In memoriam Prof. Dr. Alexander Bernhard (1927–2024)
Abstract
Nachruf auf Alexander Bernhard, ehemaliger Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein.
Full text
143 In memoriam Prof. Dr. Alexander Bernhard (1927–2024) Mit dem Tod von Prof. Dr. Alexander Bernhard hat die medizinische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel eine besondere wissenschaftliche und klinische Persönlichkeit verloren, die an der aktuellen Ausrichtung der medizinischen Kompetenz des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Kiel über Jahre sehr prägnant mitgewirkt hat. Seine herausragende medizinische Leistung war durchgehend begleitet von hochkarätiger experimenteller und klinischer Forschung. In einem internationalen Wissenschaftskontext hat er die Kieler Herzund Gefäßchirurgie repräsentativ positioniert. Er hat wegweisende klinische Strukturen und innovative Operationstechniken implementiert, die auch nach seiner Emeritierung 1993 eine konsequente Weiterentwicklung der Klinik erlaubten. Beeindruckend wie seine klinisch-wissenschaftliche Gesamtleistung sind auch der persönliche Werdegang und die berufliche Entwicklung, beides aus der Sicht heutiger Generationen fast unvorstellbar; Nach seiner Geburt im Jahre 1927 verbrachte er Kindheit und Jugend bis zum Abitur in Augsburg. Daran schloss sich ein Studium der Medizin an der Ludwigs-Maximilian-Universität in München an, das 1955 zum Staatsexamen führte. Er trat dann zunächst eine Stelle als Assistenzarzt am Institut für Pathologie der LMU an, die im gleichen Jahr die Promotion ermöglichte. Danach folgte die Weiterbildung zum Arzt für Chirurgie am Klinikum der Rheinischen Friedrich–Wilhelm–Universität Bonn unter Leitung von Professor Alfred Gütgemann. Aus dieser Position heraus nahm er am Research Fellow Programm der Loma Linda University, California, USA als Forschungsassistent über eineinhalb Jahre im Bereich der Schwerpunktthemen Lungenfunktion und extrakorporale Zirkulation teil. Nach diesem für damalige Verhältnisse sicherlich ganz außergewöhnlichen Auslandsaufenthalt, der schon früh auf das überaus starke persönliche Engagement von Herrn Bernhard für seine medizinischen Interessensgebiete und aber auch den Fokus in der persönlichen Weiterbildung hinwies, kehrte er für weitere sechs Jahre nach Bonn zurück, um einerseits klinisch den Facharzt für Chirurgie zu absolvieren und andererseits begleitend wissenschaftlich zu arbeiten. Vor einer sonst üblichen, direkt anschließenden klinischen Spezialisierung hat er noch einmal bei Professor Åke Senning in Zürich → Kiel-UP: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p28 143
144 85|2024 Christiana Albertina ausschließlich experimentell gearbeitet. Aus seinem dortigen Forschungsthema ›experimentelle Transplantation der homologen Mitralklappe und ihres Halteapparats‹ ergab sich konsequent die erfolgreiche Habilitation. Erst dann im Oktober 1965 trat er eine klinisch-wissenschaftliche Oberarztstelle in der Klinik für Chirurgie bei Professor Berthold Löhr in Kiel an und entwickelte mit ihm gemeinsam die Herzchirurgie als neue Disziplin des Kieler Universitätsklinikums. Professor Bernhard war in dieser Zeit in allen Belangen die entscheidende treibende Kraft, die aus einer Pionierleistung eine neue, ganz wesentliche klinische Disziplin entstehen ließ. Ihm wurde 1969 die Leitungsverantwortung für das Programm übertragen und später im Zuge von Verhandlungen, nachdem er einen Ruf zur Übernahme der neu gegründeten Herzchirurgie an der Rheinisch-Westfälischen Technische Hochschule Aachen ablehnte, die in Kiel neu formierte Klinik für Herzund Gefäßchirurgie übergeben. Er machte daraus eine große, leistungsfähige Klinik, die einen der vorderen Plätze in der herzchirurgischen Versorgung in Deutschland belegte mit einem Operationsaufkommen von zunächst 150 offenen herzchirurgischen Eingriffen pro Jahr, das dann unter seiner Ägide auf 700 bis 900 Herzoperationen ausgeweitet werden konnte. Abgesehen von dieser an sich schon spektakulären Entwicklung war das etablierte Operationsspektrum ganz enorm breit und innovativ aufgestellt mit komplexer Kinderherzchirurgie, differenzierter Herzklappenchirurgie unter Einschluss auch von Rekonstruktionen, koronarer Bypasschirurgie und einem sehr aktiven Herztransplantationsprogramm. Unter seiner Leitung expandierte auch die Gefäßchirurgie. In seiner zentralen Schaffenszeit als Klinikdirektor von 1973 bis 1993 baute er eine hochmoderne Klinikund Teamstruktur auf, die dann eine attraktive Plattform für die weitere Entwicklung ab 1993 durch Professor Axel Haverich, ← Abb. 1. Prof. Dr. Alexander Bernhard (1927–2024). Foto: privat.
