Die Fürstinnen in Schleswig-Holstein: Eine Einführung
Abstract
Lange Zeit stand die Erforschung der Geschichte der Frauen und insbesondere der schleswig-holsteinischen Prinzessinnen im Schatten anderer wissenschaftlicher…
Full text
| 13 Oliver Auge, Uta Kuhl Die Fürstinnen in Schleswig-Holstein Eine Einführung Wenn man über den Forschungsstand und die Forschungsaussichten zum Thema der Handlungsspielräume der Fürstinnen der Lande Schleswig und Holstein räsoniert, wie es im Folgenden geschehen soll, dann ist zuvorderst eine merkliche Zweiteilung zwischen der bisherigen geschichtswissenschaftlich-regionalhistorischen und der kunstgeschichtlich-kulturhistorischen Annäherung erkennbar, die durchaus auf einen Hiat zwischen beiderlei Forschungslagen hinausläuft. Regionalgeschichte Noch im Jahr 2012 konnte in einem in der Zeitschrift Demokratische Geschichte abgedruckten Beitrag moniert werden, anders als die Fürsten seien die Fürstinnen der Lande von der landeshistorischen Forschung bisher sträflich vernachlässigt und bei der Erschließung der historischen Vergangenheit unberücksichtigt gelassen worden. 1 Gleichzeitig wurde darin dazu angeregt, dieses regionalgeschichtliche Desiderat endlich in Angriff zu nehmen »und unter Berücksichtigung der modernen Genderund Frauenforschung sowie unter sozialgeschichtlichen Gesichtspunkten eine weitere Perspektive auf die Herrschaftsund Dynastiegeschichte dieser Region zu eröffnen«. 2 Seit dieser Zeit hat sich freilich eine Menge in Schleswig-Holstein getan, und es erfüllt aus Kieler regionalgeschichtlicher Sicht mit einiger Genugtuung und ebenso großem Stolz, dass diese qualitativ und quantitativ erfreuliche Entwicklung zu einem großen Teil der erfolgreichen Arbeit der Kieler Abteilung für Regionalgeschichte zuzuschreiben ist. An dieser Stelle ist es durchaus passend, nochmals würdigend hervorzuheben, dass dieser inhaltlich mehr als angezeigte Sachverhalt natürlich nicht ausschließlich, aber eben doch auch in der wissenschaftlichen Sozialisation des Lehrstuhlinhabers einmal am Tübinger Institut für Geschichtliche Landeskund e und Historische Hilfswissenschaften und nachfolgend am 1 Vgl. dazu Oliver Auge/Simon Huemer: Die Prinzessin am fremden Hof. Deutsch-dänische Wechselbeziehungen. Projektskizze und Erfahrungsbericht, in: Demokratische Geschichte 23 (2012), S. 203–222. 2 Ebd., S. 203. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2943-5331/p1
14 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Lehrstuhl für Allgemeine Geschichte des Mittelalters und Historische Hilfswissenschaften in Greifswald begründet liegt.3 Integral eingebunden in den Arbeitskreis für Interdisziplinäre Hexenforschung (AKIH),4 wurde das Thema der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung als ein relativ zeitiges – übrigens erfreulicherweise auch für Schleswig-Holstein zu konstatierendes5 – Betätigungsfeld der historischen Frauenforschung in Tübingen vielseitig vorangebracht.6 In Greifswald hingegen lehrte und forschte seinerzeit Karl-Heinz Spieß als Lehrstuhlinhaber, der mit seiner in zwei Auflagen erschienenen Habilitationsschrift Familie und Verwandtschaft im deutschen Hochadel des Spätmittelalters7 und mit nachfolgenden konzisen Studien zum königlichen und fürstlichen Heiratsund Ehegeschehen im Mittelalter8 die deutschsprachige 3 Zur Vita von Oliver Auge vgl. die Angaben auf der Homepage des Kieler Instituts, https://www.histsem.uni-kiel.de/de/ das-institut-1/abteilungen/regionalgeschichte-mit-schwerpunkt-schleswig-holstein/direktor-1/oliver-auge (letzter Aufruf: 12.02.2024). 4 Für weitere Informationen siehe die Homepage des AKIH, https://www.uni-saarland.de/fakultaet-p/behringer/akih. html (letzter Aufruf: 12.02.2024). 5 Rolf Schulte: Hexenverfolgung in Schleswig-Holstein vom 16.–18. Jahrhundert, Heide 2001; Dagmar Unverhau: Von »Toverschen« und »Kunstfruhwen« in Schleswig 1548–1557. Quellen und Interpretationsansätze zur Geschichte des Zauberund Hexenglaubens, in: Beiträge zur Schleswiger Stadtgeschichte 22 (1977), S. 6–110, und 23 (1978), S. 25–86. 