»Demokratisierung ist doch albern!«: Vier Professoren und die Studentenrevolte an der CAU Kiel
Abstract
Im Herbst 1969 äußerte der Kieler Romanistikprofessor Karl August Ott in einer Vorlesung die provokante Bemerkung: »Demokratisierung ist doch…
Full text
71 ANNE KROHN »Demokratisierung ist doch albern!« Vier Professoren und die Studentenrevolte an der CAU Kiel Im Herbst 1969 konstatierte der Kieler Professor für Romanistik, Karl August Ott, in einer seiner Vorlesungen »Demokratisierung ist doch albern!«. 1 Dieser Ausruf ist sicherlich in erster Linie als Reaktion auf eine unmittelbare Herausforderung durch Studierende zu verstehen, die im Hörsaal vor Ott saßen und mit ihm diskutieren wollten. Aus diesem Satz spricht aber neben Unverständnis für die Belange der Studierenden, die mit gesteigerten Partizipationsansprüchen auftraten und diese auch artikulierten, 2 nicht zuletzt eine beinahe trotzige Abwehrhaltung in Bezug auf das jahrelange Ringen um mehr Mitbestimmung 3 in Entscheidungsprozessen. Die Bemühungen um eine Hochschulreform und die aufkommenden Studentenproteste Ende der 1960er Jahre sorgten für teils verhärtete Fronten zwischen und innerhalb sämtlichen Akteursgruppen: Studenten legten sich mit den Professoren an, Professoren verbündeten sich gegen das Rektorat, der Senat schoss gegen den Kultusminister und dann wiederum verbündeten sich einzelne Professoren mit den Studierenden, um deren Anliegen zu diskutieren und für eine Verbesserung der Studienbedingungen einzutreten. Dass Demokratisierung etwas Albernes sei, lässt eine eher reformfeindliche Haltung innerhalb der Professorenschaft erahnen, die längst nicht nur in Kiel, sondern bundesweit an den Universi1 Flugblatt vom 6. November 1969, Stadtarchiv Kiel, Z 297, Bestand Zeitzeichen. 2 Vgl. Stefan Bichow: Die Universität Kiel in den 1960er Jahren. Ordnungen einer akademischen Institution in der Krise, hg. v. Christoph Cornelißen (Kieler Werkstücke, Reihe H: Beiträge zur Neueren und Neuesten Geschichte, Bd. 3), Frankfurt am Main 2013, S. 19. 3 Die Forderung nach einer Demokratisierung der Universität und nach mehr Partizipationsmöglichkeiten sollte vor allem durch das Konzept der Drittelparität erfüllt werden, also einer gleichberechtigten Vertretung von Professorenschaft, Assistentenschaft und Studierendenschaft in den Gremien. Vgl. Anne Rohstock: Von der ›Ordinarienuniversität‹ zur ›Revolutionszentrale‹? Hochschulreform und Hochschulrevolte in Bayern und Hessen 1957–1976, hg. v. Institut für Zeitgeschichte (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 78), München 2010, S. 3. → Kiel-up: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p23 71
72 85|2024 Christiana Albertina täten festzustellen war. 4 Für viele Professoren war die Forderung nach mehr Mitbestimmung gleichzusetzen mit einem Verlust der Universitätstradition im Humboldt‘schen Sinne. Die Freiheit von Forschung und Lehre und das Konzept der inneruniversitären Selbstverwaltung schien bedroht und vor allem die Lehrstuhlinhaber sahen sich in ihrer Position angegriffen. 