Jochen Cremer | In memoriam Prof. Dr. Alexander Bernhard 145 von 1996 bis 1998 kommissarisch durch Professor Dieter Regensburger und anschließend durch mich ermöglichte. Das ganz besondere an der Lebensleistung von Professor Bernhard war, dass er aus den Pionierleistungen der jungen Herzchirurgie im internationalen Kontext auf Augenhöhe mit anderen Koryphäen des jungen Fachs neue Operationskonzepte entwickelte und klinisch implementierte und aber zugleich auch Operationssicherheit und klinische Resultate überdurchschnittlich verbesserte und damit relevante neue tragfähige Versorgungkonzepte realisierte. Abgesehen von diesem an sich schon beeindruckenden Lebenswerk, hatte er schon in seiner klinisch aktiven Zeit damit begonnen, herzchirurgische Aktivitäten in östlichen europäischen Ländern in ganz unterschiedlichen Aspekten mit hohem persönlichem Engagement zu fördern. Dies erstreckte sich sowohl auf die direkte Behandlung individuell ausgewählter komplexer Patienten, als aber auch ganz entscheidend auf Weiterbildungskonzepte für ärztliche Kolleginnen und Kollegen mit mehrmonatigen Hospitationen in Kiel, beziehungsweise auch differenzierten Weiterbildungsprogrammen zum Erlernen neuer Techniken in klinischer Anstellung. Er reiste regelmäßig zu osteuropäischen Partnerkliniken in Polen, Litauen, Lettland, der Ukraine, Bulgarien und Weißrussland und operierte auch dort vor Ort und leistete so einen substantiellen Transfer von hochaktueller praxisnaher herzchirurgischer Expertise. Auch nach seiner Emeritierung hielt er diese Weiterbildungsaktivitäten in Zusammenarbeit mit der Klinik für Herzund Gefäßchirurgie und der Klinik für Kinderkardiologie in Kiel aufrecht mit erheblicher persönlicher Initiative in der Einwerbung notwendiger finanzieller Unterstützung von politischer Seite, medizinischen Organisationen und Privatpersonen. Darüber hinaus sorgte er immer wieder auch für direkte materielle Unterstützung mit medizinischem Equipment, aber auch Finanzmitteln zum Aufbau von Operationssälen und Intensivstationen. Im Zusammenhang mit seiner engen Kooperation mit der Klinik für pädiatrische Chirurgie in Poznan wurde ihm 2004 die Ehrendoktorwürde der Universität der medizinischen Wissenschaften Poznan verliehen. Privat lebte er als Bayer mit seiner Frau auch nach seiner Emeritierung weiterhin in Schulensee in Schleswig-Holstein. Neben vielfältigen anderen Interessen, die er jetzt wahrnehmen konnte, widmete er sich der bildgebenden Kunst in einer Vielzahl von Ölund Acrylgemälden sowie auch Drucken in verschieden Techniken. Dabei blieb das Hauptthema das menschliche Herz. Den nahen persönlichen Kontakt zu verschiedenen seiner Schüler und der von ihm aufgebauten Klinik hat er bis zu seinem Lebensende im Alter von 96 Jahren behalten. Professor Bernhard war einer der ausgewiesenen Pioniere der deutschen Herzchirurgie, der unter immensem persönlichen Engagement unter Verzicht auf die Wahrnehmung vieler anderer Interessen einerseits die Klinik für Herzund Gefäßchirurgie hier in Kiel sehr erfolgreich aufgebaut hat und andererseits aber einen internationalen Impact sowohl in der fachbezogenen Wissenschaft als auch in einer kontinuierlichen, fachlichen Unterstützung ausgewählter osteuropäischer Einrichtungen geleistet hat.
146 85|2024 Christiana Albertina Autor Prof. Dr. Jochen Cremer Ehemaliger Direktor der Klinik für Herzund Gefäßchirurgie am UKSH – Campus Kiel Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0 . Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Werks von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.