6 Siehe die hier begründete Reihe Hexenforschung und im Übrigen bereits die wichtige Dissertation von Sönke Lorenz: Aktenversendung und Hexenprozeß. Dargestellt am Beispiel der Juristenfakultäten Rostock und Greifswald (1570/82– 1630), 3 Bde. (Studia Philosophica et Historica 1), Frankfurt a. M. 1982/83; vgl. dazu die sich anschließenden Hexenstudien von Oliver Auge: Hexenwerk und Zauberei. Der Umgang mit dem Delikt der Hexerei im württembergischen Amt Göppingen (1562–1755), in: Hohenstaufen-Helfenstein 5 (1995), S. 83–122; Ders.: Rechberger Hexenprozesse im 16. und 17. Jahrhundert, in: Einhorn-Jahrbuch Schwäbisch Gmünd (1997), S. 125–140. 7 Karl-Heinz Spieß: Familie und Verwandtschaft im deutschen Hochadel des Spätmittelalters. 13. bis Anfang des 16. Jahrhunderts (Vierteljahrschrift für Sozialund Wirtschaftsgeschichte, Beiheft 111), Stuttgart 2 2015. 8 Z. B. Ders.: European Royal Marriages in the Late Middle Ages. Marriage Treaties, Questions of Income, Cultural Transfer, in: Majestas 13 (2005), S. 7–21; Ders.: Europa heiratet. Kommunikation und Kulturtransfer im Kontext europäischer Königsheiraten des Spätmittelalters, in: Rainer C. Schwinges/Christian Hesse/Peter Moraw (Hg.): Europa im späten Mittelalter. Politik – Gesellschaft – Kultur (Historische Zeitschrift, Beiheft 40), München 2006, S. 435–464; Ders.: Heiratsmigration (westeuropäische Christenheit), in: Michael Borgolte (Hg.): Migrationen im Mittelalter. Ein Handbuch, Berlin 2014, S. 305–310. Siehe des Weiteren Oliver Auge: Dynastiegeschichte als Perspektive vergleichender Regionalgeschichte. Das Beispiel der Herzöge und Grafen von Schleswig und Holstein (Anfang 13. bis Ende 17. Jh.), in: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte (ZSHG) 135 (2010), S. 23–46; Ders.: Der dynastische Heiratsmarkt einer umkämpften Region. Ehen und Ehepolitik der Herzöge von Schleswig von Abel bis Adolf VIII., in: ZSHG 138 (2013), S. 7–31; Die Familienund Heiratspolitik der Schauenburger Dynastie (bis ca.1500), in: Ders./Detlev Kraack (Hg.): 900 Jahre Schauenburger im Norden. Eine Bestandsaufnahme (Quellen und Forschungen zur Geschichte Schleswig-Holsteins [QuFGSH] 121; Zeit + Geschichte 30), Kiel/Hamburg 2015, S. 211–232; Ders.: Das Konnubium der fürstbischöflichen oder jüngeren Gottorfer Linie bis zur Eheschließung Peter Friedrich Ludwigs (1781), in: Ders./ Anke Scharrenberg (Hg.): Die Fürsten des Bistums. Die fürstbischöfliche oder jüngere Linie des Hauses Gottorf in Eutin bis zum Ende des Alten Reiches. Beiträge zum Eutiner Arbeitsgespräch im April 2014 (Eutiner Forschungen 13), Eutin 2015, S. 15–37; Ders.: The Duchy of Schleswig-Holstein-Gottorp between Denmark, Sweden and Russia. Dynastic relations, in: Ralf Bleile/Joachim Krüger (Hg.): »Princess Hedvig Sofia« and the Great Northern War, Dresden 2015, S. 66–77; Ders.: Eine Frage von Rang und Geld. Ehen und Ehepolitik der älteren Glücksburger Herzöge, in: Ders. (Hg.): Glücksburg in der Geschichte. Beiträge eines Symposiums auf Schloss Glücksburg, Husum 2019, S. 53–84; Ders.: Das Haus Hessen und der »echte Norden«. Frühneuzeitliche Eheverbindungen der Landgrafen nach Schleswig-Holstein, in: Lutz Vogel u. a. (Hg.): Mehr als Stadt, Land, Fluss. Festschrift für Ursula Braasch-Schwersmann, Neustadt a. d. A. 2020 , S. 106–110; Ders.: Das Haus Württemberg in der dynastischen Welt des 18. und 19. Jahrhunderts. Heiratsstrategien und Ehepolitik einer Aufsteigerdynastie, in: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 80 (2021), S. 311–344; Ders.: Beobachtungen zu den Eheverbindungen zwischen den sächsischen und schleswig-holsteinischen Fürstenhäusern von der Mitte des 13. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, in: Alexander Sembdner/Christoph Volkmar (Hg.): Nahaufnahmen. Landesgeschichtliche Miniaturen für Enno Bünz zum 60. Geburtstag (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde 67), Leipzig 2021, S. 305–335; Ders.: Württemberg im napoleonischen Europa. Zur Heiratspolitik
