germanistinnen im Beruf. Ergebnisse einer explorativen Verbleibstudie unter Germanistikalumnae der Universität Tampere. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 22: 2, 30-43. Abrufbar unter http://tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/index.php/zif/. Abb. 1: Statistik über die von den Alumni erworbenen/verwendeten Sprachen 5.2. Mehrsprachigkeit in Elternhaus und Schule Alumnae, die vornehmlich in Tampere und Umgebung aufwuchsen, können sich nicht daran erinnern, in ihrer frühen Kindheit Kontakte mit fremden Sprachen gehabt zu haben. Es wird zwar vermutet, dass man als Kind zwangsläufig Nachrichten auf Finnisch und auf Schwedisch hat hören müssen, doch keiner der Befragten ist in Erinnerung geblieben, dass sie die unverständliche Sprache bewusst wahrgenommen hätte. In der Kommunikation mit Bekannten und Verwandten, die beispielsweise nach Schweden oder in andere Länder ausgewandert sind, wurde und wird am Telefon oder neuerdings auch per Skype Finnisch verwendet. Eine bewusste Wahrnehmung anderer Sprachen als des Finnischen erfolgte in der Kindheit in der Regel nur durch Reisen in die dominant schwedischsprachigen Landesteile oder nach Schweden. Obwohl es auch in Tampere eine schwedischsprachige Minderheit, einen schwedischen Kindergarten, eine schwedische Schule und schwedische Gottesdienste gibt (vgl. Lönnroth 2009), kamen die Befragten als Kinder der finnischen Mehrheitsgesellschaft in Tampere nur selten mit dem Schwedischen in Kontakt. Erwähnt wird dagegen, dass man seit frühester Kindheit durch Kontakte zu finnischen Verwandten und Bekannten im deutschen Sprachraum oder in den USA Deutsch und Englisch hören konnte. Spätestens mit dem Eintritt in die Schule ändert sich die Wahrnehmung von Mehrsprachigkeit. Im Zuge der oft schon vorschulischen Alphabetisierung wird der Sinn für fremdsprachige Phänomene geweckt und geschärft, wobei anfangs die Rezeption dominiert. Erstens wird als herausragendes Beispiel erwähnt, dass Kinder früh mit der Tatsache Bekanntschaft machen, dass ausländische Fernsehsendungen in Finnland nicht wie anderswo synchronisiert, sondern nur untertitelt werden. Hierin sehen jüngere Befragte auch einen Grund für das gute Abschneiden Finnlands bei den Leseleistungen in PISA-Tests: Von klein auf ist man motiviert, lesen zu lernen, damit man fernsehen kann. Ein zweiter mehrsprachiger Umstand, mit dem alle Schülerinnen früh konfrontiert werden, ist das verpflichtende Erlernen der zweiten Landessprache, was in den finnischsprachigen Landesteilen oft als „Zwangsschwedisch“ (finn. pakkoruotsi) verschrien ist. Drittens wird erwähnt, dass das Aneignen englischsprachiger Ausdrücke bereits zur Bildung vorpubertärer Geschlechteridentitäten gehört. Ältere berichten, dass es bereits früher so war, dass man, wenn man dazugehören und „cool“ sein wollte, „englischsprachige Brocken“ beherrschen musste. Heute sei Englisch die Sprache der sozialen Medien und der Digitalisierung im Allgemeinen; manche zitieren auch die Auffassung, laut der Englisch die „heimliche Landessprache“ Finnlands ist. Im Rückblick wird die eigene frühe außerschulische produktive Mehrsprachigkeit als eher gering eingeschätzt, da man höchstens auf Auslandsreisen Gelegenheit gehabt hätte, fremde Sprachen in echten Begegnungssituationen zu hören und zu sprechen. Vermittelt durch die englischsprachig dominierte Jugendund Medienkultur wurde im Laufe der Schulkarriere mehrheitlich allein das Englische zu einer fruchtbaren Schnittstelle zwischen Schule und Freizeit: Den meisten Befragten wurde irgendwann bewusst, dass sie Englisch einmal mehr oder weniger glänzend beherrschen können sollten oder wollten. Mögliche Zielkonflikte zwischen Sollen und Wollen wurden nicht näher erörtert. 