Hofstadter und der Antiintellektualismus: Skizze der Geschichte einer Idee
Abstract
1950 machte Richard Hofstadter An Economic Interpretation Interpretation of the Constitution of the United States von Charles Beard zum Gegenstand…
Full text
| 101 Patrick Bahners Hofstadter und der Antiintellektualismus Skizze der Geschichte einer Idee [H]e was trying to write a kind of history that the adult mind could respect. (Richard Hofstadter über Charles Beard) 1 1. Einführung Wie schreibt man die Geschichte einer Idee? Für eine besondere Gattung von Idee, den wissenschaftlichen Gedanken, legte Richard Hofstadter 1950 ein Textmuster vor. In der Zeitschrift American Quarterly veröffentlichte er einen Aufsatz über das Buch An Econom ic Interpretation of the Constitution of the United States von Charles A. Beard, das 37Jahre zuvor in erster Auflage erschienen war: Beard and the Constitution: The History of an Idea. Hofstadter unternahm diese historische Interpretation eines kontroversen Klassikers der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung zwei Jahre nach dem Tod des Verfassers. Mit Beard, 1874 geboren, teilte der 42Jahre jüngere Hofstadter die akademische Heimat. Beard war an der Columbia University in New York promoviert worden und unterrichtete dort Geschichte, Verfassungsrecht und Politik, bis er 1917 nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg den Status des Universitätsprofessors gegen die Freiheit des Privatgelehrten und öffentlichen Intellektuellen tauschte. Hofstadter reichte 1942 seine Doktorarbeit an der Columbia University ein. Nach einer ersten Anstellung an der Universität von Maryland kehrte er 1946 an seine Alma Mater zurück, um ihr bis zu seinem frühen Tod 1970 die Treue zu halten. Im Aufsatz über Beards Idee der amerikanischen Verfassung geht Hofstadter, wie er eingangs erläutert, in vier Schritten vor. Erstens ordnet er »die Ideen des Bandes« von 1913 in ihren »historischen Kontext« ein, das heißt in den Zusammenhang anderer Texte, die zu Lebzeiten Beards ähnliche Ideen unter die Leute gebracht hatten. Zweitens bestimmt er die Methode von Beards Untersuchung. Drittens möchte er »eine bedeutsame Zweideutigkeit« 1 Hofstadter 1968, 207. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p6
102 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker (»a significant ambiguity«) der Gedanken des Buches ans Licht heben, und viertens verfolgt er Beards spätere Beschäftigung mit dem Thema der Verfassung.2 Beards Buch über den Text, der die Amerikanische Revolution 1787 zu einem förmlichen Abschluss brachte, wurde bei seinem Erscheinen 1913 selbst als revolutionär wahrgenommen. Der Effekt des kontextualisierenden Verfahrens in Hofstadters erstem Abschnitt ist, dass diese Wirkung in gewissem Sinne rückgängig gemacht wird. Genauer gesagt: Hofstadter geht von dem Befund aus, dass Beards einstmals provokative Ansicht längst ein Gemeinplatz geworden ist, ja sogar Gemeingut in dem Sinne, dass sie zum kanonischen Bestand der Auslegungen der Gründungsurkunde der Vereinigten Staaten gehört – und dieses historische Ergebnis der Normalisierung einer abweichenden Meinung spiegelt er in die Vorgeschichte des Buches zurück, indem er eine Fülle von Belegen dafür ausbreitet, dass andere Autoren in anderen Worten schon fast dasselbe gesagt hatten. Eine Art von Evolution kritischen Denkens über das Regierungssystem als eine Maschine zur Verwandlung von sozialem Einfluss in politische Macht kulminierte in Beards Zurückführung der politischen Entscheidungen der Verfassungsväter auf ihre wirtschaftlichen Interessen; die Reformbewegungen des Populismus und des Progressivismus, die ihrerseits für unterschiedliche Interessengruppen eintraten, nämlich einer »revolt of the West« einerseits und einer Gegenbewegung aus den großen Städten andererseits Ausdruck gaben, bauten bei der Verbreitung einer sozialkritischen Perspektive auf die Verfassung aufeinander auf.3 Schon vor diesem Durchgang durch die jüngere politische Ideengeschichte hat Hofstadter festgestellt, dass es eine Tradition des ökonomischen Materialismus mit Quellen in der vorrevolutionären Vergangenheit bei berühmten amerikanischen Staatsmännern gibt, eingeschlossen Gründerväter der ersten Reihe wie James Madison und John Adams. Hofstadter legt ein Fundament von Beards Idee frei, das eine ungeschichtliche oder übergeschichtliche Anmutung hat. Der problematische Klassiker moderner wissenschaftlicher Deutungskämpfe bediente sich im klassischen Wortschatz amerikanischer politischer Debatten. Hofstadters Beobachtungen zu Beards Methode, zur formalen Seite seiner Idee, ergeben sich bruchlos aus dieser Sichtung des Kontexts. Wie sich im Inhaltlichen beträchtliche Teile des von Beard konsultierten verfassungshistorischen Schrifttums im Nachhinein wie Paraphrasen seines Arguments lesen, so hebt Hofstadter, was die Machart dieses Arguments angeht, auf eine atmosphärische Übereinstimmung zwischen Beards Verfassungsinterpretation und ähnlich ehrgeizigen hermeneutischen Projekten in anderen Disziplinen ab. Die Geschichte einer Idee erschließt sich über die Beschreibung ihrer Resonanz. Hofstadter möchte »vernachlässigte methodologische Implikationen« von Beards Thesen erörtern, die vielleicht deshalb nicht ins Auge gefallen sind, weil sie so etwas wie einen Commonsense geteilter Voraussetzungen der avancierten Humanwissenschaft seiner Zeit spiegeln.4 Der Ideenhis2 Hofstadter 1950, 196. 3 Ebd., 197. 4 Ebd., 196.
Bahners: Hofstadter und der Antiintellektualismus | 103 to riker stellt eine Generationskohorte maßgeblicher Denker aus den »social sciences« zusammen, deren Einfluss auf Beards Verfassungsbuch er mit Zitaten belegen kann.5 Diese modernen Klassiker der systematischen Nachbarfächer der Geschichtswissenschaft verbindet die Abkehr vom Formalismus oder Normativismus. Von den fünf »seminal thinkers of Beard’s generation«, die Hofstadter aufzählt, kann man nur den Jüngsten, den Juristen Roscoe Pound (1870–1964), als Generationsgenossen im Sinne der Gleichaltrigkeit einsortieren. Die Juristen Oliver Wendell Holmes, jr. (1841–1935) und Louis Brandeis (1856–1941), der Ökonom Thorstein Veblen (1857–1929) und der Philosoph John Dewey (1859–1952) trennte ein Altersabstand zwischen 33 und 15 Jahren von Beard. Das methodologische Engagement dieser Gewährsleute Beards charakterisiert Hofstadter mit militärischen Metaphern: Dewey führte einen »Krieg« gegen die formale Logik, Veblen einen »Angriff« auf die abstrakte und deduktive Volkswirtschaftslehre, Brandeis einen »Kampf«, um den »facts of life« Raum in den »meditations of the Supreme Court« zu verschaffen. Die Produktivität des Konflikts gilt als die ursprüngliche Einsicht der »progressiven« Historikerschule, als deren Haupt Beard gemeinsam mit Carl Becker geführt wird. Hofstadter lässt die Pioniere der progressiven Methodologie diese Einsicht mit ihrem Habitus der intellektuellen Auseinandersetzung beglaubigen. Die Neuansätze ergänzen einander wechselseitig. Wie der Historiker Beard ökonomische und geographische Methoden sowie Begriffe der Rechtsphilosophie und politischen Theorie rezipierte, so betrieben Holmes und Pound umgekehrt Rechtskritik unter Rückgriff auf die »history of law«, erarbeitete Dewey einen »historical approach to philosophy« und studierte Veblen die wirtschaftlichen Institutionen sogar als ein »historian of ideas«, also auch als Vorläufer Hofstadters. Sie waren einer Interdisziplinarität verpflichtet, welche die Grenzen zwischen den Disziplinen nicht bloß überschritt, sondern einriss. Der methodischen Entgrenzung entsprach ein politisches Ideal der Integration, wie Hofstadter mit einem Zitat aus Beards 1908 veröffentlichtem Lehrbuch der Politik verdeutlicht: Eine Wissenschaft vom ganzen Menschen, der sich nicht in homo oeconomicus, politicus und religiosus aufspalten lässt, realisiert das demokratische Prinzip der allgemeinen Teilhabe an der Gestaltung des Lebens. Von den wissenschaftstheoretischen Grundlagen bis zu den Vorschlägen für die Anwendung der Gesetze begünstigte das »sociological movement in jurisprudence« als vielleicht einflussreichste Variante dieses holistischen Ansatzes einen von den Zeitgenossen auf den Begriff gebrachten »pragmatism«, ja, einen »opportunism« im Sinne eines Primats der Gelegenheit vor den Geltungsgründen, der Praxis vor der Theorie.6 Das heißt aber: Beards Idee war eine Spielart eines vom Geist seiner Zeit begünstigten Anti-Idealismus. Im Rahmen einer solchen Sozialwissenschaft der prägnanten Kräfteverhältnisse verbleibt Hofstadter, wenn er Beards Buch gegen den von späteren Kritikern erhobenen Vorwurf des 5 Ebd., 199. Dort auch die folgenden Zitate. 6 Ebd., 200.
