scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Was sind literarische Praktiken?

Gittel, Benjamin

Abstract

Vor dem Hintergrund eines Booms praxeologischer Forschungsansätze in den Sozial- und Textwissenschaften wird versucht, (a) einschlägige Begriffe…

Full text

| 17 Benjamin Gittel Was sind literarische Praktiken?1 Abstract 1 Bei dem vorliegenden Beitrag handelt es sich um eine erheblich gekürzte Fassung des ersten Kapitels aus Gittel 2021. 2 Zuweilen wird diese Erwartung sogar explizit zurückgewiesen: »In dieser von Bourdieu entwickelten Orientierung bemühen sich praxistheoretische Perspektiven also nicht etwa ›positiv‹ um die Beantwortung der (im Grunde ›scholastischen‹ Frage), was denn eine soziale Praktik ist und wodurch sie von anderen, aber verwandten Phänomenen (etwa ›Handlung‹, ›Verhalten‹, ›Interaktion‹ oder ›Kommunikation‹) unterscheidet« (Schmidt 2012, 36) . Against the background of a boom in praxeological research approaches in the social and textual sciences, the article attempts (a) to clarify relevant concepts such as ›social practice‹, ›social institution‹, ›rule‹ or ›convention‹, (b) to characterize a particular type of social practice, literary practices, in more detail, and (c) explain their basic mode of operation. According to the picture sketched out, literary practices are asymmetrical practices that consist of mutually interrelated production practices and reading practices and are characterized by a complex interplay of literary standards, hypothetical imperatives, conventions in the sense of David Lewis, as well as non-coordinating conventions. Seit der sogenannte practice turn um die Jahrtausendwende zum Schlagwort wurde, haben verschiedene Forschungsprogramme unter Labels wie ›Praxeologie‹ oder ›Praxeografie‹ in unterschiedlichen Disziplinen – darunter auch die Literaturund Kulturwissenschaften – K onjunktur. Nur selten wird jedoch (eingehender) erläutert, was mit Begriffen wie ›sozialen Praktiken‹, ›sozialen Regeln‹, ›literarischen Praktiken‹ oder ›literarischen Konventionen‹ gemeint ist. 2 Der vorliegende Beitrag möchte hier Abhilfe schaffen, indem er die Begriffe ›soziale Praxis‹ und ›soziale Institution‹ expliziert (Abschnitt 1), die in diesem Zusammenhang relevanten Begriffe ›Erwartung‹, ›Konvention‹, ›Norm‹, ›Regel‹ und ›Standard‹ differenziert (Abschnitt 2) und die Besonderheiten sozialer literarischer Praktiken und ihrer Regeln erläutert (Abschnitt 3). Entworfen wird dabei nicht zuletzt ein Modell der Funktionsweise Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2751-9821/p11 18 | POEMA 2.2024 literarischer Praktiken, 3 das zur Beschreibung konkreter Konstellationen herangezogen, erweitert oder auch modifiziert werden kann. 4 1. Soziale Praxis und soziale Institution Obwohl der Begriff ›soziale Praxis‹ seit längerem in vielen verschiedenen Disziplinen Konjunktur hat, gibt es keinen einheitlichen Begriff ›sozialer Praxis‹. Wenn es überhaupt einen kleinsten gemeinsamen Nenner verschiedener Definitionsversuche gibt, so besteht er darin, dass (interindividuelle) Verhaltensregelmäßigkeiten für das Vorliegen einer sozialen Praxis wesentlich sind. 5 Eine häufig zitierte soziologische Begriffsbestimmung lautet etwa: [A] ›practice‹ […] is a routinized type of behaviour which consists of several elements, interconnected to one other: forms of bodily activities, forms of mental activities, ›things‹ and their use, a background knowledge in the form of understanding, know-how, states of emotion and motivational knowledge. A practice – a way of cooking, of consuming, of working, of investigating, of taking care of oneself or of others, etc. – forms so to speak a ›block‹ whose existence necessarily depends on the existence and specific interconnectedness of these elements, and which cannot be reduced to any one of these single elements. (Reckwitz 2002, 249–250) Diese Begriffsbestimmung vermittelt einerseits einen guten Eindruck von der Vielzahl an Elementen, die man zum komplexen Umfeld des Begriffs ›sozialer Praktiken‹ rechnen kann. Andererseits ist die Begriffsbestimmung nicht sonderlich trennscharf, da sehr viele, wenn nicht alle Arten routinierten Verhaltens (routinized types of behaviour) in einem wenig anspruchsvollen Sinne auf den aufgezählten Elementen beruhen (depends on) dürften. Auch die aufgezählten konstitutiven Elemente selbst scheinen sich nicht unbedingt für eine literaturwissenschaftliche Untersuchung aufzudrängen, umfassen sie doch körperliche Aktivitäten, den Umgang mit ›Dingen‹ und nicht ohne Weiteres zugängliche mentale Zustände. 3 Die Begriffe ›Praxis‹ und ›Praktik‹ werden in diesem Beitrag synonym verwendet. Anstatt des ungebräuchlichen und potenziell irreführenden Plurals ›Praxen‹ verwende ich – aus rein stilistischen Gründen – hier wie im Folgenden den Begriff ›Praktiken‹. 4 Vgl. dazu auch Anm. 32. 5 Vgl. u.a. Hart 2012 [1961], 255; Rawls 1955; Reckwitz 2002, 249–250. Gittel: Was sind literarische Praktiken? | 19 Einen anderen, für die Fragestellungen dieser Arbeit geeigneteren Praxisbegriff hat vor geraumer Zeit John Rawls umrissen. »Social practice« sei a sort of technical term meaning any form of activity specified by a system of rules which defines offices, roles, moves, penalties, defenses, and so on, and which gives the activity its structure. (Rawls 1955, 3, Anm. 1) Auch hier ist von Arten des Verhaltens (forms of activities) die Rede, das zentrale Element dieses Vorschlags jedoch sind Regeln, die der Praxis erst ihre Struktur verleihen und bestimmte sekundäre Elemente wie Aufgaben oder Pflichten (offices), Rollen, legale Züge (moves), Strafen und Delikte (defenses) festlegen. So eingängig und suggestiv Rawls Vorschlag, der sich in einer Fußnote seines Aufsatzes zum Regelbegriff findet, auch sein mag, kann es sich bei ihm natürlich nicht um mehr als einen intuitiven Ausgangspunkt des vorliegenden Beitrags handeln. Die meines Wissens elaborierteste Auseinandersetzung mit dem Begriff der ›sozialen Praxis‹ und eine Abgrenzung vom verwandten Begriff der ›sozialen Institution‹ hat der finnische Philosoph Raimo Tuomela vorgenommen. 