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»nicht wie eine normale Professur«: Wie die CAU 1924 zu ihrem Lehrstuhl für Schleswig-Holsteinische Geschichte kam

Auge, Oliver

Abstract

Die Einrichtung des Lehrstuhls für Schleswig-Holsteinische Geschichte an der Christian-Albrechts-Universität Kiel im Sommersemester 1924 war…

Full text

57 OLIVER AUGE »nicht wie eine normale Professur« Wie die CAU 1924 zu ihrem Lehrstuhl für Schleswig-Holsteinische Geschichte kam Zum Sommersemester 1924 erhielt die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel einen Lehrstuhl für Schleswig-Holsteinische Geschichte, woran die daraus hervorgegangene Kieler Abteilung für Regionalgeschichte 2024 zum hundertjährigen Jubiläum erinnern möchte. Sowohl die Einrichtung des neuen Lehrstuhls als auch die Berufung des ersten Lehrstuhlinhabers Otto Scheel waren dabei 1924 alles andere als unumstritten. Nach mehreren vergeblichen Anläufen zur Errichtung einer ordentlichen Landesgeschichtsprofessur am seit 1872 etablierten Historischen Seminar war es zum Wintersemester 1906/07 immerhin erstmalig gelungen, den Historiker Ernst Daenell (1872–1921)1 mit einem offiziellen Lehrauftrag für schleswig-holsteinische Geschichte zu versehen. 2 Mit Daenells Weggang im Jahr 1914 erlosch dieser Lehrauftrag zwar wieder, doch erhielt im Jahr 1920 Otto Brandt (1892–1935) einen neuen. 3 Angesichts der schwerwiegenden politischen Entwicklungen in Schleswig-Holstein nach dem Ersten Weltkrieg, vor allem in Anbetracht des Abstimmungskampfes und der neuen Grenzziehung unter Verlust Nordschleswigs an Dänemark im Frühjahr 1920, wurde indes der Ruf nach einer ordentlichen landesgeschichtlichen Professur wieder lauter. Ein Selbstläufer war die Einrichtung der Professur aber auch zu diesem Zeitpunkt beileibe nicht. Denn die Universitätsleitung stand dem Plan – weniger aus fachlichen Gründen als vielmehr aus Furcht vor einer von außen erfolgender Einflussnahme – reserviert bis ablehnend gegenüber und favorisierte vielmehr die Schaffung eines Lehrstuhls für Niederdeutsche Sprache und Volkskunde. 1 Zu Daenell vgl. https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/e2a3de9e-5538-b24a-8ef4-52550e1d2f00 [16. Januar 2024]. 2 Vgl. Karl Jordan: Geschichtswissenschaft, in: Geschichte der Philosophischen Fakultät Teil 2, bearb. v. Karl Jordan und Erich Hofmann (Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel. 1665-1965, Bd. 5.2), Neumünster 1969, S. 7–102, hier S. 76 f. 3 Zu Brandt vgl. https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/49b853df-d8ef-aa1b-035d-4d4c60c045f9 [16. Januar 2024]. → Kiel-up: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p22 57 58 85|2024 Christiana Albertina Für dessen Besetzung hatte man den Leiter des Schleswig-Holsteinischen Wörterbuchvorhabens Otto Mensing (1868–1939) ins Auge gefasst. 4 Doch hatte die Berliner Ministerialbürokratie gegenüber der Universitätsleitung natürlich das letzte Wort. Vor den beiden Volksabstimmungen im Februar und März 1920 waren von der dänischen wie der deutschen Seite intensive Propagandakämpfe geführt worden, um die Bevölkerung Nordschleswigs zugunsten einer der beiden Parteien zu gewinnen.5 Da die deutsche Seite das Ergebnis der Abstimmung und die auf dieser Grundlage umgesetzte Grenzziehung als ungerecht empfand, wollte sie den Grenzkampf als ideologisch-propagandistische Auseinandersetzung mit dem Ziel einer Grenzrevision fortsetzen.6 In diesem Zusammenhang wurde der Wissenschaft eine besondere Rolle zugewiesen, machte man doch gerade einen Vorsprung der dänischen historischen Forschung vor der deutschen für den Erfolg der dänischen Position bei 4 Vgl. Jenni Boie: Volkstumsarbeit und Grenzregion. Volkskundliches Wissen als Ressource ethnischer Identitätspolitik in Schleswig-Holstein 1920–1930 (Kieler Studien zur Volkskunde und Kulturgeschichte, Bd. 9), Münster 2013, S. 137– 139. – Zu Mensing vgl. Otto Ludwig Theodor Mensing, unter: https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/867a9cd971d0-188c-5d84-4d4c60aa01de [16. Januar 2024]. 