104 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Krypto-Marxismus in Schutz nimmt.7 Die Kritiker verkannten die Konvergenz der Prämissen des historischen Materialismus marxistischer Observanz mit dem progressiven amerikanischen Zeitgeist der Jahre vor 1914. Mit der Radikalität Beards überschätzten sie allerdings auch seine Originalität. Hofstadter rühmt das Buch über die ökonomische Interpretation der Verfassung als »a triumph of systematic intelligence«.8 Es sei das Werk eines »bold and free mind«. Die Kühnheit von Beards Geist soll aber nicht darin bestanden haben, dass es ihm gelungen wäre, sich von dem zu befreien, was um ihn herum gedacht wurde. Er war »capable of applying systematically the insights of current critical thought«. In der Systematisierung triumphierte dieser Verstand, in der Generalisierung und Strukturierung der von ihm aufgenommenen Gedanken. 2. Auf der Suche nach Wirklichkeit Was ist, so kann man an dieser Stelle, auf halber Strecke von Hofstadters Aufsatz, fragen, Beards Idee der ökonomisch interpretierten Verfassung widerfahren, indem sie von Hofstadter zum Gegenstand einer Geschichte gemacht wurde? Sie hat ihre Unverwechselbarkeit eingebüßt; ihre bibliographisch verbürgte Individualität ist fragwürdig geworden. Eine Einheit ist diese Idee nicht im Sinne eines Containers, einer sprachlichen Kapsel, die einen Gedankeninhalt unversehrt durch die Zeit transportiert. Hofstadter wendet sich nun vom Kontext ab und dem Text zu, und die Ambiguität von Beards Idee, die Hofstadter durch Lektüre aus der Nähe herausarbeitet, erstattet ihr sozusagen die einkassierte Individualität zurück. Der Verlust an Unterschieden zwischen Beards Leitmotiven und dem thematischen Material der Epoche wird kompensiert durch die Entdeckung einer inneren Differenziertheit des Textes. Dass die Aussage von Beards Buch nicht eindeutig sei, liest sich zunächst wie eine Mängelanzeige, weil es um eine wissenschaftliche Publikation geht. Aber wenn die Idee eine unaufgelöste Spannung umfasst, enthält sie damit den Keim ihrer Geschichte in sich. Verschiedene Aneignungen sind möglich, die sich mit der Zeit wandeln und abwechseln, nicht zuletzt wechselnde Auslegungen durch den Autor selbst.9 Es fällt auf, dass Hofstadter selbst Beards Idee nicht definiert hat und bis zum Schluss des Aufsatzes eine Definition schuldig bleibt. So stellt er, wenn er Zweideutiges in den Vordergrund holt, nicht etwa eine vorläufige Bestimmung des Gehalts der Idee zur Disposition; vielmehr konnte er die Idee bei den Lesern der Zeitschrift als bekannt voraussetzen. 7 Hofstadter gehörte an der University of Buffalo einer kommunistischen Studentenorganisation an und war 1938/39 einige Monate lang Mitglied der Kommunistischen Partei. Gemeinsam mit seiner 1945 verstorbenen ersten Frau Felicia Swados nahm er lebhaften Anteil an der marxistischen Theoriediskussion unter den New Yorker Intellektuellen. Vgl. Baker 1985 und Foner 2002. 8 Hofstadter 1950, 203. Dort auch die folgenden Zitate. 9 Siehe auch Hofstadter 1968, 218: »What Beard left, then, was a book ambiguous enough to be read, to his great advantage, in different ways by different readers. […] Like many central works of its kind, it was a plastic object, susceptible to a certain manipulation in the minds of its audience.«
Bahners: Hofstadter und der Antiintellektualismus | 105 Hofstadter möchte eine starke und eine schwache, in seinen Worten: eine engere und eine weitere Fassung der These von Beards Buch unterscheiden. Hatten die Delegierten der verfassunggebenden Versammlung in Philadelphia in dem Sinne ein wirtschaftliches Interesse am Ausgang der Beratungen, dass sie von der Ausgestaltung der Verfassungsnormen persönlich zu profitieren hofften? Oder prägten die Interessen, die sie im Wirtschaftsleben verfolgten, in einem allgemeineren Sinne ihre Perspektiven auf die Politik? Hofstadter hebt den großen Aufwand hervor, den Beard bei der Ermittlung der finanziellen Verhältnisse der einzelnen Mitglieder der Versammlung betrieben hat. In der mathematischen Objektivierung beziehungsweise datengestützten Aggregation von Interessenlagen sieht Hofstadter das originelle Element von Beards Methode; Beards Beitrag zum Generationsprojekt der Einspeisung der Tatsachen des Lebens in die Grübeleien der Sozialkunde war die Verwendung der Werkzeuge der Rechnungs-oder Steuerprüfer. Beards Methode versprach die Identifikation von abgegrenzten Interessengruppen, »distinct groups«.10 Was die Implikationen dieser Bilanzierung von Distinktionsmerkmalen angeht, kann man die von Hofstadter aufgespürte Ambiguität auch in Form folgender Alternative formulieren: Kann das Gruppeninteresse einer Interessengruppe als ein gemeinschaftliches sachliches Interesse qualifiziert werden, oder ist es nicht mehr als die Summe persönlicher Gewinnabsichten? An mehreren von Hofstadter zitierten Stellen verknüpft Beard die »personal experience« der Verfassungsväter beziehungsweise ihre »personal experiences« im Plural mit dem Konkreten und Bestimmten als Modalitäten gelingender politischer Gestaltung.11 Im Persönlichen s oll eine Logik der Versachlichung wirksam gewesen sein, weil die Delegierten ihre Interessen »in concrete, definite form« wahrzunehmen gewohnt waren. Beard hat ihre Geldanlagen untersucht – und Anleger müssen sich festlegen.12 Er entwirft so etwas wie einen kapitalistischen Empirismus vor der historischen Kontrastfolie einer anderen verfassunggebenden Versammlung, der Frankfurter Paulskirche. Mit einem Topos der rückblickenden realpolitischen Kritik am sogenannten Professorenparlament von 1848 charakterisiert er die Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung als »a group of doctrinaires«, denen er die »practical men« von Philadelphia gegenüberstellt.13 Hofstadter fragt nicht nach der empirischen Grundlage der deutschen Seite dieses historischen Vergleichs. Er fasst Beards mit der Paulskirche illustrierte Zusammenfassung des Arguments des Kapitels über die wirtschaftliche Lage der Männer von Philadelphia so zusammen, dass nur ein minimales Beweisziel übrig bleibt, sozusagen die schwächste Fassung der These, mit stärkstem Geltungsanspruch: Beard habe am Ende einfach nur gesagt, dass die Gründerväter nicht ganz und gar »disinterested«14 gewesen seien. 10 Beard 1913, 73; zitiert nach Hofstadter 1950, 205. 11 Beard 1913, 73 und 151; zitiert nach Hofstadter 1950, 205. 12 Beard 1913, 73; zitiert nach Hofstadter 1950, 205. 13 Beard 1913, 151; zitiert nach Hofstadter 1950, 205. 14 Beard 1913, 151; zitiert nach Hofstadter 1950, 205. Bei Beard und Hofstadter in Anführungszeichen.
