Buchgewordene Gottesverehrung: Ein Kölner Stunden- und Gebetsbuch des 15. Jahrhunderts in den Historischen Sammlungen der Universitätsbibliothek Kiel
Abstract
Der Beitrag stellt ein Stunden- und Gebetsbuch vor, das um 1488 im Kölner Raum abgefasst und mit reichen Buchschmuck sowie acht ganzseitigen…
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129 JESSICA BRUNS Buchgewordene Gottesverehrung Ein Kölner Stundenund Gebetsbuch des 15. Jahrhunderts in den Historischen Sammlungen der Universitätsbibliothek Kiel »Als Meisterwerke spätmittelalterlicher Buchkunst, vor allem aber als private Andachtsbücher von Fürsten und Königen [...] haben einzelne Stundenbücher immer zum wertvollsten Bibliotheksbestand gehört. Durch ihre scheinbar unübersichtliche Vielfalt in Auswahl und Anordnung von Text und Bildern wie auch durch den reichen Bestand an erhaltenen Exemplaren bilden Stundenbücher eine kaum versiegende Quelle für die Handschriftenkunde.«1 Ein besonders schönes Exemplar eines solchen Stundenund Gebetsbuchs befindet sich in den Historischen Sammlungen der Universitätsbibliothek Kiel. Da bislang nur wenig über dieses Kleinod bekannt ist, soll es nachfolgend vorgestellt werden. 2 1 Eberhard König und Gabriele Bartz: Das Stundenbuch. Perlen der Buchkunst. Die Gattung in Handschriften der Vaticana, Darmstadt 1998, S. 12. 2 E ine kurze Handschriftenbeschreibung in Henning Ratjen: Verzeichniss von Handschriften der Kieler Universitätsbibliothek. Abth. 1–4 (Kiel, Programm zum Geburtstag des Kaisers 1873 = Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 [1874] Bd. 20, VI.2), Kiel 1873, S. 29. – Darüber hinaus ist der Kodex im Handschriftencensus erfasst, vgl. Handschriftenbeschreibung 24373, in: Handschriftencensus, Marburg 2023, https://handschriftencensus.de/24373 [21. Mai 2024]. – Weitere knappe Beschreibungen außerdem bei Conrad Borchling: Mittelniederdeutsche Handschriften in Skandinavien, Schleswig-Holstein, Mecklenburg und Vorpommern. Zweiter Reisebericht, in: Nachrichten von der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Phil.-hist. Klasse 1900 (Beiheft), Göttingen 1900, S. 146 sowie in Form von handschriftlichen Notizen des Bibliothekars Rudolf Bülck aus dem Jahr 1938. Vgl. Rudolf Bülck: Handschrift 70036361, in: Handschriftenarchiv, Berlin 1938, https://handschriftenarchiv.bbaw.de/id/70036361 [21. Mai 2024]. D er Fokus der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Handschrift lag bislang vor allem auf kunsthistorischen Aspekten. Eine ausführliche Erschließung nach den Richtlinien Handschriftenkatalogisierung der Deutschen Forschungsgemeinschaft steht hingegen bislang noch aus. → Kiel-up: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p27 129
130 85|2024 Christiana Albertina Bei dem Band mit der Signatur Cod. ms. KB 69 handelt um ein kleinformatiges Buch, das insgesamt 263 beschriebene Blätter umfasst. Wer es im Mittelalter in Auftrag gegeben hat, ist unbekannt. Sicher ist nur, dass es sich Anfang des 17. Jahrhunderts im Besitz einer Person mit den Initialen ›I S‹ befand, denn diese sind zusammen mit dem Jahr 1634, in dem der Einband gefertigt worden ist, als vergoldete Stempel in den Vorderdeckel geprägt worden. Bei dem überlieferten dunkel gefärbten Ledereinband, der mit kleinen Blüten, einem gezackten Metallrahmen zum Schutz der Kanten und zwei Schließen aus Messing ausgestattet ist, handelt es sich demnach nicht um den mittelalterlichen Einband. Das Einprägen von Initialen in Einbände war in der frühen Neuzeit zur Kennzeichnung des Buchbesitzes durchaus üblich. Fast zwei Jahrhunderte später, im Jahr 1821, wurde der Band von Andreas Wilhelm Cramer (1760–1833) in Köln erworben. Dies geht aus einer auf dem ersten ungezählten Folio eingetragenen, eigenhändigen Notiz »A. G. Crameri, JCti Coloniae 1821« 3 hervor. Cramer, der 1785 zum Dr. jur. promoviert worden und seit 1786 zunächst als außerordentlicher Professor an der Christian-Albrechts-Universität angestellt war, wurde 1782 Ordinarius für Pandekten, Philologie, Institutionen und Römisches Recht und 1826 Oberbibliothekar der Kieler Universitätsbibliothek. 