Einführung | 15 Adelsund Dynastieforschung wegweisend geprägt hat und bis heute beeinflusst.9 Obendrein fungierte er als Gründungsmitglied des Greifswalder Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung (IZfG), einer überfakultären und, wie im Namen schon gesagt, interdisziplinären Forschungseinrichtung der Universität Greifswald mit dem Ziel, einen genderwissenschaftlichen Schwerpunkt in Lehre und Forschung der Universität Greifswald zu verankern und zu fördern.10 Als gewisse Fortführung seiner wichtigen Untersuchungen lassen sich etliche Kieler Studien zu Ehen und Ehepolitiken der schleswig-holsteinischen Herzogslinien begreifen.11 Darüber hinaus entwickelte der Lehrstuhlinhaber während seiner Greifswalder Assistentenzeit ein theoretisches Modell zur geschichtswissenschaftlichen Erforschung fürstlicher Handlungsspielräume,12 das als Forschungsdesign die eigene Arbeit durchzieht,13 aber auch in den Qualifikationsschriften der Kieler Schülerinnen und Schüler14 eine wiederkehrend prägende Rolle spielt. Das Stichwort der ›Handlungsspielräume‹ begegnet nicht von ungefähr an zentraler Position auch im Untertitel zu diesem Tagungsband. Während sich allgemein die Frauenund Geschlechtergeschichte nicht nur, aber eben auch in Bezug auf Fürstinnen längst zu den »Wachstumsbranchen der Geschichtswissenschaft« entwickelt hatte,15 existierte ein solcher Forschungszweig in Schleswig-Holstein in geschichtswissenschaftlicher Hinsicht vor den 2010er Jahren recht eigentlich nicht. Abgesehen von den bereits erwähnten frühen Studien zur frühneuzeitlichen Hexenverfolgung16 und ersten zaghaften Schritten zur Erforschung der Geschichte der Frauen an der Universität eines frischgebackenen Königshauses, in: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg (Hg.): Residenzschloss Ludwigsburg. Die königlichen Räume, Oppenheim a. R. 2022, S. 17–33; Ders.: Tu, felix Augustenburg, nube! Die Augustenburger Herzöge und ihre erfolgreiche Heiratspolitik, in: ZSHG 148 (2023), S. 65–96. 9 Siehe beispielhaft die Würdigung bei Jörg Rogge: Nur verkaufte Töchter? Überlegungen zu Aufgaben, Quellen, Methoden und Perspektiven einer Sozialund Kulturgeschichte hochadliger Frauen und Fürstinnen im deutschen Reich während des späten Mittelalters und am Beginn der Neuzeit, in: Cordula Nolte/Karl-Heinz Spieß/Ralf-Gunnar Werlich (Hg.): Principes. Dynastien und Höfe im späten Mittelalter. Interdisziplinäre Tagung des Lehrstuhls für allgemeine Geschichte des Mittelalters und Historische Hilfswissenschaften in Greifswald in Verbindung mit der Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen vom 15.–18. Juni 2000 (Residenzenforschung 14), Stuttgart 2002, S. 235–276, hier S. 245. 10 Für weitere Informationen siehe die Homepage des IZfG, https://izfg.uni-greifswald.de (letzter Aufruf: 12.02.2024). 11 Siehe hierfür ausführlich Anm. 8. 12 Oliver Auge: Handlungsspielräume fürstlicher Politik im Mittelalter. Der südliche Ostseeraum von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis in die frühe Reformationszeit (Mittelalter-Forschungen 28), Ostfildern 2009. 13 Als Beispiel kann hierfür folgende Mitherausgeberschaft angeführt werden: Oliver Auge/Andreas Bihrer/Nina Gallion (Hg.): »Kleine Bischöfe« im Alten Reich. Strukturelle Zwänge, Handlungsspielräume und soziale Praktiken im Wandel (1200–1600) (Zeitschrift für Historische Forschung, Beiheft 58), Berlin 2021. Siehe darüber hinaus Oliver Auge: Fürstliche Handlungsspielräume zur Reformationszeit: Das Beispiel der Herzöge von Mecklenburg und der Herzöge von Pommern, in: Christiane Wiesenfeldt/Stefan Menzel (Hg.): Musik und Reformation – Politisierung, Medialisierung, Missionierung (Beiträge zur Geschichte der Kirchenmusik 22), Paderborn 2020, S. 3–23. 14 Melanie Greinert: Zwischen Unterordnung und Selbstbehauptung. Handlungsspielräume Gottorfer Fürstinnen (1564– 1721) (Kieler Schriften zur Regionalgeschichte [KSRG] 1), Kiel/Hamburg 2018; Franziska Hormuth: Strategien dynastischen Handelns in der Vormoderne. Die Herzöge von Sachsen-Lauenburg (1296–1689) (KSRG 5), Kiel/Hamburg 2020; Frederike Maria Schnack: Zwischen geistlichen Aufgaben und weltlichen Herausforderungen. Die Handlungsspielräume der Mindener Bischöfe von 1250 bis 1500 (Vorträge und Forschungen, Sonderbd. 62), Ostfildern 2022. 15 Rogge: Nur verkaufte Töchter? (wie Anm. 9), S. 235. Vgl. insgesamt auch Rogges allgemeinen Forschungsüberblick. 16 Vgl. Schulte: Hexenverfolgung (wie Anm. 5); Unverhau: Von »Toverschen« und »Kunstfruhwen« (wie Anm. 5).
