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Something Out of Nothing: Zur Idee und Praxis der Lyrik-Bibliothek

Pils, Holger,Jeschke, Lisa

Abstract

Aus dem Lyrik Kabinett in München, der zweitgrößten Lyrikbibliothek Europas, heraus geschrieben, bietet dieser Beitrag eine praxisorientierte…

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| 137 Holger Pils, Lisa Jeschke Something Out of Nothing Zur Idee und Praxis der Lyrik-Bibliothek Abstract 1 In Anlehnung an den Begriff der »Literatur als sozialer Praxis«, wie er in Bezug auf die Lesereihen in der freien Szene geprägt wurde – im Anspruch, einen Raum zu gestalten, der ein »Möglichkeitsraum« ist und in dem »Menschen zusammenzukommen und gemeinsam Zeit […] verbringen« (Marquardt 2022, 22 ). Written from within Lyrik Kabinett, Munich, holding the second-largest poetry library in Europe, this essay provides a practice-based perspective on how the concept of ›literature as social practice‹ can find articulation in an institutional setting. Starting with a brief overview of poetry libraries internationally, the contribution subsequently focuses in on the artist’s book and poetry holdings at Lyrik Kabinett, our user and audience engagement, and on the way we initiate contemporary poetic responses to poetic histories. The concept of social practice is thereby also given a diachronic perspective, yet one that is attentive to the significance of decanonisation as much as of canonisation. 1. Einleitung Die Lyrik-Bibliothek ist ein seltenes Phänomen. Öffentliche Lyrik-Bibliotheken (und nur von solchen Sammlungen ist hier die Rede) gibt es wenige. Dieser Artikel ist im Münchner Lyrik Kabinett entstanden, das die zweitgrößte Lyrik-Bibliothek in Europa beherbergt. Von hier aus richtet sich unser Blick auf ähnliche Institutionen. Wir fragen uns im Folgenden: Warum und wo sonst gibt es solche Orte – Bibliotheken für diese einzelne Gattung? Wie werden Lyrik-Bibliotheken gegründet und wie wachsen sie? Was bedeutet es, einen festen Ort für die Lyrik zu etablieren? Welche Art der ›Lyrik als sozialer Praxis‹ entwickelt sich ganz konkret aus einer solchen Institution und um sie herum, wie kann sie lebendig und offen bleiben? 1 In einem ersten Abschnitt, ›Lyrik-Bibliotheken‹, blicken wir vergleichend auf die Gründung der Lyrik-Bibliotheken in Chicago, Edinburgh und München. Der Abschnitt ›Wunderkabinett‹ widmet sich vor dem Hintergrund von Kuriositätenkabinetten und Wunderkammern Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2751-9821/p17 138 | POEMA 2.2024 unserer Bibliotheksund Sammlungspraxis. Mit der Nutzung dieser Bibliothek im stillen Lesen sowie den Lesungen – insgesamt also der Öffnung hin zu einem Publikum – befasst sich der Teil ›Lesekabinett‹. Schließlich beleuchtet der letzte Teil, ›Schreibkabinett‹, einige besondere Dynamiken zwischen Bibliothek und Lesung, Lyrikgeschichte und Lyrikgegenwart, Rezeption und Produktion, die in der Bibliothek des Lyrik Kabinetts möglich werden. 2 2. Lyrik-Bibliotheken Die Lyrik-Bibliothek ist ein seltenes Phänomen. International bestehen neben dem Centre international de poésie in Marseille vor allem in den USA und Großbritannien vergleichbare Institutionen: Dazu zählen unter anderem die Poetry Foundation in Chicago, Poets House in New York, die Scottish Poetry Library in Edinburgh und die National Poetry Library in London. 