4 In dieser Funktion setzte er sich intensiv mit historischen Büchern auseinander, wovon in Cod. ms. KB 69 unter anderem ein gefalteter Papierzettel zeugt, auf dem Cramer einen Datierungsvorschlag für den vorliegenden Text unterbreitet und die korrekte Bezeichnung des Buches erörtert. 5 Nach Cramers Tod wurde seine Bibliothek versteigert 6 und die Universitätsbibliothek erwarb die Handschrift 1834. 7 Auf diese Weise ist der Kodex in die Historischen Sammlungen gelangt, wo er noch heute verwahrt und für Studienund Forschungszwecke bereitgestellt wird. 8 Aufgrund der Materialien und der aufwändigen Gestaltung darf Cod. ms. KB 69 als Prunkhandschrift bezeichnet werden. Bei dem Beschreibstoff handelt es sich um ein hochwertiges, dünnes und helles Pergament, das keinerlei Risse oder Fehlstellen aufweist. Jede Seite bemisst sich auf 98 x 75 mm und umfasst 16 gleichhohe Zeilen. Das regelmäßige Layout wurde vorab 3 Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, fol. [1r]. 4 Art. ›Andreas Wilhelm Cramer‹, in: Kieler Gelehrtenverzeichnis, Kiel, https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/ e335b843-f702-482b-a53e-b248058af585 [21. Mai 2024]. 5 Dabei verwirft er die Bezeichnungen Missale, Breviar und Officium S. Mariae und legt sich stattdessen darauf fest, dass es sich bei dem vorliegenden Band um ein Gebetbuch handele, vgl. Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, fol. [2r]. Die Entstehung des Textes setzt er ebenfalls um das Jahr 1488 an. 6 Vgl. Catalogus bibliothecae defuncti A. G. Crameri, in Universitate Kilonensi professoris juris ordinarii, praefecti Bibliothecae publicae, regi Daniae a consiliis status, ... die XVI. sqq. mensis Junii a. 1834 publica auctionis lege Kiliae divendendae, Hamburgi 1834. Das vorliegende Manuskript wird auf Seite 77 unter der Rubrik »A. Scriptores Anonymi et Collectanea« mit Nummer vier bezeichnet als: »Ein katholisches Gebetbuch mit vorangeschicktem Calender in sächsischer Sprache 12. Mscr. membranac. literae initiales auro picturisque ornatae sunt. Fortasse saec. XV«. 7 Vgl. Bülck 1938 (wie Anm. 1), S. 1, https://handschriftenarchiv.bbaw.de/storage/70036361/70036361.pdf [21. Mai 2024]. 8 Ein bereits vor einigen Jahren angefertigten Digitalisat der Handschrift kann unter folgendem Link eingesehen werden: http://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-1246227 .
Jessica Bruns | Buchgewordene Gottesverehrung 131 mittels dünner Linien definiert und so Textteile klar von Freiräumen abgegrenzt. Der Schriftraum der insbesondere oben beschnittenen Seiten bemisst sich dabei lediglich auf 57 x 40 mm, lässt also breite Ränder. Aus diesem großzügigen Umgang mit dem teuren Beschreibstoff lässt sich ein klarer Gestaltungswille erkennen und eine repräsentative Absicht des Auftragsgebers ableiten. Paläographische Untersuchungen legen nahe, dass der Text von einem einzigen Schreiber geschrieben worden ist. Das Schriftbild ist dabei ebenso wie das Layout gleichförmig. Bei der verwendeten Schriftart handelt es sich um eine Textura, also eine Buchschrift von hohem kalligraphischen Niveau. Sie kam nach dem 14. Jahrhundert bei volkssprachigen Texten in der Regel nur noch in liturgischen und prachtvollen Handschriften zum Einsatz. 9 Auffällig ist im vorliegenden Kodex vor allem das betonte Mittelband, über das die Unterund Oberlängen der Buchstaben nur wenig hinausragen. Die Buchstabenkörper, die allesamt aus zahlreichen Einzelstrichen variabler Breite konstruiert sind, wurden zudem häufig durch Haarlinien oder Häkchen an den Langschäften verziert. Vereinzelt finden sich auch Peitschen an den Unter9 Vgl. Karin Schneider: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten. Eine Einführung (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte, Bd. 8), Berlin 2014, S. 53. ↑ Abb. 1. Auszug aus dem Marienoffizium, Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, fol. 48v / 49r .
