Vom »Common Sense« zu den »Alternative Facts«: Varianten des Antiintellektualismus im U.S.-amerikanischen Konservatismus nach 1945
Abstract
Die Zeit nach 1945 in den Fokus nehmend erkundet der Beitrag die Metamorphosen des U.S.-Antiintellektualismus der letzten Jahrzehnte und identifiziert…
Full text
| 147 Torben Lütjen Vom »Common Sense« zu den »Alternative Facts« Varianten des Antiintellektualismus im U.S.-amerikanischen Konservatismus nach 1945 1. Einleitung Antiintellektualismus und der amerikanische Konservatismus seit 1945 – das kann als so etablierte Verbindung angesehen werden, dass die Frage legitim erscheint, ob aus dem alten Hut wohl überhaupt noch etwas Neues heraus zu zaubern ist. Unbestritten bleibt, dass Amerikas Konservative – was heute bedeutet: die Republikanische Partei – seit Langem einen aggressiven Antiintellektualismus adaptiert haben, der in seinem Feldzug gegen eine vermeintlich abgehobene »liberale Elite« eine beträchtliche Schlagkraft entwickelt hat und ohne die der entfesselte Populismus der Gegenwart kaum erklärbar oder verständlich wäre. Auf den ersten Blick handelt es sich um einen Prozess linearer Steigerung: von der hemdsärmeligen, aber noch vergleichsweise harmlosen »folksyness« von Politikern wie Ronald Reagan und George W. Bush, über den Antiintellektualismus 2.0 Sarah Palins, bis hin zu Donald Trump, der die Verachtung von Wissenschaftlern, Experten und Intellektuellen auf neue Höhen führte. Diese Deutung ist keineswegs falsch; doch wer genau hinschaut, der wird neben so viel Kontinuität überdies Veränderungen erkennen. Der Antiintellektualismus des U.S.-Konservatismus hat im Laufe der letzten Jahrzehnte Metamorphosen durchgemacht, oder besser ausgedrückt: Er hat neben seiner Hauptströmung, die immer noch dominant ist, eine Reihe neuer Spielarten der Wissenschafts-und Intellektuellenfeindlichkeit entwickelt. Ich möchte daher im Folgenden drei Typen des Antiintellektualismus innerhalb des U.S.- Konservatismus skizzieren. Sie alle begegnen der gleichen Herausforderung: dem modernen Rationalismus und seinem Anspruch, auch politische Entscheidungen zumindest zu großen Teilen auf Basis wissenschaftlicher Grundlagen treffen und damit die Welt des Politischen rationalisieren und entzaubern zu können. Aber sie begegnen dieser Herausforderung auf ganz unterschiedliche Weise. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p8
148 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Da ist, erstens, eine romantische und antirationalistische Geisteshaltung, bei der es im Kern um die Verteidigung von Intuition, Erfahrung, Bauchgefühl und Pragmatismus gegen abstraktes Theoretisieren geht. Man könnte das den Common-Sense-Antiintellektualismus nennen; es handelt sich dabei nicht nur um die älteste Spielart des Antiintellektualismus – man kann sie bereits bei konservativen Denkern wie Edmund Burke finden –, sondern um die auch weiterhin am häufigsten auftretende Variante. Zweitens lässt sich in der Konsequenz da von Antiintellektualismus sprechen, wo abstraktes Wissen nicht per se abgelehnt, aber stets als relativ herabgestuft und behauptet wird, die eine Wahrheit gebe es überhaupt nicht. Das wollen wir den postmodernen Antiintellektualismus nennen. Schließlich der dritte Fall, der sich indes so weit von seiner Ursprungsvariante entfernt hat, dass die Frage berechtigt erscheint, ob er noch zur gleichen Familie von Denkstilen gehört: Antiintellektualismus als alternative Wissenschaft oder als Simulation von Wissenschaft. Zwar treten alle drei Varianten zu allen Zeiten auf, und einmal für sie sensibilisiert, kann man sie in Ansätzen bereits bei Hofstadter hineinlesen. Allerdings werden sie zu unterschiedlichen Zeiten virulent: die erste Variante seit den 1960er Jahren; die zweite seit den 2000er Jahren; die dritte seit den 2010er Jahren, als es mit dem Aufstieg des Internets und der dadurch einhergehenden Demokratisierung des Wissens möglich wurde, jederzeit und zu jedem Thema Gegenexperten und Gegenexpertisen zu mobilisieren. 