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Mehr als nur Bilder: Zum Abschluss eines zwölfjährigen Forschungsprojekts zur Kölner Buchmalerei des 10./11. Jahrhunderts

Beuckers, Klaus Gereon

Abstract

Das Forschungsprojekt zur Kölner Buchmalerei des 10./11. Jahrhunderts, das 2024 mit der vollständigen, kommentierten Ausgabe des Hitda-Codex…

Full text

101 KLAUS GEREON BEUCKERS Mehr als nur Bilder Zum Abschluss eines zwölfjährigen Forschungsprojekts zur Kölner Buchmalerei des 10./11. Jahrhunderts Mit dem Erscheinen der vollständigen, kommentierten Ausgabe des Hitda-Codex (ULB Darmstadt, Hs 1640) schloss sich 2024 der Kreis zum Abschluss eines mehrjährigen, äußerst ergebnisreichen Forschungsprojektes zu den Kölner Prachthandschriften des 10./11. Jahrhunderts in Kiel. 1 Begonnen hatte es 2012 mit einer Kieler Tagung, bei der die Stifterin dieses Evangeliars, Äbtissin Hitda von Meschede, im Mittelpunkt stand und zum Anlass genommen wurde, den Forschungsstand der im späten 10. und der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts entstandenen ottonisch/salischen Kölner Buchmalerei neu zu überdenken. 2 Das Kölner Skriptorium bildete neben der Reichenau, Trier und – etwas später – Regensburg das künstlerisch vielleicht bedeutendste Zentrum der ottonischen Malerei, wobei in Köln der pastose, manchmal expressionistisch anmutende Farbauftrag, die stark abstrahierenden, wie Collagen komponierten Hintergrundgestaltungen, der Mut zu unkonventionellen Bildlösungen mit dynamischen Architekturdarstellungen und sphärischen Räumen einerseits sowie ikonografischen Neufindungen andererseits besonders auffallen. Die Bildtituli im Pariser Sakramentar (BNF Paris, Ms. lat. 817) und im Hitda-Codex lassen zudem eine explizite Bildreflexion erkennen, wie sie in frühmittelalterlicher Kunst äußerst selten ist und zeugen damit von einer intellektuellen Konzeption der Handschriften, die einen methodischen Zugang erfordert, der weit über eine Analyse der Bilder allein hinausgeht. 1 Der Hitda-Codex aus dem Kanonissenstift Meschede. Vollständige Wiedergabe des ottonischen Prachtevangeliars, komm. v. Klaus Gereon Beuckers, Kiel 2024. 2 Äbtissin Hitda und der Hitda-Codex (Universitätsund Landesbibliothek Darmstadt, Hs. 1640). Forschungen zu einem Hauptwerk der ottonischen Kölner Buchmalerei, hg. v. Klaus Gereon Beuckers, Darmstadt 2013. → Kiel-up: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p25 101 102 85|2024 Christiana Albertina Neuansätze zu den Tituli formulierte schon 2012 auf der Hitda-Tagung Joshua O’Driscoll, der später hierzu in Harvard promoviert wurde, 3 während Thomas Labusiak auf der Tagung gegenüber den bisher immer so fokussierten byzantinischen Einflüssen die karolingischen Grundlagen betonte und damit das Fenster zu einer anderen Kontextuierung öffnete. Der folgenschwerste Beitrag des Bandes war jedoch ein Aufsatz des Kieler Kollegen Ulrich Kuder, der die Datierungen der Handschriften der ›Malerische Gruppe‹ genannten Hauptgruppe neu diskutierte und dabei versuchte, die als ›Malerische Sondergruppe‹ benannten Scharnierhandschriften zu den salischen Codices ab den 1030er Jahren aufzulösen. Für den Hitda-Codex erschloss er dabei eine Frühdatierung bereits in den 970er Jahren, was sich zwar im