132 85|2024 Christiana Albertina längen. Doppelschäfte wie ›ll‹ oder ›lb‹ sind durch horizontale Linien verbunden. Die für die Textura üblichen starken Brechungen von Rundungen in Verbindung mit Schafteinwölbungen und Füßchen an den Buchstaben auf dem Mittelband lassen den Eindruck eines Buchstabenteppichs entstehen. Nach Bögen wird ein ›rundes r‹ verwendet und das ›Schluss-s‹ weist eine Brezelform auf. Während I-Punkte fehlen, sind über ›ij‹ zwei schräg gestellte Striche notiert. Lediglich die ebenfalls leicht schräg gestellten Lang-s und das ›a‹, das entgegen der üblichen Konventionen nicht doppelstöckig ausgeführt wird, lockern das Schriftbild etwas auf. Neben dem in dunkler Tinte geschriebenen Haupttext finden sich zahlreiche rubrizierte Textteile, die entweder neue Abschnitte einleiten, den Text untergliedern oder Gebetsanweisungen enthalten. Hinzu kommen abwechselnd in rot und blau ausgeführte Lombarden, meist zur Kennzeichnung von Satzanfängen. Als Elemente des Buchschmucks treten zudem zwei Typen von Initialen hinzu. Beim ersten Typ sind die Buchstabenkörper komplett in Blattgold ausgeführt und diese am Seitenrand mit dünnen blauen oder ockerfarbenen Zierlinien geschmückt. Beim zweiten Typ präsentieren sich die verschiedenfarbigen Initialen vor goldenem Hintergrund und sind mit mehrfarbigem und durch Weißhöhungen fast dreidimensional wirkendem Fleuronnéschmuck ausgestaltet. Außerdem finden sich im Buch insgesamt acht ↑ Abb. 2. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, Verkündigung an Maria, fol. 15v / 16r .
Jessica Bruns | Buchgewordene Gottesverehrung 133 künstlerisch anspruchsvolle, ganzseitige Buchillustrationen, deren breite Zierleisten mit Blumenranken und Vögeln teilweise auf die gegenüberliegende Seite ausgreifen. Buchschmuck und Miniaturen lassen sich der Kölner Buchmalerei zuordnen. 10 Die Entstehung der Handschrift erfolgte im niederrheinischen Raum, da die volkssprachigen Texte in Ripuarisch abgefasst wurden. 11 Eine Analyse des Textbestandes ergibt, dass die neuhochdeutsche Diphthongierung nicht durchgeführt und die Tenues /p/, /t/ und /k/ intervokalisch und im Auslaut zu <f>, <s> bzw. <ch> verschoben worden sind. Dies gilt jedoch 10 Vgl. Johanna Christine Gummlich: Bildproduktion und Kontemplation. Ein Überblick über die Kölner Buchmalerei in der Gotik unter besonderer Berücksichtigung der Kreuzigungsdarstellung, Weimar 2003, S. 226 mit Verweis auf das heute in der Russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg verwahrten Gebetbuchs Lat.O.v.I, 206. – Elisabeth Hemfort: Monastische Buchkunst zwischen Mittelalter und Renaissance. Illuminierte Handschriften der Zisterzienserabtei Altenberg und die Kölner Buchmalerei 1470–1555 (Veröffentlichungen des Altenberger Dom-Vereins, Bd. 6), Bergisch Gladbach 2001, S. 80. – Zugehörig ist außerdem ein 1487 geschriebenes Stundenbuch in Privatbesitz. Vgl. Andachtsbücher des Mittelalters aus Privatbesitz, Ausst. Kat. Schnütgen-Museum Köln, bearb. v. Joachim M. Plotzek, Köln 1987, Kat. Nr. 67, S. 206–208. 11 Grundlage für diese Analyse waren die Merkmalkataloge des Repertoriums der Schreibsprachen im Spätmittelalter, vgl. Repertorium der Schreibsprachen im Spätmittelalter, hg. von Ulrich Seelbach und Jörn Wehmeier, Bielefeld 2022, https://wiki.uni-bielefeld.de/schreibsprachen/index.php [21. Mai 2024]. ↑ Abb. 3. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, Kreuzigung, fol. 73v / 74r .
