Christiana Albertina 85.2024
Abstract
Die Christiana Albertina wurde 1966 als Kieler Universitätszeitschrift gegründet und ist seither wichtiges Instrument zur Verbreitung und Dokumentation…
Full text
Christiana Albertina Forschungen und Berichte aus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel 85|2024 Universitätsverlag Kiel Kiel University Publishing Kiel University Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Universitätsverlag Kiel Kiel University Publishing Christiana Albertina Forschungen und Berichte aus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel 85|2024
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliographische Daten sind über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Open Access Die Zeitschrift ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ . Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile der Zeitschrift von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können. Die elektronische Ausgabe der Zeitschrift ist auf dem Open-Access-Publikationsserver MACAU der Universitätsbibliothek Kiel ( https://macau.uni-kiel.de ) frei verfügbar: https://doi.org/10.38072/2942-2337/i85 2024 Universitätsverlag Kiel | Kiel University Publishing Universitätsbibliothek Kiel Leibnizstr. 9 24118 Kiel Deutschland ver[email protected] , www.universitaetsverlag.uni-kiel.de Umschlaggestaltung und Satz: Wiebke Buckow Druck und Bindung: CPI books GmbH, Ferdinand-Jühlke-Straße 7, 99095 Erfurt Titelbild: Blätter und Blattunterseite von Victoria cruziana. Foto: Susanne Petersen (Botanischer Garten Kiel). ISBN (Print): 978-3-910591-42-4 eISBN (PDF): 978-3-910591-43-1 CHRISTIANA ALBERTINA Forschungen und Berichte aus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel | 85.2024 ISSN: 0578-0160 eISSN: 2942-2337 [email protected] Herausgegeben vom Präsidium der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Schriftleitung: Prof. Dr. phil. Klaus Gereon Beuckers, [email protected] Prof. Dr. theol. Andreas Müller, [email protected] Unterstützt durch einen Beirat aus Mitgliedern aller Fakultäten. Redaktionsassistenz: Nadine Waschull M.A.
Inhalt Editorial 7 1. DAS KUNSTWERK URSULA PRINZ Design für Studierende 13 2. BEITRÄGE LEOPOLD SCHICK Nachhaltigkeit im Betrieb einer Universität 19 UWE PFRÜNDER, BEATRIX SCHMIDT, HEIKE NEUBAUER Kiel.Science.City: Die Vision der Christian-Albrechts-Universität und der Stadt Kiel 25 SUSANNE PETERSEN, DIETRICH OBER Schaufenster der Christian-Albrechts-Universität 43 OLIVER AUGE »nicht wie eine normale Professur« 57 ANNE KROHN »Demokratisierung ist doch albern!« 71 FRANK SCHLÜTZ, ROBERT HOFMANN, WIEBKE KIRLEIS, JOHANNES MÜLLER Pflanzliche Proteine ermöglichten die ersten stadtgroßen Siedlungen der Welt, gesellschaftliche Spannungen führten zu ihrem Zerfall 89 KLAUS GEREON BEUCKERS Mehr als nur Bilder 101 CHRISTINE EWERS, DIRK BRANDIS Die Austernsammlungen von Karl-August Möbius im Zoologischen Museum gestern und heute 115 JESSICA BRUNS Buchgewordene Gottesverehrung 129
3. NACHRUFE UND WÜRDIGUNGEN In memoriam Prof. Dr. Alexander Bernhard (1927–2024) 143 In memoriam Prof. Dr. Eberhard R. Dall’Asta (1940–2024) 147 In memoriam Prof. Dr. Martin Metzger (1928–2018) 151 In memoriam Prof. Dr. Werner Schubert (1936–2024) 155 In memoriam Prof. Dr. Klaus-Rüdiger Veit (1943–2024) 159
7 Editorial »Universität im Umbruch« – so titelten Anfang der 2000er Jahre zahlreiche Beiträge, die sich mit der aktuellen Situation der Hochschulen in Deutschland beschäftigten: Ob der AStA der FU Berlin dies in Bezug auf den globalen Bildungsmarkt 2005 zum Titel eines kleinen Sammelbandes machte und damit in ein Kerbe schlug, die Konrad Schily, der Präsident der Universität Witten/Herdecke, 1997 im Spectrum der Wissenschaften formuliert hatte, ob der damalige niedersächsische Staatssekretär Josef Lange programmatisch vor dem Hintergrund der kommenden Exzellenzinitiative des Bundes 2005 auf einem Festakt der Universität Bayreuth diesen Umbruch durchdeklinierte oder Eckhard Wagner dies schon 2001 zu einem Hauptkapitel seines Buches Universitäten im Wettbewerb machte. Dabei dürfte es eines der Leitmotive von Universitätsgeschichte sein, dass sich Hochschulen immer wieder neuformieren, den Zeitentwicklungen anpassen und dabei auch Umbrüche vollziehen müssen. 2010 unterstellte sich deshalb auch ein Sammelband der Universität Jena dieser Überschrift und meinte dabei »Universität und Wissenschaft im Spannungsfeld der Gesellschaft um 1800«. Heute, Mitte der 2020er Jahre, gerät das Gefühl eines Wendepunktes der Universitäten erneut wieder verstärkt in das Bewusstsein, nachdem der Gaza-Konflikt zu einer seit langem nicht mehr wahrgenommenen streitenden Politisierung an etlichen Hochschulen geführt hat, die Freiheit des Denkens und Artikulierens unterschiedlicher politischer und gesellschaftlicher Standpunkte an den Universitäten angesichts einer Dogmatisierung von Fragen rund um geschlechtliche Identität oder kolonialistische Denkmuster sowie Sprachvorgaben gefühlt einen Tiefpunkt erreicht haben, während das sinkende schulische Bildungsniveau die Fortsetzung einer intellektuellen Debatte an den Universitäten zunehmend sowohl inhaltlich wie auch in der Form gefährden. Gleichzeitig befeuern Exzellenz-Initiativen die Forschungselite und entkoppeln Teile der Universität immer mehr vom Lehrbetrieb, in dem sich aufgrund der schulischen Vorbildung und der Leistungsbereitschaft das Niveau stetig weiter auf die Vermittlung bestenfalls grundlegender Voraussetzungen wissenschaftlicher Auseinandersetzung zurücknehmen muss. Die Universitäten verändern sich derzeit also rasant und dies gilt kaum weniger auch für die Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Jede Generation hat die Universität ihren Vorstellungen angepasst. Meinte man in den 1960/70er Jahren, mit der Zerschlagung der hierarchischen Strukturen der Ordinarienuniversität eine neue Offenheit zu erzielen, so suchten die 1980/90er Jahre mit Auflösungen der Fachbereiche einer Interdisziplinarität gerecht zu werden. Von beiden Entscheidungen sind → Kiel-up: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p17 7
8 85|2024 Christiana Albertina heute ebenso die Nachteile wie ein fehlendes Verantwortungsbewusstsein, unklare Zuständigkeiten einerseits und eine fachliche Orientierungslosigkeit andererseits erkannt, weshalb sich neue Hochschulformen beispielsweise im Dualen Studium oft wieder traditionell organisieren. Die Schließung ›kleiner Fächer‹ um die Jahrtausendwende wird heute als Verarmung der universitären Vielfalt beklagt und führt zu einer Abhängigkeit ganzer Themenfelder von der Anwerbung außerhalb von Deutschland ausgebildeter Fachkräfte. Jede universitäre Reform muss sich heute solcher möglicher Folgen bewusst sein und sehr genau durchdacht, vor allem aber auch breit und offen diskutiert werden. Wenn aktuell führende Firmen die mit der Corona-Pandemie eingeführte Arbeit im ›Homeoffice‹ zurücknehmen, um einen stärkeren Austausch unter den Mitarbeitenden als leistungsförderndes Prinzip wieder zu stärken, dann müssen sich auch die Universitäten fragen, welche Anwesenheitszeiten sie sowohl von ihren Studierenden als auch ihren Lehrenden erwarten und welchen Stellenwert sie einer Residenzpflicht der Lehrenden zuweisen möchten, wie stark sie sich noch als ausbildende Institution verstehen. Die CAU zeigt ihren derzeitigen Umbruch nicht zuletzt in ihrer baulichen Aktivität. War das Verlassen des alten Kollegiengebäudes im Schlossgarten nach dem Zweiten Weltkrieg mehr eine Entscheidung für einen demokratischen Neuanfang als eine Reaktion auf die Teilzerstörung, so war die Anlage in den ehemaligen Fabrikgebäuden der ELAC ein Versuch, die britische Campusidee mit ihrer Geisteshaltung auf Kiel zu übertragen. In den 1950/60er Jahren plante man mit den Solitärbauten an der Olshausenstraße eine Architektur, die den sozialen Austausch unterstützen sollte, bevor die Neueinrichtung der Leibnizstraße in den späten 1960er Jahren auf die stetig gestiegenen Studierendenzahlen mit einer Rasterarchitektur antwortete, die man in Anlehnung an Le Corbusier als Bildungsmaschine charakterisieren kann. Die derzeitigen Neubauten an allen Standorten der CAU sowohl an der Olshausenstraße, der Leibnizstraße und am Klinikum in Düsternbrook als auch dem Technischen Campus auf dem Ostufer bilden die umfassendste Neubautätigkeit der CAU seit den 1970er Jahren. Sie ist ein Thema dieser Ausgabe der Christiana Albertina, wie die Zeitschrift von ihren Anfängen immer wieder Beiträge über das Baugeschehen an der CAU veröffentlicht hat. Oft ging es dabei um Konzepte einer zeitgemäßen Universität und ihre bauliche Konsequenz, wozu derzeit eine Diskussion hierzu innerhalb der CAU kaum Resonanz findet. Die Fokussierung auf energetische und verkehrstechnische Fragen scheint die Bauten selbst zurücktreten zu lassen, jedoch wird die Arbeit in diesen Gebäuden mit ihren Raumzuschnitten und Grundrissen sowie der Aufenthalt zwischen ihnen im Angesicht ihrer Fassaden die nächsten Jahrzehnte prägen. Es ist deshalb zu hoffen, dass an der CAU der Faden einer inhaltlichen Auseinandersetzung über Architektur wiederaufgenommen wird, der bei den Neubauten der 1950er bis 1970er Jahre so markant vorhanden war. Die diesjährige Ausgabe der Christiana Albertina enthält zudem Beiträge zur Universitätsgeschichte von der konzeptionellen Diskussion über die Einrichtung einer Professur im zeithistorischen Umfeld bis zu den Studierendenunruhen der 1968er Jahre. Ein Beitrag über den Botanischen Garten widmet sich einer Institution der CAU und steht stellvertretend für
Editorial 9 die Organe unserer Hochschule. Aus den verschiedenen Fakultäten und großen Forschungsprojekten werden Forschungsaktivitäten vorgestellt und Einblick in Teile ihrer Ergebnisse gewährt. So wird das reiche Spektrum an der CAU quer durch die Fachbereiche deutlich. Hier knüpft die Ausgabe an die Tradition der vergangenen Jahrzehnte an und übernimmt von dort auch die einleitende Rubrik Das Kunstwerk, die sich diesmal einer Handschrift in der Universitätsbibliothek widmet, welche sie im 18. Jahrhundert aus dem Nachlass eines Professors erhielt. Das fruchtbare Wirken der Lehrenden jüngerer Zeit spiegeln dann auch die Nachrufe auf Verstorbene, die eine feste eigene Rubrik bilden und eine verneigende Würdigung vor ihren fachlichen und universitären Leistungen sein soll. In der diesjährigen Ausgabe fehlt ein Rezensionsteil, da im vergangenen Jahr leider offenbar kein einziges Buch erschienen ist, das sich mit der CAU oder Teilen von ihr beschäftigt. Dies sei Apell zur Beschäftigung mit der Geschichte, Bedeutung und den Konzepten unserer Universität in Zukunft. Die Christiana Albertina will alle Fakultäten der CAU spiegeln und ist offen für Beiträge. Mit dieser zweiten Ausgabe in neuem Gewand und in digitaler Form, die durch wenige gedruckte Belegexemplare flankiert wird, hat sie nach einigen Jahren der Stagnation ihren eigenen Umbruch vollzogen und ist jetzt wieder etabliert sowie in das Bewusstsein der Angehörigen der CAU zurückgekehrt. Füllen wir sie mit Inhalten! Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers für die Schriftleitung Kontakt E-Mail: [email protected] Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Werks von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.
16 85|2024 Christiana Albertina formalen Ansatz. So ist es kein Zufall, sondern wichtiger Bestandteil des Gesamtensembles, dass für die Foyerbestuhlung die Diamond Chairs ausgewählt wurden. Das Ineinandergreifen von Form und Raum, das so elementar in Bertoias Werk ist, wird durch die Einbindung der Sessel in den größeren Kontext von Nevelings Bau, der auf vergleichbare Weise geometrische und organische Formen miteinander verband, auf eine noch höhere Ebene gehoben. Seit somit über fünfzig Jahren befinden sich die Diamond Chairs im Audimax sowie im Foyer des Hochhauses. Bis heute werden sie intensiv von Studierenden genutzt, für die sie damals angeschafft wurden. Neben der künstlerischen Verbindung von Form und Raum erfüllen sie so weiterhin ihre praktische Funktion als Sitzmöbel. Schon als sie damals angekauft wurden, waren die Diamond Chairs mehr als fünfzehn Jahre auf dem internationalen Markt und als Designwerke längst etabliert. Es spricht für den Anspruch des Architekten damals und der Universität insgesamt, dass man in den öffentlichen Bereichen solche Möbel dezidiert für die Studierenden aufstellte und nicht auf kostengünstigere oder einfachere Modelle zurückgriff. Die Langlebigkeit dieser Gittersessel haben dem wirtschaftlich Recht gegeben und geholfen, Generationen von Studierenden durch ein gutes Designkunstwerk stillschweigend den Geschmack zu schulen. Mögen sie noch lange an ihrem Ort erhalten bleiben und benutzt werden. Autorin Ursula Prinz M.A., geboren 1988 in Gorzów Wielkopolski (Polen), Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Geschichte in Greifswald und Kiel. Promotion 2024 an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seit 2021 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mittlere und Neue Kunstgeschichte am Kunsthistorischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Email: [email protected] Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Werks von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.
