John Adams – Intellektueller, Antiintellektueller, Nichtintellektueller?: Zu Tragweite und Grenzen von Richard Hofstadters Konzept des Intellektuellen
Abstract
Für Richard Hofstadter war die Frühe Republik die Epoche der Intellektuellen schlechthin. Zu ihren markantesten Exponenten zählte John Adams.…
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| 17 Nils Steffensen John Adams – Intellektueller, Antiintellektueller, Nichtintellektueller? Zu Tragweite und Grenzen von Richard Hofstadters Konzept des Intellektuellen 1. Einleitung John Adams irritiert. Seit jeher. Schon bei Zeitgenossen löste er ein Gefühl der Fremdheit aus. Teils war es seine Persönlichkeit, die Anstoß erregte. Impulsiv, streitsüchtig, jähzornig, bar jeder »politeness« und eitel bis zur Skurrilität, scheiterte er offensichtlich am Ideal des geschliffenen Gentleman, wie es die Elite seiner Generation kultivierte. 1 Politisch wiederum galt sein vermeintliches Faible für eine Aristokratie oder eine Monarchie englischen Zuschnitts als gefährliche, gar unpatriotische Verrücktheit. Von Benjamin Franklin ist das Bonmot überliefert, Adams sei stets ein ehrenhafter Mann, häufig vernünftig in seinem Urteil, phasenweise aber völlig von Sinnen. 2 Solche moralisierenden Bewertungen, die nicht selten als Produkte persönlicher oder politischer Konflikte aus den Konvulsionen der Frühen Republik hervorgingen, hat die Forschung längst durch sachliche Einordnungen ersetzt und Adams’ Handeln einer differenzierten Analyse unterzogen. 3 Umstritten ist jedoch bis heute das nahezu in jeder Biographie oder biographischen Auseinandersetzung adressierte Verhältnis des zweiten Präsidenten zur Bildung, zu den Wissen1 Vgl. Wood 1992, 229–243; Staloff 2005, 138. 2 Für diese Anekdote und vergleichbare Äußerungen vgl. Wood 2006b, 177. Beredte Selbstzeugnisse zu Adams’ von ihm selbst als solche wahrgenommenen Schwächen im sozialen Umgang versammeln Bailyn 1990, 7–8 und Staloff 2005, 132–136. 3 Über den aktuellen Stand der Adams-Forschung informieren Wood 2017 sowie Bernstein 2013 und 2020, zu Adams’ Darstellung in der Popularkultur vgl. den kurzweiligen Überblick von Eisenberg/Burstein 2013 sowie Bernstein 2020, 239 (für weitere Lit. s. Anm. 5). Für eine neuere Darstellung, die zwar beinahe ausschließlich auf Adams’ Charakter setzt, allerdings entschieden positiv gehalten ist, vgl. McCullough 2001. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p2
18 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker schaften und Künsten.4 Fraglos zählte Adams, ein manischer Leser,5 der eine der größten Bibliotheken Neuenglands besaß,6 zu den gebildetsten Persönlichkeiten in den Kolonien. Von der Antike bis zur Gegenwart, vom Recht bis zur Belletristik gebot er über intime Kenntnisse, deren Umfang – vorgeführt in Reden, Schriften und der Korrespondenz – bei Gegnern wie Unterstützern einen tiefen Eindruck hinterließ. Keiner der Founder verteidigte so kontinuierlich, so systematisch und so intensiv die Gründung des neuen Staates mit Mitteln der politischen Publizistik wie er. Unermüdlich, so lauteten die Urteile, habe er sich und die Öffentlichkeit aufgeklärt, untrennbar seien Lernen und Lehren in seinem Leben aufeinander bezogen gewesen.7 Wäre er nicht Präsident geworden, ließe er sich als Professor für Regierungslehre in Harvard vorstellen.8 Durch sein politisches Engagement habe er womöglich seine wahre Berufung verfehlt.9 Nicht nur habe er den Nutzen der Bildung für Staat und Gesellschaft erkannt10 – nach seinem Geständnis wäre ein Leben ohne Künste sogar eine Bestrafung.11 Das Vorbild Ciceros formte den Provinzanwalt zum »intellectual lawyer«.12 Als Politikwissenschaftler schlechthin habe er wie kein anderer auf dem Gebiet der Verfassungslehre die amerikanische Aufklärung geprägt, deren »schönste Frucht« seine Defence of the 4 An diese für das Thema der Studie grundlegenden Begriffe knüpfen sich ebenso fundamentale terminologische Probleme. Zum einen hat der Gehalt von »Bildung« bis zur Gegenwart stets Erweiterungen erfahren, wobei gerade dem idealistisch-neohumanistischen Bildungsideal eine langfristige Nachwirkung im Sprachgebrauch beschieden war; hinzu kommt, dass für »Bildung« im Englischen mit »education« oder »learning« keine genauen Äquivalente existieren (vgl. Walther 2005, bes. 223–224, 235–238 sowie Vierhaus 1972). Zum anderen kristallisierten sich die Kollektivsingulare »Wissenschaft« und »Kunst« erst ab dem Ende des 18.Jahrhunderts heraus (vgl. Yeo 2003, 241–266 ). Den sich aus diesen Umständen ergebenden Herausforderungen soll mit Bezug auf Adams möglichst ebenso historisch angemessen wie pragmatisch begegnet werden: Ist von ihm die Rede, wird unter »Bildung« in einem ganz basalen analytisch-deskriptiven Sinn lediglich die Gesamtheit sowie der Zusammenhang der Kenntnisse einer Person verstanden, der »sozialen und kulturellen Techniken« (Walther 2005, 224), die sie beherrscht oder seiner Ansicht nach beherrschen soll. Der Begriff »Wissenschaft« wiederum wird, was Adams betrifft, in der Regel nur dann gebraucht, wenn er sich auf eine einzelne Disziplin, zumeist die Wissenschaften vom Recht und von der Politik, bezieht. Es versteht sich dabei von selbst, dass sowohl die »Rechts-« als auch die »Politikwissenschaft« des 18.Jahrhunderts von ihren modernen Nachfolgern im Grundsatz zu unterscheiden ist. Mit »Wissenschaftsverständnis« wird Adams’ Haltung gegenüber den Wissenschaften insgesamt bezeichnet. Analog wird mit den Begriffen »Künste« und »Kunst« verfahren, wobei Adams’ Verwendung des Terminus »Künste« sich mit dem Sprachgebrauch seiner Zeit deckt, darunter also vor allem die Schönen Künste in Abgrenzung von Handwerk und Wissenschaften begreift (vgl. hierzu grundlegend Kristeller 1952). Hofstadters Verständnis dieser Begriffe ist Gegenstand der Darstellung selbst . 5 Zum geradezu sinnlichen Vergnügen, das ihm Literatur bereitete, vgl. Richard 1995, 61 sowie McCullough 2001, 19, 35, 619. 6 Vgl. hierzu jetzt die Beiträge in Baron/Wright 2010. 7 So eindrücklich Bernstein 2020, 2; zu Adams als Praeceptor vgl. auch Wood 2006b, 178. 8 Grant 2005, 23: »Adams became that rarest of alumni, the lifelong student, a true prototype of what another age would call an intellectual.« Vgl. auch Chinard 1964, vi–vii, lx. 9 Vgl. Iacuzzi 1952, 2, 262, 264, der allerdings feststellt, Adams sei wegen seiner Okkupation durch die Politik kein »careful scholar« gewesen. 10 Richard 1995, 32–34, 37, 83–84, 87 (zur klassischen Bildung); Thompson 1998, 27–30, 202. Für weitere Belege, wenngleich mit anderer Wertung, s.u. Kap. 2 und 3. 11 Brief an J. Sewall, Febr. 1760 (Works 1, 151–155, hier 153), aufgegriffen beispielsweise bei Iacuzzi 1952, 39 und Staloff 2005, 138. 12 Z um Einfluss Ciceros auf Adams’ Selbstverständnis vgl. Farrell 1992; 1995, zu seinem Profil als Anwalt vgl. Coquilette 1984, 400, 417, 418 (Zitat).
