scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Weiß, männlich, gebildet: Die »un/sichtbaren« Normen des filiopietistischen Intellektualismus

Hübner, Andreas

Abstract

Der Beitrag widmet sich dem New Orleanser Deutschamerikaner J. Hanno Deiler, in dessen Handeln und Intellektualismus, so die These, maßgeblich…

Full text

| 85 Andreas Hübner Weiß, männlich, gebildet Die »un/sichtbaren« Normen des filiopietistischen Intellektualismus 1. Die »un/sichtbaren« Normen des Intellektualismus Für ihre deutschamerikanische Leserschaft hielt die New Orleanser Tageszeitung Times Picayune am Mittwoch, den 21. Juli 1909, keine guten Nachrichten bereit. »Prof. Deiler verstorben«, gab das Blatt bekannt und verlautbarte ferner: »Berühmter Vertreter der deutschen Kolonie, altgedienter Pädagoge, Historiker und Musiker, verstirbt in seinem Sommerhaus in St. Tammany.« 1 Auch im Nachruf selbst hob die Times Picayune die vielen Facetten des Tulane-Professors hervor und würdigte die mindestens drei Leben des Hanno Deiler. Die Tageszeitung erinnerte an Deiler den lokalen Pädagogen, an Deiler den landesweit gefeierten Musiker und an Deiler den renommierten Gelehrten: »Prof. Deiler war im ganzen Land bekannt, nicht nur als Pädagoge, sondern auch als Musiker von hohem Range und für das Interesse, das er an der Förderung des Wohlergehens seiner Landsleute zeigte. Er war zudem ein angesehener Historiker und gab seine Lebensaufgabe an der Tulane University auf, um einige Studien über die frühe deutsche Besiedlung Louisianas zu vollenden.« 2 Im St. Tammany Parish, genauer gesagt im beschaulichen Städtchen Covington, hatte Deiler eigentlich gehofft, seine gesundheitlichen Probleme zu lindern. Noch im Mai des Jahres berichtete das lokale Blatt, der St. Tammany Farmer, über den »prominenten« Bewohner und begründete dessen Liebe zu Covington damit, dass die dortige frische Brise bei Deiler »die 1 The Daily Picayune-New Orleans, 21.07.1909. Historic New Orleans Collection (HNOC), New Orleans, Microfilm 82-099-L (stets eigene Übersetzung). 2 Ebd.: »Prof. Deiler was known throughout the country, not only as an educator, but as a musician of high rank and as well for the interest he took in the promotion of the welfare of his countrymen. He was also a distinguished historian, and it was to complete some studies of the early German settlement in Louisiana that he gave up his life work at Tulane University.« Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p5 86 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker geistige Aktivität angeregt und den Fluss der Gedanken gefördert« habe. 3 Deiler gedachte in der Kleinstadt seine Herzleiden auszukurieren und die Arbeiten an seinem Opus Magnum The Settlement of the German Coast of Louisiana and the Creoles of German Descent abzuschließen. Solchen Unterfangen stand man nördlich des Lake Pontchartrain durchaus wohlwollend gegenüber und schätzte an Deiler dessen gebildeten und freudigen Charakter, wie die anerkennenden Zeilen eines Lokaljournalisten zeigten: »Er wurde von allen, die ihn kannten, geliebt und bewundert, sowohl wegen seiner intellektuellen Fähigkeiten als auch wegen seines fröhlichen, heiteren Gemüts.