Frauen in der Debatte um Antiintellektualismus in den USA: Historiographische Revision am Beispiel autobiographischer Schriften aus dem 19. Jahrhundert
Abstract
Der vorliegende Artikel betrachtet aktuelle gesellschaftspolitische und wissenschaftliche Debatten zu Antiintellektualismus in den USA. Hauptaugenmerk…
Full text
| 41 Julia Nitz Frauen in der Debatte um Antiintellektualismus in den USA Historiographische Revision am Beispiel autobiographischer Schriften aus dem 19. Jahrhundert 1. Einleitung: Frauen in Hofstadters Anti-intellectualism in American Life In seinem 1963 verfassten richtungsweisenden Werk zur Geschichte des Antiintellektualismus in den Vereinigten Staaten von Amerika, Anti-intellectualism in American Life, denkt Richard Hofstadter Frauen so gut wie nicht mit. Es scheint so, als wären Frauen nicht Teil des von ihm beobachteten, prävalenten Argwohns vieler Amerikaner*innen gegen Intellektuelle. 1 Ziel dieses Artikels ist es, zum einen aufzuzeigen, inwieweit Hofstadter die Diskussion zu Antiintellektualismus und Frauen bis heute prägt, und eine detaillierte Übersicht zu Forschungstrends in diesem Bereich zu liefern. Zum anderen soll die historiographische Debatte um zwei Fallbeispiele der Jahrhundertwende erweitert werden. Untersuchungen zum Antiintellektualismusdiskurs in Rebecca Harding Davis’ autobiographischem Werk Bits of Gossip (1904) und Eliza Frances Andrews’ Bürgerkriegstagebuch The War-Time Journal of a Georgia Girl (1908) stellen die weit verbreitete These von der als antiintellektuell definierten Natur der viktorianischen Frau infrage und erlauben Einblicke in die Art und Weise, wie konservative und progressive intellektuelle Frauen sich selbst in den (Anti-)Intellektualismusdiskurs einschrieben. Es findet sich im Schlagwortverzeichnis von Anti-intellectualism in American Life kein Eintrag zu Frauen, Frauenbewegungen oder ähnlichem. Nur eine Handvoll Frauen wird na1 I m Grunde gilt diese Abwesenheit in der historischen Revision zu Antiintellektualismus für alle Minoritäten, sowohl bei Hofstadter als auch in der auf ihn folgenden Forschung zum Thema. Eine entsprechende Aufarbeitung in diesen Bereichen würde der These von einer antiintellektuellen amerikanischen Kultur mehr Komplexität und Nuanciertheit verschaffen, insbesondere bezüglich eines inhärenten Geschlechter-, Rassen-und Nationalitätenessentialismus im Verständnis von Intellekt bzw. intellektuellen Fähigkeiten und Intelligenz (Common Sense). Damit könnten u.a. Werke wie John McWhorters Losing the Race. Self-Sabotage in Black America (2000/2001), welches Antiintellektualismus als kulturelles Resultat fortlaufender Diskri minierung von schwarzen Amerikanern diagnostiziert, durch eine historische Dimension kontextualisiert werden. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/978-3-910591-27-1/p3
42 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker mentlich aufgeführt, die in verschiedenen Zusammenhängen kurz Erwähnung finden, darunter Anne Hutchinson (1591–1643, religiöse Reformerin), Marietta Johnson (1864–1938, progressive Pädagogin), Ellen Key (1849–1926, schwedische Feministin), Mabel Dodge Luhan (1879–1962, wohlhabende Kunstmäzenin) und Mary McCarthy (1912–1989, Schriftstellerin).2 Hofstadter diskutiert Frauen lediglich im Zusammenhang mit den Widrigkeiten ausführlicher, denen sich männliche Reformpolitiker im ausgehenden 19. Jahrhundert ausgesetzt sahen, und im Rahmen der bildungspolitischen Misere im gleichen Zeitraum. Diese Einträge finden sich jeweils unter den Schlagworten Politik/Rolle von Frauen und Bildung/ Lehrerinnen (»the woman teacher«3). Hofstadters Diskussion zur Rolle von Frauen in der Politik beschränkt sich auf die Feststellung, dass Frauen von der Politik ausgeschlossen gewesen seien, da politisch aktiven Frauen die Weiblichkeit abgesprochen und Politik per se als männliche Sphäre betrachtet wurde. Im Umkehrschluss, und hierin liegt das eigentliche Interesse Hofstadters, wurde die Männlichkeit jener Politiker bestritten, die Reformen unterstützten: »If women invaded politics, they would become masculine, just as men became feminine when they espoused reform.«4 Ein zweiter Bereich, in dem Frauen bei Hofstadters Auseinandersetzung mit Antiintellektualismus eine Rolle spielen, sind seine kritischen Betrachtungen zum amerikanischen Schulsystem und zur gesellschaftlichen und ökonomischen Situation von Lehrer*innen. In Teil 5 des Buches, der sich mit Bildung und Demokratie beschäftigt, erläutert er, wie Frauen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts langsam den Lehrkörper in allgemeinbildenden Schulen dominierten, da sie als billige Arbeitskräfte in diesem wenig prestigereichen Bereich willkommen gewesen seien. Genau hier liegt auch Hofstadters Kritik, nämlich im schlechten Renommee der allgemeinen Schulbildung und der überproportionalen Repräsentation des Schulwesens durch Lehrerinnen. Dabei spricht er Frauen nicht die entsprechende Lehrexpertise ab, moniert aber, dass Jungen somit ohne Lehrervorbilder aufwüchsen und bei den nachkommenden Generationen der Eindruck entstanden sei, Bildung sei weibisch, da von Frauen vertreten. Hofstadter spricht konkret von »feminization of teaching«.5 Hofstadter geht nirgends explizit auf intellektuelle Frauen ein oder auf die Sichtweise von Frauen auf Intellektuelle, also ihre Teilhabe an (anti-)intellektuellen Strömungen. Dabei erklärt sich die Abwesenheit von Frauen in Hofstadters Auseinandersetzung mit antiintellektuellen Tendenzen in Religion, Politik, »praktischer Kultur« und Bildung aus der unhinterfragten Übernahme der separate spheres ideology des 19. Jahrhunderts. Hofstadters Kommentare hierzu machen deutlich, dass er die viktorianische Weltanschauung der getrennten Sphären, in der Männer der öffentlichen (politischen) Welt zugeordnet wurden und Frauen 2 Die beschreibenden Kategorien zu den namentlich im Index von Anti-intellectualism in American Life gelisteten Frauen lehnen sich an Hofstadters Sprachpraxis bzw. Bezeichnungen an und stellen keine essentialistischen Festschreibungen der Autorinnen dar. 3 Hofstadter 1963, Index v. 4 Ebd., 190. 5 Ebd., 320.