Steffensen: J ohn Adams – Intellektueller, Antiintellektueller, Nichtintellektueller? | 19 Constitution of the United States gewesen sei.13 Dem »denkenden Politiker« dienten Worte als Waffen,14 in der Bewegung der »denkenden Revolutionäre« hatte er »einen ganz eigenen Kopf«.15 Seine Verbindung von Intellekt mit Politik wirkte auf manche akademischen Bewunderer wie die Erfüllung von Platons Ideal der Philosophenherrschaft.16 Zugleich wurde Adams damals wie heute auch ein enges Verständnis von Bildung unterstellt.17 Schon die Nachrufe bescheinigten seinem Intellekt eine gewisse Robustheit und Unbeweglichkeit.18 Was jenseits der Politik lag, habe ihn kaum interessiert, Künste habe er verachtet oder sogar gefürchtet.19 Kritisch attestieren ihm selbst Verteidiger ein utilitaristisches Verständnis von Bildung, die er hauptsächlich als Instrument für den sozialen Aufstieg und den Erwerb von Prestige20 sowie für die Förderung der gesellschaftlichen Wohlfahrt begriffen habe.21 Vor allem als »man of action« sei er zu würdigen.22 In seinen politischen Ideen sei er dabei ein typischer Repräsentant der Aufklärung ohne besondere Originalität gewesen,23 ja, sei sogar hinter aktuelle intellektuelle Entwicklungen im politischen Bereich zurückgefallen und zu einem lebenden Anachronismus geworden.24 Bezeichnenderweise – »vielleicht las er zu viel« – wird gerade sein als pedantisch diagnostizierter Versuch, wissenschaftliche Erkenntnisse unmittelbar in die Politik zu übertragen, als Ursache seines Scheiterns in der Praxis herangezogen.25 Desinteressiert, eindimensional und selbstbezogen, habe er in der Republik der aristokratischen Intellektuellen wie ein Solitär gewirkt.26 13 Wood 2006b, 179; 178. Vgl. auch Thompson 1998, xiii sowie für einen Überblick zu ähnlich lautenden Aussagen in der älteren Forschung 281. Als letztes Meisterwerk des klassischen Republikanismus würdigt Pocock 1975/2003, 526 die Defence. 14 Bernstein 2020, 7 sowie 1–2. 15 Lerner 1978 (Verbindung von Titel des Buches mit einem Unterkapitel der Einführung); zur Originalität vgl. auch Chinard 1964, lx, zur Relevanz seines Denkens für die Revolution Thompson 1998, xiii sowie passim. 16 Diggins 2003, 10 (Zitat) sowie 18, 54, 166 (hier Adams als einer der »thinking presidents«). Zur Adaption von Platons Konzept im Zusammenhang mit dem (Anti)Intellektualismus in der U.S.-amerikanischen Geschichte vgl. auch den Beitrag von Georg Eckert in diesem Band, https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p4, S. 63; 66. 17 So noch neuerdings Wood 2006b, 177 (in dezidierter Abgrenzung zu Jefferson). Für ein Résumé der älteren Forschung s. Chinard 1964, vi. 18 Einen Überblick über die Würdigungen bietet Wood 2017, 1–4. 19 Vgl. die klare Einschätzung bei Butterfield 1996, 36: »Science became for him like the fine arts, something he responded to with enthusiasm from time to time, but could take or leave alone.« Vgl. ferner Smith 1962/1963, 562–564; Morgan 1976, 6–8; Prindle 2010, 4; Ryerson 2010, 204; Samuelson 2019, 123–124; Wood 2017, 16. 20 Für diese Sicht vgl. Smith 1962/1963, 46–47; Shaw 1976, 18–20, 40; Coquilette 1984, 399–400; Staloff 2005, 239; Siemers 2013, 202, 204; Ryerson 2016, 89. 21 Vgl. jetzt Nicolson 2013, 63–65. 22 Paradigmatisch für diese Sicht ist Howe 1966, bes. xiii–xiv (Zitat: xiv). 23 Für eine solche Einordnung in den Kontext der Aufklärung vgl. Staloff 2013, 36–37. 24 Dies ist die vieldiskutierte und insofern einflussreiche These von der »relevance and irrelevance«, die Wood 2006b aufgestellt hat (erstmals vorgetragen in Wood 1969). 25 Vgl. ebd., 179 (dort auch das Zitat). Zu diesem Politikverständnis vgl. auch Appleby 1999, 206 und Ryerson 2016, 70–73. Eine eindeutig wohlwollende Einschätzung nimmt Bernstein 2020, 146 vor. 26 Repräsentativ für diese vielgeteilte Position ist das drastische Urteil von Ferling 1992, 173–175.
20 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Diese aus den Quellen extrahierten, jedoch selten theoretisierten Auffassungen zu Adams’ intellektuellem Profil und seiner Stellung in der transatlantischen »république de lettres« fußen implizit auf Kriterien, die Hofstadter für seine Konstruktion der Gestalt des Intellektuellen, aber auch des Antiintellektuellen und des Nichtintellektuellen verwendet. In Anti-intellectualism in American Life ist der Intellektuelle27 ein Wahrheitssuchender, der für Ideen lebt, gängige Einsichten hinterfragt und mit unkonventionellen Einsichten aufwartet. Der geistigen Beschäftigung geht er mit Hingabe nach, von Besessenheit hält er Abstand. Seine Interessen sind grundsätzlich nicht auf die Praxis gerichtet, ihr Charakter ist »extra-praktisch«. Dass der Intellektuelle zufälligerweise ein Praktiker sein kann, schließt Hofstadter allerdings nicht aus. Gesellschaftlichen Nutzen entfaltet der Intellektuelle jedenfalls als »moralische Antenne«. Übersteigert er seine von Hofstadter als quasireligiös gekennzeichnete »Hingabe«, nimmt er »obsessive« und »groteske« Züge an: er wird zum »Zeloten«. Den Nichtintellektuellen28 hingegen vergleicht Hofstadter mit einem Arbeiter oder Techniker. Zu diesem Typus rechnet er die gewöhnlichen Vertreter akademischer Berufe, sofern sie indifferent für geistige Abenteuer sind. Ab dem Ende des 19.Jahrhunderts bildete sich dann aus dem Nichtintellektuellen die Gestalt des Experten heraus, den Hofstadter als eine neue Spielart des Intellektualismus begreift.29 Der Antiintellektuelle30 schließlich ist das Gegenstück zum Intellektuellen. Er hält geistige Tätigkeiten entweder für eine Gefahr oder für eine sinnlose, praxisferne Aktivität. Die Notwendigkeit von formalen Kenntnissen negiert er; er ist Verfechter eines vorreflektierten »common sense«. In Gestalt des »marginal intellectual«, des »would-be intellectual« und des »unfrocked or embittered intellectual« bestehen Verbindungen zwischen ihm und dem Bereich des Intellektualismus. Hofstadter selbst ordnet Adams in Anti-intellectualism den Intellektuellen zu. In seinem Narrativ vom Antiintellektualismus in der U.S.-amerikanischen Geschichte bildete die Frühe Republik einen Sonderfall. Habe im größten Teil der U.S.-amerikanischen Geschichte der Intellektuelle als »Außenseiter, Bediensteter oder Sündenbock« herhalten müssen, seien in der Gründungsphase des Staates die politischen Führungsgestalten zugleich Intellektuelle gewesen:31 »The Founding Fathers were sages, scientists, men of broad cultivation, many of them apt in classical learning, who used their wide reading in history, politics, and law to solve the exigent problems of their time.« Noch war der Intellektuelle ein Gentleman, kein Experte. Den »Gleichklang« von Wissen und Macht hätten erst die Spezialisierungsprozesse der Moderne zerbrochen. Dass Männer von Bildung nicht nur »nutzlos und unpraktisch als politische Führungsgestalten« gewesen seien, diese »Wahrheit« hätten die Vertreter der »Great Generation« bezeugt. Für Hofstadter war auch Adams ein typischer Repräsentant seiner Epoche. 27 Hofstadter 1963, 25–26, 27–29, 29–31, 32–33, 45–47. 28 Vgl. ebd., 24–51 passim, bes. 24–25, 26–27, 45–46. 29 Ebd., 197–199 sowie auch 35–38. 30 Ebd., 21–23, 29–31. 31 Hofstadter 1963, 145 (»The leaders were the intellectuals.« – Hervorhebung Hofstadters); dort – sowie 427–428 – auch die Belege zur folgenden Rekapitulation von Hofstadters Darstellung der Frühen Republik.
