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Die älteste armenische Handschrift Deutschlands im neuen Licht | Գերմանիայի հնագույն հայկական ձեռագիրը նոր լույսի ներքո

Drost-Abgarjan, Armenuhi

Abstract

Die vorliegende philologisch-textologische Untersuchung liefert neue Erkenntnisse zur Datierung des ältesten armenischen Manuskripts Deutschlands…

Full text

| 451 Armenuhi Drost-Abgarjan Die älteste armenische Handschrift Deutschlands im neuen Licht Abstract This philological-textological study provides new insights into the dating of the oldest Armenian manuscript in Germany (Halle University and State Library, Armen 1), which presumably originates from the Artsakh scriptoria and is dated 1224 in the catalogue of Armenian manuscripts in Germany by Julius Aßfalg and Joseph Molitor (1962). As a result of the study, it was found out that the final sentence of John’s Gospel (Jn 21, 25) in the so-called Artsakh Gospel was perceived as a colophon and the number next to it as the year of creation of the Armenian Gospel copy. However, the margin number does not mark the year of creation of the manuscript but the segmentation of the Gospel text as do the other cross-references to the Eusebian canon tables. In contrast, the real colophon by a later hand provides the only dating of the manuscript, namely the year 373 according to the Armenian calendar, which corresponds to the year 924 AD. 1. Einführung Das sogenannte Arzacher Evangeliar (Աւետարան/Awetaran), genauer das Tetraevangeliar, das aus Arzach (HS Armen 1 / ULB Halle) stammen soll, ist eines der 31.000 Manuskripte (von Hunderttausenden), die weltweit Vernichtung, Brände und Raub durch Fremdherrscher überlebten. 1 Oft wurden sie geraubt, um sie teuer an die ursprünglichen Besitzer zurück zu verkaufen. Bis heute ist der Raub von Manuskripten bzw. von Artefakten aktuell, denn nach dem 44-tägigen armenisch-aserbaidschanischen Krieg um den Berg-Karabach/Arzach (2020) ringen die diplomatischen Kreise nicht nur um die Rückkehr der Kriegsgefangenen, sondern auch ihrer Kulturgüter. Allein in den zuständigen Institutionen von Baku weilen infolge der Zerstörung von Kirchen und Klöstern in der Sowjetischen Autonomen2 Republik Nachidschewan (besonders in Agulis) sowie der aktuellen Zerstörungen in Schuschi 1 Zu Einzelheiten siehe: Koschorke (2019), v.a. 200-204 (zu Armenien). 2 Autonom wurden die Republiken eingerichtet, weil sie von Armeniern bewohnt und somit heterogen besiedelt waren. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/978-3-928794-95-4/p22 452 | Das kulturelle Erbe von Arzach | Արցախի մշակութային ժառանգությունը und anderen Skriptorien in Berg-Karabach, das ebenfalls mehrheitlich von den Armeniern kontinuierlich bewohnt war, aber willkürlich vom sowjetischen Diktator Joseph Stalin der Republik Aserbaidschanischen SSR zugeschlagen wurde, viele armenische Handschriften als Raubgut.3 Das Beutegut erreichte auch früher schon Europa und andere Teile der Welt. Während seiner Reise durch Deutschland und Frankreich zwischen November 1930 und Februar 1931 sichtete der Mechitharisten-Gelehrte Nerses Akinean in den Bibliotheken und Büchereien dieser Länder ca. 500 armenische Handschriften.4 So teilte auch