Die Calender-Extracten des Husumer Pastors Peter Danckwerth und die Herzoginwitwe Augusta
Abstract
In diesem Beitrag werden die Calender-Extracte des Husumer Pastors Peter Danckwerth (1580-1652) als neu entdeckte Quellenüberlieferung für Husum…
Full text
| 119 Detlev Kraack Die Calender-Extracten des Husumer Pastors Peter Danckwerth und die Herzoginwitwe Augusta Die Beschäftigung mit den im Gegensatz zu ihren Ehemännern und Söhnen bislang eher vernachlässigten Fürstinnen des Landes hat in jüngerer Zeit einen erfreulichen Aufschwung erfahren. 1 Dabei ist deutlich geworden, welch Erkenntnispotential die intensive Auseinandersetzung mit diesen in der Regel eben doch sehr eigenständigen, etwa mit einem eigenen Haushalt ausgestatteten, eng in zentrale Personennetzwerke eingebundenen und damit wirkmächtigen Persönlichkeiten bietet. Ehefrauen und Witwen waren in diesem Sinne mehr als schmückendes Beiwerk, die Verheiratung von Töchtern stellte ein oftmals vergleichbar prestigeträchtiges Politikum dar wie die der Söhne, und insbesondere fürstliche Witwen traten bisweilen als eigenständig agierende Figuren und hochpolitische Akteure gegenüber ihren Söhnen in Erscheinung. Für die Erforschung der sich aus diesen sehr unterschiedlichen Lebensund Alltagswirklichkeiten ergebenden Szenarien sowie der Konfliktfelder und der Handlungsspielräume, die sich daraus für Fürstinnen und Witwen eröffneten, stehen mit Rechnungsüberlieferungen, Testamenten, Leichenpredigten, Stiftungsdokumenten und – vor allem – Korrespondenzen im Umfeld der zahlreichen Höfe des Landes umfangreiche Quellenbestände für die weitere Erforschung weiblicher Teilhabe an fürstlicher Herrschaft zur Verfügung. Dass es darüber hinaus auch sehr aussagekräftige, gerade das Selbstverständnis dieser weiblichen Akteure reflektierende Bildquellen – Einzelporträts ebenso wie Familienbilder bis hin zu dynastischen Apotheosen – gibt, sei an dieser Stelle lediglich angedeutet. Neben Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern dürften auch Historikerinnen und Historiker aus diesem umfangreichen Material sicher noch 1 Vgl. stellvertretend für eine ganze Reihe anderer biographisch wie analytisch und diachron vergleichend ansetzender Untersuchungen zu der im Folgenden in den Mittelpunkt gestellten Herzoginwitwe Augusta Melanie Greinert: Zwischen Unterordnung und Selbstbehauptung. Handlungsspielräume Gottorfer Fürstinnen (1564–1721) (Kieler Schriften zur Regionalgeschichte 1), Kiel/Hamburg 2018; Oliver Auge/Nina Gallion/Thomas Steensen (Hg.): Fürstliche Witwen und Witwensitze in Schleswig-Holstein (Quellen und Forschungen zur Geschichte Schleswig-Holsteins 127), Husum 2019 (darin speziell: Melanie Greinert: Das »Fürstlich Hus« vor Husum als Witwensitz der Herzoginnen Augusta und Maria Elisabeth von Schleswig-Holstein-Gottorf, S. 29–50, hier S. 29–39; Albert Panten: Die Witwen im Schloss vor Husum und ihre Untertanen, S. 53–63, hier S. 53–60). Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2943-5331/p7
120 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein mehr Erkenntnisse schöpfen können, als dies bisher geschehen ist. In der Summe eröffnet die Auseinandersetzung mit diesem vielfältigen schriftlichen und bildlichen Material ein anderes, durchaus eigenständigeres Bild der weiblichen Akteure, als es uns in der traditionsbildenden chronikalischen Überlieferung entgegentritt. Für den Augenblick fällt zudem auf, dass überall dort, wo in diesem Material bereits tiefer geschürft worden ist, vielfältige Perspektiven für weitere Forschungen aufscheinen. In diesem Sinne soll im Folgenden mit den Kalendernotizen des Husumer Pastors Peter Danckwerth (1580–1652)2 eine für Husum und Umgebung neu erschlossene Quellenüberlieferung zur Alltagswirklichkeit der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts darauf befragt werden, welche Informationen sich aus ihr über die Herzoginwitwe Augusta (1580–1639) gewinnen lassen. Diese hatte nach dem Ableben ihres fürstlichen Gatten, des Herzogs Johann Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf (1575–1616; regierte seit 1590), im Schloss Husum ihren neuen Lebensmittelpunkt gefunden. Obwohl sie von dort aus regelmäßig zu Verwandtenbesuchen aufbrach und auch darüber hinaus eine bemerkenswerte Mobilität an den Tag legte, hielt sie sich doch während ihrer Witwenschaft vornehmlich in Husum auf. Dass und wie Augusta an ihrem Alterssitz und von diesem aus weiterhin Herrschaft ausübte, wie sie öffentlich in Erscheinung trat und sich dabei durch milde Gaben und Stiftungen sowie durch Anteilnahme und persönliche Nähe zu ihren Untertanen, die rein rechtlich gesehen doch eher die ihres Sohnes, des regierenden Fürsten Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf (1597–1659; regierte seit 1616), waren, zumindest gewisse Handlungsfelder und Spielräume für eigenständiges Agieren erschloss, soll dabei näher betrachtet werden. Es steht zu vermuten, dass sie dabei im Zweifelsfall genau dort an Grenzen stieß, wo ihre eigenen Interessen mit denen ihres fürstlichen Sohnes kollidierten. Die räumliche Distanz zwischen Gottorf und Husum scheint in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Zwar war sie so groß, dass sie Augusta ganz fraglos ein gewisses Maß an Eigenständigkeit erhielt. Gleichzeit wurden wichtige Personalentscheidungen auch im unmittelbaren Umfeld der Witwe nicht getroffen, ohne dass diese vom fürstlichen Hof gebilligt wurden. Hier schrumpfte die Tagesreise zwischen Gottorf und Husum zu einem Federstrich. Beispiele, in denen Augusta nach bereits getroffener Weichenstellung etwa für eine Stellenbesetzung wieder zurückrudern musste, verdeutlichen, dass im Zweifelsfall eben nicht in Husum, sondern in Gottorf entschieden und das dort Beschiedene vor Ort in Husum umgesetzt wurde. Dass die fürstliche Witwe und Mutter dabei nicht auf ihrer Prärogative bestand, sondern flexibel nachzugeben verstand, um dafür in anderen Bereichen in Entscheidungsfindungsprozesse eingebunden zu bleiben bzw. zu werden, spiegelt sehr schön wider, wie von fürstlichen Höfen ausstrahlende Herrschaft im 17. Jahrhundert konkret ausgehandelt wurde und nur 2 Vgl. zum Folgenden Detlev Kraack (Hg.): Die Kalendernotizen des Husumer Pastors Peter Danckwerth (1611–1652) (Studien und Materialien 36), Bredstedt 2021; Ders.: Hverdagsfragmenter over for den vide horisont. Kalendernotater af Husum-præsten Peter Danckwerth (1580–1652) for årene 1611 til 1652, in: Mikkel Leth Jespersen/Mikkel Thelle (Hg.): Land og by på tværs 1000–1800. Festskrift til Bjørn Poulsen på 65-års dagen (Skrifter om dansk byhistorie 13), Aarhus 2020, S. 241–269.