Steffensen: J ohn Adams – Intellektueller, Antiintellektueller, Nichtintellektueller? | 21 Das Spektrum der Positionen zum Gelehrten und Publizisten Adams wirft wegen des Rekurses auf ein relativ einheitliches Set an Kriterien allerdings prinzipielle Fragen zu Hofstadters Konzept des Intellektuellen, dessen Auftreten in der U.S.-amerikanischen Geschichte sowie der (Re-)Konstruktion der Frühen Republik in Anti-intellectualism auf. Angesichts nicht nur der extremen Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Auffassungen als auch der Spannungen innerhalb einzelner Deutungen stellt sich sowohl das Problem, ob Hofstadters Typus eines Intellektuellen überhaupt funktional ist, sondern auch, welche Schlussfolgerungen sich für Hofstadter als Historiker ergeben. Handelt es sich, wenngleich ausdrücklich in der U.S.-amerikanischen Geschichte verortet, tatsächlich um einen empiriebasierten Begriff? Ist es nicht womöglich vielmehr ein Ideal, das auf ideologische Prämissen zurückgeht, eine visionäre Projektion, die aus Enttäuschung über die Gegenwart hervorgegangen ist, jedenfalls aber um ein selbst historisch gebundenes Phänomen, das mehr über Hofstadter und die Debatten seiner Zeit als auf den »Intellektuellen« und die Geschichte der Vereinigten Staaten als Ganze verweist? Oder kapitulieren Teile der Forschung vor dem ebenso gigantischen wie vielschichtigen Quellenmaterial, das sich über mehr als 70Jahre erstreckt und neben Adams’ Veröffentlichungen so unterschiedliche Gattungen wie Briefe und Tagebücher, autobiographische Skizzen und private Lektürenotizen umfasst, während die kühne Skizze in Anti-intellectualism ein urteilssicheres Portrait von Adams und der Frühen Repubik entwirft? Angesichts so grundlegender Fragen bietet sich der komplexe Founder Adams als Testfall an: für eine zumindest partielle Bestimmung der analytischen Funktionalität von Hofstadters Antiintellektualismus-These und damit der Möglichkeit ihrer Adaption auf gegenwärtige Diskurse. Die Erprobung von Hofstadters Konzepts, für die Adams als historisches Exempel, als Vehikel dient, erfolgt in vier Schritten. Im Fokus steht als erstes Adams’ Haltung zu Fragen der Bildung als Privatmann, Gelehrter und Publizist (Kap. 2). Anschließend soll seine Einschätzung der Bedeutung von Bildung, Wissenschaften und Künsten für Staat und Gesellschaft untersucht werden (Kap. 3). Geleitet wird die Untersuchung vom Gegensatz zwischen Utilitätsdenken und Selbstzweck von Bildung und Wissenschaft, dem Kontrast von breiten Kenntnissen und Spezialistentum sowie dem Dualismus zwischen dem Spielerischen und dem Obsessiven als Art des Denkens, die je unterschiedliche Bereiche und Phasen von Adams’ intellektuellen Aktivitäten aufschließen. Die gewonnenen Erkenntnisse bilden die Basis für eine Reflexion über die Anwendbarkeit von Hofstadters Begriff des Intellektuellen sowie die Charakterisierung der Frühen Republik in Anti-intellectualism (Kap. 4). Die heuristischen Potentiale und Herausforderungen, die sich mit der Figur des Intellektuellen verbinden, die Tragweite und Grenzen von Hofstadters Figur des Intellektuellen, möchte dann die Schlussbilanz aufzeigen (Kap. 5).
22 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker 2. Adams’ Selbstverständnis als Privatperson, Gelehrter und Publizist Zeitlebens war Adams geistig ein Suchender. 32 Harvard wurde für ihn zu einem säkularen Erweckungserlebnis. Hier emanzipierte er sich von den puritanischen Ideen, die ihm über seine familiäre Herkunft vermittelt worden waren, hier wurde er von seinen Lehrern für moderne Wissenschaften gewonnen. 33 Den an Newton und Locke geschulten Empirismus akzeptierte er für sich als leitende Methode, um Erkenntnisse über die Welt zu erlangen. 34 Durch die Bildungsinhalte, die ihm das Curriculum vermittelte, wurde er zu einem klassischen Produkt der damaligen Universität, deren Prägungen er nie verlor. Zeittypisch erstreckte sich seine Neugier auf höchst unterschiedliche Gebiete. Die zivilisatorische Überlegenheit des 18.Jahrhunderts führte er auf wissenschaftliche Entdeckungen in allen Disziplinen zurück.35 Im Mittelpunkt seines persönlichen Interesses standen Fragen des Rechts, der Geschichte, der Religion und der Philosophie.36 Seine auf fließender Beherrschung der Originalsprache fußende Kenntnis der antiken Autoren, vermittelt vor allem an der Universität, umfasste die ganze Bandbreite der Literatur.37 Zu seiner Unterhaltung, ohne Zweck der Belehrung, las er jedoch auch »leichtere« Dichtung, beispielsweise Ovids Amores. Neben die obligatorische Lektüre der antiken Autoren trat auch aktuelle Literatur, bis hin zu den Romanen Walter Scotts. Keine vergleichbare Expertise besaß er in Musik und Malerei – Künsten, denen gegenüber die Tagebücher und Briefe zwischen Anerkennung, Gleichgültigkeit und Missachtung changieren.38 Gerade für Kunst besaß er eine sinnliche Empfänglichkeit, die ihn selbst misstrauisch stimmte.39 Schon früh war er ganz im Sinne der Aufklärung fest von der Bedeutung der Nützlichkeit von Bildung und Wissenschaft überzeugt. Für den Praktiker, Gelehrten und Publizisten Adams waren die Disziplinen Recht und Politik miteinander verwoben und bildeten sein intellektuelles Gravitätszentrum. Unzufrieden mit dem ernüchternden Dasein als Schulmeister in einer Heimatstadt Braintree, wohin er nach dem Studium zurückgelehrt war,40 beschloss Adams, sich über das übliche »apprenticeship« bei einem Mentor zum Anwalt fortzubilden.41 Als das seine Existenz bestimmende, alle seine damaligen und späteren Entscheidungen bedingende Motiv erkannte er in dieser Zeit ein »strong desire of distinc32 Vgl. hierzu treffend Butterfield 1966, 35 sowie, etwas einseitig, Ryerson 2010, 84; anders Ferling 1992, 174. 33 Zum frühen und im Alter wiederaufgenommenen Interesse an den Naturwissenschaften vgl. Butterfield 1966, 27, 34–35 sowie Bernstein 2020, 20. 34 Für die Bedeutung des Empirismus in der Politik vgl. Appleby 1992, bes.191, 197–203, 206; Thompson 1998, 11–17; 2001, 239–240; Staloff 2013, 42–44. 35 Vgl. Staloff 2013, 36–38. 36 Hierzu gleich Näheres. 37 Zur Analyse der Bibliotheksbestände vgl. besonders Iacuzzi 1952. 38 Zur Einordnung kritischer Äußerungen s.u. S. 25–26, 29–30. 39 Vgl. hierzu jetzt bes. Wood 2017, 12–13. 40 Vgl. den plastischen Tagebucheintrag vom 24.04.1756 (Diary 1, 22). 41 Vgl. Bernstein 2020, 22–39.
