Überlegungen zu Ethik und Religion im Gesellschaftsbuch der Frauensozietät Tugendliche Gesellschaft: Das Beispiel der ›Gerechten‹ Herzogin Dorothea Augusta von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Plön (1602–1682)
Abstract
Im Jahr 1619 gründete Gräfin Anna Sophia von Schwarzburg-Rudolstadt, geborene Anhalt, die Tugendliche Gesellschaft. Mit 103 Mitgliedern war sie…
Full text
| 139 Gabriele Ball Überlegungen zu Ethik und Religion im Gesellschaftsbuch der Frauensozietät Tugendliche Gesellschaft Das Beispiel der Gerechten Herzogin Dorothea Augusta von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Plön (1602–1682) Im Jahre 1619 wurde die größte rein protestantische Frauengesellschaft des 17. Jahrhunderts im Rudolstädter Schloss Heidecksburg gegründet: die Tugendliche Gesellschaft. Die Majorität des weiblichen Hochadels war darin vertreten, so zu mehr als einem Drittel die Häuser Schwarzburg und Anhalt, des Weiteren Brandenburg, Braunschweig, Hessen, Sachsen und Württemberg und für unseren Zusammenhang maßgeblich: Schleswig-Holstein. Neben der Protagonistin Dorothea Augusta konnten fünf weitere hochadelige Frauen, allesamt Schwägerinnen der in Rede stehenden Herzogin, die Mitgliedschaft in der größten Fürstinnensozietät des 17. Jahrhunderts für sich beanspruchen. Da die ›weibliche‹ Tugendliche Gesellschaft verwandtschaftlich und in mancher Hinsicht auch programmatisch mit der größten ›männlichen‹ Sprachund Tugendgesellschaft des 17. Jahrhunderts, der Fruchtbringenden Gesellschaft (1617–1680), verbunden war, wird dieses sozietäre Netzwerk in die Betrachtung miteinbezogen.1 Aufgeführt werden nachstehend die Schleswig-Holsteiner Herzoginnen und ihre Gatten mit Geburtsund Gesellschaftsnamen sowie Gesellschaftsnummer und Aufnahmejahr. Hinzugefügt wurde außerdem das Jahr der Eheschließung: 1. Schleswig-Holstein-Gottorf, Herzogin Dorothea Augusta (TG 47b. Die Gerechte. Nach 1630. 1602–1682); seit 1633 verheiratet mit Herzog Joachim Ernst von Schleswig-Hol1 Die Fruchtbringende Gesellschaft zählte fast 800 Männer, unter denen sich – im Gegensatz zum weiblichen Pendant – auch einige bürgerliche und wenige katholische Mitglieder befanden. – Im Folgenden wird in den Anmerkungen bei der Erstnennung von ›tugendlichen‹ Mitgliedern auf Gesellschaftsnummer, Gesellschaftsname, Aufnahmedatum und Lebensdaten verwiesen. Die ›fruchtbringenden‹ Mitglieder werden mit Gesellschaftsnummer und Gesellschaftsname genannt, wenn sie im unmittelbaren Kontext einer Tugendlichen auftreten. Dabei steht TG für Tugendliche, FG für Fruchtbringende Gesellschaft. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2943-5331/p8
140 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein stein-Sonderburg-Plön (FG 101. Der Sichere. 1625. 1595–1671). Die genannten Herzoginnen sind allesamt Schwägerinnen Dorothea Augustas. 2 2. Schleswig-Holstein-Gottorf, Herzogin Julia(na) Felicitas (TG 41b. Die Dankbare. Nach 1636. 1619–1661); *Württemberg-Juliusburg; seit 1640 verheiratet mit Herzog Hans (Johann), Bischof von Lübeck (FG 286. Der Nützliche. 1636. 1606–1655). 3 3. Schleswig-Holstein-Gottorf, Herzogin Maria Elisabeth (TG 63b. Die Verständige. Nach 1635. 1610–1684); *Sachsen (albertinisch); seit 1630 verheiratet mit Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf (FG 388. Der Hochgeachte. 1642. 1597–1659). 4 4. Schleswig-Holstein-Sonderburg, Herzogin Anna Sabina (TG 36. Die Leutselige. 1626/28. 1593–1659); Schwester Herzog Joachim Ernsts (siehe 1.), seit 1618 verheiratet mit Herzog Julius Friedrich von Württemberg-Juliusburg (kein Mitglied der FG. 1588–1635), Neffe Gräfin Anna Sophias. 5. Schleswig-Holstein-Sonderburg, Herzogin Eleonora (TG 31. Die Langmütige. 1624. 1590–1669); Schwester Herzog Joachim Ernsts (siehe 1.). 6. Schleswig-Holstein-Sonderburg, Herzogin Eleonora Sophia (TG 39. Die Künstliche. 1628. 1603–1675); Schwester Herzog Joachim Ernsts (siehe 1.), seit 1625 verheiratet mit Fürst Christian II. von Anhalt-Bernburg (FG 51. Der Unveränderliche. 1623. 