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Und silbern leuchtet Gottes Wort: Die ›Silberaltäre‹ in Husum und Stockholm

Schulz, Christian G.

Abstract

Sowohl die Herzoginwitwe Augusta von Gottorf als auch Königin Christina von Schweden nutzten ihr Selbstverständnis, ihre Stellung und ihren Reichtum,…

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| 233 Christian G. Schulz Und silbern leuchtet Gottes Wort Die ›Silberaltäre‹ in Husum und Stockholm* Materiell und handwerklich geschätzt, gleichwohl seit Generationen in der Zielsetzung verkannt, 1 werden die sechs monumentalen, aus Silber und Ebenholz gearbeiteten Retabel als Werkgruppe hinsichtlich ihrer einheitlichen Intention identifiziert. Die bereits zu Zeiten ihrer Entstehungen als ›Silberaltäre‹ bezeichneten Retabel – Frederiksborg (Königreich Dänemark) 1606, München (Herzogtum Bayern) 1607, Husum (Herzogtum Gottorf-Schleswig) 1620, Rügenwalde (Herzogtum Pommern) 1636, Stockholm (Königreich Schweden) 1651 und Gottorf (Herzogtum GottorfSchleswig) 1666 – sind auffallend ob ihrer opulenten Gestaltung, ihrer kostbaren Materialien und der vorrangig für uns heute unerwarteten Aufstellung in protestantischen Kirchen. Dabei werden insbesondere die von Fürstinnen beauftragten Silberaltäre in Husum respektive Stockholm berücksichtigt, wobei die weiteren monumentalen Silberaltäre des 17. Jahrhunderts zum Vergleich thematisiert werden und dementsprechende Rückschlüsse erlauben. Zugunsten des Verständnisses werden daher im Rahmen eines chronologischen Überblicks der sechs zu der Werkgruppe zu zählenden Silberaltäre die beiden den Schwerpunkt bildenden eingebettet. Charakteristisch für jeden einzelnen Silberaltar dieser Werkgruppe ist ihre monumentale Ausführung, die Aufstellungspraxis in der zur Hauptresidenz zugehörigen Kirche und die vorrangig sichtbar verwandten Materialien. * Die Reformation löste im 16. Jahrhundert einen Prozess aus, der die Bildung der Konfessionskirchen zur Folge hatte. Die konsolidierende Institutionalisierung war eine organisatorische * Der Aufsatz greift auf Ergebnisse der publizierten Dissertation zurück: Christian G. Schulz: Gottes Wort und fürstliche Macht. Silberaltäre des 17. Jahrhunderts zwischen München und Stockholm, Regensburg 2021. 1 Bernhard Olsen: Die Arbeiten der Hamburgischen Goldschmiede Jacob Mores Vater und Sohn für die dänischen Könige Frederik II. und Christian IV., Hamburg 1903, S. 24; Richard Haupt: Die Bauund Kunstdenkmäler der Provinz SchleswigHolstein mit Ausnahme des Kreises Herzogtum Lauenburg, Bd. 2, Kiel 1888, S. 350. Die beiden Autoren Olsen und Haupt attestieren für den Silberaltar auf Frederiksborg bzw. auf Gottorf eine mutmaßlich zufällige Konzeption und Aufstellung. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2943-5331/p12 234 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Abb. 1: Hillerød, Schloss Frederiksborg, Schlosskapelle, Silberaltar, Gesamtansicht mit geöffneten Flügeln. © Foto: Christian G. Schulz, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-SA 4.0. Schulz: Und silbern leuchtet Gottes Wort | 235 Formierung, um das Zusammenleben auch im religiösen Kontext im jeweiligen Territorium zu ermöglichen. Staatsrechtlich und dogmatisch galt es für das entsprechende Bekenntnis, die Voraussetzungen der landesherrlichen Kirchenobrigkeit zu schaffen, deren Verantwortung dem Landesherrn oblag. Dieser Konfessionalisierungsprozess war zugleich die Zeit der Territorialisierung, welche der Bevölkerung eine dementsprechend geprägte Sozialdisziplinierung und Moralisierung im Rahmen des konfessionellen Selbstverständnisses ermöglichte. 