2. Beiträge
19 LEOPOLD SCHICK Nachhaltigkeit im Betrieb einer Universität Die vielfältigen und massiven Auswirkungen des Klimawandels auf die Natur, die Gesellschaft, die Wirtschaft und das tägliche Leben sind evident. Die Gefährdung durch extreme Wetterereignisse ist nicht länger eine abstrakte Größe, sondern eine reale Bedrohung. Neben den erforderlichen Maßnahmen des Risikomanagements muss dem weiterhin ungebremsten Klimawandel insbesondere durch Umweltund Klimaschutz konsequent auf allen Ebenen, in einem ganzheitlichen Ansatz und unter breiter Beteiligung aller Akteure begegnet werden. Die Wissenschaft leistet hierzu einen Beitrag durch Forschung, beispielsweise zu Klimaprognosen, zur Frage der Reduktion der Erderwärmung, zur nachhaltigen Bewirtschaftung der vorhandenen Ressourcen sowie zur Bewältigung der Folgen des Klimawandels und zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Transformation in Richtung Klimaneutralität. Gleichwohl sind Hochschulen und Forschungseinrichtungen als Institutionen dazu verpflichtet, sich kritisch mit der eigenen Nachhaltigkeit und den Möglichkeiten des Umweltund Klimaschutzes auseinanderzusetzen. Dies begründet sich daraus, dass Hochschulen eine zentrale Rolle bei der Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen einnehmen. Seit den 1990er Jahren gewinnt Nachhaltigkeit im Hochschulbetrieb zunehmend an Bedeutung, da Hochschulen auch gemäß den rechtlichen Vorgaben der Europäischen Union (EU), des Bundes und der Länder verpflichtet sind, arbeitsund umweltschutzbezogene Themen zu berücksichtigen. Jeder Hochschulbetrieb benötigt große Mengen an Energie und Ressourcen. Eine Hochschule bezieht Strom, Wärme, Wasser und vielfache Materialien in Geschäftsbedarfen und Betriebsmitteln. Außerdem emittiert sie durch ihren Betrieb Abwärme, Abwässer und Abfälle. Dazu gehören energieund mobilitätsbedingte Emissionen, aber auch erhebliche indirekte Emissionen durch Rohstoffverbräuche beispielsweise für Papier, technische Geräte, Möbel, Gebäudeunterhalt und Neubauten aufgrund wachsender Flächenbedarfe. Bei der Beschaffung von Geschäftsbedarfen und Büromaterialien, beim Personenverkehr zur Hochschule, aber vor allem auch beim Energieverbrauch durch das Heizen von Labor-, Büround Seminarräumen ergeben sich vielfältige Optimierungsmöglichkeiten. Ein Sorgenkind an Hochschulen ist der stetig steigende Stromverbrauch durch die konstant zunehmen den → Kiel-up: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p19 19
20 85|2024 Christiana Albertina Technikanforderungen für exzellente und innovative Forschung. Durch betriebsoptimierte Anlagen, Automation und bewusstes Nutzungsverhalten lassen sich an einer Hochschule in der Größenordnung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel jährlich Energiekosten in Millionenhöhe einsparen. Energieeffizienzmaßnahmen der letzten Jahre haben dies gezeigt und die zu erwartenden Kostenentwicklungen im Energiesektor rechtfertigen mittlerweile viele, bisher unwirtschaftliche Maßnahmen auch monetär. Dennoch müssen bei der Beschaffung neuer Ressourcen sämtliche Nachhaltigkeitsdimensionen betrachtet werden. Der Lebenszyklus eines zu beschaffenden Objektes muss ganzheitlich betrachtet werden. Hochschulen sind öffentliche Einrichtungen und schon deshalb mit dem Anspruch behaftet, das Gemeinwohl als Handlungsmaxime zu betrachten und vorreitend für eine nachhaltige Entwicklung zu sein. Deshalb ist die Frage angebracht, ob die Denkfabriken unserer Zeit ihrer Aufgabe und den Ansprüchen ihrer eigenen Vordenker gerecht werden? Mobilitätskonzept Unter Leitung von Sebastian Starzynski betreibt die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ein betriebliches Mobilitätsmanagement, um das Verkehrsaufkommen der Studierenden und Mitarbeitenden effektiv, bedürfnisgerecht, sicher und umweltverträglich abzuwickeln. Das aktive Mobilitätsmanagement soll zu einer Steigerung der Lebensund Arbeitsqualität auf dem Campus beitragen und ist ein strategischer Teil der baulichen Entwicklungsplanung sowie der Klimaschutzstrategie der CAU. Mit dem betrieblichen Mobilitätsmanagement sollen der Autoverkehr innerhalb und zwischen den Sektoren des Campus reduziert und der Radund Fußverkehr sowie die Nutzung öffentlichen Personenverkehrs gefördert werden. Dabei wird eine städtebauliche Verbesserung und Weiterentwicklung des Campus verfolgt. Das Konzept für ein betriebliches Mobilitätsmanagement wurde in den Jahren 2014 und 2015 erstellt. Eine projektbegleitende Steuerungsgruppe war bei der Entstehung beteiligt und nahm wesentliche Meilensteine im Entstehungsprozess ab. Beratend tätig für die Konzepterstellung war das Büro für Verkehrsökologie (BVÖ) aus Bremen. Die Kieler Universität bot von März 2015 bis Dezember 2017 fünfzig Leihfahrräder zur kostenfreien Nutzung auf dem Universitätscampus an. Dieses Pilotprojekt war eine Grundlage für die Einführung eines stadtweiten Verleihsystems als Erweiterung zum öffentlichen Personennahverkehr. Im Juli 2019 wurde dann das Fahrradverleihsystem ›SprottenFlotte‹ in der Kiel-Region angeboten. Mit der Stadtbahn wird in mittlerer Zukunft ein weiterer Mobilitätsbaustein in der Stadt Kiel realisiert werden. Für die CAU, als eine der größten Verursacherin von Pendelverkehren in die/der Landeshauptstadt, eine vielversprechende Maßnahme.
Leopold Schick | Nachhaltigkeit im Betrieb einer Universität 21 Abfallvermeidungskonzept Die Kieler Universität will sich beim Abfallmanagement an die politisch erwünschte Prioritätenfolge halten. Aus diesem Grund wurde neben der Optimierung der Abfallsammlung und -entsorgung ein Abfallvermeidungskonzept für die CAU in Auftrag gegeben. Dafür konnte das Osnabrücker Sachverständigenbüro im Bereich Produktverantwortung, Abfallund Stoffstrommanagement ›cyclos GmbH‹ gewonnen werden. Ziel war es, mit dem Abfallvermeidungskonzept konkrete Maßnahmen aufzuführen, die den Schutz von Mensch und Umwelt bei der Erzeugung und Bewirtschaftung von Abfällen unter der Berücksichtigung des Vorsorgeund Nachhaltigkeitsprinzips bestmöglich gewährleisten. Um die Vermeidungspotenziale einzelner Abfallfraktionen zu ermitteln, wurden zwei zeitlich versetzte, sehr differenzierte Abfallsortieranalysen durchgeführt. Die Auswertung ergab ein grundsätzliches Abfallvermeidungspotential für die Kieler Universität zwischen 15 und 30%. Kurzbis mittelfristige sinnvolle Maßnahmen seien, die Drucker und Kopierer standardmäßig auf doppelseitiges Ausdrucken einzustellen, das Befüllen der Papierhandtuchbehälter zu optimieren, bedarfsgerechtes Leeren der Abfallbehälter, Verschwendung von Lebensmitteln sowie EW-to-go-Becher zu reduzieren. Energiemanagement Um das Ziel der CAU zu erreichen, ›Klimaneutrale Universität 2030‹ zu werden, kommt der Energienutzung eine große Bedeutung zu. Beim Thema Energieeffizienz ist die Stabsstelle ← Abb. 1. Die 6 R-Regeln als Vorsorgeund Nachhaltigkeitsansatz beim Abfall.
22 85|2024 Christiana Albertina Umwelt eine erste Anlaufstelle und begleitet Institutionen der Universität beratend als Projektpartnerin und Schnittstelle zum Gebäudemanagement durch den Realisierungsprozess. Nicht nur eine Senkung des Stromund Wärmeenergieverbrauchs ist zentrales Ziel, sondern ein angemessener Umgang mit allen Ressourcen. Hier spielen beispielsweise die Beschaffung nachhaltiger und energieeffizienter Geräte sowie Gebäudetechnik und die planungsgemäße Inbetriebnahme von Anlagen und Gebäuden eine entscheidende Rolle. Bei der Realisation einer Maßnahme gilt es meistens, eine Kosten-Nutzen-Analyse unter Berücksichtigung sämtlicher Nachhaltigkeitskriterien durchzuführen. Neben den ökologischen werden zum Beispiel auch soziale, arbeitstechnische, betriebsorganisatorische sowie ökonomische Kriterien berücksichtigt. Eine Grundlage für eine optimierte Nutzung von Energie liegt aber in der Erhebung der aktuellen Verbrauchsdaten durch den technischen Betrieb. Für das Monitoring der Energieflüsse sind an der CAU über tausend Messstellen installiert, welche in unterschiedlich langen Intervallen, von mehrfach pro Sekunde bis jährlich, Energieverbräuche messen und ihren Weg in die Energiemanagementsoftware (EMS) finden. Mit dieser Datengrundlage werden potenzielle Maßnahmen und Objekte für eine Energieeffizienzmaßnahme identifiziert. Vor allem gilt es aber, das Bewusstsein und die Initiative der Nutzenden der Gebäude zu animieren. Sie sind es, die sich vor Ort auskennen, die Geschäftsprozesse tagtäglich durchlaufen ↑ Abb. 2. Aktion zur Abfallvermeidung auf dem Christian-Albrechts-Platz. Foto: CAU.
Leopold Schick | Nachhaltigkeit im Betrieb einer Universität 23 und Betriebsoptimierungen am ehesten identifizieren können. Die Angehörigen der Universität müssen daher auf unterschiedlichen Kanälen über das Vorhandensein und die Möglichkeiten einer Energieverbrauchsanalyse und -optimierung informiert werden. Auch hierin findet sich ein wichtiges Handlungsfeld der Stabsstelle Umwelt. Durch öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen und Aktionen wird versucht, die Hochschulangehörigen für diese Themen zu gewinnen und zum verantwortungsvollem Verhalten und Eigeninitiative zu motivieren . Die positiven Entwicklungen der Verbräuche der letzten Jahre sind also sowohl als Resultat guter Planung und optimiertem technischen Betrieb als auch auf einen sensibilisierten Umgang der Mitarbeitenden und Studierenden im Nutzungsverhalten zurückzuführen. Machen Sie mit! Wenn Sie Ideen und Ansätze zur Verbesserung des Nachhaltigkeitsprofils der CAU haben, freut sich die Stabsstelle Umwelt auf Ihre Initiative. Wir nehmen Anregungen gerne auf und/ oder unterstützen Sie in Ihrem Vorhaben, Ihr Betriebliches Umfeld zu optimieren. Kontaktieren Sie uns oder nutzen Sie unsere umfangreiche Webseite für Information. ↗ Abb. 3. Jährliche Stromverbräuche der CAU; absolut und je m² Nutzungsfläche mit Angaben der prozentualen Abweichungen zum Vorjahr. → Abb. 4. Jährliche witterungsbereinigte Wärmeverbräuche der CAU; absolut und je m² Nutzungsfläche mit Angaben der prozentualen Abweichungen zum Vorjahr.
24 85|2024 Christiana Albertina Autor Leopold Schick, geboren 1983, Studium der Geographie in Kiel, Diplom 2013. Von 2011 bis 2016 wissenschaftliche Hilfskraft und wissenschaftlicher Angestellter am Geographischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seit 2016 Mitarbeiter im Gebäudemanagement der CAU. E-Mail: [email protected] Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Werks von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.
25 UWE PFRÜNDER, BEATRIX SCHMIDT, HEIKE NEUBAUER Kiel.Science.City: Die Vision der ChristianAlbrechts-Universität und der Stadt Kiel Ein neuer Aufbruch für Kiel und seine Universität Mit großer Unterstützung der schleswig-holsteinischen Landesregierung haben die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und die Landeshauptstadt Kiel ein ambitioniertes Ziel: In den kommenden 15 Jahren soll unter dem Motto ›Wissen schafft Zukunft‹ und dem Label ›Kiel.Science.City‹ die bauliche Entwicklung vorangebracht werden und teilweise neue Stadtteile entstehen. Dieses Vorhaben soll Studium, Wissenschaft, Innovation, Wirtschaft, Leben, Arbeiten und Wohnen eng miteinander verknüpfen. Eine Geschichte in Bauphasen Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel wurde im Jahr 1665 gegründet und ist seitdem ein zentraler Bestandteil der Stadt Kiel. 1 In den über 350 Jahren ihrer Geschichte hat die Universität zahlreiche bauliche Veränderungen und Erweiterungen erlebt. Geprägt ist die bauliche Entwicklung im Wesentlichen von zwei großen Bauphasen. Die erste baulich bedeutende Entwicklung war um die Jahrhundertwende noch zu Zeiten von Kaiser Wilhelm, als die Universität mit einer Vielzahl von neuen Gebäuden im Bereich des heutigen Schlossparks neu entstand. 2 Das Universitätshauptgebäude wurde 1893 von Martin Gropius, dem Onkel des 1 Zur Geschichte der CAU vgl. insbesondere die beiden Festschriften: Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel 1665–1965, hg. v. Karl Jordan, 6 Bde., Neumünster 1965/69. – Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. 350 Jahre Wirken in Stadt, Land und Welt, hg. v. Oliver Auge, Kiel 2015. 2 Zur Universitätsbaugeschichte vgl. Friedrich Volbehr: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Die drei Universitätsgebäude von 1665, 1768 und 1876. Die Frequenz der Universität von 1665 bis 1876, Kiel 1876. – August Wilhelm Fehling: Die Kieler Universität im Spiegel ihrer Gebäude, in: Nordelbingen 24 (1956), S. 45–52. – Rudolf Jaeger: Die Bauge- → Kiel-up: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p20 25
32 85|2024 Christiana Albertina ebenfalls geplanten Rechenzentrum sollen nicht wie früher in die Atmosphäre emittieren, sondern gespeichert und für andere Gebäude mithilfe von Wärmepumpen nutzbar gemacht werden. Der Bereich Bremerskamp bietet Entwicklungsflächen, um die räumlich-funktionalen und heterogenen universitären und städtischen Bedarfe der Zukunft nachhaltig abzubilden. Diese Zugewandtheit in die Zukunft ist das inhaltliche und räumlich-funktionale Leitbild für die Universität, welches zugleich identitätsstiftend, flexibel und prozesshaft wirkt. Es umfasst auch Interimskonzepte und Stufenlösungen sowie tragfähige Antworten auf die dynamische Entwicklung von Forschung und Lehre. Mittels Interaktionsräumen und flexibler Laborstrukturen, aber auch der Zusammenführung von interdisziplinären Forschungsbereichen etc. soll eine Infrastruktur für vernetztes Forschen, Lehren und Lernen geschaffen werden. Bisher fehlt für den Campusbereich an der Leibnizstraße / Bremerskamp / Olshausenstraße eine inhaltliche und räumliche Mitte, in der wissenschaftlicher Dialog und Transfer stattfinden können. Das Wissensquartier Bremerskamp soll daher zu einem Interaktionsforum entwickelt werden, in dem sich studentisches Lernen mit studentischem Leben vermischt. Es sollen Denkräume entstehen, in denen innovative und exzellente Forschung stattfindet, die sogleich in den Dialog nach außen treten kann. Ein erster ›Denkraum‹ wird bis Ende 2025 in der Universitätsbibliothek entstehen. Ebenso kommt dem neuen Campusbereich eine verbindende Funktion zwischen den angrenzenden Stadtbereichen zu. Dazu ist es unerlässlich, die Anbindung der vorhandenen öffentlichen Nutzungen (etwa der Botanische Garten, der beispielsweise auch die Kieler Forschungswerkstatt beherbergt, sowie das Sportforum, welches durch viele Vereine mitgenutzt wird) weiter im Blick zu behalten und zu stärken. In beiden findet bereits jetzt sehr viel öffentliches Leben statt und wird ergänzt durch das auf der anderen Straßenseite befindliche FIZ Sportzentrum. Zusammen mit dem Entwicklungsgebiet am Torfmoorkamp, wo die Stadt Wohnraum für bis zu 2.000 Menschen schaffen möchte, sind auf dem Campus der CAU mehrere Flächen für studentisches Wohnen geplant (bis zu 700 Wohneinheiten sind möglich). Ein campusnahes Wohnen von Beschäftigten und Studierenden der Universität entlastet zudem den Verkehr in Kiel und ist Grundlage für eine Belebung sowie Verflechtung der universitären Einrichtungen entlang der Olshausenstraße. Ergänzt werden soll das Angebot mit allem, was man zum studentischen und universitären Leben braucht: Nahversorgungsund Gastronomieangebote, attraktiven Freizeitnutzungen sowie sozialer Infrastruktur. b. Campus am Westring Der Campusbereich zwischen Westring und ›Veloroute 10‹ hat sich mit Bezug des alten ELACAreals und der anschließenden Bebauung linksund rechtsseitig der Olshausenstraße zum Zentrum der Universität entwickelt. In der Architektursprache der 1950er und 1960er Jahre entstand hier mit dem prägnanten, hoch aufragenden Universitätshochhaus und dem ›Neuen Forum‹, bestehend aus zwei Hörsaalgebäuden, einem Studentenhaus (inklusive Mensa) und
Uwe Pfründer, Beatrix Schmidt, Heike Neubauer | Kiel.Science.City 33 einer Ladenzeile, der Mittelpunkt der Kieler Universität an der Wissenschaftsachse. Umrahmt wird dieser Mittelpunkt auf der Seite zur heutigen ›Veloroute 10‹ durch das Anger-Gelände, bestehend aus sechs seriell gebauten Institutsgebäuden mit weitläufigen Grünflächen und entlang des Westrings durch das (bis 2001 hier angesiedelte) Gebäude der Universitätsbibliothek sowie die Universitätskapelle. Die Architektur sowie die städtebauliche, freiräumliche und funktionale Anordnung der Gebäude war schon in den 1950er und 1960er Jahre geprägt durch den Gedanken der Transparenz und Öffnung in die Stadt – ein Leitmotiv, das sich auch in der aktuellen baulichen Entwicklung des Campusbereiches rund um das inzwischen denkmalgeschützte Gebäudeensemble widerspiegelt (Abb. 2). Der 2017 entwickelte städtebauliche Rahmenplan für das Anger-Gelände basiert auf der Idee der offenen und in die Stadt hineinfließenden Campusgestaltung, die den Wissenstransfer auch räumlich stärkt. ↑ Abb. 2. Visualisierung städtebaulicher Rahmenplan Anger mit angrenzendem »Neuen Forum« und Veloroute 10. Grafik: Ferdinand Heide Architekt Planungsgesellschaft mbH.