1599–1656), Neffe Gräfin Anna Sophias. Im Schaubild (Abb. 1) wird die Vernetzung der Tugendlichen mit der Fruchtbringenden Gesellschaft zur Anschauung gebracht. Währe nd der gesamten Zeit ihres Bestehens lag die Leitung der Tu gendlichen Gesellschaft in den Händen der lutherischen Gräfin Anna Sophia von Schwarzburg-Rudolstadt, geborene Fürstin von Anhalt, jüngste Schwester des reformierten Oberhaupts der Fruchtbringenden Gesellschaft, Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen.5 Zwei Jahre nach der Gründung des ›frucht2 Melanie Greinert: Zwischen Unterordnung und Selbstbehauptung. Handlungsspielräume Gottorf er Fürstinnen (1564–1721) (Kieler Schriften zur Regionalgeschichte 1), Kiel/Hamburg 2018, S. 192 f., 222, 245, 252, 306. Vgl. auch Dies.: Heiratspolitik als bestimmender Faktor dynastischer Größe. Das Konnubium der Gottorfer Dynastie, in: Oliver Auge/Michael Hecht (Hg.): »Kleine Fürsten« im Alten Reich. Strukturelle Zwänge und soziale Praktiken im Wandel (1300–1800) (Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 59), Berlin 2022, S. 361–402. 3 V gl. Greinert: Unterordnung und Selbstbehauptung (wie Anm. 2), S. 25, 253; Dies.: Leben und Wirken einer fürstbischöflichen Ehefrau. Julia Felicitas von Schleswig-Holstein-Gottorf, geb. von Württemberg-Weiltingen, in: Oliver Auge/Anke Scharrenberg (Hg.): Die Fürsten des Bistums. Die fürstbischöfliche oder jüngere Linie des Hauses Gottorf in Eutin bis zum Ende des Alten Reiches. Beiträge zum Eutiner Arbeitsgespräch im April 2014 (Eutiner Forschungen 13), Eutin 2015, S. 57–73. 4 Vgl. Greinert: Unterordnung und Selbstbehauptung (wie Anm. 2), passim, bes. S. 243. Dort wird erwähnt, da ss Herzogin Maria Elisabeth ihrer Tante, Herzogin Sophia von Pommern-Stettin, nachfolgt. Vgl. zur Herzogin auch Ada Kadelbach: Maria Elisabeth Herzogin von Schleswig-Holstein-Gottorf, geb. 22. November 1610 in Dresden, gest. 24. Juni 1684 in Husum. Förderin des geistlichen und kulturellen Lebens im Herzogtum Schleswig, in: Claudia Tietz/ Ruth Albrecht/Rainer Hering (Hg.): Auf den zweiten Blick. Frauen und Männer der Nordkirche vom Mittelalter bis zur Gegenwart (Schriften des Vereins für Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte 61), Husum 2018, S. 151–165. 5 TG 1. Die Getreue. 1619. 1584–1652. Vgl. Gabriele Ball: Countess Anna Sophia of Schwarzburg-Rudolstadt (1584–1652), Head of the »Tugendliche Gesellschaft«, and Her Concept of »Virtue«, in: Arjan van Dixhoorn/Susie Speakman Sutch (Hg.): Performative Literary Culture. Literary Societies and the World of Learning (1200–1700), Leiden/Boston 2023, S. 340–354. Dort finden sich auch weitere Beiträge der Verfasserin zur Gräfin Anna Sophia angegeben .
Ball: Überlegungen zu Ethik und Religion im Gesellschaftsbuch der Frauensozietät Tugendliche Gesellschaft | 141 bringerischen‹ Pen dants trafen sich am 5. September 1619 neun Fürstinnen und vier adelige Mitglieder der Männergesellschaft, um den Gründungsakt feierlich zu vollziehen: al len voran Anna Sophia, sodann vier Gräfinnen aus dem Hause Schwarzburg, namentlich ihre Schwägerinnen Sophia,6 Anna Sibylla,7 Elisabeth Juliana8 und Dorothea Susanna,9 außerdem die Schwägerin Amoena Amalia von Anhalt-Köthen,10 Gattin ihres Bruders Ludwig, deren gemeinsame Tochter, Loysa Amoena,11 weiterhin ihre Nichte Eleonora Dorothea,12 Tochter ihres Bruders Johann Georg I. von Anhalt-Dessau, und schließlich die Nichte Agnesa Elisabeth von 6 TG 3. Die Gedultige. 1619. 1579–1630. 7 TG 5. Die Segnende. 1619. 1584–1623. 8 TG 7. Die Beständige. 1619. 1578–1658. 9 TG 8. Die Sorgfältige. 1619. 1587–1662. 10 TG 2. Die Aufrichtige. 1619. 1586–1625. Vermählt mit Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen (FG 2. Der Nährende). Erstes Oberhaupt der Fruchtbringenden Gesellschaft bis 1650. 11 TG 6. Die Fürsichtige. 1619. 1609–1625. Gemeinsame Tochter von TG 2 und FG 2, siehe Anm. 10. 12 TG 4. Die Demütige. 1619. 1602–1664. Vermählt mit Herzog Wilhelm IV. von Sachsen-Weimar (FG 5. Der Schmackhafte). Zweites Oberhaupt der Fruchtbringenden Gesellschaft bis 1662. Abb. 1: Vernetzung der Tugendlichen mit der Fruchtbringenden Gesellschaft. © Gabriele Ball, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.