unsere Evangelienhandschrift das Los ihrer Schicksalsgenossinnen und kam 1865 durch den preußischen Konsul in Trapezunt (1858–1870), nämlich den Orientalisten Dr. Otto Blau (1828-1879) nach Halle.5 Neben dem Philosophen Friedrich Nietzsche und dem Ägyptologen Richard Lepsius war er ›Alumnus‹ der Fürstenschule in Pforta bei Naumburg, studierte in Halle und Leipzig Theologie, Philosophie und Orientalistik und war seit 1855 in Konstantinopel, Trapezunt, BosnienHerzegowina und bis zu seinem Freitod 1879 in Odessa (damals zu Russland gehörend) im diplomatischen Dienst. Während seiner Reisen als Diplomat durch Kleinasien, Armenien und Persien folgte er seinen wissenschaftlichen Interessen und sammelte Materialien zur Geschichte, Literatur, Ethnographie und Numismatik der dort lebenden Völker. Seine umfangreiche Münzsammlung schenkte er der Universitätsbibliothek in Leipzig und die armenischen Handschriften, die er in Persien erworben hatte, der Bibliothek der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG, gegr. 1845), deren Bibliothek an der Universität Halle angesiedelt ist. Damals wurde sie unter der Nummer 308 inventarisiert. Diese älteste armenische Handschrift Deutschlands besteht aus 220 Blättern und ist in mittlerer Majuskelschrift in zwei Spalten geschrieben. Der Schreiber und vermutlich auch Miniaturmaler ist Sargis, der Auftraggeber Vardapet Stepannos und der Besitzer Vahram Kronawor (Mönch). Mit der Handschrift haben sich Julius Aßfalg, Joseph Molitor6 und Burchard Brentjes7 in Deutschland auseinandergesetzt sowie Hravard Hakobyan8 (Jerewan), Tigran Koujoumjian9 (Paris), Vardan Devrikyan,10 Levon Chookaszian (Jerewan) und Mikayel Arakelyan (Moskau) auf der armenischen Seite, die Letzteren während ihrer Forschungsaufenthalte in Halle. Die Herausgeber des Katalogs der armenischen Handschriften in Deutschland (1962) Julius Aßfalg und Joseph Molitor datieren das Manuskript aufgrund einer Randnotiz (‘ոհգ = 673) auf das Jahr 1224. Die ikonographischen und paläographischen Untersuchungen ließen später die Handschrift der Arzach-Utiker Miniaturmalereischule zuordnen. Sie könnte allerdings genauso gut aus Syuniker oder Vaspurakaner (im Vansee-Becken) Klosterskrip3 Ebd., 26–27. 4 So in einem Brief vom 14.3.1931, ebd., 22. 5 Hantzsch (1903), 12–14. 6 Aßfalg/Molitor (1962), 4–6. 7 Brentjes (1977), 133–135. 8 Hakobyan (1989), 72–76. 9 Kouymjian (2011), 135–137. 10 Devrikyan (2008), 34–40. Drost-Abgarjan: Die älteste armenische Handschrift Deutschlands im neuen Licht | 453 torien stammen. Im folgenden Beitrag möchte ich mich mit dem in Halle befindlichen ältesten Manuskript in Deutschland erneut beschäftigen, das zumindest nach der klassischen Herkunftsbezeichnung aus einem Arzacher Skriptorium stammen dürfte, und dieses philologisch und textologisch unter die Lupe nehmen, um weitere Anhaltspunkte zur Datierung und zum Entstehungsort des Manuskripts zu eruieren. Dabei wurde eine Reihe neuer Details entdeckt, die den Blick auf das Manuskript schärften, und dieses in neuem Licht erscheinen ließen. Dies betrifft auch die Datierung des Manuskripts, die bisher als sicher galt. 2. Die Randziffer 674 und die Datierung des Manuskripts Bereits bei einem Seminar mit den