34 85|2024 Christiana Albertina Als Fortentwicklung des bestehenden ›Neuen Forums‹ sowie der Neugestaltung des Angers mit neuen Forschungsund Lehrgebäuden, studentischen Co-Working Flächen und einer hohen Aufenthaltsqualität soll in dem ehemaligen Bibliotheksgebäude an der Kreuzung von Westring und Olshausenstraße ein ›Studierenden-Welcome-Center‹ entstehen, das für Studierende, Forschende und Gäste der Universität einen Ort der Begegnung mit und in der Universität schafft. Durch seine besondere Lage bildet das denkmalgeschützte Gebäude auf der Wissenschaftsachse das Tor zur Universität und Auftakt zum Hauptcampus im städtebaulichen Kontext. Unterstützt wird der räumliche Verflechtungsgedanke durch die direkt angrenzende ›Veloroute 10‹, die nicht nur die Campusbereiche Grasweg (Pharmazeutische Institute), Bremerskamp und Westring miteinander verbindet, sondern gleichermaßen auch umliegende außeruniversitäre Einrichtungen wie beispielsweise das Kieler Innovationsund Technologiezentrums (KITZ) näher an Forschung und Lehre rückt. Nördlich der Veloroute und des Anger-Geländes grenzt der obere Campusbereich zum Teil an untergenutzte Flächen des Gewerbegebiets am Grasweg, die das Potenzial bieten, den Bereich perspektivisch zu einem Gründungsstandort weiterzuentwickeln. An dieser Schnittstelle hat die Stadt Kiel im Frühjahr 2024 auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes Kiel-West eine öffentliche Grünanlage im mittlerweile gewachsenen Birkenwäldchen als attraktiven Erholungsraum geschaffen. Der Campusteil nördlich der Olshausenstraße grenzt unmittelbar an den Wissenschaftspark, der Platz bietet für Start-Up-Unternehmen, Maker-Spaces und etablierte Firmen mit zum Teil engem Bezug zur Universität. An dieser Schnittstelle hat die Universität 2018 den ZfE-Inkubator, das Herz des Zentrums für Entrepreneurship, eröffnet. Hier treffen sich Gründungsinteressierte, Gründer Innen, Unternehmer Innen, Studierende und Wissenschaftler Innen, um an ihrer beruflichen Selbständigkeit zu arbeiten. Der Inkubator ist dabei auf seinen 200 qm zugleich Arbeits-, Veranstaltungsund Begegnungsort. Es werden die Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft gefördert, die Absolvent Innen der Hochschulen an die Region gebunden und eine Plattform für Zukunftsthemen und Innovationspotenziale geschaffen. Diese Entwicklung soll sich im gesamten Quartier nördlich und südlich der Olshausenstraße und insbesondere in den untergenutzten Flächen im Gewerbegebiet am Grasweg fortsetzen. Der denkmalgeschützte Heinrich-Hecht-Platz wird durch den Neubau des Mathematischen Seminars (in Nutzung seit 2021), einem Fachbereichsbibliothekneubau der Sozial-und Wirtschaftswissenschaften und die Sanierung der ehemaligen Bibliotheksflächen Heinrich-HechtPlatz 9 in Institutsflächen zu einem neuen attraktiven Campusmittelpunkt. Der Wilhelm-SeeligPlatz wird durch eine ansprechende Außengestaltung und dem Angebot von unterschiedlichen Sitzmöglichkeiten zu einem weiteren Erholungsund Lernort. c. Medizin-Campus Seit mehr als zehn Jahren findet die Planung und Umsetzung einer baulichen Neustrukturierung auf dem gesamten Campus des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) zwischen
Uwe Pfründer, Beatrix Schmidt, Heike Neubauer | Kiel.Science.City 35 Feldstraße und K ieler Förde statt, auf dem auch der Klinische Teil der Medizinischen Fakultät angesiedelt ist. Die Flächen der universitären Forschung und Lehre befinden sich derzeit noch zum großen Teil in den Gebäuden des UKSH und sind eng mit den Bereichen der Krankenversorgung verwoben. Diese Verflechtung wird im Rahmen der Masterplanung des UKSH und der Entwicklung eines Medizin-Campus der Kieler Universität gelöst. Die Flächen der Krankenversorgung werden in einem modernen Universitätsklinikum restrukturiert und zentralisiert; parallel dazu erhält die Medizinische Fakultät auf dem nordwestlichen Teil des UKSH-Geländes einen hochmodernen Forschungsund Lehrcampus (FuL-Campus). Dieser wird aus drei Forschungsneubauten und einem zentralen Lehrund Verwaltungsgebäude als Nachnutzung der heutigen Ersten Medizin bestehen. ↑ Abb. 3. Medizin-Campus auf dem UKSH-Gelände, Nummerierung nach Wegeleitsystem UKSH. Grafik: CAU/UKSH.
36 85|2024 Christiana Albertina Bereits Ende 2019 hat der Medizin-Campus mit dem Bezug des ersten neuen Forschungsgebäudes (Quincke Forschungszentrum) seinen Betrieb aufgenommen. Als nächster Bauabschnitt wurde die Klinik für Dermatologie abgebrochen, an deren Standort entstehen momentan bis 2027 zwei weitere Forschungsneubauten als baulich-technische Einheit. Alle drei Forschungsgebäude verfügen über ein flexibles Laborund Büroflächenkonzept, das eine schnelle Anpassbarkeit bei geänderten Forschungsanforderungen gewährleistet. Durch die Bündelung der Forschungsflächen auf dem Forschungsund Lehrcampus und die Schaffung von einrichtungsübergreifenden Geräteplattformen werden Synergien genutzt. Der zweite Forschungsneubau (Hugo Salomon Forschungszentrum) verfügt darüber hinaus über eine zentrale teilautomatisierte Biobank sowie das Zentrum für Proteomik und Metabolomik. Der dritte Forschungsneubau (Braak Zentrum für Integrative Systemmedizin; ZISMed)) hat die Erfassung von multidimensionalen Patientendaten und die Entwicklung von Methoden zur Früherkennung und zur Therapieauswahl bei chronischen Krankheiten zum Ziel. Die Forschung im ZISMed wird sich auf chronisch-entzündliche Darmund Hauterkrankungen sowie neurodegenerative Krankheiten konzentrieren. Das Gebäude beherbergt eine Studienambulanz mit allgemeinen Untersuchungsund Behandlungsräumen sowie Großgeräteplattformen. Es sind spezifische Flächen der Radiologie (MRT, NMR), Endoskopie, Dermatologie und Neurologie (Bewegungsanalyse) vorhanden. Die räumliche und personelle Anbindung des ZISMed an das UKSH vereinfacht die Beteiligung von Probanden an Forschungsprojekten zu vorgenannten Krankheiten. Vervollständigt wird der neue Campus bis etwa 2031 mit dem Umbau und der Erweiterung der heutigen Ersten Medizin zu einem Gebäude der Lehre und des Lernens, der curricularen Weiterbildung und zentralen Verwaltung der Medizinischen Fakultät (Rahel Hirsch Lehrzentrum). Mit der städtebaulichen Gestalt entsteht ein Studiencampus und Ort für die Studierenden mit einem identitätsstiftenden Faktor. Bis 2031 werden somit insgesamt etwa 22.760 m² Forschungsund Lehrflächen der Kliniken und Instituten auf einem eigenen Forschungsund Lehrcampus zusammengeführt und unter fachlich und wirtschaftlich optimalen Bedingungen betrieben werden. Daneben verbleiben auch Forschungsund Lehr-Flächen in bestehenden Gebäuden, aber weitgehend von den Flächen der Krankenversorgung getrennt, wie beispielsweise die Zentrale Tierhaltung. Der neue Medizin-Campus wird von Norden her über die Feldstraße und den ›Grünen Trittstein‹ der Stadt Kiel erschlossen und ist nach Süden hin an das Gelände des UKSH angebunden. Die denkmalgeschützte Bausubstanz der verbleibenden Klinikgebäude im Zusammenspiel mit den neuen Gebäuden sowie großzügigen Freiflächen werden einen Universitäts-Campus mit hoher Aufenthaltsqualität und Kommunikationsmöglichkeiten bilden. Mit der Integration der Medizinischen Bibliothek, von Weiterbildungseinrichtungen, der Bereitstellung von Veranstaltungsräumen sowie gastronomischen Anlaufpunkten wird ein lebendiger und attraktiver Campus über die üblichen Betriebszeiten hinaus erschaffen.
Uwe Pfründer, Beatrix Schmidt, Heike Neubauer | Kiel.Science.City 37 d. Public.Campus Seeburg Das historische Gebäude Seeburg sowie die drei im historischen Stadtkern erhalten gebliebenen universitären Museen (Medizinund Pharmaziehistorische Sammlung, Zoologisches Museum und Kunsthalle zu Kiel) sollen den Kern des ebenfalls neu zu entwickelnden ›Public.Campus‹ bilden. Das Gebiet umfasst die universitären Flächen der Seeburg in der Achse über die Kunsthalle und die beiden Gropiusbauten (Zoologisches Museum und Medizinund Pharmaziehistorische Sammlung) als ursprüngliche Gebäude der Universität aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. In unmittelbarer räumlicher Nähe liegen das Kieler Schloss, das Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof sowie das Schifffahrtsmuseum. Das historische Gebäudeensemble mit seiner exponierten Lage bietet sich wie kein anderes an, als neuer Campus mit der klaren Zielrichtung eines ›Public.Campus‹ der CAU für die Stadt und die Region ausgebaut zu werden. Damit ergänzt der ›Public.Campus‹ die verschiedenen Lehr-Lern-Labore für Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte der Kieler Forschungswerkstatt (KiFo) um ein vielfältiges Austauschangebot für die breite Öffentlichkeit. Die CAU wird hier nicht nur mit verschiedenen Veranstaltungsformaten in der Bevölkerung präsent, sondern wird als ein lebendiger Begegnungsort herausgehobener Teil des Stadtbildes und der Stadtentwicklung sein. Inmitten der Stadt an der Kieler Förde und in direkter Nähe zum Zoologischen Museum, der Kunsthalle und der Medizinund Pharmaziehistorischen Sammlung sowie dem alten Botanischen Garten und dem Aquarium ist die Seeburg als Ort für Begegnungen im Geiste des universitären Transfergedankens geplant. Als Abschluss der Wissenschaftsachse auf dem Westufer, nahe der Kiellinie, entwickeln CAU und Landeshauptstadt damit das Areal um die Seeburg als weithin sichtbares und zugängliches Schaufenster der Wissenschaft weiter. Die Stadt plant, an der Kiellinie auf dem Standort des bisherigen Geomargebäudes ein Meeresvisualisierungszentrum. Beide Vorhaben ergänzen sich daher hervorragend. Da es sich bei dem Gebäude der Seeburg um Körperschaftsvermögen der CAU handelt, das sich durch Einnahmen selbst finanzieren und sich damit selbst tragen muss, sind für die geplanten Umsetzungsmaßnahmen noch Fördergelder oder Spendengelder vonnöten. Die Kunsthalle zu Kiel, die auch die Antikensammlung beherbergt, ist seit 2023 geschlossen und erfährt in den nächsten Jahren bis Ende 2028 eine grundlegende Sanierung und Modernisierung. Bund und Land stellen dafür etwa fünfzig Millionen Euro zur Verfügung, die CAU selbst beteiligt sich mit etwa zehn Millionen Euro. Das Gebäude wird damit zukunftsfähig und attraktiver gemacht. Ein weiterer Schwerpunkt liegt, neben den Ausstellungsflächen, auf der Stärkung der Bildungsund Vermittlungsarbeit. Hier besteht die einmalige Chance, unmittelbar am Wasser Forschung und Lehre sowie deren Nutzen für jedermann und für alle Altersgruppen niedrigschwellig sichtbarer und erlebbarer zu machen und gleichzeitig einen touristisch attraktiven Ort für die Kielerinnen und Kieler sowie die Besucherinnen und Besucher Kiels zu schaffen.
