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Von Leerstellen und Desideraten: Perspektiven über Anti-intellectualism in American Life hinaus

Hübner, Andreas,Steffensen, Nils

Abstract

Auf Basis der Beiträge des vorliegenden Bandes bleibt festzuhalten, dass die Hofstadters Ausführungen erhebliche Leerstellen auf wiesen: (1)…

Full text

| 161 Andreas Hübner, Nils Steffensen Von Leerstellen und Desideraten Perspektiven über Anti-intellectualism in American Life hinaus »I offer trial models of historical interpretation«, notierte Richard Hofstadter laut New York Times einst und ergänzte: »I function more as a historical critic«. 1 Für einen Historiker, der seit 1959 als DeWitt Clinton Professor der Columbia University einen äußerst renommierten Platz innerhalb der nordamerikanischen Geschichtswissenschaften einnahm, musste diese Aussage überraschen, zeugte sie doch von einer gewissen Distanz zur eigenen Profession und verortete das eigene Tun in den Sphären kritischer Reflexionen. Beinahe schien es, als übertrug Hofstadter, wie einige Zeitgenossen feststellten, seinen (künftigen) Mitstreiter:innen so die Aufgabe, fortan die Thesen seiner Arbeiten zu prüfen bzw. zu widerlegen. 2 Mit dieser Wendung entzog sich Hofstadter auch den historiographischen Debatten um seine Schriften und Person. Schwergewichte wie John Higham, Arthur Schlesinger Jr. und Christopher Lasch hatten seit den 1950erJahren diskutiert, ob Hofstadter der Schule der »consensus historians« zuzurechnen sei – ohne freilich zu einer abschließenden Bewertung zu kommen. 3 Stattdessen überwogen die Einschätzungen der Historiker:innen, die in Hofstadter weniger einen Protagonisten ihrer Zunft sahen als einen, der durch eine ganz eigene Form von Vielseitigkeit bestach und dessen Ansätze von denen anderer Historiker:innen abwichen. Damit kamen sie dem Selbstverständnis Hofstadters durchaus nahe: »Hofstadter thought of himself as working in a different genre from research historians, one as distinct from scholarly monograph as from the old-fashioned historic narrative.« 4 Nach eigener Einschätzung und aus Sicht seiner Zeitgenossen operierte Hofstadter also jenseits jedweder historiographischen Klassifikationen und war, so formulierte es Daniel Singal, stets dem kreativen und kritischen Experiment verpflichtet: »He was an experimentalist whose talent lay in opening new possibilities for others rather than in pursuing tidy 1 Whitman 1970, 92. 2 Vgl. Howe/Finn 1974, 1. 3 Vgl. Singal 1984, 976–977; und natürlich halten die Diskussionen bis heute an, siehe zuletzt u.a. Snodgrass 2018. 4 Howe/Finn 1974, 22. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p9 162 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker conclusions himself.«5 Nicht zuletzt mit Anti-intellectualism in American Life legte Hofstadter ein Werk vor, das dem Experimentellen außerordentlich verpflichtet schien. Schon sein Gebrauch des Antiintellektualismusbegriffs stellt(e) Historiker:innen, past and present, vor Herausforderungen. Anstatt eine konzise Definition zu liefern, vermerkte Hofstadter bereits auf den einleitenden Seiten des Bandes, dass der Begriff sich eher unauffällig und unbestimmt in den U.S.-amerikanischen Sprachgebrauch eingeschlichen und lange Zeit eine Vielzahl »unerwünschter« Phänomene beschrieben habe. Ähnlich verhielt es sich mit Hofstadters Gebrauch des Begriffs des Antiintellektualismus. Einzig dem Begriff des Intellekts näherte sich Hofstadter. In Abgrenzung zum Begriff der Intelligenz hob er die kritische, kreative und kontemplative Seite des Geistes hervor und betonte: »Whereas intelligence seeks to grasp, manipulate, re-order, adjust, intellect examines, ponders, wonders, theorizes, criticizes, imagines.«6 Für den Begriff des Antiintellektualismus hingegen sei eine gewisse Unschärfe prägend, die zugleich die Quelle seiner Wirkmächtigkeit darstellte: »One reason anti-intellectualism has not even been clearly defined is that its very vagueness makes it more serviceable in controversy as an epithet.