2. Antiintellektualismus als Anschauung vom Common Sense Wie tief der Antiintellektualismus im amerikanischen Denken und im politischen Diskurs des Landes verankert ist, das wurde in diesem Band bereits erwähnt. Entscheidend für unsere Argumentation ist allerdings, dass erst in den 1960er Jahren – nicht zufällig das Jahrzehnt, in dem die Hyperpolarisierung der gegenwärtigen amerikanischen Politik ihre Wurzeln hat – der Antiintellektualismus endgültig nicht länger von allen politischen Akteuren gleichermaßen genutzt wird. Stattdessen findet er jetzt eine feste politische Heimat und wird von Amerikas Konservativen quasi für die eigenen Zwecke vereinnahmt. Es sind konservative Intellektuelle und Politiker der Republikanischen Partei, die ihn als wichtigen Baustein innerhalb einer populistischen Erzählung nutzen, die sie in diesem Jahrzehnt liberaler Dominanz aus der Bedeutungslosigkeit herausholen soll. Davon wird noch die Rede sein. 1 Dieser Antiintellektualismus ist zunächst eine Reaktion auf die tatsächlichen Veränderungen auf der Gegenseite. Denn eben jener Liberalismus scheint Anfang/Mitte der 1960er Jahre nicht nur in hohem Maße dominant und mehrheitsfähig. Er wähnt sich auch ganz eindeutig mit den Kräften des Fortschritts im Bunde. Vielleicht niemals zuvor hatten Intellektuelle einen so sichtbaren Zugang zur Macht gewonnen wie Anfang der 1960er Jahre in den Regierungen John F. Kennedys und seines Nachfolgers Lyndon B. Johnson. Kennedy 1 Vgl. zum Zusammenspiel von Antiintellektualismus und Populismus insgesamt Lütjen 2016.
Lütjen: Vom »Common Sense« zu den »Alternative Facts« | 149 selbst hatte dabei aktiv an die vor allem vom Soziologen Daniel Bell ausgelöste Debatte um ein vermeintliches »Ende der Ideologien« angeknüpft: Nach der Erschöpfung der alten Weltanschauungen und der ideologischen Alternativen, so Bell, war alles, was blieb, der Streit über technische Fragen innerhalb einer allgemein akzeptierten Ordnung aus liberaler Demokratie und reguliertem, wohlfahrtsstaatlichem Kapitalismus.2 In seiner berühmten Rede an der Yale University von 1962 sprach Kennedy davon, dass die Probleme der Zukunft letztlich technischer und nicht mehr länger politischer Natur seien und es daher gelte, den wissenschaftlichen Sachverstand in all seinen Potenzialen endlich vollends zu nutzen: »The fact of the matter is that most of the problems that we now face are technical problems, are administrative problems. [They] deal with questions which are now beyond the comprehension of most men.«3 »The best and the brightest« wollte Kennedy rekrutieren und so gingen nicht nur zahlreiche Intellektuelle im Weißen Haus ein und aus. Auch begann in dieser Zeit der Ausbau von wissenschaftlichen Expertenstäben, am symbolträchtigsten mit der Etablierung des »Council of Economic Advisors« unter ihrem Vorsitzenden, dem Starökonomen Walter Heller. Es waren fraglos Zeiten großer Erwartungen, vor allem unter Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson, der mit seinem Projekt der »Great Society« die Architektur von Staat und Gesellschaft grundlegend umbauen wollte. Die Politik sah sich in die Lage versetzt, durch vorausschauende Planung und mit wissenschaftlicher Expertise die großen Malaisen der amerikanischen Gesellschaft aus der Welt zu schaffen.4 Zumindest gemessen an den riesigen und auch völlig überspannten Erwartungen scheiterten die großen Ambitionen. Weder wurde der von Johnson ausgerufene »War on Poverty« gewonnen, noch sollte es in der Zukunft gelingen, mit Hilfe keynesianischer Finanzpolitik das Auf und Ab des Kapitalismus zu bändigen. Und noch an einer anderen, ganz sprichwörtlichen Front zeigten sich die Grenzen des technokratischen Politikmanagements: im Vietnamkrieg, wo es unter Führung des ehemaligen Ford-Managers und begeisterten Adepten wissensbasierter Politik, des Verteidigungsministers Robert McNamara, zu einer Kette von katastrophalen Fehleinschätzungen kam. Es waren nicht alleine die Grenzen des technokratischen Politikmanagements, die in der Folge dem Antiintellektualismus Auftrieb gaben; dafür war er historisch zu tief verwurzelt. Aber es befeuerte den Backlash gegen »die« Experten und es sorgte für Spaltungen innerhalb des U.S.-Liberalismus selbst, dem einige seiner talentiertesten Köpfe von den Fahnen gingen. Das galt vor allem für eine bekannte Gruppe von Intellektuellen – die sogenannten Neokonservativen um Irving Kristol. Verbindendes Merkmal dieser Gruppierung war zunächst die gemeinsame Vergangenheit: Fast alle von ihnen waren Renegaten aus dem Lager der politischen Linken, darunter viele Trotzkisten. Auf ihrer Reise nach rechts hatten sie 2 Vgl. Bell 1960. 3 Zitiert nach Fischer 1990, 98. 4 Vgl. Lütjen 2010.