38 85|2024 Christiana Albertina e. Ostufer-Campus Räumlich separiert vom Hauptcampus an der Olshausenstraße liegt der Ostufer-Campus an der Ostseite der Kieler Förde. Auf dem ehemaligen Areal der ›Kaiserlichen Werft‹ am nördlichen Rand des Stadtteils Gaarden ist die Technische Fakultät seit 1991 zuhause. Das heutige Gelände war bis Ende 2023 in sich geschlossen und nur über einen Zugang mit dem Stadtteil verbunden. Bis in die späten 1980er Jahre bestimmte eine wechselvolle Bauund Nutzungsgeschichte das ehemalige Werftareal. Die größtenteils aus Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts stammenden Bauten wurden teilweise und jeweils bedarfsorientiert für die Technische Fakultät ergänzt oder umgebaut. Es fehlte jedoch ein standortübergreifendes, langfristiges, bauräumliches und funktional zusammenhängendes Gesamtkonzept. Im Herbst 2018 wurde diese Lücke geschlossen und ein städtebaulicher Rahmenplan für den Ostufer-Campus erarbeitet. Darin inbegriffen sind die Neugestaltung des Campus mit teilweise neu zu erbauenden, funktional angeordneten Forschungsund Lehrgebäuden sowie die Öffnung des Campus in die Stadt hinein. Das neue Hörsaalgebäude mit weiteren (hochschul-)öffentlichen Funktionen (wie beispielsweise einem Café, studentischen Arbeitsplätzen und einer Bibliothek) bildet einen öffentlichen Platz zur Stadt aus, hebt die bisher isolierte Lage des Campus auf und bietet einen Ort, wo Campus und Stadt lebendig zusammenwachsen. Auch hier soll Wissenstransfer zwischen Universität und Stadtgesellschaft stattfinden. Die städtebauliche ↑ Abb. 4. Visualisierung städtebaulicher Rahmenplan Ostufer-Campus. Grafik: Victoria von Gaudecker Architektin, BDA.
Uwe Pfründer, Beatrix Schmidt, Heike Neubauer | Kiel.Science.City 39 Verflechtung des Campus im Stadtteil und an der Förde wird zudem durch eine Freitreppenanlage, über die man vom höher gelegenen Hörsaalplatz und mit Blick auf die größte Kieler Werft zum großen Campusplatz gelangt, betont. Der Campusplatz selbst soll das Herz des Hochschulquartiers bilden und mit einzelnen Grünund Erholungsinseln als Treffpunkt im Freien einladen. Während man bisher nur durch ein Tor in der Kaiserstraße auf den Campus gelangte, wird dieser zukünftig über zwei Seiten erschlossen werden. An beiden Eingängen befinden sich öffentliche Bushaltestellen sowie Parkplätze für Beschäftigte und Besucherinnen und Besucher. Der Campus selbst wird autofrei sein, während der Radverkehr – wie in den anderen Campusteilen der Universität auch – durch neue und hochwertigere Fahrradabstellanlagen gestärkt wird. Die CAU beteiligt sich direkt an der Anbindung an die umliegenden städtischen Velorouten, wie schon bei der ›Veloroute 10‹ am Hauptcampus. Es ist gemeinsames Ziel von Universität und Stadt, den Campus der Technischen Fakultät auch über den reinen Lehrbetrieb hinaus zu einem belebten studentischen Quartier zu entwickeln. Moderne Mobilitätskonzepte Die Vernetzung der verschiedenen Hochschulstandorte ist ein zentrales Anliegen der ›Kiel. Science.City‹-Idee. Kurze Wege und gute Erreichbarkeit sind für vernetztes Arbeiten zwischen den Hochschulquartieren und gute Kooperationen mit der Stadt, den außeruniversitären Forschungseinrichtungen und (über-)regionalen Unternehmen entscheidend. Dazu zählen auch hochschulaffine und zeitgemäße Mobilitätsformen, wie ein attraktives und gut ausgebautes Radverkehrssystem, Elektromobilität und integrierte Modelle des autonomen öffentlichen Nahverkehrs (Busse, Fähren), ein attraktiver ÖPNV mit einer Stadtbahn sowie Bikeund Car-Sharing-Systeme. Die Hochschulareale können zum ›Versuchslabor‹ für neue Mobilitätsformen werden. Als ein erfolgreiches gemeinsames Projekt sei die städtische ›Veloroute 10‹ genannt. Sie verbindet zum einen den Campus mit den verschiedenen (studentischen) Wohnquartieren der Stadt auf dem Westufer und dem Regionalbahnhof Kiel-Hassee, zum anderen wird sie seitens der CAU auf universitärem Gelände fortgeführt und fügt wesentliche Teile des Hauptcampus zusammen. Der Bereich Elektromobilität oder autonomes Fahren wird von Stadt und Universität gemeinsam neu gedacht. Verschiedene Projekte sind auf dem Weg. Die Planung der Stadt Kiel, bis 2032 die Kieler Stadtbahn einzuführen, wird durch eine schnelle und direkte Verbindung zwischen Hauptbahnhof und Hauptcampus sowie zwischen Hauptbahnhof und Technischer Fakultät die Erreichbarkeit der CAU und damit auch die (über-)regionale Sichtbarkeit erheblich verbessern. Zudem wird sich auch die Vernetzung auf dem Hauptcampus steigern, die derzeitig durch Busverbindungen abgedeckt werden. Diese sind kapazitätsbedingt zu Stoßzeiten bei Vorlesungswechsel überlastet und können auch durch eine dichtere Taktung keine
40 85|2024 Christiana Albertina Entlastung bieten. Die Verbindung der verschiedenen Wissenschaftsstandorte über die Förde hinweg muss durch eine verbesserte, in höherer Taktung fahrende Fährverbindung optimiert werden. Hierzu hat die Stadt Kiel bereits Aufträge für neue Fähren erteilt. Die Universität hat den Bau von Ladestationen auf dem Campusgelände für die elektrifizierte Busflotte der Stadt unterstützt. Ziel ist es, die notwendigen Verbindungslinien zwischen den verschiedenen HochschulCampus-Standorten herauszuarbeiten und durch zukunftsorientierte und nachhaltige Mobilitätskonzepte zu beleben sowie die Attraktivität von Stadt und Universität zu erhöhen. Verpflichtung zur Zukunftsgestaltung Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel steht vor einer aufregenden Zukunft. Mit den baulichen Erneuerungen wird ein neues Kapitel aufgeschlagen, das Forschung, Lehre und Leben in Kiel maßgeblich prägen wird. Die Universität verpflichtet sich, ihren Angehörigen eine zukunftsgerechte Umgebung zu bieten und gleichzeitig die Stadt Kiel als internationalen Wissenschaftsstandort zu stärken. Durch die enge Verflechtung von Stadt und Universität, die Förderung von Nachhaltigkeit und Energieeffizienz sowie die Schaffung moderner Arbeitsumgebungen wird die CAU zu einem attraktiven und innovativen Standort für Studierende, Forschende und die gesamte Stadtgesellschaft. ›Kiel.Science.City‹ ist eine Vision, die Gestalt annimmt und die Zukunft der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Stadt Kiel nachhaltig prägen wird. Auch wenn die aktuellen Zeichen aus der Politik aufgrund der angespannten Haushaltslage weiteren Investitionen kritisch gegenüberstehen, ist es doch unumgänglich, zur Aufrechterhaltung der Betriebsfähigkeit der Universität – und somit für exzellente Forschung und Lehre in Schleswig-Holstein – diese Anstrengungen fortzusetzen.
Uwe Pfründer, Beatrix Schmidt, Heike Neubauer | Kiel.Science.City 41 ↑ Abb. 5. Aktuell abg eschlossene oder laufende Baumaßnahmen in Höhe von über 1.040 Mio.€ (Landesmittel, Bundesmittel, Mittel CAU, Anmietung, inkl. Medizin). Zusammenstellung und Fotos: CAU. 1. Umbau der Universitätsbibliothek. Die drei Flügel wurden und werden erdgeschossig zu modernen und attraktiven Arbeitsflächen für Studierende umgebaut 2. Sanierung und Umbau der Fakultätenblöcke 3. Neubau des Juridicums 4. Neubau einer Brücke zur Verbindung der Bibliotheken in den Fakultätenblöcken und des Juridicums 5. Anmietung zur Unterbringung des Instituts für Psychologie 6. Neubau der Mathematik 7. Neubau des Hensen Höber Hauses zur Unterbringung der Physiologie und Tierhaltung 8. Neubau der Fachbibliothek für die Wirtschaftsund Sozialwissenschaften und neue Unterbringung von Instituten der Politikund Sozialwissenschaften im Nachbargebäude 9. Neubau des Instituts für Geowissenschaften und eines Geotechnikums. 10. Forschungsneubau für den Exzellenzcluster Roots, ArchWorlds 11. Neubau der Geographie 12. Neubau eines Studierendenwohnheims durch die Hermann Ehlers Stiftung 13. Neubau eines Mobilitäts-Hubs (Parkhaus für Beschäftigte, Studierende, Dienstfahrzeuge und Fahrräder). 14. Neubau zur Unterbringung der Agrarund Ernährungswissenschaften und der Verwaltung des Rechenzentrums 15. Umbau für Laborflächen der Ernährungswissenschaften 16. Hörsaalgebäude (HSG) für die Technische Fakultät. 17. Forschungsgebäude an der TF (Zentrum für vernetzte Sensorsysteme, ZEVS) 18. Neubau eines Forschungsgebäudes für die Medizin (Quincke Forschungszentrum) 19. Neubau zur Unterbringung des Zentrums für Proteomik und Metabolomik sowie des Zentrums für integrative Systemmedizin (ZISMed) und einer Studienambulanz 20. Sanierung und Umbau der Kunsthalle zu einem modernen Tageslichtmuseum 21. Forschungsneubau CeTEB, Center for translational Evolutionary Biology 22. B-Plan Bremerskamp mit Neubau Biologie, Neubau Rechenzentrum, Energiezentrale, Max-Rubner-Institut als externe Bundesforschungseinrichtung.
48 85|2024 Christiana Albertina ↑ Abb. 3. Eindrücke aus dem Botanischen Garten Kiel und seinen Sammlungen. Fotos: Renate Keim (Freundeskreis, Reihe 1, links), Susanne Petersen (Botanischer Garten Kiel, Reihe 4, links), Matthias Seemann (Freundeskreis, Reihen 1 bis 3, Mitte; Reihe 4, rechts), Dietrich Ober (Botanischer Garten Kiel, Reihe 1 und 3, links; Reihe 2, rechts).
Susanne Petersen, Dietrich Ober | Der Botanische Garten Kiel 49 und der Pharmazie führen auch Institute der Geographie, der Psychologie und der Anglistik Experimente bei uns durch. Lehre und Anschauung sind schon die Motive für die Gründung des Botanischen Gartens im Jahre 1669 durch Johann Daniel Major im Schlossgarten gewesen. An diesen Aufgaben hat sich bis heute nichts geändert. So nutzen vor allem verschiedene Module der Bachelorund Masterstudiengänge der Biologie die kompetente Beratung und das Materialangebot des Botanischen Gartens, führen Teile der Lehre direkt im Freiland und in den Gewächshäusern des Gartens durch oder profitieren von den Führungen für Studierende. Die Unterstützung von Wissenschaft und Lehre funktioniert nur, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Botanischen Gartens in ihre eigene Weiterbildung investieren und vor allem bereit sind, ihr Wissen zur Kultur und Pflege der Pflanzensammlungen auch an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Dieser Verpflichtung kommt der Botanische Garten Kiel als größter Ausbildungsbetrieb für Gärtnerinnen und Gärtner im Zierpflanzenbau in Schleswig-Holstein nach. Derzeit lernen 14 Auszubildende im Garten, insgesamt haben bereits 190 Auszubildende ihre Berufsausbildung bei uns am derzeitigen Standort erfolgreich, zum Teil mit Bestnoten, abgeschlossen. Fortbildungen zur Verbesserung der Ausbildung, aber auch zum Artenschutz, zur Entwicklung torffreier Substrate, zum Pflanzenund Gewässerschutz oder zur Baumpflege tragen zu einer gleichbleibend hohen Qualifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei. Für viele Arbeitsabläufe sind es jedoch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Botanischen Gartens Kiel, die Lösungen entwickeln und umsetzen und schließlich auch an Kolleginnen und Kollegen anderer Gärten weitergeben. Dazu gehört zum Beispiel der erfolgreiche Einsatz der erwähnten Nützlinge in den Gewächshäusern, ferner aber auch die Gestaltung der Anlagen im Freiland und in den Gewächshäusern, die den Ideenreichtum und die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eindrucksvoll belegen. Der Botanische Garten Kiel im Jahr 2023 Der Botanische Garten Kiel ist das ganze Jahr über täglich geöffnet. Außer bei Sonderveranstaltungen ist der Eintritt frei. Damit gibt der überwiegend aus Steuergeldern finanzierte Garten dem Steuerzahler etwas zurück und bietet der Öffentlichkeit nicht nur einen attraktiven Ort zum Verweilen und Entspannen. Denn durch ein umfangreiches Angebot werden wissenschaftliche Themen aus den forschenden Arbeitsgruppen sowie vielfältige Themen rund um die pflanzliche Vielfalt und ihre Bedeutung für den Menschen, aber auch ihre Gefährdung allgemeinverständlich vermittelt. Bei den Wintervorträgen und den Lehrwanderungen im Sommerhalbjahr, die kostenlos angeboten werden, standen im vergangenen Jahr die Bestäubungsund Ausbreitungsmechanismen von Pflanzen ebenso im Mittelpunkt, wie auch die oft verkannten Moose, die für Schleswig-Holstein einst so typischen Moore oder die Bedeutung von Pflanzen als Bioindikatoren für die Gewässergüte.
50 85|2024 Christiana Albertina Darüber hinaus bietet der Botanische Garten Gruppenführungen gegen einen Unkostenbeitrag an, ein Angebot, dass im vergangenen Jahr von über 4.000 Personen aller Altersgruppen, vom Kindergarten bis zu Senioren, wahrgenommen wurde. Trotz dieser beeindruckenden Zahl übersteigt die Nachfrage nach Führungen oft unser Angebot, denn die Hauptaufgabe der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleibt die Versorgung der Pflanzensammlungen. Diese Lücke versuchen wir mit den Heften der Reihe Auf eigene Faust durch den Botanischen Garten Kiel zu schließen. Zu jeweils einem bestimmten Thema führt das Heft die Besucherinnen und Besucher durch den Garten. Orientierungspunkte und Beschriftungen an den Pflanzen in Kombination mit dem Gartenplan helfen, die Pflanzen im Garten zu finden. Bestseller der Reihe, von der bereits über 13.000 Hefte verkauft wurden, sind die Hefte zur Apotheke der Natur und zur Giftküche der Natur, die zeigen, wie nah Wohl und Wehe im Pflanzenreich beieinanderliegen. Neu erschienen ist im vergangenen Jahr das Heft zu Fasern und Papier, das zeigt, dass Pflanzen nicht nur die Welt ernähren, sondern als Rohstoff für die Papierherstellung auch die Basis legten für die moderne Informationsgesellschaft. Was hätte Gutenberg ohne Papier gemacht ( Abb. 5 )? Studierende für das Lehramt an Gymnasien, die im Fach Biologie ausgebildet werden, müssen lernen, komplexe fachliche Sachverhalte für den Unterricht gut verständlich aufzubereiten. Im Rahmen von Seminarund Abschlussarbeiten ↑ Abb. 4. Baumpflegemaßnahmen im Botanischen Garten Kiel. Der Botanische Garten Kiel wurde 1985 an seinem jetzigen, dem fünften Standort eröffnet. Damit erreichen nun auch viele Bäume ein Alter, das aufwändige Pflegemaßnahmen zu ihrem Erhalt und zur Verkehrssicherheit erfordert. Speziell dafür geschulte Mitarb eiterinnen und Mitarbeiter führen diese Arbeiten mit Hebebühnen im Freiland (Reihe 1, links und Mitte) und in den Gewächshäusern (Reihe 2, links) durch. Dazu gehört in den Gewächshäusern auch die Reinigung der Glasflächen (Reihe 2, Mitte). Ein Baum im Tropenhaus, der üppig mit Aufsitzerpflanzen (Epiphyten) bedeckt ist, erfordert jedoch keinen Rückschnitt. Er wurde von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus Beton modelliert (Bild rechts). Fotos: Gerhard Brüggemann (Freundeskreis, Reihe 1 und 2, links und Mitte) und Dietrich Ober (Botanischer Garten Kiel, rechts).