Nitz: Frauen in der Debatte um Antiintellektualismus in den USA | 43 der privaten (häuslichen), sehr wohl als ideologische Maxime entlarvte, sie jedoch gleichzeitig als historische Realität begriff. Er beanstandete den Geschlechteressentialismus des 19. Jahrhunderts, der propagierte, dass, wie Hofstadter es formuliert, »women would soil and unsex themselves if they entered the inevitably dirty male world of political activity«.6 Aufgrund dieser vorherrschenden Wertevorstellungen ging er davon aus, dass Frauen tatsächlich nicht an politischen Aktivitäten teilhatten und auch nicht Teil (anti-)intellektueller Strömungen des öffentlichen Lebens und politischer Demokratiekulturen gewesen seien, auf die er sich in Anti-intellectualism fokussierte. 2. Antiintellektualismus und amerikanische Frauengeschichte: separate spheres, die Republikanische Mutter und die Wahre Frau Schon am Ende der 1980er Jahre kam die Übernahme der separate spheres ideology in den Kulturund Literaturwissenschaften unter scharfe Kritik, die in Sammelwerken wie No More Separate Spheres: ANext Wave American Studies Reader (2002) mündete. 7 Hier wurde eben jener bei Hofstadter oben identifizierte Mechanismus kritisiert, der Ideologie und Rhetorik in lebensweltliche Realitäten übertrug. Im Grunde betont die No-More-Separate-Spheres-Schule, dass zwischen propagiertem Gedankengut, welches Frauen im Privaten zu verankern suchte, und den eigentlichen, oft sehr öffentlichen Aktivitäten von Frauen klar zu unterscheiden sei. 8 Trotz der Kritik an der Übertragung einer viktorianischen Konstruktion von Geschlechtersphären auf kulturhistorische Auseinandersetzungen mit dem 19. Jahrhundert spiegelt die bis heute sehr begrenzte Forschungspraxis zu Frauen und Antiintellektualismus Hofstadters Positionierung bzw. Nichtpositionierung von Frauen im wissenschaftlichen Diskurs zu Antiintellektualismusströmungen in den USA wider. Dabei folgte die Forschung den vier Schwerpunktfeldern, in denen Hofstadter Frauen verortet bzw. in denen geschlechtsspezifische Aspekte innerhalb seiner Antiintellektualismusdebatte eine Rolle spielen: Hofstadter definiert die Rolle von Frauen im 19. Jahrhundert und darüber hinaus als (1) inhärent antiintellektuell und sieht ihre soziale Funktion als (2) gesellschaftliche unpolitische Moralapostel, realisiert in ihrer Rolle als Mütter und Ehefrauen.9 Zudem spielen soziokulturelle Konstruktionen von Geschlecht in zwei Diskussionsfeldern eine Rolle: zum einen in Hofstadters 6 Hofstadter 1963, 190. 7 Davidson/Hatcher 2002. Der Titel und die Konzeption der Aufsatzsammlung beziehen sich auf ein 1998 erschienenes Themenheft der Zeitschrift American Literature. A Journal of Literary History, Criticism, and Bibliography mit dem Titel No More Separate Spheres!, Davidson 1998. 8 In ihrem wegweisenden Aufsatz zum Thema getrennter Welten, Separate Spheres, Female Worlds, Women’s Place: The Rhetoric of Women’s History, erläutert Linda Kerber die Problematik der unreflektierten Anwendung der Metapher separate spheres: »When they used the metaphor of separate spheres, historians referred, often interchangeably, to an ideology imposed on women, a culture created by women, a set of boundaries expected to be observed by women« (1988, 37). 9 Hofstadter 1963, 189.
