Die Watussi auf dem Wasser: Überlegungen zu kultur-, fotografie- und literaturgeschichtlichen Quellen eines Schiffsnamens und seiner ethnifizierenden Ausdeutung
Abstract
Ausgehend von kolonialen Bildarchiven, in denen sich Fotos des 1928 vom Stapel gelaufenen Schiffes ›Watussi‹ erhalten haben, untersucht der Beitrag…
Full text
| 215 ANNE D. PEITER Die Watussi auf dem Wasser Überlegungen zu kultur-, fotografieund literaturgeschichtlichen Quellen eines Schiffsnamens und seiner ethnifizierenden Ausdeutung Im mehreren kolonialen Bildarchiven, unter ihnen die Sammlung der einstigen ›Deutschen Kolonialgesellschaft‹, die heute in digitalisierter Form von der Universitätsbibliothek in Frankfurt am Main betrieben wird, haben sich Fotos eines Schiffes erhalten, das 1928 vom Stapel lief und als Besitz Woermanns zur Deutschen Afrika-Linie gehörte. Bis zur Selbstversenkung des Schiffes im Dezember 1939 blieb dieser Zwei-Schornsteiner als ein Transportmittel bekannt, das seine Jungfernfahrt Richtung Südafrika unternommen hatte. Es verband sich daher vornehmlich mit afrikanischen Konnotationen, galt sozusagen als ›afrikanisches Schiff‹ (Abb. 1 und 2). Was mich im Folgenden interessieren soll, ist der Name, der mit seiner kolonialrevisionistischen Stoßrichtung ein ganzes Set von ethnischen Klischees aufrief, die sämtlich im so genannten ›HamitenMythos‹ – die ruandische und burundische Bevölkerung betreffend – wiederzufinden sind. ›Watussi‹ wurde das Schiff genannt, und damit war eine Bevölkerungsgruppe gemeint, die in Ruanda n umerisch eine Minderheit darstellte, dort jedoch bis zur Einführung der Republik (1962) das zentrale KönigKiel-UP • https://doi.org/10.38072/2941-3362/p19 Abb. 2: ›Watussi‹, Woermann Linie AG, Fotografie ohne Jahr. Internationales Maritimes Museum Hamburg, Sammlung Schiffsnegative. Abb. 1: ›Watussi‹, Woermann Linie AG, Fotografie ohne Jahr. Internationales Maritimes Museum Hamburg, Schiffsnegative.
216 | Nordelbingen 90 tum gestellt hatte.1 Die deutschen Kolonisatoren,2 die ab Mitte der 1890er Jahre als erste ruandischen Boden betraten und sich dort bis 1916 als Kolonialmacht betätigten, setzten, ohne dies eigens beabsichtigt zu haben, die künstliche Ethnifizierung der ruandischen Bevölkerung in Gang.3 Die Deutschen (und, ihnen nachfolgend, die Belgier als zweite Kolonialmacht) gingen davon aus, die Tutsi (oder, in der Pluralbildung, »Watussi«4) seien eigentlich als »weiße Neger« zu betrachten,5 die als Nachfahren des biblischen Noah ursprünglich gar nichts mit Afrika zu tun gehabt hätten.6 Gegen die Behauptung, die Deutschen hätten kaum Spuren in der ruandischen Gesellschaft hinterlassen, steht die Einschätzung, die der Historiker Mironko zu den Folgen der deutschen Kolonialherrschaft formuliert: »German colonial authorities 1) rigidified the pre-colonial ethnic divide by supporting the local kingdom’s campaigns against smaller chiefdoms, both Hutu and Tutsi. 2) Over time, German administrators undermined the king’s power by superseding his authority. 3) The Germans introduced a civil administration that was not under the control of the king. 4) The introduction of Catholic churches and especially schools during the German occupation set the stage for ethnic stereotypes and hierarchies that have endured and became cemented in political and scholarly discourses up to the present.« In Übertragung eines ganzen Sets von antisemitischen Klischees7 schrieb man ihnen eine »ferne Herkunft«, besondere Intelligenz,8 einen ausgeprägten Herrschaftswillen, »semitische Verschlagenheit«9 und den – wiederum als Ehrung gemeinten – Charakter zu, »nicht-negroid« und damit besonders schön zu sein.10 Die Hutu hingegen wurde als wenig attraktive, bäuerliche Unterschicht betrachtet, denen schwerlich die Regierungsgeschäfte zugetraut werden dürften. Die dritte Gruppe nenne sich »Twa« und entspreche einem Volk »primitiver Zwerge« von großer »Hässlichkeit«. Genaueres zu diesem ganzen Set von Zuschreibungen wird im Folgenden vorzustellen sein. Hier sei einführend festgehalten, dass die Tutsi systematisch mit sozialer, ästhetischer und geistiger ›Überlegenheit‹ sowie der Dominanz eines machtbewussten Königtums in Verbindung gebracht wurden, das erst nach langen Wanderungsbewegungen nach Ruanda gekommen sei. Die Idee der ›Fremdheit‹ der Tutsi war also für die Theorien zentral, die die Europäer*innen auf Ruanda anzuwenden versuchten. 1 Es gab auch Hutu-Königtümer, doch die Kolonisatoren konzentrierten sich ganz auf den König Mutsinga, der denn in der Tat auch als ›physisches Modell‹ zur Einschätzung der vermeintlich einheitlichen Körperlichkeit ›des‹ Tutsi diente. 2 Ich verwende hier und im Folgenden allein die männliche Form, weil der Einfluss von Frauen in diesem Bereich nicht hervortritt. 3 Zu den unverzichtbaren Forschungen in diesem Bereich gehört das Buch von Chrétien/Kabanda 2016. 4 Der Numerus von Substantiven werde, so Stockhammer »mit Präfixen konstruiert, die nicht nur dem Plural, sondern auch dem Singular voranstehen. Im Fall von Substantiven der 1. Klasse, der sog. ›Menschenklasse‹, sind die Präfixe Mubzw. Ba-: Ein Muhutu, Mututsi, Mutwa– mehrere Bahutu (ältere Schreibweise: ›Wahutu‹), Batutsi (ältere Schreibweise: ›Watussi‹), Batwa.« Stockhammer 2005, S. 8. 5 Chrétien 1999, S. 129–166. 6 Genaueres dazu in Peiter 2024a, S. 41–66. 7 Miles 2000, S. 107–115. 8 Eine eigene Untersuchung dazu ist in Vorbereitung: Peiter 2025c. Der Beitrag erscheint in einem Sammelband mit dem Titel Why intelligence?. 9 Vgl. zu den daraus resultierenden Verschwörungsmythen Peiter 2024b. 10 Die jahrhundertealte Vorgeschichte dieser Zuschreibungen, die auf biblischen Traditionen fußte, wird rekonstruiert in Rohrbacher 2002.