Studenten zur armenischen Manuskriptenkultur in der Handschriftenabteilung unserer Universitätsbibliothek in Halle habe ich festgestellt, dass die mutmaßliche Jahreszahl 673 (՟ոհգ = 1224 n. Chr.) im Katalog, die sich auf dem letzten Blatt des Manuskripts (fol. 220v) nach dem Ende des Johannesevangeliums befindet und von der Hand des Schreibers Sargis stammt, einerseits als 674 (՟ոհդ = 1225) zu lesen ist11 und andererseits keinesfalls eine Jahreszahl, sondern eine Randnotiz darstellt. Diese ist mit der Nummerierung der Textabschnitte vergleichbar, wie sie bei Evangelientexten von Euseb von Kaisarea bekannt ist. In dieser Vermutung bestärkte mich die Tatsache, dass diese Zahlangabe wie die Ziffern (arithmoi) der Querverweise zu den eusebianischen Kanontafeln, mit einem waagrechten Strich darüber und einem darunter gekennzeichnet sind, was bei Jahreszahlen normalerweise nicht der Fall ist. Die zusammenhanglos am Rande in derselben Größe anderer Gliederungsziffern stehende Zahl könnte z.B. die Summe der parallelen Stellen in den eusebianischen Kanontafeln sein. Martin Wallraff hat in seiner jüngsten Untersuchung und kritischen Edition der Kanontafeln die parallelen Stellen durchgezählt und deren Summe 682 festgehalten.12 Angesichts der kleineren Differenzen in der Textgliederung der Evangelienhandschriften der armenischen Überlieferung könnte man durchaus auf die Zahl 674 kommen. Zur Klärung dieser Frage ist die noch ausstehende systematische Untersuchung der Textstruktur armenischer Evangelienhandschriften, die trotz Bränden und Raub zahlreich auf uns gekommen sind, von absoluter Notwendigkeit. Ferner musste ich feststellen, dass der Schlusssatz des zweiten Epilogs im JohannesEvangelium (Joh 21,25) von meinen Vorgängern als Kolophon bzw. Bestandteil eines Kolophons angenommen wurde. Die angebliche Jahreszahl, die aus meiner Sicht als Randziffer 11 Über die Verwechselung der Lettern գ (g) und դ (d) hat das erste Mal Mikayel Arakelyan in seiner noch nicht veröffentlichten Arbeit über die illuminierten Handschriften in Deutschland geschrieben und das Datum des Manuskripts auf 1225 (674 u. 551) korrigiert. 12 Wallraff (2021), 189. 454 | Das kulturelle Erbe von Arzach | Արցախի մշակութային ժառանգությունը zu identifizieren ist, steht neben den letzten vier Zeilen des Johannes-Evangeliums auf dem Folio 220v : »Es gibt aber auch (noch) vieles andere, was Jesus getan hat. Wollte man dies eins nach dem anderen aufschreiben, dann würde, meine ich, die Welt die Schriften nicht fassen, die geschrieben wurden (Joh 21,25).« 13 »Բայց է և այլ ինչ բազում զոր արար Յիսուս, զոր եթէ գրեալ էր (gevgraptai) մի ըստ միոջէ, կարծեմ թէ և ոչ աշխարհս բաւական էր տանել զգիրսն (bibliva), որ թէ գրեալ էին (grafovmena):« Man hat die von mir hervorgehobenen Wörter als Kolophon »geschrieben im (Jahre) 673 (licet 674)« wahrgenommen und interpretiert: »[…] Որ թէ գրեալ էին ՈՀԳ (1224)«.14 Dabei stammt die einzige Jahresangabe auf derselben Seite von einer späteren Hand, die klassisch und formelhaft die Jahreszahl einführt: »ի թուականութեան հայոց ՟գճ ՟հգ«, d. h. im (Jahre) der Armenischen Zeitrechnung 373 (300+73 = 924 n. Chr.). Eine Signatur oder ein abschließender Kolophon (Յիշատակարան) nach dem Johannes-Evangelium