150 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker eine kurze ideologische Zwischenstation im amerikanischen Liberalismus gemacht – um dann schnell ihr Entsetzen über die, wie sie es empfanden, katastrophalen Konsequenzen der Reformpolitik der 1960erJahre zu äußern. Diese verfehlte nicht nur ihre ambitionierten Ziele, sondern hatte die Probleme noch verschlimmert, denn der Staat, so meinten sie, war bei seiner Intervention weit über das Ziel hinausgeschossen und bedrohte mittlerweile das amerikanische Freiheitsversprechen. Schuld daran war ihrer Ansicht nach eine linksorientierte, selbsternannte Elite von Experten und Intellektuellen, die vorgaben, Gesellschaften am Reißbrett entwickeln zu können und für die alles nur eine Frage der richtigen Sozialtechnik war – und die darüber vergaßen, dass es Prinzipien waren, die Amerika als Nation gemacht hatten. So waren die USA, ihnen zufolge, schließlich auf dem Weg in den »nanny-state«.5 Auf diese Weise hatte die Kritik am Intellektuellen eine neue Dimension erhalten: Bis in die 1950erJahre hinein zielte die Kritik auf den Intellektuellen als Ideologen, der subversives Gedankengut verbreitete – solche Auffassungen hatten etwa eine große Rolle gespielt beim Angriff der harten Antikommunisten Joseph McCarthy und Richard Nixon auf amerikanische Eliteuniversitäten. Jetzt aber zielten die Angriffe auf den Intellektuellen als kalten Technokraten, der unter Missachtung der amerikanischen Demokratie seine sozialen Experimente durchführte und mit kalter Verachtung auf den »average man« schaute. Zum Feindbild der Neokonservativen avancierten neben den »Washingtoner Bürokraten« die Professoren der Eliteuniversitäten an der amerikanischen Ostküste. Lieber würde er sich von den ersten 2.000 Namen im Bostoner Telefonbuch regieren lassen als von den 2.000 Professoren der HarvardUniversität, höhnte einmal William F. Buckley, der Gründer des konservativen National Review und einer der Paten des modernen amerikanischen Konservativismus.6 Wie in vielen anderen Fällen ging hier ein artikulierter, ausformulierter Antiintellektualismus von Intellektuellen selbst aus – und zwar in der Regel von jenen, die als eine Art Gegeneliten bisher eher eine periphere Position eingenommen hatten und nicht Teil eines relativen Elitenkonsens gewesen waren. Aber wirkliche Massenwirkung entfaltete das Ganze erst, als führende konservative Politiker diese Erzählung aufnahmen. Die Chimäre der »liberalen Elite« war dabei ziemlich hilfreich, wenn es darum ging, die lange Zeit dominante New Deal-Koalition der Demokraten zu zerstören und ihnen einen großen Teil der weißen Arbeiterklasse abspenstig zu machen. Es war, wie die populistische Strategie insgesamt, der Versuch, die sozio-ökonomische Konfliktlinie mit einer kulturellen zu überschreiben. Denn besonders populär waren die Angriffe auf Sozialprogramme nicht, ebenso wenig wie der allgemeine libertäre Ruf der Republikaner nach »small government«. Was aber tatsächlich verfing in der amerikanischen Arbeiterklasse, das war eben jenes Ressentiment gegenüber einer abgehobenen, urbanen Elite, die mit Verachtung auf »fly-over-America« schaute und in Wahrheit keine Ahnung davon hatte, was im Land wirklich vor sich ging. 5 Vgl. Steinfels 1979 sowie Nash 1979. 6 Vgl. Farber 2010, 47.
