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Das »Mencken-Paradigma« und Hofstadters Antiintellektualismusvorwurf: Zu Religion und Konservatismus in den USA

Bassimir, Anja-Maria

Abstract

Als »Mencken-Paradigma« hat der Historiker Michael Hochgeschwender eine bestimmte skeptisch-ironische Betrachtung konservativer Religion bezeichnet,…

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| 129 Anja-Maria Bassimir Das »Mencken-Paradigma« und Hofstadters Antiintellektualismusvorwurf Zu Religion und Konservatismus in den USA 1. Einleitung Als Präsidentschaftskandidat Donald Trump im Wahljahr 2016 gegen die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton gewann, berichteten die Medien, dass weiße Evangelikale den Republikaner mit einer überwältigenden Mehrheit von 81Prozent gewählt hätten. 1 Dieser Befund kann auf Zahlen von Wählerbefragungen beim Verlassen der Wahllokale zurückgeführt werden, die von Pew zusammengestellt und sowohl von Medien wie CNN als auch anderen Demoskopie-Instituten, wie PPRI, veröffentlicht wurden. 2 Schaut man sich den Bericht genauer an, liest man in der Fußnote: »The ›white, born-again/evangelical Christian‹ row includes both Protestants and non-Protestants (e.g., Catholics, Mormons, etc.) who selfidentify as born-again or evangelical Christians.« 3 Unter weißen Evangelikalen verstanden die Demoskopen also alle weißen Personen, die sich selbst als wiedergeborene oder evangelikale Christen verstehen, unabhängig von der konfessionellen Zugehörigkeit. Es ist auffällig, dass diese augenscheinlich religiöse Kategorie einerseits stark von einem angenommenen/ zugeschriebenen Weißsein, hier als (hegemoniale) Norm im Sinne der kritischen Rassismusforschung verstanden, abhängig ist und andererseits wenig religiöse Trennschärfe aufweist und stattdessen historisch und konfessionell differenzierte Gruppen – wie Protestanten, Katholiken und Mormonen – in einen Topf wirft. In den USA, wo Gläubige nicht in Staatskirchen organisiert sind und sich eine große Vielfalt von religiösen Traditionen und Vergemeinschaftungsformen entwickelt hat, wird 1 Siehe u.a. Pulliam Baily 2016; FOX 17 News 2016; Jones 2016; die evangelikale Politikwissenschaftlerin Amy Black fand, dass die Google-Suchanfrage »81 percent of white evangelicals« am 13. Juni 2018 974.000 Ergebnisse anzeigte (Black 2019). 2 Martínez/Smith 2016; Exit Polls 2016; Cox 2016; Burge/Lewis 2018, 745–746. 3 Martínez/Smith 2016. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p7 130 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker die größte religiöse Glaubensrichtung, die Protestanten, oft auf drei Kategorien reduziert: »Mainline Protestants«, weiße Evangelikale und schwarze Kirchen.4 Diese Praxis kann als pragmatische Methode, um die unübersehbare Heterogenität der U.S.-amerikanischen Religionslandschaft in handhabbaren Großkategorien zusammenzufassen, verstanden werden. Doch nach welchen Kriterien werden Gläubige, Religionstraditionen und Vergemeinschaftungsformen unterschieden? Offensichtlich sind die Ordnungskriterien, die religiöse Großkategorien in den USA bestimmen, nicht religiöse Unterschiede, sondern sie sind race-based und zum Teil politisch. Zum einen wird pauschal zwischen weißen und schwarzen Gläubigen unterschieden, zum anderen werden weiße Protestanten in Mainliner und Evangelikale getrennt (und zum Teil auch nicht-Protestanten den Evangelikalen zugeschlagen), Kategorien, die mit der politischen Zweiteilung in Liberale und Konservative zusammenfallen. Während es natürlich differenziertere Studien gibt, herrschen diese groben Einteilungen in der Berichterstattung der Medien vor und prägen insbesondere außerhalb der USA das Bild von amerikanischer Religion. Dabei scheint die Sympathie sowohl von