mit der Jahresangabe, wie es z. B. im Etschmiadziner Evangeliar der Fall ist, fehlt hier. Die Autoren des Katalogs versuchten diesen Widerspruch mit einem Schreibfehler im Eintrag der späteren Hand zu erklären, indem sie vorschlugen, den Buchstaben գ (g), dessen Zahlenwert 3 ist (՟գճ = 3x100), als զ (z) zu lesen, dessen Buchstabenwert 6 ist (՟զճ = 6x100), um die spätere Notiz als Bestätigung der obigen Ziffer 673 nachvollziehen zu lassen. »Diese Beischrift wollte wohl das auf der gleichen Seite erwähnte Datum der Handschrift (673 Armen. / 1224) wiederholen. Doch müßte dann statt des deutlich lesbaren գծ (300) vielmehr զծ (600) stehen«. 15 Es stellt sich die Frage, warum man etwas anderes vermuten »müßte«, wenn die dastehende Zahl » ՟ գճ« (300) »deutlich« lesbar ist? Um die Fakten der erwünschten Mutmaßung künstlich anzupassen? Die Wunschvorstellung der sonst sehr verdienstvollen Herausgeber sieht durch einen Setzfehler des Druckers noch verwirrender aus, da im Katalog ճ / č (Zahlenwert = 100) mit ծ / c (Zahlenwert = 50) verwechselt wird. Dass գ [g] eindeutig als գ und nicht als զ [z] zu lesen ist, zeigt die fast auf der gleichen Höhe in der zweiten Spalte stehende Beischrift der späteren Hand »զաւրաւար գրչի« (zawrawar grč‘i, wörtl. Kraftbzw. Heerführer des Schreibers oder des Schreibzeuges bzw. der Feder), die sich gerade im Manuskript graphisch deutlich 13 Ebd. 14 Հայերէն Յիշատակարաններ (Armenische Kolophons), unter: https://digilib.aua.am/book/1585/1960/15722/ (letzter Zugriff: 8.12.2023). 15 Aßfalg/Molitor (1962), 6. Drost-Abgarjan: Die älteste armenische Handschrift Deutschlands im neuen Licht | 455 von գ [g] unterscheidet. Zudem wollten die Katalogisierer in dieser Beischrift, die auch am Ende des Lukasevangeliums (168v) von derselben Hand mit dem Zusatz » ՟ ասյս« vorkommt, den Namen »eines späteren Aziz(?)« sehen, was vielmehr als Abkürzung für Jesus mit der Präposition » ՟ առ ՟ յս« (առ յիսուս), d. h. »bei/zu/an Jesus« interpretiert werden sollte. Diese Beischrift als Gebet um Beistand Gottes oder Lob an die Kraft der Schutzmacht zu betrachten wäre wahrscheinlicher. Man denke nur an die Zorawor-Evangelien (z.B. Zorawor Awetaran aus dem 14. Jh., Mat. Ms. 4060), denen nicht nur Heilkräfte, sondern auch eine Schutzfunktion in den kriegerischen Auseinandersetzungen zugeschrieben wurde. Selbst die Heerführer nahmen das Evangelium neben dem Kreuz (Աւետարան und խաչ) mit in die Schlacht gegen die Angreifer ihres Landes. Hier könnte man diesen Eintrag in Verbindung mit dem »Schreiber« oder »Schreibgerät« als ein Zeichen verstehen, das für die Zuversicht des Schreibers an die schützende Kraft Gottes steht, die den Schreiber bei der Schreibarbeit im Zuge der Herstellung des Manuskripts beistehen bzw. die Feder führen möge. 3. Arzach als Entstehungsort des Manuskripts In seinem oben erwähnten Buch Die Malerei von Arzach/Utik im 13. und 14. Jahrhundert kollationierte der Kunsthistoriker Hravard Hakobyan zehn im Handschriften-Institut Matenadaran vorhandene Manuskripte bereits aus dem 12. und 13. Jahrhundert, deren Schreiber den (ziemlich verbreiteten) Namen Sargis trugen und kam zu dem Schluss, dass graphologisch die meisten Parallelen zu unserer Handschrift