A. Peiter: Die Watussi auf dem Wasser | 217 Indem ich die beiden obenstehenden Fotos, in denen das besagte Schiff ins Bild gesetzt wurde, zum Ausgangspunkt nehme, möchte ich anhand von einschlägigen Romanen, Reiseberichten, anthropologischen Veröffentlichungen und nicht zuletzt einer großen Palette von Fotos die Assoziationen aufspannen, die sich in der späten Weimarer Republik für die mit Schifffahrtsfragen vertraute Bevölkerung Schleswig-Holsteins und Hamburgs mit dem Wort ›Watussi‹ verband. Indem die touristische Nutzung des Schiffes, der implizite Herrschaftsanspruch der Deutschen (als Revision des Versailler Vertrags) sowie die rassistische Klassifizierung von vermeintlich feststehenden, ›durchmischungsfreien‹ Ethnien11 gemeinsam betrachtet werden, soll eine kulturgeschichtliche Studie zu einem Schiffsnamen geleistet werden, der mit der kolonialen und literarischen Imagination zu dem kleinen, zentralafrikanischen Land korrespondierte (Abb. 3). Ziel des Beitrags ist es, in Erinnerung zurückzurufen, dass die deutsch-ruandische Verflechtungsgeschichte, die sich an der Taufe des Schiffes festmachen lässt, in Deutschland heute weitgehend unbekannt ist, obwohl sich Männer wie Richard Kandt (der erste deutsche Resident in Ruanda und Autor des Buches Caput Nili. Eine empfindsame Reise zu den Quellen des Nils12), Max Weiss (ein Topograf, der mit einem Buch über Völkerstämme hervortrat13) oder der äußerst produktive Jugendbuch-Autor Otto Felsing um die Jahrhundertwende großer Bekanntheit erfreuten. Sie haben alle drei auf je eigene Weise zur Ethnogenese in der Kolonie beigetragen.14 Doch heute sind diese Figuren, abgesehen von Richard Kandt,15 aus dem kollektiven Gedächtnis geschwunden, und mit ihnen auch die Antwort auf die Frage, warum das Schiff gerade ›Watussi‹ geheißen habe. Darum also soll es im Folgenden gehen: um eine semantische Mikrogeschichte, an deren Beispiel sich nicht nur die fortwirkende Berühmtheit der Tutsi in den ausgehenden 1920er Jahren nachwei11 Kritisch zum Begriff des ›Neolitischen‹, d. h. »vom Nil her kommend«, der die Selbstwahrnehmung von Bevölkerungen einer Großregion beeinflusst hat, vgl. Jackson o. J. 12 Kandt 1904. 13 Weiss 1910. 14 Felsing 1905. 15 Die Bundesrepublik hat 2017 in Kigali ein aus deutschen Steuergeldern finanziertes Museum eröffnet, das sich ›RichardKandt-Museum‹ nennt. Die Wahl des Namens ist angesichts der Tötungen und Prügelstrafen, die Kandt bei seinem elf Jahre andauernden Leben in Ruanda durchführte, durchaus problematisch. Zur Kritik am Museum vgl. Peiter 2024a, S. 312–346. Zur Ermordung eines Twa durch Kandts Leute vgl. Kandt 1904, S. 37. Abb. 3: Untergang der ›Watussi‹, Fotografie von 1941. Goethe-Universität Frankfurt am Main, Koloniales Bildarchiv, Bildnr. 004-1085-25 .
218 | Nordelbingen 90 sen lässt, sondern auch die spätere Einbuße an Interesse, die wesentlich auf den Zweiten Weltkrieg zurückzuführen ist. Dies hat jedoch keineswegs nur mit dem kriegsbedingten Untergang des Schiffes, sondern, sehr viel allgemeiner, mit der Katastrophe von Krieg und Diktatur zu tun. Sie minderte die Beschäftigung mit kolonialpolitischen und -revisionistischen Fragen und ließ Ruanda lange Zeit in weite Ferne rücken. Die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit des Kaiserreichs hat denn auch erst seit den 1990er Jahren langsam in größerem Maßstab Eingang in die historische Forschung der Bundesrepublik gefunden. Da die ethnischen Separierungstendenzen in Ruanda letztlich die ideologische Grundlage abgaben für den Genozid an den Tutsi, der 1994, hundert Jahre nach dem Beginn der Kolonialisierung, in nur drei Monaten wahrscheinlich me hr als eine Million Menschen das Leben gekostet hat,16 erweist sich der Blick auf die einst wirkungsmächtige, da symbolisch stark aufgeladene Bezeichnung ›Watussi‹ zugleich als Zentrum eines Nachdenkens über die langfristigen Folgen von kolonialen Ordnungssystemen.17 Der deutsche und der belgische Kolonialapparat hatten selbstverständlich keinen Genozid im Sinn gehabt, als sie die ruandische Bevölkerung zu ordnen und ethnisch zu klassifizieren versuchten. Doch feststeht, dass sich über das Nicht-Intentionale hinaus physische Stereotypen zu verfestigen begannen, indes die Privilegierungspraxis der Kolonisatoren sich auf sie stützte.18 Dies hatte langfristige Rückwirkungen auf die Selbstwahrnehmung der ruandischen Bevölkerung und das Verhältnis der drei Gruppen zueinander. Insofern muss der Ethnogenese ideologiegeschichtlich eine kaum zu überschätzende Bedeutung zuerkannt werden. Mit ihr verbindet sich die lange Geschichte der Gewalteskalation, die sich seit der so genannten ›sozialen Revolution‹ des Jahres 1959 wiederholt in Pogromen, Massenvertreibungen, Plünderungen und Vergewaltigungen äußerte.19 Insofern geht die Untersuchung zum Schiffsnamen weit über das Problem der historischen Semantik hinaus. Letztlich stellt sich die Frage nach den Verbindungen zwischen Kolonialgeschichte und Genozid, verstanden in einer Perspektive der longue durée.20 Die ›Watussi‹, die ›Twa‹ und das Stereotyp unterschiedlicher Zivilisationsgrade Stets um die Weihnachtszeit pflegte im Kaiserreich der Jahrhundertwende ein Jugendbuchautor an die Öffentlichkeit zu treten, der, darin einem Karl May nicht unähnlich, relativ wenig gereist war, in seinen Veröffentlichungen jedoch in ganz unterschiedlichen Weltteilen der kolonialpolitisch interessierten Jugend die Abenteuer seiner eroberungsfreudigen Helden vorführte. Mal bewegte sich Felsing in der Südsee, mal in Afrika, mal in phantastischen Gegenden Amerikas.21 Immer behauptete er, der jungen Leser*innenschaft mit Hilfe seiner Fiktionen ein kolonialpolitisch relevantes Wissen und 16 Zur langen Vorgeschichte der eskalierenden Gewalt vgl. Mugesera 2014. 17 Peiter 2024a, S. 41–66. 18 Es muss daran erinnert werden, dass bis 1959 einseitig die Tutsi begünstigt wurden, während es durch die so genannte ›Revolution‹ dann zu einem von den Belgiern gestützten Umschlag, hin zur Privilegierung der Hutu, kam. 19 Vgl. Prunier 1995. 20 Peiter 2024a, S. 67–81. 21 Zur Einordnung des Genozids vgl. die wichtige Untersuchung von Dumas 2014.