5 Der vorliegende Beitrag widmet sich der Frage, vor welchen Herausforderungen die Universität und die Professoren standen und wie die gewachsenen Ansprüche einer sich im Wandel befindlichen Gesellschaft auf die Institution gewirkt haben. Dabei soll es zunächst um grundsätzliche Entwicklungen des Hochschulausbaus gehen, bevor ein besonderes Augenmerk auf die Studentenproteste in Kiel gelegt wird. In einem zweiten Schritt werden vier Fallbeispiele vorgestellt, die konkrete Konfliktfälle im Kontext der Studentenproteste in Kiel illustrieren. Es kann hierbei nicht das Ziel sein, einen typischen Professor der späten 1960er und frühen 1970er Jahre herauszuarbeiten. Vielmehr soll sich dieser Akteursgruppe anhand einzelner Blicke in die Quellen genähert werden, wodurch unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten und individuelle Einstellungen in Bezug auf die Forderungen der Studierenden hervortreten. Die ›langen 1960er Jahre‹6 und die Bildungsexpansion Bereits seit Mitte der 1950er Jahre wurde die sogenannte Bildungsexpansion, also die Erneuerung und der Ausbau des Hochschulwesens, längst nicht mehr nur in akademischen Kreisen diskutiert, sondern auch immer mehr in der breiten Öffentlichkeit. 7 In der Presse wurde immer häufiger die Forderung nach mehr Transparenz laut. Es sei an der Zeit , den Blick auf die deutschen Universitäten zu richten. Immerhin handele es sich, wie Rudolf Walter Leonhardt im Hamburger Wochenblatt Ende Oktober 1958 bereits feststellte, um eine »Institution unseres 4 Vgl. auch im Folgenden Sebastian Brandt: Universität und Öffentlichkeit in der Expansionsund Reformphase des deutschen Hochschulwesens (1955–1967), in: Universität, Wissenschaft und Öffentlichkeit in Westdeutschland (1945 bis ca. 1970), hg. v. Sebastian Brandt u.a., Stuttgart 2014, S. 115–140, hier: S. 130–131. 5 Christoph Cornelißen: Von der Aufbruchsstimmung zum Krisendiskurs der 1970er Jahre. Die Christian-AlbrechtsUniversität im Spiegel ihrer Rektoratsreden, in: Wissenschaft im Aufbruch. Beiträge zur Wiederbegründung der Kieler Universität nach 1945, hg. v. Christoph Cornelißen (Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 88), Essen 2014, S. 182–209, hier S. 185; Cornelißen hält es für »insgesamt bemerkenswert, wie rasch die Verantwortlichen an allen westdeutschen Universitäten an überkommene Bildungstraditionen anknüpften«, ebd. 6 Als die ›langen 1960er Jahre‹ wird in der Forschung der Zeitraum von etwa 1957/58 bis 1972/73 bezeichnet. Die Reformierung und Verrechtlichung des Hochschulwesens ist in Bezug auf das hier behandelte Thema insbesondere hervorzuheben. Vgl. Moritz Mälzer: Auf der Suche nach der neuen Universität. Die Entstehung der ›Reformuniversitäten‹ Konstanz und Bielefeld in den 1960er Jahren, hg. v. Manfred Hettling und Paul Nolte (Bürgertum Neue Folge. Studien zur Zivilgesellschaft, Bd. 13), Göttingen 2016, S. 13. – Christina von Hodenberg und Detlev Siegfried: Reform und Revolte. 1968 und die langen sechziger Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik, in: Wo ›1968‹ liegt. Reform und Revolte in der Geschichte der Bundesrepublik, hg. v. Christina von Hodenberg und Detlev Siegfried, Göttingen 2006, S. 7–14, hier S. 8. 7 Brandt 2014 (wie Anm. 4), S. 115. – Vgl. auch Bichow 2013 (wie Anm. 2), S. 17.