Berichterstattern vor Ort als auch von deutschem Lesepublikum auf Seiten der politisch und religiös Liberalen, beschrieben als tolerante, progressive, rationale und weltoffene Menschen, zu liegen und gegen die politisch und religiös Konservativen gerichtet zu sein, beschrieben als emotionale, dogmatische, intolerante und antiintellektuelle Menschen. Diese Einteilung der Gesellschaft in zwei Lager lässt sich auf eine bestimmte Lesart der sogenannten Fundamentalismus-Modernismus-Kontroverse der 1920erJahre zurückführen, die der Historiker Michael Hochgeschwender als »Mencken-Paradigma« bezeichnet hat: die Darstellung des sogenannten »Scopes-Affenprozesses« durch den Journalisten H. L. Mencken und ihre Tradierung durch Akademiker wie Richard Hofstadter in den 1950er und 1960erJahren. Hofstadter und andere sogenannte Konsensus-Historiker betonten in ihrer Geschichtsschreibung einen liberalen amerikanischen Konsens und devaluierten Konservatismus damit als unamerikanisch.5 Während sich seit den 1990erJahren HistorikerInnen intensiv mit Konservatismus in den USA beschäftigt und ein differenziertes Bild dieses 4 Von 1850 bis 1946 sammelte das U.S. Zensusbüro in einem Rhythmus von etwa zehn Jahren auch Religionsdaten. Der Kongress entschied 1976, dass Religionsfragen im Zensus nicht mehr abgefragt werden dürfen (Farris Rosen 2010). Seitdem beruhen Religionsdaten auf Umfragen von Demoskopie-Instituten wie Gallup, Pew und PRRI. Eine der vollständigsten Religionsstudien ist die Pew Religious Landscape Studie, die bisher zweimal, 2007 und 2014, auf der Grundlage von mehr als 35.000 Telefoninterviews mit Teilnehmenden aus allen 50 Staaten durchgeführt wurde (About the Religious Landscape Study). Auf der Webseite, auf der die Daten von 2014 aufbereitet sind, bietet Pew eine einfache erste Ebene mit der Unterscheidung von Protestanten in »Evangelical Protestant« (25,4 %), »Mainline Protestant« (14,7 %) und »Black Protestant« (6,5 %) an. Ausklappbare Unterpunkte erlauben Interessierten per Mausklick tiefer in die Komplexität der Religionslandschaft einzusteigen. So werden Evangelikale auf einer zweiten Ebene in 16 Untergruppen gegliedert, zu denen die »Baptist Family (Evangelical Trad.)« (9,2 %), die »Nondenominational Family (Evangelical Trad.)« (4,9 %) oder die »Lutheran Family (Evangelical Trad.)« (1,5 %) zählen (Religious Landscape Study). Ein Appendix listet gesondert auf, welche Denominationen Pew zu welcher Religionsfamilie zählt. So rechnet Pew 25 verschiedene Baptistische Denominationen der Baptistischen Religionsfamilie in der evangelikalen Tradition zu (Appendix B. Classification of Protestant Denominations). 5 »But many historians instead chose to focus on the ›consensus‹ aspect of consensus history, defining America as essentially liberal, and conservatives as, therefore, un-American« (Burns 2004, 457). Bassimir: Das »Mencken-Paradigma« und Hofstadters Antiintellektualismusvorwurf | 131 Phänomens erarbeitet haben,6 lässt sich das Mencken-Paradigma anhand von Arbeiten von Religionssoziologen wie Martin E. Marty und James Davison Hunter bis in die heutige demoskopische und journalistische Berichterstattung verfolgen. Im Folgenden soll erstens der Hofstadtersche Antiintellektualismusvorwurf eingeordnet werden, zweitens der Scopes-Affenprozess und seine Darstellung durch Mencken und Hofstadter umrissen werden, drittens Hofstadters Deskription der Fundamentalismus-Modernismus-Kontroverse mit dem zeitgenössischen theologischen Selbstverständnis kontrastiert werden und viertens die weitere Tradierung des liberalen Bias und des FundamentalismusBegriffs in Hofstadterscher Manier bis in die gegenwärtige Berichterstattung nachgezeichnet werden. Diese Betrachtung soll nicht nur ein komplexeres Bild der Auswirkung des Hofstadterschen Erbes vermitteln, sondern auch zu einer differenzierteren Kategorisierung von Gesellschaft und insbesondere Religion anregen. 