Steffensen: J ohn Adams – Intellektueller, Antiintellektueller, Nichtintellektueller? | 23 tion«.42 In der »ambition« identifizierte er »one of the more ungovernable Passions of the human Heart«.43 Die Problematik des Strebens nach Prestige ignorierte er nicht.44 Für ihn ging Ansehensgewinn jedoch zwingend mit einer »greatness of mind« einher,45 basierte auf der Förderung des öffentlichem Nutzens und war auf Langfristigkeit angelegt.46 Nicht finanzielle Absichten verfolgte er also bei dieser Karriereentscheidung, sondern ausschlaggebend war ein immaterielles Motiv, der Ehrgeiz.47 Seine Aspirationen reichten allerdings über den Gewinn von Prestige als Anwalt auf kolonialer Ebene hinaus. Idealistisch strebte er danach, als Jurist zu Ruhm zu gelangen, darin seinem antiken Vorbild Cicero folgend und inspiriert von der Lektüre antiker Autoren.48 Der Gestalt eines Gesetzgebers wies er den höchsten gesellschaftlichen Rang überhaupt zu.49 Er stabilisiere Gesellschaften, ihm verdanke die Menschheit ihr Wohl.50 Wie seine Karriereentscheidung demonstriert, verstand Adams Bildung und Wissenschaft nicht nur als Wege zur Erkenntnis, sondern auch als Instrument für sozialen Aufstieg und die Erreichung politischer Ziele.51 Der Nutzen für die Gesellschaft, 42 Vgl. einen anschaulichen Tagebucheintrag aus dem Frühjahr 1759 (Diary 1, 98–100, Zitat: 100). 43 [Notes for an Oration at Braintree, Spring 1772] (Diary 2, 56–61, hier 59). 44 Für eine Diskussion vgl. Thompson 1998, 28–30. 45 Vgl. Tagebucheintrag vom 18. (bzw. 19.)03.1759: »Let me assume a Fortitude, a Greatness of mind« (Diary 1, 80). 46 Vgl. Tagebucheintrag vom Okt. 1758: »Contemptu famae, contemni virtutem. A Contempt of Fame generally begets or accompagnies a Contempt of Virtue. Iago makes the Reflection, that Fame but breath, but vibrated Air, an empty sound« (Earliest Diary, 91). 47 Nicht zu viel Bedeutung darf dem Tagebucheintrag vom 30.01.1768 (Diary 2, 357–358) zugewiesen werden, der häufiger als Ausdruck von Adams’ vermeintlich divergierenden Lebenszielen gelesen worden ist, tatsächlich aber als eine situationsbedingte Klage über die mäßigen Lebensumstände und Adams’ soziale Stellung in der Kolonie verstanden werden sollte. 48 In den Discourses on Davila (Works 6, 241) hielt er den Unterschied zwischen »reputation« und »glory« fest. Sei Prestige das Ziel des Handelns eines jedweden Gentleman, so gebühre Ruhm »great actions of lawgivers and heroes, and the management of the great commands and first offices of state«. Zur Bedeutung Ciceros für Adams s. neben den in Anm. 12 erwähnten Einzelstudien vgl. jetzt bes. Bernstein 2020, 18, 27, zur adhortativen Wirkung der Literatur auf Adams Coquilette 1984, 416–417. – Vorerst begnügte er sich indes damit, wahlweise der Moses, Solon oder Lykurg von Massachusetts zu werden, vgl. hierzu Brief an A. Adams, 02.06.1777 (Family Correspondence 2, 253). 49 Vgl. die Reflexion über den Genius mit der herausragenden Stellung des »lawgiver«, Okt./Dez. 1758 (Earliest Diary, 73) sowie Discourses on Davila (Works 6, 241); Brief an J. Sewall, Okt. 1759 (Diary 1, 123–124, hier 124). Für weitere Belege sowie Adams’ Berufung auf antike Vorbilder wie Solon, Perikles und Themistokles vgl. die bei Thompson 1998, 41–42 verzeichneten Stellen. Zu den Leistungen der Politik vgl. ferner Ryerson 2016, 89–90. Für Adams’ Ansicht, dass die Gegenwart wegen der vielfältigen politischen Gestaktungsmöglichkeiten, die sie biete, den Neid antiker Gesetzgeber auf sich gezogen hätte, Samuelson 2019, 118. 50 Ein plastisches Zeugnis für Adams Ansicht über die Bedeutung des Nutzens wissenschaftlicher Aktivitäten vgl. Brief an einen Anonymus, Okt./Dez. 1758 (Earliest Diary, 70–72); für weitere Stellen vgl. Butterfield 1966, 35 sowie Brief an J. Sewall, Febr. 1760 (Works 1, 151–155, hier 153). 51 Vgl. hierzu von rechtsgeschichtlicher Seite Coquilette 1984, 399–400. Wenn er feststellt, dass auch den Gelehrten Ruhm antreibe, nicht Pflichtbewusstsein oder Wahrheitsliebe, liegt darin keine Abwertung des Strebens nach Erkenntnis, sondern es handelt sich um den Versuch, seine gesellschaftlichen Ambitionen zu legitimieren (vgl. hierzu Discourses on Davila (Works 6, 240): »But the universal object and idol of men of letters is reputation. It is the notoriety, the celebration, which constitutes the charm that is to compensate the loss of appetite and sleep, and sometimes of riches and honors.« Zu kurz greift daher die Reduktion von Adams’ Lektüre und des Aufbaus seiner Bibliothek auf primär oder ausschließlich praktische, im Dienst des persönlichen Avancements stehende Zwecke, wie bei Prindle 2010, Bernstein 2010, 83 (differenzierter 84) oder Nicolson 2013, 65. Vgl. ferner Brief an J. Wendworth, Okt./Nov. 1758 (Earliest Diary, 64–65, hier 65).
