Schwesterliches Handeln in dynastischer Krise: Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg (1485–1555) in Beziehung zu ihrem Bruder König Christian II. von Dänemark (1481–1559)
Abstract
Der Aufsatz konzentriert sich auf Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg (1485-1555) in ihrer Rolle als jüngere Schwester des dänischen Königs…
Full text
| 57 Ulrike Sträßner Schwesterliches Handeln in dynastischer Krise Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg (1485–1555) in Beziehung zu ihrem Bruder König Christian II. von Dänemark (1481–1559) Am 9. Juni 1550 verfasste die verwitwete Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg ihr Testament. Unmittelbar nach ihrem Glaubensbekenntnis und einer allgemeinen Vergebungsbitte formulierte sie an dritter Stelle, dass ihr Bruder, König Christian II. von Dänemark, nun lange zeit bis anhero aus Schickung des Almächtigen gefenglich gehalten und noch damit behafft sein, Derselbige langwerige schwere harte und erbermliche gefengnis, unsere freuntliche gelipte Herrn Sone, Herrn Joachim Curfürst und Johans gebruder Marggraffen zu Brandenburg hertzlich bedenken und zu gemute furen wolten den Almechtigen Barmhertzigen E wigen gott und vater, unsern lieben Herrn Jesu Christi getreulich bittent, auch bei Rö. Kay. und Kö. Mait. neben ir liebden ander mher fursten und herrn derselben Bludtsverwandten und Stende des heilgen Reichs wolten getreulich und vleissig helffen bitten und befordern Damit S. Kö. M. derselben gefengnis und langwerig Hafftung da es zu nutz und heil seiner Kö. M. Selickeit gereichen mocht: ein mal erledigt würt und also die sache hinfurt zu gutlicher und freuntlicher verhör komen, und dasselb zum Ewigem versunlichem Vertrag ohn Einigen Zwietracht, nachteil Schaden und Blutvergissen hingelegt ufgehoben und entlich S. Kö. M. zu Lant und Leuten widerumb geholffen werden mochte. 1 Abgesehen von ihrer Selbstbezeichnung zu Beginn als Von gotts gnaden wir Elisabet geborn aus könig. Stammen in Dennemarcken Schweden Norwegen Hertzogin zu Schleswig, Holtstein etc. und Marggraffin zu Brandenburg, Wittwe ist ihr Bruder Christian die erste konkrete Person, die im Testament namentlich genannt wird.2 Ihre Söhne, an die sich die Aufforderung richtet, erscheinen nicht nur durch die Reihenfolge, sondern auch durch die Titelnennung als nachgeordnet. Es handelt sich dabei nicht um eine zufällige oder willkür1 Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStAPK), Brandenburg-Preußisches Hausarchiv [BPH], Rep. 29, R, Nr. 2: Testament der verwitweten Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg (09.06.1550). 2 Ebd. Ihre königlich-dänische Abstammung führte Elisabeth zeitlebens fast ausnahmslos an erster Stelle in ihrer Titulatur. Schweden und Norwegen nannte sie hingegen nicht regulär. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2943-5331/p4
58 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein li che Anordnung, sondern um eine bewusst vorgenommene Priorisierung. Aufbau und Inhalt des Testaments zeugen von einer bestimmten Haltung der verwitweten Kurfürstin und sind repräsentativ für ihr Selbstverständnis. Nicht immer so pointiert wie im Testament, aber deutlich wahrnehmbar sind Haltung und Selbstverständnis der Kurfürstin auch in ihren zahlreich überlieferten Korrespondenzen. Christian ist über lange Phasen die am häufigsten erwähnte Person, wenn nicht gar Anlass des Schreibens.3 Diese konsequente Bezugnahme auf den Bruder zeugt davon, dass die Herkunftsdynastie über die gesamte Lebensspanne hinweg für Elisabeth von größter Bedeutung war und Vorrang vor der Hohenzollern-Dynastie hatte, der sie durch Heirat angehörte. Sie verstand sich demnach zuvorderst als dänische Oldenburgerin. Aus ihrer königlichen Herkunft leitete sich ihr sozialer Status ab, den sie gegenüber ihrer Heiratsdynastie und den sie sonst umgebenden Menschen geltend machte. Allerdings war die Anerkennung dieses Status, wie sich im Laufe ihres Lebens mehrfach zeigte, unmittelbar an die dynastischen und politischen Erfolge der männlichen Mitglieder ihrer Herkunftsdynastie, insbesondere des Bruders, geknüpft.4 Wie im Testamentsausschnitt angedeutet, befand sich der durch Christian repräsentierte dynastische Zweig der Oldenburger spätestens ab 1523 in einer permanenten existenziellen Krise. Christians Königsherrschaft war von kurzer Dauer (1513–1523) und endete mit seiner Flucht ins Exil. 1532 wurde er bei einem Rückeroberungsversuch gefangen genommen und blieb bis zu seinem Tod in Haft. In der Auseinandersetzung mit den in der brandenburgischen Landesgeschichte vorherrschenden Narrativen zu Elisabeth von Dänemark entsteht der Eindruck, als hätte es nur wenige Berührungspunkte zwischen der Fürstin und ihrem Bruder gegeben. Die relativ häufig thematisierte Fürstin wird im Sinne des Meta-Narrativs vom stringenten Aufstieg der Hohenzollern primär im Hinblick auf ihren Nutzen für die Dynastie und entsprechend in Beziehung zu ihrem Gemahl und ihren Söhnen dargestellt. Zwar wird erwähnt, dass die dynastische Verbindung mit dem dänischen Königshaus zunächst einen Prestigegewinn mit sich brachte, da sie jedoch nicht das erhoffte Potential entfaltete und sich eher zu einem Verlustgeschäft