44 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Debatte zur (3) Repression und Angst vor Sexualität innerhalb fundamentalistisch-religiöser Strömungen,10 die seiner Ansicht nach in der Überhebung von Fühlen gegenüber Denken maßgeblich antiintellektuelle Ansichten lenkten, zum anderen in dem schon erwähnten (4) Verpönen von Intellektuellen als weibisch.11 Es scheint ganz so, als wären die in den 1960ern und 1970ern Jahren einsetzenden kulturund geschichtswissenschaftlichen Debatten zum vorherrschenden Frauenbild der frühen amerikanischen Republik, dem Kult der Wahren Frau und dem daraus resultierenden Konzept der Republikanischen Mutter durch Hofstadters Werk, wenn nicht gerade initiiert, so doch auf jeden Fall befeuert worden. Barbara Welters Aufsatz Anti-intellectualism and the American Woman, 1800–1860, erschien nur drei Jahre nach der Publikation von Hofstadters Arbeit in der Zeitschrift Mid-America, fast zeitgleich zu ihrem Aufsatz, The Cult of True Womanhood, 1820–1860. Letztere Publikation etablierte das Konzept der Wahrhaftigen Weiblichkeit als festen Bestandteil in der Neubetrachtung der Rolle amerikanischer Frauen im 19. Jahrhundert. In dem Beitrag versuchte Welter nachzuzeichnen, was Autoren des 19. Jahrhunderts unter diesem geflügelten Begriff verstanden. Anti-intellectualism and the American Woman konzentriert sich stärker auf die mit True Womanhood verbundene pseudo-wissenschaftliche Darstellung von der angeblich antiintellektuellen Natur der Frau. Gleich zu Beginn konstatiert Welter in direkter Anlehnung an Hofstadters Antiintellektualismusthese, dass die Gesellschaft in den USA des 19. Jahrhunderts Frauen von Natur aus als nicht intellektuell ansah, sie aber gerade wegen ihres vermeintlich fehlenden Intellekts als gesellschaftlich wertvoll schätzte: »Nineteenth-century American man often preferred common sense or intuition to reason, as modes of achieving wisdom and truth. 12 But if mankind, generically, was anti-intellectual, woman was so in a particular way – one in which her very essence was involved. Indeed, the more she used her heart rather than her mind the more feminine she was. Antiintellectualism was implicit in the cult which exalted women as creatures who did not use logic or reason, having a surer, purer road to the truth – the high road of the heart.« 13 Welter argumentiert hier, dass der von Hofstadter beschriebene Trend in den USA, gesunden Menschenverstand und Intuition abstraktem Rationalismus vorzuziehen, Frauen auf spezielle Weise betroffen habe. Man habe Frauen quasi per se als antiintellektuell gesehen, in dem Sinne, dass ihre Welterkenntnis nicht über intellektuelle Fähigkeiten bestimmt werde, sondern über ein gefühlsmäßiges Erkennen. Frauen wüssten intuitiv, was richtig und falsch sei. 10 Ebd., 118–119. 11 Ebd., 189–190; 320. 12 Im Originalartikel findet sich hier eine Fußnote, in der sich Welter an Hofstadters Definition von intellektuell als Gegensatz zu Intelligenz anschließt (Welter 1966a, 258, Anm.1). 13 Welter 1966a, 258.
Nitz: Frauen in der Debatte um Antiintellektualismus in den USA | 45 Frausein bedeute im Kern, die Welt mit dem Herzen wahrzunehmen, die Wahrheit spontan zu fühlen. Welter belegt diese weit verbreitete Annahme von der nichtrationalen Natur der Frau mit einer Vielzahl zeitgenössischer Beispiele aus (pseudo-)wissenschaftlichen (Anatomie, Gynäkologie, Phrenologie), religiösen, journalistischen und literarischen Diskursen. Zugleich zeigt Welter das Dilemma auf, in dem sich intellektuelle Frauen wie Margaret Fuller oder Madame de Staël befunden hätten, die quasi widernatürliche Phänomene dargestellt hätten und denen man die Weiblichkeit aberkannt habe. Welter geht im Gegensatz zu Hofstadter beispielhaft auf die schwierige Situation von intellektuellen Frauen ein und belässt es nicht bei Allgemeinaussagen zur Maskulinisierung von denkenden Frauen. Sie schrieb Frauen in die Antiintellektualismusdebatte der 1960er Jahre ein, aber nicht über ihre eigene antiintellektuelle Weltsicht, sondern in der Hofstadter-Tradition als antiintellektuelle Entitäten par excellence. Schon Welter und nach ihr noch nuancierter Linda Kerber leiteten aus der als antiintellektuell definierten Natur der viktorianischen Frau die für sie vorgesehene gesellschaftliche Rolle der Republikanischen Mutter ab. Kerber erläutert in Toward an Intellectual History of Women (1997), dass sie sich Anfang der 1970er Jahre gefragt habe, wie die Gründergeneration Frauen innerhalb der republikanischen sozialen Ordnung positioniert hätte. Erste Resultate dieser Überlegungen waren zwei Aufsätze, die für viel Aufsehen in der Wissenschaftswelt sorgten und Kerbers anhaltendes Renommee begründeten: Daughters of Columbia (1974), gefolgt von The Republican Mother (1976). Daughters of Columbia erschien als Teil einer von ehemaligen Schülern Richard Hofstadters zusammengestellten Aufsatzsammlung zum Gedenken an den kurz zuvor verstorbenen Wissenschaftler und Mentor. Auch hier fand die Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau in der neu begründeten Republik in Anlehnung an Hofstadters soziohistorische Analyse statt und prägte den kulturhistorischen Diskurs zu amerikanischen Frauen im langen 19. Jahrhundert nachhaltig. Kerber, wie zuvor Welter, konstatiert, dass Frauen in der jungen Republik als nichtintellektuell definiert worden seien, konzentriert sich im Folgenden jedoch stärker auf die Debatte zur Bildung der Frau. Kerber diagnostiziert für das frühe 19.Jahrhundert eine von Hofstadter erst dem ausgehenden viktorianischen Zeitalter zugeschriebene Form des Antiintellektualismus, den Daniel Rigney in seiner Kategorisierung der von Hofstadter diskutierten Antiintellektualismustypen als unreflektierten Instrumentalismus bezeichnet.14 Bildung wird hierbei gesellschaftspolitisch einem klaren Nutzen-und Anwendungsprinzip unterstellt und nicht im aufklärerischen Sinne der geistigen Formung des mündigen (männlichen) Individuums. Nach Kerber orientierte sich das Bildungsziel im Falle von amerikanischen Frauen an der ihnen zugewiesenen politischen Rolle als Mutter und damit Erzieherin mündiger Bürger. Bildung für Frauen sei nunmehr um die politische Dimension der moralischen Erziehung zukünftiger Staatsbürger erweitert worden. Intellektualität um ihrer selbst Willen habe man als krankhaft, unnatürlich und vermännlichend angesehen. 14 Rigney 1991, 446–447.