das Manuskript Mat 5452 (aus dem Jahre 1266) aufweist. Dies ist die Auslegung des Hohen Liedes von Vardan Arewelc‘i, das im berühmten 800 Jahre alten Kloster Choranaschat (wörtl.: »Altarenreich«) entstanden ist. Das Skriptorium dieses Klosters zählt die Autorin der Monografie über die Skriptorien Arzachs, Tamara Minasyan, zu den angrenzenden Skriptorienschulen von Arzach.16 Ikonographisch gesehen steht dem Halleschen Manuskript das 1224 im Auftrag der Prinzessin Vaneni kopierte Evangeliar ebenfalls aus Choranashat (Ms. 4823), sehr nah. Daher kam die Vermutung zustande, dass unsere Handschrift ebenfalls aus der Choranashat-Schule stammen könnte. Allerdings erscheint die gleiche Jahreszahl der Entstehung des Manuskripts im Evangeliar der Prinzessin Vaneni, allerdings anders als in unserer Handschrift im Zusammenhang mit dem Kontext (»Im Jahre« etc.) des Kolophons und ist »ordentlich«, d. h. formelhaft dargestellt: »ի հայրապետութեան տեառն Յովանիսի, ի ՈՀԳ (1224) թուականիս« bzw. »Unter dem Patriarchen Johannes (VI von Sis?), im Jahre 673 (= 1224)«.17 16 Minasyan (2015), 64–68. 17 Հայերէն Յիշատակարաններ (Armenische Kolophons), unter: https://digilib.aua.am/book/1585/1960/15722/ (letzter Zugriff: 8.12.2023). 456 | Das kulturelle Erbe von Arzach | Արցախի մշակութային ժառանգությունը Eine weitere Handschrift, deren ikonographisches Programm und die Stilrichtung nach Hravard Hakobyan an unser Evangeliar erinnert, ist das Vehapar-Evangeliar vom 10. Jh. (Mat. Ms. 10780) aus dem Vansee-Becken, das vom Katholikos Vazgen I. (1908–1994) dem Handschrifteninstitut Matenadaran in Jerewan geschenkt wurde und daher den Namen ›Vehapaṙ‹ (d.h. des Katholikos)-Evangeliar trägt. Dabei schließt Hakobyan nicht aus, dass das in Halle befindliche Manuskript auch Syuniker oder Vaspurakaner Provenienz sein könnte. Daher war noch eine weitere Klärung der Herkunft nötig. 4. Die Stellung der Perikope von der Ehebrecherin (Joh 7,53–8,11)18 So suchte ich weitere Informationen in der Textstruktur des Evangeliars, um mögliche Hinweise zu Datum und Schreibort zu finden. Zunächst stellte ich fest, dass die Perikope von der Ehebrecherin (Իրք կնոջ շնացելոյ) nach dem Ende des Johannes-Evangeliums (21,25) steht und nicht an ihrer üblichen Stelle (7,53–8,11) in den kanonischen Bibelausgaben. Diesem Abschnitt folgen die kommentierenden Beischriften des Schreibers Sargis und der späteren Hand. Sargis schreibt zu dieser Perikope, die als eines der markantesten Zeugnisse der Barmherzigkeit Gottes gilt und vermutlich aus dem apokryphen Hebräerevangelium (bzw. Evangelium nach den Hebräern) stammt, Folgendes: »In der Vorlage war dementsprechend geschrieben, dass diese wunderbare Gnade der Barmherzigkeit Christi aus dem Evangelium der Hebräer (stammt)« (fol. 220 v , Spalte 2). »Յաւրինակն հայնց էր գրած, թէ այս սքանչելի գթութեան շնորհ ի Քրիստոսէ ի հեբրաեցի Աւետարանէն:« Die spätere Hand fügt hinzu: »Es wurde gesetzt wie (Eu)sebi(us) sagt« bzw. »Եդաւ որպէս և ասէ (Եւ)սէբի(ոս)« (d. h. »wie bei Euseb«, vermutlich ist Euseb von Kaisarea gemeint). Das Vorhandensein dieser Perikope ›per se‹ stellt zunächst keinen Beweis für das Alter der Handschrift dar (obwohl die Mehrheit griechischer Zeugen des dritten und vierten Jahrhunderts