entwickelte, waren die dänisch-brandenburgischen Beziehungen nicht weiter von Interesse. Dennoch nimmt Elisabeth als erste Lutheranerin im Kurhaus Brandenburg eine entscheidende Rolle im Aufstiegsnarrativ ein. Demnach geriet sie wegen ihres Glaubens in Konflikt mit ihrem Gemahl und floh ins Exil. Ihr Bruder Christian II. taucht als unmittelbar 3 Es sind insgesamt nur wenige Briefe aus der Korrespondenz der Geschwister überliefert. Vgl. Carl Rikard Unger/ Henrik Jørgen Huitfeldt-Kaas (Hg.): Diplomatarium Norvegicum (DN), Bd. 13, Oslo 1889–1891, Nr. 216, S. 191–193, Nr. 253, S. 234 f., Nr. 543, S. 579 f., Nr. 546, S. 585 f.; Henrik Jørgen Huitfeldt-Kaas (Hg.): DN, Bd. 16, Oslo 1903, Nr. 522, S. 631. Dafür, dass es jedoch einen regen Austausch der Geschwister in Form von Briefen und Besuchen gab, finden sich zahlreich Belege in Elisabeths sonstigen Korrespondenzen, die sie mit über 30 Personen, zum Teil über mehrere Jahrzehnte, führte. Siehe allgemein zur Geschwisterkorrespondenz Sophie Ruppel: Verbündete Rivalen. Geschwisterbeziehungen im Hochadel des 17. Jahrhunderts, Köln/Weimar/Wien 2006, S. 109; Dies.: Subordinates, Patrons, and Most Beloved. Sibling Relationships in Seventeenth-Century German Court Society, in: Christopher H. Johnson/David Warren (Hg.): Sabean Sibling Relations and the Transformations of European Kinship. 1300–1900, New York/Oxford 2011, S. 85–110, hier S. 87, 92. Ruppel verweist darauf, dass Geschwister, die meist weit entfernt voneinander lebten, in der Regel zeitlebens in Kontakt waren und die Beziehungen im Erwachsenenalter emotional bedeutsamer waren als in Kindheit und Jugend. 4 Zum Verhältnis von sozialem Status und Herkunftsfamilie siehe Ruppel: Verbündete Rivalen (wie Anm. 3), S. 66, 141.
Sträßner: Schwesterliches Handeln in dynastischer Krise | 59 am Bekenntniswechsel und ihrer Flucht Beteiligter auf, die Geschwisterbeziehung an sich wird jedoch nicht weiter thematisiert. Elisabeth wird entsprechend den Reformationsund landesgeschichtlichen Fragestellungen vordergründig in ihren Rollen als Gattin, Mutter und Frömmigkeitsvorbild dargestellt.5 In ihrer Rolle als Schwester findet sie kaum Beachtung.6 Christian II. von Dänemark, dem der Beiname ›Tyrann‹ anhaftet und der in den landesgeschichtlichen Forschungen der skandinavischen Länder sowie im (nord-)deutschen Raum überwiegend mit missglückten Reformen, Exil und Gefangenschaft in Verbindung gebracht wird, wird ebenfalls selten in seiner Rolle als Bruder thematisiert.7 Zwar kommen neuere Arbeiten durch den Vergleich mit Vorgängern und Nachfolgern sowie unter Berücksichtigung seiner unmittelbaren sozialen Beziehungen und seiner Stellung im europäischen Machtgefüge zu einem differenzierteren Bild des Königs, seine Schwester Elisabeth bleibt dabei jedoch eher eine zu vernachlässigende Randfigur.8 Auch hier ergibt sich aus 5 I n Auswahl: Adolph Friedrich Riedel: Die Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg in Beziehung auf die Reformation, in: Zeitschrift für preußische Geschichte (1865), S. 65–100; Ernst Daniel Martin Kirchner: Die Churfürstinnen und Königinnen auf dem Throne der Hohenzollern, im Zusammenhange mit ihren Familien und ZeitVerhältnissen, Bd. 1, Berlin 1866; Wilhelm Baur: Elisabeth, Churfürstin von Brandenburg, die Bekennerin. Ein Vortrag zum Besten des K irchenbauvereins in Berlin am 11. November 1872 gehalten, in: Deutsche Blätter (1873), S. 521–540; Georg Liebusch: Elisabeth von Dänemark, Kurfürstin von Brandenburg. Ein Lebensbild, Bremen 2013 (ND Berlin 1873); Friederike Bornhak: Die Fürstinnen auf dem Throne der Hohenzollern in Brandenburg-Preußen, Altenburg 1907; Rudolf von Jacobi: Die Flucht der Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg, in: Hohenzollernjahrbuch (1909), S. 155–196. Neuere Arbeiten ordnen Elisabeth in emanzipatorisch-reformatorische Narrative ein: Roland Bainton: Frauen der Reformation. Von Katharina von Bora bis Anna Zwingli. 10 Portraits (Gütersloher Taschenbücher Siebenstern 1442), Gütersloh 1995; Iselin Gundermann: Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg. Luthers Anhängerin am Berliner Hof, in: Peter Freybe (Hg.): Frauen fo(e)rdern Reformation. Elisabeth von Rochlitz, Katharina von Sachsen, Elisabeth von Brandenburg, Ursula Weida, Argula von Grumbach, Felicitas von Selmnitz (Wittenberger Sonntagsvorlesungen), Wittenberg 2004, S. 58–76; Kirsi Stjerna: Women and the Reformation, Blackwell 2009; Ulrike Sträßner: Elisabeth von Dänemark (Norwegen und Schweden). Kompromisslose Idealistin im Exil, 31.03.2016, http://www.frauen-und-reformation.de/?s=bio&id=135 (letzter Aufruf: 12.02.2024). 6 Vgl. Ruppel: Verbündete Rivalen (wie Anm. 3), S. 17, 30 f., 125; Karl-Heinz Spieß: Maintenance Regulations and Sibling Relations in the High Nobility of Late Medieval Germany, in: Johnson/Warren: Sibling Relations (wie Anm. 3), S. 47–63, hier S. 52. Ruppel und Spieß verweisen darauf, dass adelige Geschwisterbeziehungen durch auferlegte Rollen und durch ökonomische, soziale und kulturelle Bindungen geformt wurden. Sie waren durch die Kategorien Alter und Geschlecht hierarchisch strukturiert und hingen daher weniger von individuellen Einstellungen als von Zwängen und kulturellen Normen ab. Entsprechend ist im Folgenden mit den Begrifflichkeiten ›Schwester‹ und ›Bruder‹ eine soziale Rolle gemeint. 