Lütjen: Vom »Common Sense« zu den »Alternative Facts« | 151 Auch Race spielte in diesem Prozess von Anfang an eine große Rolle. Denn der erste Politiker, der Antiintellektualismus zu seinem Kennzeichen machte, war der Gouverneur von Alabama, George Wallace. Wallace war zwar Demokrat, aber eben vor der großen Zeitenwende des »Southern realignment«, in dessen Folge der extrem konservative Süden erst beginnen sollte, republikanisch zu wählen. Er war daher vornehmlich ein überzeugter Anhänger der faktischen Rassentrennung in den Staaten des amerikanischen Südens. Neben allem anderen, womit er seinen Rassismus legitimierte, spielte Antiintellektualismus eine zentrale Rolle. Es war wohl zwischen blankem Zynismus und tatsächlicher Unwissenheit angesiedelt, wenn er und andere den »Southern Way of Life« verteidigten und meinten, dass Leute von außen kaum beurteilen könnten, was für das Land und seine Bewohner das Richtige sei. Wallace ätzte gegen »theoreticians« und »pseudo-intellectuals«, die glaubten, dass ein Plan aus ihrer Schublade überall im Land funktionieren müsse. Was wussten sie schon von den komplizierten Verhältnissen vor Ort? Wie konnten Menschen, die sich niemals bei der Arbeit die Hände schmutzig gemacht hatten, überhaupt anderen Leuten etwas vorschreiben wollen? Vermutlich war der Mann aus Alabama, der dann bei der Präsidentschaftswahl 1968 beträchtliche Erfolge als Kandidat der unabhängigen »Independence Party« feierte, auch einer der ersten, der sich exzessiv als Repräsentant des »average man« vermarktete, bisweilen bis zur Selbstsatire. Wallace trug aus Prinzip gebrauchte Anzüge und bekundete stolz, auf jede seiner Mahlzeiten Ketchup zu schütten – alles, um sich als authentischer Vertreter von »Middle America« zu inszenieren.7 Das klingt gewiss banal, aber es war ein wichtiger Teil der Verächtlichmachung von allem, wogegen der Antiintellektualismus sich richtete: gegen die vermeintliche Arroganz und Abgehobenheit des urbanen Amerika, seiner vermeintlichen Lust an der Distinktion, seiner Unwissenheit über das, was die Durchschnittsamerikaner umtrieb. Wallace und seine Pose wurden fortan von Generationen republikanischer Politiker kopiert. Richard Nixon war dazu habituell noch nicht in der Lage, aber er lieferte dafür die richtigen rhetorischen Versatzstücke. Da war der Slogan von der »silent majority« – jener vermeintlichen Mehrheit rechtschaffener, aber eigentlich ganz unpolitischer Amerikaner, die auf die Erschütterungen der 1960erJahre mit Abwehr reagierten. Auch die damals einsetzende Hetze gegen die »liberalen Medien« führte Nixon in den Diskurs ein. So verlautbarte Nixons einflussreicher Redenschreiber Patrick Buchanan: »There is no element in American life more out of touch with the concerns and beliefs of the common man than the liberal press.«8 Seine republikanischen Nachfolger im Weißen Haus wie Ronald Reagan und George W. Bush mussten nur noch, in Anknüpfung an Wallace, ein Stück hemdsärmelige Volkstümlichkeit hinzufügen. Insbesondere Bush, der an der Basis lange Zeit extrem populär war, bis das Desaster im Irak und die Finanzkrise ihn delegitimierten, spielte mit dem Image des breitbeinigen Texaners, der im Zweifel lieber seinem Bauchgefühl als den Empfehlungen 7 Vgl. Lütjen 2016, 59–61 (Anm. 64). 8 Buchanan 1973, 22.
