Wenn Witwen bauen ...: Der Amalienbau des Kieler Schlosses
Abstract
Der Beitrag prüft die Möglichkeit, das barocke Kieler Schloss von Frederike Amalie, dänische Erbprinzessin und Witwe des Herzogs Christian Albrecht…
Full text
| 367 Jens Martin Neumann Wenn Witwen bauen ... Der Amalienbau des Kieler Schlosses Das von Friederike Amalie, dänischer Erbprinzessin und Witwe Herzog Christian Albrechts, bis 1697 neu erbaute Kieler Schloss »liegt« – mit einer schönen Sentenz von Hanno-Walter Kruft gesprochen – »in einem Land, das es nicht gibt: in Utopia«. 1 Utopie bedeutet erhoffte Möglichkeit und geistiges Experiment, der Bau einer Witwenresidenz in Utopia ist der paradoxe Versuch, auf ein zukünftiges, besseres Witwenleben vorzugreifen. Die utopische Idealität des Kieler Schlosses gründet darin, dass es aufgrund der ästhetischen Reflexion seiner Erbauerin als formale, zeichenhafte Entsprechung einer zugrundeliegenden Witwenutopie entworfen ist. Das bedeutet, die bauliche Umsetzung bedarf einer nachvollziehbaren architekturtheoretischen Begründung. 2 Warum baute Friederike Amalie eine neue kostspielige Residenz, in der sie abseits im nostalgischen Altbau lebte?3 Die Antwort auf diese Frage findet sich in einer kleinen, anlässlich des Todes ihres Ehemanns 1695 bei Samuel Reyher, Kieler Professor für Allgemeines Recht, Astronomie und Mathematik, in Auftrag gegebenen Schrift. Die Serenissimae Atq; Celsissimae Principi Ac Dominae hat im Konzept des von ihr neu errichteten Schlosses eine sichtbare Entsprechung gefunden.4 Friederike Amalie hat dem Kieler Schloss jenes elegante Aussehen verliehen , das bis zum Zweiten Weltkrieg Bestand hatte. Eine Sepiazeichnung aus der Zeit um 1740 in der Eutiner Landesbibliothek zeigt in idealisierter Vogelschau die relativ einheitliche, nach Norden geöffnete Dreiflügelanlage um einen rechteckigen Ehrenhof, zugleich ihre gewachsene, asym metrische 1 Vgl. die geistvolle Studie von Hanno-Walter Kruft: Städte in Utopia. Die Idealstadt vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, München 1989 (Zitat: S. 9), der ich den wichtigsten Impuls zur Interpretation des Amalienbaus als gebaute Utopia verdanke. 2 Künstlerische Qualität – wie im Falle des Schlosses Hedwig Eleonoras von Gottorf (Witwe König Karls X. Gustav) in Drottningholm (ab 1662), des stilprägenden Meisterwerks des schwedischen Hochbarock – ist kein Kriterium. Hedwig Eleonora kommt in Drottningholm als Mitregentin für ihren minderjährigen Sohn Karl ganz ohne Witwenutopie aus, ihr Schloss mit seinen Schlachten-Galerien gibt sich betont maskulin-schwedisch. 3 Diese Frage habe ich bereits 2017 auf einer Tagung im Schloss vor Husum gestellt, meine damalige Antwort findet sich in Jens Martin Neumann: Der Amalienbau des Kieler Schlosses. Zur Rhetorik des barocken Witwensitzes, in: Oliver Auge/Nina Gallion/Thomas Steensen (Hg.): Fürstliche Witwen und Witwensitze in Schleswig-Holstein (Quellen und Forschungen zur Geschichte Schleswig-Holsteins 127), Husum 2019, S. 67–81. 4 Samuel Reyher: Serenissimae Atq: Celsissimae Principi Ac Dominae, Dn. Fridericae Amaliae, Regiae Regnorum Daniae et Norwagiae Heredi, Duci Sleswici, Holsatiae, Stormariae et Dithmarsiae, Comiti Oldenburgi et Delmenhorst &c. &c. &c., Kiel o. J. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2943-5331/p18