24 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Distinktionsstreben und Wissenschaften fügten sich für ihn zu einem unauflöslichen Dreiklang zusammen. Adams’ Ehrgeiz auf dem Feld des Rechts schlug sich in vielfältigen intellektuellen Interessen nieder.52 Ihm war bewusst, dass er eine erschöpfende Kenntnis der Geschichte und der Philosophie benötigte,53 eine Kenntnis, die um vieles tiefer reichen musste als bei Juristen, die begrenztere persönliche und politische Absichten verfolgten.54 Mit dem wissenschaftlichen Ausgreifen auf andere Felder verband er das Ziel, die Natur des Menschen und die Menschheitsgeschichte erfassen zu können.55 Insofern erfüllten andere Disziplinen seiner Ansicht nach eine funktionale Rolle für die Rechtswissenschaft. Gerade indem der Jurist die Grenzen seiner Disziplin überschreite, so seine Erwartung, perfektioniere er seine Beherrschung der Rechtswissenschaft. Die Leidenschaft für die Politik war ein unmittelbares Derivat von Adams’ Selbstverständnis als Jurist. Er stilisierte sie zu einer aufregenden Romanze.56 Seiner Einschätzung nach befand sich diese von ihm als göttlich überhöhte Wissenschaft jedoch seit »zwei-oder dreitausend Jahren« in der Stagnation.57 Furchtlos verortete er die letzten epochalen Leistungen auf dem Gebiet des politischen Denkens in der Antike. Sich selbst schrieb Adams die Rolle eines historischen Reformers zu. Durch die Anwendung des Empirismus, den er als hermeneutisches Prinzip aus den Naturwissenschaften übernahm,58 erhob er für sich den Anspruch, die Politik auf ein der stürmischen Entwicklung des 18.Jahrhunderts würdiges Niveau gehoben zu haben. In Übereinstimmung mit dem für die Aufklärung konstitutiven Ziel der Optimierung des Lebens des Einzelnen wie der Gesellschaft durch Vernunft und Wissenschaft verstand Adams seine politikwissenschaftlichen Bemühungen als Bestandteil eines umfassenden Zivilisierungsprozesses. In seiner Person sah er auf dem Feld der Politik die Avantgarde des Fortschritts verkörpert. Die »science of politics« war für ihn die »science of happiness«.59 Seine monomane Fokussierung auf die Politik rechtfertigte Adams mit äußeren Zwängen: »The Science of Government it is my duty to study […]. I must study Politicks and War that my sons may have liberty to study Mathematicks and Philosophy. My sons ought to study Mathematicks and Philosophy, Geography, natural History, Naval Archit ecture, Navigation, Commerce and Agriculture, in order to their children a right to study Painting, Poetry, 52 Zum umfassenden Charakter der Rechtswissenschaften vgl. ebenfalls Brief an J. Wendworth, Okt./Nov. 1758 (Earliest Diary, 64–65, hier 65). 53 Vgl. z.B. [On Shakespeare & on Motives to Hard Study], 1758 (Earliest Diary, 76–78, hier 77) oder Brief an J. Sewall, Okt. 1759 (Diary 1, 123–124, hier 124). 54 Hinzuweisen ist allerdings darauf, dass die Spannweite von Adams’ Lektüre auch Nutzen für die alltägliche Anwaltspraxis mit sich brachte, wie Coquilette 1984, 394–395 aufzeigt. 55 Vgl. hierzu u.a. Defence 1 (Works 4, 291). 56 Vgl. Brief an A. Jardine, 01.06.1790 (Works 9, 567). 57 Vgl. hierzu und zum Folgenden Defence 1 (Works 4, 283–284). 58 Vgl. Thompson 2001, 239–240. 59 Vgl. nochmals Brief an A. Jardine, 01.06.1790 (Works 9, 567).
Steffensen: J ohn Adams – Intellektueller, Antiintellektueller, Nichtintellektueller? | 25 Musick, Architecture, Statuary, Tapestry and Porcelaine.«60 Das dreistufige Entwicklungsschema, das Adams skizziert, reflektiert unmittelbar seine historischen Entstehungsumstände.61 Nicht Indifferenz gegenüber den schönen Künsten oder anderen Wissenschaften begründet diese Hierarchie der Wissenschaften, sondern Einsicht in die existentiellen Erfordernisse der Vereinigten Staaten, die sich jüngst für unabhängig erklärt hatten, sich dann im Unabhängigkeitskrieg befanden und nach dem Sieg einer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ordnung bedurften. Die Entwicklung des Staates beruht für Adams zuallererst auf der Sicherung von dessen politischen Fundamenten. Erst nachdem politische Stabilität erreicht worden sein wird, durch vernünftige Politik und durch ökonomische Prosperität, bleibt Energie für die Schönen Künste. Außergewöhnlich ist an diesem Programm weniger das ostentative Utilitätsdenken, das für die Aufklärung einschlägig war, als die spezifische Situation, in der sich die Amerikaner befanden, die Konstitution eines neuen Staates, fernab Europas und geradezu aus dem Naturzustand heraus (wie er und viele seiner Zeitgenossen es zumindest imaginierten). Trotz seiner intellektuellen Präferenzen äußert sich Adams immer wieder abfällig über Wissenschaften und Künste. Ursache war seine persönliche Disposition. Schon früh identifizierte Adams gravierende Hindernisse für seine Zukunftspläne: seine Trägheit, seine mangelnde Konzentrationsfähigkeit, seine sinnliche Empfänglichkeit.62 Zu verschiedenen Gelegenheiten sah er sich wie Herkules am Scheideweg stehen und wähnte sich in der Gefahr, der Verführung der Sinne durch Malerei, Plastik und Dichtung zu erliegen.63 Die Invektiven, zu denen er sich zuweilen hinreißen ließ, waren aber nicht Ausdruck von Verachtung der Künste, sondern des Ringens mit Eigenschaften und Verhaltensweisen, die er als charakterliche Defizite wahrnahm. Was immer sein Streben nach Anerkennung und Prestige behinderte, verurteilte er in einer Schärfe und Drastik, die seine eigenen, ihm wohlbewussten Schwächen neutralisieren sollten.64 Antiintellektualismus ist bei Adams regelmäßig eine Frage des Kontexts. 60 Brief an A. Adams, 12.05.1780 von seiner Mission in Frankreich (Family Correspondence 3, 341–342, hier 342). Die Rückständigkeit Amerikas hielt Adams bereits 1778 fest, als er am 31.03.1778 im Tagebuch seiner Freude über einem Besuch in Europa, dem »great Theatre of Arts, Sciences, Commerce and War«, Ausdruck gab (Diary 4, 32–33, hier 32). 61 Abzulehnen ist daher der von Bernstein 2020, 7–8 angestellte Vergleich mit Niccolò Machiavelli und dessen Brief an Francesco Vettori vom 10.12.1513, in dem Machiavelli seine existentielle Leidenschaft für die Politik ausbreitet. Adams Zukunftsprojektion im Brief an seine Gattin Abigail beruht dagegen auf sachlichen Erwägungen. 62 Aussagekräftige Beispiele liefern Egodokumente aus dem Jahr 1758 (Earliest Diary, 66, 67, 70, 72). 63 Zu Herkules vgl. die Tagebucheinträge vom Jan. 1759 (Diary 1, 72, 73) sowie Brief an C. Maccauly, 31.12.1772 (Diary 2, 75); zur symbolischen und auch politischen Bedeutung des Hercules für Adams vgl. ferner Briefe an A. Adams 14.08.1776 und April/Mai 1780 (Family Correspondence 2, 95–97; 3, 332–333). 64 So ist auch der Selbstappell im soeben zitierten Tagebucheintrag vom Jan. 1759 zu verstehen (Diary 1, 72): »Let no trifling Diversion or amuzement or Company decoy you from your Books, i.e. let no Girl, no Gun, no Cards, no flutes, no Violins, no Dress, no Tobacco, no Laziness, decoy you from your Books.« – Situationsbezogenheit kennzeichnet auch sonst Adams’ Polemik gegen Künste. Wenn er beispielsweise einmal bemerkte, dass er keinen Sixpence für ein Gemälde von Raffael oder eine Statue des Pheidias ausgeben würde und dass die Künste hoffentlich erst spät in Nordamerika Einzug halten würden, sprach daraus nicht Verachtung, sondern seine Unzufriedenheit mit von ihm angefertigten Bildnissen. Zu dieser Episode vgl. Brief an J. B. Binon, 07.02.1819 (zum Beleg s. Bibliographie: Quellen). Für die kritisierte Sicht vgl. stellvertretend Wood 2017, 12.