3 Zunächst ein Blick in die USA: Die Poetry Foundation in Chicago, die neben anderen Aktivitäten eine Bibliothek mit mehr als 30.000 Bänden unterhält, wurde als Stiftung 2003 gegründet, geht aber auf die Modern Poetry Association zurück, diese wiederum auf das Magazin Poetry, zu dessen frühen Autor:innen H. D. und T. S. Eliot zählten und das bis heute weiterbesteht. Das Magazin wurde 1912 von der Dichterin Harriet Monroe (1860–1936) ins Leben gerufen, wobei sie auf die Methode eines frühen Crowdfundings zurückgriff: With help from publisher Hobart Chatfield-Taylor, Monroe persuaded 100 prominent Chicago business leaders to sponsor her new magazine by committing to $50 a year for a five-year subscription. The $5,000 was enough to launch Poetry magazine on September 23, 1912, and uphold its promise to contributors of adequate payment for all published work. (Poetry Foundation, o. J.) Wenn Harriet Monroe als erste Gründerin betrachtet werden kann, dann war die Mäzenin Ruth Lilly (1915–2009) eine zweite, denn ihre Schenkung von 185 Millionen Dollar ermöglichte 2003 die Errichtung der Poetry Foundation im heutigen Sinn. Zuvor bestand keine feste Verbindung zwischen Ruth Lilly und der Zeitschrift, Lilly hatte einige »flowery poems« eingesandt, die von Poetry abgelehnt wurden; die Schenkung, die nicht an Bedingungen zu ihrer Verwendung geknüpft war, war also überraschend, beinahe überwältigend (vgl. Fisher 2011). Ein solches Mäzenatentum ist für die US-amerikanische Kunstund Kul2 Für hilfreiche Hinweise zum Thema danken wir Joanna Nissel, Annegret Schäffler, Wolfgang Berends und PiaElisabeth Leuschner. 3 Als wichtiger Veranstaltungsort für Lyrik im deutschsprachigen Ra um wäre zuallererst noch das Haus für Poesie in Berlin mit seinem umfangreichen Programm zu nennen; wir möchten uns hier allerdings auf die besondere Bedeutung von Lyrik-Bibliotheken konzentrieren. Eine weitere Lyrik-Bibliothek besteht in Leipzig (Leipziger Lyrikbibliothek) als Teilbestand der Stadtbibliothek (etwa 7.500 Medien). Pils, Jeschke: Something Out of Nothing | 139 tursowie Bibliothekslandschaft nicht ungewöhnlich, die sich in viel größerem Maße aus privaten Zuwendungen speist als die oft staatlich geförderte europäische Kulturlandschaft (in beiden Fällen und ihren vielfältigen Ausprägungen sind immer mögliche Abhängigkeiten im Blick zu behalten), ungewöhnlich ist aber in diesem Fall die so umfassende Hinwendung zur Lyrik und insbesondere auch zur Gegenwartslyrik. Die Scottish Poetry Library präsentiert ihre Gründungsgeschichte in einer Selbstdarstellung wie folgt: The story of how the SPL came to such a position starts when it was just an idea in the mind of its founder, Tessa Ransford. As a practising poet, and having recently set up the School of Poets in Edinburgh, she felt that a much greater audience for poetry existed than was apparent, but without a central forum there was no way for people to express their interest – poetry needed a place of its own. (Scottish Poetry Library, A brief history, o. S.) In diesem Fall ging die Initiative von einer stärker etablierten Dichterin aus, Tessa Ransford (1938–2015). Interessant an der Selbstdarstellung der Scottish Poetry Library ist, dass Ausgangspunkt für die Gründung der Bibliothek nicht vorrangig die Funktion der Speicherung war. Die Bibliothek wurde vielmehr als Antwort auf die Suche nach einem »zentralen Forum« für ein interessiertes Publikum gesehen. Während im Fall der Poetry Foundation eine Mäzenin eine schon bestehende Unternehmung verfestigte, formte sich im Fall der Scottish Poetry Library ausgehend von der Idee einer Einzelperson die