7 In Auswahl: Eduard Maria Oettinger: Geschichte des dänischen Hofes von Christian II. bis Friedrich VII., Bd. 1, Hamburg 1857; Heinrich Behrmann: Christian II., König von Dännemark, Norwegen und Schweden. Mit dem Bildnisse des Königs, Bd. 1, Kopenhagen 1805; Erik Petersson: Furste av Norden. Kristian Tyrann, Stockholm 2017; Margareta Skantze: Där brast ett ädelt hjärta. Kung Kristian II och hans värld, Karlskrona 2019; Lars Bisgaard: Christian 2. En biografi, København 2019. 8 Exemplarisch hierfür: Charlotte Rock: Herrscherwechsel im spätmittelalterlichen Skandinavien. Handlungsmuster und Legitimationsstrategien (Mittelalter-Forschungen 50), Ostfildern 2016; Bisgaard: Christian 2 (wie Anm. 7). Von größerem Interesse sind Christians Gemahlin Isabella von Österreich, die langjährige Geliebte Dyveke Sigbritsdatter und deren Mutter Sigbritt Villom. Eine Ausnahme bildet Jens E. Olesen: Fürstenkontakte und Familienbeziehungen im Reformationszeitalter. König Christian II. von Dänemark und seine Schwester, Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg, in: Heinrich Assel/Johann Anselm Steiger/Axel E. Walter: Reformatio Baltica. Kulturwirkungen der Reformation in den Metropolen des Ostseeraums (Metropolis 2), Berlin/Boston 2018, S. 735–749. Die Unterstützungsleistungen Christians für Elisabeth stehen hier im Vordergrund. Olesen übernimmt in seinem Aufsatz ungekennzeichnet eine Passage über Elisabeth (S. 740) aus einer Veröffentlichung der Verfasserin (Sträßner: Elisabeth von Dänemark [wie Anm. 5]).
60 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein den Korrespondenzen Elisabeths ein anderes Bild. Christian nahm seine Pflichten als Dynastieoberhaupt ernst und kümmerte sich um die Belange seiner Schwester.9 Im Folgenden soll Elisabeth in ihrer Rolle als verheiratete jüngere Schwester König Christians II. dargestellt und ihr schwesterlichen Handeln betrachtet werden. Elisabeths Perspektive und ihr Selbstverständnis als ›Fürstin der Lande‹ stehen dabei im Vordergrund. Als Ausgangspunkt dafür soll zunächst Elisabeths familiäres Umfeld vor der dynastischen Krisenzeit skizziert werden. Darauf aufbauend werden dann drei Phasen (Königsherrschaft, Exilzeit und Gefangenschaft), die sich aus dem Lebensweg des Bruders ergeben, im Hinblick auf Elisabeths Handeln untersucht. Abschließend soll über die Motive und Formen des schwesterlichen Handelns sowie deren Kosten resümiert werden. Anzumerken ist, dass die Lebenswege Christians und Elisabeths im Vergleich zu anderen hochadeligen Personen kaum als durchschnittlich zu bezeichnen sind. Gerade ein solches Extrembeispiel kann jedoch hilfreich sein, um die Potentiale und Handlungsmuster innerhalb hochadeliger Geschwisterbeziehungen aufzuzeigen, die unter weniger krisenhaften Bedingungen kaum sichtbar wären. Herkunft und verwandtschaftliches Umfeld Elisabeths Elisabeth wurde am 24. Juni 1585 als einzige Tochter und viertes von fünf Kindern des dänischen Königspaares Johann I. (1455–1513) und Christina von Sachsen (1461–1521) auf Schloss Nyborg in Dänemark geboren. Ihre Großeltern väterlicherseits waren Christian I. von Dänemark (1426–1481) und Dorothea von Brandenburg-Kulmbach (1430–1495). 10 Ihr Onkel war Herzog Friedrich I. Schleswig-Holstein-Gottorf (1471–1533). Elisabeths Großeltern mütterlicherseits waren das Kurfürstenpaar Ernst von Sachsen (1441–1486) und Elisabeth von Bayern-München (1443–1484). Ihre Onkel mütterlicherseits waren Friedrich III. (1463–1535; der ›Weise‹), der magdeburgische Erzbischof Ernst (1464–1513) sowie Johann I. (1468–1532; der ›Beständige‹), ihre Tante war Herzogin Margarethe von Braunschweig-Lüneburg (1469–1528). 11 9 Zu den jeweiligen Pflichten von Dynastieoberhaupt und Geschwistern siehe Karl-Heinz Spieß: Familie und Verwandtschaft im deutschen Hochadel des Spätmittelalters. 13. bis Anfang des 16. Jahrhunderts (Vierteljahrschrift für Sozialund Wirtschaftsgeschichte, Beiheft 111), Stuttgart 2 2015, S. 455; Ruppel: Subordinates (wie Anm. 3), S. 96; Dies.: Verbündete Rivalen (wie Anm. 3), S. 180–195. 10 Königin Dorothea gilt als eine der reichsten und einflussreichsten nordischen Fürstinnen. 1490 erlangte sie zugunsten ihres jüngeren Sohnes Friedrich (1471–1533) die Teilung der Herzogtümer Schleswig und Holstein. Siehe dazu Rock: Herrscherwechsel (wie Anm. 8), S. 194 f., 207 f., 219, 289 (mit Anm. 1505), 397; Carsten Jahnke: Dorothea von Brandenburg (um 1431–1495). Verdrängt, vergessen und doch überaus machtvoll/Dorothea af Brandenborg (omkring 1431–1495). Fortrængt, bortglemt men alligevel magtfuld, in: Oliver Auge (Hg.): Zwischen Macht und Schicksal. Acht Herrscherinnen des Nordens aus acht Jahrhunderten (1200–2000)/Mellem magt og skæbne. Otte herskerinder i norden fra otte århundreder (1200–2000) (Große Schriftenreihe der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte 78), Handewitt 2013, S. 56–75. 11 Vgl. Kamill von Behr: Genealogie der in Europa regierenden Fürstenhäuser nebst der Reihenfolge sämmtlicher Päpste und einem Anhange umfassend die Häuser Capet, Habsburg, Romanow und eine Übersicht der Kaiser und Könige von Italien und Deutschland, Leipzig 2 1870, S. 49 f.
