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Anti-intellectualism in American Life: Fragen an einen unwahrscheinlichen Klassiker

Hübner, Andreas,Steffensen, Nils

Abstract

Charakteristisch für die Rezeption Richard Hofstadters Anti-intellectualism in American Life ist einerseits seine gespaltene Aufnahme in der…

Full text

| 7 Andreas Hübner, Nils Steffensen Anti-intellectualism in American Life Fragen an einen unwahrscheinlichen Klassiker 1. Anti-intellectualism in American Life als Klassiker »I know it is risky, but I still write history out of an engagement with the present.« 1 Mit diesem Bekenntnis charakterisierte Richard Hofstadter einmal seine persönliche historiographische Praxis. Sie prägte alle seine Bücher. Zwar wandelte sich Hofstadters politische Haltung im Laufe seiner Karriere. Die Veränderungen, die er durchlief, waren jedoch Anpassungen an jeweils neue politische Lagen. In ihnen bestätigt sich die enge Verbindung zwischen der historischen Deutung und der Gegenwart, zu der er sich bekannte. Hofstadter sah sich entschieden nicht als Positivist. Sein historisches Forschen zielte direkt auf das Verständnis der Gegenwart aus der Geschichte und insofern auf die Gestaltung der Zukunft. Nicht nur griffen seine Bücher in grundsätzliche Kontroversen über die amerikanische Geschichte und Politik ein, sie entzündeten zugleich auch Debatten. Ein solcher historiographischer Ansatz bedurfte, wie Hofstadter bekannte, eines »forceful overstatement«. 2 Anti-intellectualism in American Life3 hat Hofstadter selbst als ein persönliches Buch deklariert: »Although this book deals mainly with certain aspects of the remoter past, it was conceived in response to the political and intellectual contradictions of the 1950’s.«4 Entstanden war es aus einer Aversi on gegen das, was er, zu Beginn der 1960erJahre schreibend, als beherrschende Tendenz der Nachkriegszeit wahrnahm:5 die in dieser Intensität für die amerikanische Geschichte unerhörte, vom McCarthyismus befeuerte, durch die Wahl 1 Zitiert nach Weiland 1988, 466. 2 Hofstadter 1970, 120. 3 Es möge nicht als Zeichen antiintellektueller Pedanterie gewertet werden, wenn wir darauf hinweisen, dass die Schreibweise des Titels in den zahlreichen Ausgaben minimal voneinander abweicht (Anti-intellectualism – AntiIntellectualism). Die Originalausgabe benutzt Anti-intellectualism. Unsere Autorinnen und Autoren haben wir nicht auf Einheitlichkeit verpflichtet (wie wir ihnen übrigens auch die Praxis des Genderns freigestellt haben). In diesem Band finden daher beide Varianten Verwendung. 4 Hofstadter 1963, 5. 5 Zum Folgenden vgl. ebd., 5–7. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p1 8 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Dwight D. Eisenhowers zum Präsidenten gleichsam bekräftigte und vom sich entfaltenden Kalten Krieg beförderte Verachtung der Intellektuellen. Zwar stellte er fest, dass sich nun, seit dem Beginn der Präsidentschaft von John F. Kennedy, die politische Kultur der 1950erJahren mit einer gewissen Distanz, ohne übertriebene Parteilichkeit und Selbstmitleid, schreiben lasse. Die argumentative und rhetorische Vehemenz des Buches aber beglaubigt diese akademische Reserve nicht. Aus Sicht seines Biographen wurde kaum jemals schärfere Kritik an der U.S.-amerikanischen Demokratie geübt.6 Bereits zuvor hatte Hofstadter mit aufsehenerregenden und weitreichenden Deutungen der U.S.