46 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker Kerber und Welter situierten Frauen im Antiintellektualismusdiskurs bzw. binden eine Diskussion von Geschlechterideologien an Antiintellektualismustheorien. Sie gingen dabei nicht substantiell über Hofstadter hinaus, sondern fokussierten sich in erster Linie auf die Art und Weise, wie Frauen innerhalb dominanter Ideologien verortet wurden und wie dies in das große Narrativ des amerikanischen Antiintellektualismus passte. Sie nahmen Hofstadter zum Anlass, um über die politische Rolle von Frauen in der amerikanischen Republik nachzudenken, und taten dies im Rahmen der Dichotomie »intellektuell« und »antiintellektuell«. Im Gegensatz zu Hofstadter zeigten sie nicht nur auf, dass Frauen und Weiblichkeit klar antiintellektuell bzw. als nichtintellektuell definiert wurden, sondern, wie daraus eine gesellschaftspolitische Rolle für Frauen erwuchs. Kerber kam zu dem Schluss, dass die Kategorisierung von Frauen als nichtintellektuell und die damit einhergehende Zuschreibung der Rolle als Hüterin der moralischen Grundwerte der Nation ein bewusster Prozess gewesen seien. Die Gründergeneration habe so dem Dilemma begegnen wollen, welches sich aus der Kluft zwischen republikanischen Werten der Bürgersouveränität und gesellschaftlichen Geschlechterhierarchien ergab, die in den entmündigenden Gesetzen der coverture für verheiratete Frauen eklatant sichtbar waren. Die Diskussion zur antiintellektuellen Natur der Frau und ihrer darüber zugeschriebenen gesellschaftlichen Rolle führte zu einer ebenfalls bei Hofstadter anklingenden Neuinterpretation evangelikaler fundamentalistischer Strömungen. Hofstadter interpretierte die im 19.Jahrhundert um sich greifenden religiösen Erweckungsbewegungen als Manifestationen eines verbreiteten Antiintellektualismus.15 Barbara Welter verstand die Bewegungen jedoch eher als Feminisierung. Sie argumentiert in einem Aufsatz von 1973 mit dem Titel The Feminization of American Religion, 1800–1860,16 dass aufgrund verschiedener soziokultureller Veränderungen Religion zur Frauensache geworden sei, was dazu geführt habe, dass religiöse Praktiken domestiziert und emotionalisiert wurden. Die Erweckungsbewegungen sind nach Welter als Symptome dieses Wandels zu verstehen. Kurzum ergibt sich für sie und andere Kulturwissenschaftler*innen nach ihr das Argument, dass die Veränderung der religiösen Praxis ein direktes Resultat der Definition von Frauen als antiintellektuell gewesen sei. Da man davon ausging, dass Frauen intuitiv Zugang zu Weltwissen und zu Gott hätten, ergab sich daraus eine Zuschreibung eines höheren Grades an moralischen und religiösen Tugenden. Daraus wiederum leitete sich (nach Kerber sowie Welter) die politisierte Rolle der Republikanischen Mutter ab, die auch religiöse Angelegenheiten ins häuslich-private, also die Sphäre der Frau, verschob. Welter und noch prominenter Ann Douglass entwickelten auf dieser Basis die sogenannte Feminisierungsthese von Religion und Kultur im 19.Jahrhundert.17 Douglass führte das Antiintellektualismusargument einen Schritt weiter als Welter, indem sie die angebliche Feminisierung amerikanischer Kultur im 19.Jahrhundert, d.h. die ver15 Hofstadter 1963, 81–116. 16 Welter 1973. 17 Douglass 1977.