106 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Ist das nicht eine Trivialität? Wenn ein Buch mit dieser Botschaft 1913 tatsächlich schockieren konnte,15 mag man daran ablesen, wie steinig der Missionsweg der Gesellschaftswirklichkeitswissenschaft war. Der wohl eloquenteste Apostel der neuen Schule kam allerdings zu dem Schluss, dass Beard einen übermäßig großen Beweisaufwand getrieben habe. Den Wohlstand der Mitglieder der Konvention hätte man aus den Quellen nicht nachweisen müssen: Dieses Urteil von Oliver Wendell Holmes aus einem Brief an den englischen Juristen Sir Frederick Pollock von 1916 zitierte Hofstadter 1968 in seinem umfangreichen Buch über die »Progressive Historians«, in dem Beard den Mittelteil zwischen Frederick Jackson Turner und Vernon Louis Parrington einnimmt.16 Auch Quellenreichtum kann eine Peinlichkeit sein: Den Glauben Beards an die Erklärungsleistung der Zahlenkolonnen behandelt Hofstadter in seinem Aufsatz als erklärungsbedürftig. Die Entdeckerfreude des Historikers, der ein Korpus ungenutzer Quellen auftut, genügt Hofstadter nicht als Antrieb für Beards Kleinarbeitseifer bei der Übertragung der Spitzenpersonalakten des Jahres 1787 in Investorenkarrieretabellen. Wer findet, der muss erst einmal suchen. »But what was it in the beginning that led him to unearth these dusty records, untouched for more than a century?«17 In der Beschreibung Hofstadters, der als Ideenhistoriker hauptsächlich aus gedruckter Literatur schöpfte, verwandelt sich Beards Quellenschatz in etwas Fernliegendes, beinahe Abschreckendes. Dafür genügt ein malerisches Detail aus dem Genrebildrepertoire zum Gelehrtendasein: der Staub, der sich auf jeder Akte sammelt. Das Motiv ist konventionell, aber der plötzliche Übergang der Darstellung zur Anschaulichkeit frappiert: Hofstadter ahmt die progressiven Forscherhelden nach, indem er die Realien gegen die Idee ausspielt. Vorher hat er auf eine Unebenheit in der Machart von Beards Buch aufmerksam gemacht: Das Kapitel über die politischen Ideen der Gründerväter bestehe aus zerstreuten Zitaten aus den Verfassungsberatungen, deren Einordnung in die Geistesgeschichte des 18.Jahrhunderts unterbleibe – dagegen sei das Kapitel zu den Eigentumsverhältnissen »carefully worked out in the context of the economic and social situation of the Confederation«. Mit dem Paulskirchenvergleich behauptet Beard, dass der Realismus der Verfassung der Vereinigten Staaten, die Arbeitsfähigkeit der Verfassungsorgane, durch das Wissen der Verfassungsväter um die eigenen ökonomischen Interessen verbürgt werde – und er beglaubigt dieses Argument, so kann man Hofstadter verstehen, indem er das Kapitel zu den ökonomischen Quellen viel solider ausarbeitet als das zu den politischen Aussagen. »As between ideas and interests, it is interests that have the foreground in this volume.« Der relative Primat des Interesses ist die leitende Idee des Buches. Hofstadter lässt diesen Befund nicht so stehen, sondern fragt weiter, warum Beard die von ihm eingerichtete Perspektive, die Anordnung von Vorder-und Hintergrund, als rea15 Hofstadter 1950, 195: »at first even informed and critical minds were deeply shocked by its argument.« 16 Hofstadter 1968, 212. 17 Hofstadter 1950, 206. Dort auch die folgenden Zitate.
Bahners: Hofstadter und der Antiintellektualismus | 107 listisch empfand. »What was it that made him feel closer to ›reality‹ among old 6 percent securities than in the volumes of eighteenth-century speculation?« Hier steht der Begriff der Realität in Anführungszeichen, weil Hofstadter nach dem Realitätseffekt von Beards Gesellschaftsgeschichte fragt. Das Sinnliche an den Relikten der Vergangenheit, das Greifbare an ihrer Materialität, ist trügerisch: Auf Traktaten zur Staatslehre liegt mutmaßlich im Schnitt nicht weniger Staub als auf den Akten der Finanzbehörden, schon weil von gedruckten Traktaten gewöhnlich mehrere Exemplare erhalten sind. Woher dann das Realitätsgefühl, das Beard, wie Hofstadter suggeriert, im Archiv des Schatzamts ergriff? Die »Realität«, das gemeinsame Ziel von Holmes, Dewey, Beard & Co., erweist sich als fixe Idee, als ordnende Vorstellung mit gebieterischer Kraft. In der Monographie über die progressiven Historiker resümierte Hofstadter achtzehn Jahre nach dem Aufsatz den Stand der Fachkritik, die vom empirischen Fundament von Beards ökonomischer Interpretation der Verfassung nichts übriggelassen habe. Fortgesetzte Einzelforschung an Quellen, wie Beard sie erschlossen hatte, hat das Bild allseitiger Korrelation von ökonomischen und politischen Interessen, Lagen und Absichten zerstört.18 Das zerstörte Bild ist indes nicht beseitigt. Seinen »most enduring triumph« feiert Beard dank seiner Widerlegung: »he no longer persuades, but he still sets the terms of the debate, even for those who are least persuaded.«19 Hofstadters Interpretation von Beards Interpretation wird durch die Auskünfte der Spezialisten bestätigt: Sein Aufsatz legt nahe, dass die Homogenität einer entlang von Interessen trennscharf gegliederten sozialen Wirklichkeit weniger ein Ergebnis als eine Voraussetzung von Beards Forschung ist, eine Idee im Sinne einer vereinheitlichenden Vorstellung, wie sie etwa den Handlungsraum eines Romans zusammenbindet. Von einem Roman könnte auch der Satz gesagt sein, mit dem Hofstadter festhält, dass Selbstkommentare des Autors den Sinn des Buches nicht erschöpfen könnten: »Surely his book communicates a great deal more than it says.«20 Warum nun empfand Beard bei der Lektüre der Quellen aus dem Jahr 1787 die ökonomische Spekulation als wirklicher als die philosophische? »The answer must be found in the fact that Beard was not simply a scholar; he was, and remained his life long, a publicist with an urgent interest in the intellectual and political milieu in which he lived.«21 Beard war nicht bloß ein Gelehrter und wollte nicht zu viel auf bloße Lehren geben. Hier wendet Hofstadter Beards Methode der Situierung der intellektuellen Akteure in der sozialen Praxis auf ihn selbst an. Das Schlüsselwort von Beards Verfassungsdeutung kehrt wieder, um diese Deutung zu erklären. Ein konstant dringliches Interesse brachte Beard dazu, sich mehr mit den Interessen als mit den Ideen zu beschäftigen. In diesem Gedanken schwingt ein Mo18 Entschiedene Verteidigung der Ausführlichkeit dieser Jahrzehnte umfassenden Forschungsberichte: Nicholas 1970, 821. 19 Hofstadter 1968, 224. 20 Ebd., 228. 21 Hofstadter 1950, 206.