6 In seinem Vorschlag finden sich die beiden bisher hervorgehobenen Elemente, die interindividuelle Verhaltensregelmäßigkeit und die Regeln, die der Praxis ihre Struktur geben, wieder. Er definiert ›soziale Praxis‹ mit drei Bedingungen als (a) eine wiederholt von mehreren Individuen ausgeführte Handlung, die, (b) mindestens zum Teil, aus einem geteilten sozialen Grund (shared social reason), nämlich einer Wir-Einstellung (we-attitude), ausgeführt wird, (c) wobei dieser soziale Grund in dem Sinne ›primär‹ ist, dass die Handlungen ohne den sozialen Grund nicht ausgeführt würden. 7 Bedingung (b) dient dazu, soziale Praktiken von bloßen interindividuellen Verhaltensregelmäßigkeiten abzugrenzen. Mit einer Wir-Einstellung meint Tuomela eine Form der kollektiven Intentionalität, die in ihrer einfachsten Form dann vorliegt, wenn ein Individuum eine bestimmte Einstellung E (eine Intention, Überzeugung oder Ziel) hat, glaubt, dass die Anderen in der Gruppe ebenfalls die Einstellung E haben und zusätzlich glaubt, dass es in der Gruppe die gegenseitige Überzeugung (mutual believe) gibt, dass die Gruppenmitglieder E haben. Dementsprechend besteht der gemeinsame soziale Grund typischerweise darin, dass die Individuen wiederholt etwas tun, weil Andere es auch tun und dasselbe von 6 Vgl. Tuomela 2002. Weniger nützlich für die hiesigen Belange scheinen mir die neueren Überlegungen von Ludger Jansen, der den Zusammenhang zwischen sozialen Praktiken und Institutionen kaum thematisiert und merkwürdigerweise nur am Rande auf Tuomela Bezug nimmt. Vgl. Jansen 2017, insbes. Kap. 9. 7 Vgl. Tuomela 2002, 94, 96. 20 | POEMA 2.2024 jedem in der Bezugsgruppe erwarten. Ein typisches Beispiel hierfür wäre das wöchentliche Treppenhaus-Reinigen in einem geteilten Wohnhaus. Das Regenschirm-Aufspannen bei einsetzendem Regen ist hingegen keine soziale Praxis, sondern lediglich kollektives Handeln (collective action), weil es aus persönlichen Gründen (dem Nicht-nass-werden-Wollen) geschieht. Der gemeinsame soziale Grund kann, etwa bei Bräuchen oder Traditionen, auch die Form der in der Bezugsgruppe geteilten Überzeugung annehmen, dass es in einer bestimmten Situation angemessen ist, so und so zu handeln, weil Andere so und so in der gleichen Situation gehandelt haben bzw. handeln würden. Ein solcher sozialer Grund verweist nicht nur auf eine spezielle Form von Regeln, sondern wird, wie in Abschnitt 3 noch darzulegen, bei literarischen Praktiken eine wichtige Rolle spielen. Die Fälle, in denen gegenseitige Überzeugungen durchaus vorliegen, jedoch nicht (wenigstens zum Teil) Grund des Handelns sind, nennt Tuomela soziale Praktiken in einem schwachen Sinne (weak social practice).8 Ein Beispiel wäre das morgendliche Zähneputzen, das zwar mit dem gegenseitigen Bewusstsein, dass die Anderen dasselbe tun, geschehen kann, jedoch nicht aus diesem Grund geschieht. Auch viele instrumentelle Arbeitspraktiken (z.B. Ackerbau oder Kochen) sind daher bestenfalls soziale Praktiken in einem schwachen Sinne.9 Der Begriff ›soziale Praxis‹ ist nun fundamental, um zu bestimmen, was soziale Institutionen sind. Im einfachsten Sinne handelt es sich bei sozialen Institutionen um normgesteuerte sozi ale Praktiken. Bräuche und Traditionen etwa können sich zu sozialen Institutionen entwickeln, wenn die gegenseitigen Überzeugungen (dass es in einer bestimmten Situation angemessen ist, so und so zu handeln, weil Andere so und so in der gleichen Situation gehandelt haben bzw. handeln würden) in erwartungsbasierte und gegebenenfalls sanktionsbesetze Normen umschlagen.10 Angenommen es hat sich in einem Dorf die soziale Praxis etabliert, jeden Sonntag Fußball zu spielen. Dann kann es passieren, dass sich eine Norm derart herausbildet, dass alle Jungen ab einem gewissen Alter daran teilnehmen sollten, und somit eine soziale Institution vorliegt. Dabei ist es nicht notwendig, dass eine wie auch immer geartete Autorität diese Norm als Regel festlegt.11 Ein voraussetzungsreicherer Begriff von ›sozialer Institution‹ macht es zur Bedingung, dass einer Entität (einem Objekt, einer Person oder einer Aktivität) ein neuer begrifflicher und sozialer Status verliehen wird. Wenn es etwa in besagtem Dorf kollektiv akzeptiert wird, dass es sich beim sonntäglichen Fußballspielen um das ›Sonntagsmatch‹ handelt, so 8 Bedingung (c) ist offensichtlich eine kontrafaktische Bedingung, die eine motivationale Wirksamkeit des sozialen Grundes fordert. Wenn alle das Treppenhaus putzen, weil sie es gerne sauber mögen und weil die Anderen es von ihnen erwarten, so ist nicht entscheidend, was wichtiger für sie ist, sondern allein, ob sie das Treppenhaus auch ohne den sozialen Grund gereinigt hätten. 9 Vgl. Tuomela 2002, 119–120. 10 Vgl. Tuomela 2002, 114–115. 11 Vgl. Tuomelas Unterscheidung von »r-norms« und »s-norms«; auf beiden können Institutionen beruhen. Vgl. Tuomela 2002, 164–167, 185. Gittel: Was sind literarische Praktiken? | 21 ist die soziale Praxis eine soziale Institution in diesem stärkeren Sinne. Rein empirisch dürfte die Herausbildung von Normen, wie sie oben für das Sonntagsmatch beschrieben wurden und die die soziale Praxis strukturieren, häufig mit der Herausbildung institutioneller Begriffe einhergehen. Rein konzeptuell lassen sich jedoch Normen der Sprachverwendung für das Label der Praxis (›Sonntagsmatch‹) von Normen der sozialen Praxis selbst unterscheiden. 