2. Zur Verortung von Hofstadters Antiintellektualismusthese Im Jahr 1963 erschien Richard Hofstadters Anti-intellectualism in American Life, das 1964 den Pulitzer Preis für allgemeine Sachbücher gewann. 7 Hofstadter argumentierte darin, dass in den USA eine Atmosphäre vorherrsche, die gegenüber dem höheren Leben des Geistes feindlich gestimmt sei. Er fokussierte dafür vier gesellschaftliche Bereiche: Religion, Politik, Kultur und Bildung. Im Bereich der Religion 8 beschrieb er die Neuenglandkolonien als ein intellektuelles Unterfangen der Puritaner, das bereits in den darauffolgenden Generationen von antiintellektuellen evangelikalen Bewegungen unterwandert wurde. Die religiösen Erweckungsbewegungen des 18. und 19.Jahrhunderts mit ihrer breiten Anziehungskraft lösten dabei das puritanische Erbe ab: »The awakeners were not the first to disparage the virtues of mind, but they quickened anti-intellectualism; and they gave to American anti-intellectualism its first brief moment of militant success. With the Awakenings, the Puritan age in American religion came to an end and the evangelical age began.« 9 Durch gezielte Auswahl seiner Beispiele und Zitate spielte Hofstadter das geistige Leben von Erweckungspredigern herunter (Jonathan Edwards wird zum Beispiel als untypischer Erweckungsprediger mit nur lokalem Einfluss abgetan) und betonte ihre Feindseligkeit gegenüber dem Intellekt. In einer Figur wie Dwight L. Moody (1837–1899) verband sich Ende des 19.Jahrhunderts dann evangelikaler Eifer mit der Organisationspraxis der Geschäftswelt, die Hofstadter in späteren Kapiteln ebenfalls als antiintellektuell einstufte. Mit Billy Sunday (1862–1935) war Hofstadters Narrativ in der Moderne angekommen: Eine neue Welle von Rationalismus, in der Form von 6 Vgl. Phillips-Fein 2011. 7 The 1964 Pulitzer Prize Winner in General Nonfiction, o. D. 8 Die folgende Zusammenfassung bezieht sich auf Teil II in Hofstadter 1963. 9 Hofstadter 1963, 74. 132 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Modernismus und Säkularisierung, bedrängte den Antiintellektualismus, weswegen, in der Argumentation von Hofstadter, Billy Sunday zu besonders vulgären Metaphern und Methoden greifen musste. Religiöser Antiintellektualismus, in der Form von Fundamentalismus, unterlag in dieser Erzählung in der Auseinandersetzung mit rationalem und von Darwin geprägten Modernismus im Scopes-Affenprozess in Dayton im Jahr 1925. Doch der Modernismus wurde weiterhin bedrängt und das Schreckgespenst des Fundamentalismus, diesmal in der Form von McCarthyismus und hysterischem Antikommunismus, tauchte in Hofstadters Gegenwart der 1950erJahre wieder auf. Bereits zeitgenössischen Kritikern fiel auf, dass Hofstadters Definition von Antiintellektualismus dürftig war und es ihm, in den Worten von Daniel Boorstin, um »reputation, status, and privileges of ›intellectuals‹ as a separate class« zu gehen schien.10 Ein anderer Zeitgenosse, Kenneth Lynn, beschrieb Hofstadter als einen Historiker mit dem Potential »unser erster Mill« zu werden, der sich aber stattdessen in der Rolle »unseres zweiten Menckens« einrichtete.11 Er brachte Hofstadter mit einer Gruppe von »neo-Menckenites« in Verbindung, argumentierte, dass sich in Hofstadters Büchern Abneigung gegen die politische Hysterie der McCarthy-Ära, gegen religiösen Eifer und gegen materielle Vulgarität zeige, und kritisierte, dass Hofstadter Geschichte durch die Brille der morgendlichen Schlagzeilen sah und als Gegenmittel zur beängstigenden Gegenwart elitäre Mythen in die Vergangenheit projizierte.12 Hofstadter selbst räumt gleich im ersten Satz von Anti-intellectualism