108 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker ment von Ambiguität mit, wie sie Hofstadter bei Beard ausmacht, wegen des Doppelsinns des Wortes »interest«. Das Interesse eines Gelehrten und Intellektuellen an der eigenen sozialen Umwelt ist eine geistige Größe, kein finanzielles Depositum. Aber Beards intellektuelles Interesse war sein Beruf und hatte die Intensität – und gemäß seinen eigenen Prämissen mutmaßlich auch die Prägekraft – eines materiellen Interesses. Dass Beard den Status der These seines Buches offenließ, zwischen starker und schwacher Variante schwankte, hatte, so kann man Hofstadters Erwägungen unter Verwendung eines seiner Lieblingsbegriffe ausbuchstabieren, mit dem Status des Autors zu tun.22 Es klingt etwas kryptisch, wenn Hofstadter schreibt, hinter »this ambiguity in statement« liege »a real ambiguity in thought» und hinter dieser »ambiguity in thought« wiederum »a certain dualism in Beard’s position«.23 Für Hofstadter liegt auf der Hand, dass »the presence of the ambiguity« sich nicht in der Neigung eines wirkungsbewussten Autors zu stellenweise überdeutlicher Präsentation seiner Ideen erschöpfe; »it is built into the very structure of Beard’s research«. Die Struktur der Forschung darf man hier auf deren theoretische und praktische Organisation beziehen. In Beards Präferenz für das finanzhistorische Quellenmaterial kam eine Vorstellung von der Kräfteverteilung im sozialen Feld zur Geltung, die er an das Material herantrug. Die Zweideutigkeit des Forschungssettings ergibt sich aus dessen vorempirischen Anteilen. Gerade weil Beard sich als Aufklärer verstand, das heißt sich der Durchleuchtung seines Milieus verschrieben hatte, setzte er die durchgreifende Macht der Interessen fraglos voraus. Sein Habitus formte seine Ideen: Er ging an die eineinviertel Jahrhunderte alte Verfassung mit der Einstellung eines »muckraker« heran, eines jener investigativen Journalisten, deren Enthüllungen über Kartelle und Seilschaften im »Gilded Age« den Theoretikern des Pragmatismus und der Rechtstatsachenfeststellung ein praktisches Modell detektivischer Sozialforschung vor Augen stellten. Der »style of thought of the Populist-Progressive-muckraking era« kommt laut Hofstadter in Beards Buch im Guten wie im Schlechten durch, in den besten Einsichten wie in den Beschränkungen.24 Dass Leistungen und Schwächen sich gegenseitig bedingen, also eine Einheit bilden, für welche die kunsthistorische Metapher des Stils steht, bringt die Figur des blinden Flecks zum Ausdruck: Die Reformer sollen keine Augen dafür gehabt haben, 22 Hofstadter führte das Konzept des Status 1955 in The Age of Reform, seiner Geschichte der amerikanischen Politik im Spiegel von Populismus und Progressivismus, in die politische Sozialgeschichte ein; laut Alan Brinkley war es »the most influential and certainly the most controversial of all his many scholarly innovations« (Brinkley 1985, 470). Es sollte die Motivlage der Progressiven erklären: Nicht messbare wirtschaftliche Bedrängnis sei der Stachel ihres Reformeifers gewesen, sondern die Wahrnehmung einer Verschiebung im gesellschaftlichen Gefüge. Der Status als Gegenstand ständiger Sorge des Subjekts ersetzte das objektive Interesse aus Beards materialistischem Schema. Ausdrücklich stellte Hofstadter 1963 diesen historiographischen Bezug in einem Brief her, um selbstkritisch den Grenznutzen des Statusbegriffs zu markieren: »Perhaps we wd not be using it at all, if it weren’t for the fact that the generation of Beard and Turner made such heavy use of conflict and ec. interest that they ran them straight into the ground, and we had to turn somewhere else to find at least some supplementary principles of explanation« (Hofstadter an David Potter, 12. Juli 1963; zitiert bei Collins 1989, 161–162). 23 Hofstadter 1950, 206. Dort auch die folgenden Zitate. 24 Ebd., 207. Dort auch das folgende Zitat.
Bahners: Hofstadter und der Antiintellektualismus | 109 dass die Gewinnsucht, deren korrumpierende Wirkungen auf große Politik und Großunternehmertum sie dokumentierten, auch die eigene Klientel der »little businessmen and farmers« befallen hatte. So könnte der Buchprüfer der Akten des Verfassungskonvents blind gewesen sein für sein eigenes Interesse am Interesse, um im Bild zu bleiben: für seine eigenen Aktien. 3. Erkenntnis und Interesse Mit dem Begriff des Denkstils nimmt Hofstadter eine Hauptidee jener weiter fortgeschrittenen Sozialwissenschaft auf, die das Projekt des progressiven Realismus ins Reflexive wendete, indem sie unter den als real wirksam gedachten Voraussetzungen der konventionellen Ideenwelten auch die Wirklichkeitsvorstellungen wissenschaftlicher Gemeinschaften und politischer Gruppen berücksichtigte. 25 Die für Beard, aber anscheinend keineswegs nur für Beard charakteristische Zweideutigkeit identifiziert Hofstadter als Denkepochensignatur, als Merkmal eines Schwellenzustands, des Übergangs zur Einsicht in die Interessenbezogenheit oder Standpunktabhängigkeit auch der avancierten, von der eigenen Illusionslosigkeit überzeugten Sozialtheorie. »To use Karl Mannheim’s terminology, the best thought of the progressive era was in a transitional state between the theory of ideology and the sociology of knowledge, and in any such age of transition a certain fruitful ambiguity of thought is to be expected.« 26 Diesen Übergang beschreibt Mannheim in seinem Buch Ideologie und Utopie als Konsequenz der Formulierung »eine[r] allgemeine[n] Fassung des totalen Ideologiebegriffs«, für die namentlich »verschiedene Spielarten« des Marxismus das Anschauungsmaterial geliefert hätten.27 Die totale Ideologiekritik wird reflexiv, wenn sie den Mut hat, »nicht nur die gegnerischen, sondern prinzipiell alle, also auch den eigenen Standort, als ideologisch zu sehen«. Genauer müsste Hofstadter von der »theory of ideologies« sprechen; die Stelle, auf die er sich ohne Nachweis bezieht, hat im deutschen Original den Wortlaut: »Mit dem Auftauchen der allgemeinen Fassung des totalen Ideologiebegriffes entsteht aus der bloßen Ideologienlehre die Wissenssoziologie.« Durch die Wissenssoziologie, so Mannheim weiter, wird die »Seinsgebundenheit« – Mannheims allgemeinerer Begriff für Voreingenommenheit, Bedingtheit oder Parteilichkeit – »jedes lebendigen Denkens« zum »Thema einer geistesgeschichtlichen Forschung«. Diese »soziologische Geistesgeschichte« oder »soziologisch orientierte Geistesgeschichte« wird »ohne Rücksicht auf Parteiung« das Nicht-Ideelle an den Ideen erforschen und ist berufen, »für den heutigen Menschen das 25 Fleck 1935. 26 Hofstadter 1950, 207. 27 Mannheim 1929, 32. Dort auch die folgenden Zitate.