Kraack: Die Calender-Extracten des Husumer Pastors Peter Danckwerth und die Herzoginwitwe Augusta | 121 aus einem komplexen, oftmals sicher auch kontroversen Mitund Gegeneinander heraus zu verstehen ist. Dass sich im Umfeld entsprechender Entscheidungen neben dem Fürsten und den Spitzen der auf ihn ausgerichteten Verwaltung auch politisch klug agierenden Akteurinnen wie Augusta zumindest gewisse Möglichkeiten der Einflussnahme eröffneten, ist kein überraschendes Ergebnis entsprechender Untersuchungen. Aus der Persönlichkeit und Lebensgeschichte erwachsene Ansprüche und diese begrenzende Strukturen eröffneten entschlossen zupackenden Akteuren beiderlei Geschlechts immer wieder die Möglichkeit, eigene Interessen klug und flexibel durchzusetzen, auch wenn dazu bisweilen an anderer Stelle nachgegeben oder ein Umweg in Kauf genommen werden musste. Quelle, Verfasser und Überlieferung Die für die Jahre 1611 bis 1652 kopial überlieferten Kalendernotizen des Husumer Pastors Peter Danckwerth, die in der handschriftlichen Überlieferung des Nehmtener Gutsarchivs als Calender-Extracten bezeichnet werden, bieten bisher unbekanntes Material für die Beschäftigung mit der Wahrnehmung der Herzoginwitwe Augusta vor Ort in Husum. Wir fassen in dieser Überlieferung mit anderen Worten nicht Ideal oder Wirklichkeitsnorm, sondern die von einem wachen Zeitgenossen wahrgenommene Wirklichkeit. Bei dem Material handelt es sich um aus dem dienstlichen und dem privaten Alltag Danckwerths heraus entstandene Notate aus den Jahreskalendern des Pastors. Die hier fassbaren Nachrichten über die Herzoginwitwe sind im Folgenden vollständig zusammengestellt und systematisch ausgewertet. Aus ihnen ergibt sich ein buntes Kaleidoskop von Informationen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Diese Informationen sind, so unscheinbar sie als einzelne Nachrichten auch wirken mögen, in der Summe dazu angelegt, das von der bisherigen Forschung gezeichnete Bild dieser vor Ort in Husum ungemein aktiven und präsenten Persönlichkeit weiter zu verfeinern und es in gewissen Bereichen sogar um neue Aspekte zu erweitern. Die Kalendernotizen (Calender-Extracten) Kaum anders als heute haben auch im 17. Jahrhundert zahlreiche Personen für die Bewältigung der aus ihrem beruflichen und privaten Alltag erwachsenden Herausforderungen einen Jahreskalender geführt. Dabei handelte es sich um vorgedruckte Kalendarien, die man käuflich erwerben konnte und die für die einzelnen Tage Raum für handschriftliche Notate boten. 3 Im vorliegenden Fall dienten diese Kalender nicht so sehr der vorausblickenden Planung, sondern 3 Vgl. das am Institut für Buchwissenschaft der Universität Erlangen angesiedelte Datenbank-Projekt ›Erschließung der handschriftlichen Einträge in frühneuzeitlichen Schreibkalendern mittels eines Repertoriums (circa 1540 bis 1800)‹ (Prof. Dr. Daniel Bellingradt/Dr. Klaus-Dieter Herbst), https://schreibkalender.wisski.data.fau.de (letzter Aufruf: 12.02.2024).