weiteren Verlauf der Forschung nicht halten ließ, jedoch die Diskussion neu entfachte, die seit fast dreißig Jahren stagniert hatte. Der Tagung gelang damals somit zwar keine eindeutige Identifizierung der Person Hitdas, für die weiterhin ein Rahmen zwischen um 970 und um 1030 im Raum stehen blieb, sie zeigte aber, dass andere Herangehensweisen notwendig waren, um die Kölner Buchmalerei des 10./11. Jahrhunderts angemessen behandeln zu können. Dies war der Ausgangspunkt des Forschungsprojektes. Nach insgesamt fünf Tagungsund Aufsatzbänden (mit insgesamt 67 Beiträgen von 53 Autorinnen und Autoren aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Polen und den USA),4 drei Handschriftenmonografien,5 einer Monografie zur Rahmenornamentik6 und 3 Joshua O’Driscoll: Image and Inscription in the Painterly Manuscripts from Ottonian Cologne, Diss. Harvard University Cambridge MA 2015, https://dash.harvard.edu/handle/1/17467286 [10. März 2024]. – Die Texte in den Sammelbänden des Projektes werden zur Entlastung des Anmerkungsapparates nicht einzeln nachgewiesen. 4 Beuckers 2013 (wie Anm. 2). – Das Gerresheimer Evangeliar. Eine spätottonische Prachthandschrift als Geschichtsquelle, hg. v. Klaus Gereon Beuckers und Beate Johlen-Budnik (Forschungen zu Kunst, Geschichte und Literatur des Mittelalters, Bd. 1), Köln 2016. – Das Sakramentar aus Tyniec. Eine Prachthandschrift des 11. Jahrhunderts und die Beziehungen zwischen Köln und Polen in der Zeit Kasimirs des Erneuerers, hg. v. Klaus Gereon Beuckers und Andreas Bihrer unter Mitarbeit von Ursula Prinz (Forschungen zu Kunst, Geschichte und Literatur des Mittelalters, Bd. 3), Köln 2018. – Das Jüngere Evangeliar aus St. Georg in Köln. Untersuchungen zum Lyskirchen-Evangeliar, hg. v. Klaus Gereon Beuckers und Anna Pawlik (Forschungen zu Kunst, Geschichte und Literatur des Mittelalters, Bd. 5; Studien zu Kunstdenkmälern im Erzbistum Köln, Bd. 5), Köln 2019. – Das Gießener Evangeliar und die Malerische Gruppe der Kölner Buchmalerei, hg. v. Klaus Gereon Beuckers und Ursula Prinz unter Beteiligung von Markus Späth (Forschungen zu Kunst, Geschichte und Literatur des Mittelalters, Bd. 9), Köln 2023. 5 Klaus Gereon Beuckers: Das Prachtevangeliar aus Mariengraden. Ein Meisterwerk der salischen Buchmalerei. Die Handschrift Cod. 1001a der Erzbischöflichen Diözesanund Dombibliothek Köln (mit einem Beitrag von Doris Oltrogge), Luzern 2018. – Klaus Gereon Beuckers: Das Kölner Kaiserinnen-Evangeliar W 312. Ein ottonisches Prachtevangeliar im Historischen Archiv der Stadt Köln (Forschungen zu Kunst, Geschichte und Literatur des Mittelalters, Bd. 11), Köln 2024. – Beuckers 2024 (wie Anm. 1). 6 Ursula Prinz: Die Ornamentik der ottonischen Kölner Buchmalerei. Studien zur Rahmenfüllwerk (Libelli Rhenani. Schriften der Erzbischöflichen Diözesanund Dombibliothek zur rheinischen Kirchenund Landesgeschichte sowie zur Buchund Bibliotheksgeschichte, Bd. 71), Köln 2018. Klaus Gereon Beuckers | Mehr als nur Bilder 103 ↑ Abb. 1. Cover der Tagungsbände und Monografien aus dem Forschungsprojekt. 