368 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Struktur, mit dem dominanten, von Treppentürmen und Giebelkranz nobilitierten Osthaus zur Wasserseite und der niedrigeren, L-förmigen Flügelklammer zur Stadt (Abb. 1). In symbolischer Janusköpfigkeit wurde der Kernbau des vorbestehenden Herzogsschlosses in die neue Witwenresidenz integriert, um die familiäre Kontinuität, Tradition und Würde herzoglicher Herrschaft, zu verbildlichen.5 In ihrer neuen sozialen Verfasstheit als Witwe begann Friederike Amalie im Mai 1695 – wie Reyher schreibt – »das Schloss aus Ruinen wieder zu erwecken und prachtvoll neu zu errichten«, eine topische Formulierung, die bald auch in die Inschrift des Hauptportals einging, »womit sie das Andenken des Verstorbenen in würdiger Erinnerung halte«.6 Sie übernahm nun tatkräftig die Verantwortung für die Memoria des toten Gemahls und seines Geschlechts. Gemäß dem Ehevertrag der damals 18-jährigen Braut wurden ihr im Juni die Ämter Kiel, Cismar und Oldenburg als Witwenversorgung und das Schloss in Kiel als Witwensitz zugewiesen, doch war der 5 Der Ulmer Stadtbaumeister Joseph Furttenbach d. Ä.: Architectura recreationis, das ist von Allerhand Nutzlich und Erfrewlichen Civilischen Gebäwen, Augsburg 1640, zeigte im zweiten Teil anhand eigener Entwürfe Umbauoptionen für bestehende Anlagen, so auf Kupfertafel 10, S. 21, wobei aus Gründen der Familientradition möglichst große Teile der überlieferten Bausubstanz erhalten werden sollten. Für alle in Anmerkungen und Text genannten Traktate noch immer grundlegend: Hanno-Walter Kruft: Geschichte der Architekturtheorie. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 62013. 6 Reyher: Serenissimae (wie Anm. 4), S 2. Abb. 1: Kiel, Vogelschau von Schloss und Garten, Sepiazeichnungen von J. E. Ramdahl um 1740. © Eutiner Landesbibliothek.
Neumann: Wenn Witwen bauen ... | 369 Schlossbau in denkbar schlechtem Zustand.7 Durch die beträchtliche Leibrente vom dänischen Hof und eine Erbschaft ihrer Mutter Sophie Amalie von Braunschweig-Lüneburg finanziell unabhängig, konnte sich Friederike Amalie einen luxuriösen Schlossneubau leisten. Mit der Realisierung des steinernen Memorials betraute sie den königlichen, aus dem Tessin stammenden Festungsbaumeister ihres Bruders Christian V. Domenico Pelli ist ein charakteristisches Beispiel für den Künstlerimport vom heimatlichen zum ehelichen Hof einer Fürstin.8 Friederike Amalies Einfluss auf den Kieler Schlossbau ist überall spürbar, zugleich fast nirgends zu beweisen. Geboren am 11. April 1649 als zweite Tochter König Friedrichs III. von Dänemark, hatte sie Kindheit und Jugend im prächtigen Rahmen der glanzvollen dänischen Residenzen verbracht, verfügte über enzyklopädische Bildung und konnte präzise Anweisungen zu Baugestalt und Ikonologie erteilen.9 Wesentlich für die in Reyhers Denkschrift umrissene Erinnerungskultur ist die Massengruppierung in ihrer Beziehung zur Stadt. Das Witwenschloss erhebt sich in souveräner Machtgeste als hermetisch verschlossener Baublock würdevoll über die Altstadtbebauung, öffnet sich hingegen