« 4 Die Nachrufe der New Orleanser und der Louisiana-Presse unterschieden sich in Form und Funktion nicht wesentlich von den Meldungen und Mitteilungen überregionaler deutschamerikanischer Periodika sowie nationaler, angloamerikanischer Tagesblätter. Auch in diesen wurden zum Tod des ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft von New Orleans stets die Bandbreite seines Schaffens, seine intellektuellen Kapazitäten und sein heiteres Gemüt betont. Deiler, so hieß es, habe in den öffentlichen Schulen von New Orleans um den Erhalt der deutschen Sprache gekämpft und als glänzender Redner und Musiker bis zu seinem Ableben dem Nationalen Deutsch-Amerikanischen Sängerbund vorgestanden. Im Jahre 1890 sei Deiler, so ergänzte die Freie Presse für Texas aus San Antonio, mit dem Sängerfest von New Orleans ein Meisterstück gelungen. Er habe ein Fest inszeniert, das »noch heute als eines der besten Feste, die der Nord-Amerikanische Sängerbund veranstaltet hat, angesehen«5 würde. Vor allem sei Deiler, wie im Washington Herald zu lesen war, aber »einer der besten deutschen Gelehrten«6 des Südens gewesen. Dabei wurde der »Gelehrte« Deiler in eine Reihe mit weiteren deutschamerikanischen Historiker:innen wie Albert Bernhard Faust, Gustav Körner oder Rudolf Cronau gestellt. Deren Wirken hatte sich gemäß der Prämissen der filiopietistischen Einwanderungsforschung zumeist darauf fokussiert, die Bedeutung des sogenannten »Deutschthums« und den Beitrag deutscher Einwander:innen »zur amerikanischen Geschichte, Politik, Wirtschaft und Kultur« zu betonen.7 Dass Deiler sich diesbezüglich nicht hinter seinen Zeitgenossen hatte verstecken müssen, verdeutlichte wiederum die Freie Presse für Texas, die von »Extra-Vor3 St. Tammany Farmer (Covington, LA), 15.05.1909, 4. Library of Congress, Washington, DC, Chronicling America: Historic American Newspapers, https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn82015387/1909-05-15/ed-1/seq4/ (letzter Zugriff: 01.03.2024). 4 St. Tammany Farmer (Covington, LA), 24.07.1909, 5. Library of Congress, Washington, DC, Chronicling America: Historic American Newspapers, https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn82015387/1909-07-24/ed-1/seq-5/ (letzter Zugriff: 01.03.2024). Im Original: »He was loved and admired by all who knew him, both for his intellectual attainments and his happy, jovial disposition.« 5 Freie Presse für Texas (San Antonio, TX), 23.07.1909, 2. Library of Congress, Washington, DC, Chronicling America: Historic American Newspapers, https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn83045227/1909-07-23/ed-1/seq-2/ (letzter Zugriff: 01.03.2024). 6 The Washington Herald (Washington, DC), 22.07.1909, 1. Library of Congress, Washington, DC, Chronicling America: Historic American Newspapers, http://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn83045433/1909-07-22/ed-1/seq-1/ (letzter Zugriff: 01.03.2024). 7 Ortlepp 2004, 20 (Anm. 28). Hübner: Weiß, männlich, gebildet | 87 lesungen« für Studierende der Tulane University zu berichten wusste, in denen Deiler »ganz speziell Ruhmestaten« der deutschamerikanischen Geschichte behandelte.8 Wenig überraschend vermerkte der Nachruf in den Deutsch-Amerikanischen Geschichtsblättern: »Sein Hauptverdienst aber um das Deutschthum, und dasjenige, was seinen Namen auf ferne Nachwelt tragen wird, ist die von ihm mit großer Liebe und persönlicher Anstrengung ausgeführte Erforschung der Geschichte der deutschen Einwanderung in Louisiana.«9 Liest man die Presseberichte nach seinem Tode sorgfältig, so könnte der Eindruck entstehen, dass die Intensität, mit der Deiler und seine Weggefährten Bedeutung wie Beitrag der »deutschen Einwanderung« erkundeten und idealisierten, sie zu Repräsentanten jenen Typus des Intellektuellen machten, dem Richard Hofstadter in den 1960erJahren einen gewissen Glaubensfanatismus unterstellt hatte: Gemeint ist der Typus des »obsessiven« Intellektuellen, der für die eine Idee lebe, der von der Hingabe für die eine spezielle, ja einengende Idee regelrecht verschluckt würde.10 In Deilers Fall entfaltete sich das Zwanghafte an der Idee des sogenannten »vereinten« und »globalen« »Deutschthums«. Sein (intellektuelles) Schaffen als Pädagoge, Musiker und Gelehrter war bestimmt von der Obsession, dem