32 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker tung. Aber mit der Entstehung des modernen Staates und der Formulierung der Staatsraison begann sich ein instrumentelles und technisches Verständnis von Politik als Maschinerie zur Realisierung des Gemeinwohls sowie eines Systems von Klugheitsregeln durchzusetzen.89 Dementsprechend richtete sich die Erforschung der Politik auf die Lösung öffentlicher Probleme sowie auf die Implementierung von Interessen. Dies galt auch für die Frühe Republik. Founder wie Thomas Jefferson und James Madison waren zwar Gentlemen, prädestiniert für einen Lebensstil, der auf aristokratischer Muße beruhte. Die Wahl ihres Studienfaches, der Rechtswissenschaft, war jedoch von vornherein mit der Perspektive einer öffentlichen Rolle verknüpft, die sie auch ohne Revolution, in der kolonialen Gesellschaft, wahrgenommen hätten. Alexander Hamilton wiederum zwang seine Herkunft zur Erwerbsarbeit in Form anwaltlicher Praxis. Alle drei vereinte indes, dass sie fähige, im Fall von Madison und Hamilton auch innovative, Theoretiker waren, für die Politik als Wissenschaft mit praktischen politischen Herausforderungen Hand in Hand ging. Neben die pragmatische Anwendbarkeit trat auch das Motiv der Prestigegenerierung. Die Verbindung von Leistungen für die Öffentlichkeit mit gesellschaftlichem Ansehen war seit der Antike tief im Ruhmesdiskurs verankert und auch im 18.Jahrhundert unmittelbar präsent.90 Die Bekleidung möglichst hochrangiger politischer Funktionen entsprach aristokratischem Ethos. Führungspositionen zu übernehmen, war eine Perspektive, die zum statusfixierten, konkurrenzorientierten Selbstverständnis auch der kolonialen Elite in Neuengland gehörte. Nicht zufällig wandte sich beispielsweise Benjamin Franklin, zum Gentleman aufgestiegen, nach zeitweiliger Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Fragen der Politik zu, die wegen ihrer praktischen Relevanz ein noch höheres Ansehen versprach.91 Nicht nur an Adams, auch an diesen Revolutionären manifestiert sich, wie präsent der Zusammenhang von Erkenntnis und Nutzen in der Aufklärung, intrinsische Zielvorstellungen transzendierend, auf dem Feld der wissenschaftlichen Politik war. Das Beispiel Adams sensibilisiert auch für den Umstand, dass nicht alle Founder Gentlemen im Sinne von gelehrten Dilettanten ohne Spezialkenntnisse waren, wie Hofstadter behauptet. Weder soziologisch noch von seinem Wissenschaftsverständnis her gehörte der zweite Präsident zu ihnen. Perfekt dem Typus des »gentleman scholar«, der in seiner Generation dominierte, entsprach der als sein Antipode geltende Thomas Jefferson.92 Er verfügte über eine ausgreifende Wissbegierde, die er mit dem Habitus eines Connaisseurs pflegte. Dass seine Ansichten, abgesehen von ihrer politischen Radikalität, allerdings konventionell waren, machte ihn weniger zu einem Vordenker als einem Repräsentanten der Aufklärung. 89 Für einen enzyklopädischen Überblick vgl. Reinhard 2002 m. w. Lit. Zum Aristotelismus vgl. bes. Flüeler 1992 und Schmitt 1993. 90 Für diese Erkenntnis bei Adams vgl. Thompson 1998, 32–33. 91 Wood 2004, 17–60, 66–68. 92 Statt vieler Biographien vgl. für eine Einführung Wood 2006a.
Steffensen: J ohn Adams – Intellektueller, Antiintellektueller, Nichtintellektueller? | 33 Treffend bezeichnete ihn Bernard Bailyn als lebendes »Stereotyp des 18. Jahrhunderts«.93 Höchstens eingeschränkt erfüllte er Hofstadters Anforderungen an den Intellektuellen. Weniger breitgefächerte Interessen besaß demgegenüber Adams, doch verfolgte er die für ihn relevante Spezialdisziplin – die Politik – mit einer Intensität, die ihn zu neuartigen, für Zeitgenossen exotisch wirkenden Einsichten führte. Wiewohl biographisch in der Aufklärung verankert, personifizierte er die heraufziehende Professionalisierung der Wissenschaft, die im 19.Jahrhundert ihren Durchbruch erlebte. So wird der Furor erklärbar, mit dem Adams sowohl Wissenschaft als auch Politik als Fortsetzung von Wissenschaft betrieb. Ihn kennzeichnen bereits elementare Züge, wie sie dem Experten zu eigen waren, dessen Existenz Hofstadter für das 18.Jahrhundert kategorisch negiert und erst in der Reconstruction Era verortet. (2) Zu diesen Fragen an die Triftigkeit von Hofstadters Deutung der Frühen Republik treten Probleme mit der Kohärenz des Intellektuellenbegriffs in Anti-intellectualism. Adams besaß offensichtlich Eigenschaften, die sich aus dem Reservoir des Intellektuellen wie des Antiintellektuellen und des Nichtintellektuellen rekrutierten. Das Streben nach Erkenntnis um ihrer selbst willen, das Überprüfen etablierter Gewissheiten, die Hochschätzung für die Wissenschaften sowie das geradezu existentielle Engagement für Ideen stehen bei ihm neben Nützlichkeitsdenken, Praxisorientierung, Fach-und Methodenmonismus sowie intellektuellem Zelotentum. Die Möglichkeit eines Spannungsverhältnisses zwischen bestimmten Kriterien, beispielsweise zwischen geistiger Flexibilität und obsessivem Intellektualismus besteht tatsächlich. Ob es sich aber realisiert, ist, wie der Fall Adams vorführt, diskussionswürdig. Zu klären wäre auch, ob nicht Elemente, die Hofstadter unter Antiintellektualismus rechnet, Voraussetzungen für bestimmte Eigenschaften und Funktionen des Intellektuellen sind. So könnte auch ein erheblicher Grad an Insistieren auf vom Mainstream abweichenden Ansätzen und Erkenntnissen, wie bei Adams, notwendig sein, um langfristig politischen Einfluss zu erzielen oder als »moralische Antenne« zu fungieren. Teils lässt sich aber auch die Ausschließlichkeit einzelner Merkmale in Zweifel ziehen. Begründungspflichtig etwa ist, warum sich Nützlichkeitsdenken nicht mit einer Vorstellung von Bildung und Wissenschaften als Selbstzweck verbinden lasse, wie Adams und die Aufklärer es taten. Ebenfalls tat sich in seiner Person kein Widerspruch zwischen der ausschließlichen Konzentration auf eine wissenschaftliche Disziplin und einem enthusiastischen Entdeckungstrieb auf. Offen ist schließlich, ob und inwieweit der Intellektuelle nicht Priorisierungen zwischen Interessengebieten vornehmen und mit subjektiver Normativität begründen dürfte, weshalb für Adams bestimmte Künste und Wissenschaften nur nachrangige Bedeutungen hatten. Varianzen, Abschichtungen und Kombinationsmöglichkeiten im Feld des Intellektuellen erwähnt Hofstadter zwar im programmatischen Teil 93 Vgl. Bailyn 1990, 26–41, bes. 26–27 (Zitat: 27). In eine ähnliche Richtung zielt, mit positiverer Wertung, Staloff 2005, bes. 234–235, 236, 239–240, der allerdings zu Unrecht im »sheer joy« von Jeffersons intellektuellen Interessen einen Unterschied zu Adams konstruiert (hierzu steht auch Jeffersons Wissen um den gesellschaftlichen Nutzen der Wissenschaften und [individueller] Bildung im Widerspruch, vgl. ebd., 261–263; auch wies Jefferson der Bildung Relevanz bei der Einhegung der Aristokratie zu, wie Neem 2012 herausstellt).