-amerikanischen Geschichte seinen Ruf als einer der maßgeblichen Historiker seiner Zeit begründet. Im Jahr 1948 postulierte er in The American Political Tradition and the Men Who Made It (1948) die »consensus«-Theorie, die besagte, dass sich seit dem Beginn der Vereinigten Staaten eine bis in die Gegenwart hinein in Kraft befindliche Tradition entwickelt habe: »a belief in the rights of property, the philosophy of economic individualism, the value of competition«, fußend auf Werten wie »self-help, free enterprise, competition, and beneficent cupidity«.7 In den 1950erJahren trat Hofstadter als prominenter Kritiker der amerikanischen Rechten hervor, deren Vertreter er als »Pseudo-Konservative« decouvrierte.8 Den Ursprung dieser Bewegung identifizierte er in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Erklärungsversuch The Age of Reform. From Bryan to F.D.R.9 im Populismus der 1890erJahre und im »progressive movement« der 1920erJahre. Seine Auseinandersetzung mit der amerikanischen Rechten verdichtete er dann 1963 in Anti-intellectualism zu einer neuen Generalthese: Seit der Kolonisierung Nordamerikas sei der Antiintellektualismus eine treibende Kraft der gesamten (U.S.-)amerikanischen Geschichte gewesen. Als Ursachen dieses Phänomens bestimmt Hofstadter den Evangelikalismus, die Massendemokratie, Industrialisierung und Technisierung sowie progressive Bildungskonzepte. Auch wenn der Antiintellektualismus nach Hofstadters Auffassung Konjunkturen unterworfen war, nahm er doch prägenden Einfluss auf die meisten Phasen der U.S-amerikanischen Geschichte. Als Hochzeit der Intellektuellen schlechthin bewunderte Hofstadter die Frühe Republik. Seit den Kontroversen der 1950erJahre sei der Antiintellektualismus indes zum »central epithet in American self-evaluation«10 geworden. Das Buch wurde sofort zu einem umstrittenen, einem unwahrscheinlichen Klassiker. Charakteristisch für die Rezeption des Buches ist einerseits seine gespaltene Aufnahme in der Fachwissenschaft und Öffentlichkeit, andererseits das Aktualisierungspotential seiner These, das sich bis in die Gegenwart hinein erstreckt, also inzwischen über mehr als ein halbes Jahrhundert lang Einfluss ausübt. 6 Vgl. Brown 2006, 121. 7 Hofstadter 1948, viii, vii. 8 Vgl. bes. Hofstadter 1954/55, für die Begriffsprägung s. schon den Titel des Aufsatzes. 9 Hofstadter 1955. 10 Hofstadter 1963, 8. Einleitung | 9 Das Urteil in der Fachwissenschaft fiel überwiegend kritisch aus.11 Betont wurden zwar die literarische Leistung des Autors, sein souveräner Überblick über das historische Material, die Brillanz seiner Detailinterpretationen, überhaupt die Relevanz des Themas, dessen er sich angenommen hatte.12 Auch sein Anliegen, die Verteidigung der »eggheads«, fand die Sympathie der aus der akademischen Welt stammenden Rezensenten,13 die vor allem den Wert von Hofstadters begrifflichen Untersuchungen zum Intellektualismus und Antiintellektualismus, zum Intellektuellen, Antiintellektuellen und diversen Sonderformen im Kapitel On the Unpopularity of Intellect hervorhoben. In der Substanz aber wurden zentrale Thesen und Erkenntnisse Hofstadters angefochten. Die Überführung des Konzepts des Antiintellektualismus in eine historische Analyse vermochte nicht zu überzeugen. Simplizistisch sei der historische Überblick ausgefallen, zahlreiche Fragestellungen würden nicht adressiert.14 Da Hofstadter es in seiner Begriffsbildung an Konsistenz fehlen lasse, benötige das Thema eine weitere Vertiefung, ja sogar eine systematische Untersuchung,15 wie sie Hofstadter offenbar nicht zu leisten imstande gewesen war. Noch gravierender war die Einschätzung, das Buch müsse