Susanne Petersen, Dietrich Ober | Der Botanische Garten Kiel 51 wenden sie dieses Wissen auch auf Themen an, die für die Besucherinnen und Besucher des Botanischen Gartens von Interesse sind. So entstehen die Entwürfe für unsere Gartenführerhefte, aber auch für erklärende Poster, wie zum Beispiel zu den Klimazonen in den Schaugewächshäusern oder zu den Nutzpflanzenarten im Themengarten gleich vor der Schaugewächshausanlage – eine perfekte Win-win-Situation! Gleiches gilt für die Kieler Forschungswerkstatt, die im Botanischen Garten angesiedelt ist und nicht nur vielfältige Angebote aus verschiedenen naturwissenschaftlichen Disziplinen für Schulklassen bereithält, sondern auch Lehramtsstudierenden die Möglichkeit bietet, Erfahrungen bei der Planung und Durchführung von Projekten mit Schulklassen zu sammeln. In der Bevölkerung ist der Botanische Garten Kiel vor allem durch seine Veranstaltungen bekannt, die weit ins Land ausstrahlen. Jedes Jahr am zweiten Sonntag im Juni findet der ›Tag der offenen Tür‹ statt, an dem sich der Garten in seiner ganzen Pracht und mit einem Blick hinter die Kulissen der Öffentlichkeit präsentiert. In kleinen Führungen stellen die Gärtnerinnen und Gärtner die von ihnen gepflegten und entwickelten Bereiche vor. Das Motto des Tages, im Jahr 2023 ›Grüne Vielfalt für den Menschen‹, wird jeweils mit dem Verband Botanischer Gärten in Deutschland abgestimmt. Anfang Juli wurde dann die Schmetterlingsschau eröffnet, die wir aufgrund des Aufwandes für die Vorbereitung der Freiflughalle, die Beschaffung der Tiere und nicht zuletzt der Futterpflanzen für den Schmetterlingsnachwuchs nur etwa alle drei Jahre anbieten können. Für die Beschaffung der Tiere bestehen Kontakte zu zertifizierten Insektenzüchtern in Costa Rica, die vor einigen Jahren sogar von Mitarbeitern des Gartens persönlich in Augenschein genommen wurden. Das Besucherinteresse ist enorm. Im Jahr 2023 fanden innerhalb von nur gut sieben Wochen 33.500 Besucherinnen und Besucher den Weg in die Freiflughalle, um die Schmetterlinge unmittelbar zu erleben und sich von unserem engagierten Personal die verschiedenen Entwicklungsstadien der Tiere zeigen ↑ Abb. 5. Informationsangebote des Botanischen Gartens Kiel. Neben Hinweisschildern und Postern werden wichtige Hinweise den Besucherinnen und Besuchern am Haupteingang im Informationspavillon (links) zur Verfügung gestellt oder sind an der interaktiven Informationsstele (Mitte) aufrufbar. Publikationen umfassen Gartenpläne, Gartenführer aus der Reihe Auf eigener Faust durch den Botanischen Garten sowie Publikationen zu Sonderthemen, wie das Heft zu Rezepte aus dem Arzneigarten. Dieses bietet manch interessantes Rezept für einen leckeren Salat oder Smoothie, warnt aber auch vor möglichen Verwechselungen beim Sammeln der Pflanzen. Fotos: Susanne Petersen, Botanischer Garten Kiel (Mitte) und Dietrich Ober, Botanischer Garten Kiel.
52 85|2024 Christiana Albertina zu lassen (Abb. 6). Paradiesi sche Eindrücke in tropischem Ambiente, beeindruckend für die Besucherinnen und Besucher, herausfordernd für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die dort täglich mehrere Stunden arbeiten. Aber was tut man nicht alles, um nicht nur Kinderaugen zum Leuchten zu bringen? Und unser Kooperationspartner, ›Der Garten der Schmetterlinge‹ in Friedrichsruh bei Aumühle, freut sich über unsere Tiere am Ende unserer Veranstaltung. Im September 2023 folgte die Orchideenschau, bei der die Mitglieder der Landesgruppe Schleswig-Holstein der Deutschen Orchideengesellschaft gemeinsam mit den Orchideenliebhabern aus den benachbarten skandinavischen Ländern ihre schönsten und seltensten Schätze der Öffentlichkeit präsentierten. Anfang Oktober zeigten die Mitglieder der Kieler Pilzfreunde e.V. welche Schönheiten ein feuchtwarmer Herbst hervorbringen kann, bevor in der dunklen Jahreszeit ab November zum zweiten Mal die Lichtschau ›Nocturnalis‹ aufgebaut wurde. Diese Schau ist das Ergebnis eines Ideenwettbewerbs zum Thema ›Kultur im Botanischen Garten‹ aus dem Jahr 2021. Über 7.000 Besucherinnen und Besucher ließen sich von sphärischen Klängen einfangen und erlebten die Schaugewächshäuser in einem ganz anderen Licht ( Abb. 7 ). Kaum haben Radio, Fernsehen oder die Zeitungen über unsere Veranstaltungen berichtet, merken wir das an den Besucherzahlen. Auch die offizielle Homepage des Botanischen Gartens Kiel (www.boga.uni-kiel.de) u nd die Informationsstele am Haupteingang informieren über die Arbeit und das Veranstaltungsangebot des Gartens, aber eine noch breitere Öffentlichkeit erreichen wir über die Homepage (www.butterbaum.de) und die verschiedenen Social-Media-Kanäle des Freundeskreises. ↑ Abb. 6. Vorbereitungen zur Schmetterlingsschau. Die Verwandlung eines Gewächshauses in eine Freiflughalle für Schmetterlinge erfordert umfangreiche Vorbereitungsarbeiten vom Aufspannen der Netze bis hin zum Aufbau der (Futter-)Pflanzen und des Ausbringens der Insekten. Fotos: Susanne Petersen (Botanischer Garten Kiel, Reihe 1 und zwei, links und Mitte) und Dietrich Ober (Botanischer Garten Kiel, rechts).
Susanne Petersen, Dietrich Ober | Der Botanische Garten Kiel 53 Der Freundeskreis Botanischer Garten der CAU zu Kiel e.V. Der Freundeskreis des Botanischen Gartens ist kein gewöhnlicher Freundeskreis, dessen Mitglieder durch ihre Mitgliedschaft der Institution Botanischer Garten und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ihre Unterstützung und Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Unser Freundeskreis ist weit mehr. Ohne ihn wären die über 100.000 Besucher im Jahr 2023 nicht möglich gewesen. Ohne ihn gäbe es die Öffentlichkeitsarbeit des Gartens in der heutigen Form nicht, da der Garten für diese Aufgaben kein Personal zur Verfügung hat. Mit mittlerweile über 800 Mitgliedern und einer sehr engagierten Vereinsführung ist der Freundeskreis Ideengeber und Unterstützer bei vielen unserer Veranstaltungen. Dazu gehört neben eigenen Vortragsreihen zu wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Themen auch die Durchführung des Künstlerwettbewerbs zur ›Kultur im Botanischen Garten Kiel‹, aus dem unsere Lichtschau ›Nocturnalis‹ hervorgegangen ist. Diese Initiative wurde auch vom Verein zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und Kultur e.V. unterstützt und ermöglichte es, den Botanischen Garten in einem neuen Licht zu erleben. Die schönsten Plätze zum Verweilen im Garten verdanken wir dem Freundeskreis, seien es die schönen Bänke oder auch der Strandkorb an der Düne. Aus den über zwanzig Kunstausstellungen, die der Freundeskreis in den vergangenen zwei Jahrzehnten ermöglicht hat, entstand ein wertvoller Skulpturenparcour, für dessen Erhalt und Sanierung der Freundeskreis 2023 Mittel der Liebelt-Stiftung in Hamburg eingeworben und deren Umsetzung auch begleitet hat. Darüber hinaus ermöglichte der Freundeskreis in den Sommermonaten 2023 eine Kunstausstellung, an deren Werken in den Gewächshäusern und im Freiland Zehntausende von Gästen entlanggingen. Der Druck aller unserer Veröffentlichungen, wie zum Beispiel die Reihe der Gartenführer, das gerade neu erschienene Heft zu Rezepte aus dem Arzneigarten, das zwei unserer Mitarbeiterinnen gestaltet haben, oder die Gartenpläne werden vom Freundeskreis vorfinanziert. Was ist das für ein schönes Ziel, den Garten für Besucherinnen und Besucher so attraktiv wie möglich zu machen und damit Aufgaben zu übernehmen, die die Universität nicht leisten kann? Doch dabei bleibt es nicht. Der Freundeskreis unterstützt auch die zentralen Aufgaben des Gartens in Forschung, Lehre und Ausbildung, indem er durch Investitionen die Weiterentwicklung des Gartens ermöglicht. So verdanken wir dem Freundeskreis den gläsernen Informationspavillon am Haupteingang. Im vergangenen Jahr haben wir die Vorbereitungen für den Bau des dritten Folienhauses durchgeführt, dessen Finanzierung der Freundeskreis bereits gesichert hat. Die Folienhäuser sind wichtig für die Überwinterung vieler Pflanzen, die im Sommer im Freiland zu finden sind, aber auch für die Ausbildung. Denn hier werden die vielen Frühjahrsund Sommerblumen angezogen, die später im Freiland mit ihrer Farbenpracht beeindrucken. So profitieren also nicht nur die Besucherinnen und Besucher, sondern auch die Wissenschaftler, Studierende und Auszubildende von der Arbeit des Freundeskreises. Und für die ganz jungen Pflanzenfreunde? Denen bietet der Freundeskreis mit dem Angebot ›Die Kleinen Gärtner‹ die Möglichkeit, die
54 85|2024 Christiana Albertina ↑ Abb. 7. Nocturnalis. Die Lichtschau ließ die Schaugewächshäuser und die dort befindlichen Pflanzen in neuem Licht erstrahlen und lockte auch Fernsehteams an (unten links). Fotos: Matthias Seemann (Freundeskreis) mit Ausnahme der unteren Reihe rechts (Dietrich Ober, Botanischer Garten Kiel).
Susanne Petersen, Dietrich Ober | Der Botanische Garten Kiel 55 Natur und die Pflanzenwelt in ihrer Vielfalt mit allen Sinnen zu erleben. 26 Kinder haben im vergangenen Jahr gegraben, gepflanzt, geerntet, gekocht und gebacken und sogar in den Gewächshäusern übernachtet. Was für ein beeindruckendes Erlebnis, an einem Ort so großer Vielfalt zu übernachten und nachts die Rufe der aus Amerika stammenden Pfeiffrösche zu hören, die im Tropenhaus für den biologischen Pflanzenschutz sorgen? Dass es im Tropenhaus nachts lauter ist als tagsüber, ist eine Erfahrung, die der in tropischen Regenwäldern sehr nahekommen dürfte! Ehrenamt im Botanischen Garten Kiel In den vergangenen Jahren unterstützte der Botanische Garten Kiel auch die Angebote der Stadt Kiel zum Langen Tag der Stadtnatur oder im Rahmen des Stadtgartenwanderweges und des über hundert Jahre alten Kieler Grüngürtels. Die Aktion ›Radeln ohne Alter‹ darf mit einer Sondergenehmigung Menschen in den Garten fahren, denen ein Besuch sonst nicht möglich wäre, ein ehrenamtliches Engagement, das wir gern unterstützen. Denn wir wissen um den Gewinn, den die ehrenamtlichen Helfer auch für unsere Arbeit bedeuten, sei es als aktive Mitglieder des Freundeskreises oder bei der Arbeit in den Sammlungen. Stellvertretend für all diese fleißigen Helferinnen und Helfer wurde eine von ihnen im Februar 2023 mit der Ehrennadel des Ministerpräsidenten für ihr ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. Die Zukunft Auch an seinem fünften Standort sind die Wege, Gebäude und Gewächshäuser sowie die übrige Infrastruktur in die Jahre gekommen und müssen erneuert werden. Seit letztem Jahr wurde die Regelungstechnik in den Forschungsund Anzuchtgewächshäusern komplett erneuert, Unterstellmöglichkeiten für die wertvollen Multifunktionsfahrzeuge geschaffen, neue Zisternen zur Speicherung von Regenwasser angelegt und Wege ausgebessert. Planungen für die Neugestaltung einiger Themenbeete nehmen Gestalt an. Dies sind Investitionen in die Zukunft, in die Zukunft des Botanischen Gartens, aber auch in die Wissenschaft, in die universitäre Lehre und in die Bildung der Bevölkerung auf einem Gebiet, das für das (Über-)Leben der Menschheit immer bedeutender wird. Pflanzen ernähren die Welt. Sie sind fotosynthetisch aktiv und bauen die energiereichen Verbindungen auf, die allen Tieren, Pilzen und Mikroorganismen als Nahrung zur Verfügung stehen. Ein Großteil davon beansprucht der Mensch als Nahrung, Baumaterial oder Energieträger für sich. Inzwischen dringt der Mensch in die letzten unberührten Lebensräume vor und verändert diese mit fatalen Folgen. Nach Angaben des World Wide Fund for Nature (WWF) be-
56 85|2024 Christiana Albertina finden wir uns im größten Artensterben seit dem Aussterben der Dinosaurier, 4 ein Prozess, an dem der Mensch maßgeblichen Anteil hat. Es wird erwartet, dass bis zu 75 Prozent der heute auf unserem Planeten lebenden Arten aussterben werden. Damit sterben auch die für funktionierende Lebensräume so wichtigen Wechselwirkungen zwischen den Organismen. Damit sterben beeindruckende Errungenschaften, die das Leben im Laufe der Evolution hervorgebracht hat, oft ohne dass wir sie rechtzeitig beschreiben und verstehen konnten. Wer weiß, wie viele dieser Errungenschaften auch für uns Menschen noch hätten wertvoll sein können? Zugegeben, auch Botanische Gärten werden die Welt nicht retten, aber sie können etwas dazu beitragen, die Verluste zu verringern, vielleicht sogar einen Teil des Verlorenen zurückzugewinnen. Der Botanische Garten Kiel wird auch in Zukunft seinen Beitrag dazu leisten, indem er seine wertvollen Pflanzensammlungen kontinuierlich ergänzt, die Öffentlichkeit für die Notwendigkeit des Erhalts biologischer Vielfalt sensibilisiert und sich an der Ausbildung von Studierenden und Schülerinnen und Schülern beteiligt. Gemeinsam mit den Botanischen Gärten der Welt stellen wir uns diesen Herausforderungen als moderne Sammlungen in der Mitte der Gesellschaft. Autorin und Autor Dipl.-Biol. Susanne Petersen, geboren 1963, Ausbildung als Gärtnerin, Studium der Biologie in Kiel, Diplom 1994, sei 1994 Stellvertretende Technische Leiterin des Botanischen Gartens Kiel. E-Mail: [email protected]iel.de Prof. Dr. Dietrich Ober , geboren 1967, Studium der Biologie, Diplom 1992, Promotion 1997, Habilitation für Pharmazeutische Biologie und Botanik 2004, seit 2006 Professor für Botanik und Direktor des Botanischen Institutes und leitendender Direktor des Botanischen Gartens Kiel. E-Mail: [email protected].de Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Werks von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können. 4 Pr essemeldung des Worldwide Fund for Nature (WWF) vom 19. Juni 2022: ›Debakel für die Artenvielfalt oder Befreiungsschlag?‹, https://www.wwf.de/2022/juni/debakel-fuer-die-artenvielfalt-oder-befreiungsschlag [28. Juni 2024].