gefühlten Rückgang des »Deutschthums« entgegenzutreten, den Deutschamerikaner:innen neues Selbstvertrauen einzuhauchen und die Zweifel an ihrer Bedeutung als amerikanische Bürger:innen zu zerstreuen.11 Deilers Tun und Handeln waren also weniger von einer verspielten Neugierde geprägt, als vielmehr einem engen, unmittelbaren und vorhersehbaren Ziel mit unfehlbarer praktischer Qualität verschrieben.12 In seinem intellektuellen Streben war er zutiefst »obsessiv«: Anstatt Antworten auf Fragen zu suchen, machte er aus Fragen Antworten.13 Obsession und Intellektualismus, und diese Beobachtung offenbart die Grenzen von Hofstadters Ausführungen zum Antiintellektualismus, basierten bei Deiler auf der »hegemonialen Normativität weißer Positionen«.14 Sein Weißsein konnte, wie mit Bärbel Völkel zu formulieren wäre, als eine »Form historischer und kultureller Selbstermächtigung« verstanden werden, die zugleich kollektive Wahrnehmungs-, Wissens-und Handlungsmuster konstituierte und mit deren sozialer Positionierung Macht und Privilegien einhergingen.15 Eine solche Selbstermächtigung verlangte, wie sich im Laufe dieses Beitrages zeigen wird, die strikte Abgrenzung zur afroamerikanischen Bevölkerung und setzte eine binäre Kon8 Freie Presse für Texas (San Antonio, TX), 23.07.1909, 2. Library of Congress, Washington, DC, Chronicling America: Historic American Newspapers, https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn83045227/1909-07-23/ed-1/seq-2/ (letzter Zugriff: 01.03.2024). 9 Deutsch-amerikanische Geschichtsblätter 9, 1909, 159. Universitätsbibliothek Kiel. 10 Vgl. Hofstadter 1963, 29. 11 Vgl. Spear 1961, 260, sowie Hübner 2017, 15–18. 12 Vgl. Hofstadter 1963, 25. 13 Vgl. ebd., 30. 14 Völkel 2021. 15 Ebd. 88 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker figuration voraus, die dem biologischen Essentialismus folgend zwischen »weißen« und »schwarzen« Personen unterschied. Ausgangspunkt hierfür war ein Prozess, an dessen Ende sich die kategorialen Differenzierungen unter europäischen Migrant:innen, die bis Anfang des 20.Jahrhundert üblich sein sollten, langsam auflösen und bis in die 1960erJahre völlig verschwinden sollten. Diesen Wandel diskutierend, sprach der Historiker Matthew Jacobson in seinen Schriften gar von einem »dramatischen Rückgang der wahrgenommenen Unterschiede unter den weißen Anderen«.16 Deilers Intellektualismus und seine Wahrnehmung als Intellektueller waren jedoch nicht nur von seinem Weißsein bestimmt. Vielmehr verschränkte sich sein Weißsein mit maskulinen und (westlich-aufklärerischen) bildungselitären Normativitäten und Hegemonialitäten. Intellektualität bedeutete mit Blick auf Deiler, und dies gerät bei Hofstadter aus dem Blick, Weißsein, Männlichsein und Gebildetsein. Zugespitzt und nochmals auf Völkel rekurrierend: In Deilers Intellektualismus waren Weißsein, Männlichsein und Gebildetsein als un/ sichtbare Normen eingeschrieben.17 2. Die Geburt eines intellektuellen »Weißseins« Der in Altötting geborene Hanno Deiler war im Jahr 1872 nach Amerika und New Orleans aufgebrochen. In die Fußstapfen seines Vaters, eines königlichen Kapellmusikers, tretend, hatte er in seinen Jungen-und Jugendjahren in der (ober-)bayerischen Heimat am Kloster St. Emmeram in Regensburg und am Freisinger Lehrerseminar eine umfangreiche Ausbildung zum Musiker und Pädagogen erfahren. In der Stadt am Mississippi nahm er zunächst eine Stelle an der Katholischen Sankt-Bonifaz-Schule an, bevor er ab 1879 als Professor für Germanistik an der University of Louisiana, der späteren Tulane University, lehrte. Zu Beginn noch eine kleine, öffentliche Institution, wandelte sich die Universität durch die großzügigen Spenden des New Orleanser Geschäftsmannes Paul Tulane nicht nur in eine finanzkräftige, sondern auch in eine private Bildungseinrichtung, die es Deiler erlaubte, sich zunehmend auf seine Lehrund Forschungstätigkeiten zu konzentrieren. 