16 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Kiel,17 galt für die Genderund Frauengeschichtsforschung die Aussage des Titels eines vom Ansatz her wegweisenden, seinerzeit aber noch ganz vereinzelt dastehenden Buches, das die hochverdiente, aber leider viel zu früh verstorbene Elke Imberger 1994 herausgab: »Der Stand der Frauen, wahrlich, ist ein harter Stand«.18 Zur Fürstinnengeschichte selbst existierte neben einer buchstäblichen Handvoll an Aufsätzen und Lexikonbeiträgen19 lediglich eine spärliche Auswahl größerer und genuin landesgeschichtlicher Studien, wie zum Beispiel die von Peter Hirschfeld zu Agnes von Baden als Gemahlin Herzog Gerhards II. von Schleswig schon von 1957,20 die von Eckhard Hübner zur auch von Familieninteressen geprägten russischen Außenpolitik zwischen 1741 und 177321 oder diejenige von Markus Hillenbrand zu den Gottorfer Eheverträgen22 vom Jahr 1996. So war bezeichnenderweise auch den Gottorfer Herzoginnen – mit einer homöopathischen Ausnahme23 – kein eigenes Kapitel im wissenschaftlichen Begleitband zur Ausstellung ›Gottorf im Glanz des Barock‹ von 1997 gewidmet. Die Situation änderte sich, wie bereits angedeutet, erst ab den 2010er Jahren grundlegend: Nach einem Kieler studentischen Projektseminar zum Thema ›Die Prinzessin am fremden Hof: Deutsch-dänische Wechselbeziehungen‹ im Wintersemester 2010/11, das leider nicht weiter zur beabsichtigten Ausstellung ausgebaut werden konnte, die anfangs für das Jahr 2013 im Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv in Schleswig avisiert war,24 war ein erster sichtbarer Ertrag des Kieler regionalhistorischen Bemühens um die Erhellung der Geschichte der Fürstinnen hierzulande die gemeinsam mit dem Stadtarchiv Flensburg, dem Historisk Samfund for Sønderjylland, der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte sowie dem Archiv und der Histori17 Ingrid Bohn: Wissenschaftlerinnen an der Christiana Albertina. Zu den Lebensund Arbeitszusammenhängen der ersten Kieler Hochschullehrerinnen. Fragestellungen und biographische Skizzen, in: Demokratische Geschichte 14 (2001), S. 15–54; Thomas Erdmann Fischer: Die Anfänge des Frauenstudiums in Deutschland. Das Beispiel der Universität Kiel, Trier 1996. 18 Elke Imberger (Hg.): Der Stand der Frauen, wahrlich, ist ein harter Stand. Frauenleben im Spiegel der Landesgeschichte (Veröffentlichungen des Schleswig-Holsteinischen Landesarchivs 39), Schleswig 1994. 19 Siehe in chronologischer Reihenfolge etwa Troels Fink: Mit der Brille der Herzogin Augusta gesehen, in: Nordelbingen 43 (1974), S. 234–245; Hans Jessen: Zwei fürstliche Jägerinnen der Residenz Gottorf, in: Jahrbuch für die Schleswigsche Geest 37 (1989), S. 194–102; Dieter Lohmeier: Art. ›Sophie von Mecklenburg‹, in: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck (SHBL), Bd. 10, Neumünster 1994, S. 278–280; Gerhard Fouquet: Fräulein und Gnädige Frau. Anna von Brandenburg (1487–1514), in: Mitteilungen der Residenzenkommission 11.1 (2001), S. 19–31; Dieter Lohmeier: Art. ›Dorothea von Sachsen-Lauenburg‹, in: SHBL, Bd. 13, Neumünster 2006, S. 92–94. 20 Peter Hirschfeld: Markgräfin Agnes von Baden. Gemahlin Herzog Gerhards VII. von Schleswig. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des 15. Jahrhunderts (QuFGSH 34), Neumünster 1957. Siehe zu Agnes von Baden auch Stephan Selzer: Eine fürstliche Konsumentin und ihre Lübecker Einkäufe 1433/1434, in: Michael Hundt/Jan Lokers (Hg.): Hanse und Stadt. Akteure, Strukturen und Entwicklungen im regionalen und europäischen Raum, Lübeck 2014, S. 411–431. 21 Eckhard Hübner: Staatspolitik und Familieninteresse. Die gottorfische Frage in der russischen Außenpolitik 1741–1773 (QuFGSH 83), Neumünster 1984. 22 Markus Hillenbrand: Fürstliche Eheverträge. Gottorfer Hausrecht 1544–1773 (Rechtshistorische Reihe 141), Frankfurt a. M. 1996. 23 Lars Ljungström: Hedwig Eleonora, Prinzessin von Schleswig-Holstein-Gottorf, Königin von Schweden, in: Heinz Spielmann/Jan Drees (Hg.): Gottorf im Glanz des Barock. Kunst und Kultur am Schleswiger Hof 1544–1713. Kataloge der Ausstellung zum 50-jährigen Bestehen des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums auf Schloß Gottorf und zum 400. Geburtstag Herzog Friedrichs III., Bd. 1: Die Herzöge und ihre Sammlungen, Schleswig 1997, S. 287–290. 24 Auge/Huemer: Die Prinzessin am fremden Hof (wie Anm. 1), S. 203.