Nitz: Frauen in der Debatte um Antiintellektualismus in den USA | 47 stärkte Hinwendung zu Frömmigkeit und Moral, als bewusste Gegenbewegung zur Säkularisierung des öffentlichen Lebens und des industriellen Kapitalismus verstand. Sie sah darin eine antiintellektuelle Gegenkultur, die von Sentimentalismus und Häuslichkeit geprägt gewesen sei.18 Die Feminisierungsthese beeinflusste anhaltend die amerikanische und europäische Religions-und Kulturhistoriographie, auch wenn sie insbesondere seit den 1990erJahren stark umstritten war und in vielerlei Hinsicht in Frage gestellt bzw. widerlegt wurde: So monierte Ann Braude, dass es keine konkreten Nachweise für einen demographischen Wandel in der religiösen Praxis des 19.Jahrhunderts gegeben habe. Zudem wies sie und später auch Patrick Pasture darauf hin, dass Interpretationen und Definitionen von feminin und maskulin stärker historisch kontextualisiert werden müssten, um Fehlinterpretationen zu vermeiden. Nach Callum Brown stellt sich zum Beispiel die Frage, ob nicht etwa nur Frömmigkeit feminisiert worden sei, sondern eben auch eine Verfrömmigung von Weiblichkeit stattgefunden habe.19 Gegen die Feminisierungsthese und damit die Annahme, dass Männer sich von Kirchen entfremdeten und Frauen eine wichtigere Rolle zukam, spreche ebenfalls, dass dies in nur einigen wenigen protestantischen Denominationen tatsächlich der Fall, aber keinesfalls die Regel gewesen sei. Nach Braude zeigt sich hier eine für das 19.Jahrhundert gängige Diskrepanz zwischen weiblicher Präsenz und männlicher Machthabe.20 Die Diskussion zur Feminisierungsthese dominiert seit den 1980erJahren die wissenschaftliche Auseinandersetzung zu Frauen und Antiintellektualismus. Der Fokus liegt hierbei auf der Betrachtung einer sentimentalisierten antiintellektuellen Gegenkultur. Sentimentalismus und Häuslichkeit werden dabei als antiintellektuell verstanden. Das Problem einer solchen kulturwissenschaftlichen Ausrichtung für eine (intellektuelle) Kulturgeschichte von amerikanischen Frauen liegt darin, dass sie die historische und von Hofstadter wiederbelebte Kategorisierung von Frauen als nichtintellektuell fortführt, statt ihre Teilhabe an antiintellektuellen Strömungen zu beleuchten. Hofstadter selbst zeigt in einer Momentaufnahme, dass Frauen sogar eine Vorreiterrolle in antiintellektuellen Sichtund Aktionsweisen zukam. So berichtet er, wie die puritanische Massachusetts Bay Colony schon im frühen 17.Jahrhundert durch antiintellektuelle Aktivitäten von Anne Hutchinson aufgerüttelt wurde. Er beschreibt, wie sie gelehrte Kirchenvertreter anfeindete und Universitätsbildung als korrumpierend ablehnte. Obwohl Hofstadter sie als eine Art Vorläuferin der Erweckungsbewegungen des 19.Jahrhunderts sieht, spielen Frauen in seiner Auseinandersetzung mit den Erweckungsbewegungen keine weitere Rolle. Geschlecht und Sexualität erwähnt Hofstadter erst wieder in Zusammenhang mit dem Ende des 19.Jahrhunderts aufkommenden religiösen Fundamentalismus, der Sexualität zu unterdrücken suchte. Er meint kurz dazu, dass Fundamentalisten ge18 Ebd. 19 Vgl. Braude 1997, 96, Pasture 2012, 13; Brown 2001, 59. 20 Vgl. Braude 1997, 99–100; siehe auch McLeod 2000, 216–247. Für eine ausführlichere Zusammenfassung der Diskussion zur Feminisierungsthese siehe Pasture 2012.
48 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker radezu Angst vor Sexualität in jeglicher Form gehabt hätten.21 Marilyn French kritisierte diese Sichtweise und argumentierte, hier übersehe Hofstadter, dass fundamentalistische Kontrolle von Sexualität auf die Unterwerfung von sich zunehmend emanzipierenden Frauen abgezielt habe. Anhand einer Untersuchung fundamentalistischer Rhetorik zu weiblicher Sexualität und zu Frauenbewegungen schließt sie auf das Bestreben religiöser Fundamentalisten, männliche Dominanz in Politik und religiös-moralischen Angelegenheiten zu zementieren.22 French sah Frauen als Opfer innerhalb von antiintellektuellen Bewegungen, da diese die hegemoniale Macht von Männern stärke. Genau diese Frage, ob Frauen, da sie als antiintellektuell definiert werden, in antiintellektuellen Bewegungen (Erweckungsreligion, Sentimentalismus und Fundamentalismus) partizipierten bzw. Antiintellektualismus zur Stärkung der eigenen Position instrumentalisierten, und inwieweit sie damit die Hegemonie des Patriarchats unterstützen, dominiert in den letzten Jahren die Diskussion zu Frauen und Intellektualismus.23 Arbeiten wie die von Mary Wearn McCartin zeigen jedoch auf, dass die Verortung von Frauen in antiintellektuellen Diskursen komplexer und nicht notwendiger Weise eindimensional zu sehen ist. So könnten sie ihre antiintellektuelle Positionierung sowohl zur Teilhabe an ihnen sonst verschlossenen gesellschaftlichen Räumen und Debatten nutzen, als auch intellektuelle Positionen einnehmen. McCartin illustriert in Nineteenth-Century American Women Write Religion, wie Frauen innerhalb religiöser Bewegungen stark affektive Rhetorik nutzten, um theologische Doktrinen und Theorien in hoch intellektuellen Diskursen zu hinterfragen.24 3. Frauen und (Anti-)Intellektualismusdiskurse im ausgehenden 19.Jahrhundert: Rebecca Harding Davis und Eliza Frances Andrews McCartins Arbeit scheint wegweisend für eine nuancierte Debatte darüber, wie sich Frauen als antiintellektuell verstanden, verhielten und positionierten und welche aktive Rolle sie in Antiintellektualismusströmungen einnahmen. Es stellt sich vor allem die Frage, wie eine gesellschaftliche Gruppe, der Intellekt abgesprochen wurde bzw. für die intellektuelles Bestreben und Können als unnatürlich galt, sich überhaupt in antiintellektuellen Debatten positionieren konnte. Um dieser Schlagrichtung einen weiteren Impuls zu geben, wird im Folgenden untersucht, wie sich zwei weiße intellektuelle Frauen im ausgehenden 19.Jahrhundert zum Thema äußerten. Hier sei nochmals angemerkt, dass sich die Debatte zu Frauen und Intellektualismus in der Regel auf weiße Frauen bezog bzw. keine Differenzierung vorgenommen 21 Hofstadter 1963, 119. 22 French 1992, 51–66. 23 Vgl. Samuel 1992. 24 Vgl. McCartin 2014.