12 Auch ist jemand, der die Sprachnormen bezüglich des institutionellen Konzepts ›Sonntagsmatch‹ akzeptiert, nicht verpflichtet, an der sozialen Praxis teilzunehmen. Einen noch voraussetzungsreicheren Begriff ›sozialer Institution‹ hat Searle entwickelt.13 Es handelt sich um soziale Praktiken, die nicht nur institutionelle Konzepte mit sich bringen, sondern auch Statusfunktionen und deontische Effekte (deontic powers). Solche Institutionen sind nach Searle wesentlich durch sogenannte konstitutive Regeln der Art ›X zählt als Y in Kontext K‹ bestimmt, etwa ein in bestimmter Weise bedrucktes Blatt Papier fungiert in Deutschland als Zahlungsmittel. An das institutionelle Konzept ›Geld‹ knüpfen sich also Statusfunktionen, die sich nicht allein durch die physikalischen Eigenschaften des Statusträgers (das Stück Papier), sondern durch kollektive Statuszuschreibung und kollektive Akzeptanz bestimmter daran geknüpfter Rechte und Pflichten ergeben: Man kann mit einem Geldschein bezahlen etc. Ein letzter, für die Literaturwissenschaft weniger interessanter Begriff ›sozialer Institution‹ bezeichnet Organisationen, die auf Basis eines bestimmten Ethos bestimmte Ziele verfolgen und für ihre Mitglieder soziale Aufgaben, Positionen und Normen ausgebildet haben. Beispiele für Institutionen in diesem Sinne wären etwa die Universität, ›Ärzte ohne Grenzen‹ oder der P.E.N.-Verband. Abschließend lässt sich also festhalten: Unter ›sozialen Praktiken‹ können interindividuelle Verhaltensregularitäten verstanden werden, die im weitesten Sinne durch Regeln strukturiert werden. Soziale Praktiken im starken Sinne sind durch wiederholt von mehreren Individuen ausgeführte Handlungen gekennzeichnet, die u.a. aus einem geteilten sozialen Grund ausgeführt werden. Dieser soziale Grund besteht typischerweise darin, dass Andere auch X tun und dasselbe von jedem in der Bezugsgruppe erwarten, oder darin, dass es angemessen ist, X zu tun. Bei sozialen Praktiken im schwachen Sinne liegen gegenseitige Überzeugungen vor, dass andere auch X tun, doch werden die Handlungen nicht aus einem geteilten sozialen Grund vollzogen wie bei sozialen Praktiken im starken Sinne. Einige soziale Praktiken oder Gruppen von Praktiken sind darüber hinaus ›soziale Institutionen‹. Bei sozialen Institutionen handelt es sich um normbasierte soziale Praktiken, die zudem einem Objekt, einer Person oder einer Aktivität einen neuen begrifflichen und/oder sozialen Status verleihen können. In besonderen Fällen knüpfen sich an die entsprechenden institutionellen Konzepte Statusfunktionen, die bestimmte Rechte und Pflichten etablieren. 12 Vgl. Tuomela 2002, 166–167, 173–174. 13 Vgl. Searle 1995; Searle 2005. 22 | POEMA 2.2024 2. Erwartung, Konvention, Norm, Regel und Standard Die Literaturwissenschaft ist bislang nur wenig sensibel für Unterschiede zwischen den Begriffen ›Konvention‹, ›Norm‹, ›Regel‹ und ›Standard‹. Der Regelbegriff wird häufig ohne nähere Erläuterung verwendet und die Begriffe ›Konvention‹ und ›Norm‹ werden teilweise quasi-synonym gebraucht, 14 obwohl ihr Verhältnis alles andere als einfach ist. 15 Hinzu kommen verwandte Begriffe wie ›Erwartungen‹, ›Erwartungshaltungen‹ oder ›Vorschriften‹, die auf ähnliche Phänomene abzuzielen scheinen, jedoch mitunter sehr Unterschiedliches bezeichnen.16 Der allgemeinste der genannten Begriffe ist sicherlich ›Regel‹. Er kann bekanntlich sowohl auf Regelmäßigkeiten (umgangssprachlich: »Das Verhalten der Planeten folgt einer Regel«) als auch auf Regeln im Sinne von Konventionen, Normen oder Gesetzen verweisen. Obwohl Regeln häufig durch Analogien mit Spielregeln erläutert werden, ist es wichtig zu sehen, dass diese Analogie ihre Grenzen hat. 17 Die Regeln von Praktiken wie natürlichen Sprachen, Julklapp oder literarischen Praktiken unterscheiden sich nämlich von Spielregeln, wie zum Beispiel im Schach, mindestens in zwei Hinsichten. Erstens haben diese Regeln einen anderen Status, sie sind keine einmaligen Festlegungen wie Spielregeln, sondern Abstraktionen des gegenwärtigen Handelns innerhalb der Praxis. Ihre präskriptive Kraft beruht wesentlich auf Regularitäten des Handelns in der Vergangenheit. Dass Bananen im Deutschen »gelb« und nicht etwa »jelb« sind, beruht auf Regeln des bisherigen Sprachgebrauchs. Mit der sich verändernden Praxis verändern sich auch die Regeln. Zweitens sind diese Regeln approximativ, sie determinieren im Gegensatz zu Schachregeln nicht vollständig, was korrekt und was inkorrekt ist. Aus diesen beiden Gründen funktioniert die Rechtfertigung bzw. Kritik von ›Zügen‹ innerhalb der Praxis anders und man kann der Kritik immer ausweichen (»Ich habe Dialekt gesprochen«, »Der Gebrauch hat sich geändert«, »Du hast mich doch verstanden, oder?« etc.). Erwartungen, Konventionen und Normen können, in dieser Reihenfolge, als steigend voraussetzungsreiche Begriffe verstanden werden. Erwartungen werden gewöhnlich in prognostisch-faktuale (X wird Y tun/ Z ist wahrscheinlich) und normative Erwartungen 14 V gl. etwa: »Gattungsnormen sind also Konventionen, sie konstituieren Modelle, die durch Konventionen Geltung haben« (Raible 1980, 326) oder auch Till 2010, 74. 