im luftigen Hof zum weiträumig axial angelegten Barockgarten entlang der Förde. Es kombiniert auf diese Weise Qualitäten von Palast und Villa. Ein Landgut mit Kräuter=, Blumen= und Spaziergärten hat 1678 der in Ansbach tätige Architekt Georg Andreas Böckler ausdrücklich als Fürstlichen Wittibsitz empfohlen.10 Die Stadt ist nur Annex des Schlosses, dessen Hauptachse über die repräsentative Treppenanlage auf dem zugeschütteten Halsgraben als seeseitige Allee ins offene Land läuft. Das Kieler Lagebild, gleichsam auf isolierter Herrschaftsinsel, bezeichnet Rückzug und Abbild einer idealeren Welt.11 Der Amalienbau schließt mit dem neuen Corps de logis winkelförmig an das 130 Jahre ältere, 1567 fertiggestellte Parallelhaus aus vier nebeneinander gesetzten Giebelhäusern an, das Friederike Amalie instandsetzen und prächtig ausstatten ließ. Der monumentale Altbau 7 Der Herzog-Adolf-Bau trug verfallene Stirngiebel und Turmhauben, wies Schäden durch Feuchtigkeit und Risse im Mauerwerk auf, das Neue Haus der Anna von Brandenburg (1511) war neun Jahre zuvor sogar eingestürzt. Vgl. CarlHeinrich Seebach: Das Kieler Schloss (Studien zur Schleswig-Holsteinischen Kunstgeschichte 9), Kiel 1965, S. 56 f. 8 Geboren am 3. Januar 1657 in Aranno bei Lugano, erhielt Domenico Pelli seine Ausbildung in Mailand oder Venedig, bevor er 1682 nach Straßburg zum Marquis de Vauban ging, um seine Kenntnisse im modernen Festungsbau zu vertiefen. 1688 trat Pelli in die Hofdienste Christians V. von Dänemark, arbeitete zunächst am neuen Bastionsgürtel Kronborgs, dann ab 1691 am Neuwerk der Festung Rendsburg. 9 Cordula Bischoff: Status, Macht und Kunstpolitik in der Frühen Neuzeit. Die Witwe als Bauherrin und Auftraggeberin, in: Ulrike Ilg (Hg.): Fürstliche Witwen in der Frühen Neuzeit. Zur Kunst und Kulturgeschichte eines Standes, Petersberg 2015, S. 40–54, hier S. 51, betont nachdrücklich: »Die Beschäftigung von adeligen Frauen mit Architektur war im 17. und 18. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit. [...] Planen, Bauen, Einrichten und Dekorieren galten als angemessene Tätigkeitsfelder für Fürstinnen.« – Erst das engstirnige Weltbild des 19. Jahrhunderts sollte Architektur zu einer ausschließlich männlichen Domäne machen. Die Qualität dänischen Bauschaffens äußerte sich gerade in Witwensitzen, so bauten drei Witwen – Mette Rosenkrantz, Ingeborg Skeel und Beate Hvitfeldt – mit Vallø (Seeland, 1581), Voergård (Jütland, 1586) und Svenstorp (Schonen, 1596) die vornehmsten Adelssitze der dänischen Renaissance. Die Mutter Friederike Amalies bewohnte das moderne italienische Gartencasino der ersten Amalienborg (ab 1669). 10 Georg Andreas Böckler: Nützliche Hauß= und Feld=Schule, Nürnberg 1678, An den Leser. 11 Auf einer ähnlich isolierten ›Insel‹ in barockem Garten liegt der Witwensitz Christianes von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg (ab 1692) in Delitzsch. Die ebenfalls von der Stadt abgewandte Dreiflügelanlage an altem Bergfried richtet ihren Ehrenhof zu Stadtgraben und Feldmark aus, beherbergt in der Beletage ein schönes Witwenappartement nebst Festsaal und Tafelzimmer. Siehe Manfred Wilde/Nadine Kinne: Barockschloss Delitzsch, Leipzig 2007.