142 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Abb. 2: Gemälde der Leutseligen. © Forschungsbibliothek Gotha, Chart. B 831ba (2), Bl. 178r.
Ball: Überlegungen zu Ethik und Religion im Gesellschaftsbuch der Frauensozietät Tugendliche Gesellschaft | 143 Barby-Mühlingen , 13 Tochter der oben genannten Sophia, und vier Fürsten, Gräfin Anna Sophias Gatte Carl Günter von Schwarzburg-Rudolstadt, dessen Bruder Ludwig Günther, Fürst Ludwig und schließlich dessen Sohn Ludwig der Jüngere. Bis in die 1640er Jahre hinein traten über 100 Mitglieder bei. Da ein Numerus Clausus von 73 existierte, fand die Einschreibung in das ›Mitgliederverzeichnis‹, das emblematische Gesellschaftsbuch, mit dem 1632 eingenommenen Mitglied Pfalzgräfin Dorothea Maria von Sulzbach ihren offiziellen Abschluss.14 Die Impresen verstorbener Mitglieder wurden von später neu aufgenommenen Fürstinnen übernommen.15 Im Idealfall folgte dem jeweiligen Gemälde die mehrere Strophen umfassende Auslegung, die Erklärung zur Imprese. Die 73 ›Interpretationen‹ der Embleme finden sich allesamt im Gothaer Gesellschaftsbuch, hingegen sind nur wenige Picturae (koloriert oder schwarz-weiß) im Manuskript des Gesellschaftsbuchs auf uns gekommen. Eine solche Ausnahme betrifft die in Gänze erhalten gebliebene Imprese der Schleswig-Holsteinerin Herzogin Anna Sabina, und so kann anhand dieses Beispiels die ›bildliche‹ Seite des unikalen Gesellschaftsbuchs verdeutlicht werden. Anna Sabina war eine Schwester Joachim Ernsts und bereits seit 1618 mit Herzog Julius Friedrich von Württemberg-Juliusberg vermählt (in Abb. 1 unten links). Aus dieser Verbindung entstammten neun Kinder (4 Töchter und 5 Söhne). Ihr Gatte war mit der Sozietätsleitung verwandt, denn seine Mutter Sibylla von Anhalt war eine Halbschwester Gräfin Anna Sophias (und damit auch Fürst Ludwigs). Bemerkenswerterweise vermählte sich eine ihrer Schwestern, Eleonora Sophia, einige Jahre später ebenfalls mit einem Anhaltiner, Fürst Christian II. von Anhalt-Bernburg, einem Neffen Anna Sophias (siehe Abb. 1 direkt über Anna Sabina).16 Rechts über der lavierten Federzeichnung, dem Gemälde, findet sich die Gesellschaftsnummer 36 (Abb. 2).17 Der Gesellschaftsname die Leutselige und das Gesellschaftswort Gegen jederman sind Teil des Emblems selbst. Unterhalb der Pictura in einer Schmuckkartusche lesen wir den Geburtsund Ehenamen und das Aufnahmedatum. Erkennbar ist auf der Abbildung Jesus inmitten einer Gruppe von Müttern und Kindern – nach Markus 10,13–16 (»Lasset die Kinder zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich«). Links zeigt sich ein 13 T G 9. Die Hoffende. 1619. 1600–1651. Vermählt mit Graf Hans Martin von Stolberg-Stolberg (FG 228. Der Bestehende). 14 TG 73. Die Gemarterte. 1632. 1559–1639. Diese Zahl geht auf die Bibel und die 73 Alten zurück, die Moses auf den Berg Sinai begleiteten. Vgl. Gabriele Ball: Die Tugendliche Gesellschaft. Programmatik eines adeligen Netzwerkes in der Frühen Neuzeit, in: Jill Bepler/Helga Meise (Hg.): Sammeln, Lesen, Übersetzen als höfische Praxis der Frühen Neuzeit. Die böhmische Bibliothek der Fürsten Eggenberg im Kontext der Fürstenund Fürstinnenbibliotheken der Zeit (Wolfenbütteler Forschungen 126), Wiesbaden 2010, S. 337–361, hier S. 340. 15 Gräfin Sophia Dorothea von Mörsberg (TG 29b. Die Barmherzige. 1644. 1624–1685), seit 1645 mit Graf Christian Günther II. von Schwarzburg-Arnstadt (FG 546. Der Wohlbewährte) vermählt. 16 Siehe oben das Netzwerk mit Tabelle. Vgl. das Editionsprojekt https://www.hab.de/digitale-edition-und-kommentierung-der-tagebuecher-des-fuersten-christian-ii-von-anhalt-bernburg-1599-1656/ (letzter Aufruf: 12.02.2024). 17 Forschungsbibliothek Gotha (FBG), Chart. B 831 ba (2), Bl. 178r, 178v leer. Es folgt im Manuskript die mehrteilige Auslegung, wie weiter unten ausführlich am Beispiel Herzogin Dorothea Augustas gezeigt wird. Vgl. dazu auch Klaus Conermann (Hg.): Briefe der Fruchtbringenden Gesellschaft und Beilagen. Die Zeit Fürst Ludwigs von Anhalt-Köthen 1617–1650, Bd. 3: 1630–1636 (Die deutsche Akademie des 17. Jahrhunderts: Fruchtbringende Gesellschaft, Reihe I, Abt. A: Köthen), Leipzig/Tübingen 2003, S. 103, S. 233–241 (digitale Fassung: http://diglib.hab.de/edoc/ed000217/ start.htm [letzter Aufruf: 12.02.2024]).