57 OLIVER AUGE »nicht wie eine normale Professur« Wie die CAU 1924 zu ihrem Lehrstuhl für Schleswig-Holsteinische Geschichte kam Zum Sommersemester 1924 erhielt die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel einen Lehrstuhl für Schleswig-Holsteinische Geschichte, woran die daraus hervorgegangene Kieler Abteilung für Regionalgeschichte 2024 zum hundertjährigen Jubiläum erinnern möchte. Sowohl die Einrichtung des neuen Lehrstuhls als auch die Berufung des ersten Lehrstuhlinhabers Otto Scheel waren dabei 1924 alles andere als unumstritten. Nach mehreren vergeblichen Anläufen zur Errichtung einer ordentlichen Landesgeschichtsprofessur am seit 1872 etablierten Historischen Seminar war es zum Wintersemester 1906/07 immerhin erstmalig gelungen, den Historiker Ernst Daenell (1872–1921)1 mit einem offiziellen Lehrauftrag für schleswig-holsteinische Geschichte zu versehen. 2 Mit Daenells Weggang im Jahr 1914 erlosch dieser Lehrauftrag zwar wieder, doch erhielt im Jahr 1920 Otto Brandt (1892–1935) einen neuen. 3 Angesichts der schwerwiegenden politischen Entwicklungen in Schleswig-Holstein nach dem Ersten Weltkrieg, vor allem in Anbetracht des Abstimmungskampfes und der neuen Grenzziehung unter Verlust Nordschleswigs an Dänemark im Frühjahr 1920, wurde indes der Ruf nach einer ordentlichen landesgeschichtlichen Professur wieder lauter. Ein Selbstläufer war die Einrichtung der Professur aber auch zu diesem Zeitpunkt beileibe nicht. Denn die Universitätsleitung stand dem Plan – weniger aus fachlichen Gründen als vielmehr aus Furcht vor einer von außen erfolgender Einflussnahme – reserviert bis ablehnend gegenüber und favorisierte vielmehr die Schaffung eines Lehrstuhls für Niederdeutsche Sprache und Volkskunde. 1 Zu Daenell vgl. https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/e2a3de9e-5538-b24a-8ef4-52550e1d2f00 [16. Januar 2024]. 2 Vgl. Karl Jordan: Geschichtswissenschaft, in: Geschichte der Philosophischen Fakultät Teil 2, bearb. v. Karl Jordan und Erich Hofmann (Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel. 1665-1965, Bd. 5.2), Neumünster 1969, S. 7–102, hier S. 76 f. 3 Zu Brandt vgl. https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/49b853df-d8ef-aa1b-035d-4d4c60c045f9 [16. Januar 2024]. → Kiel-up: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p22 57
64 85|2024 Christiana Albertina Deutschland die Rede, von kriminellen Machenschaften dänischer Wahlumtriebe, vom alten eiderdänischen Chauvinismus, von der Karikatur einer Abstimmung und Grenzziehung, einer »moderne[n] Verschleierung gewaltsamen Landerwerbs«, einer Vergewaltigung als »Zerrbild nationaler Gerechtigkeit« usw. 24 Scheels Agitationsschrift erging sich jedoch nicht nur in Vorwürfen, sondern lief auf eine Kampfansage an Dänemark hinaus: Dieses habe wegen seiner Beteiligung am »Erdrosselungsfrieden von Versailles« »den Unfrieden der Versöhnung vorgezogen«. Gerade durch die Annexion Tonderns, seiner Geburtsstadt, habe es sich »einen Pfahl ins eigene Fleisch gebohrt«; die deutschgesinnte Bevölkerungsmehrheit Tonderns werde »den aufgezwungenen Kampf annehmen und durchhalten«. 25 Aufgrund solcher danophober Ausfälle galt Scheel auf der deutschen Seite als »Leuchterscheinung« und als »rednerisch die glänzendste Begabung beider (Abstimmungs-)Zonen«,26 weswegen ihn auch Pastor Johannes Schmidt-Wodder (1869–1959), der gewählte Vertreter der deutschen Volksgruppe im dänischen Folketing, für ein weiteres Engagement in Nordschleswig zu gewinnen suchte.27 Nachdem Scheel nochmals im Sommer 1922 in Flensburg als Redner in 24 Scheel 1920 (wie Anm. 23), passim. – Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 114 mit Einzelnachweisen. 25 Scheel 1920 (wie Anm. 23), S. 12 u. 31 f. 26 So etwa Eduard Thorn: Die erste Teilung Schleswigs 1918-1920, Hamburg 1921, S. 111. 27 Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 115. – Peter Hopp: Pastor Johannes Schmidt-Wodder (1869–1959). Eine politisch-historische Biographie mit besonderer Berücksichtigung seiner Beziehungen zum europäischen Norden (Quellen und Forschungen zur Geschichte Schleswig-Holsteins, Bd. 129), Kiel 2021, S. 143–145. ← Abb. 5. Otto Scheel, Tübinger Professor für Kirchengeschichte, in jüngeren Jahren. Tobias-Bild Universitätsbibliothek Tübingen via LEO-BW.
Oliver Auge | »nicht wie eine normale Professur« 65 Erscheinung getreten und in den Beirat der Nachfolgeorganisation des Deutschen Ausschusses als das zentrale Netzwerk zur Aufrechterhaltung eines deutschen Nordschleswigs gewählt worden war, brachte ihn der schon erwähnte SHB-Vorsitzende Todsen der Berliner Ministerialbürokratie gegenüber als möglichen Kandidaten für die geplante Landesgeschichtsprofessur ins Gespräch.28 Das Oberpräsidium unterstützte seine Idee mit Nachdruck. Scheel habe »im Abstimmungskampf Großes« geleistet. Folglich sei er »der beste Mann für das beste Werk«, gehe es doch darum, für die Kieler Landesgeschichtsprofessur »eine Persönlichkeit zu gewinnen, von der man unschätzbare Hilfe für die nationalen Aufgaben der Provinz erwarten dürfe«. So nahm also das Kultusministerium Berufungsverhandlungen mit Scheel auf. Wegen seiner fehlenden fachlichen Qualifikation war sich Scheel dabei von vornherein bewusst, dass die Kieler Professur für Landesgeschichte »nicht bloß der gelehrten Forschung dienen, sondern den kulturellen und nationalen Aufgaben der Provinz gewidmet sein« müsse. Seiner Meinung nach sollte der Lehrstuhlinhaber »Mittelschleswig gegen Dänemark […] schützen und den Willen gegen Dänemark und die neue Grenze wach […] halten« helfen. 29 Die Ministerialvertreter pflichteten dieser Ansicht bei: Die Professur solle »nicht wie eine normale Professur behandelt« werden, sondern man wolle vielmehr »den Nachdruck auf die politische 28 Vgl. Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 118 f. mit archivalischen Einzelbelegen. Auch zum Folgenden. – Broder Schwensen: Der Schleswig-Holsteiner-Bund 1919-1933. Ein Beitrag zur Geschichte der nationalpolitischen Verbände im deutsch-dänischen Grenzland (Kieler Werkstücke, Reihe A, Bd. 9), Kiel 1993, S. 128. 29 Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 119. – Archiv des Vereins für Reformationsgeschichte Mainz, Karton 3.2: Schreiben Scheels an Hans von Schubert vom 24. Juli 1922. ← Abb. 6. Büste von Otto Scheel, die der Kieler Bildhauer Walter Rössler (1904-1996) 1953 anfertigte. Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Landesgeschichtliche Sammlung, P8-S-432.
66 85|2024 Christiana Albertina beziehungsweise nationale Seite legen«. 30 Allein Scheel komme daher als geeigneter Kandidat in Betracht. Scheel war sich auch im Klaren, dass ein Wechsel nach Kiel einen krassen Bruch und »kein geringes Opfer« für seine bisherige wissenschaftliche Karriere bedeuten musste, wenn er tatsächlich »eine Nebenprofessur in Kiel« gegen eine der »ersten kirchengeschichtliche[n] Professuren des Reichs« eintauschen würde. Er wünschte daher einerseits eine zufriedenstellende Lösung seines Wohnungsproblems im Falle seines Umzugs nach Kiel und andererseits bezüglich der Professur einen Denominationszuschnitt, mit dem er seinen Wechsel an die Christian-Albrechts-Universität auch wissenschaftlich rechtfertigen konnte. Hinsichtlich dieses verständlichen Wunsches kam ihm die Kultusbehörde rasch entgegen und erweiterte die Denomination entsprechend um Reformationsgeschichte und die Geschichte der nordeuropäischen Staaten. 31 Die Personalie Scheel bewirkte also den auf den ersten Blick mehr als seltsamen thematischen Zuschnitt der neuen Professur (der übrigens mit Scheels Emeritierung sofort auch wieder entfiel). Die Kieler Universität erfuhr erst Monate später vom Beginn der Verhandlungen mit Scheel. Rektor Werner Wedemeyer (1870–1934) 32 versuchte im April 1923, als die Berufungsverhandlungen zu einem gewissen Stillstand gekommen waren, nochmals, sich für die zugunsten der Landesgeschichte gestrichene Professur für niederdeutsche Sprache einzusetzen, hatte damit aber keinen Erfolg. 33 Pro forma um eine Berufungsliste für die neue Landesgeschichtsprofessur gebeten, legte die Fakultät dem Ministerium im August 1923 nur ein Empfehlungsschreiben für Scheel vor. Sie rechtfertigte ihr Votum zugunsten eines im Fach Landesgeschichte bislang nicht ausgewiesenen Lutherforschers mit dessen »enge[r] Vertrautheit mit den Aufgaben der Landesgeschichte«. Als Landeskind bringe er »vor allen Dingen eine warme Liebe zur Heimat und ihrer Vergangenheit« mit. 34 In einem Separatvotum erklärten freilich fünf Ordinarien der Fakultät, namentlich die Professoren Eduard Fraenkel (1888–1970), Arthur Haseloff (1872–1955), Felix Jacoby (1876–1959), Christian Jensen (1883–1940) und Friedrich Kauffmann (1863–1941), 35 Scheel bei aller Anerkennung für seine wissenschaftlichen Leistungen 30 LASH, Abt. 301, Nr. 5683: Schreiben Scheels an Oberpräsidialrat Thon vom 5. September 1922. 31 Vgl. Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 120. – Jordan 1969 (wie Anm. 2), S. 83. – LASH, Abt. 47, Nr. 6996: Brief des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 12. April 1924. 32 Zu Wedemeyer vgl. https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/42609425-97c6-67be-dcd8-4d4c603b4d8b [19. Januar 2024]. 33 Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 120 f. – Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin (GStA) I. HA, Rep. 76 Va Sekt. 9 Tit. IV, Nr. 1, Bd. 19: Schreiben des Rektors an das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 2. April 1923. 34 GStA I. HA, Rep. 76 Va Sekt. 9 Tit. IV, Nr. 1, Bd. 19: Berufungsvorschlag der Philosophischen Fakultät vom 2. August 1923. 35 Zu den Genannten vgl. https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/a8d1e412-eeae-21cf-37fa-4d4c609525dd. – https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/bf137474-1883-faee-68f1-4d4c60d8680f. – https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/83579d7c-ba69-5521-141d-4dc29f70927f. – https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/ a208e80a-7cd2-9278-7ec1-4d4c60ce17e2. – https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/ac2a8f05-56ff-38b298b7-4d4c6030c4bf [alle 18. Januar 2024].
Oliver Auge | »nicht wie eine normale Professur« 67 auf dem Gebiet der Reformationsgeschichte bezüglich der neuen Professur für ungeeignet. Sie argumentierten damit, dass seine Wahl »ursprünglich nicht von der Fakultät, sondern von politisch interessierten Persönlichkeiten der Provinz« ausgegangen sei, »welche in Professor Scheel einen Führer im Kampfe gegen dänische Propaganda zu gewinnen hoffen«. 36 Allerdings vermochte auch ihr Sondervotum die Berliner Ministerialbürokratie nicht von der Favorisierung Scheels abzubringen. Dieser sagte Ende 1923 definitiv zu, von Tübingen nach Kiel zu wechseln, nachdem er sich im Herbst auf mehreren Reisen durch Schleswig-Holstein »nochmals gründlich im Lande um[ge]sehen« hatte, die leidige Wohnungsfrage durch Anton Schifferer, den frisch gebackenen Vorsitzenden der SHUG, geklärt und ein Zusatzgehalt für Scheel mit dem Auswärtigen Amt ausgehandelt worden war. 37 Zum 1. April 1924 wurde Scheel offiziell mit der Kieler Professur für Schleswig-Holsteinische, Nordische und Reformationsgeschichte bestallt. Die Neue Tondernsche Zeitung hatte schon im Dezember 1923 frohlockt: Mit Scheel wechsle ein »Bundesgenosse im Kampf um die deutsch schleswig-holsteinische Heimat« nach Kiel.38 Und genauso verstand Scheel seine neue Professur weniger als akademischen Forschungsund Lehrauftrag, sondern als politisches Mandat. So bat er gleich im April 1924 den Leiter des Korrespondenzbüros Nordschleswig in Flensburg, Ernst Schröder (1889–1951), um Unterstützung seiner Bemühungen in der Zeitungswelt. Anderenfalls könne er, Scheel, »genötigt werden, grade das zu tun, was nicht [s]eine eigentliche Aufgabe sein sollte: nämlich einige gelehrte Aufsätze zur schleswig-holsteinischen Landesgeschichte zu schreiben«.39 Allerdings rief Scheel zwischenzeitlich auch moderater zum respektvollen Umgang mit Dänemark auf, ermahnte zur »Ehre und Würde« in der nationalen Auseinandersetzung und betonte den Gedanken des kollektiven Germanentums, um einer weiteren Eskalation entgegenzuwirken. 40 Mit dieser Vorstellung verband er fortan die Idee einer Annäherung des gesamten Nordens an Deutschland, um auf deren Grundlage eine Lösung der Grenzfrage im Sinne Deutschlands zu erreichen – eine Idee, von der er bald Anton Schifferer überzeugen konnte, der sich so sehr für Scheels Berufung nach Kiel stark gemacht hatte. 41 Die im neuen Tonfall feinen Unterschiede zu 36 GStA I. HA, Rep. 76 Va Sekt. 9 Tit. IV, Nr. 1, Bd. 19: Separatvotum vom 2. August 1923. 37 Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 122–124. – LASH, Abt. 399.71, Nr. 71: Schreiben Scheels an Johannes Schmidt-Wodder vom 28. Juli 1922; Abt. 399.70, Nr. 445: Schreiben Anton Schifferers an Oberpräsidialrat Thon vom 14. November 1923; Abt. 399.71, Nr. 411: Schreiben Carl Petersens an Anton Schifferer vom 19. Juli 1929. 38 Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 125. – Neue Tondernsche Zeitung vom 18. Dezember.1923: Prof. Scheel kommt nach Kiel. 39 Mish 2015 (wie Anm. 13), S. 125. – Landsarkivet for Sønderjylland Apenrade, NL Ernst Schröder, Nr. 1. 40 Mish 2015l (wie Anm. 13), S. 122 f. 41 Manfred Jessen-Klingenberg: Nord-Locarno. Anton Schifferers und Otto Scheels ›nordische Reise‹ im Oktober 1927, in: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte 96 (1971), S. 309–339, hier S. 316. – Alexander Scharff: Die Schleswig-Holsteinische Universitätsgesellschaft und die Verständigung Deutschlands mit dem Norden, in: Christiana Albertina 5 (1968), S. 42–47, hier S. 43.