2 Obwohl die Protestanten im Gegensatz zu den Katholiken weniger in Gebäudestrukturen als im Wort ihre manifestierte Konfession zum Ausdruck brachten, benötigten auch sie visuelle Strukturen, die in Sinnbildern das konfessionelle Bekenntnis bezeugen. Die repräsentative Selbstinszenierung war ein probates Mittel der göttlichen Legitimierung des landesherrlichen Kirchenregiments. Der Fokus ist daher auf die Altargestaltung als zentralen Bezugspunkt gelegt. Demzufolge war auch König Christian IV. von Dänemark (1577–1646) darauf fokussiert, die Religionspolitik zu festigen. So wurde der Silberaltar3 als Prinzipalstück ein grundlegender Bestandteil eines Gesamtkonzepts in der Kapelle des Schlossneubaus in Hillerød (Abb. 1). Er wurde 1606 fertiggestellt und konnte in der 1617 eingeweihten Schlosskapelle auf Frederiksborg spätestens 1621 seiner dauerhaften Nutzung zugeführt werden.4 Es wird hier eine bewusste Inszenierung des Kirchengebäudes als liturgisches Zentrum des Territoriums angestrebt,5 einer Fokussierung, der alle Auftraggeber der weiteren monumentalen Silberaltäre anstreben. Die Chronologie der als Phänomen zu begreifenden Silberaltäre charakterisiert auf Schloss Frederiksborg den veränderten Einsatz von Silberarbeiten. Zuvor sakral genutzt, untersteht das Material dem repräsentativen Fürstenlob. Die Symbolik des Silbers – Sinnbild der geläuterten Seele6 – bezeugt die Eigenschaften des Territorialherrn, der staatsrechtlich konsolidierenden Religionspolitik, und ruft eine Sakralisierung des Herrscherbildes hervor. Besonders rätselhaft erschien bisher neben den ungewöhnlichen Materialien, Ebenholz und Silber, der kabinettschrankartige Aufbau des Silberaltars, welcher neben der schreinartigen Wandlung des Hauptregisters, in der Predella wie auf der Rückseite zahlreiche Schubladen aufweist (Abb. 2). Zahlreiche Autoren vermuteten ein katholisches Programm und begründeten dies mit den hinter Klappen und Türen verdeckten Schüben und dem zentral integrierten tabernakelartigen Türchen. Die Schübe und das tabernakelartige Fach verdeutlichen zu einer seit der Reformation sinnhaften Entleerung. 2 Holger Steinemann: Eine Bildtheorie zwischen Repräsentation und Wirkung. Kardinal Gabriele Paleottis »Discorso intorno alle imagini sacre e profane« (1582) (Studien zur Kunstgeschichte 164), Hildesheim 2006, S. 288 f. 3 Die Fertigung des Silberaltars unterlag den Hamburger Goldschmieden Jacob Mores dem Älteren (um 1545–1612) und Hinrich Lambrecht I. (um 1567–1629). Die Rechnung erstellte Hans Mores, der als Juwelier in Erscheinung trat. 4 Johan Peter Rasbech: Frederiksborg Slots Beskrivelse. Efter ældre og nyere Kilder, med derhos afbenyttede, collegiale og Archiv-Documenter, Kopenhagen 1832, S. 115. 5 Vgl. Heinrich Richard Schmidt: Konfessionalisierung im 16. Jahrhundert, in: Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 12, München 1992, S. 86–105. 6 Ps 12,7. 236 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Abb. 2: Hillerød, Schloss Frederiksborg, Schlosskapelle, Silberaltar, Detail: Hauptregister und Predella mit tabernakelartigem Fach. © Foto: Christian G. Schulz, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-SA 4.0. Schulz: Und silbern leuchtet Gottes Wort | 237 Es wird ein enzyklopädischer Charakter zeitgenössischer Dogmen bewiesen. Tradierte Rhetorik wurde mit modernen Gedankenmodellen verquickt.7 Die gewählte Konzeption des Altars auf Frederiksborg berief sich auf den Kabinettschrank. Als eine Art Verwandlungsmöbel sollte der Silberaltar Erkenntnis suggerieren. Der Altar steht im Kontrast zur ungeordneten Wirklichkeit, wie die Kunstkammer zur Umwelt respektive zur Schöpfung.8 Zudem ist der kubusartige Aufbau dem Sinnbild der Bundeslade geschuldet, woraus sich für die Schlosskirche das der mosaischen Stiftshütte ergibt. Christian