Sträßner: Schwesterliches Handeln in dynastischer Krise | 61 Über Elisabeths Kindheit ist wenig bekannt. Die beiden ältesten Brüder Johann (1479– 1480) und Ernst (* 1480) starben, bevor Elisabeth geboren wurde. Damit rückte der 1581 geborene Christian zum Thronerben auf.12 Die Herrschaft ihres Vaters war unter anderem geprägt vom Konflikt mit dem schwedischen Adel und seinem jüngeren Bruder Friedrich I. über die Herrschaft in den Herzogtümern Schleswig und Holstein sowie in Dänemark. Johann I. versuchte, die Nachfolge Christians in den Wahlkönigreichen zu sichern, was ihm für Dänemark und Norwegen auch gelang. Deutlich schwieriger gestaltete sich die Herrschaft über Schweden, die er selbst erst 1497 erlangte und 1501 wieder verlor.13 Im Zuge von Aufständen in Schweden floh Johann I. aus Stockholm und ließ seine Gemahlin dort zurück. Während diese dort über Monate die Stellung hielt, verheiratete der König seine 16 Jahre alte Tochter am 10. April 1502 mit dem nur wenig älteren, erst kurz zuvor für mündig erklärten Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg (1484–1535).14 Zugleich heiratete Anna von Brandenburg (1487–1514), eine jüngere Schwester Joachims, den Bruder des Königs, Herzog Friedrich I. von Schleswig-Holstein-Gottorf.15 Als brandenburgische Kurfürstin residierte Elisabeth überwiegend in Cölln an der Spree. Ihr Gemahl profitierte von der prestigeträchtigen Verbindung in den Norden.16 Elisabeths königliche Herkunft, die ihr wichtigstes Kapital war, und die Geburten der fünf Kinder Joachim (1505–1571), Anna (1507–1571), Elisabeth (1510–1558), Margaretha (1511–1577) und Johann (1513–1571) sicherten ihr zunächst eine starke Position am kurbrandenburgischen Hof und gegenüber ihrem rangniederen Gemahl. Während Elisabeths neu begründete Familie wuchs, reduzierte sich ihre Herkunftsfamilie. Ihr jüngster Bruder Franz (1497–1511) starb im Juli 1511. Aus der Geschwisterreihe blieben demnach nur sie und Christian. Über ihr Verhältnis zum Bruder lässt sich aufgrund der spärlichen Überlieferung aus dieser Lebensphase nur wenig sagen. Knapp zwei Jahre später, im Februar 1513, starb Elisabeths Vater und Christian II. schickte sich an, König der drei nordischen Reiche zu werden. Während Wahl und Anerkennung in Dänemark und Norwegen relativ reibungslos verliefen, erwies sich die Erlangung des schwedischen Throns als äußerst langwierig und kostenintensiv.17 Durch Vermittlung seiner Mut12 Vgl. Bisgaard: Christian 2 (wie Anm. 7), S. 24–41. Bisgaard verweist darauf, dass es sich bei einem gelegentlich, jedoch nicht in zeitgenössischen Quellen erwähnten weiteren Kind namens Jakob wahrscheinlich um einen unehelichen Sohn König Johanns I. oder Herzog Friedrichs I. handelte (S. 31). 13 Vgl. Rock: Herrscherwechsel (wie Anm. 8), S. 276, 289, 306, 329, 331–333. Seit 1506 regierte Christian als Vizekönig in Norwegen und hielt sich überwiegend dort auf. König Johann I. ging es bei den Bemühungen um die Anerkennung der Erbfolge seines Sohnes auch darum, Ansprüche seines jüngeren Bruders Friedrich abzuwehren. Rock arbeitet heraus, dass Schweden das für Könige am schwersten zu beherrschende Reich unter den drei Königreichen war. 14 Vgl. Bisgaard: Christian 2 (wie Anm. 7), S. 31. Christian begleitete seine Schwester auf der Brautfahrt. Zum Herrschaftsantritt Joachims I. siehe Wilhelm Ernst Winterhager: »Deus pro nobis, quis contra nos?« Anmerkungen zur Reichsund Religionspolitik Kurfürst Joachims I. von Brandenburg, in: Jahrbuch für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte 71 (2017), S. 13–41. 15 Aus der Ehe Friedrichs I. mit Anna von Brandenburg gingen ein Sohn, Christian III. (1503–1559), und die Tochter Dorothea (1504–1547), die 1526 mit Herzog Albrecht von Preußen (1490–1568) vermählt wurde, hervor. 16 Vgl. Winterhager: Reichs-und Religionspolitik (wie Anm. 14), S. 14; Gundermann: Kurfürstin Elisabeth (wie Anm. 5), S. 62 f. 17 Vgl. Rock: Herrscherwechsel (wie Anm. 8), S. 276, 329 f., 332–343, 347, 353.