Vereinigung Scottish Poetry Library Association, der es schließlich gelang, 1983 über den Scottish Arts Council und die Calouste Gulbenkian Foundation Mittel zur Gründung einzuwerben (Scottish Poetry Library, A brief history, o. S.). Bis heute finanziert sich die Bibliothek über eine Mischkalkulation aus öffentlichen Geldern und Zuwendungen verschiedener Stiftungen (Scottish Poetry Library, Our story). In seinem Essay The Poet’s Imaginary beschreibt der britische Dichter J. H. Prynne die Seltsamkeit des transitiven Akts, ein Gedicht zu schreiben, als »something out of nothing« und fügt hinzu: »We may call such special cases of transitive action ›creative‹« (Prynne 2013, 89). Vielleicht gilt Ähnliches auch für Lyrik-Bibliotheken. Etwas entsteht aus dem Nichts – oder, um im Fall des Münchner Lyrik Kabinetts genauer zu sein, etwas entsteht aus Mangel und Überschuss, Leerstelle und Fülle zugleich: 1989 eröffnete Ursula Haeusgen (1942–2021), Gesellschafterin eines 1949 gegründeten Münchner Maschinenbauunternehmens, die Lyrikund Künstlerbuchhandlung Lyrik Kabinett, in die sie Dichter:innen aus aller Welt zu Lesungen einlud, eine Reminiszenz an den Münchner Salon früherer Zeiten. Die Familienunternehmerin handelte aus einem Mangel – einem Mangel an Orten für Lyrik, Lyrikbände, schöne Bücher. Und sie handelte aus einem Überschuss – einem Überschuss an Freude an der Sache, an den Büchern, an den Lesungen; sie tat es mit risikofreudigem Geist. Die überschwängliche Ansage: Die erste Adresse des Lyrik Kabinetts war die Ma- 140 | POEMA 2.2024 ximilianstraße, wirklich eine erste Adresse auf Münchens Prachtstraße. Allerdings konnte die Buchhandlung dem Druck des Marktes nicht standhalten. Gerade dieser Rückschlag brachte die weitergehende Entwicklung hervor: 1994 wurde die Buchhandlung geschlossen und der Bestand dem neu gegründeten Verein Lyrik Kabinett geschenkt, der zunächst am Institut für Komparatistik der Ludwig-Maximilians-Universität eine Präsenzbibliothek unterhielt und die Lesungsaktivitäten fortsetzte. 2003 wiederum gründete Ursula Haeusgen die Stiftung Lyrik Kabinett, der bis dahin tragende Verein wurde zum Freundeskreis. Die heute gut 350 Mitglieder des Freundeskreises erhalten für einen relativ geringen Jahresbeitrag freien Eintritt zu den Veranstaltungen und bilden einen festen sozialen Zirkel, der das Haus aktiv und passiv unterstützt. Gedichte sind das Band – auch hier: ›Lyrik als soziale Praxis‹. Ein Gremium, das dem Haus zur Seite steht, ist das fachlich besetzte Kuratorium mit beratender Funktion; unter den aktuell zwölf Kuratoriumsmitgliedern sind unter anderem Literaturwissenschaftler:innen, Autor:innen und Vertreter:innen vergleichbarer Institutionen, so dass ein regelmäßiger Außenblick und inhaltlicher Austausch gewährleistet sind. Seit 2005 ist die Bibliothek in einem eigenen Gebäude auf dem Gelände der Universität in der Amalienstraße untergebracht, die Bestände sind über den OPAC der Universitätsbibliothek und einen eigenen elektronischen Katalog erschlossen. Die Bibliothek des Lyrik Kabinetts verfügt mittlerweile über mehr als 70.000 Medien (davon 85 Prozent Gedichtbände, zudem Sekundärliteratur und Künstlerbücher), wobei jährlich etwa 2.000 Medien hinzukommen. Die Finanzierung erfolgt hauptsächlich durch Erträge aus dem Stiftungskapital; nach dreißigjähriger privater Vorleistung ist jüngst eine institutionelle Förderung durch die Landeshauptstadt München und den Freistaat Bayern hinzugekommen – eine große Wertschätzung von