A. Peiter: Die Watussi auf dem Wasser | 219 damit die notwendige Begeisterung für spätere, kolonialistische Aktivitäten zu vermitteln. Zu seinen Büchern gehört auch ein aufwendig gebundener Roman über Ruanda, der den Titel Rote Männer in Ruanda trägt (vgl. Abb. 4). Gemeint sind mit diesen Männern keineswegs indianisch anmutende ›Rothäute‹, sondern die deutschen Expeditionsreisenden selbst. Dieser Roman ist bis heute von historischem Interesse, weil der Autor, ohne je in Ruanda gewesen zu sein, seiner Leser*innenschaft die Bilder vermittelte, die um die Jahrhundertwende in den Köpfen kursierten. Zentral für die Ideen, die man sich im Kaiserreich von der Bevölkerungsstruktur des kleinen, dicht besiedelten Landes machte, war die Entgegensetzung von »großen« und »kleinen« Menschen, die dazu berechtigen würden, Ruanda als das »Land der Riesen und der Zwerge« zu bezeichnen.22 Bei Felsing gibt es eine Szene, in der genau dieser Gedanke zum Tragen kommt. Zwar wird das Ganze als eine Fiebertraum-Phantasie ausgegeben, doch letztlich wird der Leser*innenschaft die Botschaft mit auf den Weg gegeben, sie habe es durchaus mit real existierenden, ethnischen Gruppen und ihrem jeweiligen Verhaltens-Kodex zu tun: » [D]anach wurde Wilhelm unter dem Dröhnen der Hunderte königlicher Pauken, dem gellenden Flöten der Hofmusiker des großen Despoten und dem schrillen Freudengeschrei der Weiber des Königs von einem der Riesen an den Beinen gepackt und über die Zäune der Residenz des ›Mami‹ [d.h. des Königs; A.P.] weg einem schwärzlichen Gewimmel zum Fraße zugeschleudert, das Wolffenburg zuerst für eine im Nachtdunkel zusammengerottete Herde großer Pudelhunde gehalten hatte, das sich aber dann, mit 22 Dies entspricht dem Titel, den der deutsche Topograph Max Weiss seiner Foto-Sammlung zu Ruanda zuwies. Auf ihn wird später noch zurückzukommen sein. (Koloniales Bildarchiv, Frankfurt/M.) 38 Fotos tragen dort den genannten Titel. Vgl. https:// sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialesbildarchiv/search/quick?query=Riesen+und+Zwerge (19.5.2024). Abb. 4: Buchcover des Romans Rote Männer in Ruanda von Otto Felsing.
220 | Nordelbingen 90 wildem Schreien sich aufrichtend, als eine zahllose Horde jener wildmähnigen schwarzen Zwerge entpuppte, die in den Urwäldern Zentralafrikas, in den farnkrautüberwucherten Schluchten der Birungavulkane und in den fürchterlich-öden Höhlen der erkalteten Lavaströme ihr unstetiges und flüchtiges Leben führen. Gelacht, schauerlich gelacht hatte Wolffenburg bei dem furchtbaren Anblicke, wie die Zwerge mit blitzenden Obsidianmessern und nicht minder blitzenden, scharf zugespitzten Zähnen über den weißen Leib hergefallen waren […]! Sein Ärger über Wilhelm und die Erzählungen Röder’s von den riesigen Ruandamenschen, den Watussi, und den in den Vulkankluften hausenden Batwas hatten sich zu dieser wilden Fiebertraumvision versponnen!«23 Die beiden ethnischen Begriffe, die im Kontext der Frage nach dem Schiffsnamen interessieren sollen, fallen ganz am Ende der Passage. Die Rede ist von den ›Watussi‹ und ›Batwa‹. Gemeint ist zum einen die Minderheit der Tutsi, die nach einschlägigen – doch stets schwankenden – Berechnungen etwa 15 Prozent der Bevölkerung ausmache.24 Die ›Batwa‹ bzw. ›Twa‹ hingegen werden in der Kolonialliteratur oft als ›Pygmäen‹ oder ›Zwerge‹ bezeichnet. Sie lebten in den Wäldern und seien zahlenmäßig verschwindend gering – etwa ein Prozent der ruandischen Bevölkerung sei dieser Gruppe zuzuzählen. In der obigen Passage wird deutlich, dass die Twa stark animalisiert, d. h. kaum als Menschen anerkannt wurden.25 Nicht umsonst wird ihr Lebensort von Felsing in die Wildnis von Urwald und Vulkanen verlegt, die gleichsam auf ihren »atavistischen Charakter« abgefärbt hätten. Verglichen werden sie zudem mit schwarzen, an Teufel gemahnende Pudeln, so dass es kaum wundernehmen kann, dass ihnen zerstörerisch-kannibalische Gelüste zum Vorwurf gemacht werden. Ungeachtet der Tatsache, dass die Bewunderung der Deutschen für den ›Widerpart‹ der Twa – nämlich die Tutsi – stark ausgeprägt war, wird hier zwecks Erzeugung von Spannung eine Art Komplizenschaft zwischen den »Langen« und den »Kurzen« (wie es in Übernahme kolonialer Begrifflichkeiten noch in einem Spiegel-Artikel aus dem Jahre 1973 heißen sollte26) in Szene gesetzt. Die ›Watussi‹ bzw. ›Tutsi‹ scheinen den »weißen Leib« des Deutschen zwar nicht mit Zähnen anzugreifen, doch wirklichen Widerstand gegen die menschenfresserische Gewaltpraxis der ihnen unterstellten Twa leisten sie in Felsings Phantasien nicht. Es zeichnet sich also schon hier eine wesentliche Ambivalenz ab, in der Bewunderung für und Ressentiment gegen die Tutsi auf unauflösliche Weise ineinandergreifen. 