34 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker von Anti-intellectualism, berücksichtigt sie jedoch nicht in der historischen Analyse des 18.Jahrhunderts. Der von ihm umrissene Idealtypus des Intellektuellen ist daher, wie sich an Adams illustrieren lässt, von konzeptionellen Bruchstellen durchzogen, die sein heuristisches Potential beeinträchtigen. Die Plausibilitätsprobleme in Hofstadters historischem Narrativ der Frühen Republik wie in seinem Bild des Intellektuellen sind durch zwei konzeptionelle Prämissen von Anti-intellectualism bedingt. Zum einen folgt Hofstadter einem substantialistischen Verständnis von Intellektualität und dem Intellektuellen. Seinem von ihm selbst nicht theoretisierten Ansatz liegt eine Art idealistisch-neohumanistischer Bildungsbegriff zugrunde, den Hofstadter als fundamental für sein Selbstverständnis und seine Lebensführung ansah.94 Da dieses Konzept wie jedes andere auch historisch gebunden ist, führt seine universale Anwendung auf andere Epochen notwendigerweise zu ahistorischen Ergebnissen. Die »Intellektuellen« des 18.Jahrhunderts kann er nicht aus ihrer Zeit heraus verstehen, weil er sie an Maßstäben zu bestimmen und messen versucht, die der Aufklärung fremd waren. Insofern erweist sich seine Art der Begriffsbildung im konkreten Fall als inadäquat, für das Ganze der U.S.-amerikanischen Geschichte als strukturelles Defizit. Zum anderen arbeitet Hofstadter mit einem additiven Begriff vom Intellektuellen und dessen vielfältigen Gegenfiguren.95 Für seine Kombination von Ideenmit Kulturgeschichte waren die individuellen Protagonisten des (Anti-)Intellektualismus nachrangig. Weder hat sich Hofstadter um eine theoretische Fundierung seines Konzeptes des Intellektuellen bemüht noch dessen Wesensmerkmale zu einem in sich geschlossenen Portrait zusammengefügt. Über das ganze Buch hinweg sind stattdessen definitorische Fragmente verstreut. Was Hofstadter als Antiintellektualismus verstand, determinierte seinen Begriff des Intellektuellen. Es war unumgänglich, dass auf diese Weise Spannungen und Widersprüche, aber auch Bezüge zwischen einzelnen Charakteristika verborgen blieben, eine Unterscheidung zwischen notwendigen und hinreichenden Elementen hinfällig wurde und eine Priorisierung von Merkmalen entfiel. Zur Erklärung dieser Unbestimmtheiten drängt sich Hofstadters Selbstverständnis als engagierter, Gegenwart und Vergangenheit in eine riskante Beziehung zueinander setzender Intellektueller auf.96 Ausschlaggebend für das Design des Narrativs dürfte die polemische Stoßrichtung des Buches sein. Hofstadter verstand Anti-intellectualism als eine politische Intervention aus der Wissenschaft heraus, die sich gegen die Radikalisierung der amerikanischen Rechten seit den 1950erJahren richtete.97 Den Kampf gegen eine progressive Politik nahm Hofstadter, früher ein radikaler Linker, später ein eher konserva94 Snodgrass 2018, 11–12. 95 Dies gilt trotz des Kapitels 15 (Hofstadter 1963, 393–432), das mit dem Titel »The Intellectual: Alienation and Conformity« überschrieben ist. 96 Vgl. hierzu die Einleitung in diesen Band, https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p1, S. 7–10 97 Diese historische Einordnung und Begründung des Themas nimmt Hofstadter gleich zu Beginn des Buches vor (Hofstadter 1963, 3–5).
Steffensen: J ohn Adams – Intellektueller, Antiintellektueller, Nichtintellektueller? | 35 tiver Liberaler, als Bedrohung seiner eigenen politischen und intellektuellen Ideale wahr.98 Die auf der Beschreibung und Analyse der Gegenwart fußende Beobachtung eines Antiintellektualismus machte er zum Leitmotiv einer Meistererzählung, indem er sie auf die gesamte U.S.-amerikanische Geschichte projizierte. Von seinem Verdikt nahm Hofstadter die Frühe Republik aus. Er formte sie vor dem Hintergrund aktueller Misere zum orientierungsstiftenden Ideal. Indem seine Darstellung die größte Epoche der USA als Schöpfung von Intellektuellen deutete, bewies er nicht nur die historisch beglaubigte Wirkungskraft seines Bildungsund Wissenschaftskonzepts, sondern diskreditierte zugleich die Vorstellungen der Antiintellektuellen. Die schematische Konstruktion der Generation der Founder lässt sich daher als Produkt eines Strebens nach manichäischen Dualismen erfassen, das aus der unmittelbaren Involviertheit des Autors in grundsätzliche Fragen der zeitgenössischen Politik hervorging. Auch Hofstadters persönliche Haltung zu einer politischen Betätigung beeinflusste wohl die historische Darstellung. So sehr er eine dezidiert engagierte Geschichte schrieb, so wenig war er selbst zu einer aktiven Rolle in der Politik bereit. Anders als Professorenkollegen wie Arthur M. Schlesinger Jr., und McGeorge Bundy, die Mitglieder der KennedyRegierung waren, oder Henry A. Kissinger, George Shultz und James R. Schlesinger, die unter Präsident Nixon dienten, zog es ihn – nach einer aktivistischen Phase als Student und junger Dozent – nicht in öffentliche Ämter. Trotz seines Einsatzes für die Kampagne von Adlai Stevenson bei der Präsidentschaftswahl 1952 lehnte Hofstadter Angebote zur Übernahme politischer Funktionen ab.99 Für sein Bedürfnis nach Unabhängigkeit,100 sein Bekenntnis zur Exzellenz und seine Ablehnung des Egalitarismus sah er in der Massendemokratie keine Chance. In das Konstrukt des Gentlemans der Frühen Republik, das er in Anti-intellectualism entwarf, projizierte er seine eigenen Präferenzen. Mithilfe der Geschichte vindizierte er persönliche Lebensentscheidungen. Nicht Verachtung der Macht leitete ihn in seiner Distanz zur operativen Politik, sondern die Einsicht in die historische Entwicklung: »Today knowledge and power are differentiated functions. When power re sorts to knowledge, as it increasingly must, it looks not for intellect, considered as a free speculative and critical function, but for expertise, for something that will serve its needs.«101 Der »gifted amateur« war seit dem Ende der Frühen Republik, seit dem »Nieder98 Zur historischen Einordnung von Hofstadters politischer Orientierung und deren Wandel s. Howe/Finn 1974, bes. 11–23; Singal 1984 sowie den Überblick bei Snodgrass 2018, 5–10. 99 Zu Hofstadters Einsatz für Stevenson vgl. Brown 2006, 127–128, 131–132, 135 sowie Snodgrass 2018, 144–147. Nicht direkt als Intellektueller, aber als ein Intellektuelle anziehender Politiker wird Stevenson gleich zu Beginn von Anti-intellectualism angesprochen (Hofstadter 1963, 3: »politician of uncommon mind and style, whose appeal to intellectuals overshadowed anything in recent history«). Stevenson war allerdings kein Gentleman, wie er Hofstadters Bild der Frühen Republik prägt, sondern – ungeachtet seines geistigen Formats – ein Karrierebeamter, dessen politische Laufbahn unmittelbar nach dem Ende des Universitätsstudiums begann. 100 S. hierzu Snodgrass 2018, 10. 101 Hofstadter 1963, 428.