122 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein in ihnen hat der Husumer Pastor Peter Danckwerth aus seinem Alltag erwachsene Reflexionen tagebuchartig festgehalten. Bei der Lektüre seiner Notizen blicken wir dem Hirten der Husumer Gemeinde gleichsam über die Schulter, während er die Erlebnisse des durchlebten Tages reflektiert. Dabei fassen wir ebenso eine Aufstellung seiner dienstlichen Verrichtungen wie Nachrichten aus seinem persönlichen Umfeld sowie aus dem Kreis von Freunden und Bekannten. Neben Geburten und Taufen, Verlobungen und Hochzeiten sowie Todesfällen und Beisetzungen, für die ja nicht zuletzt jeweils Gebühren anfielen, erfahren wir, was von der Kanzel verkündet und was an die Kirche gestiftet wurde, welche Baumaßnahmen an der Husumer Kirche durchgeführt wurden und was darüber hinaus in der Gemeinde und im Gottorfer Herzogtum geschah. Da der Pastor als Amtsperson wie als Persönlichkeit in ein weites Netzwerk von Personen eingebunden war und gemeinsam mit seinen geistlichen Amtskollegen sowie Vertretern des Rates auch die Husumer Schulangelegenheiten begleitete und da er über seine Funktion als Seelsorger und Gemeindehirte auch die einfachen Menschen mit ihren alltäglichen Sorgen und Nöten im Blick hatte, sind die von ihm festgehaltenen Notizen über weite Strecken eine Quelle für Bereiche der Alltagswirklichkeit, über die wir ansonsten nur wenig erfahren. Dass wir es hier nicht mit der Wirklichkeit selbst, sondern mit sehr subjektiven und selektiven Reflexen auf die vergangene Wirklichkeit zu tun haben, sollte bei der Arbeit mit dem Material natürlich stets bedacht werden. Peter Danckwerth – vom Rektor der Husumer Lateinschule zum Hauptpastor der Stadt Der Verfasser der Kalendernotizen wurde im Jahre 1580 in Lütjenburg geboren. Er war ein Sohn des damaligen Lütjenburger und vormaligen Plöner Bürgers und Schuhmachers Dietrich Joachim Danckwerth, der am 11. Oktober 1613 im Alter von 80 Jahren bei einem tragischen Unglücksfall bei Giekau ums Leben kam. Was wir über Peter Danckwerths Kindheit und Jugend wissen, ist aus Informationen zusammengetragen, die er reflektierend und berichtend in einige seiner Kalendernotizen eingeflochten hat. So berichtet er wenig über seinen Vater und über weitere Familienangehörige, etwa seinen älteren Bruder Hans (1566–1633) und seine beiden Schwestern Johanna († Februar 1648) und Gertrud bzw. Dorothea (erwähnt 1613 im Zusammenhang mit dem Tod des Vaters). 4 Peter Danckwerth selbst wurde im Jahre 1598 (als in Kiel die Pest wütete) in einer Lehmkuhle am Lütjenburger Teichtor verschüttet und konnte nur mit großer Mühe wiederbelebt werden. Für ihn sei dieses Erlebnis, von dem er aus der Rückschau berichtet, Anlass gewesen, sein Leben in den Dienst Gottes zu stellen und die geistliche Laufbahn anzustreben (habe damals got gelobet, Jhm Jn seiner kirchen zu dienen, et cum domino optime processit). 5 Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte er wie sein älterer Bruder Hans Danckwerth die Bordersholmer Lateinschule besucht, bevor er zum Studium nach Rostock und 4 Kraack: Kalendernotizen (wie Anm. 2), S. 40, Abschnitt [12a]–[12b]. 5 Ebd., S. 88 f., Abschnitt [232]–[232b] (Zitat: Abschnitt [232a]).
Kraack: Die Calender-Extracten des Husumer Pastors Peter Danckwerth und die Herzoginwitwe Augusta | 123 Wittenberg aufbrach. Nach Einschätzung des Husumer Chronisten Melchior Krafft (1673–1751) galt Peter Danckwerth, der in den Jahren 1609 bis 1615 zunächst als Rektor der Husumer Lateinschule wirkte, in Philosophicis, Theologicis und in Litteris humanioribus als ein gantz gelehrter Mann. 6 Wohl einerseits auf Grund seines 1598 abgelegten Gelübdes, aber andererseits auch wegen des höheren sozialen Ansehens und wohl nicht zuletzt wegen der höheren Einkünfte wechselte er 1615 von der weltlichen in die geistliche Laufbahn. So wurde er im Mai 1615 zunächst Diakon, im Jahre darauf Archidiakon und 1618 schließlich Hauptpastor der Husumer Gemeinde. Während einer Zeit von mehr als drei Jahrzehnten versah er dieses Amt vor historisch wild bewegtem Hintergrund. 7 Die Sturmfluten der Jahre 1615, 1625 und 1634 (zweite ›Große Mandränke‹) und die katastrophal feuchten und kalten Sommer der Jahre 1648 und 1650 haben sich in seinen Aufzeichnungen ebenso niedergeschlagen wie die für Husum und Umgebung verheerenden Kriegshandlungen der Jahre 1627 bis 1629 und 1643 bis 1645, als kaiserliche bzw. schwedische und dänische Truppen die reichen Marschenregionen an der Westküste verschiedentlich heimsuchten und plünderten. Peter Danckwerth war zweimal verheiratet. So ehelichte er 1612 Magdalena Nortorp († 17. April 1642), eine Tochter des Husumer Hofpredigers Martin Nortorp († 17. Oktober 1625); und bereits ein Jahr nach Magdalenas Tod heiratete er erneut, dieses Mal die Witwe Salome Hansen († 25. Mai 1644). Aus Danckwerths erster Ehe gingen mehrere Kinder hervor: Sein Sohn Samuel (1615–1667) wirkte später zeitweise als Subrektor der Bordesholmer Lateinschule; seine Tochter Augusta (* 1617), ein Patenkind übrigens aller Wahrscheinlichkeit nach der gleichnamigen Herzoginwitwe,8 heiratete 1639 Nicolaus Theodori († 1666), den späteren Rektor d er Husumer Lateinschule. Dieser war nach dem Studium in Rostock, Wittenberg und Greifswald während der Jahre 1631 bis 1634 zunächst Rektor in Tönning gewesen, wechselte von dort aus als Diakon nach Schwabstedt und wurde 1652 Rektor der Husumer Lateinschule. Aus den nachgelassenen und heute verlorenen Kalendern seines Schwiegervaters Peter Danckwerth hat Theodori im Jahre 1655 dessen Kalendernotizen abgeschrieben und damit für die Nachwelt gesichert.9 Aller Wahrscheinlichkeit nach geschah dies auf Initiative des gelehrten Husumer Patriziers Titus Axen (1602–1662), der sich aus Interesse für die Geschichte seiner Familie und der gesamten Westküstenregion um die Sammlung und 6 Melchior Krafft: Ein Zweyfaches Zweihundert-Jähriges Jubel-Gedächtnis deren das Erste [...], Hamburg 1723, S. 160. 7 Vgl. zum historischen Hintergrund Hans Joachim Kühn (Hg.): Geschichte Husums. Von den Anfängen bis in die Gegenwart (Schriften der Gesellschaft für Husumer Stadtgeschichte 3), Husum 2003 (darin speziell: Klaus Schumacher: In Krisen und Kriegen [1603–1713], S. 77–98). 8 Während Peter Danckwerth selbst in seinem Kalender lediglich Augustas Geburt am 21. November 1617 notierte und Nicolaus Theodori den aktualisierenden Zusatz uxor Rectoris hinzufügte, liegt es nahe, dass hier die Herzoginwitwe als Patentante fungierte, wie es etwa auch für den 1638 geborenen Augustus Axen, einen Sohn Titus Axens, fassbar ist. Vgl. Kraack: Kalendernotizen (wie Anm. 2), S. 19, Anm. 31 (nach Gutsarchiv Nehmten, Im Nahmen der heiligen Dreyfaltigkeit [Genealogische Aufstellung zur Familie Axen], Sign. AA 1.1.), und S. 52, Abschnitt [61]; Ders.: Ein Blick hinter die Mollerschen Stammtafeln. Vorfahren und Kinder des Husumer Patriziers Titus Axen (1602–1662) und seiner Ehefrau Elsabe, geb. Petersen (1607–1644), nach handschriftlichen Aufzeichnungen im Gutsarchiv Nehmten (i. Vorb.). 9 Vgl. Ders.: Kalendernotizen (wie Anm. 2), S. 37, Abschnitt [1] (ex Communicatione Domini Nicolai Theodori Generi, 1655. 26 Junij).