in American Life ein, dass sich das Buch zwar mit der amerikanischen Vergangenheit befasse, aber als »Reaktion auf die politischen und intellektuellen Bedingungen der 1950erJahre konzipiert« wurde.13 Dieser Bias erklärt, wie viele Kritiker festgestellt haben, dass das Buch in vielerlei Hinsicht mehr über die Zeit aussagt, in der Hofstadter schrieb, als über die Zeit, über die er schrieb. Darüber hinaus liest sich das Buch wie eine persönliche Abrechnung mit historischer Ungerechtigkeit, was sich beispielsweise an den politischen Bemerkungen zeigt. Hofstadter bewunderte die intellektuelle Größe des Präsidentschaftskandidaten Adlai Stevenson und machte für dessen Niederlage den McCarthyismus verantwortlich, was in ihm »Angst vor einer desaströsen Vernachlässigung des Intellekt« auslöste.14 Wie David Frum feststellte, vernachlässigte Hofstadter in seiner Suche nach Fällen von Antiintellektualismus den historischen Kontext: »It really is a strange reading of the elections of the 1950s to attribute Stevenson’s defeat to anti-intellectualism. Stevenson lost in 1952 for three reasons: Korea, inflation, and the residual unpopularity of Harry S. Truman. Stevenson lost again in 1956 for the converse reason: the incumbent Eisenhower administration had delivered peace and 10 Boorstin 1963, 19. 11 Lynn 1963, 40, meine Übersetzung. Die Aussage nimmt Bezug auf den britischen Philosophen, Politiker und Ökonom John Stuart Mill, der als einflussreichster liberaler Denker des 19.Jahrhunderts galt. 12 Ebd., 38. 13 Hofstadter 1963, 3, meine Übersetzung. 14 Ebd., meine Übersetzung. Bassimir: Das »Mencken-Paradigma« und Hofstadters Antiintellektualismusvorwurf | 133 prosperity.«15 Darüber hinaus bezeichnete Frum Hofstadters Idealisierung der New-DealPolitik als persönliche politische Vorliebe. In Anti-intellectualism in American Life zeige sich seine schlechte Angewohnheit, seine Verteidigung von Intellektualismus mit seiner sozialdemokratischen politischen Einstellung zu vermischen.16 Schon Boorstin war aufgefallen, dass Hofstadter für sein Gruselkabinett der Antiintellektuellen keinen einzigen Vertreter aus den Reihen der Demokraten fand.17 In seiner historiographischen Verortung Hofstadters hat der Historiker Daniel J. Singal größere Feinheiten herausgearbeitet. In der Tat zeigt Singal, dass Hofstadter anfangs zu einer Gruppe von Intellektuellen gehörte, die sich über die Ungereimtheiten von Franklin D. Roosevelts New-Deal-Programmen aufregten und FDR nur widerwillig als fähigen Politiker anerkannten. Hofstadter, der von marxistischen und progressiven Denkschulen beeinflusst war, hielt in seinen frühen Überlegungen an der Vorstellung fest, »that political behavior was invariably rational, that people acted politically in accordance with their interests, and that political leaders served those interests in coherent ideologies«.18 Als dieser Ansatz ihn nicht weiterbrachte, verurteilte Hofstadter die Rhetorik der Politiker als »krassen Opportunismus«,19 was in Werken wie The American Political Tradition (1948) deutlich wird. In seinem Kapitel zu FDR räumte er allerdings ein, dass, in den Worten Singals, »opportunism in the hands of a master politician might have its merits«.20 In der Folgezeit widmete sich Hofstadter der Analyse von symbolischer Kommunikation, die er insbesondere in seinem Buch The Age of Reform (1955) ausbaute und dabei neue Wertschätzung für den politischen Progressivismus und Roosevelts New Deal entwickelte. Gleichzeitig verhärtete sich aber seine Abneigung gegenüber dem Populismus. Singal sprach von einem »Doppelstandard«, der dem Progressivismus eine opportunistische Symbolsprache zugestand, diese aber aus dem Mund von Populisten verurteilte. Singal fragte: »If Hofstadter was willing to grant the urban middle class their symbolic comforts, why could he not do the same for the desperate and ruined farmers who need such comforts even more?