IV. sieht sich gemäß dem königlichen Selbstverständnis in der Nachfolge Davids und beweist seine landesherrliche Positionierung in seiner Vormachtstellung unter den Glaubensbrüdern – seinen Totalitätsanspruch gegenüber den Katholiken. Der Altar belegt 7 Vgl. Barbara Segelken: Bilder des Staates. Kammer, Kasten und Tafel als Visualisierungen staatlicher Zusammenhän ge, Berlin 2010, S. 13; Alfred Walz: Weltenhramonie. Die Kunstkammer und die Ordnung des Wissens. Eine Einführung, in: Weltenharmonie. Die Kunstkammer und die Ordnung des Wissens, Ausstellung im Herzog-Anton-Ulrich-Museum Braunschweig, 20. Juli–22. Oktober 2000, Braunschweig 2000, S. 9–21, hier S. 14. 8 Dieter Alfter: Die Geschichte des Augsburger Kabinettschranks (Schwäbische Geschichtsquellen und Forschungen 15), Augsburg 1986, S. 39 f., 54; Barbara Mundt: Der Pommersche Kunstschrank des Augsburger Unternehmers Philipp Hainhofer für den gelehrten Herzog Philipp II. von Pommern, München 2009, S. 25. Abb. 3: Hillerød, Schloss Frederiksborg, Schlosskapelle, Silberaltar, Verurteilungsszene. © Foto: Christian G. Schulz, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-SA 4.0. 238 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein die Rechtgläubigkeit in der antikatholischen Polemik, die in dem in die Verurteilungsszene Jesu integrierten Kaiserwappen zum Ausdruck kommt (Abb. 3). Das Wappen als staatsrechtliches Monument demonstriert immerwährende Präsenz der politischen Verantwortlichkeit in der Amtshandlung. Der Urteilsspruch wird in den Herrschaftsbereich des katholischen Kaisers verlegt9 und thematisiert als bewusste politische Positionierung in dem protestantischen Kontext die zeitgenössische theologische Kontroverse.10 Gleichermaßen kann die Thematisierung des Martyriums Sebastians an Bedeutung erlangen. Sebastian wird als Nothelfer der Protestanten stilisiert, wobei der Heilige aus der Altarkonzeption seine schützende Funktion sinnbildlich auf Christian IV. überträgt.11 Die ursprüngliche, mittlerweile veränderte Positionierung beider Szenen innerhalb des Retabelprogramms, das Martyrium Sebastians, Außenseite des linken Retabelflügels, und die Verurteilungsszene Jesu, Innenseite des rechten Retabelflügels, verstärkte den personifizierten Bezug mittels der direkten Ausrichtung auf den Königsstuhl, der auf der Evangelienseite seine Verortung findet. Außerdem demonstriert aufgrund des 1582 erschienenen Traktats von Gabriele Palleotti die Aufnahme der Grotesken eine signifikante antipapistische Haltung.12 Die Bekrönung des Retabels potenziert die Aussage in der Aufnahme der Personifikation des protestantischen Glaubens, in dem der Kelch als Sinnbild für das Abendmahl in beiderlei Gestalt demonstrativ in Erscheinung tritt. Der Silberaltar lässt durch seine klar definierten Strukturen ein ausgeklügeltes System der konfessionellen Positionierung erkennen. Die Reflexion auf dem Silber durchbricht die Grenzen der Wirklichkeit und erwirkt eine optische Vereinheitlichung in der Distanz. Die Gestaltung setzt auf Lichtund Schattenwirkung und erwirkt eine Entmaterialisierung. Frederiksborg diente als Impulsgeber einer bekenntnisgleichen Ausgestaltung im Sinne der lutherischen Orthodoxie. Die materiell umgesetzten Bilder in Dänemark wie in München zeigen ein dogmatisches Lehrgerüst. König Christian IV. von Dänemark wie Herzog Maximilian I. von Bayern (1573–1651) wollten mit Hilfe ihrer Großprojekte in Form eines silbernen Retabels die religionspolitische Vormachtstellung demonstrieren (Abb. 4). Ihr konfessionell-politisches Selbstverständnis manifestiert in spezifizierten Programmen eine Kontinuität, sowohl gegenüber den Glaubensbrüdern als auch den Glaubenskontrahenten. 