5 Vgl. dazu statt vieler Jan Schlürmann: 1920. Eine Grenze für den Frieden. Die Volksabstimmung zwischen Deutschland und Dänemark, Kiel 2019, S. 148–158. 6 Vgl. Karl Christian Lammers: Konflikte und Konfliktlösungen in der deutsch-dänischen Nationalitätenfrage seit 1840. Der Fall Schleswig, in: Nationalitätenkonflikte im 20. Jahrhundert. Ursachen von inter-ethnischer Gewalt im Vergleich, hg. v. Philipp Ther und Holm Sundhausen (Forschungen zur osteuropäischen Geschichte, Bd. 59), S. 203–217, hier S. 212. – Oliver Auge: Die Haltung Deutschlands zur Nordschleswig-Frage (1918–1920), in: Grenzfriedenshefte 67.1 (2020), S. 17–30. ← Abb. 1. Otto Mensing, Leiter des Schleswig-Holsteinischen Wörterbuchvorhabens, war Wunschkandidat der Kieler Universität für einen Lehrstuhl für Niederdeutsche Sprache. Aus: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 68 (1940). Oliver Auge | »nicht wie eine normale Professur« 59 den Friedensverhandlungen von Versailles verantwortlich. In einer undatierten Denkschrift, die Karl Alnor (1891–1940), Volkstumsforscher und damals Studienrat in Kiel, als Autor verantwortete, hieß es in diesem Sinn: »Die Geschichte der Friedensverhandlungen von Versailles und der anderen Pariser Vorstadtfriedensverhandlungen hat die grosse Bedeutung der wissenschaftlichen Forschung und Darstellung der politischen Probleme gezeigt, die auf ihnen eine neue Entscheidung fanden.« 7 Konkret auf Nordschleswig bezogen, stand darin weiter: »In Dänemark hat eine Arbeitsgemeinschaft von Politik und Wissenschaft schon seit Jahrzehnten bestanden und dem deutschen Grenzkampf außerordentlichen Abtrag getan. […] Auf kein Gebiet hat sie sich schon seit zwei Jahrzehnten geworfen wie auf die wissenschaftliche Begründung der politischen und nationalen Ansprüche auf Schleswig. Ihr Ergebnis ist eine wissenschaftliche Literatur zur Grenzfrage, die auch dem Gegner hohe Bewunderung abnötigt. Sie ist von der politischen Propaganda umso erfolgreicher in den nationalen Kampf gestellt worden, als ihr von deutscher Seite so gut wie nichts entgegengestellt ist.« 8 Nun wollte und sollte man mit Deutschlands Grenzgegnern gleichziehen: »Die Wissenschaft hat […] dem Gegner auf allen Gebieten mit den gleichen Waffen zu begegnen, deren er sich jeweils bedient. Historischen Ansprüchen wird die Wissenschaft auf dem Boden des historischen Rechts entgegentreten; mit nationalen Forderungen wird sie sich auf dem Boden des nationalen Selbstbestimmungsrechts auseinandersetzen.« 9 Die Wissenschaft habe die Transferaufgabe, ihre Forschungsergebnisse der Politik zur Verfügung zu stellen. »Dadurch wird die Politik in den Stand gesetzt im Falle eines gegnerischen Angriffs sich über die Abwehrmöglichkeiten und -form schnell und gut zu unterrichten.« Der wissenschaftlichen Freiheit legte Alnor dabei gewisse Grenzen auf: »Angesichts der Notlage unseres Volkes und Staates muss von der Wissenschaft das Opfer verlangt werden, auf die Veröffentlichung solcher wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verzichten, die den nationalen Interessen schädlich sind oder werden können.