öffentlicher Seite. Dazu bleibt eine Vielzahl von Spenden und Zuwendungen privater und öffentlicher Herkunft für Projekte wichtig. Die Stiftung verfolgt ihren Stiftungszweck durch Aktivitäten in vier Bereichen – Bibliothek, Lesungen, die Publikation eigener Bücher, Bildung. Neben den Mitarbeitenden (die zusammen nicht mehr als fünf Vollzeitstellen ausfüllen) sind in verschiedenen Rollen beteiligt: der Vorstand mit Vertretung der Stifterfamilie, Kuratorium und Freundeskreis, Schreibende und Auftretende, Publikum, Bibliotheksnutzer:innen und Kooperationspartner. Über verschiedene Wege, Umwege, auch vermeintliche Rückschläge, ist ein komplexer sozialer Organismus entstanden. Auffällig an der doppelten Gründungsund Stiftungsgeschichte von Harriet Monroe bis zu Ruth Lilly im Falle der Poetry Foundation sowie an den Gründungen der Scottish Poetry Library und des Lyrik Kabinetts ist, dass es sich um eine Geschichte von Frauen als Akteurinnen und Entrepreneurinnen im institutionalisierten Literaturbereich handelt, eine Geschichte ihrer wagemutigen Initiative (Gründungsidee), ihrer Möglichkeiten (Finanzierung), Pils, Jeschke: Something Out of Nothing | 141 aber auch der Folge ihrer Zurücksetzung (»flowery poems«). 4 Zugleich wird aber an allen drei Beispielen sichtbar, dass das jeweils besondere persönliche Engagement ein Netzwerk finden und begründen muss. Eine Gründung kann niemals von einer Person dauerhaft allein getragen werden, sondern es entsteht ein komplexes, funktional ausdifferenziertes Gewebe nach innen und außen. Sowohl bei der Gründung als auch bei der Weiterführung dieser Ly rik-Bibliotheken handelt es sich also auch um einen kollektiven Akt, um eine – soziologisch differenzierte – soziale Praxis. Die Gründungsgeschichte lebt dabei immer in der Gegenwart fort und bestimmt die Praxis auf je eigene Weise. Für das aus privatem, bürgerschaftlichem Engagement entstandene Lyrik Kabinett bedeutet das charakteristischerweise: kuratorische Freiheit und Gelassenheit im Geltenlassen verschiedener Ästhetiken, Stile, Temperamente; und bei aller Institutionalisierung: Unabhängigkeit und immer noch ein bisschen ›freie Szene‹. 3. Wunderkabinett Die Lyrik-Bibliothek ist ein seltenes Phänomen. Sie ist etwas Besonderes, Wundersames, ein Wunderkabinett. Wer hierher kommt, wundert sich über die pure Existenz des Ortes und sodann über all die Dinge (nicht nur Bücher). Der von Ursula Haeusgen geschaffene Name – Lyrik Kabinett – lässt einen Bezug zu den Kuriositätenkabinetten beziehungsweise Wunderkammern der frühen Neuzeit aufscheinen, 5 ohne dass eine solche Assoziation intendiert sein müsste. Der Begriff spielt somit auf ein Kunstund Sammlungsverständnis vor seiner Verbürgerlichung und Systematisierung im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert an, das sich insbesondere in den Künstlerbuchbeständen des Lyrik Kabinetts, dem durchgehenden Interesse für die Rarität, für das wunderliche Einzelstück, 6 sowie in einer heterogenen Fülle der überall präsenten Kunstwerke ausdrückt. 