23 Felsing 1905, S. 33. 24 Dass die Zählergebnisse je nach historischer Phase ganz unterschiedlich auszufallen pflegten, weist bereits darauf hin, dass sich die Selbstbeschreibung der Gruppen an politischen und sozialen Erwägungen ausrichtete, d. h. keineswegs eine ›genetische Grundlage‹ hatte. 25 Zur Animalisierung, die im Vorfeld des Genozids den Tutsi widerfuhr, vgl. Peiter 2023a, S. 49–75. 26 Männer für Mwami, Der Spiegel 45/1965, 02.11.1965. Es heißt dort in unverkennbarer Übernahme kolonialer Stereotypen: »Wie der Grips ihrer milieubegünstigten Männer, brachte auch die Schönheit ihrer Frauen den Watussi Vorteile: Präsident Kayibanda und die Bahutu-Elite begehrten vornehmlich Watussi-Mädchen als Ehefrauen, denn – hoch gewachsen, mit feinen Gesichtszügen und schlanken Händen – unterscheiden sie sich vorteilhaft von den durch Jahrhunderte der Fronarbeit verschrumpelten Bahutu-Frauen. Die Watussi-Angetrauten zogen nach afrikanischer Art ihren Clan nach sich und versorgten ihn mit Ämtern.«
A. Peiter: Die Watussi auf dem Wasser | 221 Watussi und ihr hoher Sprung Dass nun im Gegensatz zu dem durchaus widersprüchlichen Bild der Tutsi, das im obigen Zitat von Otto Felsing aufscheint, die Körpergröße derselben als Argument für ihre soziale Höherrangigkeit benutzt wird, geht aus der folgenden Passage hervor, in der sich ein bereits seit längerem in Ruanda lebender Pater als Kenner von ethnischen Kategorien zu erkennen gibt und Vergleiche zwischen den Körpern der Tutsi auf der einen und den Körpern der jungen, deutschen Expeditionsmitglieder auf der anderen Seite anregt: »›Wie denn,– zwei und einen halben Meter sind die Ruanda-Leute groß?‹ fragte überrascht Herr Albrecht v. Wolffenburg. ›Nicht alle, natürlich; aber Riesen sind sie fast alle! Stellen Sie sich das einmal vor, junger Herr,‹ wandte sich der Pater an den ihm mit brennender Wissbegier lauschenden Edgar. ›Sie selbst sind ja ein schlanker, hübsch in die Höhe gewachsener junger Mann, eine junge Edeltanne, möcht’ ich beinahe sagen. Auf einen Meter 84 und wohl noch darüber schätze ich Sie. … Eins neunundachtzig? So! Nun dann ist Ihr Freund […] wahrscheinlich einen Meter 94 groß; stimmt’s? Schön, wenn Sie später einmal neben einem Mtussi [Watussi; A.P.] stehen werden, nur einem von Durchschnittsgröße, so zwischen 2,12 und 2,18, da werden Sie merken, dass Sie solchen Riesen mit dem Kopfe noch nicht an den waagerecht ausgestreckten Arm reichen!‹«27 Wie die rhetorische Praxis des ethnifizierenden Denkens funktionierte, kann an diesem Zitat mit beispielhafter Deutlichkeit abgelesen werden. Felsing lässt seine Figur zwar zugestehen, durchaus nicht alle Tutsi sei en groß, doch Ri esen seien sie trotzdem »fast alle«. Das »fast« entspricht der Marke der immer schon angenommenen, also nie wirklich bezweifelten Bestätigung. Es wird der Leser*innenschaft klargemacht, dass Generalisierungen bezüglich der ›herrschenden‹ Ethnie legitim und am Platze seien, da es Ausnahmen von der Riesenhaftigkeit des Erscheinungsbilds des Tutsi – fast – nicht gebe. Fotos, in denen sich Deutsche zusammen mit Mitgliedern der Oberschicht der Tutsi, besonders dem König Mutsinga, ablichten ließen (vgl. Abb. 5), zeigen diese als körperlich ›tiefstehend‹. 27 Felsing 1905, S. 78–79. Abb. 5: »Msinga und Hauptm. Kraut«, Ruanda, Fotografie um 1911. Leibniz-Institut für Länderkunde e.V., Leipzig, Sammlung Hans Meyer, Inv.-Nr. AlbAf036-0028, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-NC-SA 4.0 via Deutsche Digitale Bibliothek.
222 | Nordelbingen 90 ↑↑ Abb. 6: Hochspringen der Watussi, Ruanda (?), Fotografie um 1907/1908. Deutsche Fotothek, Sammlung Hans Meyer, Aufn.- Nr. df_a_0065537. ↑ Abb. 7: Springer am Hofe des Sultans, Kissenji, Ruanda, Fotografie ohne Jahr. Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum, Ident. Nr. VIII A 3178, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.