mit angemessener Vorsicht betrachtet werden.16 Der eigentliche Tenor lautete, dass das Werk dem für Hofstadter üblichen Niveau nicht entspreche. In erster Linie komme es ihm auf Selbstrechtfertigung an.17 Bei aller Berechtigung des persönlichen Charakters von Büchern, den auch Hofstadter für Antiintellectualism in Anspruch genommen hatte – von der Forderung nach wissenschaftlicher Strenge könne er nicht entbunden werden.18 Hofstadter selbst gestand nach dem Abschluss des Manuskripts seine Unzufriedenheit mit dem Buch ein.19 Die historische Forschung hat denn auch Hofstadters These nicht kanonisiert. Auseinandersetzungen mit Anti-intellectualism blieben selten, das Buch inspirierte nur wenige Nachahmer.20 Als wirkmächtiger erwiesen sich andere Werke Hofstadters, namentlich The Age of Reform und The Paranoid Style in American Politics.21 11 Zusätzlich zu den genannten Beispielen vgl. Brown 2006, 138–141 für weitere Eindrücke aus der zeitgenössischen Kritik. 12 Fast alle Rezensionen betonen, womöglich als Höflichkeitsadresse, diese Aspekte, vgl. beispielsweise Gleason 1966, 238. Für einhellig positive Urteile s. vor allem Riesman 1963 und Cook 1964. 13 Vgl. etwa Mumford Jones 1964, 537. 14 Mumford Jones 1964, 537; Wleter 1964, 483; Gleason 1966, 239. 15 Wright 1963, 652–653; Mumford Jones 1964, 537; Welter 1964, 482; Gleason 1966, 240–241. 16 Mumford Jones 1964, 537. 17 Wright 1963, 654; Strout 1963, 545; Mumford Jones 1964, 599; Welter 1964, 483; Gleason 1966, 241. 18 Mumford Jones 1964, 599. 19 Vgl. Brown 2006, 126; Snodgrass 2018, 174. 20 So beispielsweise Weiland 1988 und jetzt vor allem Lacy 2018, der einige Hofstadter-Adepten diskutiert. 21 Als wichtige Auseinandersetzungen mit Hofstadter sind, neben den biographischen Darstellungen von Brown 2006 und Snodgrass 2018, zu nennen Howe/Finn 1974; Singal 1984; Collins 1989; Witham 2016; ferner Harp 2007 und Johnston 2007 als Teil eines Hofstadters The Age of Reform gewidmeten Forums sowie zahllose produktive, wenngleich nicht unkritische Verweise in Darstellungen zum aktuellen Zustand der U.S.-amerikanischen Innenpolitik, z.B. Levitsky/Ziblatt 2018 und Lütjen 2020. 10 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Eine breite Zustimmung fand Anti-intellectualism dagegen in den Feuilletons. Die Formel vom Antiintellektualismus enthielt, unabhängig von den Intentionen Hofstadters und seine historische Analyse transzendierend, ein prägnantes, populäres Deutungsangebot für die Gegenwart. Für das Buch erhielt Hofstadter 1964 seinen zweiten Pulitzerpreis. In der öffentlichen Wahrnehmung büßte Hofstadter jedoch nach seinem frühen Tod, der ihn bereits 1970 im Alter von 54Jahren ereilte, zusehends an Präsenz ein, gerade im Vergleich zu Altersgenossen wie etwa dem Historiker Arthur M. Schlesinger Jr. Bereits das Vorwort von Anti-intellectualism konstatiert ein Abflauen der vom Antiintellektualismus ausgehenden Gefahr.22 In den folgenden Jahrzehnten drängten sich dann neue Themen und dramatische Entwicklungen in den Vordergrund. Wenig überraschend ist deshalb, dass Hofstadters Anti-intellectualism in American Life auch im Schulunterricht keine Bedeutung erringen konnte, obschon seine Geschichtskonstruktion zu einer Dekonstruktion geradezu einlädt. Zu einer unverhofften Wiederentdeckung gelangte Hofstadter jedoch während der Präsidentschaft von Donald J. Trump (2017–2021). Nun galt Anti-intellectualism zusammen mit The Paranoid Style in American Politics (1964) als Schlüssel zum Verständnis des aktuellen Zustands der Vereinigten