18 Als Gelehrter machte Deiler Karriere mit unzähligen Schriften zur deutschen Einwanderung nach Louisiana, als Musiker zog er mit dem New Orleanser Quartett-Club regionale und überregionale Aufmerksamkeit auf sich und als Pädagoge trat er immer wieder für den Erhalt der deutschen Sprachen in den Schulen von New Orleans ein. 19 16 Jacobson 2001, 89. Im Original heißt es bei Jacobson: »The period from the 1920s to the 1960s saw a dramatic decline in the perceived differences among these white Others.« 17 Völkel 2021. 18 Freie Presse für Texas (San Antonio, TX), 23.07.1909, 2. Library of Congress, Washington, DC, Chronicling America: Historic American Newspapers, https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn83045227/1909-07-23/ed-1/seq-2/ (letzter Zugriff: 01.03.2024). 19 Vgl. Hübner 2009, 79–105. Hübner: Weiß, männlich, gebildet | 89 Gelehrte wie Deiler – gerade auch deutschamerikanischer Herkunft, erster oder zweiter Generation – fanden sich um die Jahrhundertwende an vielen amerikanischen Universitäten. Sie bildeten eine neue »intellektuelle Schicht«, die sich ausgehend von einem Begriff der Kultur, der eng mit Vorstellungen des moralischen und intellektuellen Enhancement verbunden war, nicht mehr nur als Wissenskörper verstand, sondern als Einheit, deren intellektuelles Streben sich ganzheitlich in Forschung, Lehre und Lernen niederschlagen sollte.20 Deiler und seine Weggefährten waren Vertreter:innen jenes nach 1870 wachsenden amerikanischen Professoriums, das für eine Verbesserung der professionellen und institutionellen Hochschulstandards stand und ein Maß an Einfluss und Prestige innerhalb und außerhalb der Studienräume erlangte, wie es ihre Vorgänger in der alten College-Ära nicht zu träumen gewagt hätten.21 Zugleich repräsentierten Deiler und seine Weggefährten einen neuen Typus des »White Intellectualism«. Dessen »aufgeklärte« Vorstellungen normierten die Aspekte der Rationalität, Ordnung, Selbstbeherrschung und des empirischen Denkens, setzten eine Form des konstruierten »intellektuellen Weißseins« als soziales, wirtschaftliches und kulturelles Kapital ein und produzierten hierarchische Strukturen, deren wesentliche Funktionen in der Diskriminierung, Segregation und Ausgrenzung sowie in der rassistisch motivierten Exklusion einzelner Gruppen zu sehen waren.22 Das deutschamerikanische, intellektuelle Weißsein war geboren. Deilers Obsession, dem Rückgang des »Deutschthums« entgegenzutreten, durfte durchaus als Ausdruck dieses »White Intellectualism« verstanden werden. In Louisiana versuchten die Akteure dieses Intellektualismus, sich nicht nur von afroamerikanischen Akteuren abzugrenzen, sondern sie mussten den Status des »Weißseins« der eigenen Gruppen, in Deilers Fall der Deutschamerikaner, fortwährend gegenüber den etablierten und neu ankommenden Gruppen verteidigen. Von einer intellektuellen Gemeinschaft, wie sie der Migrationssoziologe und Zeitgenosse Hofstadters Milton Gordon in den 1960erJahren beschrieben hatte, konnte also kaum die Rede sein.23 Stattdessen, und dies zeigen Akteure wie Deiler, spielten Kategorien um gender, class, race und ethnicity, die später in kulturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Arbeiten theoretisiert werden sollten, eine weitaus größere Rolle bei der Ausformung intellektueller Gruppen, als es Autoren wie Gordon und Hofstadter in ihren Texten postulierten. Die Konturen für die nächsten Seiten zeichnen sich damit ab. Deiler, dem »obsessiven« Intellektuellen, gilt es nachzuspüren und unser Verständnis für die Gestalt des »White Intellectualism« weiter zu schärfen. Deiler, der Gelehrte, Musiker und Pädagoge, ist ebenso zu sezieren, wie die »un/sichtbaren Normen« intellektuellen Weißseins offenzulegen sind. Auf diesem Wege könnten nicht nur die Überlegungen Hofstadters zum Anti-/Intellektualismus in der amerikanischen Geschichte einer Prüfung unterzogen werden. Auch ließe sich ein 20 Vgl. Trommler 2017, 90. 