A. Peiter: Die Watussi auf dem Wasser | 223 Der Größenunterschied wird allein dadurch gemindert, dass die übrige Bevölkerung mit ihrer durchschnittlichen Größe hinter der Hauptszene aufgestellt wird, so dass Mutsinga dann doch eher als Ausnahmeerscheinung ins Bild tritt. Abgelegt sind die Fotos häufig unter Titeln, die Bezug nehmen auf den »Sultan Mutsinga«. Obwohl dieser weder mit dem Osmanischen Reich noch mit dem Islam etwas zu tun hatte, wurde der Rang seines Königtums in Zweifel gezogen bzw. durch das Wort ›Sultan‹ eine sprachliche Abwertung seiner Herrschaftsbefugnisse vorgenommen. Die schon erwähnte Ambivalenz trat hier erneut zu Tage. Zu den Mythen, die sich des Weiteren um die Tutsi rankten, gehörte eine athletische Praxis, die dem Gedanken der riesenhaften Größe zusätzliches Gewicht verlieh. Im Frankfurter Bildarchiv findet sich die Aufnahme eines Hochsprungs, bei dem ein Sportler aus den Reihen der Tutsi direkt über die Köpfe zweier, von Schaulustigen umgebenden Deutschen springt. Auch in anderen Archiven finden sich Aufnahmen, die sich sämtlich diesem Sprung-Ereignis widmen und dieses stets als öffentliches Ereignis ins Bild setzen, an dem durchaus nicht nur die Deutschen interessiert gewesen seien (vgl. Abb. 6 und 7 ). Die Aufnahmen zeigen, dass sich die Deutschen, die als Reisende oder Kolonisatoren nach Ruanda kamen, stets von Neuem beeindruckt vom physischen Erscheinungsbild der Tutsi fühlten. Die Fähigkeit zum Springen schien die Größe der Tutsi noch einmal zu erhöhen. Nicht nur überstieg der König seine Besucher um Haupteslänge – hinzu kam außerdem, dass seine Leute deren Gefühl, selbst klein zu sein, durch Sprünge verstärken konnten: Die Deutschen schienen für keinen von ihnen ein unübersteigbares Hindernis darzustellen. Ein einziger Satz genügte, und schon war man über sie hinweg. ›Ethnien‹ und ihre Tiere Fußend auf dem Hamiten-Mythos, entstand im Kolonialismus der biologistisch motivierte, sich aus einer jahrhundertealten Bibelexegese speisende Gedanke, dass es zwischen der Bevölkerungsmehrheit der Hutu (die man auf ungefähr 85 Prozent der Gesamtbevölkerung veranschlagte), der Minderheit der Tutsi und der winzigen Gruppe der Twa keine Ehen und ›Vermischungen‹ geben könne. Indem Größe stereotyp mit nur einer einzigen Gruppe in Verbindung gebracht wurde, wurde die Tatsache übersehen, dass die Begriffe ›Tutsi‹ und ›Hutu‹ in vorkolonialen Zeiten berufsständisch gemeint gewesen waren, d. h. soziale Mobilität trotz existierender Dienstverpflichtungen der Hutu durchaus zuließen: Ein*e Hutu konnte ein*e Tutsi werden oder ein*e Tutsi umgekehrt ein*e Hutu. Das Berufsständische verband sich in den Augen der Deutschen mit der Tätigkeit als Rinderhirten (die vor allen Dingen von den Tutsi gehütet würden) bzw. der des Ackerbauern (der allein den Hutu zuzuordnen sei). Dass sich die Kolonisatoren nicht nur für die Messung von Körpergrößen interessierten, sondern auch eine umfängliche Sammlung von Rinderfotos in das koloniale Bildgedächtnis einspeisten, ist in diesem Kontext kein Zufall. Es ergab sich eine Rhetorik, in der sich Vorstellungen über die Tiere mit Vorstellungen über ihre Besitzer durchmischten.28 Weil Kühe und Rinder auf besonders lange, prächtige Hörner hin gezüchtet wurden, stellt sich bei Durchsicht der Kolonialliteratur der Eindruck ein, die Kolonisatoren hätten die auffallende Größe der Tutsi mit der beeindruckenden Länge der Hörner ihrer Tiere assoziiert ( Abb. 8 und 9 ). 28 Peiter 2025a. [Der Beitrag erscheint 2025 in einem Band zur Kolonialgeschichte, hg. v. Marie-Annick Lamy-Giner.]
230 | Nordelbingen 90 Biblisch konnotierte Ursprungslegenden Verharrt man noch ein letztes Mal bei Richard Kandts Nilquellen-Buch Caput Nili und seinen Vorläufern, so ergibt sich, dass an der Zirkulation des anthropologischen Wissens eine überschaubare Anzahl von Männern beteiligt war, die sich in ihren Erkenntnissen gegenseitig stützten. Kandt bezieht sich auf den Grafen von Götzen, der 1894 als erster Deutscher ruandischen Boden betrat und zwischen 1901 und 1906 zum Gouverneur von Deutsch-Ostafrika avancierte. In dieser Rolle war er federführend an der brutalen Niederschlagung des Maji-Maji-Kriegs beteiligt. Als Kandts Buch erschien, konnte der Autor von Götzens Umgang mit den Kolonialisierten noch nicht wissen: Die Veröffentlichung lag ein Jahr vor dem Beginn dieses Krieges. Bei Kandt sind mit Blick auf seinen Vorreiter die ehrenden Zeilen zu lesen: »Er [Graf von Goetzen; A.P.] […] fand nicht, wie in den übrigen Teilen der Kolonie, eine spärliche, sondern eine nach Hunderttausenden zählende Bevölkerung von Bantunegern, die sich Wahutu nannten; er fand dies Volk in knechtischer Abhängigkeit von den Watussi, einer fremden semitischen oder hamitischen Adelskaste, deren Vorfahren aus den Gallaländem südlich Abessiniens kommend, das ganze Zwischenseengebiet sich unterworfen hatten; er fand das Land eingeteilt in Provinzen und Distrikte, die unter der aussaugenden Verwaltung der Watussi standen, deren riesige, über zwei Meter große Gestalten ihn an die Welt der Märchen und Sagen erinnerten […]. Und schließlich hörte er auch noch von Resten eines Zwergstammes, den Batwa, die in den Höhlen der das Land im Norden überragenden Vulkane als Jäger des Urwaldwildes hausen sollten.«35 Kandt selbst war ein zum Protestantismus konvertierter Jude, der seinen Namen eingedeutscht und diesem – wohl als Geste der Demut gegenüber dem Philosophen Kant – den Buchstaben ›d‹ hin zugefügt hatte. Die Vermischung von Antisemitismus und ethnifizierendem Zugriff auf Ruanda ging auf so selbstverständliche, gesellschaftlich anerkannte Weise vor sich, dass dem Nilquellensucher nicht auffallen konnte, selbst indirekt in die Ambivalenz von Abneigung und Verehrung einbezogen zu sein.36 Indem Kandt auf die vermeintlich »fernen« Ursprüngen der Tutsi rekurrierte und ihr »parasitisches« Verhalten anprangerte, machte er sich ungewollt zum Fürsprecher einer ›Fremdheitsthese‹, die hundert Jahre später, nämlich im Genozid, ihre ganze furchtbare Suggestivkraft beweisen sollte. Die Todes-Kommandos der Hutu-Miliz ›Interahamwe‹ sowie ihre zivilen Mitstreiter*innen betrachteten es häufig als ihre Aufgabe, die Tutsi, diese »Juden Afrikas«, über die Flusswege »zurück in ihre Heimat zu schicken«, nämlich als Tote.37 Dass die Flüsse im Moment der Befreiung der letzten Überlebenden voller Leichen lagen,38 hat einen seiner ideologiegeschichtlichen Ursprünge in der Fremdheitsthese aus Europa. All das, was weiter oben über die Spekulationen über 35 Kandt 1905, S. 258. 36 Dass Kandt selbst mit Antisemitismus zu tun hatte, geht aus der folgenden Stellungnahme hervor: Monseigneur Classe. Un audacieux pacifique. Namur: Collection Lavigerie 1948, S. 70, hier zitiert nach: Mukasonga 2014, S. 37: »Richard Kandt war ein hochintelligenter Jude, der in seiner Freizeit dichtete, und von der Gestalt her klein, schmächtig und olivfarben war. Die Galle, die ihm diesen Teint verliehen hatte, ging ihm nicht nur unter die Haut, er war auch bösartig. Seine Statur und vielleicht auch die uralten Gewohnheiten seiner Vorfahren hinderten ihn daran, ehrlich vorzugehen. Er verstand es, sich im Schatten mit kleinen Schlägen, die an eine Raubkatze erinnerten, hervorzutun.« 37 Vgl. Peiter 2025c. 38 Dies wird gestaltet in Saint-Exupéry/Hippolyte 2014, S. 11.