« Die 1918 ins Leben gerufene Schleswig-Holsteinische Universitätsgesellschaft (SHUG) verfolgte anfangs Grundsätze, die Alnors Grenzkampfideen und der darin konzipierten wissenschaftlichen Transferfunktion entsprachen. In ihrem Jahresbericht von 1925 hieß es beispielsweise: »Wie immer, so ist erst recht heute der Kampf um deutsches Volkstum, um die deutsche Sprache und Gesittung in Schleswig-Holstein nur mit den Waffen des Geistes zu führen. Auch die endliche und doch einmal notwendige Bereinigung an der neugeschaffenen Nordgrenze wird auf diesem Wege erfolgen. Er muß beschritten werden einmal durch eindringliches und 7 Lena Cordes: Regionalgeschichte im Zeichen politischen Wandels. Die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte zwischen 1918 und 1945 (Kieler Werkstücke Reihe H, Bd. 1), Frankfurt am Main 2011, S. 54. – Mit Landesarchiv Schleswig-Holstein (LASH), Abt. 397, Nr. 35, darin Karl Alnor: Die Aufgaben der deutschen Wissenschaft in der schleswigschen Frage. Eine Denkschrift, S. 1. 8 Alnor o.J. (wie Anm. 7), S. 5. 9 Alnor o.J. (wie Anm. 7), S. 6 f. Auch zu den folgenden beiden Zitaten. 60 85|2024 Christiana Albertina sachliches Studium aller kulturellen und wissenschaftlichen Grundlagen des von Norden her geführten Grenzkampfes, dann in ehrlichem Ringen zwischen deutscher und dänischer Kultur, damit endlich die unerfreulichen Zustände beseitigt werden, die immer noch im nördlichen Teile unserer Heimat herrschen. […] Die geistige Arbeitsführung aber muß […] bei der Schleswig-Holsteinischen Landesuniversität als dem Bildungszentrum der Nordmark liegen.« 10 In der Korrespondenz des Schleswig-Holsteiner-Bunds (SHB) von Ende 1921 finden sich gleiche Gedanken wieder: »Gegen die Schleswig-Agitationsmethode der Dänen wird die Beschaffung gründlichen wissenschaftlichen Rüstzeugs gefordert.« 11 In der Konsequenz machte sich der SHB daher zunächst für die Errichtung einer Professur für Niederdeutsch stark. Der schleswig-holsteinische Provinzialausschuss folgte im Juni 1922 seiner Ansicht: »Es ist […] besonders wichtig, auf diesem Wege die weitesten Kreise mit der Erkenntnis des Wertes der plattdeutschen Sprache und Kultur und ihrer Geschichte zu erfüllen, um den [sic] Dänentum einen Wall entgegenzusetzen. Wäre man auf diesem Gebiet bereits vor Jahrzehnten vorgegangen, so wäre nach unserer Überzeugung das Ergebnis der Abstimmung in Nordschleswig anders ausgefallen.« 12 Angesichts solcher gebetsmühlenartig vorgetragener Ängste und Lösungsvorschläge bezüglich der Grenzfrage wird verständlich, warum der preußische Staat tatsächlich einen Millionen Reichsmark schweren Fonds einrichtete, um mit dessen Hilfe eine breite Palette wirtschaftlicher und kultureller Maßnahmen auf den Weg zu bringen, die bei der Auseinandersetzung mit Dänemark als hilfreich erachtet wurden. Mit dem Einsatz der Gelder galt es »Menschen heranzubilden, die die geistige Kraft haben, dem Vordrängen des Dänentums Widerstand zu leisten«. 13 Nahezu folgerichtig erhielt die Kieler Universität als potentielle »Führerin des Abwehrkampfes« gegen den »Ansturm des Dänentums«, wie es hieß, 750.000 Mark aus dem Kulturbudget des Fonds zugewiesen. 14 Der Kieler Rektor Ernst Sellin (1867–1946) 15 hatte eigens um Gelder für seine Hochschule geworben und bei den Feiern zum ersten Jahrestag der Grenzabstimmung in der Zweiten Zone erklärt, seine Universität werde »auf der Wacht sein 10 Jahresbericht der Schleswig-Holsteinischen Universitätsgesellschaft 1925, in: Jahrbuch der Schleswig-Holsteinischen Universitätsgesellschaft 1925 (Veröffentlichungen der Schleswig-Holsteinischen Universitätsgesellschaft, Bd. 1.3), Kiel 1925, S. 80–94, hier S. 81 f. – Vgl. Anton Schifferer: Deutsche Kulturarbeit in Schleswig-Holstein. Vortrag gehalten am 22. Juni 1925 auf dem Bierabend bei dem Herrn Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht von dem Bevollmächtigten zu Reichsrat, Berlin 1925 (ND Kiel 1927). 