Anne Krohn | »Demokratisierung ist doch albern!« 73 öffentlichen Lebens«, nicht um eine »Tabu-Zone«.8 Die Universitäten gerieten zunehmend in das kritische Blickfeld der Massenmedien und der Öffentlichkeit, eine Entwicklung, die Zeugnis dafür stand, dass sich die Gesellschaft längst verändert hatte. Der Nachkriegsboom hatte eine von Massenkonsum und Wachstum geprägte Gesellschaft hervorgebracht, die, so argumentiert Philipp Gassert in seinem grundlegenden Band zu Protestbewegungen seit 1945, auch eine »demokratischer[e] als die im 19. und frühen 20. Jahrhundert dominierende Industriegesellschaft« war.9 Breiten Bevölkerungsteilen bot sich nun Zugang zu bisher unerreichten Produkten und höherem Lebensstandard. Mit dem massenhaften Wohlstand ging ein Wandel in der Arbeitswelt einher, der neue Spielräume eröffnete, etwa für Frauen, Arbeiter aber auch für Jugendliche. Dienstleistungen wurden wichtiger und der Wissenschaft und Bildung kam somit eine immer größere Bedeutung zu. Die Formierung eines »neuen Mittelstandes« ging einher mit einer »Verwissenschaftlichung der Gesellschaft«. 10 Hinzu kam die Tatsache, dass die geburtenstarken Jahrgänge der 1930er und 1940er Jahre nun in die Universitäten strömten. In den zehn Jahren seit der Gründung der Bundesrepublik hatte sich die Zahl der Studierenden verdoppelt und seit Mitte der 1950er Jahre stiegen die Zahlen wiederum rasanter an. Das Resultat war ein Massenbetrieb an den Unis: überfüllte Hörsäle, Seminare und Bibliotheken, Wohnungsmangel und überforderte Studierende, die aufgrund des Platzmangels immer länger studierten. Ein angemessenes Betreuungsverhältnis zwischen Professor und Student war bei der Menge an Lernenden überhaupt nicht mehr zu gewährleisten und für die Forschung blieb immer weniger Zeit.11 Gleichzeitig ging es vielen Menschen mit der Bildungsexpansion nicht schnell genug, denn im internationalen Vergleich, so die damalige Auffassung vieler Beobachter, könne die Bundesrepublik auf Dauer nicht mithalten. 12 Aus ökonomischer Sicht sorgte man sich um die internationale Konkurrenzfähigkeit. Aus gesellschaftspolitischer Sicht wurden wiederum die soziale Ungerechtigkeit und ungleiche Bildungschancen angeprangert. Der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften schien trotz der gestiegenen Studierendenzahlen nicht gedeckt. 1964 brachte der Philosoph, Theologe und Pädagoge Georg Picht es mit seiner vielzitierten Losung von der deutschen Bildungskatastrophe 13 auf den Punkt und befeuerte damit auch auf politischer Ebene die seit Mitte der 1950er Jahre zu beobachtende Reformphase. Ebenso wie Picht trat der 8 Zit. nach Brandt 2014 (wie Anm. 4), S. 116. 9 Hier und im Folgenden Philipp Gassert: Bewegte Gesellschaft. Deutsche Protestgeschichte seit 1945, Stuttgart 2018, S. 109–110. 10 Brandt 2014 (wie Anm. 4), S. 119, auch im Folgenden. 11 Vgl. Brandt 2014 (wie Anm. 4). S. 119–120. 12 Vgl. im Folgenden Brandt 2014 (wie Anm. 4), S. 121–122. 13 Georg Picht: Die deutsche Bildungskatastrophe, München 1965.
74 85|2024 Christiana Albertina Soziologe Ralf Dahrendorf für eine Erhöhung der Abiturientenund Studierendenzahlen ein, allerdings weniger aus einem ökonomischen Blickwinkel. Für ihn sollte die reale Chancengleichheit im Bildungswesen die Basis bilden für eine »moderne Gesellschaft in der Verfassung der Freiheit«, also Bildung als Bürgerrecht. 14 Diese Reformphase hielt insgesamt bis in die Mitte der 1970er Jahre an. In der Forschung wird deshalb auch das Bild der 1960er Jahre als ›Scharnierjahrzehnt‹ bedient, das das Ende einer klassischen von den Humboldt‘schen Bildungsidealen geprägten Universitätsgeschichte darstellt. 15 Die Überlegungen zu konkreten Reformmaßnahmen wurden vom 1957 gegründeten Wissenschaftsrat zu Papier gebracht. 