116 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker dass institutionelle Gerüste nötig seien, damit die freien Geister sich zu ihren Höhenflügen sozialer Observation aufschwingen könnten, und fand diese Infrastruktur in den Bildungsanstalten mit ihren internen Unterschieden des Ansehens der einzelnen Angehörigen und den externen Unterschieden zwischen den informell nach Prestige gruppierten Hochschulen und Schulen. Aus der Gruppe der akademisch nicht satisfaktionsfähigen Unterschriftsleistenden des Wahlkampfs 1952 kehrt im Buch der Hausmeister wieder, als Symbolfigur eines im Bildungswesen deplatzierten Strebens nach Egalität. Das dreizehnte Kapitel widmet sich der Reformpädagogik in Gestalt der Bewegung des »Life Adjustment«, die durch Einführung von Schulfächern wie Hauswirtschaftskunde etwas gegen die intellektuelle Überforderung der Schüler tun wollte: Ziel des Schulunterrichts solle die Anpassung an die praktischen Anforderungen des Lebens sein. Nachdem die vorherigen Kapitel den evangelikalen Fundamentalismus, den Antikommunismus und den nationalen Chauvinismus als Träger des Antiintellektualismus dargestellt haben, findet der fünfte, bildungspolitische Abschnitt des Buches einen Ansteckungsherd des banausischen Ungeistes auf der linken, der sogenannten liberalen Seite der amerikanischen politischen Kultur. Das pädagogische Ideal praktischer Anpassung auf Kosten theoretischer Anstrengung ist für Hofstadter eine Fehlentwicklung des Pragmatismus. Er examiniert auch Deweys einschlägige Ideen; die Prüfung fällt etwas umständlich aus, weil Hofstadter augenscheinlich der intellektuellen Leistung Deweys die Anerkennung nicht entziehen möchte.54 D en schlechten, naiven Idealismus der Reformpädagogen bringt Hofstadter mit einem »curious lack of humor« auf ihrer Seite zusammen, und er macht mit seiner Leserschaft die Gegenprobe auf diese habitussoziologische These, indem er Humor demonstriert, mit einer Serie scherzhafter Bemerkungen über den missionarischen Eifer seiner Gegenspieler. Die zweite Bemerkung lautet: »When they feel they are about to establish the school janitor’s right to be treated with respect, they grow starry-eyed and increase their tempo.« Hofstadter macht einen Widerstreit zwischen Demokratie und Intellektualität aus, zwischen dem Prinzip der Gleichheit und dem Ideal geistiger Exzellenz. »The key to the book, its tragic heart, was his idea that America’s anti-intellectualism stemmed from democratic egalitarianism itself.«55 Diese kulturpessimistische Implikation seiner Idee des Antiintellektualismus dürfte für heutige politische Diskussionen mindestens ebenso viel Stoff bereithalten wie seine Kritik der Wissenschaftskritik der extremen Rechten,56 zumal wenn man den Stellenwert der Ideen der Anerkennung, des Minderheitenschutzes und der Standpunktübernahme in der jüngeren Demokratietheorie bedenkt. Kenneth Lynn, ein Literaturhistoriker aus dem Zirkel der neokonservativen Intellektuellen um Norman 54 Kritisch: Welter 1964, 483. 55 Greenberg 2007, 161. 56 Zwei Begriffsprägungen Hofstadters haben klassische Geltung erlangt in der Literatur zur extremen Rechten als einem Phänomen der politischen Kultur: Pseudokonservatismus (Hofstadter 1955b) und paranoider Stil (Hofstadter 1964; erweitert: Hofstadter 1965).
Bahners: Hofstadter und der Antiintellektualismus | 117 Podhoretz und Irving Kristol, präsentierte das Buch in seiner Rezension als Beweisstück für einen zeittypischen »Elitism on the Left«.57 Peter Gay hatte schon an Hofstadters 1955 erschienener Monographie über Populismus und Progressivismus, The Age of Reform, moniert, dass die von Hofstadter hergestellte »connection of populism and anti-intellectualism« entgegen dem Anspruch des Autors kein »result of investigation« sei, sondern von ihm an sein Thema herangetragen werde. »Let me state the question baldly: to what extent is your piece an a priori construction? That is to say, what extent do you start with an aristocratic picture of what society should be like, and then come out with your indictment of Populism?«58 Hofstadters Spott über den erfundenen Hausmeister seines Gedankenspiels ist dann immerhin begrifflich konsequent: Den Einsatz für ein Recht des nicht lehrenden Schulpersonals auf Respekt kann man nur aus einer vordemokratischen Wertewelt heraus als absurd hinstellen, im Lichte der aristokratischen Grundidee vorgefundener Rangunterschiede. Der dritte Scherz, der gemäß dem rhetorischen Gesetz der Steigerung als der lustigste gedacht sein müsste, geht auf Kosten der Schüler: »And when they are trying to assure that the location of the school toilets will be so clearly marked that the dullest child can find them, they grow dizzy with exaltation and launch into wild cadenzas about democracy and self-realization.«59 Man mag zugunsten Hofstadters annehmen, er habe es für selbstverständlich gehalten, dass für alle Anweisungen im Schulalltag klare und deutliche Markierungen zu verwenden seien, von den Wegweisern im Gebäude bis zu den Hinweisen zur korrekten Ausfüllung eines Tests. Aber es blitzt die sadistische Idee auf, einem begriffsstutzigen Kind geschehe es ganz recht, wenn es sich in die Hose mache, es sei sozusagen von der Natur geschlagen – und diese Phantasievorstellung ruft eigentlich danach, mit dem Besteck der von Hofstadter verehrten Klassiker der Sozialpsychologie auseinandergenommen zu werden. Welches Kind das dümmste ist: Das scheint in Hofstadters Augen, wenn es eine Schule gibt und damit die tägliche Übung des Vergleichs unter sämtlichen Schülern, eine simple Tatsachenfrage zu sein. Intelligenz, die im gegebenen hierarchisch differenzierten Bildungswesen der Vereinigten Staaten verwaltet, gefördert und bewertet wird, nimmt er in ähnlicher Weise als objektive Größe an wie Beard das materielle Interesse. In Hofstadters Modell des Status ist die gesellschaftliche Stellung des Einzelnen eine Sache von Rationalisierung und Projektion.60 Hofstadter hat auch zur Bildungsgeschichte im engeren Sinne mehrere Bücher vorgelegt, und das Buch von 1963 ist von zuständiger Seite als »the culmination and 57 Lynn 1963; vgl. Brown 2006b, 3–4. Zur Verbindung von Demokratieskepsis und akademischem Elitedenken in Hofstadters Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus der Senatoren McCarthy und Goldwater vgl. Faber 2006, 286–292. 58 Brown 2006a, 107. 59 Hofstadter 1963, 340. 60 Er definierte »status politics« als »the clash of various projective rationalizations arising from status aspirations« (Hofstadter 1955b, 18). Zu diesem Verständnis von Projektion und dem Einfluss Freuds auf Hofstadter vgl. McKenzie-McHarg 2022, 467–468.