370 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein in Seitenlage überragt mit seiner hoch ausgezogenen Dachkrone die horizontal gelagerten Amalienflügel unter ruhigen Walmdächern, die ihn wie eine Architekturreliquie umschließen. Denn er veranschaulicht im Verweis auf den Bauherrn Herzog Adolf – infolge der Landesteilung von 1544 Stammvater der Gottorfer Linie – Anfang und Dauer der Dynastie bis zum Urenkel Christian Albrecht. Friederike Amalie balancierte in ihrem Architekturpatronat strategisch zwischen der Legitimation durch Gottorfer Tradition und der Emanzipation durch dänischen Kulturimport.12 Der Typus der Dreiflügelanlage, vormals nur für kleinere rangniedere Landsitze verwendet, ließ sich seit dem Bau des grandiosen Schlosses Christians IV. auf Frederiksborg bis 1623 mit der repräsentativen F unktion einer königlichen Residenz vereinbaren. Die Schackenborg hatte die Variante des axialsymmetrisch subordinierten Dreiflügelbaus 1662 in die dänische Baukunst eingeführt, für die Drehung einer triklinen Baugruppe um 180 Grad, mit Corps de logis zur Stadt und Portalbau zum Garten, bot die 1672 für ihren unehelichen Stiefbruder Ulrik Frederik Gyldenløve begonnene Charlottenborg in Kopenhagen ein vornehmes Vorbild.13 Die geistreiche Kombination der heimatlichen Varianten liegt in Frederike Amalies Witwenauffassung begründet: Die Subordination geht vom Witwenhaus an der Fördeflanke aus, es rangiert in der funktionalen Hierarchie vor dem Wohnflügel des regierenden Herzogs in Querlage, der gleichwohl mit dem Säulenportal ausgezeichnet war, während der schmalere Westtrakt für seine Gemahlin als seitliche Hofbegleitung definiert ist.14 Die Fassaden des neuen, knapp 60 mal 13 Meter großen Torflügels im Süden und des erhaltenen Westtrakts in den Abmessungen von 35 mal 9 Metern zeichnen sich durch Schlichtheit und geometrische Klarheit aus (Abb. 2). Die sparsame Gliederung beschränkt sich auf Gurtgesimse zwischen den drei Geschossen und senkrechte Quaderstreifen an den Gebäudekanten, dazu treten die Frontispize der Torachse und zwei kleine Zwerchhäuser. Pelli entsagt allen ornamentalen Effekten, nur den zu Achsen verklammerten Fenstern misst er eine diskrete Rahmung mit plastischen Flachgiebeln zu; einziger Akzent von Gewicht ist das mächtige Hauptportal, ein antikischer Triumphbogen mit dorischen Zwillingssäulen. Die aus gotländischem Stein geschlagene Gliederung war mit grauer Ölfarbe überzogen, die Ehrenpforte 12 Ebenso zweisprachig wie die Bauherrin Maria von Medici ist ihr Witwensitz in Paris, das Palais du Luxembourg, eine ab 1614 realisierte, gestuft subordinierte Dreiflügelanlage französischer Art mit massigen Kantenpavillons im einheitlich rustizierten Fassadenkleid ihrer toskanischen Heimat. Die Repräsentation hochadeliger Witwen hob mehrheitlich auf ihre Mittlerposition zwischen beiden Dynastien ab, unterstrich einerseits die Würde ihrer gebürtigen Herkunft, andererseits die neue Verbundenheit mit der lokalen Familie. 13 Bischoff: Status (wie Anm. 9), S. 48, schreibt zu recht: »Fürstinnen orientierten sich an den aus ihrer Kindheit und Jugend bekannten Bauten.« – Handbuchnotorisch sind drei Prinzessinnen aus dem Hause Nassau-Oranien: Mit Oranienbaum schuf Henriette Catharina seit 1681 in Anhalt-Dessau eine programmatische Barockanlage in den Formen ihrer südholländischen Heimat; eng verwandt war der zehn Jahre ältere Kernbau Albertine Agnes’ auf Oranienstein bei Diez. Und schon 1651 hatte die älteste Schwester Louise Henriette mit Oranienburg, einem kompakten Baublock mit sparsamer Ornamentik im Stile Pieter Posts, den niederländischen Maßstab in Brandenburg gesetzt. 14 Anders als nur ein Jahr später auf Schloss Gottorf, wo man mit dem Bau des riesigen Südflügels versuchte, die bestehenden Bauteile tunlichst verschwinden zu lassen, wurde in Kiel die Dominanz des Altbaus noch gestärkt.