9 Gernot Kocher: Zeichen und Symbole des Rechts. Eine historische Ikonographie, München 1992, S. 69 f., 155. 10 Ebd., S. 67, 69 f., 155. Die Präsenz der Herrschaft, in deren Vertretung das Recht gesprochen werden soll, wird unter anderem mit einem Wappen demonstriert. 11 Hannelore Sachs/Ernst Badstübner/Helga Neumann: Wörterbuch der christlichen Ikonographie, Regensburg 10 2012, S. 316 f. 12 Gabriele Paleotti: Discorso intorno alle immagini sacre e profane, hg. v. Manlio Sodi/Achille Maria Triacca/Damasio Medeiros (Monumenta studia instrumenta liturgica 25), Vatikanstadt 2002, S. 224 f., 230 f. Schulz: Und silbern leuchtet Gottes Wort | 239 Abb. 4: München, Residenz, Reiche Kapelle, Silberaltar, Gesamtansicht. © Foto: Christian G. Schulz, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 . 240 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Die fast zeitgleiche Aufstellung der Altäre zweier konkurrierender Potentaten gestaltete sich in Bayern in einem schauwandartigen Silberaltar13 innerhalb des tabernakelartigen Sacro Thesauro mit einer Fülle von Reliquien. Die raumgewährende ›Reiche Kapelle‹ schützt neben den Heiligtümern den Silberaltar, der als Schrein der ›Passionsreliquien‹ überhöht wurde. Die Kapelle – in ihrer konfessionellen Identifikation als das Allerheiligste angesehen – wurde zum liturgisch geistlichen Zentrum des Territoriums.14 Die landesherrliche Legitimation visualisierte sich durch den Reliquienschatz. Die programmatische Hinführung der Kapelle konzentriert sich auf die Reliquienmonstranz. Die auf die Passion Christi ausgerichtete Konzentration fokussiert die Kontroverse der Kreuzkritik der Protestanten, sodass sich die Katholiken als die Bewahrer und Beschützer des Glaubens sahen.15 Standesbewusstsein wie dynastische Legitimierung erwirkten im Kreise der Auftraggeber der Silberaltäre das Bedürfnis, die eigene Konfession zu dokumentieren. Das zeugnisgebende Hoheitsrecht eines derartig gestalteten Silberaltars in zeitgenössischer Manier konnte sich später nur in evangelisch-lutherischen Territorien manifestieren. Die zeitgleiche Fertigung des dänischen wie des bayerischen Silberaltars zeigt die Vorliebe zu den Materialien, der zeitgenössischen Formensprache und der Kunstfertigkeit. Katholische Territorien entwickelten hingegen eigene Instrumentarien. Anstatt einer Materialanhäufung von Ebenholz und Silber standen Bildformen und Historien abgrenzend gegenüber. Die Aufstellung in München erfolgte politisch zentral, war nur begrenzt zugänglich, wobei die Kapelle als Repräsentationsraum hochwirksam im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert war. Die unzähligen Reliquien visualisieren die immerwährende Anbetung und Fürsprache, die das göttlich legitimierte Oberhaupt in seiner Funktion bestätigten. Allerdings war München in seinem Präsentationswillen nicht für eine standardisierte Lehrpräsentation der Katholiken geeignet. An dem Husumer Silberaltar (heute im Nationalmuseum Kopenhagen) zeigt sich mit Albrecht von Horn (1581–1665) wiederum ein Meister norddeutscher protestantischer Prägung, dessen Lieferung zur konfessionell politischen Positionierung der Herzoginwitwe Augusta eingesetzt werden konnte (Abb. 5). Anlass bot die Hochzeit ihrer Tochter Hedwig mit dem Pfalzgraf August von Neuburg-Sulzbach am Sonntag, dem 2. Juli 1620. Die Verbindung der konfessionell Gleichgesinnten bewirkte in ihrer klammerartigen Umspannung des Reiches 13 Die Arbeiten an dem 1607 fertiggestellten Silberaltar sind von verschiedenen Münchener und Augsburger Werkstätten ausgeführt worden, die zum Teil zeitlich versetzt ihre Arbeiten ausführten. Namentlich zu nennen sind: Hans Schebel, Augsburg um 1565/70: zahlreiche Reliefs mit vornehmlich altestamentlichen Darstellungen, gegossen; vermutl. Matthias Wallbaum, Augsburg: Applikationen – Engelsköpfe; Jacob Thurnhover, Augsburg um 1590: teilvergoldete Vasen; Jacob Anthoni, München um 1605/06: zentrale Kreuzigungsszene sowie flächig gestalteter Akanthusfries des Hauptgebälks zugeschrieben, acht vollplastische Standfiguren, die beiden Gesimsengel, die Eckzwickelbeschläge der Kreuzigung und der Gebälkfries (Residenz München, Inv.