104 85|2024 Christiana Albertina einem knappen Dutzend Aufsätze außerhalb der Tagungsbände7 kommt das Forschungsvorhaben jetzt zum Abschluss. Flankiert wurde es zudem noch durch einen Sammelband zu frühen Prachtepistolaren (mit 14 weiteren Aufsätzen), der Herausgabe der 1989 verfassten Habilitationsschrift von Ulrich Kuder zur ottonischen Buchmalerei sowie Beiträgen zu den Mainzer Handschriften unter Erzbischof Willigis (amt. 975–1011) und der Reichenau im 10. Jahrhundert. 8 Insgesamt waren 7 Insbesondere: Klaus Gereon Beuckers: Bildnisse des 10. und 11. Jahrhunderts als rhetorische Konstruktion memorialer Funktion. Bemerkungen zum Widmungsbild des Svanhild-Evangeliars und zu den Essener Stifteremails, in: Netzwerke der Memoria [Festschrift für Thomas Schilp], hg. v. Jens Lieven, Michael Schlagheck und Barbara Welzel, Essen 2013, S. 85–106. – Klaus Gereon Beuckers: Das Gundold-Evangeliar in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Bemerkungen zu einem Kölner Prachtcodex des 10./11. Jahrhunderts, in: Philologia sanat. Studien für Hans-Albrecht Koch zum 70. Geburtstag, hg. v. Gabriella Rovagnati und Peter Sprengel, Frankfurt am Main 2016, S. 41–65. – Klaus Gereon Beuckers: Der verfügte Adressat. Manifestation und Autorenschaft in Herrscherbildern ottonischer und frühsalischer Buchmalerei, in: Mäzenaten im Mittelalter aus europäischer Perspektive. Von historischen Akteuren zu literarischen Textkonzepten, hg. v. Bernd Bastert, Andreas Bihrer und Timo Reuvekamp-Felber (Encomia Deutsch, Bd. 4), Göttingen 2017, S. 239–266. – Klaus Gereon Beuckers: Zur Verwendung von Evangeliaren des Frühund Hochmittelalters anhand von Beispielen aus Essen und anderen Frauenstiften, in: Fragen, Perspektiven und Aspekte der Erforschung mittelalterlicher Frauenstifte. Beiträge der Abschlusstagung des Essener Arbeitskreises für die Erforschung des Frauenstifts, hg. v. Klaus Gereon Beuckers und Thomas Schilp (Essener Forschungen zum Frauenstift, Bd. 15), Essen 2018, S. 67–110. – Klaus Gereon Beuckers: Zum Typus der Kölner Kanontafeln im 10./11. Jahrhundert und ihren Vorbildern. Am Beispiel des Evangeliars aus St. Maria ad Gradus (Diözesanbibliothek Köln Cod. 1001a), in: Mittelalterliche Handschriften der Kölner Dombibliothek. Siebtes Symposion der Diözesanund Dombibliothek Köln zu den Dom-Manuskripten, hg. v. Harald Horst (Libelli Rhenani. Schriften der Erzbischöflichen Diözesanund Dombibliothek zur rheinischen Kirchenund Landesgeschichte sowie zur Buchund Bibliotheksgeschichte, Bd. 70), Köln 2018, S. 15–62. – Ursula Prinz: Die älteste ottonische Kölner Prachthandschrift. Überlegungen zur malerischen Ausstattung des Everger-Epistolars (Cod. 143) unter besonderer Berücksichtigung der Ornamentik, in: Mittelalterliche Handschriften der Kölner Dombibliothek. Achtes Symposion der Diözesanund Dombibliothek Köln zu den Dom-Manuskripten, hg. v. Harald Horst (Libelli Rhenani. Schriften der Erzbischöflichen Diözesanund Dombibliothek zur rheinischen Kirchenund Landesgeschichte sowie zur Buchund Bibliotheksgeschichte, Bd. 73), Köln 2019, S. 153–205. – Klaus Gereon Beuckers: Willkommen zurück! Das Widmungsbild des Mailänder Evangeliars (Biblioteca Ambrosiana, C. 53 Sup.) und Gründungsabt Sandrad von Mönchengladbach, in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 226 (2023), S. 15–31. – Klaus Gereon Beuckers: Nicht nur Bilder. Forschungen zu den Kölner Prachthandschriften des 10./11. Jahrhunderts, in: Colonia