Nitz: Frauen in der Debatte um Antiintellektualismus in den USA | 49 wurde. Die referierten Beispiele lassen klar auf Weißsein als unartikulierte Norm schließen. Für schwarze Frauen und Women of Color potenzierte sich die Problematik. Künftig müssten hierzu separate bzw. komplexere Studien durchgeführt werden, die intersektionale Formen der Abschreibung intellektueller Fähigkeiten berücksichtigten. In diesem Beitrag stehen die autobiographischen Texte von zwei weißen Frauen im Fokus, die sich auch zu ehemals versklavten Frauen positionieren und die Perspektive damit öffnen. Bei den Texten handelt es sich um die kulturelle Autobiographie Bits of Gossip (1904) von Rebecca Harding Davis (1831–1910) und um das 1908 publizierte Bürgerkriegstagebuch The War-Time Journal of a Georgia Girl, 1864–1865, von Eliza Frances Andrews (1840–1931). Beide Texte verbindet der intellektuelle Status der Autorinnen als Schriftstellerinnen und im Falle von Andrews auch Naturwissenschaftlerin, das Genre des Life Writing im weiteren Sinne und die direkte Verhandlung von Intellektualität, (Welt-)Wissen und Bildung. Autobiographisches Schreiben von Frauen im langen 19.Jahrhundert entsprach nicht dem gängigen Kodex amerikanischer Weiblichkeit, der eine öffentliche Selbstinszenierung nicht vorsah. Deshalb griffen Frauen häufig zu Alternativen, indem sie quasi eine Beobachter-bzw. Zeitzeugenrolle für sich deklarierten und ihre Selbstdarstellungen legitimierten. Davis proklamiert in den eröffnenden Kommentaren zu Bits of Gossip, dass es ihr um erlebte Zeitgeschichte gehe. Andrews betont im Vorwort zum Tagebuch, dass sie einen Beitrag zur Gesellschaftsgeschichte des Südens leisten wolle.25 Davis und Andrews publizierten autobiographische Texte mit der Intention, ein breites Publikum zu erreichen. Es ist davon auszugehen, dass hier Gedanken propagiert werden, die öffentlich verhandelbar waren. Dies ist gleichzeitig Hauptaugenmerk der Untersuchungen, nämlich die öffentlichkeitswirksame Verhandlung von Intellektualismus und Antiintellektualismus durch Frauen und in Bezug auf Frauen um die Jahrhundertwende. Die Untersuchungsperiode liegt im sogenannten Gilded Age am Übergang zur Progressiven Ära. Damit handelt es sich nach Hofstadter um eine Phase des Übergangs vom Antiintellektualismus des industriellen Zeitalters zur Expertenkultur des frühen 20.Jahrhunderts.26 Es soll entsprechend untersucht werden, inwieweit sich die Einstellungen der zwei Autorinnen zu Intellektuellen in diese Tradition einordnen lassen. Die Auswahl bleibt letztlich stichprobenhaft und erhebt keinen Anspruch auf repräsentative Generalisierungen, gleichwohl zeigt sie einen klaren noch zu beschreibenden Trend dahingehend, wie Frauen antiintellektuelle Debatten zur Einschreibung in die intellektuelle Elite nutzten. 25 Davis 1904, 21; Andrews 1908, 3. 26 Vgl. Hofstadter 1963, 197–229.
56 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker keine Ahnung von Menschen afrikanischen Ursprungs hätten. Der Diskurs der »Rassenexpertise« fußte klar auf einer epistemologischen Dichotomie von theoretischen Abstraktionen der Nordstaatler im Kontrast zu Alltagserfahrungen von Südstaatlern. Als Beweis für ein Versagen von Nordstaatenideologien und -theorien wurde dabei die von Nordstaaten politisch kontrollierte Rekonstruktionsperiode herangezogen, die von Rassenunruhen und politischem Chaos geprägt gewesen sei. Genau dieser Geschichtsverklärung schloss Andrews sich mit ihrer Tagebuchveröffentlichung an, in der sie über Paratexte in Form von Vor-und Nachwort sowie Fußnoten Anspruch auf »Rassenexpertise« erhebt. So heißt es: »These events [Machtübernahme durch Nordstaatler, Sklavenemanzipation, JN] mark the beginning of that deplorable succession of blunders and outrages that has bequeathed us the most terrible legacy of the war – the race problem; a problem which, unless the common sense of the nation shall awaken, and that right early, to the simple fact that a horse and an ox, or an elephant and an antelope, cannot pull together in the same harness, will settle itself before another generation has passed in a tragedy compared with which the tragedy of the Civil War was child’s play.« 46 In diesem Kommentar zu dem Teil des Tagebuchs, welcher die direkte Nachkriegszeit behandelt, betont Andrews, dass sie sich nicht für die folgenden Passagen voller Groll und Entrüstung gegen Nordstaatler entschuldigen werde, da sie diese Emotionen für berechtigte Reaktionen halte. Die Tagebucheinträge sind gefüllt mit Anekdoten dazu, wie gewinnsüchtige Yankees einfältige Schwarze korrumpiert haben sollen und Nordstaatler gegenüber Schwarzen Gewalt anwenden. Demgegenüber betont Andrews, wie die ehemaligen Versklaver dem Chaos und Elend mitleidig und hilflos gegenübergestanden hätten, und erläutert szenisch die scheinbar (essentialistische) Natur von ehemals Versklavten. Sie beklagt die Unfähigkeit ehemaliger Versklaver, sich weiter um diese zu kümmern. Stattdessen sähen sie zu, wie ihre ehemaligen Schutzbefohlenen verrohten und verkämen, da sie mit der neu gewonnenen Freiheit und Gleichstellung nicht umgehen könnten. Sie erwartet, dass die Nation endlich den gesunden Menschenverstand einschalte und erkenne, dass Schwarze und Weiße nicht gleich seien, um eine gesellschaftliche Katastrophe zu verhindern. Sie illustriert den Unterschied zwischen »schwarzen« und »weißen« Menschen auf verstörende Weise als Pferd und Ochse oder Antilope und Elefant, also quasi als eine Spezies, die unterschiedlich zu behandeln seien. Andrews markiert sich selbst als Expertin in dieser Angelegenheit und verurteilt jene, die sie ganz ähnlich wie Rebecca Harding Davis als »neue Propheten« und »Neuengland Apostel«47 bezeichnet. Sie meint hier jedoch Personen wie Wendell Philipps und William Lloyd Garrison, die sich für die Rechte von Schwarzen einsetzten. Sie sind in den Augen 46 Andrews 1908, 336. 47 Ebd., 337.