Staaten sowie ihrer inneren Entwicklung seit den 1960erJahren. Aber auch diese Renaissance war und ist vor allem dem öffentlichen Diskurs geschuldet, der auf der Suche nach fasslichen und eingängigen Deutungsangeboten bei Hofstadter fündig wurde. Es ist diese Verkoppelung von Gegenwartsdiagnose mit Vergangenheitsanalyse, die derzeit dem Namen Hofstadter Relevanz verleiht. Zumindest in den naturwissenschaftlichen Schulfächern, die gerade in den USA immer wieder mit Versuchen äußerer, religiös motivierter Einflussnahme auf den Unterricht zu kämpfen haben, hat die neuerliche Diskussion von Hofstadters Anti-intellectualism in American Life zu einem gewissen Widerhall geführt. Hierbei werden einerseits die Lehren, die man aus der Lektüre von Hofstadter ziehen kann, herausgestellt und andererseits die neuen weiterentwickelten Vorgehensweisen des Antiintellektualismus identifiziert.23 2. Anti-intellectualism in American Life – Dekonstruktion eines historischen Narrativs Dieser Sammelband möchte Hofstadter nicht als bloßen ideengeschichtlichen Stichwortgeber für die Gegenwart begreifen. Weder zielt er auf die Analyse aktueller politischer Debatten oder Krisenphänomene der U.S.-amerikanischen Demokratie noch auf die Rezeption von Anti-intellectualism in den einschlägigen Diskursen. Er nimmt stattdessen das Buch als ein historisches Narrativ ernst. Anti-intellectualism ging zwar aus der Aversion Hofstadters gegen22 Hofstadter 1963, 7. 23 Vgl. Branch 2020, 22–27. Einleitung | 11 über gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen einer bestimmten historischen Phase, den 1950erJahren, also der unmittelbaren Zeitgeschichte, hervor. Notwendigerweise beruht jedoch die These vom Antiintellektualismus als einer treibenden Kraft der U.S.-amerikanischen Geschichte auf einer historischen (Re-)Konstruktion ebendieser Geschichte, gedeutet aus der Perspektive einer einzigen, nach Hofstadter womöglich nicht einmal der relevantesten, Idee. Insofern fügt sich das Buch in Hofstadters erprobtes Programm einer Geschichtsschreibung ein, die Ideen-, Kulturund Strukturgeschichte miteinander verband. Aus der Tatsache, dass Anti-intellectualism Ursachen, Formen und Traditionen des amerikanischen Antiintellektualismus in historischer Perspektive diskutiert und dadurch eine Art Meistererzählung der U.S.-amerikanischen Geschichte entwirft, sind in der Auseinandersetzung mit Hofstadter bislang nur vereinzelt Konsequenzen gezogen worden. Die Forschung hat zwar in den vergangenen Jahrzehnten eine Vielzahl an Arbeiten hervorgebracht hat, die Hofstadters Analysen in Frage stellen; die an Einzelaspekten vorgetragene Kritik hat bislang jedoch nicht zu einer systematischen Untersuchung des gesamten Buches und seiner argumentativen Kohärenz geführt. Auch die beiden Biographen Hofstadters, David S. Brown und Anthony R. Snodgrass, sind mehr um eine generalisierende Einordnung des Buches in das Leben und das Œuvre seines Verfassers sowie seinen historischen Kontext bemüht.24 Dieser Sammelband soll als ein erster Versuch der Dekonstruktion von Anti-intellectualism als historischer Darstellung dienen. Er verfolgt das Ziel, auf breiterer Basis als bisher geschehen die Frage nach der Substanz von Hofstadters Narrativ zu stellen. Exemplarisch setzt er an Epochen, sozialen Gruppen und Problemen an, die konstitutiv für die U.S.