144 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein mürrisch blickender Apostel, der die Kinder von Jesus fernhalten möchte. Im Manuskript heißt es dazu: Die Leutselige – ümb iederman, hat zum gemählte den herrn Christum, wie die Kinder zu ihm theils gelauffen, theils auf stecken geritten, theils von den Müttern getragen, kommen, so wohl Mägdlein, als Knäblein, groß und kleine, wohlbekleidet oder nackend, welcher er zu sich nimmt, küsst, und die darzu sauer sehenden jünger (welche die Kinder gleichsam schelten) mit der hand stillet. Marc. 10. v. 13. (NB sollen so viel kinder, als diese herzogin hat, gemahlet werden).18 Als sehr aufschlussreich erweist sich der in Klammern hinzugefügte Abschlusssatz, denn derselbe betont das Faktum ihrer mehrfachen Mutterschaft und zeigt damit vor allem, dass die Imprese durchaus mit dem Lebensalltag des aufzunehmenden Mitglieds in Verbindung steht oder mindestens stehen kann. Programmatik und Gesellschaftsbuch Was war das Ziel, und wie lautete das Programm der Tugendlichen Gesellschaf t und ihrer Leitung, der Anhaltinerin und verheirateten Schwarzburgerin Anna Sophia? In der Erklerung der Tugendlichen Gesellschaft wird sowohl eine horizontale, nach innen gerichtete Wirkebene der Tugendlichen im Miteinander als auch eine vertikale, eine, die nach außen und unten weist, deutlich: Gesellschaft ist eine Verbindung etlicher Persohnen, so sich miteinander wegen gleichmäßiges Sinnes in gemeinem Leben vereinigen, vnd die Hulfreiche Hand in für fallender noth eine der andern zu bieten versprechen [...] mit ein ander in eine Verbindung ein laßen zu dem Ende, daß sie andern zum Exempel oder beyspiel ein tugendreichs vnd rühmblichs Leben stets führen wollen [...] Guter Freindschaft ist, wen sich friedsahme Persohnen mit dem band der Liebe auß wohlmeinter affection verbinden, neue freindschaft aufzurichten und die alte zu erhalten [...] Zur Beschutzung Land und Leut ist, da sich unterschiedliche Obrigkeiten zusammen thun und verbinden in kriegs gefahr vor ihre land und leit ritterlich(!) vnd mit nuze zu streiten, vnd denselben müglich vnd menschliche Hülff zu leisten. 19 Im Vordergrund der Erklärung stehen einerseits die Freundschaft untereinander und die Übernahme der Rolle eines verantwortungsvollen Vorbilds zum Schutz der Untertanen. Andererseits 18 FBG, Chart. B 831b, Bl. 34r. 19 Ebd., Bl. 27r, 28r, 29r. Diese ›Erklärung‹ geht nach bisherigem Forschungsstand auf Gräfin Anna Sophia und/oder Wolfgang Ratke zurück.
Ball: Überlegungen zu Ethik und Religion im Gesellschaftsbuch der Frauensozietät Tugendliche Gesellschaft | 145 gilt es, die wahre Religion, das Christentum (hier: das Luthertum) zu stärken. Bemerkenswerterweise wird mit der Gründung dieser Frauengesellschaft den bis ins 20. Jahrhundert hinein Männern vorbehaltenen, freundschaftlichen Vereinigungen, die verwandtschaftlich, politisch, religiös oder territorial geprägt sein konnten, ein weibliches Pendant mit ebensolchem Anspruch an die Seite gestellt.20 Nach bisherigem Forschungsstand ist davon auszugehen, dass der wichtigste Einfluss auf die Programmatik der Sozietät im Allgemeinen und auf die Gesellschaftsstatuten im Besonderen von Wolfgang Ratke ausging.21 Auf ihn soll zum besseren Verständnis der inhaltlichen Ausrichtung der Tugendlichen Gesellschaft deshalb genauer eingegangen werden. 1571 im holsteinischen Wilster geboren, studierte er Philosophie und Theologie in Rostock und Helmstedt und strebte sowohl in seinen Werken als auch im konkreten Alltag eine allumfassende, das heißt pädagogische, soziale und politische Erneuerung an, eine Vereinheitlichung von Sprache, Regierung und Religion. Seine Werke befassten sich dementsprechend mit allen Lebensfragen, solchen der Schulen, des Staates und der Kirche. Sogar die Konzeption und Herausgabe von Schulbüchern verantwortete der rührige Gelehrte. Erwähnt werden soll beispielhaft die Publikation einer einflussreichen Fibel für die angehende Jugend, die in Fürst Ludwigs Offizin zu Köthen (1619) gedruckt wurde.22 Wolfgang Ratke beabsichtigte zunächst und vorrangig die Aufwertung des Deutschen (gegenüber dem Lateinischen), und zugleich verfolgte er die Verbesserung des fremdsprachlichen Unterrichts. Betrachten wir in diesem Kontext einen Brief der oben genannten lutherischen Herzogin Anna Sabina an die Sozietätsleitung Gräfin Anna Sophia aus