16 Die von diesem Rat 1960 veröffentlichten Empfehlungen dienten den Hochschulen als Orientierung bei ihrem anzustrebenden Umund Ausbau. Die zu treffenden Maßnahmen betrafen zunächst hauptsächlich den Ausbau des Lehrkörpers und des akademischen Personals sowie mögliche Zulassungsbeschränkungen. Im Falle Kiels wurden diese inneren Umstrukturierungen begleitet von der sukzessiven baulichen Erweiterung des Campus‘, die in ihrer Architektur ebenfalls ein gewandeltes universitäres Selbstverständnis und eine »Öffnung in die Gesellschaft« verkörperte. 17 Es sollte sich jedoch bald zeigen, dass der rein quantitative, also in erster Linie personelle und bauliche Ausbau, nicht ausreichen würde. 18 Es galt, nicht nur die unmittelbaren Symptome zu lindern, sondern das Hochschulwesen für die veränderten Bedingungen der Gegenwart zu wappnen. Die Debatte fokussierte sich daher bald auf eine grundlegende Reform des Studiums an sich. Die Idee eines allgemeinund menschenbildenden Studiums geriet zunehmend unter Druck, weil nun für immer mehr Studierende der Aspekt der Berufsausbildung im Mittelpunkt stand. 19 Was sich daher also oft beobachten lässt, ist gewissermaßen ein Ringen der Reformer zwischen dem Erhalten des traditionellen Humboldt‘schen Bildungsideals auf der einen und den Forderungen nach Berufsausbildung auf der anderen Seite. Das humanistische Ideal nach Humboldt vom ganzheitlich gebildeten Menschen stand in Abgrenzung zu einer utilitaristischen, also auf Nützlichkeit, Stand oder Beruf konzentrierten Perspektive. Gerade jene utilitaristische Perspektive gewann vor dem Hintergrund der veränderten berufsweltlichen Ansprüche jedoch immer mehr an Bedeutung. Aber nicht nur der Ansatz der ganzheitlichen Bildung des Menschen wurde vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Entwicklungen 14 Ralf Dahrendorf: Die Schulfeindlichkeit der Praktiker. Eine aktive Bildungspolitik für Deutschland (2), in: Die Zeit vom 19. November 1965. 15 Vgl. Bichow, 2013 (wie Anm. 2) S. 13–14. 16 Vgl. im Folgenden Brandt 2014 (wie Anm. 4), S. 125. – Den ideellen Unterbau und Bezugspunkt bildete das Bildungsideal nach Wilhelm von Humboldt, vgl. dazu Mälzer 2016 (wie Anm. 6), S. 24. 17 Klaus Gereon Beuckers: Gebaute Bildungspolitik. Die architektonische Entwicklung der CAU, in: Christian-AlbrechtsUniversität zu Kiel. 350 Jahre Wirken in Stadt, Land und Welt, hg. v. Oliver Auge, Kiel 2015, S. 175–215, hier S. 191. 18 Vgl. im Folgenden Brandt 2014 (wie Anm. 4), S. 126 u. 130. 19 Vgl. Brandt 2014 (wie Anm. 4), S. 127–128.
Anne Krohn | »Demokratisierung ist doch albern!« 75 an den Universitäten immer unrealistischer. Auch der Grundsatz der Einheit von Forschung und Lehre, also der Idee, dass Studierende aktiv an der Forschung teilnehmen und dadurch selbst wissenschaftliches Arbeiten erlernen, muss vielen Hochschulangehörigen angesichts überfüllter Seminarräume oder Laborpraktika immer unrealisierbarer erschienen sein. Ebenso war die Bewahrung der Freiheit von Wissenschaft und Lehre, von freier wissenschaftlicher Arbeit ohne äußere Vorgaben oder Beschränkungen, Gegenstand wiederholter Forderungen der Professorenschaft innerhalb der Reformdebatte. Erstmals wurden in den 1960er Jahren parlamentarische Schritte unternommen, um das Verhältnis zwischen Staat und Universität gesetzlich zu regeln. Bis dato gab es bis auf wenige Ausnahmen in keinem Bundesland Hochschulgesetze, die einerseits die Kompetenzen der Hochschulen und andererseits die Eingriffsrechte des Staates absteckten. Dort, wo früher Gewohnheitsrecht und Gutdünken der Professorenschaft herrschten, waren diese nun vom Kultusministerium angewiesen, eine Hochschulverfassung zu verabschieden. 