A. Peiter: Die Watussi auf dem Wasser | 231 den geographischen Ursprung der Tutsi angemerkt wurde, entfaltete hier seine Bedeutung. Für das kollektive Imaginäre des kolonialen Zeitalters galt also: »In the 19th century Jewish attributes were ascribed to Tutsis, thanks to a purported historical linkage dating back to ancient migrations. Exceptional intelligence and culture amidst ›brut‹ majorities spoke to Jewish and Tutsi distinctiveness throughout the ages. Scriptural fundamentalists could also point to a genealogical sibling relationship, linking Semites and Hamites, Jews and Tutsis, through an ancestral brotherhood between Shem and Ham [den Nachfahren Noahs, von dessen letztgenanntem Sohn sich überhaupt der Begriff ›hamitisch‹ ableitet; A.P.]«39 Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das ›semitisierte‹ Schiff ›Watussi‹ im Zweiten Weltkrieg mit seinem stolzen Namen auf Seiten des ›Dritten Reiches‹ zum Einsatz kam. Aus kolonialpolitischer Perspektive hatte sich der Antisemitismus-Export vor dem Jahr 1916, also dem Verlust der ruandischen Kolonie, jedoch als Orientierungshilfe dargestellt: »Their intelligent and delicate appearance, their love of money, their capacity to adapt to any situation seem to indicate a Semitic origin.«40 Der Genozid des Jahres 1994 macht eine Rhetorik, die weiterhin (doch mit neuen Vorzeichen) auf den Vergleich zwischen Tutsi und den europäischen Juden setzen zu können meint, problematisch. Auch wenn zuzugeben ist, dass es bei allen, augenfälligen Unterschieden strukturelle Ähnlichkeiten im Vollzug der Shoah und des Tutsizids gibt,41 droht die Wiederverwendung der Idee, die Tutsi seien die ›Juden Afrikas‹, die Fremdheits-These und damit indirekt das Überkommene des Hamiten-Mythos zu stützen. Der Historiker Miles argumentiert entsprechend: »Whether understood literally or metaphorically, the relationship between Tutsis and Hebrews (and Jews) becomes all the more dubious when placed in the context of contemporary Rwanda. For the flipside of the Hamitic Hypothesis, as internalized by the non-Hamitic Rwandans, draws Hutus to view Tutsis similarly to the way Nazis portrayed Jews: as insidious outsiders who have implanted themselves in territory where they do not belong. For the Interahamwe– Hutu extremists– the violated land lies in the Great Lakes region of Africa; for Hitlerites, the Volk evokes the quasi-mystical relationship between German land and people. Tutsis secured economic and political power through their herding acumen, just as Jews– claimed the Nazis– secured similar control through their genius with money. Whether Hamites or Semites, Tutsis are, from a Hutu perspective, certainly not Bantu and therefore deserve elimination. Egged on by racist ideologues, Hutus viewed Tutsis the way Aryans viewed Jews, with a mixture of disdain and fear.«42 Die heute in Frankreich lebende Romanautorin Scholastique Mukasonga, die den Genozid nur darum überlebt hat, weil sie sich zufällig außerhalb des Landes befunden hatte, urteilt aus der Perspektive als Betroffene, die sich ein fundiertes kolonialgeschichtliches Wissen angeeignet hat: 39 Miles 2000, S. 110. 40 Miles 2000, S. 109. 41 Dazu Genaueres in Peiter 2024a, S. 105–120 sowie S. 142–157. 42 Miles 2000, S. 110.
232 | Nordelbingen 90 »[D]iese ›unklaren Erinnerungen, das dunkle, beklemmende Gefühl eines Déjà-vu‹, das Richard Kandt gegenüber den »Watutsi-Riesen« empfindet– und ablehnt, weil er natürlich von seiner Überlegenheit als Weißer und zudem als Bürger des Deutschen Reiches überzeugt ist –, sind nur der Zerrspiegel, durch den die Europäer Ruanda und seine Bewohner immer weiter wahrnehmen werden. Das größte Unglück, das den Ruandern widerfahren ist, besteht darin, dass sie an den Quellen des Nils leben, wo sich seit der Antike der Mythos eines ursprünglichen Landes, eines verlorenen und unerreichbaren Paradieses sedimentiert hat. Die Quellen des Nils zu suchen, Caput Nili quaerere, war bei den Römern angeblich ein Ausdruck, der bedeutete, ›das Unmögliche zu suchen‹.« [Übersetzung A.P.]43 Nasenformen und anthropometrische Zugriffe Dass die Idee des Semitischen wirklich zum Grundrepertoire des klassifizierenden Zugriffs des deutschen Kolonialapparates gehörte, ist bei dem eingangs zitierten Otto Felsing nachzulesen. Ganz wie im Antisemitismus, ist er der Überzeugung, man müsse vor allen Dingen der Nasenform der Tutsi seine Aufmerksamkeit schenken, um die Tutsi von den anderen ›Ethnien‹ zu unterscheiden. »[D]ie Viehtreiber hatten entweder grade, fast ›griechische‹ Nasen, oder, in ihrer Mehrzahl sogar, Adlernasen von unzweifelhaft semitischer Form und dazu häufig feingeschnittene schmale Lippen anstatt der den Fremden nun schon gewohnten, gar nicht mehr auffälligen wulstigen, breit aufgeworfenen Negerlippen. ›Du, Jung’‹, meinte nachdenklich Wilhelm auf dem Rückwege, ›so ungefähr, bloß nicht so dunkel gefärbt, denk’ ich mir die Juden, wie sie unter Moses vierzig Jahre lang durch die Wüste zogen, wahrscheinlich eine Wüste mit großen und vielen Oasen und unabsehbaren Grassteppen. Sieh dir doch ’mal den merkwürdig langen Kerl da links bei den Rindern an: sieht der nicht aus wie ein riesiger Jakob,– ich meine den, den sein künftiger Schwiegervater mit der doppelten Viehtreiber-Dienstzeit um Rahel so über’s Ohr gehauen hat?‹ Edgar war tatsächlich stehen geblieben […]., ›Weißt du was, Wilhelm? Ich glaub’, die Hirten da sind schon Watussi! Daher die semitischen oder hamitischen Gesichter und die Leibesgröße der Viehtreiber!‹ Er hatte durchaus recht.«44 Dass das Interesse für Nasen und den Grad an ›Semitischem‹ dann durchaus nicht nur eine literarische Phantasie geblieben ist, sondern die entsprechenden Messungen und anthropometrischen Statistiken nach sich gezogen hat, lässt sich an der 1954 in Belgien erschienenen Studie des französischen Anthropologen Hiernaux ablesen. Auch hier stellte die Nase ein zentrales Analyse-Kriterium zur Bestimmung der ›Tutsi‹ dar. Blickt man von den geschilderten Szenen und dem Foto zurück auf den Schiffsnamen, so ergibt sich, dass dieser Name die Größe, die Schönheit und das Majestätische des Zwei-Schornsteiners 43 Mukasonga 2014, S. 33. 44 Felsing 1905, S. 389–390.