68 85|2024 Christiana Albertina Scheels früherer Gedankenführung nahm man in Dänemark indes nicht unbedingt wahr. Das war auch kein Wunder, wenn doch etwa Scheel in seiner Festrede zum hundertjährigen Bestehen der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte im März 1933 nochmals ausdrücklich auf die seinem Lehrstuhl von der Regierung als Aufgabenfeld zugedachte Revision der Grenzziehung hinwies und erklärte, der Lehrstuhl sei angesichts der vielen Gebietsverluste geschaffen worden, die Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg erlitten hatte, weil die deutsche Geschichtsschreibung den Nachbarländern nichts entgegenzusetzen hatte. 42 In Dänemark begriff man die Schaffung der Kieler Landesgeschichtsprofessur daher durchaus als das, was sie in ihrer Grundidee auch war: Eine Frontstellung und geistige Offensive gegen das Dänentum im Grenzraum. 43 Um einem solchen Wirken Scheels als Professor für Landesgeschichte zu begegnen, wollte man daher im Gegenzug in Kopenhagen einen eigenen Lehrstuhl für Schleswigsche Geschichte einrichten und ihn bewusst konfrontativ mit dem nationalkonservativen Anhänger der Eidergrenzidee, Vilhelm la Cour (1883–1974), besetzen. Allerdings wurde dann doch nichts aus den Kopenhagener Plänen. Erst unter Scheels ( Abb. 6 ) Nachfolger auf dem Lehrstuhl, Alexander Scharff (1904–1985), 44 sollte sich in den 1950er Jahren die Ausrichtung der Professur, die dann die Denomination bloß noch für Schleswig-Holsteinische und Nordische Geschichte führte, ändern, indem an die Stelle der Grenzkampfidee der Gedanke nationaler Verständigung mit Dänemark trat. 45 Einem politischen Auftrag verpflichtet blieb die Professur damit freilich immer noch. Zur »normalen«, das heißt vornehmlich unpolitischen, der Forschung wie der Lehre verpflichteten Professur wurde sie recht eigentlich erst unter Scharffs Nachfolger Christian Degn (1909–2004).46 Der erste gebürtige Däne, Thomas Riis (geb. 1941), erhielt 1994 einen Ruf auf den Lehrstuhl, genau siebzig Jahre nach seiner Gründung.47 Blickt man zurück auf 42 Vgl. Cordes 2011 (wie Anm. 7), S. 78. 43 Vgl. Karl Christian Lammers: Die Beziehungen zwischen den Universitäten Kiel und Kopenhagen während der NSJahre, in: Wissenschaft an der Grenze. Die Universität Kiel im Nationalsozialismus, hg. v. Christoph Cornelißen und Carsten Mish (Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 86), Essen 2009, S. 81–95, hier S. 86 f. Auch zum Folgenden. 44 Zu Scharff vgl. https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/996d5d1d-b85d-eb80-d14b-4d4c608fe913 [18. Januar 2024]. 45 Vgl. Oliver Auge und Martin Göllnitz: Zwischen Grenzkampf, Völkerverständigung und der Suche nach demokratischer Identität. Die Landesgeschichte an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel zwischen 1945 und 1965, in: Wissenschaft im Aufbruch. Beiträge zur Wiederbegründung der Kieler Universität nach 1945, hg. v. Christoph Cornelißen (Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 88), Essen 2014, S. 101–129, hier S. 114–116. 46 Zu Degn vgl. https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/7c4da300-74b0-c10d-7a3c-4f159528d9cc [19. Januar 2024]. – Martin Göllnitz: Umbruch oder Kontinuität? Landesgeschichte unter Christian Degn (1974–1978), in: Gelehrte Köpfe an der Förde. Kieler Professorinnen und Professoren in Wissenschaft und Gesellschaft seit der Universitätsgründung 1665, hg. v. Oliver Auge und Swantje Piotrowski (Sonderveröffentlichungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 73), Kiel 2014, S. 217–262. 47 Vgl. Oliver Auge: Zum 70. Geburtstag von Prof. Dr. phil. Thomas Riis, in: Christiana Albertina 73 (2011), S. 96.
Oliver Auge | »nicht wie eine normale Professur« 69 seine Entstehungsgeschichte im Kontext des deutsch-dänischen Grenzkonflikts nach dem Ersten Weltkrieg, dann wird an dieser Berufung nicht nur der zwischenzeitlich eingetretene enorme Wandel im Verhältnis zwischen den europäischen Nachbarländern Dänemark und Deutschland erkennbar, sondern auch der damit einhergehende stark veränderte Charakter der Professur. Zum vertiefenden Weiterlesen Oliver Auge: Landesund Regionalgeschichte an der Universität Kiel: 100 Jahre für, mit und in Schleswig-Holstein, Baden-Baden 2024. Oliver Auge: Eine Grenzkampfprofessur in Kiel. Die Einrichtung des Lehrstuhls für schleswig-holsteinische Geschichte an der Kieler Universität 1924, in: Grenz-Raum-Narrative. Die deutsch-dänische Grenzregion von 1920 bis heute, hg. v. Oliver Auge, Steen Bo Frandsen und Caroline E. Weber (Kieler Schriften zur Regionalgeschichte, Bd. 9), Kiel 2023, S. 35–48. Oliver Auge: Vom Grenzkampf bis zu globalen Bezügen in der Geschichte Schleswig-Holsteins. Landesund Regionalgeschichte an der CAU, in: Impulse der Kieler Geschichtsforschung einst und heute für die deutschsprachige Geschichtswissenschaft. Zum 150-jährigen Bestehen des Historischen Seminars der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, hg. v. Oliver Auge und Gerald Schwedler, Kiel 2022, S. 147–181, https://doi. org/10.38072/978-3-928794-80-0/p7. ← Abb. 7. Altersfotografie von Otto Scheel. Aus: Karl Jordan und Erich Hofmann: Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel: 1665–1965, Bd. 5.2: Geschichte der Philosophischen Fakultät, Neumünster 1969, S. 96.
70 85|2024 Christiana Albertina Autor Prof. Dr. Oliver Auge , geboren 1971, Studium der Geschichte und Lateinischen Philologie in Tübingen. Promotion 2001 an der Universität Tübingen. Habilitation 2008 an der Universität Greifswald, 2007–2009 Vertretungsprofessuren an den Universitäten Greifswald und Göttingen und Mitarbeit am SFB 537 ›Institutionalität und Geschichtlichkeit‹ an der TU Dresden. Seit 2009 Professur für Regionalgeschichte mit Schwerpunkt zur Geschichte Schleswig-Holsteins in Mittelalter und Früher Neuzeit an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. E-Mail: [email protected]iel.de Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Werks von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.
71 ANNE KROHN »Demokratisierung ist doch albern!« Vier Professoren und die Studentenrevolte an der CAU Kiel Im Herbst 1969 konstatierte der Kieler Professor für Romanistik, Karl August Ott, in einer seiner Vorlesungen »Demokratisierung ist doch albern!«. 1 Dieser Ausruf ist sicherlich in erster Linie als Reaktion auf eine unmittelbare Herausforderung durch Studierende zu verstehen, die im Hörsaal vor Ott saßen und mit ihm diskutieren wollten. Aus diesem Satz spricht aber neben Unverständnis für die Belange der Studierenden, die mit gesteigerten Partizipationsansprüchen auftraten und diese auch artikulierten, 2 nicht zuletzt eine beinahe trotzige Abwehrhaltung in Bezug auf das jahrelange Ringen um mehr Mitbestimmung 3 in Entscheidungsprozessen. Die Bemühungen um eine Hochschulreform und die aufkommenden Studentenproteste Ende der 1960er Jahre sorgten für teils verhärtete Fronten zwischen und innerhalb sämtlichen Akteursgruppen: Studenten legten sich mit den Professoren an, Professoren verbündeten sich gegen das Rektorat, der Senat schoss gegen den Kultusminister und dann wiederum verbündeten sich einzelne Professoren mit den Studierenden, um deren Anliegen zu diskutieren und für eine Verbesserung der Studienbedingungen einzutreten. Dass Demokratisierung etwas Albernes sei, lässt eine eher reformfeindliche Haltung innerhalb der Professorenschaft erahnen, die längst nicht nur in Kiel, sondern bundesweit an den Universi1 Flugblatt vom 6. November 1969, Stadtarchiv Kiel, Z 297, Bestand Zeitzeichen. 2 Vgl. Stefan Bichow: Die Universität Kiel in den 1960er Jahren. Ordnungen einer akademischen Institution in der Krise, hg. v. Christoph Cornelißen (Kieler Werkstücke, Reihe H: Beiträge zur Neueren und Neuesten Geschichte, Bd. 3), Frankfurt am Main 2013, S. 19. 3 Die Forderung nach einer Demokratisierung der Universität und nach mehr Partizipationsmöglichkeiten sollte vor allem durch das Konzept der Drittelparität erfüllt werden, also einer gleichberechtigten Vertretung von Professorenschaft, Assistentenschaft und Studierendenschaft in den Gremien. Vgl. Anne Rohstock: Von der ›Ordinarienuniversität‹ zur ›Revolutionszentrale‹? Hochschulreform und Hochschulrevolte in Bayern und Hessen 1957–1976, hg. v. Institut für Zeitgeschichte (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 78), München 2010, S. 3. → Kiel-up: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p23 71
72 85|2024 Christiana Albertina täten festzustellen war. 4 Für viele Professoren war die Forderung nach mehr Mitbestimmung gleichzusetzen mit einem Verlust der Universitätstradition im Humboldt‘schen Sinne. Die Freiheit von Forschung und Lehre und das Konzept der inneruniversitären Selbstverwaltung schien bedroht und vor allem die Lehrstuhlinhaber sahen sich in ihrer Position angegriffen. 5 Der vorliegende Beitrag widmet sich der Frage, vor welchen Herausforderungen die Universität und die Professoren standen und wie die gewachsenen Ansprüche einer sich im Wandel befindlichen Gesellschaft auf die Institution gewirkt haben. Dabei soll es zunächst um grundsätzliche Entwicklungen des Hochschulausbaus gehen, bevor ein besonderes Augenmerk auf die Studentenproteste in Kiel gelegt wird. In einem zweiten Schritt werden vier Fallbeispiele vorgestellt, die konkrete Konfliktfälle im Kontext der Studentenproteste in Kiel illustrieren. Es kann hierbei nicht das Ziel sein, einen typischen Professor der späten 1960er und frühen 1970er Jahre herauszuarbeiten. Vielmehr soll sich dieser Akteursgruppe anhand einzelner Blicke in die Quellen genähert werden, wodurch unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten und individuelle Einstellungen in Bezug auf die Forderungen der Studierenden hervortreten. Die ›langen 1960er Jahre‹6 und die Bildungsexpansion Bereits seit Mitte der 1950er Jahre wurde die sogenannte Bildungsexpansion, also die Erneuerung und der Ausbau des Hochschulwesens, längst nicht mehr nur in akademischen Kreisen diskutiert, sondern auch immer mehr in der breiten Öffentlichkeit. 7 In der Presse wurde immer häufiger die Forderung nach mehr Transparenz laut. Es sei an der Zeit , den Blick auf die deutschen Universitäten zu richten. Immerhin handele es sich, wie Rudolf Walter Leonhardt im Hamburger Wochenblatt Ende Oktober 1958 bereits feststellte, um eine »Institution unseres 4 Vgl. auch im Folgenden Sebastian Brandt: Universität und Öffentlichkeit in der Expansionsund Reformphase des deutschen Hochschulwesens (1955–1967), in: Universität, Wissenschaft und Öffentlichkeit in Westdeutschland (1945 bis ca. 1970), hg. v. Sebastian Brandt u.a., Stuttgart 2014, S. 115–140, hier: S. 130–131. 5 Christoph Cornelißen: Von der Aufbruchsstimmung zum Krisendiskurs der 1970er Jahre. Die Christian-AlbrechtsUniversität im Spiegel ihrer Rektoratsreden, in: Wissenschaft im Aufbruch. Beiträge zur Wiederbegründung der Kieler Universität nach 1945, hg. v. Christoph Cornelißen (Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 88), Essen 2014, S. 182–209, hier S. 185; Cornelißen hält es für »insgesamt bemerkenswert, wie rasch die Verantwortlichen an allen westdeutschen Universitäten an überkommene Bildungstraditionen anknüpften«, ebd. 6 Als die ›langen 1960er Jahre‹ wird in der Forschung der Zeitraum von etwa 1957/58 bis 1972/73 bezeichnet. Die Reformierung und Verrechtlichung des Hochschulwesens ist in Bezug auf das hier behandelte Thema insbesondere hervorzuheben. Vgl. Moritz Mälzer: Auf der Suche nach der neuen Universität. Die Entstehung der ›Reformuniversitäten‹ Konstanz und Bielefeld in den 1960er Jahren, hg. v. Manfred Hettling und Paul Nolte (Bürgertum Neue Folge. Studien zur Zivilgesellschaft, Bd. 13), Göttingen 2016, S. 13. – Christina von Hodenberg und Detlev Siegfried: Reform und Revolte. 1968 und die langen sechziger Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik, in: Wo ›1968‹ liegt. Reform und Revolte in der Geschichte der Bundesrepublik, hg. v. Christina von Hodenberg und Detlev Siegfried, Göttingen 2006, S. 7–14, hier S. 8. 7 Brandt 2014 (wie Anm. 4), S. 115. – Vgl. auch Bichow 2013 (wie Anm. 2), S. 17.