34 34 36 3 6 0 11 36 7 30 6 11 30 36 26 1 3 30 11 10 0 4 98 5 0 5 10 15 20 25 30 35 40 Muttersprache Kindheit Schule Studium Beruf Achsentitel Andere Sprachen: Russisch, Spanisch, Französisch, Holländisch, Italienisch, Japanisch, Rumänisch, Polnisch, Afrikaans, Estnisch, Latein, Portugiesisch Finnisch Englisch Deutsch Schwedisch Andere Sprachen 35 Aho, Sarianna; Lankinen, Jutta; Pekkola, Meeri; Rantanen, Pekka; Reuter, Ewald; Silvan, Stephanie & Ylönen, Katariina (2017), Mehrsprachige Germanistinnen im Beruf. Ergebnisse einer explorativen Verbleibstudie unter Germanistikalumnae der Universität Tampere. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 22: 2, 30-43. Abrufbar unter http://tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/index.php/zif/. Bezüglich der schulischen Sprachenwahl geben die Befragten an, dass sie von den frei wählbaren Sprachen, die in der Schule angeboten wurden, die Fremdsprache Deutsch allein und selbstverantwortlich ausgewählt hätten. Bei der Entscheidungsfindung halfen in erster Linie jedoch Eltern, Geschwister und Freunde. Oft wird erwähnt, dass in der Familie auch die kleine Schwester oder der kleine Bruder Deutsch als Wahlpflichtfach nahm, wenn die ältere Schwester gute Erfahrungen im Deutschunterricht gemacht hatte und ihren jüngeren Geschwistern bei den Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen helfen konnte. Eine ebenso wichtige Rolle spielen Schulkameradinnen. Wenn die besten Freundinnen Deutsch wählen, dann wählt man selbst auch Deutsch. Darüber hinaus spielt der Ruf der Fremdsprachenlehrerinnen eine kaum zu unterschätzende Rolle bei der Sprachenwahl. Wie inzwischen auch eine aktuelle Studie (vgl. Koskela & Helminen 2012) belegt, wählen Schülerinnen Deutsch gern als weitere Fremdsprache, wenn sie mit der künftigen Deutschlehrerin bereits als Schwedischoder Englischlehrerin gute Erfahrungen gemacht haben. Im Ergebnis kann dies dazu führen, dass Schulen sich den Ruf einer Schule mit exzellentem Sprachenunterricht erwerben, weshalb es Schülerinnen immer häufiger dorthin zieht. Im Rahmen der schulischen Ganztagsbetreuung spielt auch das clubpädagogische Nachmittagsangebot eine wichtige Rolle. Wer Deutsch in informeller Umgebung auf spielerische Art und Weise kennen lernt, tendiert dazu, Deutsch auch als Schulfach zu wählen und beizubehalten (vgl. Hertell 2015). Im Zusammenhang mit der schulischen Fremdsprachenwahl weisen die Befragten auch auf einen Zielkonflikt hin, der darin bestand und besteht zu entscheiden, ob man eine oder zwei Sprachen gründlich oder drei oder vier Sprachen nur in den Anfängen erlernen will. Als Fazit ist festzuhalten, dass die befragten Germanistikalumnae der Geburtsjahrgänge 1964-1992 während ihrer primären und sekundären Sozialisation drei zentrale Dimensionen von Mehrsprachigkeit kennen lernten, nämlich erstens „gesellschaftliche Mehrsprachigkeit“ in den mehrsprachigen öffentlichen Medien des offiziell zweisprachigen Finnland, zweitens „institutionelle Mehrsprachigkeit“ in Schule und Behörde und drittens „individuelle Mehrsprachigkeit“ in Familie und Freizeit (Riehl 2014: 11-17, s. auch Busch 2013: 13-79). Künftige Verbleibstudien müssen erweisen, inwiefern sich die inhaltliche Füllung dieser drei Dimensionen infolge der mit dem EU-Beitritt Finnlands verbundenen Einwanderungsund Flüchtlingspolitik ändert. 5.3. Auslandsaufenthalte Vor Studienbeginn haben 32 der 36 Befragten eine längere Zeit im Ausland verbracht, davon 27 im deutschen Sprachraum. Bei diesen Aufenthalten handelte es sich um Schülerinnenaustauschprojekte, Privatreisen oder Au-pair-Jobs. Während des Studiums nahmen elf der 36 Befragten an einem Studierendenaustausch (= Erasmus) teil, davon 8 an einer deutschsprachigen Universität. 