Neumann: Wenn Witwen bauen ... | 371 strahlend weiß gefasst und in Teilen vergoldet.15 In Analogie zu den Schlössern Gottorf und Drottningholm wird für die glatten Wandflächen ein rosafarbener, durch Beimischung von Ziegelmehl erzeugter Anstrich wahrscheinlich, bekrönt von blau glasierten Dachpfannen . Direkte Anregungen für das eigene Bauvorhaben brachte die Stockholmreise Friederike Amalies im Winter 1691/92 zu ihrer jüngsten Schwester Ulrike Eleonore, Gemahlin König Karls XI.16 Unter dem Eindruck der Bauprojekte des in Rom geschulten Hofarchitekten Nicodemus Tessin dem Jüngeren führte sie in Holstein die italienisch-schwedische Klassik ein.17 Der Amalienbau folgt dem römischen Palasttypus des Hochbarock, zeigt dabei in horizontal aufgespannter Baumasse und glatten Putzfassaden mit plastisch übergiebelten Fenster-Ädikulen enge formale Beziehungen zu Tessins kurz vor 1692 gezeichneten Entwürfen zum Stockholmer Stadtschloss (Abb. 3). Das Kieler Schloss bezeugt den Willen der Auftraggeberin, sich im öffentlichen, vergleichsweise provinziellen Raum der Herzogtümer mit internationalen, eben nordisch redigierten Bauformen darzustellen. Samuel Reyher vergleicht sie daher mit Artemisia, »die das den sieben Weltwundern gleiche Mausoleum als Grabmal ihres Mannes errichten ließ«.18 Artemisia galt seit Giovanni 15 Über Material und ehemalige Farbigkeit informiert das 1706 vom Amtsschreiber Peter Koess erstellte Inventar. Vgl. Seebach: Kieler Schloss (wie Anm. 7), S. 59. 16 Vgl. Bischoff: Status (wie Anm. 9), S. 49: »Die wichtigste Informationsquelle der Fürstinnen war die eigene Familie. [...] Nicht nur zum elterlichen Hof bestanden Kontakte, sondern auch zu den Geschwistern, vor allem zu den Schwestern, die ja ihrerseits an andere Höfe heirateten und dort neue Kunstformen kennen lernten.« 17 Bereits Christian Albrecht hatte 1687 Tessin d. J. mit einem Neubauprojekt für Gottorf beauftragt. Nachdem der schwedische Stararchitekt Schloss und Garten besichtigt hatte, besuchte er den Herzog in Hamburg. Für 1690 nennt Tessins Memorial ein weiteres Treffen, doch blieb es bei kühnen Plänen auf Papier. Im Sommer 1693 bat der dänische König Christian V. Tessin um Entwürfe für den Neubau der abgebrannten Amalienborg, die der Schwede 1694 persönlich in Kopenhagen vorlegte. Vgl. Ragnar Josephson: Nicodemus Tessin d. Y. Tiden – Mannen – Verken (Sveriges Allmänna Konstförening 38/39), Stockholm 1930/31, Bd. 1, S. 86 f., und Bd. 2, S. 80–85. 18 Zitat aus Reyher: Serenissimae (wie Anm. 4), S. 2. Abb. 2: Kieler Schloss, Südfassade, Aufriss von J. A. Richter um 1770. © Eutiner Landesbibliothek.