-Nr. RK I 7/19). 14 Moritz von Ilberg: Studien zur Passionsreliquienmonstranz von 1590 aus der Residenz München, Dissertation Frankfurt a. M. 2006, https://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/2333 (letzter Aufruf: 12.02.2024), S. 6, 9 f. 15 Katja Richter: Der Triumph des Kreuzes. Kunst und Konfession im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts (Kunstwissenschaftliche Studien 143), München 2009, S. 12 f., 19 f. Schulz: Und silbern leuchtet Gottes Wort | 241 Abb. 5: Husumer Silberaltar, Gesamtansicht, Nationalmuseet København, Prinsens Palæ. © Foto: John Lee, Nationalmuseet København, DMR-168044, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-SA 4.0. 248 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein die es zu demonstrieren galt. Die dargestellte konfessionelle Kontinuität war für den Auftrag entscheidend, da die Königin sich mit der Konversion zum Katholizismus trug. Hierzu fand die Königin durch den in Stockholm tätigen französischen Botschafter, dem Jesuiten Pierre Hector Chanut (1601–1667), ersten Kontakt.32 Dennoch war Christina sehr bestrebt, eine ausgleichende Kirchenpolitik innerhalb ihres ihr anvertrauten Territoriums solide in die Zukunft zu transportieren33 – der Silberaltar als testamentarisches Vermächtnis. Die ausführenden Werkstätten bzw. Agenten sind für das Verständnis hinsichtlich der Fertigung entscheidend. Aus der Stockholm betreffenden zeitgenössischen Korrespondenz ließen sich die inneren Zusammenhänge des Phänomens erkennen und im Zuge dessen auf die insgesamt sechs Altäre begrenzen. Die Altaraufstellung ist eine klare Positionierung zum Luthertum, das der derzeitige Landesherr und dessen Nachfolger als Konfession zu schützen hatte. Das mit Stifterinschrift des Kanzlers Adler und dessen Gemahlin versehene Gehäuse unterstützt die Stellungnahme, die in Hinsicht auf die Konversion zum Katholizismus der Königin Christina umso entscheidender war. So konnte nach der erstmaligen Ankündigung die Abdankung und abschließend 1655 die Konversion in Innsbruck vollzogen werden.34 Gesicherte politische und konfessionelle Kontinuität nach der von Dänemark übernommenen politischen Vorherrschaft galt es sich für Schweden als nordische Großmacht im Ausland sinnbildhaft zu stabilisieren – Schweden hatte sich als eine der wichtigsten evangelischen Kirchenherren im europäischen Kontext zu behaupten.35 Daher soll es auch nicht verwundern, dass in der Korrespondenz anlässlich der Anfertigung des Retabels dieser als einmalig beschrieben wird und sich weder ein anderer König noch der Kaiser sich eines solchen Stücks rühmen könne.36 Seitens des Hamburger Juweliers Eustachius Ettmüller (1609–1681), der bisher als ausführender Goldschmied galt, wurde die programmatische Konzeption vorheriger Silberaltäre thematisiert.37 Aufstellungsort, Auftraggeber und konfessionell-politischer Anlass ergeben das wechselseitige Beziehungsgeflecht. Die Funktion Ettmüllers als Kunstagent konnte herausgearbeitet werden. Ein Werkstückvergleich kann hingegen den Hamburger Goldschmied Hans Lambrecht III. (um 1600–1696[?]) als federführenden Meister dokumentieren. Für den Vergleich eignete sich der Tafelaufsatz im Kunstgewerbemuseum Berlin, Schloss Charlotten32 Katrin Losleben: Musik – Macht – Patronage. Kulturförderung als politisches Handeln im Rom der Frühen Neuzeit am Beispiel der Christina von Schweden (1626–1689) (Musicolonia 9), Köln 2012, S. 60 f.; Marie Louise Rodén: Drottning Christina. En biographie, Stockholm 2008, S. 114; Michael Busch: Christine von Schweden. Eine Skizze, Hamburg 2003, S. 1 6. 