124 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Erhaltung entsprechender Nachrichten zu der aus Rödemi s bzw. Padeleck stammenden Familie Axen und ihrer weiteren Verwandtschaft bemühte. Peter Danckwerths Bruder Hans hatte nach dem Schulbesuch in Bordesholm Jura studiert; im Anschluss daran wirkte er zunächst als Schreiber bei den Eiderstedter Stallern Caspar und Hermann Hoyer auf Hoyerswort, später als Landschreiber in Lunden. Seit dem 5. März 1611 bekleidete er das Amt des Bürgermeisters von Husum, wo sein Bruder Peter bereits zwei Jahre zuvor das Rektorat der Lateinschule übernommen hatte. Hans Danckwerths Sohn Caspar (um 1605–1672) studierte zunächst Medizin, unter anderem in Basel, und wurde 1641, wie schon sein Vater vor ihm, Bürgermeister von Husum. Er war ein gelehrter Kopf und verfasste etwa die 1652 in Schleswig gedruckte Newe Landesbeschreibung der Herzogthümer Schleswich und Holstein. Caspars jüngerer Bruder Joachim (1606–1674) wurde 1636 unter Herzog Friedrich III. Amtsverwalter im Amt Apenrade und versah seit 1641 das Amt eines Kammermeisters auf Schloss Gottorf. Von daher betrachtet lässt sich die Geschichte Peter Danckwerths und seiner Verwandten als frühneuzeitliche Migrationsund Aufstiegsgeschichte deuten, wobei Bildung, das gewissenhafte Walten im Amt und die Einbindung in Personennetzwerke als Transmissionsriemen für den sozialen Aufstieg fungierten. Der Weg der Calender-Extracten von Husum nach Nehmten Die von Peter Danckwerths Schwiegersohn Nicolaus Theodori abgeschriebenen Kalendernotizen befinden sich heute im Gutsarchiv Nehmten. Dort ist das unscheinbare Manuskript als Calender-Notizen unter der Signatur VK 46 im Bestand der Varia eingeordnet. Der Weg der von ihrem Inhalt her bemerkenswerten Archivalie nach Nehmten ist aufs engste mit der bewegten Geschichte der Gutsbesitzerfamilie und ihrer Vorfahren verbunden. Wie bereits angedeutet, gelangten Peter Danckwerths von Theodori abgeschriebene Kalendernotizen wohl zunächst in den Besitz von Titus Axen. Von diesem wurden sie an seinen Sohn Peter Axen (1635–1707) weitergegeben, der als weltgewandter Jurist und Diplomat für Herzog Christian Albrecht von Schleswig-Holstein-Gottorf (1641–1694; regierte seit 1659) tätig war. Peter Axens Tochter Anna Christina (1672–1749) war in der folgenden Generation mit dem königlichen Etatsrat Gabriel Schreiber (1661–1722) verheiratet. Über deren Enkel Gabriel Friedrich Schreiber von Cronstern (1740–1807), dessen Vater als Gabriel Schreiber von Cronstern (1709–1763) in den Adel erhoben worden war, gelangten die Kalendernotizen gemeinsam mit anderen Archivalien der Familie Axen nach Nehmten, das sich seit 1768 im Besitz der Familie befand. Von einer Generation auf die folgende weitergegeben, gelangte das umfangreiche Archivmaterial der Familie Axen gemeinsam mit den Überlieferungen der Familien Jügert, Schreiber von Cronstern, Scheel und Plessen im Jahre 1985 in den Besitz der Familie Fürstenberg-Plessen, die sich des wertvollen historischen Vermächtnisses nur allzu bewusst ist und sich für die Erschließung und Nutzung dieses über die engere Region hinaus bedeutenden kulturellen Erbes engagiert.