21 Vgl. Hofstadter 1955, 154. 22 Vgl. Baker 2020, 251. 23 Vgl. Gordon 1964, 226–232. 90 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker neuer Sehepunkt einnehmen, der die Perspektive auf die deutschamerikanischen Akteure des späten 19.Jahrhunderts weiter differenzieren und die jüngsten Forschungen von Historiker:innen wie Heike Bungert, bei denen die Performanz deutschamerikanischen Weißseins nur am Rande besprochen wird, ergänzen könnte.24 3. Bildung, Intellektualismus und Nationalismus Nach der Annahme der Professur für Germanistik an der Tulane University wirkte Hanno Deiler weiterhin in lehrender Tätigkeit an wechselnden New Orleanser Schulen wie dem Soule’s Commercial College, der Jefferson Academy oder der Tulane High School. Dabei soll er auch den späteren langjährigen New Orleanser Bürgermeister Martin Behrman unterrichtet haben. 25 Den Schulen, die häufig in kirchlicher Trägerschaft standen, kam insofern eine Schlüsselrolle zu, als dass sie und der dortige deutschsprachige Unterricht, so Deiler, zur »Pflege und Erhaltung der deutschen Sprache« beitrugen und letztlich die Basis des »vereinten und globalen Deutschthums« bildeten. 26 Wie in anderen Regionen der Vereinigten Staaten kam den protestantischen Gemeinden hierbei eine zentrale Rolle zu. Besonders aktiv zeigte sich die lutherische Synode von Missouri, die gezielt Lehrer:innen nach Nordamerika abwarb. 27 In New Orleans stellten die lutherischen Schulen den höchsten Anteil der deutschamerikanischen konfessionellen Schulen. Neben der formalen Schulbildung absolvierten viele Schüler:innen die »Bibelschulen« und »Sonntagsschulen« der Gemeinden; deutschamerikanische Schulen und Kirchen waren eng miteinander verflochten: Schließlich lieferten Schulen, die deutschsprachigen Unterricht anboten, zugleich die künftigen Kirchgänger:innen für die deutschsprachigen Gotteshäuser. Nicht selten bedeutete daher das Ende deutschsprachiger, konfessioneller Schulen auch das Ende deutschsprachiger Gottesdienste. Die St. Paul’s German Evangelical-Lutheran Church reduzierte beispielsweise schon bald nach der Schließung ihrer Schule im Jahr 1900 das Angebot deutschsprachiger Gottesdienste erheblich. 28 Wenig überraschend richtete Deiler, wie viele seiner deutschamerikanischen Zeitgenoss:innen, seine Schaffenskraft in den Folgejahren auf die Etablierung von »deutschen« Schulen und deutschsprachigen Klassen in amerikanischen Schulen. Ihm ging es hierbei – 24 Vgl. Bungert 2016, 26. Bungert konstatiert zwar, »dass die Assimilation von Einwanderern stets in Abgrenzung zu Afroamerikanern und Asian Americans stattfand und ein weißes US-amerikanisches Einheitsideal schuf«, und zitiert auch die einschlägigen Schriften von Jacobson 1998, Kazal 2004, Kolchin 2002 und Roediger 1991 sowie 2005, sie verwendet aber weiterhin den Begriff der »Assimilation« und geht damit schlicht von migrationsspezifischen Anpassungs-bzw. Angleichungsprozessen aus. Zum Verständnis des historischen Prozesses des deutschamerikanischen »Weißwerdens« trägt sie wenig bei. Bungerts Verständnis des Migrationsprozesses beruht im Wesentlichen auf den Überlegungen von Kathleen Neils Conzen und deren Aufsatz »German-Americans and the Invention of Ethnicity«, der zuerst 1986 in einem Sammelband von Frank Trommler erschien, vgl. Conzen 2016. 25 Vgl. Merrill 2005, 313. 