33 Gabriela Hart: Die Konversion der Königin Christina von Schweden, in: Christina, Königin von Schweden. Ausstellungskatalog, Bramsche 2 1998, S. 151–165, hier S. 152 f. 34 Elisabeth Wåghäl Nivre: Königin und literarische Figur. Königin Christina von Schweden (1626–1689) in den Schriften ihrer Zeit, in: Volker Bauer u. a. (Hg.): Frauen – Bücher – Höfe. Wissen und Sammeln vor 1800. Essays in honor of Jill Bepler (Wolfenbütteler Forschungen 151), Wiesbaden 2018, S. 251–268, hier S. 252. 35 Vgl. Kristina. Brev och skrifter (Svenska klassiker), Lund 2006., S. 50. 36 Vgl. Riksarkivet Stockholm, Kammarkoll. ämnesamlingar likvidationer serie 98 stora komm. akter, 23: Brief vom 30. August 1651, Ettmüller an Börje Oloffson Cronberg. 37 Ebd., Brief vom 4. Februar 1651, Ettmüller an Börje Oloffson Cronberg. Schulz: Und silbern leuchtet Gottes Wort | 249 burg. Lambrecht prädestiniert sich daher für die spätere Planlegung des Gottorfer Silberaltars (Abb. 10).38 Dieser folgt dem Stockholmer Silberaltar im Aufbau und stellt im konzeptionellen Bezug auf Stockholm die politische Verbundenheit dar. Das zwischen den beiden Staaten getroffene Sicherheitsbündnis war der beständigen Souveränität Gottorfs geschuldet. Die übernommenen gestalterischen Grundzüge des Gottorfer Retabels sollten das konfessionelle Bekenntnis in einem kryptocalvinistisch geprägten Raum visualisieren. Die politisch-konfessionelle Tradierung der Silberaltargestaltung ist mittels der Aufstellung auf Schloss Gottorf ein Ausdruck der errungenen Ansprüche des landesherrlichen Kirchenregiments (Abb. 11). Die konzeptionellen Bezüge belegen eine politisch verpflichtende Orientierung als souveräner Landesherr lutherisch-orthodoxer Gesinnung. Trotz der hohen Materialverluste zeigt sich anhand der verbliebenden Arbeiten der Qualitätsanspruch zugunsten des Fürstenlobs, welches, einer Regalie gleich, der Kontinuität der gottorfischen Strukturen geschuldet ist. Der Auftrag Herzog Christian Albrechts von Schleswig-Holstein-Gottorf (1641–1695) zeigt die Weiterentwicklung von Frederiksborg und Husum. Die auf Stockholm gerichtete Rezeption 38 Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Inv.-Nr. X 3169. Abb. 10: Stockholmer Silberaltar, Predella, Konsolengel der Evangelienseite. © Foto: Christian G. Schulz, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-SA 4.0. 250 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Abb. 11: Schleswig, Landesmuseum Schloss Gottorf, Schlosskapelle, Silberaltar, Gesamtansicht. © Foto: Claudia Dannenberg. Schulz: Und silbern leuchtet Gottes Wort | 251 erweitert die Tradierung der konfessionellen Legitimierung auf die politische Ebene, als Statement eines souveränen Staates, der machtpolitisch mit Schweden eng verwoben ist.39 So übernimmt Gottorf die starke Durchgliederung, das Programm wie auch die ästhetische Qualität aus politischer Motivation. Eine direkte antikaiserliche Polemik unterlässt das Programm des Gottorfer Silberaltars aufgrund seiner Lehnsverbindung an den Habsburger Kaiser. Der Aufstellungsort manifestiert das Konfessionsbekenntnis des souveränen Landesherrn als Summepiskopat, die ›wahre Religion‹ testamentarisch zu verfügen. Die Kapelle geriert liturgisch zum geistigen Angelpunkt des zentralisierten Staatsverständnisses. * Der vergleichbare Aufstellungsort, die gleichen Materialien, der Entstehungszeitraum sowie eine vergleichbare monumentalisierte Ausführung verankert anfangs eine einheitliche Ästhetisierung beider Konfessionen. Die Formfindung des Phänomens ›Silberaltar‹ konnte mit Hilfe des programmatisch entscheidenden Aufstellungsorts den Repräsentationsrahmen einer konsolidierenden kirchenrechtlichen Obrigkeit demonstrieren. Davon zeugen die sozial-gesellschaftlichen Voraussetzungen und die Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und Werkstatt bzw. vermittelnden Agenten. Die Altarprogramme umschreiben ein religionspolitisches Bild, welches, durch theologische und historische Schriften zeitgenössischer Autoren gestützt, die gemeinsame Zielsetzung unter Berücksichtigung spezifisch individueller Bedürfnisse aufzeigt. Die bisher unberücksichtigte konfessionell-politische Motivation lag allen sechs Silberaltären zugrunde. Die Konfession erfuhr eine Darstellungsmethode und konnte im Laufe der Forschung die zuvor immer wieder betonte Zufälligkeit des Programms ausschließen. Dennoch beriefen sich beide Konfessionen auf die Wurzeln des gereinigten Christentums, in seiner ursprünglichen Form. Daraus entstand die Materialwahl, die sich auf das frühe Christentum bezieht. Aus der Materialsymbolik, der Verknüpfung des Montanwesens mit der Heiligen Schrift, gelingt es dem Theologen Mathesius 1562, ein Bild zu veranschaulichen, welches im geläuterten Silber das konfessionelle Bekenntnis zeigt.40 Der regierende Landesherr habe die ›wahre Religion‹ zu verteidigen, um diese unmittelbar seinem Volk zu lehren und dieses danach leben zu lassen. ›Geläutert‹ und ›wahrhaftig‹ präsentiert sich das landesherrliche Kirchenregiment – schon bevor das Programm die konfessionelle Dogmatik thematisiert. 39 Henningsen: Herzöge von Gottorf (wie Anm. 18), S. 162–166. Siehe insgesamt auch Gottfried Ernst Hoffmannn/ Klauspeter Reumann: Die Herzogtümer von der Landesteilung von 1544 bis zum Kopenhagener Frieden 1660 (Geschichte Schleswig-Holsteins 5), Neumünster 1986. 40 Vgl. Ansgar Stöcklein: Leitbilder der Technik. Biblische Tradition und technischer Fortschritt, München 1969, S. 43 f.; Johann Mathesius: Sarepta oder Bergpostill Sampt der Jochimßthalischen kurtzen Chroniken. Johann Mathesii. Psalm CXLVIII. Berg und Thal lobet den Herrn, [Nürnberg] 1562, S. 96v. 252 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Aus dem visuell zu greifenden Selbstverständnis innerhalb des konfessionsbekennenden Programms sowie der politischen Positionierung des Altars auf Frederiksborg tradierte sich ein 60 Jahre währendes Phänomen. Es erfolgte lediglich eine Anpassung an den Zeitgeschmack, wobei die Materialkombination und die Praxis des Aufstellungsortes beibehalten wurden. Ein programmatisches Bekenntnis am politischen Schnittpunkt ergibt sich aus der Nachahmung, sodass sich ein spezifisch lutherisch-orthodoxes Bild der politischen Positionierung ergibt. Der Silberaltar als konfessionsgebundenes Glaubensbekenntnis wird spätestens aus den testamentarischen Verfügungen erkennbar, wo parallel zur Bewahrung der lutherischen Orthodoxie der regalienartige Umgang mit dem Silberaltar festgesetzt wird. Die großformatigen Silberaltäre entstanden aus den historischen Gegebenheiten und den persönlichen Ambitionen der fürstlichen Auftraggeber, gleich welchen Geschlechts, um die kirchenpolitische Zielsetzung zu manifestieren. Die Gottorfer Herzoginwitwe Augusta sowie die Königin Christina von Schweden nutzten ihr Selbstverständnis, ihre Position und ihr finanzielles Potenzial, Silberaltäre für Husum (1620) bzw. Stockholm (1651) in den ihnen anvertrauten Einflussbereichen wirkungsvoll einzusetzen. Die kunsthandwerklich in höchstem Maße anspruchsvollen Arbeiten zeigen großflächig Silber und Ebenholz und befördern mittels des Fürstenlobs die Herrschaftslegitimation. In Verbindung