«7 In Anti-intellectualism in American Life konzipierte Hofstadter den Antiintellektualismus vor allem als Geflecht komplexer Ideen und Haltungen, weniger als historischen Gegenstand. Sein Erkenntnisinteresse galt den Konjunkturen des Antiintellektuellen in einem Netz historischer Verknüpfungen des politischen Argwohns und Misstrauens gegen »the life of the mind«.8 Um den Spuren des Antiintellektuellen auf die Schliche zu kommen, bedürfe es, so Hofstadter, keiner formalen Geschichtsschreibung. Vielmehr müsse man sich jener »impressionistischen Apparaturen«9 bedienen, mit deren Hilfe man ein Milieu rekonstruieren oder eine Stimmung einfangen könne: »[A]nti-intellectualism cannot be made the subject of a formal history in quite the same way as the life of a man or the development of an institution or a social movement.«10 Nicht zuletzt aufgrund dieser Anmerkungen erscheint es nachvollziehbar, dass sich Patrick Bahners in diesem Band auf eine Haltungs-und Ideensuche begibt, die die methodischen und politischen Grundlegungen Hofstadters historisiert und auch die Grenzen von Anti-intellectualism in American Life offenlegt. Bahners bemerkt pointiert: »Hofstadter ignoriert den Antiintellektualismus, den man auch bei Intellektuellen antrifft.«11 Auch Jennifer Ratner-Rosenhagen würde vermutlich an diesem Punkt ansetzen und Hofstadters Schriften innerhalb einer liberalen Tradition verorten, die sich selbst, ohne 5 Singal 1984, 1004. 6 Hofstadter 1963, 25. 7 Ebd., 6–7. 8 Ebd., 7. 9 Vgl. ebd.: Hofstadter spricht von »impressionistic devices«. 10 Ebd. 11 Bahners, 123, https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p6. Vgl. auch Lütjen, 148, https://doi.org/10.38072/9783-910591-27-1/p8, und Nitz, 58-59, https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p3. Hübner, Steffensen: Von Leerstellen und Desideraten | 163 jeden Selbstzweifel, als entscheidenden Bestandteil der amerikanischen Geschichte ansah und diesen Umstand für die Zukunft nicht infrage stellte.12 Bei aller Fokussierung auf das Kreative, Kritische und Experimentelle wiesen Hofstadters Ausführungen doch erhebliche Leerstellen auf: (1) Sein Anschreiben gegen den Antiintellektualismus agierte in Form einer kulturellen Selbstermächtigung und funktionierte aus einer nur spärlich reflektierten, privilegierten Position heraus: Männlich, weiß und gebildet, war Hofstadter Teil eines klassischen, weißen akademischen und professionellen Intellektualismus.13 (2) Sein Verständnis des Antiintellektualismus basierte dabei auf einer Vorstellung der amerikanischen Nation, die dieselbige personalisierte und sie als das Ergebnis politischer Genies und außergewöhnlicher Einzelpersonen darstellte.14 (3) Zu guter Letzt spielten von der weißen männlichen Elite generell marginalisierte Gruppen in seinen Überlegungen kaum eine Rolle. Frauen dachte Hofstadter, wie Julia Nitz in ihrem Beitrag feststellt, selten mit.15 Auch andere marginalisierte und diskriminierte Gruppen, wie Afroamerikaner:innen, erfuhren nur rudimentäre Beachtung. In der Konsequenz war Hofstadter, wie Nils Steffensen vermerkt, »weniger ein Erforscher der Vergangenheit als vielmehr selbst eine Quelle der Geschichtswissenschaft«, seine Deutung der Geschichte der USA eher Offenbarung der Selbstsicht auf die normative Funktion der Frühen Republik als kritische Analyse der gesamten U.S.-amerikanischen Gesellschaften.16 Hofstadter neu zu lesen und produktiv zu machen, würde demnach verlangen, so zeigt nicht nur der Verweis auf Ratner-Rosenhagen, sondern, so legen es zahlreiche Beiträge in diesem Band nahe, die Wurzeln seiner Thesen in einer romantischen, weißgewaschenen Kritik an der U.S.-amerikanischen Kultur zu sehen: »His critique, like many before him, is a romantic longing for an America not yet achieved.