118 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker synthesis of his thoughts on education« gerühmt worden.61 Keinen Platz hat unter diesen Gedanken die Einsicht, dass Bildung einen Status verleiht, in dessen Zuerkennung und Vorenthaltung irrationale Präferenzen und massive Interessen eingehen. Der Rassismus ist im Buch kein Thema, obwohl er die intellektuellen Fähigkeiten der Amerikaner afrikanischer Herkunft verächtlich macht. Mit melancholischem Sarkasmus merkt William E. Cain zu Anti-intellectualism in American Life und der 1964 publizierten Essaysammlung The Paranoid Style in American Politics an: »in the total of 750 pages there is no indication that Black people ever lived (and were living) in the United States.«62 5. Soziologische Aufklärung Hofstadters Fachkollege C. Vann Woodward nahm daran Anstoß, dass er schon dem älteren christlichen Fundamentalismus eine Mentalität des Extremismus und Irrationalismus unterschiebe, die sich in Wahrheit erst im Zuge der kulturellen Marginalisierung der buchstabengläubigen Orthodoxie in der Moderne herausgebildet habe. In einem Brief ermahnte er ihn freundschaftlich: »Dick, you just can’t do this. No amount of Adorno, Stouffer, Hartley, etc. will sustain it.«63 Woodward bezog sich auf drei für das Antiintellektualismusbuch wichtige Referenzwerke: Fundamentals of Social Psychology von Eugene L. Hartley und Ruth E. Hartley, Communism, Conformity and Civil Liberties: A Cross Section of the Nation Speaks its Mind von Samuel Stouffer und die Studien zum autoritären Charakter von Theodor W. Adorno und dessen Mitarbeitern.64 1952 mussten Hofstadter und seine Kollegen der New York Times, die nach eigenem Verständnis eine den exklusiven Universitäten vergleichbare nationale Institution ist und durch Wahrnehmung des Bildungsauftrags der Presse über die Einhaltung intellektueller Standards wacht, eine Fehleinschätzung der akademischen Reputationskapitalverteilung zur Kenntnis bringen. Gleichwohl ist Hofstadters Buch über die habituelle Geringschätzung intellektueller Leistungen in weiten Teilen der amerikanischen Gesellschaft von einer optimistischen Perspektive auf den Ideenmarkt bestimmt: Akademische und allgemeine Öffentlichkeit bilden in dieser Sicht ein Kontinuum, wie schon die teilweise ziemlich speziellen gelehrten Anspielungen im Buch zeigen; die Maßstäbe, die oben zur Anwendung kommen, werden anscheinend mit Erfolg nach unten kommuniziert. Das Buch spiegelt die literarische Kultur, in der es zum Bestseller werden konnte. 61 De Simone 2001, 379. 62 Cain 2018, 120. 63 Brown 2006a, 138. Über Hofstadter und Woodward vgl. King 2018. Sehr kritisch zu Hofstadters Darstellung des Fundamentalismus: Watt 2017, 113–118. 64 Zum Einfluss Adornos auf Hofstadters Deutung der amerikanischen Rech ten vgl. Faber 2006, 281–295 und Snodgrass 2018, 152. H. J. Eysenck monierte in seiner Besprechung von The Paranoid Style in American Politics, die »autoritäre Persönlichkeit« werde zwar im Vorübergehen erwähnt, Hofstadters sozialpsychologischem Räsonnement fehle aber die empirische Grundierung im Experiment (Eysenck 1966).
Bahners: Hofstadter und der Antiintellektualismus | 119 Im Schlusskapitel kritisiert Hofstadter eine pathologische Totalisierung der Kritik durch Intellektuelle, die ihren Außenseiterstatus verinnerlichen und die Erwartung eines antagonistischen Verhältnisses zwischen Intellekt und Gesellschaft durch bloßes Dagegensein erfüllen, unter Verzicht auf die Anstrengungen von Begründung und Vorstellungskraft. »What they have come to fear is not so much rejection or overt hostility, with which they have learned to cope and which they have almost come to regard as their proper fate, but the loss of alienation.«65 An der Entfremdung vollzieht sich das Gesetz einer Prophetie, die sich selbst erfüllt.66 Als Gegengift gegen diese Versuchung des Fatalismus verabreicht Hofstadter einige Daten zur Entwicklung des Buchmarkts – wo schlechte Botschaften sich gut verkaufen, aber Qualitätskontrolle nicht leerläuft. Populäre Titel von Autoren ohne akademische Autorität haben ähnliche Themen wie Bücher universitärer Provenienz, aber auch die Universitätsprodukte können relativ populär werden. Hofstadter stellt in diesem Sinne zwei Autoren nebeneinander, Vance Packard, den Journalisten im Mantel des Untergangspropheten (»Jeremiah«), der 1957 The Hidden Persuaders herausbrachte, ein Enthüllungsbuch über die Bewusstseinssteuerung durch die Werbeindustrie, und C. Wright Mills, seinen Kollegen an der Columbia University und Geburtsjahrgangsgenossen, Professor für Soziologie, der in seinen Büchern – White Collar (1951) über die neue Angestelltenklasse und The Power Elite (1956) – »the most thoroughgoing repudiation of American life in its every aspect« aussprach und gleichwohl respektvolle Rezensenten und eifrige Leser fand.67 Der Erfolg solcher Bücher könnte nahelegen, von einem Intellektualismus im amerikanischen Leben zu sprechen – Amerikaner sind Abnehmer intellektueller Lösungen ihrer Lebensprobleme. »David Riesman’s The Lonely Crowd, which can be taken as a depressing account of what the American character has become, is the most widely read book in the history of sociology, and William H. Whyte’s mordant analysis of The Organization Man is read everywhere by organization men.« Auf Riesmans Idee, dass es in der Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft eine Revolution des Charakters gegeben habe, den Übergang vom innengeleiteten zum außengeleiteten Menschen, hat Hofstadter zuvor Bezug genommen, um im bildungspolitischen Abschnitt die Grenze von Deweys evolutionärer Phantasie zu bezeichnen. Der Philosoph hatte in seiner Programmschrift Democracy and Education die Idee der Abhängigkeit (»dependence«) gegen ein asoziales Ideal persönlicher Unabhängigkeit verteidigt – niemand, merkt Hofstadter an, hätte wohl 1916, im Erscheinungsjahr des Buches, vorausgesagt, dass bei Kindern die von Riesman 1950 in seinem Buch diagnostizierte »peer-group conformity« 65 Hofstadter 1963, 393. 66 Das Buch selbst ist als Verifikation der Prophetie verstanden worden. »Hofstadter shared the feelings of alienation and defensiveness characteristic of American intellectuals in the era of Joseph McCarthy and the cold war. His Anti-intellectualism in American Life, in some ways the most self-revelatory book he ever wrote, was conceived in this mood« (Howe/Finn 1974, 16). 67 Hofstadter 1963, 418. Dort auch das folgende Zitat.