Kraack: Die Calender-Extracten des Husumer Pastors Peter Danckwerth und die Herzoginwitwe Augusta | 125 Erwähnungen der Herzogin bzw. Herzoginwitwe Augusta in Peter Danckwerths Kalendernotizen Vor dem Hintergrund der vorausgeschickten Überlegungen sind im Folgenden die Abschnitte aus Danckwerths Kalendernotizen zusammengestellt, in denen die Herzogin bzw. seit 1616 Herzoginwitwe Augusta erwähnt wird oder als handelnde Person in Erscheinung tritt. Dieser waren von ihrem Ehemann, dem Gottorfer Herzog Johann Adolf (1575–1616), bereits 1602 Schloss und Amt Husum als Leibgedingsgüter versprochen worden, 10 weshalb davon auszugehen ist, dass Augusta die Entwicklung der Stadt Husum bereits lange vor ihrer Witwenschaft mit wachem Interesse verfolgte. Auch hat sie während der folgenden Jahre immer wieder Baumaßnahmen an der erweiterten Schlossanlage vorgenommen und sich um eine standesgemäße Ausstattung der Räumlichkeiten gekümmert. 11 Einzig die Einrichtung einer repräsentativen Schlosskapelle erfolgte erst nach ihrem und ihrer jüngeren Kinder Umzug nach Husum und zog sich seit 1616 über mehr als ein Jahrzehnt hin. 12 Eine Pfarrerwahl mit Hindernissen ‒ die Nachfolgeregelungen für Pastor und Diakon in Husum in den Jahren 1614 bis 1617 Am 4. April 1614 war der damalige Husumer (Haupt-)Pastor Andreas Tetzlevius (1573–1614) verstorben. 13 Im Zusammenhang mit der Neubesetzung der ebenso lukrativen wie mit hohem sozialen Ansehen verbundenen Stelle entspann sich ein Konflikt, in den neben der Herzogin Augusta und ihrem Ehemann, Herzog Johann Adolf, auch die Husumer Gemeinde eng eingebunden war. Dass hierbei nicht zuletzt die in religiösen Angelegenheiten tiefen Zerwürfnisse zwischen dem calvinistische Tendenzen bei Hofe unterstützenden Herzog Johann Adolf und seiner fest im Luthertum verwurzelten Ehefrau Augusta eine Rolle spielten, 14 steht zu vermuten; es hat sich aber in den Kalendernotizen Peter Danckwerths in diesem Zusammenhang nicht niedergeschlagen. Wie dem aus der Rückschau von knapp 150 Jahren gegebenen Bericht des Theologen und Chronisten Melchior Krafft zu entnehmen ist, ging der erste Impuls zur Neubesetzung der Husumer Stelle von Augusta aus, die alles von langer Hand vorbereitet zu haben schien: 10 Vgl. Greinert: »Fürstlich Hus« (wie Anm. 1), S. 30 f. 11 Ebd., S. 31–35. 12 Vgl. Dies.: Unterordnung und Selbstbehauptung (wie Anm. 1), S. 253 f.; Dies.: »Fürstlich Hus« (wie Anm. 1), S. 35. 13 Vgl. Kraack: Kalendernotizen (wie Anm. 2), S. 41, Abschnitt [18]; Ders. (Hg.): Das Diarium Saxe (1538–1616). Chronikalische Aufzeichnungen des Flensburger Kaufmanns, Kirchgeschworenen, Ratsverwandten und Kämmerers Peter Saxe (um 1508–1571) und seines Sohnes, des Husumer Pastors Jacob Saxe (1554–1616) (Studien und Materialien), Bredstedt (i. Vorb.), Abschnitt [766]. 14 Vgl. Greinert: Unterordnung und Selbstbehauptung (wie Anm. 1), S. 241–243; Panten: Witwen (wie Anm. 1), S. 53.
126 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Es hatte nemlich die sonst hoechst loebliche H ertzogin Augusta, Hertzogs Joh. Adolphi, Frau Gemahlin, eine ihrer Cammer-Maidgen (wie der Titel damahls war) verheyrathet an Bartholomaeum von Acken, Pastoren in Bergenhusen, der Landschaft Stapelholm, den sie dann zu dem vacanten Pastorat hieselbst hatte vorgeschlagen. 15 Parallel hierzu hatte der Schleswiger Domprediger Christian Sleidan (lateinisch: Sledanus) (1579–1646) seinerseits die Initiative ergriffen; er hatte mit dem Rostocker Kantor Peter Höpner einen anderen Kandidaten ins Rennen geschickt und ihn dem Husumer Bürgermeister empfohlen. Obwohl dieser vor Ort auf allgemeine Zustimmung stieß und das Wahlvotum der Gemeinde erlangte, verschoben die Husumer Bürger, von der Herzogin ermahnt, in der Sache nicht zu eigenständig und waghalsig zu agieren, die Berufung Höpners als neuer Pastor zunächst. Sie schickten den Kandidaten, dem sie für seine Aufwendungen 40 Taler erstatteten, wieder nach Hause und warteten ab, was der Herzog und sein Umfeld bei Hofe entscheiden würden. Die Antwort kam prompt und war eindeutig. Die eigenständige Initiative der Bürger wurde durch ein gestrenges Mandat des Herzogs verworfen. Peter Danckwerth notierte hierzu in seinem Kalender: 1. Augusti [1614] Communi suffragio pastor Husensis designatus Magister Petrus Hoppnerus (cantor scholae Rostockiensis ad Divum Petrum a Doctore Sledano consuli commendatus) Cives autem a ducissa admoniti ne hac in re temerarie agerent absque consensu principis, vocationem distulerunt, et ad certum tempus 40 thaleris donatum dimiserunt, exitum a Domino et aula expectantes. Nota Bene: propositum hoc statim mandato severo principis inhibitum.16 Zunächst wohl eher unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung wandte sich einige Zeit später Peter Danckwerth, damals noch Rektor der Husumer Lateinschule, mit einer persönlich übermittelten Bittschrift an den Fürsten auf Schloss Gottorf (contuli me Slesvigam cum libello supplici ad Illustrissimum Principem)17 und erhielt von diesem einen guten Monat später eine positive Antwort: Danckwerth wurde der Wechsel von der weltlichen in die geistliche Laufbahn in Aussicht gestellt (transmissa mihi fuit expectantia de officio pastoratus ab illustrissimo principe).18 Damit kam er der Erfüllung seines 1598 in Lütjenburg abgelegten Gelübdes ein gutes Stück näher. Ob hierbei bereits die später gefundene Lösung der Stellenbesetzungsfrage im Hintergrund als Option von Teilen der Husumer Gemeinde eine Rolle spielte, sei dahingestellt. 15 Krafft: Jubel-Gedächtnis (wie Anm. 6), S. 149. 16 Kraack: Kalendernotizen (wie Anm. 2), S. 42, Abschnitt [24a]–[24b] (1. August 1614). Vgl. auch Ders.: Diarium Saxe (wie Anm. 13), Abschnitt [797]–[797a]. 17 Vgl. Ders.: Kalendernotizen (wie Anm. 2), S. 43, Abschnitt [26] (19. Oktober 1614). 18 Vgl. ebd., Abschnitt [26] (24. November 1614).