Einführung | 17 schen Forschungsstelle der deutschen Volksgruppe in Dänemark realisierte deutsch-dänische Tagung ›Zwischen Macht und Schicksal. Acht Herrscherinnen des Nordens aus acht Jahrhunderten‹. Diese Tagung wurde aus Anlass der 600. Wiederkehr des Todes der mächtigsten Frau des Nordens im Mittelalter, Margarete I., in Flensburg Ende Oktober 2012 ebenda durchgeführt, und ihre verschriftlichten Referate konnten schon im Jahr darauf in einem Tagungsband publiziert werden.25 Diese ersten Anstrengungen zeigten schon früh eine gewisse außeruniversitäre Sogwirkung, indem im November 2014 im Akademiezentrum Sankelmark eine Tagung zu den ›Fürstinnen des Landes‹, selbstredend unter starker Kieler Beteiligung, durchgeführt wurde.26 Bei der dann Anfang Mai 2016 gemeinsam von der Kieler Regionalgeschichte und der Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde im Kreis Plön e. V. veranstalteten Tagung zu den ›Herzögen von Plön‹ waren zehn Referate zu hören, wovon immerhin drei der Plöner Fürstinnenund Mätressengeschichte gewidmet waren.27 Im März 2017 führte die Kieler Regionalgeschichte zusammen mit der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte (GSHG) und dem Nordfriisk Instituut eine internationale Tagung zu ›Fürstlichen Witwen und Witwensitzen in SchleswigHolstein‹ im Schloss vor Husum durch, das sinnfällig über weite Zeiträume eben als Wohnund Herrschaftssitz fürstlich-gottorfischer Witwen gedient hat. Der zugehörige Tagungsband konnte 2019 der interessierten Öffentlichkeit präsentiert werden.28 Wenig später veranstaltete die Kieler Regionalgeschichte unter Federführung der beiden Mitarbeiterinnen Nina Gallion, mittlerweile in Mainz, und Caroline E. Weber, nunmehr in Sonderburg tätig, im Wintersemester 2017/18 eine vom Auditorium stark nachgefragte Ringvorlesung zu ›Frauen im Fokus der (schleswig-holsteinischen) Regionalgeschichte‹, in deren Rahmen nicht nur, aber eben auch Fürstinnenschicksale thematisiert wurden. Der seit langem überfällige Band hierzu soll endlich in naher Zukunft von den beiden Genannten herausgegeben werden.29 Ebenfalls 2018 publizierte Melanie Greinert ihre an der Kieler Abteilung für Regionalgeschichte erstellte und 2017 an der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität eingereichte Dissertation zu den Handlungsspielräumen Gottorfer Fürstinnen.30 Diese Arbeit wird gleich noch näher gewürdigt. Einen weiteren Baustein zur Erhellung der Fürstinnengeschichte lieferte sodann die 25 Oliver Auge u. a. (Hg.): Zwischen Macht und Schicksal. Acht Herrscherinnen des Nordens aus acht Jahrhunderten (1200–2000)/Mellem magt og skæbne. Otte herskerinder i norden fra otte århundreder (1200–2000), Flensburg 2013. 26 Siehe den Hinweis mit Einordnung bei Greinert: Zwischen Unterordnung und Selbstbehauptung (wie Anm. 14), S. 30. 27 Siehe das Programm der Konferenz, https://www.histsem.uni-kiel.de/de/das-institut-1/abteilungen/regionalgeschichte-mit-schwerpunkt-schleswig-holstein/tagungen/fruehere-tagungen/tagungen_alt/die-herzoege-vonploen (letzter Aufruf: 12.02.2024). Die Tagungsbeiträge sind publiziert: Melanie Greinert: Dorothea Augusta von Schleswig-Holstein-Gottorf (1602–1682). Die erste Herzogin von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Plön, in: Oliver Auge/Silke Hunzinger/Detlev Kraack (Hg.): Die Herzöge von Plön (Sonderveröffentlichung der AG für Heimatkunde im Kreis Plön e. V.; QuFGSH 124), Eutin 2017, S. 31–57; Friederike Drinkuth: Herzogin Dorothea Sophie von Mecklenburg-Strelitz (1692–1765). Wie eine Plöner Prinzessin als »glorwürdige« Regentin ihre neue Heimat prägte, in: Ebd., S. 105–121; Heide Beese: Friedrich Carl und die Frauen, in: Ebd., S. 223–242. 28 Oliver Auge/Nina Gallion/Thomas Steensen (Hg.): Fürstliche Witwen und Witwensitze in Schleswig-Holstein (QuFGSH 127), Husum 2019. 29 Nina Gallion/Caroline E. Weber (Hg.): Frauen im Fokus der Regionalgeschichte. Schleswig-Holstein vom Mittelalter bis heute (KSRG 3) (i. Vorb.). 30 Greinert: Zwischen Unterordnung und Selbstbehauptung (wie Anm. 14).