152 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker irgendwelcher Experten vertraute.9 Reagan und Bush waren damit äußerst erfolgreich, gelang es ihnen doch immer wieder, ihre Widersacher von den Demokraten als elitäre und versnobte Schnösel zu karikieren. Die Obama-Jahre sahen dann nicht nur einen großen Backlash gegen den ersten Schwarzen im Weißen Haus – sondern gegen den vielleicht ersten Intellektuellen im Zentrum der Macht. Es lag insofern wohl in der Logik des Ganzen, dass sich auch der Antiintellektualismus in seiner Intensität steigerte. Vor allem wurde er in gewisser Weise authentischer. Bei Bush und anderen Konservativen, allesamt Absolventen von Ivy-League-Universitäten, war die Verachtung der Intellektuellen oft noch Pose gewesen. Der U.S.-Konservatismus hatte schließlich immer schon ein merkwürdiges Janusgesicht gehabt: Trotz der eifernden Intellektuellenfeindschaft waren die Republikaner paradoxer Weise oft als »Partei der Ideen« bezeichnet worden. In republikanisch dominierten Kabinetten spielten Intellektuelle seit Reagan oft eine prominente Rolle; und auch die zahlreichen konservativen Think Tanks hatten mit ihren Konzepten stets großen Einfluss auf die politische Agenda der Partei gehabt, was freilich nicht immer segensreich sein musste – denkt man nur an die Katastrophe des Irakkrieges, dessen Grundzüge dort am Reißbrett als »democracy promotion« und »state building« vorgedacht worden waren. Die neuen Matadoren des U.S.-Konservatismus aber machten seit den Obama-Jahren ernst. Antiintellektualismus war für sie keine Diskursstrategie mehr, sondern tief verinnerlicht, wurde überhaupt ressentimentgeladener, aggressiver, geifernder. Niemand verkörperte das – einige Jahre vor Trump und in vielem ein Fanal für alles, was noch folgen sollte – besser als Sarah Palin, die Gouverneurin aus Alaska, die 2008 an der Seite von John McCain als Vizepräsidentin kandidierte und über Obama meinte: »We need a commander in chief, not a professor of law standing at the lectern.« Palins Antiintellektualismus war mehr als nur Strategie, war nicht nur eine kalkulierte Provokation, obwohl er das gewiss auch war. Palin musste sich gar nicht verstellen: »Sarah Barracuda« hatte, mit Verlaub, bei vielen Sachthemen oft keinen blassen Schimmer. Doch sie zelebrierte das förmlich, feierte sich so als authentische Vertreterin des amerikanischen »heartland«. Jedes Mal, wenn sie ihre Unwissenheit lustvoll zur Schau stellte und die »Mainstreammedien« sie dafür attackierten, lief alles nach dem Drehbuch der populistischen Erzählung: Dann waren es wieder die arroganten »Eliten«, die nicht ertragen konnten, dass endlich jemand aus der Mitte des Volkes, nämlich die »hockey mom« Sarah Palin aus Wasilla, Alaska, bis ganz nach oben strebte. Die Ehrerbietung für Palin – deren Schwächen manche ihrer Anhänger durchaus sahen – zeigte, wie groß mittlerweile der Hass auf alles war, was jenseits der eigenen Lebenswelt lag und nicht genau das bestätigte, was man doch ganz sicher zu wissen glaubte. Interessant erscheint überdies, dass Antiintellektualismus eigentlich oft männlich konnotiert war. Palin aber verkörperte einen uramerikanischen Mythos, der nachgerade kongenial mit Antiintellektualismus korrespondierte: den Mythos der »Pionierfrau«, die an der äußers9 Vgl. Jacoby 2009.