62 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein ter gelang es ihm, Isabella von Österreich (1501–1526), eine Schwester des späteren Kaisers Karl V., zu heiraten. Mit dieser familiären Verbindung ins Zentrum des Heiligen Römischen Reichs konnte er zunächst seine Position als König in Dänemark und Norwegen festigen.18 Aus der Ehe gingen insgesamt sechs Kinder hervor, wobei drei Söhne bereits als Kleinkinder starben. Nur der zweitgeborene Sohn Johann (1518–1532) und die beiden Töchter Dorothea (1520–1580) und Christina (1521–1590) überlebten.19 Vor diesem Hintergrund ist bedeutsam, dass sich Elisabeths Gemahl im Mai 1517 von Kaiser Maximilian I. (1459–1519) das Erbund Sukzessionsrecht an der Hälfte der Herzogtümer Holstein und Schleswig für den Fall, dass Christian ohne Erben sterben würde, versichern ließ.20 Über Elisabeth als einzige Schwester eröffnete sich somit die Option auf eine bedeutsame Erbanwartschaft für die kurfürstlichen Hohenzollern. Schwester eines regierenden Königs (1513‒1523) Spätestens nach dem Tod des Vaters intensivierte sich das Verhältnis zwischen Elisabeth und ihrem Bruder, der nunmehr das Oberhaupt ihrer Herkunftsdynastie war. Die Geschwister schrieben und besuchten sich. Elisabeths Briefe an verwandte und befreundete Fürstinnen und Fürsten deuten darauf hin, dass sie regelmäßig mit dem Bruder korrespondierte und über seine Angelegenheiten sowie die Vorgänge in seinen Reichen informiert war. 21 Die Quellen enthalten außerdem Hinweise auf gegenseitige Besuche. So reiste Elisabeth 1515 anlässlich der Hochzeit ihres Bruders nach Dänemark und im Jahr darauf besuchte er sie in Cölln.22 Verschiedene Personen nutzten das gute Verhältnis zwischen den Geschwistern und baten Elisabeth explizit um Vermittlung in unterschiedlichen Angelegenheiten. So bat sie beispielsweise der aus der fränkischen Linie der Hohenzollern stammende Albrecht (1490–1568), Hochmeister des Deutschen Ordens in Preußen, ein Bündnis gegen den polnischen König zu 18 Vgl. ebd., S. 335; Bisgaard: Christian 2 (wie Anm. 7), S. 194, 199, 203, 318, 389; Peter Jordt Jørgensen: Christian 2 mellem middelalder og renæssance (Skrifter fra Museet på Sønderborg Slot 5), Sonderburg 2005, S. 17. 19 Vgl. Bisgaard: Christian 2 (wie Anm. 7), S. 199 f.; Behr: Genealogie (wie Anm. 11), S. 50. Der erstgeborene Sohn Christian wird bei Behr nicht erwähnt, dafür ein weiterer, namentlich nicht benannter, im Januar 1523 geborener und verstorbener Sohn. 20 Vgl. GStAPK, VII. Hauptabteilung [HA], Mark als Reichsstand Nr. 107: Kaiser Karl V. bestätigt die im Wortlaut eingerückte Urkunde Kaiser Maximilians I. vom 10. Mai 1517 über die Anwartschaft des brandenburgischen Hauses auf die Fürstentümer Schleswig und Holstein (01.10.1530). 21 Siehe exemplarisch hierfür Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Dessau (LHASADE), Z 6, Nr. 199: Markgräfin Elisabeth von Brandenburg an die Fürstin Margarethe von Münsterberg (1512–1529); Landeshauptarchiv Schwerin (LHAS), 02.11.02/1 Acta externa, 1923: Schreiben der Markgräfin Elisabeth an Herzog Albrecht VII. von Mecklenburg (1524–1528); ebd., 1924: Schreiben der Markgräfin Elisabeth an Herzog Albrecht VII., Herzogin Anna und Herzog Johann Albrecht I. von Mecklenburg nach ihrer Flucht nach Torgau (1528–1549). 22 Vgl. LHASADE, Z 6, Nr. 199: Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg an Fürstin Margarethe von Anhalt (18.04.1515; 28.04.1516).
Sträßner: Schwesterliches Handeln in dynastischer Krise | 63 vermitteln. Elisabeth sagte zu, dies bei Gelegenheit tun zu wollen.23 Ihre Vermittlung war insofern erfolgreich, dass Albrecht in der Hoffnung auf Unterstützung Christians diesen in den Folgejahren bei seinen militärischen Unternehmungen gegen Schweden unterstützte.24 Aufgrund seines bürgerfreundlichen und adelsfeindlichen Herrschaftsstils, seiner Handels-, Steuerund Religionspolitik machte sich Christian II. sowohl in Dänemark als auch in Schweden zahlreiche Feinde.25 Unter anderem durch die finanzielle und militärische Unterstützung des Hochmeisters Albrecht und seines Schwagers Joachim I. war Christian in seinem Vorgehen gegen die Schweden zumindest kurzzeitig erfolgreich.26 Im März 1520 berichtete Kurfürstin Elisabeth dem Hochmeister, dass ihr Bruder Schweden eingenommen habe: [...] die obersten regenten in schweden haben [ihn] zu kopenhagen geholt und geschwaren und dar neben zugesagt seyn gnade sal komen wen seyn gnade wil so wollen sie sych underteniglich und als die gehorsamen fynden lassen [...]. 27 Ein knappes halbes Jahr später informierte sie Albrecht über die erfolgreiche Einnahme der Stadt und des Schlosses Stockholm.28 Eine Reaktion Elisabeths auf die am 4. November in Stockholm erfolgte Krönung sowie den wenige Tage später stattfindenden Ketzerprozess, der als ›Stockholmer Blutbad‹ in die Geschichte einging, ist hingegen nicht überliefert.29 23 Vgl. GStAPK, XX. HA, Ordensbriefarchiv [OBA], Nr. 19877: Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg an Hochmeister Albrecht von Preußen (13.09.1513); ebd., Nr. 19958: Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg an Hochmeister Albrecht von Preußen (30.12.1513). Siehe dazu auch Ruppel: Verbündete Rivalen (wie Anm. 3), S. 181 f., 203. Ruppel verweist darauf, dass militärische Bündnisse häufig durch verheiratete Schwestern vermittelt wurden. 24 Vgl. hierfür exemplarisch GStAPK, XX. HA, OBA, Nr. 20830, 21633, 21643, 21814, 21855, 21973, 22194. In seinen Schreiben warb Christian II. um Unterstützung Albrechts gegen die Schweden und bat neben Steuermännern, die in den schwedischen und finnischen Scheeren kundig seien, um Truppen, Waffen und Pulver aus Preußen und Livland. 