dem Frühjahr 1630, vier Jahre nach der Aufnahme in die Gesellschaft. Sie beschreibt darin ihre Schwierigkeiten, einen geeigneten Präzeptor für ihre Kinder zu finden. Ihrer Vorstellung nach sollte ein an Wolfgang Ratkes Didaktik geschulter Erzieher eingestellt werden, da sie, im Gegensatz zu ihrem Gatten, der Meinung war, dass ihre Kinder mehrere Sprachen lernen sollten: Mein herzallerliebster [i. e. ihr Gatte Julius Friedrich] halt im sinn ein Jedes sol sein sonderliche Sprach lernen aber mich deucht das schätt [= schadet] doch nicht wen sie mehr als eine lernen vndt werden sie also dem Preseptor musen zu wacksen das es woll kein so balde muhen geben wurdt wen er in lateinischer fransosische Italienische ebreische oder grikische Sprach auf hern Radicho manir abgericht[.] wehr woll ein schönne sache. 23 20 Vgl. zu in der Regel Männern vorbehaltenen Vereinigungen Natalie Binczek: Einleitung, in: Dies./Georg Stanitzek (Hg.): Strong ties/Weak ties. Freundschaftssemantik und Netzwerktheorie (Beihefte zum Euphorion 55), Heidelberg 2010, S. 7–38. Siehe auch Gabriele Ball: »Ich werde aber in meiner gefreundter dienst verreisen«. Sociability and Friendship in the Letters of the »Fruchtbringende Gesellschaft«, in: Patrizia Piredda/Matthias Roick (Hg.): Vera amicitia. Classical Notions of Friendship in Renaissance Thought and Culture (Court cultures of the Middle Ages and Renaissance 10), Oxford 2022, S. 215–238. 21 Zu Ratke noch immer richtungsweisend Uwe Kordes: Wolfgang Ratke (Ratichius, 1571–1635). Gesellschaft, Religiosität und Gelehrsamkeit im frühen 17. Jahrhundert (Beihefte zum Euphorion 34), Heidelberg 1999. 22 http://diglib.hab.de/drucke/289-1-quod-2/start.htm (12.02.2024). 23 Der Lesbarkeit halber leicht modifiziertes Schreiben, zit. n. Conermann: Briefe (wie Anm. 17), S. 234.
146 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Nicht nur die Leitung, sondern auch die Mitglieder der Tugendlichen Gesellschaft befanden, dass Ratke für die Sozietät und ihre Ziele sehr nützlich wäre, und Gräfin Anna Sophia zog daraus die Konsequenz, Ratke in jeglicher Hinsicht als Mäzenin zu unterstützen.24 Dieser wiederum sah in den hochadeligen Damen große Potentiale, seine hochfliegenden Pläne einer gesamtgesellschaftlichen Reform wirkungsvoll umzusetzen, bot der hochadelige Stand doch Handlungsspielräume, die ihm als Gelehrter in unsicherer beruflicher Situation nicht zur Verfügung standen. Ganz konkret nahm die Gräfin Ratke zeitweise auf ihrem Witwensitz in Kranichfeld auf, wo er um 1632 die für die Gesellschaft richtungsweisende Ethik, Die SittenLehr der Christlichen Schule (im Folgenden: SittenLehr), verfasste.25 Die von Ratke vertre tene Gesellschaftsreform und insbesondere seine Ethik stehen mit der Tugendlichen Gesellschaft, ihrem Selbstverständnis und dem Tugendkatalog im Gesellschaftsbuch in unmittelbarer Beziehung. Sämtliche in der SittenLehr von ihm genannten und dort genau beschriebenen, ja exakt definierten Tugenden spiegeln sich im Gesellschaftsbuch, zunächst in den Gesellschaftsnamen und sodann in den Impresenauslegungen der einzelnen Mitgl ieder, wider. Im Folgenden wird deshalb das sämtliche Tugenden umfassende Register der SittenLehr zum Abdruck gebracht (Drittes Buch, Teil 1; Abb. 3).26 Geplant war ein zweiter Teil der SittenLehr, der die Laster abhandeln sollte, doch dieser wurde nie ausgeführt.27 Nur auf den ersten Blick handelt es sich um eine unsystematische Ansammlung antiker und christlicher Tugenden.28 Nach einem Vergleich der beiden ›Tugend-Verzeichnisse‹, der SittenLehr mit dem Manuskript des Gesellschaftsbuchs, fallen zunächst zwei Phänomene ins Auge: Gräfin Anna Sophia und Wolfgang Ratke haben sich offensichtlich, und wie bereits erwähnt, gänzlich auf die SittenLehr berufen. Dies bedeutet auch, dass das Manuskript des Gesellschaftsbuchs nicht aus den sozietären Anfängen um 1619 mit kontinuierlicher Erweiterung, sondern höchstwahrscheinlich erst aus den 1630er Jahren stammt.29 Der zweite Aspekt: Der Tugendkatalog ist kein speziell auf Frauen ausgelegter, sondern er definiert gleichsam die aus (antiker) Philosophie und (christlicher) Religion vertrauten, für eine männlich geprägte Welt bestimmten virtutes. Auch ein Vergleich mit der Fruchtbringenden 24 Ergänzt und erweitert wird dieser Gedankengang durch Ball: Tugendliche Gesellschaft (wie Anm. 14), S. 348 f. 25 Wolfgang Ratke: Die SittenLehr der Christlichen Schule, hg. v. Herbert Schmidt. Obertshausen 1994. – Auf dem Witwensitz stand Ratke ein (nach ihm benannter Raum) zur Verfügung (Jn Ratichii Stuben). Siehe Gabriele Ball: Das Inventar der Gräfin Anna Sophia von Schwarzburg-Rudolstadt als Spiegel eines fürstlichen Netzwerks im 17. Jahrhundert, in: Claudia Brinker-von der Heyde u. a. (Hg.): Frühneuzeitliche Bibliotheken als Zentren des europäischen Kulturtransfers, Stuttgart 2014, S. 77–94, hier S. 83. 