A. Peiter: Die Watussi auf dem Wasser | 233 deutlich machen sollte. Impliziert wurde, Schiff und Watussi seien in vieler Hinsicht ähnlich, wer sich als Tourist an Bord begebe, habe also auf unausgesprochene Weise an einem exotisch-überlegenen, rassisch herausragenden, mythisch mit der Bibel verbundenen Königtum Teil. Als Gustav Adolf Graf von Mecklenburg seinerseits die Reise Richtung Ruanda antrat, verstärkte der (namentlich nicht mehr zu rekonstruierende) Fotograf, der sich der Aufnahme der Tutsi widmete, das Interesse an den Nasenformen. 1907/1908 schoss er ein Foto (Abb. 16), in dem eine Gruppe von Männern ihre Köpfe zur Seite drehen musste, um den Betrachter*innen ihr Profil zu zeigen. Der Nachvollzug von Nasenformen konnte hier als gesichert gelten. Max Weiss folgte diesem Modell, indem auch er systematisch Profiloder Halbprofilaufnahmen in sein 1910 erschienenes Buch über die Völkerstämme integrierte. Was für die literarischen Imaginationen galt, kann mithin auch im Bereich der visuellen Darstellung festgestellt werden: Die Stereotypen schienen die Existenz des ›Typus‹, den man immer schon als Realität angenommen hatte, zu beglaubigen. Zusammenfassung und ein Ausblick Abschließend soll für den Assoziationsraum, der sich mit dem Namen ›Watussi‹ verband, der Blick auf das Schiff zurückgelenkt werden. Es zeigt sich, dass die geographische Position Ruandas keinen Hinderungsgrund darstellte, um die Tutsi mit dem Meer in Verbindung zu bringen. In der Wahl des Abb. 16: Gruppenporträt der Tutsi, Ruanda, Fotografie um 1907/1908. Deutsche Fotothek, Sammlung Hans Meyer, Aufn.-Nr. df_a_0065536.
234 | Nordelbingen 90 Abb. 17: Gruppenporträt des Oberhauptes Msinga und weiterer Männer der Tutsi, Ruanda, Fotografie von Hans Meyer, 1911. Gemeinfrei . Deutsche Fotothek, Sammlung Hans Meyer, Aufn.-Nr. df_b_0004630.
A. Peiter: Die Watussi auf dem Wasser | 235 Namens spiegelte sich die Überzeugung, zu ›Entdeckern‹ einer der letzten, ›unbekannten‹ Kulturen des ›schwarzen Kontinents‹ geworden zu sein und überdies ein Stück biblischer Geschichte mitten in der ›ungeschichtlichen‹, da ›schriftlosen‹, ›zivilisatorischen Wildnis‹ aufgefunden zu haben. Der Antisemitismus erwies sich als ebenso adaptierwie dehnbare Orientierungshilfe im Kontakt zu der fremden Bevölkerung. Anthropologische Berichte, Roman-Lektüren, die sich an Jugendliche wandten, und Reiseberichte aller Art lieferten unisono das Material, das nötig war, um die Tutsi ins Zentrum des Mythos zu stellen, den Bibel-Exegesen zur Noah-Geschichte schon seit Jahrhunderten vorgeprägt hatten. Insofern kann man sagen, dass das Schiff, das da ganz konkret zwischen Norddeutschland und verschiedenen afrikanischen Häfen hinund herfuhr, ein Bindeglied zwischen Antisemitismus und kolonialen Phantasmen darstellte. Obwohl sich 2024 der Genozid an den Tutsi zum 30. Mal jährt, ist in der deutschen Presse von solchen Zusammenhängen nichts zu lesen gewesen. Die deutsch-ruandische Geschichte steht weiterhin im Schatten der Forschung zum deutsch-namibischen Verhältnis. Es wäre an der Zeit, den Blick zu weiten, damit Ruanda nicht weiter hinter dem Großbegriff ›Deutsch-Ostafrika‹ verschwindet ( Abb. 17 ).45 Abstract Based on colonial image archives in which photos of the ship ›Watussi‹, which was launched in 1928, have been preserved, the article examines selected youth novels, anthropological publications and travel reports from the colonial era. The aim is to uncover the background that prompted the Deutsche Afrika-Linie to give the ship the name of one of Rwanda’s three »ethnic groups«. The Hamite myth, which was based on a centuries-old exegesis of the biblical Noah story, was combined with anti-Semitic stereotypes in the 19th century, which led to their transfer to the Tutsi population group. The ambivalent mixture of admiration and resentment that characterised the perception of this minority group in the German Empire was focused on their physical size. This in turn was linked to questions of social hierarchies, geographical origins, intelligence levels and ›ethnically characterised‹ character traits. Since ethnic stereotypes have contributed to the escalation of conflicts since the Hutu revolution of 1959, the ideological-historical basis of the genocide which cost the lives of over a million people in 1994, is also indirectly at issue when analysing ethnifying testimonies. 45 Zum Genozid vgl. Aucun témoin 1995. – Gourevitch 1998. – Mahmood 2001. – Kimonyo 2008. – Audoin-Rouzeau 2017. – Peiter 2023b.