15 Schon 1981 stellt Manley Lawrence fest, der Begriff ›Konvention‹ erhalte seine Bedeutung durch eine »near but incomplete synonymy« mit Begriffen wie »norm, rule, usage, law, custom, habit, art«, deren Differenzierung mit Blick auf unterschiedliche Forschungsfelder »an immense and frustrating task« wäre (Lawrence 1981, 31). Zwei der wenigen ernsthaften Differenzierungsversuche mit Blick auf die literarische Praxis seither sind: Fokkema 1989; Olsen 2000. 16 Der Begriff ›Erwartung‹ wird zum Teil im Anschluss an Hans Robert Jaußʼ Begriff ›Erwartungshorizont‹, vgl. etwa Genette 1996 [1982], 14, aber auch vorterminologisch verwendet, vgl. etwa Fricke 1981, 133, 163 und öfter. 17 Vgl. zum Folgenden Morawetz 1973, bes. 213–217, der auf Basis dieser Beobachtungen spielähnliche Praktiken von Praktiken wie Sprache oder Rechtssystem (Law) unterscheidet. Gittel: Was sind literarische Praktiken? | 23 (X sollte Y tun/ Z sollte auftreten) unterschieden. 18 Normative Erwartungen werden teilweise mit Normen identifiziert. 19 Dies ist jedoch misslich, da Konventionen oder Normen sich stets an Handlungssubjekte richten, aber nicht mit mentalen Einstellungen von einzelnen Akteuren identifiziert werden können. Eine normative Erwartung kann auf einer Norm beruhen, muss es aber nicht. Der bei weitem einflussreichste Ansatz zu erhellen, was Konventionen eigentlich sind, stammt von David Lewis aus dem Jahr 1969. 20 Lewis analysiert Konventionen als kontingente, sich selbst erhaltende Lösung eines wiederholt auftretenden Problems der Verhaltenskoordination: Konventionen regeln menschliches Verhalten so, dass alle Beteiligten ei nen Vorteil davon haben. In einem Land, in dem es noch keine Straßenverkehrsordnung gibt, wird sich bald eine Konvention herausbilden, ob links oder rechts gefahren wird. Beide Konventionen lösen das Koordinationsproblem gleichermaßen und sind in diesem Sin ne kontingent. Außerdem sind beide Konventionen gegenüber einem ungeregelten Fahrverhalten für alle vorteilhaft und erhalten sich daher tendenziell selbst (selfenforcing). Die Lösung des Koordinationsproblems setzt nach Lewis u.a. voraus, dass alle Akteure in einer bestimmten Situation (etwa dem Autofahren in besagtem Land) gemäß der Konvention handeln, es auch von anderen (prognostisch) erwarten und dass sie präferieren, dass die anderen gemäß der Konvention handeln, solange es auch mindestens alle bis auf einen tun. Im Laufe der Zeit hat fast jeder Aspekt von Lewis' Konzeption Kritik erfahren.21 Es soll hier schon mit Blick auf literarische Konventionen nur ein Kritikpunkt herausgegriffen werden, nämlich der Einwand, dass offensichtlich nicht alle Konventionen Koordinationsprobleme lösen. Ein Beispiel sind Modekonventionen, also etwa die Mode, Jeans zu tragen, ein anderes Spielregeln, etwa beim Schach. Im Gegensatz zur Situation im Straßenverkehr scheint es in diesen Fällen überhaupt kein (vorgängig existierendes) Koordinationsproblem zu geben.22 Solche Beispiele haben in der jüngeren Forschung dazu geführt, neben koordinierenden Konventionen auch die Existenz nicht-koordinierender Konventionen anzunehmen.23 18 Vgl. Tuomela 2002, 250. 19 Vgl. Luhmann 1984, 436–437. 20 Vgl. Lewis 2011 [1969], 78. 21 Vgl. den Überblick in Rescorla 2019, Abschnitt 4. 22 Das Problem der Verhaltenskoordination im Schach (wer wann wie ziehen darf) entsteht offenkundig erst durch die Existenz der Praxis des Schachspiels, mithin durch die Etablierung der fraglichen Konventionen. Vgl. Marmor 2009, 22–23, der auch den Einwand entkräftet, die Schach-Regeln lösten das abstrakte Koordinationsproblem, ein intellektuelles Brettspiel zu spielen. 23 Vgl. Marmor 2009, Kap. 1 und 2, der diese Konventionen »constitutive conventions« nennt, weil er meint, ihr wesentliches definitorisches Merkmal bestehe darin, dass sie soziale Praktiken und nicht, wie Searle von seinen konstitutiven Regeln annahm, Handlungstypen, konstituieren. So überzeugend die Argumentation Marmors für die Existenz einer zweiten Klasse von Konventionen ist, so präzisierungsbedürftig scheint mir seine Definition dieser Klasse. 24 | POEMA 2.2024 Die gemäß Lewis notwendigen präskriptiven Erwartungen im Zusammenhang mit Konventionen erklären, warum die Begriffe ›Konvention‹ und ›Norm‹ in vielen Kontexten austauschbar sind. Tatsächlich ist es so, dass Konventionen häufig zu inhaltsgleichen informellen Normen führen. In einem Land ohne Straßenverkehrsordnung, in dem sich das Rechtsfahren auf der Straße als Konvention etabliert hat, weil es für alle vorteilhafter ist als chaotisches Fahren, zieht derjenige, der sich nicht an die Konvention hält, Zorn auf sich: Es entsteht eine inhaltsgleiche informelle Norm, die gegebenenfalls irgendwann auch gesetzlich verankert wird. 24 Sowohl Konventionen als auch Normen sind durch interindividuelle Verhaltensregularitäten gekennzeichnet. Der wesentliche Unterschied von Normen zu Konventionen besteht darin, dass die Verhaltensregularität im Fall von Normen sich nicht als für alle vorteilhafte Lösung eines Koordinationsproblems von selbst aufrechterhält, sondern wenigstens teilweise dadurch, dass normkonformes Verhalten gutgeheißen oder belohnt und normwidriges Verhalten kritisiert oder sanktioniert wird. 25 Normen lassen sich nicht nur in formelle und informelle, also nicht kodifizierte Normen einteilen, sondern auf viele weitere Arten. Nützlich ist die Unterscheidung von autoritätsbasierten Normen einerseits und Normen, die auf gegenseitigen normativen Verhaltenserwartungen beruhen, andererseits sowie die Unterscheidung von Normen nach ihren Hauptformen: Erlaubnisse, Gebote, Verbote. 