26 Vgl. Ratke: SittenLehr (wie Anm. 25), S. 382–384. 27 Vgl. ebd., S. 385 (Nachbetrachtung des Herausgebers). 28 Einschließlich der besonders im männlichen Adel gepflegten altritterlichen Tugenden, wie Recht, Weisheit, Tapferkeit, Ehre und Treue. Siehe Andreas Herz: »Edle Ritter dieser Zunft«. Beobachtungen zur sozietären Performanz der Fruchtbringenden Gesellschaft, in: Claudius Sittig/Christian Wieland (Hg.): Die »Kunst des Adels« in der Frühen Neuzeit (Wolfenbütteler Forschungen 144), Wiesbaden 2018, S. 93 f. 29 Vgl. den erwähnten Brief Anna Sabinas, Schwägerin Dorothea Augustas, aus dem Jahre 1630, in dem sie sich unter anderem für ihre Imprese bedankt, das heißt auch, dass sie erst vier Jahre nach ihrer Aufnahme Kenntnis von derselben erhält, was die These einer vergleichsweise späten Entstehung des Gesellschaftsbuchs erhärtet. Zum Schreiben Anna Sabinas vgl. Conermann: Briefe (wie Anm. 17), S. 234.
Ball: Überlegungen zu Ethik und Religion im Gesellschaftsbuch der Frauensozietät Tugendliche Gesellschaft | 147 des Ersten Buchs. 1. Von der Benennung. 2. Von der Endursache. 3. Von der Underlage. 4. Von den Ursachen der sittlichen Verrichtung. 5. Von der Eigenschaft der sittlichen Verrichtung. des andern Buchs. 1. Von der Benennung. 2. Von der Ursach der Tugenden. 3. Von der willigen Verrichtung. 4. Von der Berathschlagung. 5. Von der Wahl. 6. Von der unwilligen Verrichtung. 7. Von der unversichtigen Verrichtung. 8. Von den Affecten. 9. Von der Wollust. 10. Von dem Schmertzen. 11. Von der Freündschafft. 12. Von der gleichen Freündschafft. 13. Von der ungleichen Freündschafft. des dritten Buchs. Im ersten theil. 1. Von der Benennung. 2. Von der Innerlichen Reinigkeit. 3. Von der Gerechtigkeit des Glaubens. 4. Von der Gütigkeit. 5. Von der Frommigkeit. 6. Von der Gottseligkeit. 7. Von der Andacht. 8. Von der Segnung. 9. Von der Geistlichen Marter. 10. Von dem seligmachenden Glauben. 11. Von der Liebe Gottes. 12. Von der Furcht Gottes. 13. Von der Tröstung. 14. Von der Barmhertzigkeit. 15. Von der Allmosengebung. 16. Von der Gastfreyheit. 17. Von der Treue. 18. Von der Liebe des Nehesten. 19. Von der Langmütigkeit. 20. Von der Einträchtigkeit. 21. Von der Hoffnung. 22. Von der Weißheit. 23. Von der Verstendigkeit. 24. Von der Wißenschafft. 25. Von der Fürsichtigkeit. 26. Von der Kunst. 27. Von der Heroischen Tugend. 28. Von der Dapfferkeit. 29. Von der Mäßigkeit. 30. Von der Abbruchigkeit. 31. Von der Enthaltung. 32. Von der Nüchternheit. 33. Von der Keüschheit. 34. Von der Freygebigkeit. 35. Von der Großthätigkeit. 36. Von der Großmüthigkeit. 37. Von der Bescheidenheit. 38. Von der Sanfftmuth. 39. Von der Warheit. 40. Von der Höffligkeit. 41. Von der Gerechtigkeit. 42. Von der Maßhaltung. 43. Von der Verträglichkeit. 44. Von der Verschwiegenheit. 45. Von der Leütseligkeit. 46. Von der Freündligkeit. 47. Von der Zierligkeit. 48. Von der Holdseligkeit. 49. Von der Auffrichtigkeit. 50. Von der Billigkeit. 51. Von der Ehrbarkeit. 52. Von dem Politischen Glauben. 53. Von der Einhelligkeit. 54. Von der Züchtigkeit. 55. Von der Schamhafftigkeit. 56. Von der Miltigkeit. 57. Von der Ernsthafftigkeit. 58. Von dem Gehorsam. 59. Von der Willfertigkeit. 60. Von der Demuth. 61. Von dem Sieg. 62. Von der Versohnlichkeit. 63. Von der Friedfertigkeit. 64. Von dem Mitleiden. 65. Von der Gutwilligkeit. 66. Von der Woltätigkeit. 67. Von der Ehrerbietung. 68. Von der Danckbarkeit. 69. Von der Sparsamkeit. 70. Von der Genügsamkeit. 71. Von dem Gottseligen Eifer. 72. Von der Freüdigkeit. 73. Von der Embsigkeit. 74. Von dem Historischen Glauben. 75. Von der Gedult. 76. Von der Beharrligkeit. 77. Von der Bestendigkeit. 78. Von der Sorgfaltigkeit. 79. Von Rennligkeit. Ende des Registers. Abb. 3: Register der SittenLehr. © Abb. nach: Ratke: SittenLehr (wie Anm. 25) S. 382–384. Register aller Capitel In der SittenLehr.