Lütjen: Vom »Common Sense« zu den »Alternative Facts« | 153 ten Frontier – der westlichen Grenze, an der Wildnis und Zivilisation aufeinandertreffen – des Landes ihren Posten hielt und dabei tougher war als all die verweichlichten Männer. Wer brauchte schon zu wissen, dass Nordkorea und Südkorea zwei unterschiedliche Länder waren, wenn man, so die mediale Selbstinszenierung, in der Freizeit am liebsten mit dem eigenen Nachwuchs schwer bewaffnet durch den Schnee stapfte, Elche erlegte und sie gleich eigenhändig ausweidete?10 Das alles lässt sich noch erzählen im Rahmen der ersten Variante des Antiintellektualismus als romantische und antirationalistische Sichtweise, die mit der Gegenüberstellung von abstrakter Theorie und konkreter Praxis spielte und auf Common Sense vertraut. Auch bei Trump spielte diese erste Variante eine große Rolle, war es doch Teil seines Appeals, eben ein Mann zu sein, der reale Dinge baute, reale Arbeitsplätze geschaffen hatte, anders als die politische Klasse, die sich bei ihrer Wirtschaftspolitik auf die Expertisen irgendwelcher Ökonomen stützte: der Unternehmer als Verkörperung des amerikanischen Traums, der seinen Erfolg natürlich seinem Sinn für das Praktische und nicht dem Abstrakten und Theoretischen verdankte. Wie der amerikanische Historiker Michael Kazin in seiner brillanten Studie zur Geschichte des U.S.-amerikanischen Populismus herausgearbeitet hat, spielte die Ideologie des ›producerism‹ immer schon eine große Rolle: die Gegenüberstellung jener, die aktiv in den Produktionsprozess eingebunden sind (klassenübergreifend vom Arbeiter bis zum CEO), und jenen, die von den Früchten dieser Arbeit leben, vom Staatsbeamten bis eben hin zum Intellektuellen.11 Oder wie es vor einigen Jahren ritualisiert auf republikanischen Parteitagen hieß: »I built that!« 3. Postmoderner Antiintellektualismus Wie gesagt: Antiintellektualismus als antirationalistische, romantische Geisteshaltung, das ist und bleibt der dominante Strang – und auch der derjenige mit der längsten Tradition. Doch seit den 1960erJahren hat dieser Antiintellektualismus sich weiterentwickelt und weitere Nebenstränge ausgebildet. Die zweite Variante, um die es hier gehen soll, ist daher der postmoderne Antiintellektualismus: die Relativierung wissenschaftlicher Erkenntnisse als immer nur partielle Ausschnitte der Realität, wie überhaupt die Weigerung, eine einzelne Beobachterposition gegenüber anderen vorzuziehen. Natürlich scheint das ein Widerspruch zu sein: Der amerikanische Konservatismus, diese Heimstatt tiefgläubiger und, jedenfalls in Teilen, fundamentalistischer Christen, die keinen Zweifel haben an der Existenz letzter Wahrheiten, nimmt plötzlich Anleihen bei ein paar gottlosen französischen Theoretikern? Bevor Amerikas Konservative die Critical Race Theory als Grundübel der Nation entdeckten, wetterten sie in den 1980er und 1990erJahren tat10 Vgl. Lütjen 2016, 119–121. 11 Vgl. Kazin 1995.
154 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker sächlich gegen die vermeintlich mit postmodernen Theorien vollgestopften Curricula amerikanischer Universitäten, in denen den Studierenden beigebracht werde, es gebe keine unumstößlichen Prinzipien, keine natürliche Ordnung der Dinge, nicht einmal die Wahrheit, sondern nur verschiedene Interpretationen einer sowieso immer schon sozial konstruierten Wirklichkeit.12 Und in der jüngsten Vergangenheit? Sprach etwa Donald Trumps Pressesprecherin im Weißen Haus, Kellyanne Conway, von »alternative facts«, wenn es darum ging, die offensichtlich falschen Angaben zur Zahl der Teilnehmer bei der Amtseinführung des Präsidenten zu rechtfertigen. Diese merkwürdige Rechtfertigung einer durch ein gekränktes Ego ausgelösten offensichtlichen Unwahrheit hätte aber nicht eine solche Karriere samt eigenem Wikipedia-Eintrag machen können, wenn sich in ihr nicht der gesamte Umgang Trumps mit Wahrheit manifestieren würde. Als erster »postmodern President« galt Trump vielen, weil seine Lügen so unverstellt waren, so leicht zu widerlegen, so wenig Interesse daran zu bestehen schien, überhaupt die »Fakten« auf seiner Seite zu haben, dass einige darin mehr sahen als nur die Schamlosigkeit eines pathologischen Lügners. Sowohl von liberaler als auch von konservativer Seite wurde Trumps Präsidentschaft daher als gerechte Strafe für einen Zeitgeist interpretiert, der im Namen der Postmoderne schon lange einem Relativismus das Wort rede, der keine