Nitz: Frauen in der Debatte um Antiintellektualismus in den USA | 57 von Andrews ignorante Träumer, sie selbst hingegen sei eine Art Anthropologin, die dem Leser die Natur der Schwarzen zu erklären suche, wie aus folgender Passage eindrücklich ersichtlich ist: »The apostles of freedom are doing their best to make them [ehemalige Versklavte] insolent and discontented, and after a while, I suppose, they will succeed in making them thoroughly unmanageable, but come what will, I don’t think I can ever cherish any very hard feelings towards the poor, ignorant blacks. They are like grown up children turned adrift in the world. The negro is something like the Irishman in his blundering good nature, his impulsiveness and improvidence, and he is like a child in having always had some one [sic] to think and act for him. Poor creatures, I shudder to think of what they must suffer in the future, and of what they are going to make this whole country suffer before we are done with them.« 48 Wie Davis verurteilt Andrews die Abolitionisten für deren Weltfremdheit, geht aber noch ein Stück weiter und behauptet, dass sie damit das Land ins Chaos stürzten. Ganz in der Manier von Davis nimmt Andrews eine Kategorisierung von Menschentypen vor, aber nicht als eine Art Bestandsaufnahme, sondern mit dem klaren Ziel der Hierarchisierung. Davis und Andrews legitimieren ihre Sichtweisen durch erlebte Erfahrung und instrumentalisieren Insiderwissen, um sich selbst eine öffentliche Stimme zu geben. Die einander ähnlichen Strategien dienen jedoch anderen Zielen. Davis schließt ihre kulturelle Autobiographie mit einem Aufruf zum friedlichen Miteinander, das keine Partei-oder Rassenzugehörigkeit kennt: »I used to like or dislike them as Democrats or Republicans, whites, Indians or negroes, criminals or Christians. Now I only see men and women […] the desperate struggle of each one, day by day, to be clean and decent and true.« 49 Andrews hingegen reiht sich in die Südstaatenerinnerungskultur ein, die sich in fiktionalen und nichtfiktionalen Schriften als «Rassenexpert*innen« zu stilisieren suchte und ganz klar theoretische Reformgedanken gegen praktische Erfahrungen stellte. Das »Grand Narrative« der Südstaaten zu »Rassenexpertise« stellt Erfahrung (Empirie) gegen Theorie und erlaubte Elitesüdstaatenfrauen Teilhabe am öffentlichen Diskurs und damit die Einschreibung in das nationale Narrativ der Geburt der Nation nach dem Bürgerkrieg. Gleichzeitig stilisiert sich Andrews in ihren Begleittexten als intellektuelle Frau, die historische Verläufe wissenschaftlich zu beurteilen verstehe. So sei der alte feudale Süden keine Monstrosität, sondern »a case of belated survival« gewesen, der nun vom modernen Industriesystem abgelöst würde, das Lohnsklaverei profitabler als »chattel slavery« gemacht hätte.50 Neben sozialdarwinistischen und marxistischen Erklärungsmustern zieht Andrews 48 Ebd., 340. 49 Davis 1904, 129–130. 50 Andrews 1904, 11.
58 | Antiintellektualismus. Ein unwahrscheinlicher Klassiker zusätzlich literarische Präzedenzfälle bzw. Einschätzungen heran, um ihre breite Bildung und ihren Intellekt öffentlich zur Schau zu stellen. So schließt sie ihre einleitenden Ausführungen mit einem Zitat von Alfred Lord Tennysons Locksley Hall (1842), einem Gedicht, welches einen kontinuierlichen natürlichen Fortschritt der Menschheit impliziert.51 6. Fazit: Antiintellektuelle intellektuelle Frauen Die autobiographischen Schriften von Andrews und Davis beinhalten antiintellektuelle Tendenzen, die die Ausführungen von Hofstadter und Rigney, aber auch von Welter und Kerber um signifikante Nuancen erweitern. Sie sind antiintellektuell in dem Sinne, dass sie Intellektuelle als versnobt, abgehoben, arrogant und nicht vertrauenswürdig bis hin zu gefährlich (Andrews) verurteilen. Sie sehen Intellektuelle als übersensibel, verkopfte Realitätsfremde ohne Draht zum Volk. 52 Im Gegensatz zu den Annahmen von Hofstadter, Rigney, Welter und anderen verstehen sich die Autorinnen nicht als per se antiintellektuell. Sehr wohl schreiben sie Frauen die typischen Attribute des viktorianischen Frauenbilds zu (Gefühl, Herz, Intuition, moralisch-religiöses Bewusstsein), jedoch setzten sie diese Eigenschaften neben einen ausgeprägten Intellekt. Sie reihen sich weder in die Sentimentalismustradition noch in die »Republican Motherhood«-Ideologie ein, sondern insinuieren, dass Frauen letztlich die besseren Intellektuellen seien, da sie Verstand, Intuition und Herz vereinten. Wenn Männern wie Wendell Holmes von Davis also weibliche Attribute zugeschrieben werden, so geschieht dies nicht im Sinne der Markierung von Intellektuellen als weibisch verweichlicht, sondern als Wertschätzung. Hofstadter ist dahingehend zuzustimmen, dass sich im Übergang vom Gilded Age zur Progressiven Ära ein Wandel weg von einer Intellektuellenkultur hin zum Expertentum vollzieht. Davis und Andrews propagieren die Annahme, dass weltliche Erfahrungen, Intuition und Common Sense legitimes Wissen darstellen. Allerdings votieren sie für eine Kombination aus Theorie und Praxis, aber nicht notwendigerweise im Sinne des unreflektierten Instrumentalismus, sondern um eine solide epistemologische Basis zu schaffen und um eine gesellschaftspolitische Legitimierung herzustellen. Es handelt sich bei Davis und Andrews also nicht in erster Linie um reaktionären Antiintellektualismus zur Untermauerung männlicher Hegemonie, wie ihn Ann Douglass in The Feminization of American Culture konstatiert. Es wird nicht weiblicher Affekt gegen männlichen Rationalismus gestellt, sondern weiblicher gegen männlichen Intellekt. Die Schriften sind Ausdruck weiblichen Intellekts und weiblicher Subjektivität, sie sind geprägt von einem Aufruf zu gelebtem, angewandtem, bodenständigem Intellektualismus, der das Weibliche als Politisches einbezieht. 51 Für eine ausführlichere Diskussion zu Andrews’ intertextuellen Verweisen siehe Nitz 2016. 52 Vgl. Hofstadter 1963, 12.