18 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein gemeinsam mit dem Gottorfer Landesmuseum geplante und digital durchgeführte Tagung vom Januar 2022. In Gottorf hatte man sich im Übrigen bereits im Jahr 2015 im Zusammenhang der Ausstellung um den Wrackfund des schwedischen Kriegsschiffes ›Hedvig Sofia‹ auch näher mit dem Leben der königlich-herzoglichen Namensgeberin befasst.31 Und an dieser Stelle sei es erlaubt, darauf hinzuweisen, dass mehrere Absolventinnen und Mitarbeiterinnen der Kieler Regionalgeschichte ganz maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass es seit kurzem eine umtriebige Arbeitsgemeinschaft ›Frauen‹ unter dem Dach der GSHG gibt, die nicht nur diese Gesellschaft gendertechnisch auf Vordermann bzw. -frau zu bringen versteht,32 sondern auch den entscheidenden Anstoß dazu vermittelte, dass sich der Tag der Schleswig-Holsteinischen Geschichte im Jahr 2023 Frauen in der Geschichte Schleswig-Holsteins widmete.33 Melanie Greinerts angesprochene Dissertation verbindet die genannten Kieler regionalhistorischen Schwerpunkte sowohl der Frauenund Geschlechtergeschichte34 als auch der Erforschung historischer Handlungsspielräume nicht nur in einer vorbildlich synergetischen Art und Weise. Sie stellt darüber hinaus unbestreitbar das Grundlagenwerk zur Untersuchung der Fürstinnen hierzulande überhaupt dar, an dem sich alle nachfolgenden Untersuchungen, auch in diesem Tagungsband, selbstredend orientieren dürfen und müssen, indem sie diese Frauen nicht bloß, wie es bisher, wenn überhaupt, allzu regelmäßig geschah, stereotyp als Objekte dynastischer Politik und als »verkaufte Töchter«35 vorstellte, sondern als handelnde Akteurinnen zwischen Unterordnung und Selbstbehauptung. Diesen neuen, überaus angezeigten Blickwinkel hat Greinert noch durch weitere themenverwandte Aufsätze im Umfeld der Kieler Regionalgeschichte36 und darüber hinaus37 erweitert. Mit ihrer Doktorarbeit ist das weite Feld der schleswig-holsteinischen Fürstinnengeschichte allerdings längst noch nicht bestellt: So bricht Greinerts Blick auf die Gottorferinnen leider 1721 ab, als sie Gottorf und 31 Bleile/Krüger: »Princess Hedvig Sofia« (wie Anm. 8). 32 Siehe den Bericht der Arbeitsgemeinschaft, abgedruckt in den Mitteilungen der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte (MGSHG) 101 (2021), S. 52 f. 33 Für die Veranstaltung sei verwiesen auf Ortwin Pelc: Der 4. Tag der Schleswig-Holsteinischen Geschichte in Reinbek, in: MGSHG 105 (2023), S. 26–29. 34 Siehe zur Geschlechtergeschichte etwa auch das nunmehr abgeschlossene Kieler Projekt zu Fürsten als Witwern: Oliver Auge/Laura Potzuweit (Hg.): Witwerschaft. Der einsame Mann in Geschichte, Literatur und Film (Histoire 204), Bielefeld 2024. 35 Rogge: Nur verkaufte Töchter? (wie Anm. 9). Siehe zu diesem Stichwort beispielsweise auch Thea Leitner: Habsburgs verkaufte Töchter (Serie Piper 1827), München 13 2005. 36 Melanie Greinert: Leben und Wirken einer fürstbischöflichen Ehefrau. Julia Felicitas von Schleswig-Holstein-Gottorf, geb. von Württemberg-Weiltingen, in: Oliver Auge/Anke Scharrenberg (Hg.): Fürsten des Bistums. Die fürstbischöfliche oder jüngere Linie des Hauses Gottorf in Eutin bis zum Ende des Alten Reiches (Eutiner Forschungen 13), Eutin 2015, S. 57–74; Dies.: Dorothea Augusta von Schleswig-Holstein-Gottorf (wie Anm. 27); Dies.: Das »Fürstlich Hus« vor Husum als Witwensitz der Herzoginnen Augusta und Maria Elisabeth von Schleswig-Holstein-Gottorf, in: Auge/ Gallion/Steensen: Fürstliche Witwen (wie Anm. 28), S. 29–50. 37 Dies.: Fürstliche Repräsentation in der Frühen Neuzeit – am Beispiel der »Hessischen Hochzeit« zwischen Maria Elisabeth von Schleswig-Holstein-Gottorf und Ludwig VI. von Hessen-Darmstadt, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 64 (2014), S. 37–52; Dies.: Maria Elisabeth Herzogin von Schleswig-Holstein-Gottorf, 1610–1684, in: Frauenwerk der Nordkirche und der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek (Hg.): »...von gar nicht abschätzbarer Bedeutung«. Frauen schreiben Reformationsgeschichte, Kiel 2016, S. 39–43.