7 Dennoch ist dies 4 Als ähnliche Gründung einer gattungsspezifischen Bibliothek durch eine Frau wäre die Internationale Jugendbibliothek zu nennen, die 1949 von Jella Lepman in München gegründet wurde, über eine weltweit einzigartige Sammlung verfügt und heute ebenfalls von einer Stiftung getragen wird. Vgl. hierzu Lepman (2020 [1964]). Die hier beschriebenen Gründungen können als Erweiterung einer »frauen«-Literaturgeschichte betrachtet werden, wie sie in Bers (2020) skizziert wird. 5 Im Übrigen wurden auch diese häufig von einzelnen Mäzenen gegründet: »Die Geschichte der Kuriositätenkabinette und Wunderkammern wurde in erster Linie von einigen Sammlerpersönlichkeiten des Barockzeitalters geprägt. Männer wie John Tradescant und Elias Ashmole in Oxford, Manfredo Settala in Mailand, Ulisse Aldrovandi und Ferdinando Cospi in Bologna, Père Molinet in Paris, Nicolas Peiresc in Aix-en-Provence, Ole Worm in Kopenhagen, Leonard Fuchs und Conrad Gesner in Basel beziehungsweise Zürich traten für einige Augenblicke aus den versteckten Winkeln der Geschichte hervor und bildeten eine geheimnisvolle, vom Nebel verhüllte Prozession mit einer Unzahl verschiedenster Objekte im Gepäck« (Mauriès 2002, 7). 6 »Erst in den Kunstkammern der Renaissance und des Barock gewann die ›Rarität‹, das Unikat, das seltene oder einmalige Exemplar ein tragendes Gewicht […]« (Macho 2000, 66). 7 Die Wunderkammer war »oft ziemlich vollgestellt« (Mauriès 2002, 50). Das heutige Gebäude des Lyrik Kabinetts ist zwar architektonisch zeitgenössisch gestaltet, mit klaren Linien und glatten Flächen, aber auf eine überbordende Art mit Kunstwerken gefüllt, die den White-Cube-Ästhetiken vieler zeitgenössischer Museen entgegenläuft. Zu einer Kritik des White Cubes, vgl. O’Doherty (1999 [1976]). 142 | POEMA 2.2024 keine frühneuzeitliche Wunderkammer: Denn während die Wunderkammer noch eine Art Miniaturuniversum im Ganzen konstruierte, »Naturalia (Tiere, Pflanzen, Mineralien), Mirabilia und Artificiala« nebeneinanderstellte (Macho 2000, 66), setzt das Lyrik Kabinett mit dem Fokus auf Lyrik auf eine starke Spezialisierung. Das entspricht der mit der Aufklärung einsetzenden Differenzierung verschiedener Wissensund Kunstfelder, die gerade dazu beitrug, Kuriositätenkabinette und Wunderkammern abzuschaffen und ins institutionalisierte Museumswesen zu überführen. Zur noch spezialisierteren Definition von Lyrik trug nach Cunningham im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts paradoxerweise gerade die romantische Begrifflichkeit der »progressiven Universalpoesie« bei, die den Roman als offenere Form favorisierte und damit der Lyrik mit ihrer gebundenen Sprache eine Sonderrolle zuweisen sollte. 8 Im Sinne dieser Geschichte ließe sich feststellen, dass gerade das stark Spezialisierte und die kommerzielle Marginalisierung die Lyrik wiederum zu einer Gattung werden lassen, deren Artefakte (Gedichte, Sprachgebilde, ausgefallen gestaltete Bücher) an die ›Wunderlichkeit‹ des besonderen Einzelstücks erinnern: Hier finden das frühneuzeitliche Kuriositätenkabinett und die post-aufklärerische Spezialisierung ihre Synthese. Das Sortiment des zuerst als Buchhandlung gegründeten Lyrik Kabinetts bestand neben den aktuell lieferbaren Gedichtbänden aus antiquarischen und bibliophilen Bänden sowie aus Künstlerbüchern. Zur Bekanntmachung des Raritätenund Künstlerbuchbestands wurde 1990 ein erster Katalog – im Taschenbuchformat, circa A5 – veröffentlicht. Im Vorwort von Ursula Haeusgen heißt es: Mit diesem ersten Katalog stellt sich das Lyrik Kabinett München vor: er will Ihnen einen Überblick über die Art der Bücher geben, die wir führen, und einen Eindruck vermitteln von der Vielfalt gerade auch zeitgenössischer Buchkunst und Buchgestaltung. Der Katalog ist natürlich nur eine Auswahl unserer Bestände, vor allem wurden die normal lieferbaren Titel der modernen Poesie für zukünftige Listen aufgespart. Wir haben auch bewußt darauf verzichtet, die Bücher in einzelne Gruppen