-amerikanische Geschichte sind, wie Hofstadter sie erzählt. Im Mittelpunkt stehen Episoden von der Aufklärung über die Reconstruction und Progressive Era bis zur Gegenwart. Bezogen werden Fragen des Anti-/Intellektualismus auf die Praxis der Politik, die Konstruktion ethnischer Identität, die Bedeutung von Gender sowie Religion. Dabei wird auch das Problem möglicher Schnittmengen von Intellektualismus und Anti-/Intellektualismus adressiert. Bei den Protagonisten handelt es sich um Gentlemen Scholars und soziale Aufsteiger, U.S.-Präsidenten, Einwanderer, gebildete Frauen unterschiedlicher politischer Einstellung, Journalisten und Talk-Show-Hosts, religiöse Gemeinschaften und ihre Anführer – natürlich aber immer auch um Hofstadter selbst und seine Geschichtsschreibung. Anspruch auf enzyklopädische Vollständigkeit erhebt der schlanke Sammelband nicht. Die Beiträge verstehen sich als Sonden, die Hofstadters Narrativ aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlicher Methodik anvisieren. Das Gespräch über Hofstadter soll nicht zu einem Abschluss gebracht, sondern (neu) eröffnet werden. Wo der Band Forschungsergebnisse vorlegt, will er Möglichkeiten für weitere Forschungen aufzeigen. Wenn er Antworten gibt, sollen sie neue Fragen aufwerfen. Gewissermaßen folgt er einer programmatischen Forderung, die Hofstadter in Anti-intellectualism aufgestellt hat: Ideen einem spielerischen, essayistischen Test auszusetzen und unbefangen vermeintlich gesicherte Er24 Vgl. Brown 2006, 120–141; Snodgrass 2018, 140–174. 12 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker kenntnisse zu überprüfen, dabei aber jeden Anflug eines obsessiven Bemühens um Rechtfertigung oder Verurteilung zu meiden.25 Was die Autorinnen und Autoren mit ihren Ansätzen zur Dekonstruktion des Narrativs von Anti-intellectualism lediglich leisten wollen, ist, durch eine von Hofstadter selbst als notwendig erachtete Intellektuellenkritik26 Hinweise auf ein geschichtswissenschaftlich abgesichertes Verständnis von Anti-/Intellektualismus in der U.S.-amerikanischen Geschichte zu liefern und die Anwendbarkeit und Begrenzung von Hofstadters Begrifflichkeit auszuloten. Über alledem stehen jedoch zwei Fragen, die unmittelbar die Gegenwart tangieren: Was macht den fortdauernden Reiz des Buches über aktuelle politische Fragen hinaus aus? Und kann das Buch angesichts seines Zuschnitts überhaupt der Schlüssel für das Verständnis der Gegenwart sein, als der es manchen gilt? 3. Überblick Den Band eröffnet Nils Steffensen mit einer Untersuchung zu John Adams (John Adams – Intellektueller, Antiintellektueller, Nichtintellektueller? Zu Grenzen und Tragweite von Richard Hofstadters Konzept des Intellektuellen). Anhand des kontrovers beurteilten Bildungsund Wissenschaftsverständnisses des zweiten Präsidenten der Vereinigten Staaten analysiert er Hofstadters Konstruktion der Frühen Republik, die Anti-intellectualism in der vom Antiintellektualismus getriebenen U.S.-amerikanischen Geschichte zur Epoche der Intellektuellen schlechthin stilisiert, und versucht dabei, das heuristische Potential von Hofstadters Begriff des Intellektuellen zu bestimmen. Unter dem Titel Frauen in der Debatte um Antiintellektualismus in den USA: Historiographische Revision am Beispiel autobiographischer Schriften aus dem 19.Jahrhundert geht sodann Julia Nitz der Frage nach, inwieweit Hofstadters Narrativ die Geschichte des Anti-/Intellektualismus von Frauen berücksichtigt und wie sich seine Perspektive bis heute auf die Diskussion um den Anti-/Intellektualismus von Frauen auswirkt. Anhand zweier Fallbeispiele – der Autobiographie Bits of Gossip von Rebecca Harding Davis, einer Progressiven, sowie des Bürgerkriegstagebuchs The War-Time Journal of a Georgia Girl, 1864–1865 von Eliza Frances Andrews, einer Konservativen – demonstriert sie, wie sich Frauen an der Wende vom 19.zum 20.Jahrhundert selbst in den Diskurs um Anti-/Intellektualismus einschrieben. Im Folgenden widmet sich Georg Eckert der Frage, inwieweit die drei in der Literatur als republikanische Erscheinungsformen des Philosophenkönigs etikettierten Präsidenten Theodore Roosevelt, William Taft und Woodrow Wilson sich in eine Phase der U.S.