16 Befragte absolvierten während des Studiums entweder das obligatorische Sprachpraktikum (Mindestdauer: drei Monate) oder einen Ferienjob (Regeldauer: 3-4 Monate) in einem der Zielsprachenländer. Sieben Befragte verbrachten insgesamt weniger als sechs Monate bzw. überhaupt keine Zeit im deutschen Sprachraum. Nur wenige Befragte gaben sowohl einen Studienaufenthalt als auch einen Ferienjob im Zielsprachenraum an. Erst auf gezielte Nachfrage legten die Befragten den genaueren Sinn und Zweck ihrer Auslandsaufenthalte offen. Aufs Ganze betrachtet zeichnen sich dabei vier Tendenzen ab: a) Alumnae, die bereits vor oder spätestens während des Studiums wussten, dass sie als Deutschlehrerinnen arbeiten wollten, geben an, durch einen längeren Aufenthalt im Zielsprachenraum in erster Linie ihre Kenntnisse des Alltagsdeutschen verbessern zu wollen. Dies steht im Einklang mit der in mehreren Tamperenser Masterarbeiten ermittelten Überzeugung von Deutschlehrerinnen, dass sehr gute Deutschkenntnisse im Klassenraum eine „natürliche Autorität“ verleihen: Wer das gesamte Unterrichtsgeschehen spielend auf Deutsch gestalten kann, gewinnt den nachhaltigen Respekt der Schülerinnen. Diese Überzeugung gilt als der zentrale Grund dafür, dass das Erlernen der (deutschen) Wissenschaftssprache unter Lehramtsstudierenden nicht immer sehr beliebt ist und mitunter sogar als kontraproduktiv für das Lehramtsstudium angesehen wird (vgl. z.B. Luoma 2016). b) Die meisten Lehrerinnen unter den befragten Alumnae geben an, dass sie wegen der aus ihrer Sicht unklaren Relevanz von Wissenschaft für den Lehrberuf auf ein Austauschstudium an einer deutschsprachigen Universität verzichteten. Die Zwänge der Regelstudienzeit erleichtern eine solche Entscheidung. c) Alumnae, die sich vor oder während des Studiums für außerschulische berufliche Tätigkeiten entschieden hatten, wählten Auslandsaufenthalte und Austauschstudien gezielt für die eigene berufliche Profilbildung aus. Solche Alumnae geben an, dass sie sowohl die Alltagsals auch die verwissenschaftlichte Berufssprache erlernen wollten und auch künftig aufrechterhalten wollen. d) Nur vereinzelt wird erwähnt, dass das Studium selbstzweckhaft ohne konkretes Berufsziel abgeschlossen wurde. Deshalb werden Auslandsaufenthalte während des Studiums nur noch selten als Bildungsreise im traditionellen Sinn angetreten. Insbesondere die Einschätzungen der Auslandsaufenthalte deuten insofern einen gravierenden Funktionswandel des akademischen Studiums an, als die Mehrheit der Alumnae das Studium in erster Linie als berufsqualifizierend ansah, was zumindest bis in die jüngste Vergangenheit hinein mit dem Konzept von „Bildung durch Wissenschaft“ konkurrierte, das im deutschen Sprachraum mit dem Namen Humboldt und in Finnland mit dem Namen Snellman verbunden ist. Unter „Bildung durch Wissenschaft“ wird gemeinhin verstanden, dass man sich gleichsam in klösterlicher Abgeschiedenheit in 36 Aho, Sarianna; Lankinen, Jutta; Pekkola, Meeri; Rantanen, Pekka; Reuter, Ewald; Silvan, Stephanie & Ylönen, Katariina (2017), Mehrsprachige Germanistinnen im Beruf. Ergebnisse einer explorativen Verbleibstudie unter Germanistikalumnae der Universität Tampere. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 22: 2, 30-43. Abrufbar unter http://tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/index.php/zif/. Erkenntnisfragen versenkt, ohne sich um deren mögliche Berufsrelevanz oder Verwertbarkeit zu scheren (vgl. Schelsky 1960: 18, 23, 25; vgl. von Humboldt 1810/1971; Snellman 1840; vgl. Tenorth 2017). Den Alumnae zufolge studiert man heute dagegen umso zielführender, je früher man sich im Studium für bestimmte Berufsfelder entscheidet und sich dementsprechend in Studium und Freizeit auch eigeninitiativ profiliert. Diesbezüglich ist in Finnland inzwischen allgemein bekannt, dass Studiengänge mangels Auskunft über ihre Praxisoder Berufsrelevanz in die Krise geraten, was man gegenwärtig sehr gut am Beispiel der Geisteswissenschaften, insbesondere am Rückgang literaturwissenschaftlicher Studienanteile in den Fremdsprachenphilologien, verfolgen kann (vgl. die Beiträge in Meretoja, Isomaa, Lyytikäinen & Malmio 2015). Hinsichtlich des Lehramtsstudiums stehen zuständiges Ministerium und Universitäten auf der einen Seite und die Lehrerschaft auf der anderen Seite offenbar vor einem gewaltigen Kommunikationsproblem: Während offizielle Verlautbarungen das verwissenschaftlichte Lehramtsstudium immer wieder als entscheidenden Faktor für die PISA-Erfolge herausstreichen (vgl. Sahlberg 2011), rücken die befragten Lehrerinnen dagegen die geduldige bodenständige Spracharbeit im Klassenraum in den Vordergrund (vgl. Kerstan 2017; Reuter 2014). Jedenfalls geht aus den Aussagen der befragten Lehrerinnen hervor, dass auch die praktische Lehrerausbildung die Kluft zwischen Wissenschaft und Unterrichtspraxis deshalb nicht zu überbrücken vermag, weil sie allzu oft wegen weltfremder Theorielastigkeit die Hektik, Widersprüchlichkeit und Konfliktträchtigkeit des heutigen Schulalltags übersieht. 5.4. Gründe für die Studienfach-, Studienortund Berufswahl Die Gründe für die Aufnahme eines Germanistikstudiums sind vielfältig. Während viele schon während der Schulzeit wussten, dass sie Deutsch und andere Fremdsprachen studieren wollten, hätten einige gern auch andere Studienfächer gewählt, scheiterten aber in den entsprechenden Aufnahmeprüfungen. Studienfachwechslerinnen geben an, dass sie während des Studiums durch entsprechende Vorleistungen ein anderes Fach zum Hauptfach machen konnten und Germanistik danach im Nebenfach studierten. Von den 36 Befragten absolvierten 15 Alumnae die Lehrerausbildung und 19 Alumnae studierten eine weitere Fremdsprache. Die drei meistgenannten Nebenfächer der befragten Lehrerinnen waren Schwedisch, Englisch und Psychologie. Die drei meistgenannten Nebenfächer der Nicht-Lehrerinnen waren Betriebswirtschaftslehre, Tourismus und Kommunikationswissenschaften. Die Attraktivität von Stadt und Universität Tampere spielte eine entscheidende Rolle bei der Studienortwahl. Erwähnt wird, dass Tampere zwar „weit genug vom eigenen Elternhaus“ entfernt war, dass man aber trotz Wegzug vom Heimatort den Kontakt zu Eltern und vor allem zu Freundinnen nicht abbrechen musste. Auch die Tatsache, dass die Stadt Tampere wegen vergleichsweise preiswerten Dienstleistungen als besonders studierendenund familienfreundlich gilt, wird häufig als gewichtiges Kriterium genannt. Darüber hinaus gilt Tampere traditionell als eine fremdsprachenfreundliche Stadt, die inzwischen auch als einzige finnische Kommune eine eigene Sprachenstrategie lanciert und explizit empfiehlt, in den Schulen eine andere Sprache als Englisch als erste Fremdsprache zu wählen. Die oben (s. Kap. 2) bereits erwähnte „freie Nebenfachwahl“ macht laut den Alumnae die besondere Attraktivität der Universität und ihrer Lehrangebote aus. Hinsichtlich der Tamperenser Germanistik wird vor allem der Studienschwerpunkt „Interkulturelle Wirtschaftskommunikation“ genannt, der auch Studienortwechslerinnen dazu bewog, ihren Studienort aus dem Inoder Ausland nach Tampere zu verlegen. Mehrfach erwähnen Alumnae, dass sie erst im Zusammenhang mit diesem Studienschwerpunkt erfahren hätten, dass man nicht automatisch Deutschlehrerin werden müsse, wenn man Germanistik studiere. Manche bekunden sogar, dass sich ihre gesamte Lebensund Berufsperspektive durch die Teilnahme am Schwerpunkt „Interkulturelle