Romanica. Jahrbuch des Fördervereins Romanische Kirchen Köln 37 (2023), S. 42–65. – Ursula Prinz: Verflochtene Zweige. Zum Initialschmuck zwischen Trier und Köln in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, in: Mittelalterliche Handschriften der Kölner Dombibliothek. Neuntes Symposion der Diözesanund Dombibliothek Köln zu den Dom-Manuskripten (25. und 26. November 2022), hg. v. Harald Horst (Libelli Rhenani. Schriften der Erzbischöflichen Diözesanund Dombibliothek zur rheinischen Kirchenund Landesgeschichte sowie zur Buchund Bibliotheksgeschichte, Bd. 85), Köln 2024, S. 261–290. 8 Klaus Gereon Beuckers: Zur Mainzer Buchmalerei unter Erzbischof Willigis (amt. 975–1011), in: In Gold geschrieben. Zeugnisse frühmittelalterlicher Schriftkultur in Mainz, Ausst. Kat. Domund Diözesanmuseum Mainz, hg. v. Winfried Wilhelmy und Timo Licht (Publikationen des Bischöflichen Domund Diözesanmuseums Mainz, Bd. 9), Regensburg 2017, S. 164– 219. – Ulrich Kuder: Studien zur ottonischen Buchmalerei [Habilitationsschrift Ludwig-Maximilian-Universität München 1989], hg. und eingel. von Klaus Gereon Beuckers (Kieler Kunsthistorische Studien, N.F. Bd. 17), 2 Bde., Kiel 2018. – Illustrierte Epistolare des frühen und hohen Mittelalters, hg. v. Klaus Gereon Beuckers, Vivien Bienert und Ursula Prinz, Regensburg 2021. – Klaus Gereon Beuckers: Bemerkungen zur Reichenauer Buchmalerei im 10. Jahrhundert, in: Die Klosterinsel Reichenau im Mittelalter. Geschichte – Kunst – Architektur, hg. v. Wolfgang Zimmermann, Olaf Siart und Marvin Gedigk, Regensburg 2024, S. 220–241. – Ursula Prinz: In höchstem Auftrag. Hersteller und Empfänger der Reichenauer Prachthandschriften, in: Welterbe des Mittelalters. 1300 Jahre Klosterinsel Reichenau, Ausst. Kat. Badisches Landesmuseum Karlsruhe, hg. v. Badisches Landesmuseum, Regensburg 2024, S. 372–383. Klaus Gereon Beuckers | Mehr als nur Bilder 105 an dem Kieler Projekt weite Teile der internationalen Spezialisten zur ottonischen Buchmalerei beteiligt. Von den zwanzig bekannten Kölner Prachthandschriften wurden 15 einer neuen Untersuchung durch mindestens einen monografischen Aufsatz, meist durch einen ganzen Band unterzogen. 9 Methoden und Konzept Die in dem Projekt angewandten Herangehensweisen waren entsprechend der Unterschiedlichkeit der Fragestellungen und Fachrichtungen sowie der beteiligten Forscherpersönlichkeiten und auch der thematischen Anforderungen bewusst breit gefächert. Hatte sich die bisherige Forschung, für welche die erste umfassende Untersuchung der Kölner Malerei durch Heinrich Ehl von 1922 und vor allem das große Korpuswerk von Peter Bloch und Hermann Schnitzler 1967/70 stehen,10 weitgehend mit den klassischen kunsthistorischen Methoden der Ikonografie, Stilund Motivkritik dem Material genähert, so wurden jetzt diese Aspekte insbesondere in der Motivanalyse auf aktualisiertem Forschungsstand fortgesetzt. Die Schwerpunkte lagen jedoch in einer Kontextforschung, die sich sowohl den historischen Umständen der Entstehung der Handschriften und ihres Umfeldes mit den in ihnen zeitgenössisch eingetragenen Texten, Namen und Darstellungen historischer Personen als auch den später hinzugekommenen Nachträgen und Veränderungen widmete. So beschäftigte sich die zusammen mit dem