objektiven Wahrheiten, sondern nur noch subjektive Standpunkte kenne. Solcherlei geschwächt, so geht diese These weiter, hätten die freien und offenen Gesellschaften des Westens keine Antikörper mehr besessen, um das Eindringen des »postfaktischen Virus« zu verhindern.13 Nun ist das alles nicht nur ein populäres Zerrbild dessen, was der Begriff der Postmoderne bezeichnet, deren Denker natürlich niemals behauptet haben, es gebe keine objektiven Wahrheiten mehr. Man darf wohl davon ausgehen, dass Trump seine Abende nicht doch im Geheimen mit der Lyotard-oder Derrida-Lektüre verbringt. Plausibel aber ist, dass die grundsätzliche Erfahrung der Moderne, dass die Welt formbar ist, sie auch eine andere sein könnte und wir uns angehalten fühlen, eine andere Wirklichkeit hinter der vermeintlichen zu entdecken, durchaus einen Resonanzboden für Trumps Unwahrheiten abgeben. Zudem sind seine Lügen, wie andere vermuten, unverhüllte Machtdemonstrationen: Seht her, ich bin so mächtig, dass ich behaupten kann, dass zwei und zwei gleich fünf sind; und niemand kann mich daran hindern – ein veritabler »power move« à la Pippi Langstrumpf. Auch das hat Trump nicht erfunden – diese Verbindung aus postmoderner Wirklichkeitsanzweiflung gepaart mit einem an Carl Schmitt geschulten zynischen Dezisionismus. Im amerikanischen Konservatismus scheint diese zweite Variante des Antiintellektualismus seit den frühen 2000erJahren einen festen Platz zu haben. Jedenfalls waren es die ersten George W. Bush-Jahre, in denen man Argumente dieser Art vernehmen konnte; und zwar aus dem Inneren der Regierung selbst, in der sich nicht zufällig eine ganze Reihe von Adepten des be12 Vgl. beispielhaft Bloom 1987. 13 Vgl. Hanlon 2018.
Lütjen: Vom »Common Sense« zu den »Alternative Facts« | 155 rüchtigten deutschen Staatsrechtlers tummelte. Besonders erhellend war damals ein Artikel, den Ron Suskind 2004 für das New York Times Magazine verfasste. Darin zitierte Suskind einen anonym bleibenden Berater Bushs (der später von vielen als Karl Rove identifiziert wurde), der die Meinung des Präsidententeams über Journalisten kundtat. Diese seien eben, meinte er abschätzig, Teil der »reality-based community«, Menschen, die tatsächlich glaubten, dass Lösungen sich aus der sorgfältigen Analyse einer identifizierbaren Realität ergäben. So aber, teilte der Berater Suskind mit, würde die Welt nicht mehr funktionieren. Im Weißen Hause schaffe man durch die eigenen Handlungen eigene Realitäten. Während die »reality-based community« – man könnte sagen: die »Realitätsgläubigen« – noch versuchten, diese neue Realität zu verstehen, sei man längst dabei, neue Realitäten zu schaffen – die die Journalisten und andere »Realitätsgläubige« dann wieder untersuchen könnten und so weiter und so fort: »That’s not the way the world really works anymore […] We’re an empire now, and when we act, we create our own reality. And while you’re studying that reality – judiciously, as you will – we’ll act again, creating other new realities, which you can study too, and that’s how things will sort out. We’re history’s actors […] and you, all of you, will be left to just study what we do.« 14 Vielleicht rührt aus diesem Flirt mit dem Postmodernismus der gegenwärtige Hang der SpinDoktoren der Bewegung, überhaupt nicht so sehr auf die Durchsetzung eines eigenen Masternarrativs zu setzen, sondern eher darauf, dass sich nicht jenes der Gegenseite durchsetzt, um vom entstandenen epistemologischen Chaos zu profitieren. »Flooding the zone with shit«, wie Trumps Berater Steve Bannon es einst bezeichnete: So viele Gegeninformationen so dauerhaft zu verbreiten, bis die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion für viele Bürger nicht mehr auseinanderzuhalten sind. 4. Antiintellektualismus als Wissenschaftssimulation Die dritte Variante des modernen Antiintellektualismus ist auf die zweite eng bezogen, mehr noch: Ohne die Grundbedingungen, die den postmodernen Antiintellektualismus möglich gemacht haben, könnte es die dritte Variante gar nicht geben. Auch sie lebt davon, dass der Glaube an eine zentrale Autorität geschwunden ist, auch sie ist ein Produkt der »epistemological wars« unserer Zeit. Gleichzeitig ist es auf den ersten Blick aber nicht so eindeutig, ob sie sich überhaupt offensiv gegen Experten und Intellektuelle richtet – da sie sich deren Denkmuster, Sprache und Methoden selbst offensiv bedient. 14 Zitiert nach Block 2018, 28.