Einführung | 19 Schleswig verlassen mussten, was inhaltlich Sinn machen kann, keinesfalls aber dynastisch. Darüber hinaus blieb die in den Landen zahlreiche und nahe sowie ferne Gottorfer dynastische Verwandtschaft von Greinert aus verständlichen praktischen Gründen schierer Machbarkeit weitgehend unberücksichtigt. Kunstgeschichte Frauen als Handelnde in der Geschichte sind jedenfalls in jüngerer Zeit verstärkt in den Fokus der Geschichtsschreibung geraten, 38 und wie oben dargelegt seit einigen Jahren auch ein Thema der Kieler Regionalgeschichte. Dennoch ist bemerkenswert, wie wenig immer noch der Bedeutung von – souveränen – Herrscherinnen vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhunderts in der Literatur Rechnung getragen wird, während dies Zeitgenossen im 18. Jahrhundert durchaus bewusst war. »Erst das bürgerliche 19. Jahrhundert hat das Wissen um die legitime Herrschaft von Frauen in Vergessenheit geraten lassen«, 39 so Heiko Laß. Nicht nur die zeitgenössische Politik, sondern auch die spätere Geschichtsschreibung war eine Männerdomäne, was eine bis heute in weiten Teilen defizitäre Quellenlage bedingt. Der Blick auf die Geschichte ist »noch immer durch die Sichtweise zumeist männlicher Verfasser literarischer Texte sowie die über lange Zeit männlich dominierte Forschungslandschaft geprägt«, wie anlässlich der Tagung ›(Self-)Presentation and Perception of Powerful Women in Ancient World‹ im Jahr 2019 beobachtet wurde – eine Beobachtung, die ebenso für spätere Epochen gilt. 40 Dies führt zusammengenommen dazu, dass Frauen über Jahrhunderte vor allem in einer von Männern vorgegebenen Rolle bzw. in ihrer Beziehung zu Männern wahrgenommen wurden, wenn sie überhaupt in die Überlieferung Eingang fanden: Frauen als Mütter, Ehefrauen oder Witwen, seltener als Regentinnen, nur in Ausnahmen als souveräne Herrscherinnen. Viel häufiger interessierten Frauen in der europäischen Geschichte dagegen als Töchter und Bräute, somit als ›Verhandlungsobjekte‹ bei Krieg und Frieden und ›Objekte‹ dynastischer Politik. 38 Für weiterführende Literatur siehe bei Katrin Keller: Frauen und dynastische Herrschaft. Eine Einführung, in: Bettina Braun/Katrin Keller/Matthias Schnettger (Hg.): Nur die Frau des Kaisers? Kaiserinnen in der Frühen Neuzeit, Wien 2014, S. 13–26. Zum konkreten Forschungsstand sei verwiesen auf Greinert: Zwischen Unterordnung und Selbstbehauptung (wie Anm. 14), S. 25 f. 39 Heiko Laß: Frauen auf Burgen und Schlössern. Schlösser und Burgen von Frauen, in: Burgen und Schlösser 62.2 (2021), S. 66. Er zitiert den Juristen Johann Jakob Moser, 1738, der ausdrücklich hervorhebt, dass auch Frauen rein rechtlich weder durch ein Gesetz noch durch das »Herkommen« von der Regierungsmacht ausgeschlossen seien. Siehe grundsätzlich dazu Matthias Schnettger: Weibliche Herrschaft in der Frühen Neuzeit, in: Zeitenblicke 8.2 (2009), https://www.zeitenblicke.de/2009/2/schnettger (letzter Aufruf: 12.02.2024), der betont, dass weibliche Herrschaft »keineswegs ein Randphänomen, sondern eine weit verbreitete Erscheinung im frühneuzeitlichen Europa« war und auch die reichsunmittelbaren Damenstifte und Frauenklöster behandelt. Siehe ferner Cordula Bischoff: Status, Macht und Kunstpolitik in der Frühen Neuzeit. Die Witwe als Bauherrin und Auftraggeberin, in: Ulrike Ilg (Hg.): Fürstliche Witwen in der Frühen Neuzeit. Zur Kunst und Kulturgeschichte eines Standes, Petersberg 2015, S. 40–54, hier S. 41 f. 40 Lion J. G. Arendt/Falk Ruttloh: Tagungsbericht: (Self-)Presentation and Perception of Powerful Women in the Ancient World, 31.01.2019–01.02.2019, Kassel, in: H-Soz-Kult, 12.04.2019, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/ fdkn-126789 (letzter Aufruf: 12.02.2024).
20 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Diese Perspektive dominierte lange in der Geschichtsschreibung und galt schon zu Lebzeiten dieser Frauen. Denn Herkunft, Ausbildung und Sozialisation an einem Fürstenhof, die »Übernahme und Erfüllung frühneuzeitlicher Rollenbilder« und verwandtschaftliche Beziehungen sind die Grundlage für die »Partizipation an dynastischer Herrschaft« und die entscheidenden Rahmenbedingungen für die »Handlungsspielräume fürstlicher Frauen«, wie Greinert in ihrer schon erwähnten Dissertation schreibt.41 Am Beispiel von fünf Gottorfer Fürstinnen untersucht sie unter dem Titel Zwischen Unterordnung und Selbstbehauptung. Handlungsspielräume Gottorfer Fürstinnen (1564–1721) die Bedingungen, Möglichkeiten und Auswirkungen ihres Handelns sowie deren konkrete Bedeutung für die Konstituierung dynastischer Herrschaft – im Rahmen ihrer Rollenpositionen, die ihnen in der Regel von Männern zugestanden wurden.42 Vor dem Hintergrund dieser gleichsam verdoppelten männlichen Perspektive mit den daraus resultierenden »Filtermechanismen«, angesichts von Rollenzuweisungen und Einschränkungen, stellt sich die Frage, inwieweit es möglich ist, im historischen Blick zurück die wirklichen Handlungsspielräume oder gar individuellen Motive einer Frau zu fassen, die vor mehreren Jahrhunderten lebte – selbst wenn sie eine Fürstin war. Während die schriftlichen Quellen hier oftmals begrenzt sind – oder aber, wie unzählige Briefe fürstlicher Frauen, bislang noch nicht rezipiert oder schlicht noch nicht gefunden wurden – bieten Werke der schönen Künste einen breiteren Zugang zur Vergangenheit, bot doch die Patronage von Künstlern und die Beauftragung von Werken der Bildenden Kunst oder Musik Frauen eine Möglichkeit, Handlungsspielräume zu nutzen, die ihnen in anderen Bereichen nicht offenstanden. Die enorme Bedeutung von bildnerischen Darstellungen für die herrschaftliche Repräsentation zeigt Peter Burke beispielhaft in seiner bahnbrechenden Untersuchung The Fabrication of Louis XIV von 1992. Die Wirkung der Darstellung des Königs in den verschiedensten Bildmedien, sei es in Gemälden oder Stichen, plastischen Porträts oder auf Medaillen, auf das »Image des Königs«, neben anderen Formen der Repräsentation, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.43 Mit seiner breit orchestrierten Inszenierung als Sonnenkönig wurde Ludwig XIV. zu einem vielfach nachgeahmten Vorbild in ganz Europa. Dabei war die Wirkmächtigkeit von Bildern den meisten Zeitgenossen, erst recht aber Herrschern und Herrscherinnen bewusst. Und auch sie setzten Bildmedien je nach ihren Möglichkeiten ein, wie mehrere Beiträge des Tagungsbandes aufzeigen. Besonders greifbar wird der Einfluss von fürstlichen Frauen in der Rolle der Bauherrin, wie Cordula Bischoff an mehreren Beispielen aufzeigte. Sie konnte darüber hinaus plausibel machen, dass eine Mitwirkung an Baumaßnahmen von fürstlichen Frauen, selbst wenn sie 41 Greinert: Zwischen Unterordnung und Selbstbehauptung (wie Anm. 14), S. 12. 42 Ebd., S.9, 12 f., 17. 43 Peter Burke: The Fabrication of Louis XIV, New Haven 1992 (Ludwig XIV. Die Inszenierung des Sonnenkönigs, Berlin 3 2009).