154 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Die Gerechte – Impresenauslegung53 Ich werde billich mich vor andern nun erfrewen. Den, der mich vor verachtet, wird itzt sein frevel rewen. Weit von der Ostsee hehr, auff so viel meilen weit Besucht mann meinen strom, vnd bringt Gerechtigkeit. Gerechte. Diß thut Jhr, die ¹wolcken Hand, 5wag, 7elle, 4Schwerd, 7maß, 6Gewicht’ vnd 3Buch sind Bäch’, Jhr seyd die quelle, Sein 8Schiffreich 9waßer ich, die so beschenckte 10stadt. Jst meine stadt da man sich so gesellet hat. Nein, diß ist Ewer bild: doch bringt mirs keinen schaden. Es lehret daß mann soll mit 4straffen, mit 5genaden Durch Gottes 3wort vnd 2macht 6Gerecht ohn argen schein Zu 7waßer vnd zu 10Land’ im 8Handel – 7wandel sein. Jhm sey nun wie ihm sey. Diß reichet eurem Lande Zum Vortheil, mir zur Lust, zum Beyspiel Ewrem stande, Der Schwesterschafft zu Ruhm, vnd Gottes selbst zu Ehr. Vns Christen auch zum Trost. O wohl dergleichen Lehr. Außlegung Wie die 1.WockenSo soll man wegen 1. Gottes 2. hand 2. macht ein 3. Buch vndt 3. wordt 4. schwerdt mit 4. straffen 5. wage vnd 5. belohnung 6. gewichte 6. gerecht 7. maß vnd elle im 7. wandel Über die 8. schiffreichen vnd 8. handel 9. waßer 9. Jn waßer gelegene 10. stadt vnd 10. Lande helt: sein. [224v] 53 FBG, Chart. B 831 ba (2), Bl. 224rv.
Ball: Überlegungen zu Ethik und Religion im Gesellschaftsbuch der Frauensozietät Tugendliche Gesellschaft | 155 2. Die Gerechte. Die schöne stadt, wie köstlich auffgericht, Wie fest sie ist an schiff-fisch-reichen waßer, Jst arm vnd schwach, doch gegen iedem haßer, wenn ihr die wag’ vnd wolckenhand gebricht. Gerechtigkeit im Handel ists vnd Wandel. Ümb mich wers, auch ohn sie ein schlechter handel. 3. Die Gerechtigkeit. Wer mich hat, hat ein großes glücke, das alle thugend in sich helt. Mein auge seht zu rücke, zwar nicht nach gut vnd geld: Gerechtigkeit, sieht alle welt Jch wags, ich wags, ich haw in stücke Betruck vnd tücke. 4. Beyspiel der Gerechtigkeit. Zuerwecken ihr geschlechte Muste Thamar die gerechte, Jhren Schwager selbst mit list Zum Gerechten beyschlaff zwingen Auß dem Christ entsproßen ist. 1 Mose 38 (Gen 38) Solt’ es ihr dann schande bringen? Nein: Ein iede, so gerecht Wird erhalten ihr geschlecht. Die poetische Auslegung wird einem Fluss, nämlich der heimischen Saale, übergeben, und sie erklärt das (nicht ausgeführte) Gemälde und verweist zugleich durch Ziffern auf eine folgende Tabelle, die den Gesamtzusammenhang logisch ordnet. Die drei folgenden Gedichte sind Teil der Auslegung, erläutern den Gesellschaftsnamen Die Gerechte und die Tugend der Gerechtigkeit selbst, und die Schlussverse führen das bereits erwähnte weibliche Exempel an. Es handelt sich dabei um Thamar, Schwiegertochter des Judas (vierter Sohn Jakobs), die durch Klugheit und List, indem sie sich als Prostituierte ausgab, von Judas schwanger wurde und damit durch den gemeinsamen Sohn Perez Teil des Stammbaums Jesu werden konnte. Thomas Mann hat Thamar im Buch Joseph, der Ernährer der Tetralogie Joseph und seine Brüder ein Denkmal gesetzt.54 54 Vgl. auch Thomas Mann: Thamar. Zeichnungen von Gunter Böhmer, Frankfurt a. M. 1956.