25 Vgl. Rock: Herrscherwechsel (wie Anm. 8), S. 353; Bisgaard: Christian 2 (wie Anm. 7), S. 316–341; Jens E. Olesen: Dänemark, Norwegen und Island, in: Matthias Asche/Anton Schindling (Hg.): Dänemark, Norwegen und Schweden im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Nordische Königreiche und Konfession 1500 bis 1660 (Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung 62), Münster 2003, S. 27–106, hier S. 40– 46; Martin Schwarz Lausten: Die Reformation in Dänemark (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte 208), Heidelberg 2008, S. 12–21. 26 Vgl. Maike Sach: Hochmeister und Großfürst. Die Beziehungen zwischen dem Deutschen Orden in Preußen und dem Moskauer Staat um die Wende zur Neuzeit (Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa 62), Stuttgart 2002, S. 200, 286, 364, 387–389, 403. Als es 1519 an Christian war, Albrecht zu unterstützen, zeigte sich dieser deutlich verhaltener. Fragen der Besoldung waren bei den Verhandlungen um die Anwerbung von Truppen weitestgehend offengeblieben, was zu späteren Konflikten führte. 27 GStAPK, XX. HA, OBA, Nr. 23617: Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg an Hochmeister Albrecht von Preußen (30.04.1520). 28 Vgl. ebd., Nr. 24220: Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg an Hochmeister Albrecht von Preußen (03.10.1520). 29 In Zusammenarbeit mit Erzbischof Gustav Trolle (um 1488–1535) ließ Christian II. trotz Amnestiezusage im Zeitraum vom 7. bis 10. November 1520 nahezu die gesamte schwedische Elite und damit alle politischen Gegner hinrichten. Zum Stockholmer Blutbad siehe Rock: Herrscherwechsel (wie Anm. 8), S. 336-342, 374; Sven Ekdahl: Das Stockholmer Blutbad 1520. Ein skandinavisches Renaissancedrama, in: Alexander Demandt (Hg.): Macht und Recht. Große Prozesse in der Geschichte (Beck’sche Reihe 1182), München 1990, S. 133–154; Jordt Jørgensen: Christian 2 (wie Anm. 18), S. 21–24. Dass Elisabeth das Ereignis nicht erwähnt, könnte auch darauf zurückzuführen sein, dass es erst nach einiger Zeit durch das propagandistische Wirken von Christians Nachfolgern bedeutsam im Hinblick auf das dynastische Ansehen wurde.
64 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Die Zusage der dritten Krone für den Bruder scheint jedoch ihren eigenen Status am kurbrandenburgischen Hof insofern beeinflusst zu haben, dass ihr Gemahl ihr Leibgedinge entsprechend aufstockte.30 Als verheiratete Fürstin war sie zwar auf Christian II. als Versorgungsinstanz nicht angewiesen, profitierte aber von seinem Status als Unionskönig. Ihr musste daher daran gelegen sein, die Ambitionen des Bruders in den nordischen Königreichen und das Ansehen ihrer Herkunftsdynastie zu befördern. Dies zeigt sich beispielsweise, als es darum ging, gegen eine von ihr als unstandesgemäß erachtete Ehe zu intervenieren. Aus Dänemark kam das Gerücht, dass die Tochter eines Ritters mithilfe König Christians II. einen Grafen von Oldenburg heiraten sollte. Gegenüber ihrer Freundin Margarethe von Anhalt (1473–1530) äußerte Elisabeth ihr Missfallen darüber, das meine her komen die sich vor hyn mit fursten und iren gleiche vereinigt haben nu so vorneydern sullen und an alle not eins edel mans tochter nehmen, und bat sie, Erkundigungen darüber einzuholen und dar for [zu] sein do mit es nit mucht eynen vorgang gewynn[en], da es für sie und ihre Nachkommen ein grosz vorkleynung sei.31 Letztlich stellte sich heraus, dass es das Heiratsvorhaben zwar gab, es sich bei dem vermeintlichen Grafen jedoch lediglich um eynen banner hern aus frislant handelte, dessen mutter eine von aldenburg ist gewest hat man im auch den namen gegeben und haben in genant den von aldenburg.32 Sie habe daraufhin ihrem Bruder geschrieben, dass sie unstandesgemäße Verbindungen nicht wünsche.33 Nach dem Tod der Königinwitwe Christina im Dezember 1521 war Elisabeth die einzig verbliebene nahe Verwandte Christians. Der Onkel väterlicherseits, Herzog Friedrich von Schleswig-Holstein, erwies sich eher als Konkurrent denn als Unterstützer. Als Christian II. im Verlauf der Jahre 1521/22 nicht nur in Schweden, sondern auch in Dänemark in ernste Bedrängnis geriet und als König abgesetzt wurde, ließ sich Friedrich überreden, die Krone des Neffen zu übernehmen.34 Elisabeth bat offenbar ihren Gemahl Joachim I., der auf dem Reichstag in Nürnberg weilte, bei Kaiser Karl V. um Unterstützung für ihren Bruder zu werben. Der Kaiser gab dem Kurfürsten zur Antwort, dass er den gemeinsamen Schwager nicht im Stich lassen wolle, ließ sich aber nicht zu konkreten Schritten drängen.35 Doch nicht nur Christian II. suchte sich der Unterstützung seiner Schwäger zu versichern, sondern auch Herzog Friedrich schickte einen Boten an Joachim I. Er beschwerte sich über Christian und forderte den Kurfürsten auf, s ich gegen diesen zu positionieren. Seiner Gemahlin teilte Joa chim I. mit, 30 Vgl. GStAPK, BPH, Rep. 29, N, Nr. 6: Leibgedingsbrief Kurfürst Joachims I. von Brandenburg für seine Gemahlin Kurfürstin Elisabeth (22.06.1520). 31 LHASADE, Z 6, Nr. 199: Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg an Fürstin Margarethe von Anhalt (23.10.1519). 32 Ebd., Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg an Fürstin Margarethe von Anhalt (05.12.1519). 33 Ebd. 34 Vgl. Rock: Herrscherwechsel (wie Anm. 8), S. 354–359. 35 Über die Verhandlungen berichtete Joachim seiner Gemahlin: LHAS, 02.11-02/1, 1922 Acta externa: Kurfürst Joachim I. von Brandenburg an Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg (09.01./21.2.1523). In den Folgejahren wandte sich Christian immer wieder hilfesuchend an seinen Schwager, den Kaiser, und verwies darauf, dass dieser ihm Isabellas Mitgift noch nicht ausgezahlt habe. Siehe dazu Jordt Jørgensen: Christian 2 (wie Anm. 18), S. 27.