20 Die ›‘68er‹ in Kiel Mit dem Aufkommen der Studentenproteste, den sogenannten ›‘68ern‹, wurde die Debatte um Reformen zunächst verschärft, aber von den zunehmend radikaleren Auseinandersetzungen an den Hochschulen teilweise auch überlagert. Wichtig hervorzuheben ist, dass die Vorgaben des Wissenschaftsrates keine verpflichtenden Anforderungen für die Hochschulen darstellten. Der Erneuerungsprozess verlief keineswegs so dynamisch und schnell wie erhofft, weshalb die Universitäten in der Öffentlichkeit bald als reformunwillig galten. Ähnlich wie in anderen Hochschulstädten fasste man die Bildung der großen Koalition aus CDU und SPD im Dezember 1966 auch an der Kieler Universität bisweilen kritisch auf. 21 Die politische Atmosphäre an der Universität veränderte sich, immer mehr Studierende engagierten sich in der Hochschulpolitik. Spätestens der 2. Juni 1967, als in Berlin der Student Benno Ohnesorg bei der Demonstration anlässlich des Besuchs des iranischen Schahs von einem Polizisten erschossen wurde, stellte auch für Kiel einen Schlüsselmoment dar. In den Tagen darauf fanden Trauerkundgebungen und Protestmärsche in Kiel statt, an denen sich auch das Rektorat und Professoren beteiligten. In den gleichen Zeitraum fielen erste große Protestkundgebungen gegen den Bildungsnotstand und für eine demokratisch verfasste Universität. Um die Jahreswende standen die Fahrpreiserhöhungen der KVG im Fokus der Proteste, an denen auch Kieler Schülerinnen 20 Tim Uekert: ›Jetzt müssen wir was machen‹: Der Wiederaufbau der zerstörten Universität nach dem Zweiten Weltkrieg und die Anfänge studentischer Protestkultur, in: Macht, Politische Kultur, Widerstand. Studentischer Protest an der Universität Kiel, hg. v. Markus Tauschek, Münster 2016, S. 20–28, hier S. 26. 21 Vgl. im Folgenden Wilfried Müller: Die Kieler Studierendenbewegung: Eine persönliche Chronologie, in: Auge 2015 (wie Anm. 17), S. 611–621, hier S. 615.
76 85|2024 Christiana Albertina und Schüler in großer Zahl teilnahmen. Das Sommersemester 1968 begann wiederum mit einem emotionalen Paukenschlag: Der Wortführer des SDS Rudi Dutschke wurde am 11. April in Berlin am Kurfürsten-Damm angeschossen und verstarb einige Jahre später an den Folgen seiner Verletzungen. Ende Mai wurde an der Universität gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze gestreikt; Höhepunkt der Aktionen war eine Demonstration mit mehreren tausend Beteiligten. Bekannte überregional diskutierte Themen der westdeutschen Studentenbewegung, etwa die Kritik am Vietnam-Krieg, an der mangelnden Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Eliten, an bestehenden Erziehungsmodellen, an staatlicher Autorität und Polizeigewalt, finden sich in unterschiedlichen Formen und Intensitäten auch in den Kieler Flugblättern und Studentenzeitschriften der Zeit wieder. Es waren jedoch Fragen nach der Studienreform, nach einer neuen Universitätsverfassung, nach dem Hochschulgesetz, nach einem neuen Ordnungsrecht für die bundesdeutschen Universitäten und die Ausgestaltung eines solchen Ordnungsrechts in Kiel, die immer im Hintergrund diskutiert wurden und wiederholt für Auseinandersetzungen sorgten. Insofern trifft die Einschätzung der Historikerinnen Anne Rohstock und Christina von Hodenberg, die Studentenbewegung habe zwar Einfluss auf die Veränderungen an den Hoch- ↑ Abb. 1. Streik an der CAU gegen die Notstandsgesetzgebung. Diskussion in der Mensa am Westring, in der ersten Reihe v. r.: Prorektor Prof. Dr. Wolfgang Herre, Rektor Prof. Dr. Horst Braunert, Rektor designatus Prof. Dr. Ludwig Weisbecker und Altphilologe Prof. Dr. Erich Burck. Foto 29.5.1968: Friedrich Magnussen, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-SA 3.0 DE , Stadtarchiv Kiel, Fotoarchiv , Sign. 21.564.