Wirtschaftskommunikation“ geändert hätte. So habe man beispielsweise gelernt, die eigenen Sommerjobs wissenschaftlich zu reflektieren oder in Masterarbeiten fundierte Antworten auf Probleme des eigenen Arbeitslebens zu suchen und zu finden. Erwähnenswert ist schließlich, dass das gesamte Studium mehrsprachig verläuft. In den Fremdsprachenphilologien dominiert zwar die Zielsprache als Unterrichtssprache, daneben gibt es aber auch immer häufiger englischsprachige Veranstaltungen in benachbarten Studienfächern. Fremdsprachenphilologische Masterarbeiten werden in der Zielsprache abgefasst. In germanistischen Masterarbeiten der Universität Tampere werden am häufigsten deutsche, englische, finnische und schwedische Quellen zitiert. In Sprachund Berufspraktika herrschen Deutsch, Finnisch und Englisch als Verkehrsbzw. Arbeitssprachen vor. 5.5. Mehrsprachigkeit im Berufsleben Die Germanistikalumnae übten zum Zeitpunkt der Befragung eine Lehrtätigkeit aus oder waren im Handelsund Dienstleistungsbereich tätig. Die oben (s. Kap. 2) erwähnte Schulsprachenpolitik erschwert es Lehrerinnen zunehmend, eine Festanstellung zu finden. Zudem beklagen sie, dass sie immer häufiger ausschließlich Englisch oder Schwedisch unterrichten müssten, obwohl sie Deutsch im Hauptfach studiert hätten. Die Mehrheit der Nicht-Lehrerinnen gibt an, dass sie an mehrsprachigen Arbeitsplätzen tätig sind, an denen wechselnd Englisch oder Finnisch dominiere, Deutsch aber dennoch wichtig sei. Griffig wird dies von einzelnen Befragten wie folgt auf den Punkt gebracht: „Deutsche Firmen verkaufen gern 37 Aho, Sarianna; Lankinen, Jutta; Pekkola, Meeri; Rantanen, Pekka; Reuter, Ewald; Silvan, Stephanie & Ylönen, Katariina (2017), Mehrsprachige Germanistinnen im Beruf. Ergebnisse einer explorativen Verbleibstudie unter Germanistikalumnae der Universität Tampere. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 22: 2, 30-43. Abrufbar unter http://tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/index.php/zif/. auf Englisch, aber kaufen tun die nur auf Deutsch.“ Das Sprachenregime finnischer Unternehmen resümieren einzelne Alumnae ebenso kurz und bündig: „Englisch ist ein Muss, jede weitere Fremdsprache ist ein Plus“, wobei „Plus“ bedeute, dass man jede weitere Sprache in Wort und Schrift sehr gut beherrschen müsse. In diesem Zusammenhang hatte bereits die Vorgängerstudie (vgl. Bodmann et al. 2013) ergeben, dass vorzugsweise deutschkundige finnische Mitarbeiter bei Problemen als trouble killer zu Partnern und Kunden in den deutschen Sprachraum geschickt werden. Die befragten Nicht-Lehrerinnen stellen wiederholt heraus, wie überaus wichtig die Kombination von Sprachund anderen Fachstudien sei, da im Arbeitsleben allein die erfolgreiche berufliche Interaktion zähle. Aus diesem Grunde sei es sehr wichtig, sich bereits während des Studiums berufsfeldbezogene Inhalte anzueignen, die allerdings meist jenseits der traditionellen Grenzen der finnischen Germanistik lägen. Alle Alumnae betonen, dass im heutigen Arbeitsleben die Berufserfahrung mehr zähle als der Studienerfolg. So würden beispielsweise solche Berufsanfängerinnen, die sich bereits während des Studiums im Vertretungsunterricht bewährt hätten, von Schulen bevorzugt rekrutiert. Ähnliches gilt für den Wirtschaftsbereich. Laut den Alumnae erhöhen sich die Chancen auf eine Anstellung drastisch, wenn man nachweisen kann, dass man bereits während des Studiums längerfristige berufliche Tätigkeiten erfolgreich erledigen konnte. Im Verlaufe der Interviews kommen viele zu dem Schluss, dass man sich durch Studien und Praktika umso gezielter auf berufsfeldspezifische Tätigkeiten vorbereiten könne, je eher man eine Berufsfeldwahl treffe. Das Problem sei, dass