36 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker gang des Gentlemans«102 aus der Politik verbannt, ungeachtet der von Hofstadter selbst konzedierten neuen Anziehungskraft Washingtons auf »Intellektuelle« nach der Eisenhower-Präsidentschaft.103 5. Bilanz Wer nun war Adams: ein Intellektueller, ein Antiintellektueller, ein Nichtintellektueller? Welche grundlegenden heuristischen Schwierigkeiten dieser Frage innewohnen, demonstriert die Untersuchung seiner Person und die Anwendung ihrer Ergebnisse auf Hofstadters Anti-intellectualism. Sichtbar wird Adams’ Profil erst in einer differenzierenden historischen Analyse. Vielseitig und spannungsreich wie die Frühe Republik, vereint es gegensätzliche Kriterien aus Hofstadters Taxonomie. Doch abwägende, harmonisierend beschreibende, geschichtliche Ambivalenz widerspiegelnde Formeln, wie sie etwa Präsident John F. Kennedy in seinem Urteil über den Politiker Adams fand,104 als er seinen Vorgänger für die Verbindung von Reflexion und praktischem Handeln pries, konnten Hofstadters Deutungsanspruch nicht zufrieden stellen. Mehr als die Frühe Republik beleuchtet Adams daher als historisches Fallbeispiel die Zeit-und Standortgebundenheit von Anti-intellectualism. Hofstadters historisches Narrativ und seine Vorstellung des Intellektuellen leiten sich unmittelbar aus seiner Positionierung in Fragen der Politik, seinem persönlichen Bildungsideal und seinem Selbstverständnis ab. Nicht umsonst bekannte er sich zu den starken autobiographischen Zügen des Buches, die oft im Fokus der Kritik standen.105 Der Substantialismus seines (Anti-)Intellektualismuskonzepts und der additive Charakter seines Intellektuellenbegriffs bedingen allerdings eine Enthistorisierung der U.S.-amerikanischen Geschichte. Sein 18.Jahrhundert, seine Frühe Republik ist eine hagiographische Konstruktion. Die Freiheit im faktischen Detail, die er sich selbst zugestand,106 besteht hier in dessen Vernachlässigung.107 Dass die Wiederkehr der Gründerphase, die nie in der von ihm dargestellten Form existiert hatte, wegen der Alterität von Früher Neuzeit und Moderne eine Utopie bleiben musste – für die Vereinigten Staaten wie ihn selbst –, war Hofstadter bewusst. Schlaglichtartig wirft dieser Befund das grundsätzliche Problem der Interdependenz von historischer Konstruktion und dem Operieren mit kategorialen Ansätzen in Anti-intellectualism (aber auch der Adams-Forschung) 102 So der Titel von Kapitel 6 (ebd., 145–171). 103 Ebd., 5. 104 Vgl. Kennedy 1963, 479 in seiner Rezension der ersten vier Bände der Edition von Adams’ Tagebüchern. 105 Vgl. hierzu Brown 2006, 140, ferner Weiland 1988, 468. 106 V gl. Hofstadter 1963, vii (»largely a personal book, whose factual details are organized and dominated by my views«). 107 In anderem Zusammenhang, z.B. in The American Political Tradition, konnte Hofstadter indes auch eine nüchterne Haltung gegenüber der Generation der Founder einnehmen, vgl. Singal 1984, 983.
Steffensen: J ohn Adams – Intellektueller, Antiintellektueller, Nichtintellektueller? | 37 auf. Skeptisch fällt Hofstadters Blick in die Zukunft aus: Mochte auch »das Intellektuelle« immerhin in Form des Expertentums wieder als »Kraft in der amerikanischen Politik« restituiert worden sein – »the pertinent question is whether the intellectual, as expert, can really be an intellectual«.108 Hofstadter ist weniger ein Erforscher der Vergangenheit als vielmehr selbst eine Quelle der Geschichtswissenschaft, die Auskünfte über die liberale akademische Elite der Nachkriegszeit verspricht: über ihre Selbstsicht und ihr Wirken im öffentlichen Raum, aber auch über ihre Deutung der Gesamtgeschichte der USA, die normative Funktion der Frühen Republik und die hinter diesen Interpretationen stehenden Motive und Interessen. Auch die Theoriebedürftigkeit seines additiv angelegten, als gesellschaftliches und historisches Analyseinstrument nur eingeschränkt tauglichen Begriffs des Intellektuellen eröffnet produktive Möglichkeiten. Sie lädt zur Überprüfung bildungs-und wissenschaftsgeschichtlicher Erkenntnisse auf dem Gebiet der U.S.-amerikanischen Geschichte ein. Sie kann wie im Fall von Adams neue Perspektiven auf historische Kontroversen eröffnen. Sie fordert zur Frage nach historischen Kontinuitäten und Diskontinuitäten, nach Gestaltungsbedingungen von Gegenwart und Zukunft auf. Und sie inspiriert zu einer Reflexion gängiger, bequem gewordener Vorstellungen des Intellektuellen, einer im öffentlichen Diskurs und in der Wissenschaft ebenso prominenten wie umstrittenen Gestalt. So sind gerade die Idiosynkrasien und heuristischen Grenzen von Anti-intellectualism in American Life eine Stimulanz für das Streben nach Erkenntniserweiterung. Nicht nur Adams ist es, der irritiert, sondern auch Hofstadter. 108 Hofstadter 1963, 428. Zugleich wendet er sich jedoch gegen »Selbstmitleid«, »Verzweiflung« und die Verlockung einer voreiligen inneren Kapitulation (ebd., 432, vgl. auch 7). Neue Hoffnungen erweckt in ihm, auch für seinen eigenen Blick auf die U.S.-amerikanische Gesellschaft und die von ihm diskutierten Probleme, die Präsidentschaft Kennedys (ebd., 5), die allerdings noch im Jahr des Erscheinens von Anti-intellectualism ihr gewaltsames Ende fand . Quellen Diary = Diary and Autobiography of John Adams, hg. v. L.H.Butterfield, 4Vols., New York 1964. Earliest Diary = The Earliest Diary of John Adams, hg. v. L.H.Butterfield, Cambridge, MA 1966. Family Correspondence = Adams Family Correspondence, hg. v. L.H.Butterfield u.a., derzeit 15Vols., Harvard 1963–. Works = The Works of John Adams, Second President of the United States. With a Life of the Author, Notes, and Illustrations, by his Grandson Ch. F. Adams, 10Vols., Boston 1856. Papers = Papers of John Adams, hg. v. R.J.Taylor u.a., derzeit 21Vols., Cambridge, MA 1977–. Spur of Fame = J. A. Shultz/D. Adair (Hgg.), The Spur of Fame. Dialogues of John Adams and Benjamin Rush, 1805–1813, San Marino, Cal. 1966. Die Publikation des in Anm. 64 zitierten Briefs an J.B.Binon steht noch aus. Eine vorläufige Transkription ist derzeit (14.02.2024) unter https://founders. archives.gov/documents/Adams/99-02-02-7069 abzurufen.
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40 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Open Access // Der Beitrag ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0) veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Beitrags von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.