Anne Krohn | »Demokratisierung ist doch albern!« 77 schulen gehabt, sei aber »weder der einzige noch alles bestimmende Faktor des ausgemachten Wandels« gewesen, 22 auch für Kiel zu. ›‘68‹ kann auch in Kiel als ein Höhepunkt innerhalb einer längeren Liberalisierungsphase gesehen werden. Vier Professoren im Visier der Studentenrevolte Karl-Dietrich Erdmann wurde 1910 in Mülheim am Rhein geboren und studierte seit 1928 Geschichte, Theologie und Philosophie in Köln, Paris, London und Marburg. Er promovierte 1933 und ging dann in den Schuldienst. Von Mai 1940 bis März 1944 folgte der Kriegsdienst an der Westfront, zum Ende des Krieges war er in der Offiziersausbildung tätig. Im September 1945 habilitierte Erdmann sich in Köln, wechselte 1953 schließlich nach Kiel, wo er bis zu seiner Emeritierung 1978 den Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Geschichte innehatte. 23 Erdmann ist innerhalb des Professorenkreises und in dieser Zeit äußerst präsent, weil er bereits im Sommersemester 1961 Dekan der Philosophischen Fakultät, 24 im Sommersemester 1966 und Wintersemester 1966/67 Rektor 25 sowie im Sommersemester 1967 dann Prorektor 26 war. Wie bereits erwähnt, war ein wesentliches Thema in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre das Aushandeln einer neuen Hochschulverfassung. 27 In Kiel fürchteten die Studierenden, nicht genügend Mitsprache in dieser Angelegenheit zu haben. Das kann nicht verwundern, war doch die Arbeit der Hochschulkommission, die einen Entwurf für die neue Verfassung erarbeiten sollte, eine reine Angelegenheit der Ordinarien. Zwar hatte sich der Senat 1963 dazu durchringen können, die zwei studentischen Vertreter mit beratender Stimme in »besondere Gäste mit Stimmrecht in studentischen Angelegenheiten« umzufunktionieren, aber vom Konsistorium, also dem verfassungsgebenden Gremium, das das Rektorat wählte, blieben Studierende weiterhin ausgeschlossen. Auch die Art und Weise, wie um die neue Verfassung verhandelt wurde, nämlich hinter verschlossenen Türen, missfiel den Studierenden und sie lehnten diese ›Schubladenverfassung‹ ab. Erdmann wird spätestens 1967 als Rektor in das Aushandeln der neuen Verfassung involviert gewesen sein. In der Frage um studentische Teilnahme in den Sitzungen der engeren 22 Hodenberg 2006 (wie Anm. 6), S. 12. – Vgl. Anne Rohstock: ›1968‹ und die Hochschulreform –Universitäten zwischen gesellschaftlicher Kritik und der Rationalität des Kalten Krieges, in: 1968. Kontinuitäten und Diskontinuitäten einer kulturellen Revolte, hg. v. Maike Sophie Baader u.a., Frankfurt am Main 2021, S. 249–268, hier S. 251. 23 Vgl. Karl-Dietrich Erdmann, in: Kieler Gelehrtenverzeichnis, https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/a46fed9fa6e4-30b3-099a-4d4c608b0ea4 [3. August 2024]. 24 Vgl. Personalund Vorlesungsverzeichnis CAU Kiel, Sommersemester 1961, S. 10. 25 Vgl. Personalund Vorlesungsverzeichnis CAU Kiel, Sommersemester 1966, S. 16. – Personalund Vorlesungsverzeichnis CAU Kiel, Wintersemester 1966/67, S. 16. 26 Personalund Vorlesungsverzeichnis CAU Kiel, Sommersemester 1967, S. 17. 27 Vgl. Bichow 2013 (wie Anm. 2), S. 65 u. 71.