Sträßner: Schwesterliches Handeln in dynastischer Krise | 65 dass er dies abgelehnt habe und sie sich deswegen nicht grämen solle.36 Im Hinblick auf die Position seiner Gemahlin und seine Erbanwartschaften über Christian musste es in seinem Interesse sein, diesen zu unterstützen.37 Elisabeth ihrerseits forderte zahlreiche verwandte und befreundete Fürstenhäuser dazu auf, ihrem Bruder zu helfen. Ihr guter Informationsstand über die Geschehnisse in den nordischen Königreichen war Grundlage dafür. Die Situation spitzte sich jedoch so zu, dass Christian im Frühjahr 1523 entschied, mit seiner Familie die nordischen Königreiche zu verlassen. Schwester eines Exilkönigs (1523‒1532) Aus den nordischen Königreichen floh Christian II. mit seiner Familie an den Hof der Statthalterin Margarethe von Österreich (1480–1530) in die habsburgischen Niederlande und stellte sich unter den Schutz der Familie seiner Gemahlin. 38 Auf der Suche nach Unterstützung zur Wiedererlangung seiner Königreiche reiste er in den Folgejahren durch das Heilige Römische Reich. Häufig hielt er sich an den Höfen der sächsischen Verwandten sowie bei seiner Schwester am kurbrandenburgischen Hof auf. 39 Durch die Exilsituation war es Elisabeth möglich, ihren Bruder häufiger persönlich zu treffen und sich mit ihm auszutauschen, gleichzeitig fühlte sie sich offenbar umso mehr zur Unterstützung verpflichtet. Ihre vornehmliche Aufgabe war es, Verbündete, Informationen, Geld und Truppen für einen Rückeroberungsversuch zu organisieren. 40 So berichtete Elisabeth etwa an Margarethe von Anhalt, dass Christian, als er mit seiner Gemahlin zu Besuch war, von ihr als von seyne schwester begert und ermandt aller trewe die er myr ermals erzeiget hat ich wolde im izt yn seynen notlagen nit vorlassen und ym etliche gelt zw gute auff bryngen. 41 Sie sei dem Wunsch nachgekommen, müsse die aufgenommene Summe aber bereits an Ostern zurückzahlen, sonst käme sie umb alle meynen glauben. 42 Daher bat sie Margarethe, ihr Geld zu leihen. In den folgenden Jahren lieh Elisabeth bei vielen Personen große Summen und deckte damit fällige Anleihen. Immer wieder gelang es beiden Geschwistern, 36 Vgl. LHAS, 02.11-02/1, 1922 Acta externa: Kurfürst Joachim I. von Brandenburg an Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg (24.03.1523). 37 Zu Ansprüchen adeliger Ehemänner auf den Besitz der Herkunftsfamilie ihrer Gemahlinnen siehe Michaela Hohkamp: Do Sisters Have Brothers? The Search for the »rechte Schwester«. Brothers and Sisters in Aristocratic Society at the Turn of the Sixteenth Century, in: Johnson/Warren: Sibling Relations (wie Anm. 3), S. 65–83. 38 Vgl. Bisgaard: Christian 2 (wie Anm. 7), S. 346–348. 39 Vgl. ebd., S. 348; Olesen: Fürstenkontakte (wie Anm. 8), S. 741 f.; Mathis Leibetseder: Joachim II. von Brandenburg. Kurfürst zwischen Renaissance und Reformation (Veröffentlichungen aus den Archiven Preußischer Kulturbesitz, Forschungen 15), Berlin 2022, S. 103. Christian streute das Gerücht, über großen Reichtum zu verfügen, und brachte so Joachim I. dazu, in seine Sache zu investieren. 40 Siehe exemplarisch hierfür GStAPK, XX. HA, OBA, Nr. 26195: Kurfürstin Elisabeth an Hochmeister Albrecht von Preußen (23.06.1523); ebd., Nr. 26253: Kurfürstin Elisabeth an Hochmeister Albrecht von Preußen (16.07.1523); ebd., Nr. 26348: Kurfürstin Elisabeth an Hochmeister Albrecht von Preußen (13.09.1523). 41 LHASADE, Z 6, Nr. 199: Kurfürstin Elisabeth von Brandenburg an Fürstin Margarethe von Anhalt (01.04.1525). 42 Ebd.