«17 Trotzdem – oder gerade deswegen – haben Hofstadters Thesen immer wieder Einzug in die Schriften jener Akteure und Gruppen gefunden, die bei ihm wenig Berücksichtigung finden. In einer Reportage für das Magazin Ebony, welche die Herausforderungen für intellektuelle Frauen der afroamerikanischen Gemeinschaft in den Fokus rückte, griff die Autorin Ponchitta Pierce im Jahr 1966 auf Hofstadters Ausführungen zum Intellekt zurück und führte ihren Leser:innen daran anschließend mühelos die Fülle intellektuellen Lebens schwarzer Frauen vor Augen. Hofstadter hingegen zeigte Pierce en passant die Grenzen des eigenen Denkens auf. Ob Jeanne Noble, Pauli Murray, Anna Read Cook oder Patricia Harris, um nur einige zu nennen, sie alle wurden als »women intellectuals« identifziert – und sie 12 Vgl. Ratner-Rosenhagen 2019, 138. Auch wenn Hofstadter selbst eine umfassende liberale Tradition in der amerikanischen Geschichte nicht erkennen wollte; siehe Kornhauser 2018, 146: »[U]nlike many of his contemporaries Hofstadter did not argue for a comprehensive liberal tradition in American history.« 13 Vgl. Hübner, 97-98, https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p5. 14 Vgl. Paul 2014, 198. 15 Vgl. Nitz, 42, https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p3. 16 Vgl. Steffensen, 37, https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p2. 17 Ratner-Rosenhagen 2009, 42. 164 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker alle verdienen noch heutzutage größere Aufmerksamkeit, als sie weithin erfahren.18 Zwar haben die Forschungen von bell hooks, Cornel West und vielen anderen in den letzten Jahren das historische Bewusstsein in dieser Hinsicht geschärft und historiographische Pionierarbeit geleistet,19 prinzipiell sollte die »African American Intellectual History« künftig aber, wie Brandon Byrd unlängst monierte, als essentieller Bestandteil jedweder globaler intellektueller Geschichten gedacht werden: »[I]ntellectual historians should treat African American intellectual history as essential, not additive – as foundational rather than ancillary to any substantive analysis of US or even global intellectual history.«20 Damit wäre der Weg für post/moderne Perspektiven bereitet, die im Geiste der schwarzen intellektuellen Tradition die aufklärerischen Ideen des Fortschritts und der Linearität infrage stellen und neue Antworten für eine Zukunft fernab eurozentrischer Konzeptionen von Menschlichkeit finden müssten.21 Davon abgesehen könnten so, und der vorliegende Band deutet dies an, die Funktionsweisen des systemischen Rassismus und der Diskriminierung, wie sie die antiintellektuellen Varianten des U.S.-amerikanischen Konservativismus und der White Supremacy-Ideologien kennzeichnen, tiefergehend untersucht und analysiert werden.22 Dabei ginge es auch darum, den Antiintellektualismus und die Akteur:innen des Antiintellektualismus beim Worte zu nehmen. Hofstadter verstand die artikulierte Idee und Haltung nicht als simple Begleiterscheinung von ökonomischen und sozialen Bedingungen oder politischen Handlungen, sondern als Kräfte »that could define a political movement and explain the popular appeal of a given political leader«.23 Er wandte sich damit, so David Hollinger, von etablierten politikwissenschaftlichen und-geschichtlichen Denkmustern ab. Den üblichen Leitsatz – »Don’t tell me what a politician said, tell me what he did« – drehte er um. Für Hofstadter, und dies scheint ein wichtiger Hinweis zu sein, zählte die ideologische Selbstrepräsentation von politischen Akteur:innen etwas, sie war essentiell um ihre Rolle in der Geschichte zu bestimmen.24 Hofstadter erwies sich mitnichten nur als Kind seiner Zeit. Zweifellos haben Historiker:innen zu Recht immer wieder auf den Entstehungskontextes von Anti-intellectualism in American Life hingewiesen.25 Hofstadters Überlegungen zum Antiintellektualismus aber als schlichte Reaktion auf die EisenhowerÄra und den McCarthyismus zu lesen, würde dem 18 Vgl. Pierce 1966; Pierce drückte in ihrem Artikel auch die Multidimensionalität der Machtbeziehungen aus, denen sich afroamerikanische Frauen gegenübersahen. Verschiedene Diskriminierungsformen interagierten dabei miteinander: Intellekt und Intellektualismus wurden ihnen nicht nur abgesprochen, weil sie als schwarz, sondern auch, weil sie als weiblich gelesen wurden. Siehe hierzu die Schriften zur Intersektionalität, u.a. Crenshaw 1991. 19 Vgl. bell hooks/West 1992. 20 Byrd 2021, 864. 