«21 Seine Antwort darauf war Hofstadters Kosmopolitismus mit seiner starken Abneigung gegenüber »small-town America«, der sich insbesondere in Anti-intellectualism in American Life zeigte.22 15 Frum o. D. 16 Ebd. 17 Boorstin 1963, 19. 18 Singal 1984, 978. 19 Ebd. 20 Ebd., 985. 21 Ebd., 989. 22 Ebd., 991. 134 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker 3. Der Scopes-Affenprozess durch die Mencken-Hofstadter-Brille Ein einschlägiges Beispiel für vorurteilsbelastete Darstellung von rückwärtsgewandten, ländlichen Kleinstädtern ist Hofstadters Nacherzählung des Scopes-Affenprozesses im Stil von Mencken. 1925 wurde in Dayton, einer Kleinstadt im Staat Tennessee, der Lehrer John Thomas Scopes angeklagt, die Evolutionstheorie nach Darwin unterrichtet zu haben, was in Tennessee durch den Butler Act verboten war. Der Prozess wurde zu einem Spektakel, weil zwei Schwergewichte der amerikanischen Öffentlichkeit Anklage und Verteidigung übernahmen. Die Verteidigung führte Clarence Darrow (1857–1938). Er hatte sich als Rechtsanwalt der jugendlichen Mörder Richard Loeb und Nathan Leopold, die den 14-jährigen Robert Franks umgebracht hatten und die er vor der Todesstrafe bewahrte, einen Namen gemacht. Im Scopes-Affenprozess wurde er von der 1920 gegründeten American Civil Liberties Union (ACLU) beauftragt, einer Nichtregierungsorganisation, die sich für Belange des Liberalismus einsetzte und später durch den Einsatz für strikte Trennung von Staat und Kirche, das Recht auf Abtreibung und die Gleichstellung von Homosexuellen bekannt wurde. Die Anklage übernahm der dreifache Präsidentschaftskandidat der Demokraten, William Jennings Bryan (1860–1925), ein unermüdlicher Verfechter populärer Anliegen, darunter auch der fundamentalistischen Ablehnung der Evolutionstheorie. 23 In der Berichterstattung von Mencken wurde der Prozess zum Symbol für den Antiintellektualismus von Kleinstädtern. H. L. Mencken (1880–1956) war Redakteur des American Mercury und berichtete über den Scopes-Prozess für die Baltimore Evening Sun. Michael Hochgeschwender nannte Mencken den »Meister einer skeptisch-ironischen und elitären Version des amerikanischen Liberalismus«, der mit dafür sorgte, dass der Prozess als »symbolischer Sieg der liberalen, fortschrittlichen, intellektuellen und toleranten Urbanität über den bigotten und rückständigen Fanatismus der abergläubischen Landbevölkerung und deren obskurantistische Lebensweise gefeiert wurde«.24 Mencken bezeichnete den Scopes-Prozess als »buffoonery« oder »Hanswursterei«, beschrieb die Ablehnung der Evolutionstheorie durch Gläubige als »Verschwörung der Minderwertigen gegen die ihnen Überlegenen«;25 er bezeichnete die Bewohner von Dayton als Bauerntölpel (»yokels from the hills«) und Primaten (»primates«), für die Zweifel an der Bibel ein gleichgroßes Verbrechen wie Kannibalismus war und die Verfechter der Evolutionstheorie als Agenten des Teufels betrachteten (»agents of Beelzebub«).26 Durch seine Berichterstattung wurde die Frage, ob der Mensch vom Affen abstamme oder von Gott geschaffen wurde, nach dem Scopes-Affenprozess von Karikaturisten oft so dargestellt, dass die Fundamentalisten von Dayton die eigentlichen Affen waren. 23 Mit Edward J. Larsons Summer for the Gods (1997) und kommentierten Quellensammlungen wie Willard B. Gatewood, Jr.’s Controversy in the Twenties (1969) und Jeffrey P. Morgans The Scopes Trial (2002) gibt es mittlerweile differenzierte Darstellungen des Prozesses. 24 Hochgeschwender 2016, 214, meine Übersetzung. 25 Mencken 1925a, meine Übersetzung. 