11 Boie 2013 (wie Anm. 4), S. 133. – LASH, Abt. 399.71, Nr. 121. 12 Boie 2013 (wie Anm. 4), S. 135. – LASH, Abt. 301, Nr. 5683. 13 Carsten Mish: Otto Scheel (1876–1954). Eine biographische Studie zu Lutherforschung, Landeshistoriographie und deutsch-dänischen Beziehungen (Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte, Reihe B, Bd. 61), Göttingen 2015, S. 116. – Akten zur deutschen auswärtigen Politik. 1918–1945, Bd. A: 1918–1925/4: 1. Oktober 1920 bis 30. April 1921, hg. v. Walter Bußmann, Nr. 63, S. 118. 14 Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 116. – Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Berlin, R 81200. 15 Zu Sellin vgl. https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/c5aa9fdf-10e4-3698-82d6-4d4c603fbbdc [17. Januar 2024]. Oliver Auge | »nicht wie eine normale Professur« 61 […] als Vorkämpferin für das Deutschtum«. 16 Sein Nachfolger im Rektorenamt, Georg Jacob (1862–1937), 17 bat um zusätzliche finanzielle Unterstützung unter Hinweis auf die »unerschöpflichen Mittel […] hinter der dänischen Propaganda«; auch ihm gegenüber unterstrichen die Regierungsvertreter die Funktion der Kieler Universität als »Hochburg deutscher Kultur«. 18 Im deutlichen Gegensatz zum damaligen schleswig-holsteinischen Oberpräsidenten Heinrich Kürbis (1873–1951) und dem Bevollmächtigten Schleswig-Holsteins beim Reichsrat und nachmaligen Vorsitzenden der SHUG, Anton Schifferer (1871–1943) ( Abb. 3 ), 19 sowie dem mit beiden in Verbindung stehenden Gutsbesitzer und bekannten Landeshistoriker Paul von 16 Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 116. – LASH, Abt. 301, Nr. 5679: Denkschrift des Oberpräsidenten vom 3. Mai 1922. 17 Zu Jacob vgl. https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/7149ec9b-2c4f-c35e-7573-4d4c600c7495 [17. Januar 2024]. 18 Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 117. 19 Vgl. 100 Jahre SHUG. Schleswig-Holsteinische Universitäts-Gesellschaft. Brücke zwischen Universität und Land, hg. v. Ludwig Steindorff, Husum 2019, S. 9. – Manfred Jessen-Klingenberg und Kurt Jürgensen: Universität und Land. Geschichte der Schleswig-Holsteinischen Universitäts-Gesellschaft 1918-1993, Neumünster 1995, S. 19–55. ↑ Abb. 2. Das ehemalige Hauptoder Kollegiengebäude der Kieler Christian-Albrechts-Universität: »Hochburg deutscher Kultur«. Stadtarchiv Kiel, Sig. 72.731. 62 85|2024 Christiana Albertina Hedemann-Heespen (1869–1937), die mit Nachdruck für die Einrichtung eines Lehrstuhls für Landesgeschichte zum Ausbau der historischen Forschung plädierten, erklärte Jacob aber, eine Landesgeschichtsprofessur sei der CAU »im Dänenkampf« lange nicht so wichtig wie das bereits erwähnte Ordinariat für niederdeutsche Sprache. 20 Der eigentliche Grund für die Ablehnung durch den Rektor offenbart sich in seinen weiteren Äußerungen: Er habe »schwerwiegende Bedenken wissenschaftlicher Art« gegen die Berufung eines von »außerhalb der Universität stehenden Antragstellern in Aussicht genommene[n] Mann[es]«. Und weil er Hedemann-Heespen für die sprichwörtliche graue Eminenz im Hintergrund hielt, versuchte er diesen bei der Kulturbehörde, an die er seine Bedenken adressierte, zu diskreditieren: Hedemann-Heespen sei doch selbst »dänischer Adel«; eine von ihm beeinflusste Besetzung der