72 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein könnten.84 Ihre loyale Haltung gegenüber Christian und ihr engagiertes Eintreten für ihn wollte sie auch nach ihrem Tod durch ihre Söhne fortgeführt wissen und hinterließ es ihnen folglich als testamentarisches Vermächtnis. Konkrete materielle Güter hatte die Fürstin hingegen nicht zu verteilen, lediglich eine Schuldsumme von 60.000 Goldgulden, die ihr Gemahl Joachim I. (1484–1535) einst ihrem Bruder Christian ausgezahlt hatte, wollte sie im Falle der Rückzahlung hälftig unter beiden Söhnen aufgeteilt wissen.85 Ohne ihren Bruder noch einmal gesehen zu haben,86 starb Elisabeth 1555 auf ihrem Witwensitz und Christian vier Jahre später in Gefangenschaft. Schwesterliches Handeln in dynastischer Krise – ein Fazit Im Zentrum der Ausführungen stand die Beziehung Kurfürstin Elisabeths von Brandenburg zu ihrem älteren Bruder König Christian II. von Dänemark. Dabei konnte anhand der Korrespondenzen Elisabeths gezeigt werden, dass – anders als in der brandenburgischen Landesgeschichte häufig dargestellt – ihr Handeln zeitlebens stark auf das Wohl ihrer Herkunftsfamilie, repräsentiert durch den Bruder, ausgerichtet war. Ihren angeborenen Status als Königstochter bewertete sie, auch nach dem Verlust der Kronen ihres Bruders, deutlich höher als ihren durch Heirat erworbenen Status als Kurfürstin. Die auffälligen Gemeinsamkeiten in den skizzierten Lebenswegen Elisabeths und Christians verweisen unter anderem auf die starke gegenseitige Abhängigkeit, die sich aus der familiären Konstellation als einzig verbliebene Geschwister und der pflichtbewussten Wahrnehmung der jeweiligen sozialen Rollen ergab. Beide hatten im Laufe ihres Lebens einen enormen Statusund Ehrverlust zu verzeichnen, sie wechselten zu einem neuen religiösen Bekenntnis, sie lebten mehrere Jahre außerhalb des ihnen ursprünglich zugedachten Herrschaftsbereichs, konnten ab einem bestimmten Zeitpunkt kaum auf finanzielle Ressourcen zurückgreifen und waren nahezu durchgehend vermittelnd füreinander tätig. Festzuhalten ist jedoch, dass sich Christians Entscheidungen und Handlungen aufgrund seiner Position als Dynastieoberhaupt gravierender auf Elisabeths Lebenssituation auswirkten als umgekehrt. Zeitweise war ihre Situation aufgrund der dynastischen Krise so ambivalent, dass sie sich entscheiden musste, entweder gemäß den Erwartungen an eine Schwester oder denen an eine fürstliche Gemahlin und Mutter zu handeln. Sie gab der Rolle als Königsschwester den Vorrang und nahm dafür hohe emotionale, soziale und materielle Kosten in Kauf, wie ihr konsequenter Bekenntniswechsel und ihr daraus resultierender faktischer Verzicht auf den erworbenen Status als brandenburgische Kurfürstin zeigen. Indem sie als Schwester 84 Zur Funktion von Schwestern bei der Übertragung von Macht und Eigentum siehe Hohkamp: Do Sisters (wie Anm. 37), S. 79 f. 85 Vgl. GStAPK, BPH, Rep. 29, R, Nr. 2: Testament. 86 Aus der Zeit der Gefangenschaft ist meines Wissens kein Briefwechsel Elisabeths mit Christian überliefert, was jedoch nicht bedeutet, dass es keinen Nachrichtenaustausch gegeben hat.
Sträßner: Schwesterliches Handeln in dynastischer Krise | 73 handelte, war es ihr in der krisenhaften Situation zugleich möglich, ihre königliche Identität zu wahren und zur Dynastieehre beizutragen. Ihr schwesterliches Handeln umfasste das Sammeln und Weiterleiten von Informationen, strategische Beratung, das Wachen über die Dynastieehre, die Fürsprache bei fürstlichen Verwandten, die Vermittlung von militärischen Bündnissen und das Organisieren von Geld, das Vertrösten von Gläubigern, zeitweise die Beherbergung der Familie des Bruders, emotionalen Zuspruch und vieles mehr. Ihre Heiratsdynastie diente ihr dabei in erster Linie als Versorgungsinstanz und Ressource im Hinblick auf die Interessen der Herkunftsdynastie. Auch wenn das schwesterliche Handeln Elisabeths nicht zum erhofften Ziel führte, profitierte Christian II. enorm davon, eine verheiratete jüngere Schwester zu haben, die – anders als ein jüngerer Bruder – nicht mit ihm um materielle Ressourcen konkurrierte, sondern die ihren nahezu bedingungslos zur Verfügung stellte. Elisabeth war die wichtigste und loyalste Verbündete Christians II., die ihm durch ihr Handeln immer wieder Handlungsspielräume zu eröffnen suchte. Abstract This essay focuses on Electress Elisabeth of Brandenburg (1485–1555) in her role as the younger sister of the Danish King Christian II (1481–1559), using this instructive example of a sibling pair in almost permanent crisis mode to examine the significance of sibling relationships within the high nobility. Initially, the family background and life paths of Elisabeth and Christian are outlined. Subsequently, the Electress’s actions in her role as a sister are analyzed through her extensive preserved correspondences. This essay demonstrates that the relationship with a brother, as a representative of the family of origin, could hold greater significance for the identity of a woman of high nobility than, for instance, her relationship with her husband or biological children, and that this significance entailed corresponding decisions and actions. Autorin Ulrike Sträßner Historikerin, Mitarbeiterin bei der Zentralen Studienberatung der Universität Potsdam, Promovendin mit dem Thema ›Herrschaftsalltag und Herrschaftsverständnis von brandenburgischen Kurfürstinnen im 16. und 17. Jahrhundert‹. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Reformations-, Dynastieund Landesgeschichte Brandenburg-Preußens vor allem aus geschlechtergeschichtlicher bzw. intersektionaler Perspektive. E-Mail: [email protected]
74 | Fürstinnen in Schleswig-Holstein Open Access // Der Beitrag ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0) veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Beitrags von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.