26 Vgl. Deiler 1894, 3. Zum Begriff der »Deutschthumsakteure« siehe auch Schulze 2016. 27 Vgl. Petty 2013, 45. Petty beschreibt die Prozesse für den Bundesstaat Wisconsin im Detail. 28 Vgl. Merrill 2005, 223–246. Hübner: Weiß, männlich, gebildet | 91 im besten Sinne Hofstadters – weniger um eine »verspielte« Bildung als um die »praktische«, zweckgebundene Ausbildung der deutschen Sprache: »[D]ie Hebung des Deutschtums und die Verbreitung […] deutscher Sitten und deutscher Kultur hier zu Lande« galt es mit Hilfe der deutschen Sprache zu befördern.29 Auch beschränkte sich Deiler nicht auf seine Rolle als Pädagoge, sondern trat zudem als Bildungspolitiker in Erscheinung. Mit weiteren deutschamerikanischen Persönlichkeiten – Willy Paul Adams hätte sie wohl »ethnic leaders« genannt – betrieb er über die Deutsche Gesellschaft von New Orleans eine langjährige Kampagne zur Einführung und zum Erhalt der deutschen Sprachen in örtlichen Schulen.30 Inwiefern das Betreiben dieser Männer im Vorhinein zum Scheitern verurteilt war, sei dahingestellt. Die Beharrlichkeit, mit der sie ihr Ziel verfolgten, ließ zumindest einige Etappensiege zu. So konnte die Deutsche Gesellschaft mit Hilfe der geschickten Platzierung eines ihrer Mitglieder im »Direktoriums der Oeffentlichen Schulen« von New Orleans immer wieder kleinere Erfolge verzeichnen. Für das Jahr 1909 frohlockte die Gesellschaft etwa: »Von großem Werthe für unseren Zweck ist es ferner, daß in den New Orleanser Hochschulen demnächst die deutsche Sprache gelehrt werden soll. Es wird dies viel dazu beitragen, die Deutschen in anderen Theilen des Landes und in Deutschland davon zu überzeugen, daß man das Deutsche und die Deutschen hier schätzt.« 31 Die eigenen Anstrengungen um die deutsche Sprache, so zeigten die entsprechenden Aussagen indessen, waren für die lokalen Akteure immer auch von überregionaler Relevanz. Geplagt von Gefühlen des Niedergangs und der Isolation, erhofften die weißen Herren der Deutschen Gesellschaft mit ihren Bemühungen, nationale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und globale Wertschätzung zu erlangen. Parallel zu ihren bildungspolitischen Anstrengungen konzentrierte sich die Deutsche Gesellschaft um Hanno Deiler auf die Schüler:innen selbst und versuchte, verschiedene Anreize für das Erlernen der deutschen Sprache zu schaffen. Unter anderem setzte die Gesellschaft »Belohnungen für eifriges Studium der deutschen Sprache in unseren höheren Schulen« aus und vergab jährlich eine Reihe von Buchpreisen an besonders Sprachlernwillige.32 Bei der Auswahl an Werken, die man an die Gewinner:innen verteilte, wurde nichts dem Zufall überlassen. Die Deutsche Gesellschaft setzte die Bücher bewusst als Werkzeuge der Distinktion ein. Die Gewinner:innen sollten sich durch ihre Lektürepraxis intellektuell 29 Deutsche Gesellschaft von New Orleans, 1895–1916, Charter, Konstitution und Nebengesetze der Deutschen Gesellschaft von New Orleans mit der in der Generalversammlung angenommenen Veränderung der Konstitution. New Orleans 1913, 435. HNOC, Mss. 609 Deutsches Haus Collection, Item 8 Protokoll Buch, (eingeklebt). 30 Vgl. Adams 2016, 153–157. Der Beitrag erschien zuerst ebenfalls in: Trommler 1986. 31 Die Deutsche Gesellschaft von New Orleans, Louisiana, Jahresbericht für 1909–1910. Dreiundsechzigstes Geschäftsjahr, New Orleans, 1910, 8. HNOC, Mss. 609 Deutsches Haus Collection, Box 1, Folder 2. 32 Die Deutsche Gesellschaft von New Orleans, Jahresberichte für das Achtundsechzigste Geschäftsjahr, New Orleans 1915, 5. HNOC, Mss. 609 Deutsches Haus Collection, Box 1, Folder 2. 