Landesgeschichtsprofessur würde so in Kopenhagen »mit Freude begrüßt«. Jacob bat folglich in aller Form darum, »von der Errichtung der Professur Abstand zu nehmen«. Nach einer Intervention des Oberpräsidenten Kürbis und einem entsprechenden Votum des SHB-Vorsitzenden Hermann Todsen (1864–1946) strich allerdings das Preußische Kultusministerium gegen den erklärten Wunsch der Kieler Universitätsleitung das bereits bewilligte Ordinariat für niederdeutsche Sprache aus dem Haushaltsplan, um auf diese Weise den Lehrstuhl für Landesgeschichte zu finanzieren. Gleichzeitig wurden Berufungsverhandlungen zu seiner möglichst zügigen Besetzung aufgenommen. 20 Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 116–118 mit archivalischen Einzelnachweisen. Auch zum Folgenden. ← Abb. 3. Anton Schifferer. Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Inv.-Nr. P8-S-76. Oliver Auge | »nicht wie eine normale Professur« 63 Obwohl Otto Brandt, wie gesagt, schon einen Lehrauftrag für schleswig-holsteinische Geschichte innehatte, kam er für das Kultusministerium als Kandidat zur Besetzung der geplanten Professur nicht in Frage. Das lag weniger daran, dass Hedemann-Heespen ihn protegierte, der wiederum vom Universitätsrektor Jacob bei der Ministerialbürokratie angeschwärzt worden war. Vielmehr gab Brandts Ehe mit einer Dänin dafür den Ausschlag; außerdem hatte Brandt sich in keiner erkennbaren Weise aktiv in den Grenzkampf eingebracht. 21 Man entschied sich vielmehr für einen ganzen anderen, fachlich auf den ersten Blick mehr als erstaunlichen Kandidaten: Den Tübinger Professor und Kirchenhistoriker Otto Scheel (1876–1954). 22 Gebürtig aus Tondern, also von der Grenzziehung von 1920 persönlich betroffen, hatte sich Scheel nämlich im Abstimmungskampf vor Ort als wortgewaltiger Redner hervorgetan, worüber er einen, wie sein Biograph Carsten Mish schreibt, »mit nationalistischer Pathetik« überladenen Erlebnisbericht verfasst hatte. 23 Darin war wortwörtlich oder zumindest dem Sinn nach von einem hinterhältigen Betrug Dänemarks an der germanischen Brüderschaft mit 21 Manfred Jessen-Klingenberg: Schleswig-Holsteins Geschichtsschreibung und das Nationalitätenproblem in Schleswig von 1864 bis 1920, in: Grenzfriedenshefte 44 (1997), S. 165–192, hier S. 176–178. 22 Vgl. LASH, Abt. 811, Nr. 12392: Protokoll einer Fragestunde an den Innenminister Paul Pagel im schleswig-holsteinischen Landtag vom 3. Mai 1952. – Zu Scheel vgl. https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/13c1de33-3183d1b2-1025-4d39c46bdbf0 [18. Januar 2024]. – Grundlegend: Mish 2015 (wie Anm. 13). 23 Otto Scheel: Eine Reise zur Abstimmung in der ersten Zone Nordschleswigs, in: Tübinger Chronik vom 25. Februar, 28. Februar, 1. März 1920. – Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 113. ← Abb. 4. Otto Brandt kam nicht für den neuen landesgeschichtlichen Lehrstuhl infrage. Aus: Karl Jordan und Erich Hofmann: Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel: 1665–1965, Bd. 5.2: Geschichte der Philosophischen Fakultät, Neumünster 1969, S. 95. 64 85|2024 Christiana Albertina Deutschland die Rede, von kriminellen Machenschaften dänischer Wahlumtriebe, vom alten eiderdänischen Chauvinismus, von der Karikatur einer Abstimmung und Grenzziehung, einer »moderne[n] Verschleierung gewaltsamen Landerwerbs«, einer Vergewaltigung als »Zerrbild nationaler Gerechtigkeit« usw. 24 Scheels Agitationsschrift erging sich jedoch nicht nur in Vorwürfen, sondern lief auf eine Kampfansage an Dänemark hinaus: Dieses habe wegen seiner Beteiligung am »Erdrosselungsfrieden von Versailles« »den Unfrieden der Versöhnung vorgezogen«. Gerade durch die Annexion Tonderns, seiner Geburtsstadt, habe es sich »einen Pfahl ins eigene Fleisch gebohrt«; die deutschgesinnte Bevölkerungsmehrheit Tonderns werde »den aufgezwungenen Kampf annehmen und durchhalten«. 