26 Ferner ist es wichtig zu sehen, dass viele Normen keine kategorischen Normen sind (»Du sollst nicht töten«), sondern konditionale oder situationsspezifische Normen vom Typ »Wenn du in Situation X bist, so ist Y geboten/ verboten/erlaubt«. Ein letzter, weniger prominenter Terminus aus dem semantischen Umfeld des Regelbegriffs lautet ›Standard‹. 27 Ein Standard legt fest, welche Beschaffenheit eine bestimmte Entität, in aller Regel ein Gegenstand oder eine Handlung, haben muss, damit er als etwas Bestimmtes gilt. Zum Beispiel muss ein Testament eine bestimmte rechtlich festgelegte Form haben, um als Testament zu gelten. Standards können von Autoritäten gesetzt werden (wie im Fall des Testaments) oder sich selbst herausbilden (z.B. durch die Nachfrage bei Handys Standards bezüglich der Größe). Im Gegensatz zu Normen sind Standards wollensrelativ und nicht sanktionskonstituiert; wer die rechtliche Form des Testaments nicht einhält, wird nicht kritisiert oder sanktioniert, er hat schlichtweg kein Testament geschrieben. Aus Standards leitet sich das ab, was Kant »hypothetische Imperative« oder »Imperative der Geschicklichkeit« nennt, 28 etwa »Wenn du ein Testament schreiben willst, 24 Vgl. Stemmer 2008, 207–208; McAdams 2001, 2740. 25 Vgl.: »[A] norm is a behavorial regularity […] sustained in part by the fact that individuals generally approve (and otherwise reward) conformity and/or disapprove (and otherwise punish) nonconformity« (McAdams 2001, 2739). 26 Vgl. Tuomela 2002, 164–165. 27 Vgl. zum Folgenden Stemmer 2008, 216–223. 28 Vgl. Kant 2005 [1785], 58–59. Gittel: Was sind literarische Praktiken? | 25 so muss dein Text die Beschaffenheit X aufweisen«. Norm und Standard sind häufig eng aufeinander bezogen – wer Mord verbietet, muss definieren, was Mord ist – aber dennoch unterscheidbare Phänomene. 29 3. Literarische Praktiken und ihre Regeln Obwohl die Begriffe ›Konvention‹, ›Regel‹ und ›Praxis‹ in literaturwissenschaftlichen Zusammenhängen häufig Verwendung finden, gibt es überraschend wenig grundsätzliche Versuche, die Natur und Funktionsweise von Regeln in literarischen Kontexten näher zu bestimmen. 30 Der vorliegende Beitrag geht davon aus, dass es drei grundlegende Typen literarischer Praktiken gibt, die Literaturpraxis, die Fiktionalitätspraxis und unterschiedliche Genrepraktiken, die mit ihren jeweiligen Regelsets andernorts beschrieben werden. 31 Im Mittelpunkt dieses Abschnitts steht jedoch die Frage, was literarische Praktiken und ihre Regeln allgemein gegenüber anderen sozialen Praktiken auszeichnet. Das Bild, das im Folgenden entfaltet werden soll, sieht insgesamt so aus: Literarische Praktiken sind asymmetrische Praktiken, sie unterteilen sich in Produktionspraktiken von Autoren und Lektürepraktiken von Lesern, die im Zusammenhang betrachtet werden müssen. 32 Was gemeinhin als literarische Regel bezeichnet wird, kann dreierlei sein: ein hypothetischer Imperativ, eine Konvention im Sinne von Lewis (im Folgenden: ›koordinierende Konvention‹) oder eine nicht-koordinierende Konvention. Hypothetische Imperative regeln das Verhalten von Autoren und ergeben sich aus gewissen Standards für eine bestimmte Textsorte, etwa: »Wenn du eine Novelle schreiben möchtest, dann sorge dafür, dass sie nicht länger als 200 Seiten ist«. Literarische Standards erwachsen für gewöhnlich aus in historischen Situationen beobachteten Regelmäßigkeiten der literarischen Produktion und legen fest, aufgrund welcher Eigenschaften ein Werk in einer bestimmten historischen Situation zu einer bestimmten Textsorte gehört. 33 Koordinierende Konventionen sind kontingente, sich selbst erhaltende Lösungen eines wiederholt auftretenden Pro29 Zu unterschiedlichen Verhältnissen von Norm und Standard vgl. Stemmer 2008, 221–223. 30 Vgl. jedoch Mailloux 1982; Kent 1986, 35–45; Fokkema 1989; Weninger 1994; Olsen 2000. Kritisch: Pilkington 1994a. 31 Vgl. Gittel 2021, Kap. II. 32 Aufgrund der ohnehin bestehenden Komplexität konzentriere ich mich hier wie im Folgenden auf das, was mir der Kern literarischer Praktiken zu sein scheint, und klammere ganz bewusst Aspekte wie Editions-, Medien-, Schreiboder Verlagspraktiken aus, die in einem erweiterten Modell literarischer Praktiken einen wichtigen Platz haben. 33 In bestimmen Fällen können solche Standards auch maßgeblich aufgrund prototypischer Werke geformt werden, man denke etwa an den Wilhelm Meister und den Bildungsroman. Doch selbst im Fall gattungsbildender Autoren bzw. ihrer Werke spielen Regelmäßigkeiten oft eine Rolle, etwa im Fall von Walter Scott, der mit einer ganzen Reihe von Romanen den historischen Roman prägte. Eine besondere Rolle spielen Prototypen in der Vormoderne, vgl. dazu Herweg 2011, 108. 32 | POEMA 2.2024 zieht. Wenn der Autor einen fiktionalen Text schreibt, so erwartet er nicht, dass der Leser auch einen fiktionalen Text schreibt, sondern dass der Leser sich bestimmte Dinge vorstellt und umgekehrt. Komplementäre Konventionen finden sich auch in vielen anderen sozialen Praktiken, etwa Lehrer-Schüler-Praktiken, und sind keineswegs eine exklusive Eigenschaft von literarischen Konventionen. An dieser Stelle angelangt, könnte man sich fragen, warum man neben den hypothetischen Imperativen und den koordinierenden Konventionen überhaupt noch einen weiteren Typus literarischer Regeln benötigt. Der Grund dafür besteht metaphorisch gesprochen darin, dass es neben Regeln, die koordinieren, welches literarische Spiel gespielt wird, und Regeln, die koordinieren, wie eine solche Wahl kommuniziert wird, auch der Regeln bedarf, die definieren, worin das Spiel besteht. Mit anderen Worten: Die Lösung eines Koordinationsproblems kann nicht selbst wieder ein Koordinationsproblem sein. Es muss mithin erst einmal voneinander abgrenzbare soziale Praktiken geben, bevor Autor und Leser darin ›übereinkommen‹ können, mit einem Werk im Rahmen einer bestimmten literarischen Praxis umzugehen. Die Regeln, die diese Praxis beschreiben, können daher nicht selbst wieder koordinierende Konventionen, sondern müssen von anderer Art sein. Es muss also nicht-koordinierende Konventionen geben. 