78 85|2024 Christiana Albertina Fakultät war der Lehrkörper zerstritten. 28 Eine Abstimmung im Konsistorium über die Beteiligung von Assistenten und Studierenden war zwar knapp positiv ausgefallen, jedoch wandten sich die 44 überstimmten Professoren in der Folge direkt an den Kultusminister mit der Bitte um Intervention. In dem Schreiben warnten sie davor, »daß die akademische Selbstverwaltung von Forschung und Lehre Schaden leiden kann, wenn gemäß dem vom Konsistorium verabschiedeten Verfassungs-Entwurf Vertreter der Studentenschaft und der Assistenten Mitglieder der engeren Fakultät werden.« Erdmann, dem als Rektor die Aufgabe zugekommen wäre, das Anliegen an das Kultusministerium zu kommunizieren, weigerte sich, den Brief an Claus Joachim von Heydebreck weiterzugeben; es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, dass die Professoren ausgerechnet den Kultusminister um Hilfe bei der Durchsetzung ihrer Selbstverwaltung zu bitten beabsichtigten. Erdmann wies darauf hin, dass mit diesem Brief »die Glaubwürdigkeit der akademischen Selbstverwaltung ernsthaft in Frage gestellt würde.« 29 Die Professoren umgingen Erdmann und zögerten damit im Endeffekt auch die Verabschiedung der neuen Verfassung hinaus, da es nun wiederum zu weiteren Diskussionen zwischen Studentenschaft, Senat und Kultusministerium kam, in die zeitweise sogar Ministerpräsident Helmut Lemke involviert war. Dieser war direkt von den Studierenden auf die unklaren Verhältnisse und die mangelhaften Möglichkeiten der Teilhabe hingewiesen worden und hatte sich daraufhin tatsächlich zu einer Erklärung entschieden. Die Verfassung war gerade zwei Tage zuvor erlassen worden und nun sprach Lemke von der Willkür der Ordinarien, die also die Studierenden mal zu Fakultätssitzungen hinzuzögen, mal nicht, und schlug vor, eine generelle Vertretung in den Gremien und eine Beteiligung an Dekanatswahlen zu ermöglichen. Der AStA bedankte sich beim Ministerpräsidenten, Erdmann protestierte. Er missbilligte den Schritt der Studierenden, denn je mehr diese auf den Eingriff von außen pochten, um ihre Wünsche nach Mitbestimmung zu realisieren, desto mehr sähe die Universitätsleitung ihre Autonomie gefährdet. In diesem Zuge kam es am 4. Juli 1967, am Tag der Verabschiedung der Verfassung, zum ersten Kieler Sit-In im Foyer des Uni-Hochhauses, wo sich Rektor Erdmann den etwa 100 bis 150 Studierenden stellte, die an der Protestaktion mit Plakaten und Transparenten teilnahmen. 30 Auf den Fotografien, die das Ereignis dokumentieren, sieht man Erdmann, wie er am Bildrand inmitten der sitzenden Studierenden steht und sich gut gelaunt, lächelnd mit den Studierenden unterhält ( Abb. 2 ). Auf den Plakaten prangen verschiedene Protestsprüche. Solche sogenannten performativen Handlungen, also diese inszenierten, vor allem visuell wirkmächtigen Ausdrucksweisen, sind typische Protestformen, die sich die europäischen Studentenbewegungen von den amerikanischen Vorbildern der Bürgerrechtsbewegung abgeguckt 28 Vgl. Bichow 2013 (wie Anm. 2), S. 69. 29 Zit. n. Bichow 2013 (wie Anm. 2), S. 70. 30 Vgl. Uekert 2016 (wie Anm. 20), S. 23–24.
Anne Krohn | »Demokratisierung ist doch albern!« 79 haben. 31 Sit-Ins, Go-Ins oder Teach-Ins wurden auch in Kiel wiederholt als Mittel des öffentlichkeitswirksamen Protests genutzt. 32 Einige Jahre später hatten die Auseinandersetzungen mit den Studierenden einen schärferen Ton angenommen. Als es der Studentenschaft 1972, als das Landeshochschulgesetz zum wiederholten Mal intensiv diskutiert wurde, mit einem aktiven Streik erneut gelang, den Lehrbetrieb an der Universität lahmzulegen, entschied Erdmann sich dazu, nicht klein bei zu geben und seine Lehrveranstaltungen wie geplant abzuhalten. 33 Für die Streikwoche im Juli 1972 hatte er einen indischen Kollegen für eine Gastvorlesung eingeladen. Allerdings hatte 31 Vgl. Gassert 2018 (wie Anm. 9), S. 105, 122 u. 128. 32 Vgl. zu den Protestformen in Kiel auch Christoph Cornelißen: ›Kiel 68‹ – Sozialprotest und kultureller Aufbruch (Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte Bd. 85, 1), Kiel 2009, S. 2. 33 Vgl. Bichow 2013 (wie Anm. 2), S. 144–147. ↑ Abb. 2. Studierende der Christian-Albrechts-Universität (CAU) demonstrieren für eine demokratisch verfasste CAU, rechts im Anzug Rektor Prof. Karl-Dietrich Erdmann. Auf den Plakaten zu lesen v. l.: »[Magnifizenz! Sie sind gegen den Ausbildungsnotstand in der BRD – Was unternehmen Sie gegen die] undemokratische Verfassung unserer Universität? Das Aktionskommitee«; »[Stu]dent! [We]chsle die Kaser[ne], [geh] in die Bund[esweh]r, dort kri[egst du] etwas Geld«; »Wir fordern: Berliner Modell«; »Sind Studenten Universitäts-Minderheiten?«; »STUDE[NT] vom Kons[istorium] bezw[ungen]«. Foto 3.7.1967: Friedrich Magnussen, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-SA 3.0 DE , Stadtarchiv Kiel, Fotoarchiv , Sign. 19.060.