Kraack: Die Calender-Extracten des Husumer Pastors Peter Danckwerth und die Herzoginwitwe Augusta | 127 Als der angestrebte Laufbahnwechsel Danckwerths ruchbar wurde, meldeten sich vor Ort in Husum kritische Stimmen zu Wort bzw. starteten uns nicht näher fassbare Kreise, die eine andere Lösung der Wiederbesetzungsfrage präferierten, eine anonym lancierte Verleumdungskampagne. So notierte Danckwerth am 19. März in seinem Kalender: Charta famosa a Calumniatore pessimo et improbo nebulone projecta fuit in templo et subselliis pastorum, qva ego notabar quod locum vacantem pastoris affectarem adeoque quod extra meum officium mihi negotia tranctanda sumerem, quam verum hic scurra scripserit. 19 Hier wurde ihm nun ganz offen der Vorwurf entgegengeschmettert bzw. über eine Art Flugblatt oder Schmähpamphlet in der Kirche und auf den Pastorenstühlen verteilt, er strebe die vakante Husumer Pastorenstelle an und maße sich Dinge an, die jenseits seines eigentlichen Aufgabenbereiches (als Rektor der Husumer Schule) lägen. Nur wenige Tage später stellte sich der von der Herzogin Augusta favorisierte Kandidat, der Bergenhusener Pastor Bartholomaeus von Aken († 1629), in Husum ein: 22. Martij [1615]. Bartholomaeus ab Aken pastor Bergenhusensis cum principis mandato accedens pastor Husensis denunciatur, honorifice donatur, tractatur, et vocationem ceteris consignatam frustra flagitans, dimittitur sed cum senatus tum civium acrimonia. 20 Obwohl er ein herzogliches Berufungsschreiben vorweisen konnte, stieß seine Bewerbung nicht auf ungeteilte Zustimmung. Senat und Bürgerschaft wiesen den Kandidaten entschieden zurück. Ganz offensichtlich einigte man sich jedoch darauf, dass dieser, wie bei Verfahren di e ser Art üblich, bei nächster Gelegenheit im Rahmen einer Probepredigt zunächst einmal sein Können als Prediger unter Beweis stellen sollte. Dies tat Bartholomaeus keine zwei Wochen später: 2. Aprilis [1615]. duas hic habuit Conciones ad probam sponte sua non coactus Dominus Bartholomaeus alteram ab 8. in 9. [horam matutinam] de domini introitu in Urbem Hierosolymam alteram a 3. in 4. [horam vespertinam] ex historia passionis de Cohorte judeorum Christum capientium in horto. de his judicium penes alio esto. 21 Wie der Schluss von Peter Danckwerths Kalendereintrag zum 2. April 1615 andeutet, hielt er selbst sich mit einer positiven Beurteilung der beiden zu Gehör gebrachten Predigten auf19 Ebd., S. 44, Abschnitt [30a] (19. März 1615). 20 Ebd., Abschnitt [31] (22. März 1615). 21 Ebd., S. 45, Abschnitt [32] (2. April 1615). Vgl. auch Ders.: Diarium Saxe (wie Anm. 13), Abschnitt [832] (hefft Bartholemeus van Aken, Pastor tho Bargenhusen ÿn Stapelholm, [...] geredet van dem berope der prediger, vnde ock sÿnen berop bewÿset darmede, dat en de landesförste hÿrher gesendt, beropen vnde bestellet hedde) und [833] (beides zum 2. April 1615).
134 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein nach Gottorf einzuholen (Jst die Leiche bei Bustorf mit einer schönen Reuterei entfangen vnd wir Prediger fur hergangen sampt den Schülern)47 und am Tag darauf von dort nach Schleswig zur Beisetzung im Dom zu geleiten. Die Herzoginwitwe Augusta hatte als Predigttext Genesis 3,19 (»Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden«) selbst ausgewählt und war, als Danckwerth am 23. November nach Husum zurückkehrte, noch nicht wieder zugegen: 22[. Novembris 1631] Jst die Leiche von Gottorff Jn die tum kirchen zu Schleswig begleitet, vorher sein gegangen ein Compagnie zu fueß. Hernach die Schuler, die Prediger oder Pastoren ausm Gottorfschen ampt gefolget, postea der Raht zu Schleswig, ferner die Pferde geleitet, die Curassier des seligen herrn leib Jung mit vergultem Curis, den das leib Pferd mit einem weisen Creutzen darauff, die Leiche Jn einem 4kantigen wagen vnd weiß Creutzen mit wapen. folgen die herren. die Cuhrfurstliche witwe von Liechtenstein. freuwlein Augusta furstlicher Gnaden gemahlin vf Gottorff etc. zu letzt ein Compangie zu fueß. – der herr Superintendens hatte zum text, welche ihre furstliche Gnaden Augusta erwehlet: Terra es etc. Gen. 3. bin darauff wie andere den 23 wieder wegk gereiset. Serenissima non adfuit. 48 Mildtätige Stiftungen und Mäzenatentum Nachdem die Herzoginwitwe sich bereits früher um die Aufstockung der Predigerbezüge gekümmert hatte, nahm sie auch in den Folgejahren ihre Rolle als landesherrliche Kirchenpatronin ernst und stiftete verschiedentlich Gewänder für die Gottesdienstfeiern und Ausstattungsstücke für die Husumer Kirche. So trug Peter Danckwerth zu Weihnachten 1633 erstmals der hertzoginnen Augustae verehrtes Mesgewant.49 Weiterhin notierte er am 9. Februar 1634 in seinem Kalender: Serenissima Domina Augusta hat ein rotes sammiten laken mit gulden postamenten vfs altar donirt dazu ein kelch mit dem Patinchen vnd vergultes oblatenschreinlein, wie dan auch ein mutschen vf zu setzen vom misskleides zeuch. 50 Nähere Einzelheiten zu den auch von Seiten der beschenkten Gemeinde als durchaus großzügig empfundenen Gaben »Ihrer Fürstlichen Gnaden« erfahren wir in den Danckwerths Kalendernotizen vergleichbaren Aufzeichnungen von Jacob Fabricius dem Jüngeren (1589–1645). Dort ist von einem Messkleid, einem Hemd und einer teils geblümten, teils schlichten Altardecke, ferner von einem Messkelch samt Schale und Oblatendose die Rede, die zuvor in 47 Ebd., S. 81, Abschnitt [199] (21. November 1631). 48 Ebd., Abschnitt [200]–[200b] (22. November 1631). 49 Ebd., S. 85, Abschnitt [216] (25. Dezember 1633). 50 Ebd., S. 85 f., Abschnitt [220] (9. Februar 1634).