47 (T6) Nicht-koordinierende Konventionen sind konditionale, kontingente Regeln, die festlegen, wie sich Leser verhalten sollen, wenn sie meinen, ein Werk einer bestimmten Textsorte zu lesen. Nicht-koordinierende Konventionen legen zum Beispiel fest, was die oben kurz als ›Imaginieren‹ bezeichnete Rezeptionshaltung für fiktionale Texte ausmacht, wie genau mit literarischen Texten umzugehen ist oder wie mit Texten einer bestimmten Gattung zu verfahren ist. Neben den Regelmäßigkeiten im Tun von Autoren und Lesern, die auf Klugheitsregeln, koordinierende Konventionen oder nicht-koordinierende Konventionen zurückführbar sind, gibt es Regelmäßigkeiten, die andere Ursachen haben. Dazu zählen extraliterarische Faktoren und ›literarische Moden‹. Extraliterarische Faktoren betreffen so unterschiedliche Dinge wie materielle Beschränkungen – die Länge der Novelle im 19. Jahrhundert etwa hat auch mit dem begrenzten Umfang ihrer bevorzugten Publikationsorgane zu tun – oder die zeitspezifische Aktualität bestimmter Themen, die sich dann gehäuft in bestimmten Textsorten eines Zeitabschnitts finden. ›Literarische Moden‹ lassen Regelmäßigkeiten entstehen, die nicht auf literarische Regeln zurückführbar sind. 47 Es gibt an dieser Stelle eine alternative Möglichkeit der Modellierung, die mir jedoch weniger attraktiv scheint. Man könnte auch behaupten, dass es nur koordinierende ›Makrokonventionen‹ gibt, die, was die Leser-Seite angeht, sehr komplex sind. Solche Makrokonventionen hätten dann ungefähr folgende Struktur: »Autoren versehen fiktionale Texte mit dem Paratext ›Roman‹ | Leser tun X, Leser tun Y, Leser tun Z etc.«. Gittel: Was sind literarische Praktiken? | 33 Weitere Thesen betreffen den Status und die Natur der bisher eingeführten Konventionen. (T7) Sowohl aus koordinierenden als auch aus nicht-koordinierenden Konventionen können (zum Teil informelle) Normen entstehen. Wie erläutert besteht ein Indikator für Normen darin, dass normkonformes Verhalten gutgeheißen oder belohnt und normwidriges Verhalten kritisiert oder sanktioniert wird. Es kann kein Zweifel bestehen, dass bestimmte literarische Konventionen etwa im Rahmen der schulischen Lesesozialisation in diesem Sinne Normen darstellen. Ein Schüler, der sich weigert, sich die fiktive Erzählwelt, die ein Roman entwirft, vorzustellen oder das Thema eines literarischen Werks zu beschreiben, wird keine guten Noten erhalten. 48 Ein weiterer Punkt, der bereits aus dem Gesagten hervorgeht, betrifft die konditionale Natur literarischer Regeln: (T8) Literarische Regeln sind situationstypspezifische und textsortenspezifische, (implizit) konditionale Regeln. Literarische Konventionen gelten stets für spezielle Produktions-, insbesondere aber Lektüresituationen. Dies betrifft den institutionellen Kontext (etwa Literaturkritik, Schreibseminar, Schule), in dem die Produktion bzw. Rezeption stattfindet. Darüber hinaus ist die vom Leser ermittelte bzw. präsupponierte Textsortenzugehörigkeit (Literatur, Fiktion, ein bestimmtes Genre) des rezipierten Werks entscheidend. Daher haben solche Regeln stets implizit die Struktur »Wenn du im institutionellen Kontext K ein Werk der Sorte X schreibst/liest, so …«. (T9) Literarische Regeln sind approximativ. Literarische Regeln definieren im Gegensatz zu Spielregeln nicht, was in jeder im Rahmen der Praxis auftretenden Situation richtig und falsch ist und welche Handlungsmöglichkeiten bestehen. 49 Für jede Stellung des Schachspiels, zum Beispiel, ist es möglich, alle legalen Züge aufzulisten, im Rahmen literarischer Praktiken hingegen kommt es immer wieder zu Situationen, in denen die Bewertung des Verhaltens eines Akteurs bzw. seiner Produkte unklar ist und/oder zu Kontroversen führt. Ein letzter Punkt, der sich jedoch nicht ohne Weiteres verallgemeinern lässt: Literarische Re geln sind für gewöhnlich nicht-kodifiziert und beruhen wesentlich auf gegenseitigen Verhaltenserwartungen. Eine wichtige Ausnahme hiervon bilden die verschiedenen bis weit ins 18. Jahrhundert einflussreichen Regelpoetiken. In entsprechenden Zeiträumen 48 Noch deutlicher ist das bei Verboten im Rahmen literarischer Praktiken, vgl. Gittel 2021, Kap. II. 49 Vgl. Lamarque 2010, 386. 34 | POEMA 2.2024 sind literarische Regeln nicht nur kodifiziert, sondern beruhen zum Teil auf personalen Autoritäten aus dem Bereich der Ästhetik bzw. Poetik . Diese recht technischen Ausführungen sollen zum Abschluss dieses Abschnitts durch eine Analogie veranschaulicht werden. Adaptiert man die in Debatten um den Regelbegriff beliebte Analogie des Schachspiels, so kann man sagen, dass literarische Praktiken dem Umgang mit sogenannten Schachkompositionen, also durch einen sogenannten Komponisten ersonnenen Schachstellungen gleichen, die der Rezipient alleine, also ohne Spielpartner, zu lösen hat. Kunstvolle Schachkompositionen drücken eine bestimmte Idee, etwa »Materialgewinn ist nicht alles« aus. Je nach Art der Komposition (direktes Matt, Konstruktionsaufgabe, Studie, Retroanalyse etc.) können sich Ziel (etwa Matt, Selbstmatt, Reflexmatt etc.) und spezielle Regeln des Spiels unterscheiden, während die Grundregeln des Schachs gelten. Die Aufgabe des Komponisten (≈ Autor) besteht also darin, eine Spielposition zu komponieren, mit der der Rezipient (≈ Leser) dann nach den Regeln des Schachs (≈ Literaturpraxis) weiterspielt. Natürlich hat jede der unterschiedlichen Arten von Schachkompositionen eine Geschichte, sodass Komponisten, aber auch erfahrene Rezipienten von Schachkompositionen über ein häufig implizites Wissen darüber verfügen, dass bestimmte Spielpositionen in der einen Art von Schachkomposition häufiger vorkommen als in anderen. Aus diesen Regelmäßigkeiten können Standards erwachsen, die der Komponist klugerweise nutzen sollte (≈ hypothetische Imperative), um zu kommunizieren, welches Spiel bzw. welche Art von Komposition (≈ literarische Praktik) vorliegt. Darüber hinaus hat er aber auch die Möglichkeit, seine Spielposition mit bestimmten Labels (≈ Paratexten) wie »Matt in 5«, »Reflexmatt in 3« oder »Wer gewinnt?