120 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker auftreten werde.68 Der Massenerfolg der »einsamen Masse« bestätigt das von Hofstadter im Erscheinungsjahr von Riesmans Buch an Beard aufgewiesene Muster: Die ursprünglich schockierende Einsicht wird zum Gemeinplatz, zur kleinen Münze des epochenspezifischen Selbstverständnisses einer Gesellschaft, einer Selbstversicherung, die sich in intellektuellen Epochen gerade an verunsichernde Ideen hält. The Liberal Imagination; The Lonely Crowd; White Collar; The Organization Man; The Politics of Cultural Despair – das wäre die Leseliste des Anti-Antiintellektualismus,69 ein Katalog vielgelesener Werke von Autoren aus Hofstadters intellektueller Generation, die Sozialwissenschaft und Sozialkritik verbinden mit einem Fokus auf der wechselseitigen Bedingtheit von individuellem und kollektivem Bewusstsein, sozialpsychologische Ratgeberliteratur ohne Rezepte.70 Man kann A Loss of Mastery hinzufügen, Peter Gays drei Jahre nach Anti-intellectualism in American Life veröffentlichte psychologische Interpretation der puritanischen Historiographie. Hofstadter hatte im Beard-Aufsatz zur Erklärung des progressiven Temperaments auf das 1914 publizierte zeitdiagnostische Buch Drift and Mastery des Journalisten Walter Lippmann mit dem Untertitel An Attempt to Diagnose the Current Unrest verwiesen. Die Anwendung wissenschaftlicher Methoden auf politische Probleme empfahl Lippmann zum Zweck der Errichtung demokratischer Herrschaft über die Dinge, die gemäß dem allgemeinen Zeitgefühl durch den sozialen Wandel hoffnungslos ins Treiben geraten zu sein schienen.71 Eine autorengruppensoziologische Betrachtung des Kreises von Hofstadters Stichwortgebern hätte die Fäden zu verfolgen, die diese Spezialisten für gemeinschaftliche Introspektion mit der laut Hofstadter extrovertierten Kohorte der progressiven Wirklichkeitssucher verbinden; Riesman beispielsweise war als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Louis Brandeis am Obersten Gerichtshof tätig. In dem Hinweis, dass das Buch über die Organisationsmänner zur Lieblingslektüre der Organisationsmänner wurde, erreicht das Projekt der wissenssoziologischen Selbstbeobachtung der wissenschaftlich inspirierten Gesellschaftskritik so etwas wie einen äußersten Punkt der Transparenz oder Illusionslosigkeit. Wenn die Einsicht in die Seinsgebundenheit eines Ideenkomplexes in soziologisch ernüchterter Zeit für die Triftigkeit der Ideen einsteht, dann wird die Probe auf die Haltbarkeit dieser Verbindung, wie es eigentlich schon die Philosophen des Pragmatismus sahen, in der Rezeption gemacht. Die Proliferation einer Idee 68 Ebd., 383. 69 Zur Bedeutung von White Collar für das Antiintellektualismus-Buch vgl. Brown 2006a, 122; allgemein zum Verhältnis zu Mills Gillam 1978. Hofstadter und Mills lernten sich 1942 an der University of Maryland kennen, wo der Historiker dem Soziologen Beard nahebrachte (ebd., 72). Zur Rolle Riesmans vgl. Strout 1963, 544. Institutioneller Ort des interdisziplinären Kollegengesprächs war an der Columbia University das »Seminar on the State«; dazu Katznelson 2003, 107–151. 70 Ein Rezensent von Anti-intellectualism urteilte: »While the author offers no cures, he makes a real contribution by presenting the problem in its total historical as well as analytical aspect. The potentialities of this type of reasoning are unlimited« (Wish 1964, 310). 71 Hofstadter 1950, 207. Siehe auch Hofstadter 1963, 329: »In the continuing debate over education the ideal of ›mastery‹ of subject matter dominates the thinking of the intellectualists, whereas the ideal of meeting the ›needs‹ of children becomes the central conception of their opponents.«
Bahners: Hofstadter und der Antiintellektualismus | 121 fällt zusammen mit der Reproduktion ihres Sitzes im Leben. Wer hätte Whytes Buch sonst lesen sollen? Die Organisationsmänner waren naturgemäß so gut organisiert, dass sie auch diesen Blick in den Spiegel in ihre Arbeitsabläufe einbauen konnten. Man muss sich dann allerdings fragen, ob Sozialkritik noch Kritik ist, wenn ihre Thesen allgemein überzeugen. 6. Die Chance des Unbehagens Was bedeutet das für Hofstadters Idee des Antiintellektualismus? War in seinem Buch ein ähnliches Rezeptionsschicksal angelegt, allgemeines Kopfnicken von Lesern, die es hätte vor den Kopf stoßen sollen? Oder war ihm im Gegenteil bestimmt, ausschließlich von Intellektuellen gelesen zu werden und eben nicht von Antiintellektuellen? 72 Laut Lasch verkannte Hofstadter, dass es auch unter Intellektuellen einen Antiintellektualismus gibt. 73 Er hätte demnach die Widersprüchlichkeit des Phänomens unterschätzt, anders gesagt die Ambiguität seiner Idee. Das überrascht angesichts des großen Wertes, den Hofstadter in seiner Beard-Interpretation auf den Nachweis der Ambiguität liegt. Allerdings ist die Bewertung von Beards Ambiguität selbst von Ambiguität gekennzeichnet. Einerseits soll sie Indiz für den Übergangscharakter des Denkstils von Beards Generation sein, also das Überholte und Vorläufige seiner Verfassungsinterpretation belegen – die sich andererseits wegen ihrer Ambiguität als anschluss-und ausbaufähig erwies und nicht zuletzt Hofstadter zu seiner subtilen Interpretation der Interpretation anregte. Dass Hofstadter »the most written-about American historian since Charles Beard« wurde, 74 findet, folgt man Robert M. Collins, in seinem Interesse an der Ambiguität eine doppelte Erklärung. Erstens war er mit seiner Abwendung von den Eindeutigkeiten repräsentativ für seine Zeit, und zweitens hinterließ er seinen Nachfolgern ein ausdeutungsbedürftiges Ideenkorpus. »Hofstadter the historian dwelt in ambiguity, and in that regard he spoke for an entire generation of intellectuals; this fact accounted in no small way for his success.« 75 1967 schrieb Hofstadter in einem Brief: »I have been disturbed that many historians do not understand ambiguity and have difficulties in seeing ambiguities.« 76 72 Eine freundliche Einschätzung bei Weiland 1988, 468: »Enough irony and humility are distributed through the text to demonstrate interest in reaching an audience not made up exclusively of scholars but of what he called ›thinking people‹, those devoted to intellect if not to all of its institutional products.« 73 Das letzte Kapitel des Buches, das Lasch 1965 dank der Geburtshilfe Hofstadters und mit dessen Segen herausbrachte, trägt den Titel, den der Autor ursprünglich dem ganzen Buch hatte geben wollen: The Anti-Intellectualism of the Intellectuals (Ludwig 2015, 321). 74 Collins 1989, 152. 75 Ebd., 159. Robert D. Johnston tituliert Hofstadter in einer kunstvollendet zwiespältigen Hommage als »the king of ambiguity« (Johnston 2007, 136). 76 Hofstadter an William Novak, 15. November 1967, zitíert bei Collins 1989, 157.
122 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Wie eindeutig, wie zweideutig ist Hofstadters Idee vom Antiintellektualismus im amerikanischen Leben?77 Louis B. Wright, Direktor der Folger Library, bemängelte in seiner Rezension, dass Hofstadter keine Definition des Intellektuellen biete und ihm das von den Antiintellektuellen kultivierte Feindbild das Porträt ersetze.78 Schon das knappe Vorwort kann irritieren. Dort offenbart Hofstadter dem Leser, dass er den Antiintellektualismus dem Umfang des Buches und dessen systematischer Gliederung zum Trotz gar nicht zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Gesamtdarstellung, einer »formal history«, gemacht habe. Vielmehr diene ihm »the idea of anti-intellectualism« lediglich als Werkzeug, Behelfsmittel oder Kunstgriff, man könnte vielleicht sogar übersetzen: als Trick, »as a device for looking at various aspects, hardly the most appealing, of American society and culture«. Der Leser habe »a personal book« vor sich, dessen Darlegungen einzelner Tatsachen organisiert und beherrscht seien von den Ansichten des Autors.79 Diese Ansichten kommen unverkennbar dort zur Sprache, wo der Autor die Idee des Intellektualismus auseinanderlegt (wobei er diesen Begriff nur selten und beiläufig verwendet, hauptsächlich mit Bezug auf die puritanische Tradition).80 Wie sich zeigt, ist es für die intellektuelle Tätigkeit charakteristisch, dass sie eine Sache nicht nur in ihrer Tatsächlichkeit betrachtet, sondern unter verschiedenen, wechselnden Aspekten. Intellektualität ist das Metier der Nuancen, der Abstufungen und Einschränkungen, der Schattierungen und Überblendungen, kurzum: das Reich der Ambiguität. Jedes intellektuelle Buch ist ein persönliches Buch. In diesem Buch, »the most complete expression of Hofstadter’s political and cultural philosophy«,81 sind die Thesen, die vielleicht eher Pointen heißen sollten, durchweg im rhetorischen Modus der Ironie formuliert.82 Antiintellektualismus ist dann Unempfänglichkeit für Ironie, das Fehlen eines Sensoriums für Ambiguität. Vom Antiintellektualismus als Haltung (»attitude«) heißt es im ersten Kapitel: »it is not usually found in a pure form but in ambivalence.«83 Dieser Gedanke ist Hofstadter so wichtig, dass er ihn wiederholt. Das Publikum teile sich nicht einfach »into intellectual and anti-intellectual factions«; ein größerer Teil sei »infused with enough ambivalence 77 Der Rezensent der American Historical Review fragte kritisch: »What, then, is the essential subject matter of this study? Is it a history of the changing status and repute of the intellectual class in America? Or the history of a body of ideas? Or the history of a psychological state, compounded of suspicion and hostility? In the present book Hofstadter nowhere faces these questions squarely« (Bestor 1965, 1119). 78 Wright 1963, 652. 79 Hofstadter 1963, vii. Dass Hofstadter den Antiintellektualismus entgegen seiner Absicht verdinglicht habe, ist der Vorwurf von Gleason 1966, 241: »anti-intellectualism is treated as a thing which has objective reality, rather than being consistently handled as a conceptual instrument, a perspective upon objective reality.« 80 Hofstadter 1963, 28, 33, 46 Anm. 7, 64, 137, 175, 204, 246, 281, 343, 399, 42 und 431. 81 Faber 2006, 310. 82 Z.B. Hofstadter 1963, 43: »In earlier days, after all, it had been our fate as a nation not to have ideologies but to be one.« Oder ebd., 345: »Life-adjustment educators would do anything in the name of science except encourage children to study it.« Zur Ironie als durchgehender leitender Hinsicht von Hofstadters Geschichtsbetrachtung, die sich z.B. in seiner Vorliebe für das Adverb »curiously« zeigt, vgl. Howe/Finn 1974, 3–5 und Kazin 1999, 343–344. 83 Hofstadter 1963, 7.