viele diesen Zusammenhang oft erst im Masterstudium einsehen lernten. In Ergänzung ihrer Aussagen zu Auslandsaufenthalten (s. Kap. 5.3) weisen einige Alumnae darauf hin, dass aus Arbeitgebersicht Auslandspraktikum und Auslandsstudium sogar ebenbürtig seien. In beiden Fällen hätte „man sich nämlich erfolgreich in einer fremden Umgebung mit einer Fremdsprache durchgeschlagen“ und Deutsch über die ansonsten bekannten finnischen Verhältnisse hinaus benutzt. Aus Arbeitgebersicht gälten längere Auslandsaufenthalte praktisch als Nachweis interkultureller Kompetenz. Möchte man diese Aussagen für mögliche Curriculumrevisionen nutzen, zeichnet sich ein curricularer Verdrängungsmechanismus ab, da ohne Erhöhung des Lehrpersonals die Integration neuer berufskommunikativer Inhalte nur durch Reduktion der traditionell dominierenden sprachpädagogischen Lehrangebote erfolgen kann. Aus diesem Grunde beklagen Tamperenser Lehramtsstudierende inzwischen, dass sie vom Lehrangebot längst nicht mehr so gut bedacht werden wie frühere Generationen (vgl. Luoma 2016). 5.6. Hidden competences „Hidden competences“ ist die einzige Kategorienbezeichnung, die nicht von den befragten Alumnae verwendet wurde, unter der sich jedoch eine Reihe ihrer Anregungen und Wünsche zusammenfassen lassen. Mit dem Ausdruck „hidden competences“ (CIMO 2014) wird darauf aufmerksam gemacht, dass zahlreiche Fertigkeiten und Fähigkeiten, die man durch internationale Erfahrungen entwickelt, am Arbeitsmarkt nicht erkannt werden. Folglich ist es das Ziel, die aus neuartigen internationalen Mobilitätserfahrungen resultierenden „versteckten Kompetenzen“ zu definieren und als relevantes Rekrutierungsmerkmal sichtbar und kommunikabel zu machen. Wie Tab. 1 veranschaulicht, geht es im Kern darum, das „enge“ Konzept von internationaler Erfahrung durch ein „erweitertes“ Verständnis auszudehnen. Tab. 1: Enges und erweitertes Verständnis von internationaler Erfahrung (nach CIMO 2014: 21) Traditional understanding of international experience Extended understanding of international experience • Language skills • Ability to think outside one’s sphere of experience • Wide networks within one’s field • Broad networks also in different fields • Understanding of international business • New abilities and skills during free time • Ability to work with multiple people • Works with diverse groups of people regardless of language or location • Having lived or studied abroad • Follows global media Das „erweiterte“ Konzept von internationaler Erfahrung deckt sich mit solchen Alumnaeaussagen, welche beklagen, dass ihre durch internationale Erfahrung gewonnenen neuartigen Kenntnisse und Fertigkeiten bei Bewerbungen oder Einstellungsgesprächen oft „unter den Tisch fallen“. Sie fordern daher, dass man spätestens im Studium darauf aufmerksam gemacht werden müsse, wie wichtig der Nachweis von „Mut“, „Empathie“, „Improvisationsfähigkeit“, „Vorurteilslosigkeit“, „Durchsetzungsfähigkeit“, „Neugier“ und „Kooperationsfähigkeit“ durch längere Auslandsaufenthalte und aktiven 38 Aho, Sarianna; Lankinen, Jutta; Pekkola, Meeri; Rantanen, Pekka; Reuter, Ewald; Silvan, Stephanie & Ylönen, Katariina (2017), Mehrsprachige Germanistinnen im Beruf. Ergebnisse einer explorativen Verbleibstudie unter Germanistikalumnae der Universität Tampere. Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht 22: 2, 30-43. Abrufbar unter http://tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/index.php/zif/. Fremdsprachengebrauch sei. Diese nachgewiesenen Kompetenzen müsse man offensiv darstellen, auch wenn sie von Arbeitgebern im Bewerbungsgespräch (noch) nicht erfragt würden. Deshalb müsse es im Studium auch Veranstaltungen geben, in denen man systematisch die professionelle positive Selbstdarstellung erlernen könne, und dies möglichst in allen an der Universität gelehrten Sprachen. Einzelne beruflich besonders erfolgreiche Alumnae raten aktuellen Studierenden dringend zu einem Identitätswechsel: Man sollte das tradierte Bildungsdenken (s. Kap. 5.3) nicht mehr so sehr betonen und statt der alten Selbstgenügsamkeit „den Mut haben, sich durchzusetzen“ und „die eigenen Interessen offensiv zu vertreten“, besonders dann, „wenn es um Gehaltsvorstellungen geht“. Die „Bescheidenheit“ und „Zurückhaltung“, die man früher im Germanistikstudium unbemerkt übernommen habe, zahlten sich im Arbeitsleben nicht aus. Besonders hervorgehoben wird, dass man solche Einstellungen und Handlungsweisen früher „eher im Ausland als in Finnland“ erwerben konnte, besonders „in Deutschland“. Damit ein solcher Identitätswechsel gelingen kann, muss man den Befragten zufolge beruflich immer auf dem Laufenden bleiben und nationale und internationale Trends des Berufslebens im Auge behalten. In diesem Sinne sollten Studium und Berufswelt nicht mehr als völlig voneinander getrennte, sondern als miteinander vernetzte Welten verstanden werden. Im Ergebnis bekräftigen diese Aussagen Forderungen, die zumindest Tamperenser Germanistikstudierende schon seit Langem erheben (vgl. Ellala & Lautala 2003). 5.7. Sprachenbezogene studentische Identitätsarbeit Bezüglich der sprachenbezogenen studentischen Identitätsarbeit ist als ein weiteres Resultat der Verbleibstudie festzuhalten, dass die Befragten bis zum Abitur alle über ein mehr oder weniger einheitliches Mehrsprachigkeitsprofil verfügen, das sich erst mit Aufnahme des Studiums studienfachspezifisch ausdifferenziert. Konkret bedeutet dies, dass spätestens das Studium in den beiden Tamperenser Masterprogrammen Mehrsprachige Kommunikation und Translation Deutsch/Finnisch und Deutsche Sprache und Kultur fachliche und berufliche studentische Identitäten und Loyalitäten prägt. Erstens speisen sich diese sprachenbezogenen Identitäten aus den schulischen und außerschulischen Erfahrungen, die zur Studienfachwahl führten, zweitens aus den je aktuellen Studienerfahrungen während des Studiums und drittens aus den Erwartungen an die eigene künftige berufliche Tätigkeit. Im Blick auf das gesamte Datenmaterial zeigt sich, dass die studentische sprachenbezogene Identitätsbildung prozesshaft verläuft und insofern von Schwerpunktverlagerungen gekennzeichnet ist, als bei Studienbeginn die Erwartungen an das Deutschstudium noch stark vom eigenen Deutschunterricht in der Schule geleitet werden, während gegen Studienende Erwartungen an das Berufsleben stark an Bedeutung gewinnen. Die studierte Hauptsprache dominiert die studentische Identität sogar so stark, dass Alumni in den Interviews oft vergessen anzugeben, welche Sprache(n) sie u.U. am universitären Sprachenzentrum gleichsam nebenher erlernt haben. Insgesamt konnten drei miteinander konkurrierende studentische Identitäten ermittelt werden, wobei zunächst die grobe Unterscheidung zwischen translatologischer und philologischer Identität zu beachten ist. Diese Unterscheidung geht auf jene Studienzeiten der Befragten zurück, als „Dolmetschen und Übersetzen“ und „Germanistik“ noch eigenständige Studiengänge waren, welche gegenwärtig jedoch mehr und mehr fusioniert werden. Die zweite Unterscheidung bezieht sich auf die Aufspaltung der traditionellen philologischen Identität in eine Lehrerinnen-Identität und eine neuartige Nicht-LehrerinnenIdentität. Zieht man die Themen von Masterarbeiten als entscheidendes Kriterium heran, dann bedient das heutige Masterprogramm Deutsche Sprache und Kultur auch aus Sicht der Befragten zwei mehrsprachige Klientelen mit je eigenem Studienprofil (vgl. Tab. 2). !