26 Mencken 1925b, meine Übersetzung. Bassimir: Das »Mencken-Paradigma« und Hofstadters Antiintellektualismusvorwurf | 135 Auf ähnliche Art und Weise beschrieb Hofstadter »the older, rural and small-town America« als Gegner des Modernismus, dem es in Form von Ku-Klux-Klan, Prohibition, dem Scopes-Affenprozess und Kampagnen gegen den ersten katholischen Präsidentschaftskandidaten Al Smith entgegentrat.27 Er fasste all diese disparaten Bewegungen unter dem Begriff Fundamentalismus zusammen, definiert als eine »soziale und theologische Reaktion« gegen den Modernismus und »hundertprozentige Mentalität«.28 Modernismus dagegen war sein Begriff für die Verfechter der »historisch-kritischen Bibellesart, der Evolutionstheorie, der Social-Gospel-Theologie und kritischen Denkens im Allgemeinen.29 Für Hofstadter symbolisierte der Scopes-Affenprozess die Auseinandersetzung zwischen Fundamentalismus und Modernismus schlechthin,30 und es verwunderte ihn nicht, dass William Jennings Bryan die Anklage übernahm und damit die Position der Antievolutionisten verkörperte. Hofstadter zufolge verbanden sich in der Person Bryan die beiden grundlegenden Formen landläufiger Frömmigkeit: evangelikaler Glaube und populistische Demokratie. Diese wiederum bildeten die Basis für Antiintellektualismus.31 So, wie der Religionshistoriker D. G. Hart urteilte, dass Menckens Kritik am Fundamentalismus letztendlich nichts anderes war als seine Feindseligkeit gegenüber Demokratie und Egalitarismus, so beobachtete Singal eine besondere Abneigung Hofstadters gegenüber Populismus und Kleinstädtertum.32 4. Fundamentalismus-Modernismus-Kontroverse: Hofstadter v. theologisches Selbstverständnis Dieser Binarismus zwischen rückwärtsgewandtem Fundamentalismus und progressiven Modernismus ist in die Geschichtsschreibung eingegangen. Während Mencken zwar die Ablösung des Begriffs Fundamentalismus von seinen religiösen Wurzeln vorbereitete, vollzog Hofstadter die Gleichsetzung von Fundamentalismus mit Populismus und Antiintellektualismus. 33 27 Hofstadter 1963, 123. 28 Ebd., 121. 29 Ebd. 30 Ebd., 125. 31 Ebd., 127. 32 Hart 1988, 8; Singal 1984, 989. 33 Hart wies darauf hin, dass Mencken in seiner Berichterstattung über Bryan »überraschend stumm« – »surprisingly silent« – war, was religiöses Dogma anging, und stattdessen Bryans politische Position angriff (Hart 1988, 6). Mencken war Atheist und Skeptiker, aber intensiv an Religion interessiert, pflegte gute Verhältnisse zu Nonnen und Priestern in seinem katholischen Baltimore und brachte Respekt für die Denktradition des christlichen Fundamentalismus auf. Mencken erachtete den konsequenten Dogmatismus als einzig mögliche religiöse Haltung. Nach Hart »lehnte Mencken also das Christentum aus denselben Gründen ab, wie die Fundamentalisten es verteidigten; beide Seiten interpretierten das christliche Dogma als propositionale Wahrheiten, die Mencken für falsch hielt und die konservativen Protestanten als richtig akzeptierten«. (»Mencken, thus, rejected Christianity on the same grounds that fundamentalists defended it; both sides interpreted Christian dogma as propositional truths which Mencken concluded were false and conservative Protestants accepted as correct.«) (Meine Übersetzung. Hart 1988, 5–6). 136 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Dass der Scopes-Affenprozess als Höhepunkt der Fundamentalismus-Modernismus-Kontroverse tradierte wurde, ist verwunderlich, da es sich zunächst einmal um eine innertheologische Kontroverse handelte, die insbesondere in den presbyterianischen und baptistischen Gemeinden im Norden der USA ausgefochten wurde.34 Fundamentalismus war dabei die Selbstbezeichnung einer bestimmten Richtung des Protestantismus, die in den 1910erJahren von Theologen ausformuliert und zum Beispiel in der Schriftenreihe The Fundamentals: A Testimony