86 85|2024 Christiana Albertina Dass die von den Studierenden gewählten Protestformen nicht immer so friedlich wie zum Zeitpunkt des Sit-Ins im Uni-Hochhaus ausfielen, sondern vor allem zu Beginn der 1970er Jahre radikaler wurden, liegt neben politisch-ideologischen Motivationen sicherlich auch in der lange als unzureichend wahrgenommenen studentischen Teilhabe an Entscheidungsprozessen begründet. Allen vier hier vorgestellten Professoren ist gemein, dass ihr Handeln eher als reaktionär denn proaktiv bezeichnet werden kann. Hatte sich Erdmann bei dem Sit-In im Juli 1967 noch bereitwillig auf ein Gespräch mit den Protestierenden eingelassen, griff er 1972, wie auch sein Kollege Halbsguth Jahre zuvor, zum Mittel der Strafanzeige gegen einen Studenten. Ungeachtet der Frage, ob solche Strafanzeigen berechtigt waren oder nicht, polarisierten sie in der Studierendenschaft, da sie vor dem Hintergrund eines noch auszuhandelnden Ordnungsrechts getätigt wurden. Eine Verwicklung in Auseinandersetzungen vor dem Hintergrund der Studentenproteste ist natürlich bei der Fokussierung auf vier Professoren, die gleichzeitig Amtsträger waren, zu erwarten. Hier greift eine Problematik in der Überlieferung. Dekane, Rektoren oder jene Professoren, die in besondere Konfliktsituationen mit Studierenden geraten sind, die innerund außeruniversitär verhandelt wurden, sind in den Quellen wesentlich besser zu fassen, als solche, die ein gutes Verhältnis zu den Studierenden pflegten oder einfach ihrem Forschungsund Lehralltag nachgingen, obgleich unter sicherlich erschwerten Bedingungen einer sich im Umund Ausbau befindlichen Institution. Die Rektoren und der Senat hatten vorrangig die Aufgabe, sich mit der Verwaltung und Umstrukturierung, mit Fragen der Studienund Hochschulreform auseinanderzusetzen. Eine Fokussierung auf diese Professorengruppe erweckt womöglich bisweilen den Anschein einer bewegten Universität unter dem Eindruck politisierter und gewaltbereiter Studierender. Eine Bilanz von Professor Diedrich Wilhelm Schroeder, Rektor des Jahres 1970/71, kann dieses Bild wieder etwas zurechtrücken. Im Juni 1970 geben die Kieler Nachrichten die Aussagen des frischgewählten Rektors im Hinblick auf die Situation der deutschen Hochschulen wieder: »Tatsächlich sieht es so aus: In Kiel wurden im letzten Semester nur 22 Vorlesungen gestört oder gesprengt (von 1400 Veranstaltungen), vier Institute beschädigt oder beschmiert (von rund 100 Seminaren), eine Fakultätssitzung gesprengt (bei etwa 70 bis 80 derartiger Sitzungen). Das entspricht einem Störungsfaktor von nur etwa drei Prozent, sagte Schroeder. Diese Unruhe bezeichnete er als einen ›Ausdruck der Gärung‹, der ›Erneuerung von innen‹, die nach jahrelanger Stagnation einsetzte.«52 52 ›Erneuerung von innen‹, in: Kieler Nachrichten vom 24. Juni 1970, LASH Abt. 47 Nr. 4123.
Anne Krohn | »Demokratisierung ist doch albern!« 87 Autorin Anne Krohn M.A. , Abitur 2014, Studium der Geschichte und Anglistik/Nordamerikanistik in Kiel, Bachelor 2019, Master 2022. Seit August 2022 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt ›Kieler Gelehrtenverzeichnis‹ an der Abteilung für Regionalgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. E-Mail: akr[email protected]iel.de Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Werks von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.