134 85|2024 Christiana Albertina ↑↑ Abb. 4. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, David mit dem Psalter, fol. 88v . ↑ Abb. 5. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, Jesu im Garten Gethsemane, fol. 111v .
Jessica Bruns | Buchgewordene Gottesverehrung 135 ↑↑ Abb. 6. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, Gregorsmesse, fol. 148v . ↑ Abb. 7. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, Anna selbdritt, fol. 241v.
136 85|2024 Christiana Albertina nicht für /p/ im Anlaut, wo es, ebenso wie nach Liquid und Nasal, unverschoben blieb sowie für Kleinwörter. Auch der Mediae-Tenues-Wandel hat nicht stattgefunden. Stattdessen ist /t/ im Anlaut und in Gemination zum Affrikat <tz> verschoben und /b/ zu <f> oder <v> spirantisiert worden. Hinzu kommen das für das Ripuarische typischen Graphem <i> als Dehnungszeichen vorangestellter Vokale und das Wort ›ind‹ für ›und‹. Der Text selbst setzt mit einem Kalendarium ein. Auf insgesamt 24 Seiten werden nach Monaten sortiert die Heiligentage genannt und in tabellarischer Form den Epakten und den Tagesbuchstaben zugeordnet. Jede Doppelseite wird von einer goldenen Kl-Initiale mit filigranem Schmuck eingeleitet. Auf folio 13v schließt sich eine im Jahr 1488 einsetzende und bis 1526 reichende Tabelle an, in der in roter bzw. dunkler Farbe die Jahre, die goldene Zahl, das Schaltjahr, der Sonntagsbuchstabe, die Wochen und die Tage angegeben sind. Diese Aufstellung mit Beginn 1488 lässt – zusammen mit den paläographischen und kunsthistorischen Merkmalen – eine Datierung der Handschrift um dieses Jahr erschließen. Nach dem Kalender findet sich mit der Verkündigung an Maria die erste Illustration auf folio 15v in einem durch Ranken eingefassten Rahmen ( Abb. 2 ). Die Gottesmutter ist in einem Kirchenraum ins Gebet vertieft – sie selbst hält passenderweise ein Gebetbuch in den Händen – und ↑ Abb. 8. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, Katharina und Barbara, fol. 245v .
Jessica Bruns | Buchgewordene Gottesverehrung 137 zu ihr tritt der Erzengel Gabriel. Beide sind dabei durch goldfarbene Nimben ausgezeichnet, wie überhaupt der exorbitante Gebrauch von kostbarer goldener und blauer Farbe im gesamten Buch augenfällig ist. Hiernach setzt der Teil des Kodex ein, der als Stundenbuch zu klassifizieren ist. Er beginnt mit dem Marienoffizium – bestehend aus Eröffnung, Invitatorium und den Stundengebeten zu Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet. Hiernach folgt ein Kreuzoffizium, welches ebenfalls durch eine Miniatur der Kreuzigung eingeleitet wird ( Abb. 3 ). Sie zeig t die drei Kreuze auf dem Berg Golgota mit Jerusalem im Hintergrund. Jesus wird von Longinus mit der Lanze in die rechte Seite gestochen. Zu seinen Füßen würfeln Soldaten um seine Gewänder. Vor dem Kreuz betet Maria und wird dabei vom Evangelisten Johannes gestützt. Nach Johanna Gummlich und ihr folgend Regina Cermann wurde die Darstellung von einem um 1480 produzierten Kupferstich des Meisters I.A.M. von Zwolle inspiriert, 12 allerdings be12 Gummlich 2009 (wie Anm. 10), S. 226 f. mit Anm. 100. – Regina Cermann: Unter Druck? Buchmalerei im Wettstreit mit Reproduktionsmedien, in: Unter Druck. Mitteleuropäische Buchmalerei im 15. Jahrhundert, hg. von Jeffrey F. Hamburger und Maria Theisen (Buchmalerei des 15. Jahrhunderts in Mitteleuropa, Bd. 15), Petersberg 2018, S. 262–271, hier S. 268, Anm. 29, sowie den zugehörigen Abbildungsteil unter https://doi.org/10.11588/artdok.00004926 , hier die Folien 30 und 31 [11. Juli 2024]. ↑ Abb. 9. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, Maria Magdalena und Agnes, fol. 250v .