92 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker als Deutschamerikaner abheben: Neben illustrierten Ausgaben der Werke Friedrich Schillers fanden sich unter den Preisen kleine Reallexika, Liederbücher, Bilderatlanten zur Geschichte der deutschen Literatur und Bände zur deutschen Kunst.33 Die Deutsche Gesellschaft förderte und verbreitete also einen literarischen Kanon, der in einen umfassenderen Werte-und Normenkanon eingeflochten war und der Aufrechterhaltung der deutschamerikanischen Einheit und Ethnizität, kurz des »Deutschthums« in Amerika, diente.34 Damit jedoch nicht genug: Auf der Liste der Buchpreise fanden sich völkisch-antisemitische Autoren und deren imperialistische und chauvinistische Schriften. Beispielsweise wurde Einharts Deutsche Geschichte an die Gewinner:innen der Buchpreise ausgegeben.35 Verfasst von Heinrich Claß, der von 1908 bis 1939 als Präsident dem »Alldeutschen Verband« vorstehen sollte, verbreitete dieses Werk eine völkische, antisemitische, expansionistische und imperialistische Agenda, die als Vorläufer der NS-Ideologie angesehen werden kann und ohne Umschweife daherkam. Die »Herausforderungen« der letzten Jahre Wilhelms I. skizzierend, formulierte Claß exemplarisch: »Drei Feinde gefährlicher Art waren dem jungen deutschen Reiche gleichzeitig erstanden, alle drei internationaler Art: der Ultramontanismus, die Sozialdemokratie und das Judentum – denn auch es war international, da die Masse der Juden nicht daran dachte, wirklich im deutschen Volke aufzugehen, sondern die Zusammenhänge über die Grenzen der Staaten hinaus aufrecht erhielt und sich als das bewußt fühlte und betrug, was sie wirklich sind: ein besonderes Volk, eine eigene Rasse.« 36 Mit diesen Aussagen konnte Claß vermutlich auch bei der illustren Gruppe der deutschamerikanischen Filiopietisten punkten. Verwiesen sei nur auf eine Passage des Historikers Albert Bernhardt Faust. In dessen für lange Zeit maßgeblichen Studie The German Element in the United States wurden Deutschamerikaner jüdischen Glaubens »wegen ihrer rassischen Besonderheit« explizit von seinen Darstellungen ausgeschlossen. 37 Deiler, der die Bemühungen um die deutsche Sprache in New Orleans federführend seit den 1870er initiiert hatte, stand also in einer Reihe mit jenen Protagonisten der deutschen und deutschamerikanischen Professorenschaft, die sich spätestens mit Beginn des Ersten Weltkrieges dem Vorwurf ausgesetzt sah, die Wissenschaft in den Dienst eines (expansionistischen) Nationalismus gestellt zu haben – freilich unter Missachtung ihres viel gepriesenen universellen Charakters. 38 Intel33 Ebd., 6–7, sowie Die Deutsche Gesellschaft von New Orleans, Louisiana, Jahresberichte für das Neunundsechzigste Geschäftsjahr, New Orleans 1916, 7. HNOC, Mss. 609 Deutsches Haus Collection, Box 1, Folder 2. 34 Vgl. Bungert 2017, 82. 35 Die Deutsche Gesellschaft von New Orleans, Louisiana, Jahresberichte für das Siebzigste Geschäftsjahr, New Orleans 1917, 7. HNOC, Mss. 609 Deutsches Haus Collection, Box 1, Folder 2. 36 Claß 1914, 335. 37 Faust 1909, x. 38 Vgl. Trommler 2017, 98. Hübner: Weiß, männlich, gebildet | 93 lektuell sein bedeutete in diesem Rahmen eben nicht nur Weißsein, sondern verschränkte sich oftmals mit einer Nähe zu völkischem, antisemitischem und expansionistischen Denken – auch wenn die systematische Verbindung von völkischer Ideologie, Antisemitismus und Rassismus erst nach dem Ersten Weltkrieg einsetzen sollte. 39 4. Deutschtümelei, Intellektualismus und Männlichkeit Richard Hofstadter hätte die Bemühungen Deilers und der Deutschen Gesellschaft vermutlich unter der Begrifflichkeit des »downgrading of intellect«, der Herabsetzung und Dequalifizierung des Intellekts und des Intellektuellen gefasst, vor allem aber die übereifrige »Anwendung« der Sprache zur Hebung des »Deutschthums« kritisiert. 