Kraack: Die Calender-Extracten des Husumer Pastors Peter Danckwerth und die Herzoginwitwe Augusta | 135 der Schlosskirche in Gebrauch gewesen und vom Silberknecht an die Gemeinde überbracht worden seien. Wieder tritt als Vermittler des Dankes, den der Pastor im Namen des Predigerkollegiums und der Gemeinde abstattet, Augustas Sekretär Markus Lüders in Erscheinung, und erneut nimmt die Herzoginwitwe diesen Dank huldvollst entgegen: Illustrissima hat umb weihnachten und hernach a[nn]o labente 1633 et sub initium 1634 der kirchen zu Husum verehret ein schön messkleidt von köstlichen bliant mit sehr breiten güldenen schnüren, ein köstlich hembt mit dem seidenbande damit das hembt aufgeschürtzet wirt, eine rote theil verblümte, teils schlechte sammiten decke auf und rund umb den altar herumb, wie auch einen verguldeten kelch sambt paten und büchslin, so in vorigen jahren in templo aulico gebrauchet worden. Die gemeine hat dem silberknecht etliche reichsthl. verehret, der es brachte. Dn. pastor hat nomine ministerii et ecclesiae Illustrissimae apud M. Luderum gedancket, welches I. f. G. gnediglich aufgenommen. 51 Noch im selben Jahr stiftete Augusta auch noch eine neue Kanzel für die Kirche, die zu Allerheiligen 1634 durch eine Predigt von Peter Danckwerth feierlich eingeweiht wurde.52 Dieser materiellen Fürsorge stand die Hoheit und Autorität in genehmigungspflichtigen Angelegenheiten gegenüber. So heißt es zu einer Hochzeit, die am 22. Februar 1638 in Elias Obbens Haus zu Husum gefeiert wurde, dies sei mit ausdrücklicher Genehmigung der Herzoginwitwe (ex concessione Serenissimae) geschehen. 53 Tod und Beisetzung Augustas (Februar/März 1639) Mit Blick auf das Ableben der Herzoginwitwe am 5. Februar 1639 fasste der gelehrte Husumer Jurist und Bürgermeister Johannes Laß (1721–1789) deren Leben und Wirken während ihrer Husumer Zeit mit anerkennenden Worten zusammen: Und weilen solche Fürstin zum gedeyhlichen Aufnehmen vieler 1.000 Menschen sich alhier aufgehalten, die Schule stattlich beschencket, in dem gantzen Amte sich sehr gnädig bewiesen hatte, so konnte es nicht anders seyn, als daß solcher Tag des Ablebens als ein Tag des Trübsals besonders denen Amts Eingesessenen angezeichnet worden. 54 51 Jacob Fabricius den Yngres: Optegnelser 1617–1644, hg. v. Anders Andersen (Historisk Samfund for Sønderjylland, Skrifter 32), Kopenhagen 1964, S. 357 f. – Bliant ist ein »mit Gold durchwebter Seidenstoff« (vgl. Otto Mensing: Schleswig-Holsteinisches Wörterbuch, Bd. 1, Neumünster 1927, Sp. 383 [Lemma: ›Bliant‹]). 52 Vgl. Kraack: Kalendernotizen (wie Anm. 2), S. 89, Abschnitt [233] (1. November 1634). 53 Ebd., S. 93, Abschnitt [248] (22. Februar 1638). 54 Johannes Laß: Sammelung einiger Husumischen Nachrichten von Ann o 1089 bis Anno 1700 inclusive aus unterschiedenen Manuscripten und Documenten etc. zusammen getragenen und nach erlangter allergnädigsten Königl. Erlaubnis dem Druck übergeben von Johannes Laß, Flensburg 1750, S. 132.
136 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Der Husumer Pastor Peter Danckwerth hat zum Ableben Augustas und zu den sich anschließenden Trauerfeierlichkeiten verschiedene Einträge in seinem Kalender vorgenommen. Zunächst erfahren wir anlässlich des am 5. Februar 1639 frühmorgens um 5 Uhr eingetretenen Todes der hier nicht nur als Serenissima, sondern auch als Clementissima beschriebenen Herzoginwitwe, diese habe vor ihrem Ableben noch zwei Wochen krank daniedergelegen. Außerdem wird darauf verwiesen, sie habe nicht ohne aller Zeitgenossen lautes Klagen und tiefen Gram das Zeitliche gesegnet, habe über Erbe und Begräbnis zuvor noch alles recht verfügt: 5 Februarij [1639] mane hora 5. † Serenissima et Clementissima domina Augusta vidua, posteaqvam 14 dies decubuisset non sine magno omnium luctu et maerore. de Bonis et Sepultura, Juste omnia deposuit . 55 Für die Begräbnisfeierlichkeiten wurde der Leichnam der hohen Frau knapp einen Monat nach deren Tod durch die Großen des Landes unter Führung des regierenden Herzogs Friedrich III. und seines Bruders Hans (1606–1655), der im Jahre 1634 seinem Onkel als Fürstbischof von Lübeck nachgefolgt war, nach Schleswig überführt. Das ganze Land, von den Ministern und Ratsherren bis zu den ganz normalen Bürgern und ihren Ehefrauen, sei in Trauer gewesen und habe den Verlust beklagt: 3 Martij [1639] Jst die furstliche leiche durch einen ansehnlichen Comitat von hinnen abgeholet, waren Jn die 300 Pferde, vom adel dabei Jhr Gnaden Jllustrissimus noster vnd hertzog hans. wahr besser anzusehen, alß zu Schleswig. Ministri Senatus Cives et Uxores etc. exeqvias qverunt[tur]. 56 Zwei Tage später fand im Dom zu Schleswig die eigentliche Trauerfeier statt. Der Trauerzug auf dem Weg in die Kirche war ständisch geordnet: vorweg die zahlreich erschienenen Vertreter des Adels, aus Husum Pastor Danckwerth, für den es nach eigenem Bekunden schon das sechste fürstliche Leichenbegängnis war, außerdem der Diakon Joachim Wichmann (1585–1659) mit vier Kollegen aus der Lateinschule, allerdings ohne Schüler, wie Danckwerth ausdrücklich festhält. Der Einzug sei zwar ohne individuelle Abstufung und Namensnennung, wohl aber der ständischen Abstufung nach erfolgt: 5. dito [1639] Jst die furstliche leiche zu Schleswig bestetiget. Die vom adel gingen alle zu fueß. Jst mir das 6te mahl das Jch zu furstlichen begrebnissen gewesen. dismahl wahr herr Jochim mit, vnd 4 Collegen Scholae. sine discipulis. wenn auch keine namen alles eingezogen secundum fori dispositionem. 57 55 Kraack: Kalendernotizen (wie Anm. 2), S. 96, Abschnitt [265] (5. Februar 1639). 56 Ebd., Abschnitt [267] (3. März 1639). 57 Ebd., Abschnitt [268a] (5. März 1639).