to the Truth (1910–1915) publiziert wurde.35 Dem Historiker Matthew Sutton zufolge verdeutlichte die Rezeption dieser Schriftenreihe das wachsende Schisma innerhalb des Protestantismus: Einerseits boten die Schriften Traditionalisten eine Basis, auf die sie sich konzentrieren konnten, andererseits brachten sie Liberale, die eine Modernisierung ihrer Glaubensvorstellungen anstrebten, weiter gegen sich auf.36 Während der 1920erJahre stellten beide Seiten ihre Positionen in Predigten, Pamphleten und anderen Veröffentlichungen dar. Der Baptist, Pfarrer und Direktor der Northwestern Schools, William Bell Riley (1861–1947), definierte in dem Aufsatz The Faith of the Fundamentalists (1927) Fundamentalismus als ein Festhalten an tradierten christlichen Grundsätzen, wozu er (1) die Verbalinspiration und Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift, (2) die Dreifaltigkeit Gottes und (3) die jungfräuliche Geburt Jesu und sein vollkommenes Gottsein und Menschsein zählte. Er benannte (4) die Schaffung des Menschen als Abbild Gottes sowie die sündhafte Natur der Menschen, (5) Jesus stellvertretenden Opfertod und (6) seine Auferstehung und Himmelfahrt und Fürsprache für die Menschen als weitere fundamentale Glaubenssätze. Zu den Grundsätzen des Glaubens rechnete er außerdem (7) Jesus persönliche, premillennaristische und immanente Wiederkehr, (8) dass alle, die Jesus Christus im Glauben annehmen, durch den Heiligen Geist wiedergeboren und dadurch Kinder Gottes werden und (9) die körperliche Auferstehung und Errettung der Gerechten und ewiges Leiden der Ungerechten.37 Im Selbstverständnis war Fundamentalismus ein Festhalten an tradierten theologischen Grundsätzen. Schon die Fokussierung auf William Jennings Bryan als Fundamentalisten ist nicht so repräsentativ, wie es bei Hofstadter den Anschein hat. Bryan, der Laien-Presbyter, verstand seinen Einsatz in Dayton vor allem als Fortsetzung seiner populistisch-demokratischen und progressiven Politik.38 Bryan, der dreimalige Präsidentschaftskandidat der Demokraten, vertrat landwirtschaftliche Interessen, unterstützte liberale und populäre Anliegen wie die Volkswahl von Senatoren, eine Einkommenssteuer, die Schaffung des Arbeitsministeriums, die Obwohl er Fundamentalismus für falsch hielt, bewunderte er Theologen wie John Gresham Machen und befand, dass Bryan zu »Machens Matterhorn so hoch wie eine Warze« war (Hart 1988, 6). 34 Vgl. Larson 1997, 36; Thompson 1982; Longfield 2000, 35–50. 35 Vgl. Fundamentals, The; or, Testimony to the Truth 2004, 279. 36 Sutton 2014, 89. 37 Riley 1927, 434–436, zitiert nach Gatewood 1969, 74–77; vgl. Kapitel 4 in Russell 1976, 79–134. 38 Randall Balmer und Lauren F. Winner betonen, dass Bryans Einsatz in Dayton nicht so viel mit der Tatsache zu tun hatte, dass Darwins Lehre im Gegensatz zur biblischen Schöpfungsgeschichte stand, vielmehr fürchtete Bryan die Folgen des Sozialdarwinismus (Balmer/Winner 2002, 220). Bassimir: Das »Mencken-Paradigma« und Hofstadters Antiintellektualismusvorwurf | 137 Prohibition und das Frauenwahlrecht. Aus pazifistischer Überzeugung trat er 1915 als Außenminister von Woodrow Wilson zurück, als die USA in den 1. Weltkrieg eintraten.39 Wie aus seinen Kommentaren im Prozess klar wird, ging es Bryan insbesondere um demokratische Teilhabe in Fragen, die Familie, Bildung und Steuern betrafen. Sollten Steuergelder für die Lehre der Evolutionstheorie verwendet werden, wenn die Mehrheit der Bürger eine christlichmoralische Erziehung bevorzugte?40 Während die weitgehend liberale Ausrichtung von Bryans Politik schlecht in unser heutiges Bild des politischen Fundamentalismus als konservative Reaktion auf die Moderne passt, entsprach auch Bryans Religionsverständnis, obwohl überwiegend konservativ, nicht