40 Einer ähnlichen Kritik hätte Deiler wohl hinsichtlich seiner musikalischen Unternehmungen entgegentreten müssen. Mit seinem Engagement im New Orleanser Quartett-Club, aber auch mit seiner Führungsrolle im Nordamerikanischen Sängerbund verband Deiler – auf lokaler, nationaler und transnationaler Ebene – eine Art von »Vorkämpfertum« für das vereinte »Deutschthum«. Mit seinen idealisierenden Vorstellungen einer nordamerikanischen »deutschen« Gemeinschaft stand Deiler nicht alleine da. Vielmehr fügte er sich in eine Form globaler Deutschtumsdiskurse ein, deren größere Diskurszusammenhänge sich weltweit ähnelten und in einschlägigen Diskurssträngen niederschlugen, etwa »die Idee einer ›deutschen‹ Kultur-und Zivilisierungsmission; Kolonisationsvisionen, die bäuerliche Arbeit und Erschließung von Land propagierten; die Vorstellung einer globalen ›deutschen‹ Gemeinschaft, des ›Auslandsdeutschtums‹; dichotome Konstruktionen des Eigenen und des Fremden mit ihren pauschalen Bewertungen, Überlegenheitsgefühlen und Rassentheorien; sittliche und moralische Lebensentwürfe mit Zuschreibungen bestimmter Geschlechterrollen; gemeinsame Geschichtsmythen; Vorstellungen einer Kulturgemeinschaft«. 41 Sängerwesen und Gesangsvereine bildeten eine Säule in einer Vielzahl an deutschamerikanischen Organisationen und Gesellschaften, die das Rückgrat der »Deutschthumsideologie« in Nordamerika (oder eben: in der Welt) darstellten. Deiler selbst formulierte diesen Anspruch im Rahmen seiner Teilnahme am Wiener Sängerfest von 1890 deutlich: »Möge es uns gegönnt sein, daß der Deutsche Sängerbund, dem Siegeslaufe des deutschen Liedes folgend recht bald zu einem Weltverbande werde.« 42 39 Vgl. Schulze 2016, 68. 40 Vgl. Hofstadter 1963, 308. 41 Schulze 2016, 343. 42 New Orleans Deutsche Zeitung, 02.09.1890. HNOC, Microfilm 83-6-L. 100 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Roediger 2005 = D. Roediger, Working toward Whiteness. How America’s Immigrants Became White, New York 2005. Salmons 1988 = J. Salmons, On the Social Function of some Southern Indiana German-American Dialect Stories, in: Humor: International Journal of Humor Research, 1/2, 1988, 159–176, https://doi. org/10.1515/humr.1988.1.2.159. Schulze 2016 = F. Schulze, Auswanderung als nationalistisches Projekt. ›Deutschtum‹ und Kolonialdiskurse im südlichen Brasilien (1824–1941), Köln/ Weimar/Wien 2016. Spear 1961 = A. H. Spear, Marcus Lee Hansen and the Historiography of Immigration, in: Wisconsin Magazine of History, 44/4, 1961, 258–268. Trommler 1986 = F. Trommler (Hg.), Amerika und die Deutschen. Bestandsaufnahme einer 300jährigen Geschichte, Opladen 1986. Trommler 2017 = F. Trommler, Negotiating German »Kultur« and »Wissenschaft« in American Intellectual Life, in: J. Overhoff/A. Overbeck (Hgg.), New Perspectives on German-American Educational History. Topics, Trends, Fields of Research, Heilbronn 2017, 83–103. Völkel 2021 = B. Völkel, Geschichtstheorie(n) und Kritische Weißseinsforschung, in: Geschichtstheorie am Werk, 12.10.2021, https://gtw.hypotheses.org/1497 (letzter Zugriff: 01.03.2024) Autor Andreas Hübner ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl der Didaktik der Geschichte an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Nordamerikastudien, der Geschichtsdidaktik, der Globalund Kulturgeschichte sowie in der Umweltgeschichte, der Geschichte des Anthropozäns und der historischen Tierforschung. Mit Maria Moss und Micha Gerrit Philipp Edlich gab er im Jahr 2022 den Sammelband Multispecies Futures: New Approaches to Teaching Human-Animal Studies heraus. [email protected]iel.de Open Access // Der Beitrag ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0) veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Beitrags von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.