diesen Bericht nicht enthalten), dessen Stellung im Manuskript aber würde uns helfen festzustellen, zu welchem Rezensionsstrang diese Handschrift gehört. Immerhin wird die Perikope als Bestandteil im Johannesevangelium wahrgenommen oder als Nachtrag nach den Markusoder Johannesevangelien. Als erstes habe ich die Stellung der Perikope im Codex Etschmiadzin (MMM 2374) aus dem Jahre 989 exemplarisch verglichen. Dieses diente als Muster für die nachfolgenden Generationen der Kopisten. Wie allgemein bekannt gehört der berühmte Vertreter des klas18 Knust/Wasermann (2020), 22–55. Drost-Abgarjan: Die älteste armenische Handschrift Deutschlands im neuen Licht | 457 sischen armenischen Bibeltextes Codex Etschmiadzin, wie auch unsere Hallesche Handschrift, zur Gattung der Tetraevangeliare, enthält also die vier Evangelien für die Lesungen im armenischen Gottesdienst. Der Text des Tetraevangeliars wurde 989 im Kloster Noravank von dem Schreiber Johannes (Յովաննէս) abgeschrieben. Der Auftraggeber / Besteller / Stifter / Besitzer der Handschrift wie auch der Stifter der Halleschen Handschrift trägt den Namen »Stepannos«. Der Schreiber Johannes wie auch der Schreiber der Halleschen Handschrift Sargis hatte nach einer wertvollen (պատուական), »sehr alten Vorlage« gearbeitet, möglicherweise einem Prototyp des Codex Etschmiadzin, von welcher die Forschung angesichts des urtümlichen Typus der Lettern und des Miniaturenprogramms im Codex Etschmiadzin annimmt, dass es sich um eines der von Mesrop, Sahak und seinen Jüngern, also der Gruppe der Heiligen Übersetzer im 5. Jh. geschaffenen Evangeliare handeln muss. So dürfte dieser Codex nicht nur den ältesten armenischen Evangelientext darstellen, sondern auch das ins Armenische übersetzte Modell des frühen, durch Kaiser Konstantin bei Eusebios von Kaisarea im 4. Jh. in Auftrag gegebenen Prototyps des griechischen Evangeliars. Mit der Kollation wu rde festgestellt, dass unser Manuskript in der Textstruktur im Großen und Ganzen der des Etschmiadziner Evangeliars entspricht. Die Perikope von der Ehebrecherin nimmt dort aber die kanonische Stelle im Johannesevangelium (Joh 8,1–11) mit einem Vermerk am Rand (իրքն կնոջն շնացելոյ) ein, allerdings ohne den ersten Satz (Joh 7,53). Außerdem differiert in der Hallenser Handschrift der Bericht erheblich von der kanonischen Version. Somit ist klar, dass unser Manuskript, sollte es ebenfalls aus dem 10 . Jh. stammen, eine differierende Vorlage des Etschmiadziner Evangeliars zur Vorlage hatte. Auch andere Indizien wie die Abwesenheit von Inhaltsverzeichnissen zu den Evangelien im Etschmiadziner Evangeliar bestätigen diesen Befund. Zudem gibt es eine Reihe der für unser Manuskript spezifischen Elemente paläographischer (Schreibweise bestimmter Buchstaben) oder orthographischer (beeinflusst durch den Dialekt des Schreibers) Provenienz, deren komparative Studie einen Beitrag zur Bestimmung der Rezensionsgruppe unseres Manuskripts und damit der Klärung der Datierung und des Schreibortes beitragen kann. 5. Zusammenfassung Bisher waren kunsthistorische Aspekte maßgebend bei der Bestimmung des Datums und des Entstehungsortes des ältesten armenischen Manuskripts in Deutschland. Die vorliegende