25 Aufgrund solcher danophober Ausfälle galt Scheel auf der deutschen Seite als »Leuchterscheinung« und als »rednerisch die glänzendste Begabung beider (Abstimmungs-)Zonen«,26 weswegen ihn auch Pastor Johannes Schmidt-Wodder (1869–1959), der gewählte Vertreter der deutschen Volksgruppe im dänischen Folketing, für ein weiteres Engagement in Nordschleswig zu gewinnen suchte.27 Nachdem Scheel nochmals im Sommer 1922 in Flensburg als Redner in 24 Scheel 1920 (wie Anm. 23), passim. – Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 114 mit Einzelnachweisen. 25 Scheel 1920 (wie Anm. 23), S. 12 u. 31 f. 26 So etwa Eduard Thorn: Die erste Teilung Schleswigs 1918-1920, Hamburg 1921, S. 111. 27 Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 115. – Peter Hopp: Pastor Johannes Schmidt-Wodder (1869–1959). Eine politisch-historische Biographie mit besonderer Berücksichtigung seiner Beziehungen zum europäischen Norden (Quellen und Forschungen zur Geschichte Schleswig-Holsteins, Bd. 129), Kiel 2021, S. 143–145. ← Abb. 5. Otto Scheel, Tübinger Professor für Kirchengeschichte, in jüngeren Jahren. Tobias-Bild Universitätsbibliothek Tübingen via LEO-BW. Oliver Auge | »nicht wie eine normale Professur« 65 Erscheinung getreten und in den Beirat der Nachfolgeorganisation des Deutschen Ausschusses als das zentrale Netzwerk zur Aufrechterhaltung eines deutschen Nordschleswigs gewählt worden war, brachte ihn der schon erwähnte SHB-Vorsitzende Todsen der Berliner Ministerialbürokratie gegenüber als möglichen Kandidaten für die geplante Landesgeschichtsprofessur ins Gespräch.28 Das Oberpräsidium unterstützte seine Idee mit Nachdruck. Scheel habe »im Abstimmungskampf Großes« geleistet. Folglich sei er »der beste Mann für das beste Werk«, gehe es doch darum, für die Kieler Landesgeschichtsprofessur »eine Persönlichkeit zu gewinnen, von der man unschätzbare Hilfe für die nationalen Aufgaben der Provinz erwarten dürfe«. So nahm also das Kultusministerium Berufungsverhandlungen mit Scheel auf. Wegen seiner fehlenden fachlichen Qualifikation war sich Scheel dabei von vornherein bewusst, dass die Kieler Professur für Landesgeschichte »nicht bloß der gelehrten Forschung dienen, sondern den kulturellen und nationalen Aufgaben der Provinz gewidmet sein« müsse. Seiner Meinung nach sollte der Lehrstuhlinhaber »Mittelschleswig gegen Dänemark […] schützen und den Willen gegen Dänemark und die neue Grenze wach […] halten« helfen. 29 Die Ministerialvertreter pflichteten dieser Ansicht bei: Die Professur solle »nicht wie eine normale Professur behandelt« werden, sondern man wolle vielmehr »den Nachdruck auf die politische 28 Vgl. Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 118 f. mit archivalischen Einzelbelegen. Auch zum Folgenden. – Broder Schwensen: Der Schleswig-Holsteiner-Bund 1919-1933. Ein Beitrag zur Geschichte der nationalpolitischen Verbände im deutsch-dänischen Grenzland (Kieler Werkstücke, Reihe A, Bd. 9), Kiel 1993, S. 128. 29 Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 119. – Archiv des Vereins für Reformationsgeschichte Mainz, Karton 3.2: Schreiben Scheels an Hans von Schubert vom 24. Juli 1922. ← Abb. 6. Büste von Otto Scheel, die der Kieler Bildhauer Walter Rössler (1904-1996) 1953 anfertigte. Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Landesgeschichtliche Sammlung, P8-S-432.