mit dem Aufstellungsort dokumentieren die Altäre aussagekräftig das konfessionelle Bekenntnis, das sich im Sinne der lutherischen Orthodoxie tradieren konnte. Seit der ersten Konzeptionsumsetzung König Christians IV. von Dänemark (1606) nutzten die jeweiligen Landesherren die vielschichtig ikonografischen und ikonologischen Sinnbilder, die zunehmend die religionspolitische Polarisierung differenzieren. Die Altäre dokumentieren interdisziplinär die konfessionell machtpolitischen Ansprüche der Auftraggeberinnen und Auftraggeber im Konfessionalisierungsund Territorialisierungsprozess. Es trat eine Repräsentation der Rechtgläubigkeit als pädagogisches Lehrgerüst zutage. Jeder einzelne der insgesamt sechs zur Werkgruppe zu rechnenden Silberaltäre unterliegt staatspolitischen Funktionen, indem dieser politische wie konfessionelle Kontinuität und Identität visualisiert. Gegenreformatorische bzw. protestantische Kräfte und legitimierende Selbstinszenierung werden wie das entsprechende Glaubensbekenntnis als Zeichen der innewohnenden Verantwortlichkeit des Landesherrn gegenüber dem Territorium idealisiert verkörpert. Die Umstände der Aufstellung spiegeln den Machtanspruch wider, der sich in der manifestierenden Konstellation von Politik und Konfession präsentiert. Die Altäre avancieren als staatspolitisches Instrument zum Werkzeug religionspolitischer Positionierung. Schulz: Und silbern leuchtet Gottes Wort | 253 Abstract Both the dowager Duchess Augusta of Gottorf and Queen Christina of Sweden used their self-understanding, their position and their wealth to implement ›silver altars‹ (Silberaltäre) for Husum (1620) and Stockholm (1651), the domains entrusted to them. Large amounts of silver and ebony allow these sophisticated works of art to legitimize their patronesses’ rule, in accordance with princely praise (Fürstenlob). The altars and their places of installation create an allegory for denominational confession which endures in the spirit of Lutheran orthodoxy. Since the first conceptual implementation of silver altars by King Christian IV of Denmark (1606), sovereigns used complex iconographic and iconological symbols to signify their position within religio-political polarization. The altars become documents of the confessional power-political claims of their patrons in the process of confessionalization and territorialization in an interdisciplinary manner. Only six monumental silver altars have e xisted within this context, and each of the six altars has been subject to state-political functions, visualizing political and confessional continuity and identity. Counter-reformatory or Protestant forces and legitimization of self-presentation are embodied in an idealized way, as is the corresponding profession of faith as a sign of the confessional responsibility of the sovereign towards the territory. The silver altars are therefore a sign of the confessional responsibility of the commissioning sovereigns. The circumstances under which they were established reflect the claim to power presented in the manifest constellation of politics and denomination. As instruments of state policy, the altars became a tool of religious positioning. Autor Dr. Christian G. Schulz Kunsthistoriker, Goldschmied, seit 2023 Kunsthistorischer Leiter des Richard-Heizmann-Museums in Niebüll. Seine Forschungsschwerpunkte sind die frühe Neuzeit einschließlich der Kirchengeschichte in Nordund Mitteleuropa, angewandte Kunst seit der Renaissance sowie die Kunst und Architektur der Moderne. Open Access // Der Beitrag ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0) veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0. 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