passgenau zeitgenössischen Definitionen. Schon C. Allyn Russell befand, Bryan »did not fit the traditional fundamentalist stereotypes«.41 Bryan kann weder klar als Premillennarist42 verortet werden, noch scheint die Wiederkunft Christi eine zentrale Rolle in seinem Glauben gespielt zu haben, beides zentrale fundamentalistische Glaubenssätze.43 Im Kontext der Zeit waren die Gegner, gegen die Fundamentalisten in erster Linie ankämpften, keine Atheisten und Skeptiker oder Verfechter der Evolutionstheorie, wie es in Hofstadters Narrativ den Anschein hat; die eigentlichen Gegner waren die theologischen Modernisten, die Reformer innerhalb der Kirchen, die, beeinflusst von der historisch-kritischen Methode, die Bibel nicht mehr wörtlich, sondern als Allegorie lasen und teilweise in Jesus nicht mehr Gottes Sohn, sondern einen großen Philosophen sahen. Den Modernisten ging es nicht darum, im Stil eines Mencken Religion lächerlich zu machen, sondern im Gegenteil, christliche Glaubenssätze in eine sich rapide wandelnde, säkularisierende und moderne Welt zu retten. Die vielleicht bekannteste zeitgenössische Definition von Modernismus stammt aus The Faith of Modernism von 1924 von Shailer Matthews (1863–1941), Professor und Dekan der theologischen Fakultät der University of Chicago: »It is the use of the methods of modern science to find, state, and use the permanent and central values of inherited orthodoxy in meeting the needs of a modern world. […] In brief, then, the use of scientific, historical, social method in understanding and applying evangelical Christianity to the needs of living persons, is modernism.«44 Wie Kathryn Lofton betont, zeichnete sich Modernismus insbesondere durch eine konsequente Anwendung wissenschaftlicher Methoden auf die Bibel aus.45 39 Zu Bryan vgl. u.a. Kazin 2007. 40 Larson 1997, 31–59, 198–199. 41 Russell 1976, 162. 42 Premillennarismus ist eine bestimmte theologische Auslegung der Doktrin der Wiederkunft Christi. Vereinfacht gesagt besagt diese Les art der Johannes Apokalypse, dass die Welt in Chaos versinkt und erst durch die Wiederkunft Christi ein hundertjähriges Friedensreich eingeläutet wird (vor (»pre«) dem hundertjährigen Reich (»Millennium«)). Die gegensätzliche Lesart des Postmillennarismus besagt, dass die Welt immer besser wird und in ein hundertjähriges Friedensreich mündet und Christi Wiederkunft am Ende (»post«) dieser Zeitspanne (»Millennium«) zu erwarten ist. 43 Vgl. Kapitel 7 in Russell 1976. 44 Mathews 1924. Zu Modernismus vgl. u.a. Hutchinson 1976; Dorrien 2002; Dorrien 2003. 45 Lofton 2006. 144 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Bibliographie About the Religious Landscape Study, in: Pew, o. D., https://www.pewforum.org/about-the-religiouslandscape-study (letzter Zugriff: 28.02.2024). 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Autorin Anja-Maria Bassimir ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Obama Insitute for Transnational American Studies an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Nach dem Studium der Geschichte und Religionswissenschaft in den USA und Tübingen wurde sie in Münster promoviert. Seit 2013 arbeitet sie in Mainz, zunächst in der DFG Forschergruppe UnDoing Differences an einem Projekt zur religiösen Zeitschriftenforschung und seit 2021 im SFB Humandifferenzierung in einem Projekt zu Ernährungspolitik und Sozialstaatlichkeit. Ihr Buch, Evangelical News: Politics, Gender, and Bioethics in Conservative Christian Magazines of the 1970s and 1980s, erschien 2022 bei Alabama University Press. [email protected] Open Access // Der Beitrag ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0) veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0. 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