« (eine sogenannte Retroanalyse) zu versehen, die Hinweise auf die Art der vorliegenden Schachkomposition geben. Die Bedeutung dieser Labels für den Rezipienten (≈ Leser) ergibt sich aus Regelmäßigkeiten ihrer Verwendung: Wenn Komponisten Retroanalysen regelmäßig mit dem Label »Wer gewinnt?« versehen, so wird dieses Label zu einem Signal für eine Retroanalyse-Schachkomposition (≈ koordinierende Kon ventionen). Hat der Rezipient einmal verstanden, zu welcher Art von Schachkompo sition bzw. zu welchem Spiel die vom Komponisten bereitgestellte Position gehört, so ist ihm klar, nach welchen Regeln (≈ nicht-koordinierenden Konventionen) er weiterzuspielen hat. Es ist unmittelbar einsichtig, dass spielexterne Faktoren, etwa das Interesse der Komponisten an logischen Problemen oder historischen Schlachten (≈ literatursystemexterne Faktoren), die Schachkompositionen beeinflussen können. Ebenso plausibel scheint auch, dass in bestimmten Epochen und/oder Schachgemeinschaften bestimmte Arten der Schachkomposition und bestimmte Spielpositionen, etwa besonders zweischneidige, beliebter sind als andere (≈ ›literarische Moden‹), ohne dass das Auswirkungen auf die Standards für die unterschiedlichen Arten von Schachkompositionen hätte. Um die Komplexität literarisc her Praktiken abzubilden, bedarf es jedoch noch einer zusätzlichen Annahme: Es kann vorkommen, dass die komponierte Spielposition den Standards mehrerer Arten von Schachkompositionen (≈ fiktionale/nicht-fiktionale/ein bestimmtes Genre) mit ihren je eigenen Regeln entspricht; ja es kann sogar vorkommen, dass Gittel: Was sind literarische Praktiken? | 35 dies intendiert ist. Es liegt auf der Hand, dass Reaktionen auf solche komplexen Situationen nur richtig analysiert werden können, wenn man die Regeln der verschiedenen Arten von Schachkompositionen, insbesondere die Regeln für den Rezipienten (≈ Leser), genauer dargelegt hat. 4. Zusammenfassung Der Beitrag hat zentrale Begrifflichkeiten einer im weitesten Sinne praxeologischen Forschung wie ›soziale Praktik‹, ›soziale Institution‹ oder ›Regel‹ geklärt und erläutert, wodurch sich literarische P raktiken als Typus sozialer Praktiken auszeichnen und wie sie funktionieren: Soziale Praktiken sind interindividuelle Verhaltensregularitäten, die durch Regeln strukturiert werden. Soziale Praktiken im starken Sinne sind durch wiederholt von mehreren Individuen ausgeführte Handlungen gekennzeichnet, die u.a. aus einem geteilten sozialen Grund ausgeführt werden. Dieser soziale Grund besteht typischerweise darin, dass Andere auch X tun und dasselbe von jedem in der Bezugsgruppe erwarten, oder darin, dass es angemessen ist, X zu tun. Bei sozialen Praktiken im schwachen Sinne liegen gegenseitige Überzeugungen vor, dass andere auch X tun, doch werden die Handlungen nicht aus einem geteilten sozialen Grund vollzogen wie bei sozialen Praktiken im starken Sinne. Einige soziale Praktiken sind darüber hinaus soziale Institutionen. Bei sozialen Institutionen handelt es sich um normbasierte soziale Praktiken, die zudem einem Objekt, einer Person oder einer Aktivität einen neuen begrifflichen und/oder sozialen Status verleihen. In besonderen Fällen knüpfen sich an die entsprechenden institutionellen Konzepte Statusfunktionen, die bestimmte Rechte und Pflichten etablieren. Literarische Praktiken sind asymmetrische soziale Praktiken, die aus wechselseitig aufeinander bezogenen autorseitigen Produktionsund leserseitigen Lektürepraktiken bestehen. Literarische Produktionspraktiken sind soziale Praktiken im schwachen Sinne, Lektürepraktiken sind soziale Praktiken im starken Sinne. Strukturierendes Element literarischer Praktiken sind ihre Regeln, die sich in literarische Standards, koordinierende Konventionen und nicht-koordinierende Konventionen unterteilen lassen. Literarische Standards erwachsen für gewöhnlich aus in historischen Situationen beobachteten Regelmäßigkeiten der literarischen Produktion und legen fest, aufgrund welcher Eigenschaften bzw. Eigenschaftskombinationen ein Werk in einer bestimmten historischen Situation zu einer bestimmten Textsorte gehört. Aus solchen Standards sind hypothetische Imperative ableitbar, an denen sich Autoren orientieren. Koordinierende Konventionen sind kontingente, sich selbst erhaltende Lösungen eines wiederholt auftretenden Problems der Verhaltenskoordination. Sie können als Autor-Leser-Konventionen modelliert werden, legen die pragmatische Bedeutung von Paratexten und anderweitigen Textsorten-Signalen fest und sind so maßgeblich für die Verzahnung von Produktionsund Rezeptionspraktiken verantwortlich. Neben koordinierenden Konventionen und Standards beruhen insbesondere Lektürepraktiken auf vielfältigen nicht-koordinierenden Konventionen mit konditionaler 36 | POEMA 2.2024 Struktur (»Wenn du im institutionellen Kontext K ein Werk der Sorte X liest, so …«), die festlegen, welcher Umgang mit welchen Textsorten angemessen ist. Literarische Konventionen sind approximativ, konditional und können sich zu informellen Normen verfestigen. Nicht alle Regelmäßigkeiten in der literarischen Produktion und Kommunikation eines bestimmten Zeitabschnitts beruhen auf literarischen Regeln, sondern können zum Teil auf literatursystemexterne Faktoren oder ›literarische Moden‹ zurückgeführt werden. Literatur Farrell, Joseph. »Communication, Coordination and Nash Equilibrium«. Economics Letters 27.3 (1988): 209–214. Fokkema, Dowe. »The Concept of Convention in Literary Theory and Empirical Research«. Convention and Innovation in Literature. Hg. Theo Haen, Rainer G. Grübel und Helmut Lethen. Utrecht:J. Benjamins Publishing Company, 1989. 1–16. Fricke, Harald. Norm und Abweichung. Eine Philosophie der Literatur. München: Beck, 1981. Genette, Gérard. Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. 2. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1996 [frz. Original 1982]. Gittel, Benjamin. Fiktion und Genre: Theorie und Geschichte referenzialisierender Lektürepraktiken 1870–1910. Berlin und Boston: De Gruyter, 2021. DOI: 10.1515/9783110733167. Hart, H. L. A. The Concept of Law. 3. Aufl. Oxford: Oxford University Press, 2012 [1961]. Herweg, Mathias. »Gattung«. Lexikon Literaturwissenschaft: Hundert Grundbegriffe. Hg. Gerhard Lauer und Christine Ruhrberg, Stuttgart: Reclam, 2011. 105–109. Kant, Immanuel. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hg. Theodor Valentiner. Stuttgart: Reclam, 2005 [1785]. Kent, Thomas. Interpretation and Genre: The Role of Generic Perception in the Study of Narrative Texts. Lewisburg: Bucknell University Press, 1986. Lamarque, Peter. »Wittgenstein, Literature, and the Idea of Practice«. British Journal of Aesthetics 50.4 (2010): 375–88. Lawrence, Manley. »Concepts of Convention and Models of Critical Discourse«. New Literary History 13.1 (1981): 31–52. Lewis, David K. Convention: A Philosophical Study. Nachdr. Oxford: Blackwell, 2011 [1969]. Luhmann, Niklas. Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1984. Mailloux, Steven. Interpretive Conventions: The Reader in the Study of American Fiction. Ithaca, N.Y: Cornell Univ. Press, 1982. Mailloux, Steven. »Convention and Context«. New Literary History 14.2 (1983): 399–407. Marmor, Andrei. Social Conventions: From Language to Law. Princeton, N.J: Princeton University Press, 2009. McAdams, Richard H. »Conventions and Norms (Philosophical Aspects)«. International Encyclopedia of Social & Behavioral Sciences. Hg. Neil J. Smelser und Paul B. Baltes. 26 Bde. Bd. 4. Amsterdam u.a.:Elsevier, 2001. 2735–2741. Morawetz, Thomas. »The Concept of a Practice«. Philosophical Studies. An International Journal for Philosophy in the Analytic Tradition 24.4 (1973): 209–226. Olsen, Stein Haugom. »Conventions and Rules in Literature«. Metaphilosophy 31.1 und 2 (2000): 25–42. Pilkington, Adrian. »Against Literary Reading Conventions«. Literature and the New Interdisciplinarity:Poetics, Linguistics, History. Hg. Roger D. Sell und Peter Verdonk. Amsterdam:Rodopi, 1994, 93–106. Raible, Wolfgang. »Was sind Gattungen? Eine Antwort aus semiotischer und textlinguistischer Sicht«. Poetica 12, 3-4 (1980): 320–349. Rawls, John. »Two Concepts of Rules«. The Philosophical Review LXIV.1 (1955): 3–32. Reckwitz, Andreas. »Toward a Theory of Social Practices. A Development in Culturalist Theorizing«. Journal of Social Theory 5.2 (2002): 243–63. Rescorla, Michael. »Convention«. The Stanford Encyclopedia of Philosophy, Spring 2019 Edition. https:// plato.stanford.edu/archives/sum2017/entries/ convention/ (1. Dezember 2023). Gittel: Was sind literarische Praktiken? | 37 Schmidt, Robert. Soziologie der Praktiken. Konzeptionelle Studien und empirische Analysen. Berlin: Suhrkamp, 2012. Searle, John. »What Is an Institution?«. Journal of Institutional Economics 1.1 (2005): 1–22. Searle, John R. The Construction of Social Reality. New York: Free Press, 1995. Stemmer, Peter. Normativität: Eine ontologische Untersuchung. Berlin u.a.: De Gruyter, 2008. Swirski, Peter. »The Role of Game Theory in Literature«. Empirical Approaches to Literature: Proceedings of the Fourth Biannual Conference of the International Society for the Empirical Study of Literature, Budapest 1994. Hg. Gebhard Rusch. Siegen:Siegen Univ., 1995. 37–43. Till, Dietmar. »Konvention und Gattung«. Handbuch Gattungstheorie. Hg. Rüdiger Zymner. Stuttgart u.a.:Metzler, 2010. 73–75. Tuomela, Raimo. The Philosophy of Social Practices: A Collective Acceptance View. Cambridge, New York: Cambridge University Press, 2002. Walton, Kendall L. »Categories of Art«. The Philosophical Review 79.3 (1970): 334–367. Weninger, Robert. Literarische Konventionen: Theoretische Modelle; historische Anwendung. Tübingen: Stauffenburg-Verl., 1994. Autor PD Dr. Benjamin Gittel Universität Trier, Trier Center for Digital Humanities, [email protected] Open Access This paper is published under the Creative Commons Attribution–ShareAlike 4.0 International license ( CC BYSA 4.0 ). Please note that individual, appropriately marked parts of the paper may be excluded from the license mentioned or may be subject to other copyright conditions. If such third party material is not under the Creative Commons license, any copying, editing or public reproduction is only permitted with the prior consent of the respective copyright owner or on the basis of relevant legal authorization regulations.