372 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Boccaccios De mulieribus claris, den 1361 gesammelten Biographien berühmter Frauen, als ewiges Exempel hailiger und überselczemer lieby zů ierem gemahel, und so fester küschait in ierem witwen stăt.19 Im 1528 erstmals gedruckten Buch vom Hofmann Baldassare Castigliones zählt sie zu den gran regine, che vadano a subiugare paesi lontani e facciano magni edifici, piramidi e città.20 In dieser Betonung fand Artemisia Eingang in Pierre Le Moynes La gallerie des femmes fortes der französischen Königinwitwen, publiziert 1647.21 Die Illustration auf Seite 114 zeigt Artemisia vor dem Grabmal in Halikarnassos (Abb. 4). Der Sarkophag ist in einem Säulenportikus sichtbar, dahinter erhebt sich ein klassischer Rundtempel, in der linken Hand hält die Witwe den Pokal der mit Wein vermischten Asche ihres Gemahls. Friederike Amalie ließ Reyher also einen panegyrischen Typus aufgreifen, der einer Fürstin die nötige Charakterstärke bescheinigte, als Äquivalent zu männlichen Heroen zugleich weibliche Eigenschaften von Fürsorge und Nächstenliebe nutzte und sich mit dem Verweis auf die Bautätigkeit einer Witwe kombinieren ließ. 19 Giovanni Boccaccio: De mulieribus clarus. Deutsch übersetzt von Heinrich Steinhöwel (1473), hg. v. Karl Drescher, Tübingen 1895, Kap. 60, S. 193. 20 Zitat aus Baldassare Castiglione: Il libro del Cortegiano (1528), hg. v. Gulio Preti, Turin 1965, Buch 3, Kap. 36, S. 256. 21 Pierre Le Moyne: La gallerie des femmes fortes, Paris 1647, S. 115–127. Abb. 3: Stockhomer Schloss, Nordflügel, Entwurf von N. Tessin d. J. vor 1692. © Nationalmuseum Stockholm.
Neumann: Wenn Witwen bauen ... | 373 Die Raumdisposition des Schlosses ist im Sinne der Denkschrift Programm. Der Neubau beherbergte im zweiten Obergeschoss die repräsentativen Appartements ihres ältesten Sohns, des regierenden Herzogs Friedrich IV., und seiner Gemahlin Hedwig Sophia von Schweden (Abb. 5).22 Im Torflügel folgten auf ein Vorgemach der wichtigste Repräsentationsraum, der in Rot gehaltene Audienzsaal, und zwei geheime Audienzgemächer mit beigeordneten Nebenkabinetten. Nach Westen schlossen sich das prächtige Schlafzimmer mit erhöhtem Paradebett sowie zwei Eckkabinette an. An der Hofseite ermöglichte eine Galerie die direkte Verbindung zur Herzoginsuite im Westflügel, die demonstrativ dem Witwenhaus gegenübergestellt ist. Artemisia als Vorbild folgend, hielt Friederike Amalie nicht allein ihren verstorbenen Ehemann in Ehren, sondern sorgte ebenso treu für das Wohl ihres erstgeborenen Sohns. Der stadtnahe Neubau ist demnach der ganz gegenwärtigen Repräsentation des regierenden Sohns gewidmet, das wasserseitige Vierhaus aber steht für Geschichte und Legitimation. Inhaltliche Klammer und personalisiertes Gelenk bildet das Portal, das in seiner Kartusche 22 Ausführliche Angaben zur reichen Ausstattung finden sich bei Jens Martin Neumann: »Das Schloss aus Ruinen wieder zu erwecken«. Friederike Amalie von Gottorf und ihr Witwensitz zu Kiel, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 87.1 (2013), S. 1–30, hier S. 9–24; eine knappe Zusammenfassung bietet Ders.: »Seniorenresidenz«. Friederike Amalie und der Glanz der Witwenzeit, in: Rüdiger Andreßen (Hg.): Das Kieler Schloss. Residenz im Herzen der Stadt, Kiel/Hamburg 2017, S. 40–53. Abb. 4: Pierre Le Moyne, Artemisia, 1647. © Abb. aus: Le Moyne: Gallerie (wie Anm. 21), S. 114.