236 | Nordelbingen 90 Literatur Primärliteratur Felsing, Otto: Rote Männer in Ruanda. Abenteuer im Riesenund Zwergenlande Deutsch-Ostafrikas, Elberfeld 1905. Hiernaux, J. [genauer Vorname unbekannt]: Les caractères physiques des populations du Ruanda et de l’Urundi, Brüssel 1954. Kandt, Richard: Caput Nili. Eine empfindsame Reise zu den Quellen des Nils, Berlin 1904. Mukasonga, Scholastique: Ce que murmurent les collines. Nouvelles rwandaises, Paris 2014. Saint-Exupéry, Patrick de/Hippolyte: La fantaisie des Dieux, Paris 2014. Weiss, Max: Die Völkerstämme im Norden Deutsch-Ostafrikas, Berlin 1910. Sekundärliteratur Audoin-Rouzeau, Stéphane: Une initiation. Rwanda (1994– 2016), Paris 2017. Chrétien, Jean-Pierre: Hutu et Tutsi au Rwanda et au Burundi, in: Au cœur de l’ethnie. Ethnies, tribalisme et Etat en Afrique, hg. v. Jean-Loup Amselle und Elikia M’Bokolo, Paris 1999, S. 129–166. Chrétien, Jean-Pierre/Kabanda, Marcel: Rwanda. Racisme et génocide. L’idéologie hamitique, Paris 2016. Dumas, Hélène: Génocide au village. Le massacre des Tutsi au Rwanda, Paris 2014. Gourevitch, Philip: Nous avons le plaisir de vous informer que, demain, nous serons tués avec nos familles. Chroniques rwandaises, Paris 1998. Heeb, Bernhard/Mulinda Kabwete, Charles (Hg.): Human Remains from Former German Colony of East Africa. Recontextualization and Approaches for Restitution, Göttingen 2022. Jackson, Stephen: Regional Conflict Formation and the »Bantu/Nilotic« Mythology in the Great Lakes, o. J., www. cic.nyu.edu/pdf/stephenjackson.pdf (15.10.2024). Kimonyo, Jean-Paul: Rwanda. Un génocide populaire, Paris 2008. Mamdani, Mahmood: When Victims Become Killers. Colonialism, Nationalism, and the Genocide in Rwanda, Princeton 2001. Miles, William F. S.: Hamites and Hebrews. Problems in »Judaizing« the Rwandan genocide, in: Journal of Genocide Research 2/1 (2000), S. 107–115. Mironko, Charles K.: Social and Political Mechanisms of Mass Murder. An Analysis of Perpetrators in the Rwandan Genocide, [UMI Microform 3125265 (Dissertation)] 2004. Mugesera, Antoine: Les conditions de vie des Tutsi au Rwanda de 1959 à 1990. Persécutions et massacres antérieurs au génocide de 1990 à 1994, Kigali 2014. Peiter, Anne D.: Träume der Gewalt. Studien der Unverhältnismäßigkeit zu Texten, Filmen und Fotografien. Nationalsozialismus – Kolonialismus – Kalter Krieg, Bielefeld 2019. Peiter, Anne D.: Invektiven im Genozid. Zu Zeugnissen von überlebenden Tutsi, in: Invective discourse, hg. v. Simon Meier-Vieracker, Heidrun D. Kämper und Ingo H. Warnke, Dresden 2023, S. 149–175. [= Peiter 2023a] Peiter, Anne D.: Zur Darstellung von Krieg und Befreiung in autobiographischen Zeugnissen von Überlebenden der Shoah und des Tutsizids, in: Literatur im Unterricht. Texte der Gegenwartsliteratur für die Schule 24, Heft 2, 2023, S. 181–194. [= Peiter 2023b] Peiter, Anne D.: Der Genozid an den Tutsi Ruandas. Von den kolonialen Ursprüngen bis in die Gegenwart, Marburg 2024. [= Peiter 2024a] Peiter, Anne D.: Verschwörungsmythen, ethnische Ursprungslegenden und der Tutsizid. Überlegungen zur deutschen Kolonialliteratur und ihren Konsequenzen für die Geschichte Ruandas. [Im Druck. Der Beitrag erscheint 2024 in einem Band über Verschwörungsmythen, hg. v. Andreas Dorrer.] [= Peiter 2024b] Peiter, Anne D.: Photographies de Max Weiss et ›ethnies‹ rwandaises. Réflexion sur les mots de recherche dans l’archive iconographique de l’ancienne ›Société coloniale allemande‹. [In Vorbereitung. Der Beitrag erscheint 2025 in einem Band zur Kolonialgeschichte, hg. v. Marie-Annick Lamy-Giner.] [= Peiter 2025a] Peiter, Anne D.: Von den Nilquellen zum Genozid. Koloniale Imaginationen zu Wasserläufen und ihre Bedeutung für die Gewaltgeschichte Ruandas. [In Vorbereitung. Der Beitrag erscheint 2025 in einem Sammelband zum Thema »Politik im Fluss«.] [= Peiter 2025b] Peiter, Anne D.: Von der Größe der Intelligenz und der Niedrigkeit der Dummheit. Überlegungen zu ethnifizierenden Stereotypen in der deutschen und belgischen Kolonialliteratur und ihren Konsequenzen für den Genozid an den Tutsi 1994. [In Vorbereitung. Der Beitrag erscheint 2025 in einem Sammelband mit dem Titel Why intelligence?.] [= Peiter 2025c] Peiter, Anne D.: Wie Bildträger postkolonial werden können. Überlegungen zu Formen der Restitution am Beispiel des Bildarchivs der ehemaligen ›Deutschen Kolonialgesellschaft‹ (Universitätsbibliothek Frankfurt/M.). [In Vorbereitung. Der Beitrag erscheint 2025 als Teil eines Kollektiv-Artikels in einem Sammelband zum Thema »Koloniale Kontexte in Bibliotheken«.] [= Peiter 2025d] Prunier, Gérard: The Rwanda Crisis. History of a Genocide 1959–1994, London 1995. Rohrbacher, Peter: Die Geschichte des Hamiten-Mythos, Wien 2002. Stockhammer, Robert: Ruanda. Über einen anderen Genozid schreiben, Berlin 2005.
A. Peiter: Die Watussi auf dem Wasser | 237 Autorin Dr. habil. Anne D. Peiter Dozentin für Germanistik an der Université de La Réunion (Frankreich, Indischer Ozean). 2006 Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit über Komik und Gewalt. Zur literarischen Verarbeitung der beiden Weltkriege und der Shoah, 2018 Habilitation an der Sorbonne Nouvelle mit einer Arbeit zu Träume der Gewalt. Studien der Unverhältnismäßigkeit zu Texten, Filmen und Fotografien. Nationalsozialismus – Kolonialismus – Kalter Krieg. Letzte Buchveröffentlichungen: Der Träger. Zu einer tragenden Figur der deutschen Kolonialgeschichte (2018 mit Sonja Malzner). Der Ausnahmezustand ist der Normalzustand, nur wahrer. Texte zu Corona (2021 mit Wolfram Ette). Der Genozid an den Tutsi Ruandas. Von den kolonialen Ursprüngen bis in die Gegenwart (2024). E-Mail: [email protected] Open Access Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons. org/licenses/by-sa/4.0 . Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Artikels von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.