-amerikanischen Geschichte einfügen lassen, die nach Hofstadter von antiintellektuellen Tendenzen geprägt war. 25 Für eine nähere Behandlung der Modi des intellektuellen, nichtintellektuellen und antiintellektuellen Argumentierens bei Hofstadters vgl. den Beitrag von Nils Steffensen in diesem Band, https://doi.org/10.38072/978-3910591-27-1/p2, S. 17–40. 26 Vgl. Hofstadter 1963, 10. Einleitung | 13 Mit Hanno Deiler nimmt Andreas Hübner den von Hofstadter so charakterisierten Typus des obsessiven Intellektuellen ins Visier (Weiß, männlich, gebildet: Die »un/sichtbaren« Normen des filiopietistischen Intellektualismus). Deiler war ein Einwanderer, der sich der Wahrung des »Deutschtums« in der neuen Heimat verschrieben hatte, wo er einflussreiche Positionen im Bildungswesen bekleidete. Hübner weist nach, wie seine Bemühungen auf Kategorien von Männlichkeit, Bildung und Ethnizität beruhten, und leitet daraus Erkenntnisse für eine Standortbestimmung des Intellektualismus am Übergang vom 19. zum 20.Jahrhundert ab. Ins Zentrum historiographiegeschichtlich-methodologischer Reflexionen stellt Patrick Bahners das Schreiben von Ideengeschichte selbst (Hofstadter und der Antiintellektualismus: Skizze der Geschichte einer Idee). Seinen Ausgangspunkt bildet nicht eine Auseinandersetzung mit Anti-intellectualism, sondern ein Aufsatz Hofstadters über Charles A. Beards An Economic Interpretation of the Constitution of the United States. Seine Analyse fördert die Charakteristika von Hofstadters Geschichtsschreibung, aber auch die persönlichen Präferenzen und politischen Überzeugungen zutage, die dessen Anti-/Intellektualismus-These zu Grunde liegen. Den Affen-Scopes-Prozess, über den der Journalist H. L. Mencken berichtet hatte, thematisiert Anja-Maria Bassimir (Das »Mencken-Paradigma« und Hofstadters Antiintellektualismusvorwurf: Zu Religion und Konservatismus in den USA). Sie arbeitet heraus, wie Hofstadter dieses Ereignis zum Anlass für seine Konstruktion des religiösen Fundamentalismus’ und dessen Verbindung mit dem Konservatismus nahm. Darüber hinaus zeigt sie, welchen Einfluss Hofstadters Darstellung noch heute auf die Berichterstattung zu konservativen Christen und »Evangelikalen« besitzt. Torben Lütjen nimmt Hofstadters Narrativ zum Anlass für einen Ausblick auf die U.S.- amerikanische Geschichte nach dem Erscheinen von Anti-intellectualism (Vom »Common Sense« zu den »Alternative Facts«: Varianten des Antiintellektualismus im U.S.-amerikanischen Konservatismus nach 1945). Nicht nur präsentiert er eine differenzierte Untersuchung des Antiintellektualismus in dieser Zeit, er stellt auch dessen Erscheinungsformen in einen Zusammenhang mit Hofstadters These. Er erörtert ferner die problematischen Auswirkungen eines (Pseudo-)Intellektualismus auf gegenwärtige politische Diskurse und setzt ihn in eine Beziehung zu Hofstadters Phänomen des Antiintellektualismus. Die von den Herausgebern verfasste Synthese bemüht sich am Schluss um eine Bündelung der Einzelinterpretationen und Beobachtungen, versucht aus historiographiegeschichtlicher Sicht, zentrale Charakteristika von Hofstadters historischem Narrativ zu identifizieren, und möchte zuletzt Perspektiven aufzeigen, die sich durch die Beiträge für weitere Fragestellungen und Forschungen eröffnet haben. 