374 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Namenszug und lateinische Inschrift Friederike Amalies trägt, der Garantin für den Fortbestand der Dynastie (Abb. 6).23 Der Typus der Ehrenpforte mit verdoppelten, in Postament und Gebälk gekuppelten Freisäulen ist aus dänischen Bauten entlehnt, eine Quelle bietet das Domportal des Großvaters Christian IV. für Roskilde von 1635. Mit diesem ererbten Attribut sichert sich die dänische Prinzessin demonstrativ die königliche Sphäre,24 während die gewählte Säulenordnung de n Mausoleumscharakter unterstreicht: Säulen, Gebälk und Pfeilerarkade sind in ihren Proportionen bis in alle Einzelheiten exakt aus den Regeln Vincenzo Scamozzis für die Dorica konstruiert.25 Und auch die Gurtgesimse und flachen Fenstergiebel, die schwere Rustica der Nebenportale und die Kantenquaderung der Amalienflügel entsprechen diesem Genus. Für ihre angemessene Verwendung beruft sich Scamozzi auf die Antike: Und darum daß die alten Griechen und Römer / [...] die Dorische Ordnung gebraucht zu den Tempeln [...] der Mutter der Götter / der Minervæ, Palladis, und dergleichen [...] Göttinnen [...].26 Um diesen 23 Die Inschrift lautet ins Deutsche übertragen (bei Seebach: Kieler Schloss [wie Anm. 7], S. 58, steht das lateinische Original): »Dieser helle Sitz auf hohen Säulen ist die Herberge der Herrin, Prinzessin Friederike Amalie [...], Witwe des seeligen Herzogs Christian Albrecht. Dieser Teil des Schlosses ist vor 12 Jahren eingestürzt und lag 10 Jahre in Trümmern. Sie begann es aus Ruinen wieder zu erwecken und nun im Jahr 1697 fertigzustellen.« 24 Vergleichbar königlich präsentiert sich der Torpavillon des Witwenpalais des Luxembourg: »Der kuppelüberwölbte Torbau als Eingangsbau hatte mit erkennbarer Herkunft aus dem antiken Triumphbogen in der Porte Dauphin (1601–1608) in Fontainebleau seine architektonische Gestalt gefunden. Die Torbauten von Verneuil, Montceaux, Coulommiers und des Palais du Luxembourg etablierten den Typus königlicher Torbauten« (Kruft: Städte in Utopia [wie Anm. 1], S. 86). 25 Nach Vincenzo Scamozzi: L’Idea della architettura universale, Venedig 1615, Buch VI, S. 34, beträgt die Höhe der glattschlanken Säulen einschließlich Kapitell und Basis 8 ½ untere Säulendurchmesser, sie tragen das regelkonforme Gebälk mit zweifach gestuftem Architrav. 26 Ders.: Grundregeln der Bau-Kunst oder Klärliche Beschreibung der fünff Säulen-Ordnungen, und der gantzen BauKunst, Nürnberg 1678, Kap. 18, S. 66 (das nachstehende Zitat findet sich auf S. 67). Die deutsche Übersetzung in der Universitätsbibliothek Kiel gehört wie zwei holländische Ausgaben (Amsterdam 1640/58) wahrscheinlich zur herzoglichen Bücherschenkung anlässlich der Universitätsgründung 1665 aus Beständen der Bordesholmer Klosterbibliothek. Abb. 5: Kieler Schloss, Amalienbau. Grundriss von J. A. Richter um 1770. © Eutiner Landesbibliothek.
Neumann: Wenn Witwen bauen ... | 375 dorischen Charakter zu verdeutlichen, standen über den Kieler Doppelsäulen zwei große Holzfiguren: eine mit Helm, Brustpanzer und Speer gerüstete Minerva, Göttin der Weisheit und Beschützerin der Kü nste, und die Tugendallegorie der Magnanimitas, der Großmut, mit ihren Attributen Krone, Zepter und Füllhorn, die gemeinsam der Freigiebigkeit der Landesmutter huldigten (Abb. 7).27 Zur Widmung an auserwählte Göttinnen tritt bei Scamozzi die Zuweisung an bestimmte Bauaufgaben: Weil die Dorische Ordnung nun ziemlich starck ist / [...] auch den Zufällen deß Gewitters und der Zeit gnugsam zu wiederstehen / so haben die Alten nach solcher Ordnung gerne gebauet [...] auch die Mousolea [...] oder Begräbnüsse [...]. Die Dorica ist die Säulenordnung der fürstlichen Memoria, damit des Witwensitzes. Wir finden sie 1691 auch am Hauptportal des sächsischen Witwenschlosses Delitzsch. 27 Meine ältere Deutung der linken Figur als »schwer gerüsteter Krieger« (Neumann: Witwensitz [wie Anm. 22], S. 17), ist in Minerva zu korrigieren. Abb. 6: Kieler Schloss, Südflügel. Fotografie um 1938. © Stadtarchiv Kiel.