21 Vgl. ebd., 863. 22 Vgl. Lütjen, 158-159, https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p8; Rebecca Brückmann hat sich während unseres Workshops dieser Thematik im Besonderen gewidmet. Siehe auch Brückmann 2021 sowie dies. 2019. 23 Hollinger 2017, 2016 24 Vgl. ebd. 25 Siehe u.a. O‘Brien 2017, 369. Hübner, Steffensen: Von Leerstellen und Desideraten | 165 Werk nicht gerecht und das Potenzial einer Historisierung von Hofstadters Thesen – und des Antiintellektualismus per se – untergraben. Eine Fokussierung auf die Sprache und Artikulation des Antiintellektuellen etwa könnte die Forderungen jener Historiker:innen erfüllen, die vor allem Hofstadters Elitismus kritisch sehen. Empfindungen und Sensibilitäten könnten verstärkt in den Blick genommen werden und eine neue Form der Ideengeschichte entstehen, wie unter anderem Tim Lacy sie jüngst skizzierte: »By more thoroughly exploring the ratiocinations, sensibilities, and apparent unreason of others, a more inclusive, just, and useful history of thought may emerge.«26 Antiintellektualismus: Ein unwahrscheinlicher Klassiker will sich mit seinen Beiträgen an diesem Prozess beteiligen. Hofstadter – und seiner Konzeption des Antiintellektualismus – sind dabei freilich eine Vielzahl von Autor:innen zur Seite zu stellen, seine Prämissen und Denkweisen in mannigfaltiger Hinsicht kritisch zu hinterfragen. Nichtsdestotrotz, Hofstadters Anti-intellectualism in American Life ist auch 60Jahre nach seinem Erscheinen weiterhin von Relevanz, der Begriff des Antiintellektuellen noch immer ein zentrales Schlagwort der U.S.-amerikanischen Selbstwahrnehmung.27 Die Diskussionen um den historischen Antiintellektualismus ist längst nicht abgeschlossen, sondern steht, legt man die Beiträge dieses Bandes zugrunde, an einem Wiederbeginn. Dass dieser Band in deutscher Sprache bei in einem deutschsprachigen Verlag erscheint, hätte Hofstadter vermutlich als ironic twist verstanden, als Spiegelbild der vielen Leerstellen inner-und außerhalb dieses Bandes, als Artikulation des Desiderats eines dringend notwendigen globalen und dekolonisierten Ansatzes bei der Erforschung des historischen Antiintellektualismus. 26 Lacy 2018, 267. 27 Vgl. Hofstadter 1963, 6. Bibliographie bell hooks/West 1992 = bell hooks/C. West (Hgg.), Breaking Bread. Insurgent Black Intellectual Life, Boston 1992. Brückmann 2019 = R. Brückmann, Citizens’ Councils, Conservatism, and White Supremacy in Louisiana, 1964–1972, in: European Journal of American Studies, 14, 1–24. Brückmann 2021 = R. Brückmann, Massive Resistance and Southern Womanhood. White Women, Class, and Segregation, Athens 2021. Byrd 2021 = B. R. Byrd, The Rise of African American Intellectual History, in: Modern Intellectual History, 18, 2021, 833–864. Crenshaw 1991 = K. 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Autoren Andreas Hübner ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl der Didaktik der Geschichte an der Christian-Albrechts -Universität zu Kiel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Nordamerikastudien, der Geschichtsdidaktik, der Globalund Kulturgeschichte sowie in der Umweltgeschichte, der Geschichte des Anthropozäns und der historischen Tierforschung. Mit Maria Moss und Micha Gerrit Philipp Edlich gab er im Jahr 2022 den Sammelband Multispecies Futures: New Approaches to Teaching Human-Animal Studies heraus. [email protected]iel.de Nils Steffensen ist Mitglied des Seminars für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der Europa-Universität Flensburg. In Tübingen, Köln und Princeton studierte er Geschichte, Lateinische Philologie, Philosophie und Politikwissenschaften. 2013 wurde er mit einer historiographiegeschichtlichen Dissertation promoviert. Seine Forschungsschwerpunkte bilden die Geschichtsschreibung, die Rezeptionsgeschichte der Antike und die politische Philosophie. nils.s[email protected] Open Access // Der Beitrag ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0) veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Beitrags von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.