einzuordnen; das Zusammengehen von billigem und teuerem Buch, von unscheinbarer Erstausgabe und kostbarem Künstlerbuch, von alten und neuen Autoren schien uns gerade beim erstenmal besonders anregend und vielleicht allzu festgelegten Interessen entgegenwirkend. (Lyrik Kabinett 1990, o. S.; kursiv im Original) Es folgt, in Schreibmaschinenschrift, eine nummerierte, alphabetisch geordnete Auflistung von insgesamt 1.097 Bänden. Die genannten Bände sind jeweils preislich ausgezeichnet, 8 Vgl. Cunningham (2016, insb. 24), wo er mit Bezug auf Raymond Williams’ Keywords auch auf den Zusammenhang zwischen einer Verengung des Poesiebegriffs und Erweiterung des Literaturbegriffs verweist: »As Raymond Williams notes in Keywords, […] it is ›probable‹ that the broadly contemporaneous ›specialization of poetry to verse, together with the increasing importance of prose forms such as the novel, made literature the most available general word‹.« Pils, Jeschke: Something Out of Nothing | 143 wobei viele der Bücher bei mindestens 70 oder 80 Mark liegen, oft auch im Bereich von mehreren hundert oder sogar tausend Mark. Sowohl die ersten als auch die letzten Seiten des Katalogs sind der Abbildung ausgewählter Künstlerbücher gewidmet – vorne im Farbdruck, hinten in Schwarzweiß. Dieses hochwertige, bibliophile Sortiment bedeutete neben der Lyrik eine zweite inhaltliche und, mit Blick auf den Markt, korrigierende Schwerpunktsetzung: So wie die Lyrik auf dem Buchmarkt eine Randstellung einnimmt, nimmt auch das Künstlerbuch auf dem Kunstmarkt eine solche Position ein. Darüber hinaus sollte, so die Kalkulation mit Blick auf das Ladengeschäft, der Verkauf hochpreisiger Künstlerbücher das durch geringe Margen und niedrige Preise wenig einträgliche Geschäft mit den Lyrikbänden querfinanzieren. Tatsächlich ging das Konzept nicht auf. Insofern aus der Buchhandlung eine für jedermann nutzbare Bibliothek wurde, ließe sich von einer Demokratisierung des Zugangs sprechen, denn der Bestand umfasste (und umfasst weiterhin) eine große Zahl sehr seltener Künstlerbücher und Buchkunstobjekte. Über das Vorgehen der Buchhandlung bei den erwähnten »normal lieferbaren Titeln der modernen Poesie«, also das Bestücken der Regale mit Lyrik-Bänden, berichtete Ursula Haeusgen gern, wie sie das gedruckte »Verzeichnis lieferbarer Bücher« durchgegangen sei und überall dort ein Kreuz gemacht habe, wo »Gedichte« gestanden habe. Dieser Zugang ist systematisch, aber auch sehr persönlich, wir sehen vor uns eine Person mit dem Stift in der Hand, und deutet auf die Fragilität jeder Gattungszuordnung hin: Eine Minimalanforderung des Gedichts kann die Selbstbezeichnung als Gedicht sein. Für die heutige, durch bibliothekarisch ausgebildete Mitarbeitende betreute Bibliothek besteht zwar ein systematischerer und möglichst repräsentativer (dabei nach Sprachen je unterschiedlicher) Sammlungsanspruch, aber auch heute müssen wir in der Praxis mit dieser Fragilität umgehen, kuratorische Setzungen vornehmen, auf Erfahrungswissen und verschiedenste Informationsmaterialien und -kanäle vertrauen. Wie geht das vor sich? Die Frage lässt sich, dem Alltag abgeschaut, nur kursorisch beantworten. Etwa so: Die Verlage schicken ihre Vorschauen. Wir bekommen Hinweise der Presseabteilungen, sprechen mit Autor:innen, Übersetzer:innen, Literaturwissenschaftler:innen, Herausgeber:innen. Eine Werkedition informiert über frühere Ausgaben, bibliophile, illustrierte Drucke in kleinen oder kleinsten Auflagen – die müssen doch aufzutreiben