Nitz: Frauen in der Debatte um Antiintellektualismus in den USA | 59 Die Fallstudien stützen allerdings Hofstadters Annahme, dass an der Schwelle zur Progressiven Ära Intellektualität nicht länger nur als Teil einer privilegierten Schicht angesehen wurde, sondern der Fokus stärker auf Expertenwissen lag, welches praktischen Nutzen zur Reform einer von Industriegiganten und politischen Bossen regierten Gesellschaft hatte. Moralische und religiöse Prinzipien treten wieder in den Vordergrund,53 aber im Falle von Andrews und Davis nicht antiintellektuell, sondern zur Einschreibung von Frauen in den Intellektualismus. Identifiziert werden konnte diese Tendenz sowohl für die eher konservative Südstaatlerin Andrews als auch die politisch progressive Davis, die sich als (Ver-)Mittlerin zwischen Nord und Süd verstand. Weitere geographisch diverse sowie verschiedene gesellschaftliche Gruppen einschließende Studien zur Frage, wie Frauen sich in Intellektualismusdebatten positionierten, könnten diesem Eindruck weiter nachgehen und uns ein vielschichtiges Bild der Antiintellektualismusgeschichte liefern, das auch heutigen komplexen gesellschaftlichen Phänomenen und populistischen Prägungen gerecht würde. 53 Ebd., 197–199. Bibliographie Andrews 1908 = E. F. Andrews, The War-Time Journal of a Georgia Girl, 1864–1865. New York 1908. Braude 1997 = A. Braude, Women’s History is American Religious History, in: T. A. Tweed (Hg.), Retelling U.S. Religious History, Berkeley, 1997, 87–107. Brown 2001 = G. C. Brown, The Death of Christian Britain. Understanding Secularization 1800–2000, London 2001. Davidson 1998 = C. N. Davidson. (Hg.), American Literature. A Journal of Literary History, Criticism, and Bibliography 70/3, 1998. Davidson/Hatcher 2002 = C. N. Davidson/J. Hatcher (Hgg.), No More Separate Spheres. A Next Wave American Studies Reader, Durham 2002. Davis 1904 = R. Harding Davis, Bits of Gossip, Boston 1904, Neuauflage in: J. M. Lasseter/ S. M. Harris (Hgg.), Rebecca Harding Davis, Writing Cultural Autobiography, Nashville 2001, 21–130. Douglass 1977 = A. Douglass, The Feminization of American Culture, New York 1977. French 1992 = M. French, The War Against Women, New York 1992. Hofstadter 1963 = R. Hofstadter, Anti-intellectualism in American Life, New York 1963. Kerber 1988 = L. K. Kerber, Separate Spheres, Female Worlds, Woman’s Place. The Rhetoric of Women’s History, in: The Journal of American History 75/1, 1988, 9–39. Kerber 1974 = L. K. Kerber, Daughters of Columbia. Educating Women for the Republic, 1787–1805, in: S. Elkins und E. McKitrick (Hgg.), The Hofstadter Aegis. A Memorial, New York 1974, 36–59. Kerber 1976 = L. K. Kerber, The Republican Mother. Women and the Enlightenment. An American Perspective, in: American Quarterly 28/2, 1976, 187–205. Lasseter/Harris 2001 = J. M. Lasseter/S. M. Harris, Introduction, in: J. M. Lasseter/S. M. Harris (Hgg.), Rebecca Harding Davis. Writing Cultural Autobiography, Nashville 2001, 1–19. McCartin 2014 = M. McCartin Wearn (Hg.), Nineteenthcentury American Women Write Religion. Lived Theologies and Literature, Farnham 2014. McLeod 2000 = H. McLeod, Secularization in Western Europe, 1848–1914, Basingstoke 2000. McWhorter 2000/2001 = J. McWhorter, Losing the Race. Self-Sabotage in Black America, New York 2000/2001. Nitz 2016 = J. Nitz, Byronic Heroines ad Darwinian Types. Southern Women’s (Post-) Bellum Identity Construction, in: E. Redling (Hg.), Traveling Traditions. Nineteenth-Century Cultural Concepts and Transatlantic Intellectual Networks, Berlin 2016, 171–185.
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