Einführung | 21 sich nicht in schriftlichen Quellen niedergeschlagen hat, häufig dennoch wahrscheinlich ist und in Bildquellen wie Porträtstichen oder auch Medaillen ihren Niederschlag fand.44 Auf die Bauten von Königin Hedwig Eleonora von Schweden wies im Ausstellungskatalog Gottorf im Glanz des Barock 1997 schon Lars Ljungström hin.45 Ausgehend von dieser Ausstellung legte Helga de Cuveland einen Beitrag über Herzogin Augusta von Schleswig-Holstein-Gottorf v or, der auch die biographischen Kenntnisse über die Herzogin deutlich erweiterte. Sie behandelte zudem nicht nur die Baumaßnahmen der Herzogin im Schloss vor Husum, die auch schon Grunsky und Fohrbeck 1990 herausgearbeitet hatten,46 sondern auch die Anlage repräsentativer Gartenanlagen bei ihren Schlössern vor Husum und in Reinbek.47 Diese haben sich zwar nicht erhalten, werfen aber ein Licht auf ein Wirkungsfeld der Herzogin Augusta in ihrer Witwenzeit, das den Zeitgenossen präsenter war, als es im Rückblick wahrgenommen wurde. Besonders eindrucksvoll und umfassend hat Lisa Skogh in ihrer 2013 publizierten Dissertation Material Worlds. Queen Hedwig Eleonora as Collector and Patron of the Arts aufgefächert, wie weit der Einfluss der schwedischen Königin Hedwig Eleonora als Auftraggeberin und Förderin der Wissenschaften und Künste reichte und welche Möglichkeiten der Selbstdarstellung ihr die Bildenden Künste boten.48 Skogh legt zudem wiederholt dar, wie groß die Bedeutung des Gottorfer Hofes, also der Herkunftsfamilie der Königin, als Vorbild für ihre Aktivitäten als Förderin der Wissenschaften und Künste war – bis hin zur Persien-Expedition von Engelbert Kämpfer, die auf den Spuren von Adam Olearius erfolgte.49 Zusammen mit Kristoffer Neville organisierte Lisa Skogh 2013 in Stockholm die Tagung ›A Queen Emerges. Hedwig Eleonora of Sweden and Baroque Court Culture around the Baltic‹, deren Ergebnisse 2017 in dem Tagungsband Queen Hedwig Eleonora and the Arts. Court Culture in Seventeenth-Century Northern Europe publiziert wurde.50 Auch hier stellen Skogh und Neville fest, dass die Geschichtsschreibung erst mit großer Verzögerung und gleichsam nur über Umwege wie die Weitung des Blicks auf Hedwig Eleonoras Sammlungen sowie ihre Fördermaßnahmen für Künste und Wissenschaften das Wirken dieser Königin zu würdigen begann: 44 Bischoff: Status, Macht und Kunstpolitik in der Frühen Neuzeit (wie Anm. 39). 45 Ljungström: Hedwig Eleonora (wie Anm. 23). 46 Konrad Grunsky/Walter Fohrbeck: Das Schloß vor Husum. Geschichte und Gestalt eines gottorfischen Baudenkmals, in: Konrad Grunsky (Hg.): Schloß vor Husum, Husum 1990, S. 25–104. 47 Helga de Cuveland: Das Blumen-Stilleben im Portrait der Herzogin Augusta von Schleswig-Holstein-Gottorf. Zum Bedeutungswandel eines Portrait-Accesoires, in: Jahrbuch des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums Schloß Gottorf NF 6 (1996–1998), S. 27–50. 48 Lisa Skogh: Material Worlds. Queen Hedwig Eleonora as Collector and Patron of the Arts, Stockholm 2013. 49 Siehe exemplarisch zum Vorbild der elterlichen Kunstsammlungen ebd., S. 153, 183 f., 223. 50 Kristoffer Neville/Lisa Skogh (Hg.): Queen Hedwig Eleonora and the Arts. Court Culture in Seventeenth-Century Northern Europe (Women and Gender in the Early Modern World), London/New York 2017.