sein. Zu einer Lesung kommen Gäste aus Osteuropa und bringen ihre Bände mit; wir müssen sie fragen, welches die wichtigsten, nicht übersetzten gegenwärtigen Stimmen in Litauen, Albanien und der Ukraine sind, und versuchen, die Bände zu bekommen. Es kommen viele Vorschläge für unsere eigene Publikationsreihe Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, häufig von Übersetzer:innen. Diese können wir unmöglich alle realisieren, aber wir bestellen oft die vorgeschlagenen Bände in der Originalsprache für die Bibliothek. Wir sehen uns die Programme von Lyrikfestivals an – sowohl etablierter Festivals als auch der freien Szene – und bestellen auch hier; desgleichen die Autor:innen auf Lyrik-Portalen und die Listen internationaler Lyrik-Preise. Dabei entdecken wir etwas Interessantes aus einem kanadischen Verlag, der auf Exil-Lyrik spezialisiert ist, da brauchen wir die ganz Reihe. Jeden Donners- 144 | POEMA 2.2024 tag kommt das Times Literary Supplement, immer mit Lyrik-Besprechungen. Das heißt pars pro toto: Wir werten Literaturzeitschriften aus, von denen wir über mehrere Dutzend für die Bibliothek abonniert haben. Es kommen Antiquariatskataloge, hier heißt es: den eigenen Bestand älterer Titel überprüfen. Und einmal im Jahr lässt sich dann noch das systematische Netz auswerfen und der DNB-Katalog nach übersehenen Lyrik-Neuerscheinungen sichten. So in etwa geht das vor sich. Gerade im Lyrikbereich besteht die schöne Schwierigkeit, dass es viele Kleinund Eigenverlage gibt, die teils in sehr kleinen Auflagen produzieren, vielleicht ohne ISBN oder ISSN, deren Lyrik-Bände oder Zeitschriften aber dennoch relevante oder interessante Interventionen darstellen; um hier Orientierung zu haben, ist ein ganz besonderes kuratorisches Erfahrungswissen erforderlich. Grundsätzlich wird im Lyrik Kabinett auch ein Augenmerk auf Objekte und Werke gelegt, die in geringer Auflage oder als Unikat existieren und anderweitig im deutschsprachigen Raum kaum gesammelt werden. Das betrifft sowohl das tendenziell hochwertige Künstlerbuch als auch das (im besten Sinne) ›trashige‹, subkulturelle Chapbook, fotokopiert und vielleicht handgetackert oder handgenäht, dessen Auflage fünfzig Exemplare nicht übersteigt und das insbesondere in der anglo-amerikanischen Lyrikszene eine wichtige Publikationsform ist. Durch eine derartige Sammlungspraxis dient eine Bibliothek nicht nur der Kanonisierung, sondern – genauso wichtig – der Dekanonisierung der Literatur, denn es handelt sich hier um Experimentelles und Punkiges, um Lyriker:innen, die möglicherweise nie in Literaturgeschichten oder auf Listen internationaler LyrikPreise auftauchen werden und das vielleicht auch nicht anstreben oder sogar ablehnen, nur sehr eingeschränkt von Universitätsbibliotheken angekauft werden, nicht die richtigen Agenturen oder Netzwerke haben, teils marginalisierten Hintergrund haben, teils jung sind – auch hier sind die Szenen vielfältig. 9 Das Ergebnis lässt sich anschauen und anfassen, an den Regalen entlang abschreiten; es lassen sich dabei Bücher und Gedichte entdecken, nach denen man nicht gesucht hat. Eine Sammlung, die kontinuierlich weitergeführt wird, ist als solche lebendig – jeder weitere hinzugefügte Band beeinflusst die Vernetzungslinien, die Gesamtkonfiguration. Der elektronische Katalog mit seiner Tiefenerschließung auch von Anthologien und Zeitschriften macht solche Zusammenhänge sichtbar. Dabei soll aber keine inhärente Lebendigkeit der Objekte überbetont werden; die Lebendigkeit geht immer von menschlichen Handlungen aus, einerseits im Sinne der Handlungen der Mitarbeitenden (Kuration, bibliothekarische Erschließung), andererseits im Sinne der Nutzung. Um die Menschen, die unser Haus besuchen, geht es im nächsten Abschnitt. 