Kieler Historiker Andreas Bihrer an der Förde organisierte Tagung 2017 unter anderem mit den polnisch-kölnischen Kontakten um die Mitte des 11. Jahrhunderts, über welche das in Köln entstandene Sakramentar nach Tyniec bei Krakau (NB Warschau, BOZ 8) gelangt ist;11 in der Tagung in Gerresheim 2015 und dem Sammelband zum Lyskirchen-Evangeliar 2019 standen hingegen unter anderem die Nachträge im Mittelpunkt, die in den Evangeliaren nach deren aktiver Nutzung in der Liturgie seit dem Hochmittelalter bis in den Barock mit Urkunden, Eiden oder Visitationsprotokollen eingeschrieben wurden. Diese bisher kaum untersuchten Aspekte wurden in Kontexte anderer Codices gestellt und auch am kunsthistorischen Bestand beispielsweise mit dem Wechsel von Einbänden kon9 Keine monografischen Untersuchungen erhielten die Evangeliare aus St-Gérard de Brogne im Priesterseminar von Namur (M 43 [13]), aus St. Gereon (WLB Stuttgart, Cod. bibl. fol. 21), in Bamberg (StaB., Msc. Bibl. 94) und London (BL, Harley Add. MS 2820) sowie die Nürnberger Einzelblätter (GNM Kupferstichkabinett, Mn 394 u. 395). 10 Heinrich Ehl: Die ottonische Kölner Buchmalerei. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der frühmittelalterlichen Kunst in Westdeutschland (Forschungen zur Kunstgeschichte Westeuropas, Bd. 4), Bonn 1922. – Peter Bloch / Hermann Schnitzler: Die ottonische Kölner Malerschule, 2 Bde., Düsseldorf 1967/70. 11 Beuckers/Bihrer 2018 (wie Anm. 4). 106 85|2024 Christiana Albertina ↑ Abb. 2. Lyskirchen-Evangeliar, Pfarrkirche St. Georg in Köln, fol. 7r: Nachtrag mit dem Eid der Lehnsleute (16. Jh.) auf dem freien Platz nach der Evangelien-Vorrede Beatus papae der Anlagehand (11. Jh.). Bildstelle des Erzbistums Köln. Klaus Gereon Beuckers | Mehr als nur Bilder 107 t extuiert. 12 Ziel war es hier, nebenbei – in Anlehnung an Arbeiten Anton von Euws 13 – einen anderen methodischen Zugang zu den Handschriften aufzuzeigen, der diese als Ganze und nicht nur als Bildwerke oder Bildträger in den Blick nimmt. Dies macht derzeit Schule. 14 Die Beiträge der Sammelbände gingen über die Einund Nachträge weit hinaus und thematisierten Aspekte wie beispielsweise die der seriösen Handschriftenforschung methodisch immer zugrundeliegende Kodikologie, stellenweise die im Köln des 10./11. Jahrhunderts besonders problematisch zu erfassenden Paläografie, kunsthistorische Vergleiche und Einordnungen sowie Provenienzfragen. Ein wichtiger und für die hochmittelalterlichen Handschriften bisher so gut wie nur liturgiewissenschaftlich thematisierter Zugang war die Analyse der Capitulare evangeliorum, also der Liste der jahreschronologischen Lesezuweisung der Perikopen am Ende der Evangeliare. Sie wurden in Hinblick auf ihre wechselseitigen Abhängigkeiten und die Herkunft der Text sowie die spezifischen Einträge, die Hinweise zur Bestimmung und Provenienz geben, ausgewertet, wodurch Beate Braun-Niehr, die sich dem vor allem widmete, sehr weitreichende Ergebnisse zur Provenienzgeschichte und auch zu den wechselseitigen Beeinflussungen, die letztlich für die Lokalisierung der gesamten Produktion nach St. Pantaleon in Köln die entscheidenden Argumente lieferte, erbringen konnte.15 Neben dem bildlichen und textlichen wurde auch der materielle Bestand der