Bahners: Hofstadter und der Antiintellektualismus | 123 about intellect and intellectuals«.84 Und das soll auch für die dezidierten Kritiker des Intellekts gelten; sie seien »almost always ambivalent about it«.85 Diese Ambivalenz ist nun mit Ambiguität nicht zu verwechseln. Ambiguität, auch wo einem Autor die eigenen Unklarheiten nicht deutlich sein mögen, belegt die Beschäftigung mit einem Problem, den Einstieg in das Durchdenken der Schwierigkeiten, ist Ausweis von intellektueller Kraft, wenigstens als Potential. Ambivalenz dagegen, der unvermittelte Zwiespalt in der Bewertung, ist ein Ausdruck von Schwäche; bei den Kritikern des Intellekts beweist die Ambivalenz nur, dass sie sich seiner Macht nicht entziehen können. Laschs Fehlanzeige ist zu ergänzen: Hofstadter ignoriert den Antiintellektualismus, den man auch bei Intellektuellen antrifft – und komplementär dazu zieht er gar nicht erst in Betracht, dass der Antiintellektualismus, der auf Intellektuelle mit Abwehr reagiert, einen intellektuellen Gehalt haben könnte.86 Hofstadter, der in der Industriestadt Buffalo aufgewachsen war und in New York City seine geistige Heimat fand, assoziierte Intellektualität mit Urbanität, dem großstädtischen Habitus, der sich auf Fernliegendes ausrichtet und auf Verschachteltes einstellt. Der Antiintellektualismus, diesen Eindruck vermittelt das Buch, ist in Amerika überall, aber auch überall auf dem Rückzug, ratlos und daher auch machtlos gegenüber dem »new urban style«.87 Geländegewinne des »older America« bleiben punktuell und temporär; es besiegte zwar Al Smith, den demokratischen Präsidentschaftskandidaten des Jahres 1928, weil sich die Wähler in den ländlichen Regionen Angst vor dem Katholiken Smith einjagen ließen, aber er hatte aus seiner Partei »an urban and cosmopolitan force« gemacht, so dass sie von 1932 an die Wahlen gewann.88 Schon 1955 hatte Hofstadter lakonisch festgestellt: »It is the city, after all, that is the home of intellectual complexity.«89 So wollte er in The Age of Reform erklären, dass der Populismus, eine Bewegung aus den Tiefen des Landes, sich Veränderung und deren Verhinderung zu einfach vorgestellt habe, als Resultat des guten oder bösen Willens verschworener Einzelner. Ein überwältigendes Gefühl der Ohnmacht finde in »impersonal explanations« keinen befriedigenden Ausdruck, »except among those with a well-developed tradition of intellectualism«, also unter (bestimmten) Stadtbewohnern. Gege n den sozialgeographischen Reduktionismus dieses Populismusbildes protestierte Christopher Lasch 1969 in seiner Streitschrift The Agony of the Left. Den Populisten habe »an awareness of the human capacity for collective self-deception« und damit der Ansatz für den marxistischen Begriff der Ideologie gefehlt, daher hätten sie »conspiratorial explanations of history« entwickelt. Aber nicht alle diese Erklärungen waren Verschwörungstheorien gemäß dem 84 Ebd., 19. 85 Ebd., 21. 86 Ähnlich wie Lasch Welter 1964, 482: »it might have been wiser had he taken into account the criticisms that many of our most distinguished intellectuals have directed at conventional definitions of intelligence and rationality.« 87 Hofstadter 1963, 117. 88 Ebd., 12. 89 Hofstadter 1955a, 73. Dort auch das folgende Zitat.
124 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker ideologiekritischen Gemeinplatz. »They could take the form of a sophisticated economic determinism – as in Charles Beard’s economic interpretation of the Constitution.«90 Bei Hofstadter ist »sophisticated« eines der Synonyme für intellektuell im emphatischen sozialkritischen oder geschichtsphilosophischen Sinne des Buches von 1963: Landwirte bilden sich noch ein, sich die »bookish or scientific ideas« von »sophisticated critics« nicht anhören zu müssen,91 während »small politicians and small businessmen« in ihrem Berufsalltag den »better educated and more sophisticated experts« schon nicht mehr aus dem Weg gehen können,92 und den Intellektuellen scheint der Verstand von Präsident Kennedy »alert and capacious, sophisticated and skeptical«.93 Laschs pointierte Würdigung Beards bringt Hofstadters Schematismus durcheinander. Indem Lasch die Rolle eines geistigen Enkelschülers von Beard annahm, machte er schon zu Lebzeiten Hofstadters deutlich, dass seine Bewunderung für seinen Mentor nicht zum Ahnenkult erstarren sollte. Im Buch über die progressiven Historiker würdigt Hofstadter Beards Untersuchung der Vermögensverhältnisse der Mitglieder des Konvents von Philadelphia als Vorwegnahme der prosopographischen Methode, mit der Sir Lewis Namier die Zusammensetzung des englischen Unterhauses vor den Parlamentsreformen des 19.Jahrhunderts analysierte. Namier, aus Polen nach England eingewandert, war ein Außenseiter in der englischen akademischen Elite und entzauberte mit seiner gründlichen Dokumentation der Netzwerke einer Klientelstaatswirtschaft die idealistische Selbstbeschreibung der Parlamentskultur, die Whig Interpretation of History.94 Hofstadter schließt den kleinen Exkurs transatlantischer Komparatistik ab, indem er einen Einwand referiert: »It is also of some consequence here that a kind of anti-intellectualism – a disposition to downgrade or ignore the significance of ideas – has been charged against both Namier and Beard.«95 Was aus dem Einwand folgen soll, was die Konsequenzen dieser polemischen Konstellation sind, lässt Hofstadter offen. Der Satz mit dem Reizwort aus dem Titel seines berühmten Buches steht erratisch am Schluss eines Unterkapitels. Mehrere Kollegen Hofstadters haben überliefert, dass er sich unzufrieden über Anti-intellectualism in American Life geäußert habe.96 Dass es für Historiker Gründe gibt, die Bedeutung von Ideen herabzustufen, wollte er offenbar dennoch nicht zugestehen. Undenkbar blieb, dass im Antiintellektualismus eine Idee verborgen sein könnte. 90 Lasch 1969, 7. Vgl. Ludwig 2015, 447. 91 Hofstadter 1963, 282. 92 Ebd., 35. 93 Ebd., 228. 94 In The Varieties of History folgt Namier (»History and Political Culture«) auf Hofstadter. 95 Hofstadter 1968, 212. 96 Brown 2006a, 131: »Anti-intellectualism, he confided to William Leuchtenburg, was the only book that grew cold on him.« Siehe auch ebd., 126–127 und 140.
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