4. Entstehung des Bandes und Dank Hervorgegangen ist dieser Sammelband aus einem Workshop, den wir unter dem Titel Anti-/ Intellektualismus in der U.S.-amerikanischen Geschichte am 26. und 27. Februar 2021 an der 14 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Europa-Universität Flensburg abgehalten haben. Nicht nur musste die Veranstaltung aufgrund von durch die Corona-Pandemie bedingten Einschränkungen lediglich online stattfinden. Die mit der Krise einhergehenden Belastungen für den Universitätsbetrieb hat sich bedauerlicherweise auch darin niedergeschlagen, dass nicht alle Vorträge in Aufsätze überführt und in diesen Band aufgenommen werden konnten. Das gilt besonders für den Beitrag von Rebecca Brückmann (damals Bochum, jetzt Carleton College, Northfield, Minnesota) über Antiintellektualismus, Geschlechteressentialismus und White Supremacy im U.S.-Süden von 1948 bis 1972 sowie denjenigen von Charlotte Lerg (LMU München), die Anti-/Intellektualismus und akademische Freiheit in transatlantischer Perspektive untersuchte. Beiden sei nicht nur herzlich für ihre Vorträge, sondern auch für den Input gedankt, den sie mit ihren Gesprächsbeiträgen beigesteuert haben. Über alle Vorträge und die Diskussionen in den einzelnen Sektionen informiert der detaillierte Konferenzbericht von Ann-Kathrin Hoffmann. 27 Für die Realisierung von Workshop und Sammelband sind wir mehreren Institutionen und Personen zu herzlichem Dank verpflichtet. Die Abhaltung des Workshops haben der Forschungsausschuss sowie das Zentrum für Bildung-, Unterrichts-, Schul-und Sozialisationsforschung (ZeBUSS) der Europa-Universität Flensburg mit namhaften Beträgen unterstützt. Durch seinen unermüdlichen und verlässlichen Einsatz hat unser Mitarbeiter Philip Dippe wesentlich zum organisatorischen Gelingen der Veranstaltung beigetragen. Der Akribie verlangenden Mühe, das Register zu erstellen, hat sich – mit Akkuratesse und Genauigkeit – dankenswerterweise Hannah Servais unterzogen. Für sein Interesse an dem Sammelband, seine umsichtige Beratung und seine freundliche Hilfsbereitschaft danken wir herzlich Kai Lohsträter. Es waren seine Bemühungen, die zur Aufnahme unseres Projekts in das Programm des Universitätsverlags Kiel geführt haben. Beim Universitätsverlag Kiel sind wir auch Wiebke Buckow und Lina Benjamin verpflichtet, die unser Typoskript mit aufmerksamer Sorgfalt in ein Buch verwandelt haben. 27 Hoffmann 2021. Bibliographie Branch 2020 = G. Branch, Anti Intellectualism and AntiEvolutionism. Lessons from Hofstadter, in: PhiDelta-Kappan 101, 2020, 22–27. Brown 2006 = D. S. Brown, Richard Hofstadter. An Intellectual Biography, Chicago/London 2006. Brinkley 1985 = A. Brinkley, Richard Hofstadter’s The Age of Reform. A Reconsideration, in: American History 13, 1985, 462–480. Cook 1964 = R. Cook, Rez. Hofstadter, Anti-intellectualism, in: The International Journal 19, 1964, 98–99. Collins 1989 = R. M. Collins, The Originality Trap. Richard Hofstadter on Populism, in: The Journal of American History 76, 1989, 150–167. Gleason 1966 = Ph. 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Mit Maria Moss und Micha Gerrit Philipp Edlich gab er im Jahr 2022 den Sammelband Multispecies Futures: New Approaches to Teaching Human-Animal Studies heraus. [email protected]iel.de