9 Zu Debatten bezüglich (De-)Kanonisierung in der Bibliothekspraxis, vgl. Rapp (2013). Pils, Jeschke: Something Out of Nothing | 145 4. Lesekabinett Die Lyrik-Bibliothek ist ein seltenes Phänomen. Verschiedenste Nutzer:innen kommen mit den unterschiedlichsten, auch ausgefallenen Anliegen in unsere Bibliothek. Wer nutzt die Bibliothek? Die Frage lässt sich wiederum, dem Alltag abgeschaut, nur kursorisch beantworten: Studentinnen bereiten sich auf ihre Staatsexamensprüfung in der Lyrikanalyse vor. Ein Lyriker recherchiert in Werken anderer Dichter:innen zum Thema ›Deutschsein‹, um seine eigene Position besser verorten zu können. Der Pressesprecher des Landesamtes für Umweltschutz recherchiert im deutschsprachigen Bestand nach Gedichten rund um das Thema ›Wasser‹, um eine Anthologie zusammenzustellen. Ein Audioverlag benötigt einzelne Gedichte, um das Hörbuch für einen Jubilar abzuschließen. Ein Rundfunk-Journalist sucht schnellstmöglich Gedichte einer amerikanischen Lyrikerin, die überraschend mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Ein Student nutzt den Bibliotheksbestand, um endlich seine Abschlussarbeit fertigzustellen. Eine Übersetzerin sucht nach bereits ins Deutsche übersetzten Gedichten aus dem Hebräischen. Eine ältere Dame stellt Gedichte für ihren kirchlichen Lesekreis zusammen. Ein Literaturwissenschaftler recherchiert verstreute Gedichtabdrucke eines Lyrikers für eine Gesamtausgabe. Eine Lesungsbesucherin möchte in dem am Vorabend vorgestellten Lyrik-Band Gedichte nachlesen. Ein Mitglied des Freundeskreises kommt, um den Audiomitschnitt einer Lesung aus dem Jahr 2017 nachzuhören. Schülergruppen machen im Rahmen pädagogischer Workshops eine Schnitzeljagd und durchstöbern die Regale. Einer schreibt seinen zweiten Roman. Ein anderer liest jeden Tag die Süddeutsche Zeitung und die FAZ. Nutzer:innen sind schließlich wir, die Mitarbeitenden, selbst. Selbst wenn die universitäre Nutzergruppe besonders stark vertreten ist, verstehen wir uns als offene Bibliothek für verschiedenste Interessenten und auf verschiedensten Ebenen: Insbesondere wird für die Nutzung des Präsenzbestands (eine Ausleihe ist nicht möglich) kein Nutzerausweis benötigt; man kann hier anonym lesen, dabei einen Kaffee trinken; eine Bestandsnutzung wird zum Arbeiten in unserem Lesesaal nicht vorausgesetzt. Man kann auch einen Roman schreiben oder einfach die Zeitung lesen. Das entspricht der zunehmenden Bedeutung von Bibliotheken als ›Dritte Orte‹. An den Abenden mit Lesungen – in der Regel einmal wöchentlich – wird der Lesesaal zum Veranstaltungssaal, zum Lesungsort. Ein im Hinterhof versteckter Ort der Ruhe und Sammlung 10 wird zum Ort der Versammlung, des Zusammenkommens. Statt Tischgruppen stehen im Saal nun Stuhlreihen, auf einer kleinen Bühne sind Tische und Mikrofone positioniert, vor dem Hintergrund eines theatral rahmenden roten Vorgangs. Im Küchenbereich, der wie die Regalreihen und der Lesesaal Teil eines offenen Raumkonzepts ist – es trennen je nur Teilwände bestimmte Raumpartien ab – warten Wein und Brot auf den informellen 10 Einen Eindruck der Raumkonzeption bietet bspw. folgendes Video auf dem Youtube-Kanal des Lyrik Kabinetts, https://www.youtube.com/watch?v=UV3kohvJ8WQ (29. November 2023).