156 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein In der gesamten Auslegung dominiert die christliche Prägung, jedoch verweist gerade die erste Strophe, die Erklärung der Saale, mit ihrem Alltagsbezug des Handels zu Wasser und Lande (Stichwort: Kaufmann) thematisch auf den beschriebenen, spezifischen Gerechtigkeitsbegriff des Aristoteles. Desgleichen können die beiden einleitenden Verse der dritten Strophe als ›Zitate‹ der Nichomachischen Ethik verstanden werden, wenn die Tugend der Gerechtigkeit als eine alle anderen Tugenden übertreffende bzw. alle Tugenden in sich fassende beschrieben wird. Die historischen Grenzen weiblicher fürstlicher Existenz sprengend, erscheint allemal die Einführung der Gerechtigkeit im Kontext des Kaufmanns, der Gewinnsucht vermeiden soll. Das weibliche Neumitglied, in unserem Falle Herzogin Dorothea Augusta, soll somit danach streben, gerecht im handel und wandel zu sein.55 Am Beispiel der titelgebenden Herzogin Dorothea Augusta und ihrer Schwägerinnen wurde aufgezeigt, dass ein enger dynastisch-verwandtschaftlicher Bezug zur Fruchtbringenden Gesellschaft bestand, der sich, insbesondere durch den Einfluss Fürst Ludwigs von AnhaltKöthen, dem Bruder Anna Sophias, auch in der sozietären Organisation und Impresistik niederschlug. Die philosophisch-religiöse Ausrichtung der sich im Gesellschaftsbuch spiegelnden Programmatik jedoch differiert von jener der männlichen Vorläufersozietät und hat ihre Wurzeln in der von Luther und Aristoteles beeinflussten Ethik Wolfgang Ratkes. Eine Analyse sämtlicher 73 Auslegungen müsste diese These überprüfen und dabei auch weitere Werke Ratkes und die Korrespondenzen der ›tugendlichen‹ Mitglieder einbeziehen. Ob der inhaltliche Konnex zwischen jeweiliger Tugend, daraus abgeleitetem Gesellschaftsnamen und dem Mitglied selbst, wie es bei der Leutseligen Herzogin Anna Sabina aufscheint, eine Ausnahme ist, muss derzeit offenbleiben. Dass die Auseinandersetzung mit diesem literarischen Zeugnis sowohl in theologischer als auch ästhetisch-poetischer Hinsicht lohnenswert ist und eine Edition des Gesellschaftsbuchs deshalb unabdingbar erscheint, sollte dieser Beitrag belegen. 55 Eine kritische Sicht auf Aristoteles’ Einschätzung des Kaufmannsstandes findet sich bei Christoph Strosetzki: Zum Kaufmann bei Aristoteles und im Spanien der Frühen Neuzeit, in: Ders.: Ethik und Politik (wie Anm. 39), S. 303–311. Abstract In 1619, Countess Anna Sophia von Schw arzburg-Rudolstadt, née Anhalt, founded the Virtuous Society (Tugendliche Gesellschaft). With 103 members, it was the largest Protestant society for aristocratic women in Germany at the time. Inspiration had come from the ›male‹ Fruitbearing Society (Fruchtbringende Gesellschaft), founded by Anna Sophia’s brother, Prince Ludwig. This relationship already reflects the close dynastic ties between the two societies, further evidenced by the fact that of the six members from Schleswig-Holstein, five were married to members of the male academy . Internally, the association emphasized the virtue of amicitia; externally, the members acted as role mo dels of Christian conduct. The ›society’s album‹ (Gesellschaftsbuch) specified this explicitly,
Ball: Überlegungen zu Ethik und Religion im Gesellschaftsbuch der Frauensozietät Tugendliche Gesellschaft | 157 heavily influenced by Wolfgang Ratke. An important philosopher and pedagogue, Ratke’s SittenLehr der Christlichen Schule manifested distinctly Aristotelian ethics, and each member’s society name (Gesellschaftsname) reflected her particular virtue. Accordingly, Duchess Dorothea Augusta von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Plön (›The Righteous‹ / Die Gerechte) was granted the outstanding Aristotelian intellectual virtue of Justice, underscoring the association’s strong emphasis on the connection between Aristotelian and Christian-Lutheran ethics. Autorin Dr. Gabriele Ball Germanistin, Mitarbeiterin am Seminar für Kirchengeschichte der Georg-August-Universität Göttingen, seit 2023 Leiterin des DFG-Projekts ›La Belle Anglaise. Die Büchersammlerin Luise Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg als Vermittlerin englischer Kultur‹. Inhaltliche Schwerpunkte bilden Zeitschriften, Sozietäten sowie Gelehrtenund Adelsbibliotheken männlicher und weiblicher Provenienz. E-Mail: gabriele[email protected] Open Access // Der Beitrag ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0) veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Beitrags von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.