Handschriften durch Untersuchungen der Malmittel und maltechnischer Spezifika erforscht und bildete seit der Gerresheimer Tagung einen festen Bestandteil in jedem Band (mit Ausnahme des in Warschau liegenden Tyniec-Sakramentars, da hier eine Zugänglichkeit für technologische Untersuchungen nicht gewährt wurde). Erstellt wurden diese Untersuchungen vor allem durch Doris Oltrogge von der Technischen Hochschule Köln, teilweise in Zusammenarbeit mit Robert Fuchs.16 Die Tagungen widmeten sich bewusst monografisch einzelnen Handschriften, die dann untersucht und kontextuiert wurden, um die unterschiedlichen methodischen Zugänge offenzulegen. Alle Bände enthalten seit dem Teilprojekt zum Gerresheimer Evangeliar einen Anhang mit dem vollformatigen, farbigen Druck aller Zierseiten und wichtiger Stellen des jeweiligen Codex, wobei immer die Doppelseiten abgebildet wurden, um den Charakter der Handschrift 12 Beuckers/Johlen-Budnik 2016 (wie Anm. 4). – Beuckers/Pawlik 2019 (wie Anm. 4). 13 Anton von Euw: Das Evangeliar von St. Maria Lyskirchen. Bestimmung und Gebrauch einer mittelalterlichen Handschrift, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 64 (1993), S. 15–36. – Anton von Euw: Das Aachener Evangeliar Kaiser Ottos III. im Licht seiner Privilegien und Eidesformeln, in: Geschichte im Bistum Aachen 2 (1994), S. 37–53. – Anton von Euw: Frühund hochmittelalterliche Evangelienbücher im Gebrauch, in: Der Codex im Gebrauch, hg. v. Christel Meier, Dagmar Hüpper und Hagen Keller (Münstersche Mittelalter-Schriften, Bd. 70), München 1996, S. 21–30. 14 Vgl. beispielsweise zuletzt: Die Welt des Evangeliars. Liesborn und das Damenstift (9.–12. Jahrhundert), hg v. Julia von Ditfurth und Sebastian Steinbach (Liesborner Abteigespräche zur Kunstund Kulturgeschichte, Bd. 1; Quellen und Forschungen zur Geschichte des Kreises Warendorf, Bd. 65), Münster 2024. 15 Die Beiträge in Beuckers/Bihrer 2018 (wie Anm. 4). – Beuckers/Prinz 2023 (wie Anm. 4). – Beuckers 2024 (wie Anm. 5). 16 Die Beiträge in Beuckers/Johlen-Budnik 2016 (wie Anm. 4). – Beuckers 2018 (wie Anm. 5). – Beuckers/Pawlik 2019 (wie Anm. 4). – Beuckers/Prinz 2023 (wie Anm. 4). – Beuckers 2024 (wie Anm. 5). 108 85|2024 Christiana Albertina als Objekt gegenüber rein bildlichen Zugängen zu betonen. So übernahmen die Bände auch ein wenig die Funktion von Faksimiles und stellen für zukünftige Forschungen bisher unzugängliches Material zur Verfügung. Nachdem die Kölner Buchmalerei des 10./11. Jahrhunderts von der Forschung vor allem Bloch/Schnitzlers in vier zeitlich aufeinander folgende Abschnitte der ›Malerischen Gruppe‹, ›Malerischen Sondergruppe‹, ›Reichen Gruppe‹ und der ›Strengen Gruppe‹ unterteilt hatte, wurde im Projekt aus jeder Gruppe eine aussagekräftige Handschrift ausgewählt. Begonnen hatte die Reihe mit dem Hitda-Codex aus der ›Malerischen Gruppe‹, wo die Frage nach der Existenz und zeitlichen Zuordnung der ›Malerischen Sondergruppe‹ aufgeworfen worden war. 17 Dem widmete sich dann mit dem Gerresheimer Evangeliar aus der ›Malerischen Sondergruppe‹ die zweite Tagung und auch ein Teilprojekt zum ebenfalls der ›Malerischen Sondergruppe‹ zugeordneten Gundold-Evangeliar in Stuttgart (WLB, Cod. bibl. qt. 2a/b), in denen die Auflösung dieser Gruppe widerlegt wurde. 