Kraack: Die Calender-Extracten des Husumer Pastors Peter Danckwerth und die Herzoginwitwe Augusta | 137 Mit Augusta hatte ganz zweifellos eine bedeutende Herrscherpersönlichkeit das Zeitliche gesegnet. Ähnlich wie sie im Leben als Herzoginwitwe in den unterschiedlichsten Bereichen eine für viele Zeitgenossen und Institutionen in und um Husum überaus segensreiche Wirkung entfaltet hatte, schlug sie die Menschen in ihrem Umfeld auch als fürstliche Leiche in ihren Bann. Was von Peter Danckwerth nicht thematisiert wird Es liegt auf der Hand, dass die von Peter Danckwerth in seinen Kalendern festgehaltenen Nachrichten eine ungemein subjektive Sicht auf die vergangene Wirklichkeit wiedergeben. Ganze Bereiche dieser Wirklichkeit bekommen wir über diese Quelle gar nicht in den Blick, weil schon Danckwerth sie nicht im Blick hatte. Ob er sich nicht für Immobilienerwerb und Immobiliennutzung der fürstlichen Witwe interessierte ober er über die Umund Neubauten am Schloss, etwa die Schlosskapelle betreffend, schlichtweg nicht orientiert war und ob ihn Kreditgeschäfte und landwirtschaftliche Grundproduktion eher am Rande oder gar nicht interessierten, sei dahingestellt. Zumindest enthalten seine Aufzeichnungen zu all diesen und auch noch zu manch anderen Bereichen, in denen Augusta eine vielfältige Wirkung entfaltete, keinerlei Informationen. Dass zur Erhellung der genannten Tätigkeitsfelder zum Teil sehr auskunftsfreudige Materialien zur Verfügung stehen, haben nicht zuletzt Melanie Greinert und Albert Panten in ihren bereits weiter oben angeführten Untersuchungen 58 eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Gleichwohl wären für eine neue Gesamtbewertung der Herzoginwitwe eben auch Zeugnisse vom Charakter der Danckwerth’schen Kalendernotizen – ähnlich wie die Aufzeichnungen aus der Feder von Jacob Fabricius dem Jüngeren –, so subjektiv und selektiv sie die vergangene Wirklichkeit auch einfangen mögen, mit einigem Gewinn heranzuziehen. Zusammenfassung der Ergebnisse In der Summe tritt uns Augusta als eine für die lokale Bevölkerung in Husum und Umgebung wichtige Vertreterin der landesherrlichen Dynastie entgegen. Je nach Betreff und Situation kooperierte oder konkurrierte sie mit dem regierenden Herzog und mit den Spitzen der fürstlich-gottorfischen Verwaltung. Schon ihre Herkunft aus dem königlich-dänischen Zweig der oldenburgischen Verwandtschaft sicherte ihr eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber ihrem Ehemann und seinen direkten Angehörigen, ließ sie aber im Konfliktfall auch zu einem möglichen Bindeglied und ausgleichenden Faktor werden. Hierbei ging es wie so oft in der vormodernen Wirklichkeit vielfach nicht zuletzt um Rang und Loyalität. Diese bildeten die Grundlage für ein komplexes Mitund Gegeneinander. Dass Augusta von Persönlichkeit und Intellekt her in 58 Vgl. Anm. 1.
138 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein der Lage war, sich in dem komplexen Wirkungsfeld, das sich dadurch aufspannte, Handlungsspielräume und Wirkmöglichkeiten zu erschließen, davon legen Danckwerths Aufzeichnungen eindrucksvoll Zeugnis ab. Abstract This article examines the calendar notes (Calender-Extracten) of the Husum pastor Peter Danckwerth (1580–1652) as a newly discovered source tradition for understanding everyday life in Husum and the surrounding area during the first half of the 17th century, focusing on what information can be gathered about Dowager Duchess Augusta (1580–1639). After the death of her princely husband, Duke Johann Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf (1575–1616), Augusta found a new home in Husum Castle. This article will explore how Augusta continued to exercise rule at and from her retirement residence, her public appearances, and how she created opportunities for independent action through charitable gifts and donations, as well as her sympathy and personal closeness to her subjects, who legally were subjects of her son, the reigning Prince Frederick III of Schleswig-Holstein-Gottorf (1597–1659). Autor Prof. Dr. Detlev Kraack Historiker, Professor für mittelalterliche Geschichte und Landesgeschichte, Oberstudienrat für die Fächer Latein und Geschichte am Gymnasium Schloss Plön. Seine zahlreichen Veröffentlichungen beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit der Sozialund Wirtschaftsgeschichte Schleswig-Holsteins. E-Mail: detlev.kraac[email protected] Open Access // Der Beitrag ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0) veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Beitrags von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.