philologisch-textologische Untersuchung liefert neue Erkenntnisse, die vor allem die bisherige Datierung des Manuskripts in Frage stellen. Die künftige Forschung sollte sich auf die Frage konzentrieren, ob die im Manuskript enthaltene frühere Datierung des Manuskripts (924 statt 1224/5) durch weitere stichhaltige Argumente bekräftigt werden und ob der philologische Befund durch weitere kunstwissenschaftliche Betrachtungen bestätigt werden kann. Wäre die Verifizierung der früheren Datierung durch die spätere Hand mög- 458 | Das kulturelle Erbe von Arzach | Արցախի մշակութային ժառանգությունը lich, könnte sie auch auf eine Reihe anderer, noch nicht geklärter Fragen der Buchproduktion ein neues Licht werfen und einige Daten (z. B. zu den ältesten auf uns gekommenen armenischen Papierhandschriften) präzisieren lassen. Hier wäre es wichtig, generell der Frage nachzugehen, ob der einfache, bescheidene, ja sogenannte ›naive‹ Stil der Illuminierung der Manuskripte ein Merkmal für die Identifizierung der geographischen Abstammung bzw. für die Zugehörigkeit zu einer bestimmten lokalen Miniaturmalereischule sein kann oder ob die frappante Ähnlichkeit der früheren Handschriften aus Arzach, Syunik oder Vaspurakan (Vanseebecken) eher die Folge eines früheren Stadiums der Entstehung der armenischen Manuskript-Kultur ist und auf die chronologischen Gemeinsamkeiten dieser Handschriften hinweist. Die Klärung aller dieser Fragen, die für die internationale Bibelwissenschaft von Relevanz sind, ist nur durch die interdisziplinäre Expertise von Philologen, Theologen und Kunstwissenschaftler möglich. Literaturverzeichnis Aßfalg, Julius / Molitor, Joseph, Armenische Handschriften, Wiesbaden 1962. Brentjes, Burchard, Das armenische Manuskript Nr. 1 in Halle, in: Wissenschaftliche Zeitschrift des MLU Halle-Wittenberg XXIV, GS-Reihe, H. 2–5, Halle 1977. Devrikyan, Vardan, The Last Supper: from Armenian Tradition to Leonardo, Yerevan 2008. Golančean, Surēn u. a., Der Völkermord und die Verluste vs. Rettung unserer Handschriften, Jerewan 2015 (Սուրէն Գոլանճեան, Յովհաննէս Վարդապետ Հիւսեան, Բաբգէն Աթոռակից կաթողիկոս Կիւլէսերեան, Գէորգ Տէր-Վարդանեան, Եղեռնը և մեր ձեռագրերի կորուստներն ու փրկութիւնները, Երևան 2015). Hakobyan, Hravard, Die Miniaturmalerei von Arzach und Utik in den 13.-14. Jahrhunderten, Jerewan 1989 (Հակոբյան, Հրավարդ. Արցախ-Ուտիքի մանրանկարխությունը XIII-XIV դարերում, Երևան 1989). Hantzsch, Viktor, Otto Blau, in: Allgemeine deutsche Biographie (ADB), Bd. 47, Leipzig 1903. Knust, Jennifer / Wasermann, Tommy, The Pericope of the Adulteress (Joh 7,53–8,11): A new chapter in it’s textual Transmission, in: Svensk exegetisk årsbok, Band: 85, Wretmon 2020. Kouymjian, Dickran, L‘art de l‘enluminure. The Art of Miniature Painting, in: Artsakh-Karabagh. Jardin des arts et des traditions arméniens. Garden of Armenian Arts and Traditions, sous la direction/edited by Dickran Kouymjian et Claude Mutafian, Paris 2011, 104–137. Minasyan, Tamara, Die Zentren der Handschriftenkultur in Arzach, Jerewan 2015 (Մինասյան, Թամարա. Արցախի գրչության կենտրոնները, Երևան 2015). Wallraff, Martin, Die Kanontafeln des Euseb von Kaisarea: Untersuchung und kritische Edition, Berlin/Boston 2021. Հայերէն Յիշատակարաններ (Armenische Kolophons), unter: https://digilib.aua.a m/book/1585/1960/15722/ (letzter Zugriff: 8.12.2023). Autorin Prof. Dr. Armenuhi Drost-Abgarjan Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Orientalisches Institut, Halle/Saale, Deutschland, [email protected] | 459 Արմենուհի Դրոստ-Աբգարյան Գերմանիայի հնագույն հայկական ձեռագիրը նոր լույսի ներքո 1. Ներածություն Հալլեի համալսարանի գրադարանում պահվող այսպես կոչված Արցախի Ավետարանը (Armen 1 / ULB Halle), մեկն է այն 31.000 աշխարհով մեկ տարածված ձեռագրերից, որոնք մազապուրծ են եղել օտար զավթիչների կողմից հարուցված ավերածություններից, հրդեհներներից ու գերությունից:1 Ձեռագրերի և մշակութային արժեքների գերությունը արդիական է նաև այսօր, քանզի հանուն Լեռնային Ղարաբաղի/Արցախի մղված հայ-ադրբեջանական 44-օրյա պատերազմից հետո (2020), դիվանագիտական շրջանակները պայքարում են ոչ միայն ռազմագերիների վերադարձի, այլ նաև՝ գերեվարված մշակութային արժեքների։ Միայն Բաքվի համապատասխան հաստատություններում բազմաթիվ հայկական ձեռագրեր շարունակվում են գտնվել «գերության» մեջ՝ Նախիջևանի (հատկապես Ագուլիսի) եկեղեցիների և վանքերի ոչնչացման, ինչպես նաև Շուշիի (1920–1922) և Լեռնային Ղարաբաղի այլ գրչարվեստի և մշակութային կենտրոնների գրավման ու ոչնչացման հետևանքով։2 Հայոց հոգևոր մշակույթի ավարառության նմուշները հասել են նաև Եվրոպա և աշխարհի այլ վայրեր։ Մխիթարյան միաբան Ներսես Ակինյանը իր 1930 թ. նոյեմբերից մինչև 1931 թ. փետրվարը տևած դեպի Գերմանիա և Ֆրանսիա կատարած ճամփորդության ընթացքում այդ երկրների գրադարաններում և գրախանութներում մոտ 500 հայկական ձեռագրեր է արձանագրել:3 Մեր Ավետարանի ձեռագիրը, կիսելով իր բախտակիցների ճակատագիրը, հայտնվել է Հալլեում 1865 թ. Տրապիզոնում Պրուսիայի հյուպատոս (1858-1870), արևելագետ դոկտոր Օտտո Բլաուի (1828–1879) միջոցով:4 Ի թիվս Նաումբուրգի մոտ գտնվող Պֆորտա էլիտար քոլեջի շրջանավարտներ փիլիսոփա Ֆրիդրիխ Նիցշեի և եգիպտագետ Ռիչարդ Լեպսիուսի (Յոհաննես Լեպսիուսի հոր), նա նույնպես ավարտել է այս հայտնի գիշերօթիկ դպրոցը և 1 Գոլանճեան և այլք., Եղեռնը և մեր ձեռագրերի կորուստներն ու փրկութիւնները, 12–13։ 2 Նույնը, 26–27։ 3 Այս մասին տեղեկացվում է 14.3.1931 թ. նամակում, տե՛ս նույնը 22։ 4 Hantzsch, Otto Blau, 12–14։ 466 | Das kulturelle Erbe von Arzach | Արցախի մշակութային ժառանգությունը Գրականություն Aßfalg, Julius / Molitor, Joseph, Armenische Handschriften, Wiesbaden 1962։ Brentjes, Burchard, Das armenische Manuskript Nr. 1 in Halle, in: Wissenschaftliche Zeitschrift des MLU Halle-Wittenberg XXIV, GS-Reihe, H. 2–5, Halle 1977։ Գոլանճեան, Սուրէն, Յովհաննէս Վարդապետ Հիւսեան, Բաբգէն Աթոռակից կաթողիկոս Կիւլէսերեան, Գէորգ Տէր-Վարդանեան, Եղեռնը և մեր ձեռագրերի կորուստներն ու փրկութիւնները, Երևան 2015։ Devrikyan, Vardan, The Last Supper: from Armenian Tradition to Leonardo, Yerevan 2008։ Հակոբյան, Հրավարդ, Արցախ-Ուտիքի մանրանկարխությունը XIII-XIV դարերում, Երևան 1989)։ Հայերէն Յիշատակարաններ, տես՝ https://digilib. aua.am/book/1585/1960/15722/ (հարցվել է 8.12.2023)։ Hantzsch, Viktor, Otto Blau, in: Allgemeine deutsche Biographie (ADB), Bd. 47, Leipzig 1903։ Knust, Jennifer / Wasermann, Tommy, The Pericope of the Adulteress (Joh 7,53–8,11): A new chapter in it’s textual Transmission, in: Svensk exegetisk årsbok, Band: 85, Wretmon 2020։ Kouymjian, Dickran, L’art de l’enluminure. 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