18 Als Monografie folgte das Buch zum Evangeliar aus Mariengraden in Köln als Hauptwerk der ›Reichen Gruppe‹ (Erzbischöfliche Diözesanund Dombibliothek, Hs. 1001a). 19 Anschließend wurde mit dem Sakramentar aus Tyniec (NB Warschau, BOZ 8) die älteste erhaltene Handschrift der ›Strengen Gruppe‹ zum Thema einer Tagung, bevor mit dem Lyskirchen-Evangeliar (Schatzkammer St. Georg Köln) die jüngste Handschrift der Gesamtproduktion mit wohl erst im 12. Jahrhundert nachgetragenen Bildern in der als Nachzügler zur ›Strengen Gruppe‹ gehörenden Handschrift zum Subjekt eines Aufsatzbandes ohne Tagung wurde. 20 Die relative Abfolge der Handschriften innerhalb der ›Strengen Gruppe‹ hatte durch die zwischenzeitlich aus dem Projekt heraus vorgelegte Untersuchung der Rahmenornamentik durch Ursula Prinz – einer Kieler Masterarbeit, deren Buchauflage binnen weniger Wochen vergriffen war und nachgedruckt werden musste – deutlich an Klarheit gewonnen. 21 Sie wurde jetzt durch weitere, vor allem historische Argumente zum Tyniec-Codex und der Zuweisung des heute in Berlin aufbewahrten Abdinghof-Evangeliars (SMB Kupferstichkabinett, Cod 78 A 3), für das eine Entstehung zur Weihe von St. Severin in Köln 1046 nahegelegt werden konnte, ergänzt und führte zu einer relevant früheren Datierung der gesamten Gruppe in die 1040er Jahre. Die immer noch ungeklärte Struktur der ›Malerischen Gruppe‹, die kunsthistorisch den Höhepunkt der Gesamtproduktion bildet, machte es notwendig, am Ende zu dieser zurückzukommen, wobei hierfür das Gießener Evangeliar gewählt wurde, das mitten in der Gruppe 17 Vgl. Beuckers 2013 (wie Anm. 2). 18 Beuckers/Johlen-Budnik 2016 (wie Anm. 4). – Beuckers 2016 (wie Anm. 7). 19 Beuckers 2018 (wie Anm. 5). 20 Beuckers/Bihrer 2018 (wie Anm. 4). – Beuckers/Pawlik 2019 (wie Anm. 4). 21 Prinz 2018 (wie Anm. 6). – Ursula Prinz bildet seit 2018 mit dem Unterzeichner das Team dieses Forschungsprojekts. Klaus Gereon Beuckers | Mehr als nur Bilder 109 anzuordnen ist. 22 Waren bei den Teilprojekten zu Tyniec und Lyskirchen bereits die Datierung und Struktur der ›Strengen Gruppe‹ neu gefasst worden, so geschah dies jetzt mit der gesamten ›Malerischen Gruppe‹, zu deren Vertretern systematisch Beiträge eingeworben wurden. Als letzte Tagung des Projektes wurde deshalb der Kreis der kunsthistorischen Einordnung besonders breit angesetzt. Die neue Binnenchronologie der Gruppe wie auch die Datierung in die 980/990er Jahre erforderte eine Neubewertung des Evangeliars W 312 aus dem Kölner Stadtarchiv, zu dem deshalb eine Monografie vorgelegt wurde, welche die Forschungen zur ›Malerischen Gruppe‹ abschloss, bevor zuletzt mit dem vollständigen Nachdruck des HitdaCodex das Hauptwerk der ›Malerischen Gruppe‹ durch einen Kommentar nicht zuletzt auch zu den szenischen Darstellungen noch einmal in den Blick genommen wurde. 23 Insgesamt ergab sich so eine neue Abfolge der Handschriften und eine geschlossene Datierung der ›Malerischen Gruppe‹ in die 980er und frühen 990er Jahre, somit gleichzeitig zur 22 Beuckers/Prinz 2023 (wie Anm. 4). 23 Beuckers 2024 (wie Anm. 5). – Beuckers 2024 (wie Anm. 1). ↑ Abb. 3. Hitda-Codex: Sturm auf dem See Genezareth (um 980/90), Universitätsund Landesbibliothek Darmstadt, HS. 1640, fol. 116v/117r