Anne Krohn | »Demokratisierung ist doch albern!« 73 öffentlichen Lebens«, nicht um eine »Tabu-Zone«.8 Die Universitäten gerieten zunehmend in das kritische Blickfeld der Massenmedien und der Öffentlichkeit, eine Entwicklung, die Zeugnis dafür stand, dass sich die Gesellschaft längst verändert hatte. Der Nachkriegsboom hatte eine von Massenkonsum und Wachstum geprägte Gesellschaft hervorgebracht, die, so argumentiert Philipp Gassert in seinem grundlegenden Band zu Protestbewegungen seit 1945, auch eine »demokratischer[e] als die im 19. und frühen 20. Jahrhundert dominierende Industriegesellschaft« war.9 Breiten Bevölkerungsteilen bot sich nun Zugang zu bisher unerreichten Produkten und höherem Lebensstandard. Mit dem massenhaften Wohlstand ging ein Wandel in der Arbeitswelt einher, der neue Spielräume eröffnete, etwa für Frauen, Arbeiter aber auch für Jugendliche. Dienstleistungen wurden wichtiger und der Wissenschaft und Bildung kam somit eine immer größere Bedeutung zu. Die Formierung eines »neuen Mittelstandes« ging einher mit einer »Verwissenschaftlichung der Gesellschaft«. 10 Hinzu kam die Tatsache, dass die geburtenstarken Jahrgänge der 1930er und 1940er Jahre nun in die Universitäten strömten. In den zehn Jahren seit der Gründung der Bundesrepublik hatte sich die Zahl der Studierenden verdoppelt und seit Mitte der 1950er Jahre stiegen die Zahlen wiederum rasanter an. Das Resultat war ein Massenbetrieb an den Unis: überfüllte Hörsäle, Seminare und Bibliotheken, Wohnungsmangel und überforderte Studierende, die aufgrund des Platzmangels immer länger studierten. Ein angemessenes Betreuungsverhältnis zwischen Professor und Student war bei der Menge an Lernenden überhaupt nicht mehr zu gewährleisten und für die Forschung blieb immer weniger Zeit.11 Gleichzeitig ging es vielen Menschen mit der Bildungsexpansion nicht schnell genug, denn im internationalen Vergleich, so die damalige Auffassung vieler Beobachter, könne die Bundesrepublik auf Dauer nicht mithalten. 12 Aus ökonomischer Sicht sorgte man sich um die internationale Konkurrenzfähigkeit. Aus gesellschaftspolitischer Sicht wurden wiederum die soziale Ungerechtigkeit und ungleiche Bildungschancen angeprangert. Der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften schien trotz der gestiegenen Studierendenzahlen nicht gedeckt. 1964 brachte der Philosoph, Theologe und Pädagoge Georg Picht es mit seiner vielzitierten Losung von der deutschen Bildungskatastrophe 13 auf den Punkt und befeuerte damit auch auf politischer Ebene die seit Mitte der 1950er Jahre zu beobachtende Reformphase. Ebenso wie Picht trat der 8 Zit. nach Brandt 2014 (wie Anm. 4), S. 116. 9 Hier und im Folgenden Philipp Gassert: Bewegte Gesellschaft. Deutsche Protestgeschichte seit 1945, Stuttgart 2018, S. 109–110. 10 Brandt 2014 (wie Anm. 4), S. 119, auch im Folgenden. 11 Vgl. Brandt 2014 (wie Anm. 4). S. 119–120. 12 Vgl. im Folgenden Brandt 2014 (wie Anm. 4), S. 121–122. 13 Georg Picht: Die deutsche Bildungskatastrophe, München 1965.
80 85|2024 Christiana Albertina er die Rechnung ohne die Gruppe Studierender, die im Hebbel-Hörsaal am 28. Juli auf ihn warteten, gemacht. Diese wollten mit ihm über das Hochschulgesetz diskutieren und provozierten mit Zwischenrufen. Erdmann forderte die Studierenden auf, solcherlei Störungen zu unterlassen und ließ sich auf keine Diskussion ein. Als diese Ansagen aber keine Wirkung zeigten, machte er einen Studenten für die Störungen verantwortlich, der ihm namentlich bekannt war und erstattete Anzeige wegen Hausfriedensbruch gegen Klaus Viebrock. Der darauffolgende Prozess erlangte innerhalb der Universität große Aufmerksamkeit. Der Senat verteidigte Erdmanns Entscheidung und beharrte, dass Erdmann die Studenten nicht etwa hatte mundtot machen wollen in ihrer Kritik – wie der AStA behauptete –, sondern lediglich gegen die Störungen vorgegangen sei. Der Prozess fand erst ein Jahr später im Mai 1973 statt. Während der Urteilsverkündung waren so viele protestierende Studierende anwesend, dass der Richter den Saal räumen ließ. Aus einer Dokumentation der Fachschaft Geschichte wird deutlich, dass das Urteil auf Hausfriedensbruch zumindest als fragwürdig bewertet wurde, da Viebrock, nach Zeugenaussagen, nicht direkt an den Störungen beteiligt gewesen sei und Erdmann dem Richter nicht nur den Hergang eben dieser Vorlesungssprengung erläutert, sondern generell einen Bericht über die untragbaren Zustände an der Universität dargeboten habe. Die Strafanzeige Erdmanns war keineswegs der erste Vorfall, bei dem die örtlichen Behörden von einem Professor eingeschaltet wurden, wie die Vorgänge rund um ein unerlaubtes Teach-In und den Professor Wilhelm Halbsguth verdeutlichen. 1912 in Köln geboren, verbrachte dieser seine wissenschaftliche Karriere als Mitarbeiter für Biologie ab 1937 zunächst in Bonn, dann in Würzburg und Halle und schließlich wieder in Bonn, bevor er 1954 zunächst außerplanmäßiger, dann außerordentlicher Professor für Botanik an der Universität in Frankfurt am Main wurde. 1966 wurde er zum ordentlichen Professor für Botanik an der CAU berufen und hatte 1969/70 das Dekanat der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät inne.34 Ein Flugblatt des AStA vom 25. November 1969 berichtet über einen Polizeieinsatz auf dem Campus, den Halbsguth zu verantworten hatte. 35 Die ›Basisgruppe‹ und die Fachschaft für Biologie hatten um einen Raum für ein Teach-In gebeten, heißt es darin. Man hatte über das kleine zoologische Praktikum informieren und diskutieren wollen. Halbsguth habe daraufhin einen freien Hörsaal verweigert, auch das Einschalten des AStA, der sich an Professor Braunert, den damaligen Prorektor, wandte, blieb erfolglos. Die Studierenden kamen trotzdem und standen pünktlich um 18:00 Uhr zum angekündigten Teach-In vor verschlossener Tür. Im Flugblatt heißt es dann weiter, kurz darauf sei das Klirren von Fensterscheiben zu hören gewesen, woraufhin man der Sache nachgegangen sei und festgestellt habe, dass eine Fensterscheibe 34 Zu Wilhelm Halbsguth vgl. Kieler Gelehrtenverzeichnis, https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/b6d655382512-e6df-d066-4d4c60d6dcd9 [3. August 2024]. 35 Flugblatt des AStA vom 25. November 1969, LASH Abt. 47.7 Nr. 498.
Anne Krohn | »Demokratisierung ist doch albern!« 81 des Hörsaals zerbrochen war. Jetzt hatten die Studierenden also einen Weg in den Hörsaal gefunden und hielten hier ihr Teach-In ab. Etwa eine Stunde später traf die Polizei ein und die Studierenden suchten das Weite, wie im Flugblatt nachzulesen ist: »Alle, die im Hörsaal gewesen waren, konnten fliehen; nur 6 Genossen, die auf dem Wege – offensichtlich verspätet zum Teach-In waren, wurden geschnappt und sistiert. Hierbei tat sich Halbsguth insofern besonders hervor, als er persönlich zwei brillenlose, kurzsichtige Kommilitonen überwältigte und der Polizei übergab. Außerdem leitete Halbsguth, sich an seine Wehrmachtszeit erinnernd, den Polizeieinsatz und somit die Hatz auf die Kommilitonen – die mit den Bullenworten endete: ›wenn ihr nochmal hierherkommt, kommt ne ganze Hundertschaft und ihr kriegt ‘n Arschvoll!‹« Am Schluss des Flugblatts wird auf die Senatssitzung hingewiesen, die am kommenden Abend in »unserem neuen schönen Audimax« stattfinden sollte, und bei der Halbsguth sich zu rechtfertigen haben würde. Der AStA wiederum plante als Reaktion auf die Ereignisse um 18:00 Uhr, im Audimax ein Teach-In über Halbsguth zu veranstalten. Besagte Sitzung fand am Abend des 25. November statt, und zwar unter der Federführung des damaligen Rektors, dem Professor für Innere Medizin Ludwig Weisbecker.36 Kurz zu seiner Vita: Weisbecker kam 1915 in Mainz zur Welt. Er war jüdischer Abstammung, kam während des Zweiten Weltkrieges in das KZ Buchenwald und musste dort als Lagerarzt arbeiten. Nach Kriegsende wurde er wissenschaftlicher Assistent, später Privatdozent und außerordentlicher Professor für Pharmakologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau, bevor er ab 1962 bis 1979 als ordentlicher Professor für Innere Medizin und als Direktor der 2. Medizinischen Klinik und Poliklinik in Kiel tätig war.37 Bereits zu Beginn des Sommersemesters 1969 war es zu einer Sprengung einer Senatssitzung durch etwa 100 Studenten gekommen.38 In dieser sollte der geplante Staatsvertrag für ein neues Ordnungsrecht an den Hochschulen besprochen werden.39 Die Professoren Weisbecker, Braunert und Jochimsen hatten kurz zuvor noch einen Antrag auf Zulassung universitätsinterner Öffentlichkeit gestellt, der allerdings von der Mehr36 Vgl. Personalund Vorlesungsverzeichnis CAU Kiel, Wintersemester 1969/70, S. 19. 37 Zu Ludwig Weisbecker vgl. Kieler Gelehrtenverzeichnis, https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/8e314e5caccc-e566-a0ce-4e8ef0bd4e7f [3. August 2024]. 38 Darüber berichtet das Flugblatt des AStA vom 28. April 1969, LASH Abt. 47.7 Nr. 499. 39 Das Ordnungsrecht war ein Thema, das besonders heiß diskutiert und von der Studentenbewegung wiederholt kritisiert wurde, weil es zum Einen noch aus der Zeit des Nationalsozialismus stammte und zum Anderen als Mittel angesehen wurde, um die eigenen berechtigten Forderungen im Keim zu ersticken. Die Tatbestände waren teilweise so weit gefasst und »offen auslegbar, dass potentiell jedes Fehlverhalten geahndet werden konnte.« Darüber hinaus beinhaltete das Ordnungsrecht eine doppelte Gerichtsbarkeit, da die Studierenden auch für Delikte außerhalb der Universität belangt werden konnten, Bichow 2013 (wie Anm. 2), S. 94–95.
82 85|2024 Christiana Albertina heit der Senatsmitglieder abgelehnt worden sei. Der AStA stellte resigniert fest, »das Rektorat konnte sich gegenüber den ›ewig Gestrigen‹ nicht durchsetzen.« 40 Mit dem Ziel, letztlich doch noch die Öffentlichkeit herzustellen, veranstalteten die Studierenden ein Go-In und sprengten somit die Sitzung. Die Dekane der Medizinischen, Philosophischen und Naturwissenschaftlichen Fakultäten, die Professoren Lüllmann, Halbsguth und Ott wandten sich daraufhin direkt an den Kultusminister. In einem Brief vom 7. Mai 1969 drückten sie ihr Bedauern darüber aus, dass der »Akademische Senat […] seit geraumer Zeit nicht mehr funktionsfähig ist«, 41 wobei es sich um eine Übertreibung handeln muss, blieben solche Vorfälle der gezielten und koordinierten Sprengung doch die Ausnahme. In Weisbeckers Rektorat fiel neben den Auseinandersetzungen mit den Kollegen im Senat außerdem ein weiterer Höhepunkt der studentischen Proteste – die Streikwoche im Juni 1969. In diese Woche vom 2. bis 10. Juni fiel die Besetzung der Politologie im 8. Stock des Uni-Hochhauses und die Konfrontation mit dem Professor Michael Freund sowie die Demonstration vor dem Landtag gegen das neue Hochschulgesetz und Ordnungsrecht, an der etwa 6.000 Menschen teilnahmen. 42 Als Rektor stand Weisbecker somit an der Spitze der Universität, als sich die Studentenbewegung mit ihren Aktionen bereits auf ihrem Höhepunkt befand. 43 Die Senatssitzung Ende November desselben Jahres stand, wie erläutert, unter dem Eindruck des Polizeieinsatzes im Botanischen Institut tags zuvor.44 Ein Antrag auf Öffentlichkeit wurde abgelehnt, erneut verschaffte sich eine Gruppe Studierender durch ein Go-In Zutritt zur Sitzung. Aufgrund der Störung sah sich Weisbecker gezwungen, die Sitzung abzubrechen. Bei dem Verlassen des Raumes kam es zu einer Rangelei an der Tür, bei der Weisbecker einen Schlag in die Magengegend erhielt, bewusstlos zusammenbrach und ins Krankenhaus gebracht werden musste. In einem Flugblatt vom darauffolgenden Tag bezeichnet der AStA den Vorfall als »bedauerlich« und »von uns in keiner Weise beabsichtigt«.45 Die Uni stellte den Lehrbetrieb zum Zweck der Selbstbesinnung über Gewaltanwendung für eine halbe Woche ein.46 Am näch40 Flugblatt 1969 (wie Anm. 37). 41 Schreiben an den Kultusminister vom 7. Mai 1969, LASH Abt. 47, Nr. 4131. 42 Vgl. Andrea Nolte: ›Diese Universität gehört uns!‹ – Die Streikwoche an der CAU im Juni 1969, in: Tauschek 2016 (wie Anm. 20), S. 56–67. 43 Cornelißen 2009 (wie Anm. 32), S. 2 weist darauf hin, dass »schon im Laufe des Jahres 1969 die Unterstützung bei den Protestaktionen nachließ, um danach in mehr oder weniger sektiererische Auseinandersetzungen abzusinken.« – Müller 2015 (wie Anm. 20) S. 621 verortet das Ende der Kieler Studentenbewegung in den Februar 1970. 44 Vgl. Hannah Kemper: Von einer blauen Klosettbürste und einer geplatzten Rektoratsfeier: Eine Persiflage als studentische Protestform gegen ein akademisches Ritual, in: Tauschek 2016 (wie Anm. 20), S. 43–55, hier S. 50–51. 45 Flugblatt des AStA vom 26. November 1969, LASH Abt. 47.7 Nr. 498. 46 Vgl. Swantje Piotrowski: Kieler Professoren, ihre Söhne und der linke Terrorismus. Zum Umgang mit akademischem Traditionsbewusstsein und politischer Radikalisierung an der CAU, in: Abseits der Universität? Skandal, Terrorismus, Kriegsgefangenschaft in der Kieler Universitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts, hg. v. Oliver Auge und Karen Bruhn (Kieler Studien zur Universitätsund Wissenschaftsgeschichte, Bd. 1), Kiel 2020, https://doi.org/10.38072/2701-5122/p5, S. 98–123, hier S. 100.
Anne Krohn | »Demokratisierung ist doch albern!« 83 sten Tag fand ein Teach-In im Audimax zu den Ereignissen statt, das von Prorektor Braunert geleitet wurde. Weisbecker verzichtete in Folge der Ereignisse auf einen Strafantrag und blieb seiner Linie der Deeskalation und des strikten Gewaltverzichts treu. Er stand damit gewissermaßen zwischen den Fronten: Als Rektor war er einerseits an die akademischen Normen gebunden und musste im Umgang mit den Spannungen sowohl den Professoren gerecht werden und vor allem effektiv mit ihnen zusammenarbeiten, um eine Hochschulreform realisieren zu können. Andererseits sympathisierte er mit der antiautoritären Bewegung, sicherlich nicht zuletzt deshalb, weil seine eigenen Kinder in der Außerparlamentarischen Opposition (APO) aktiv waren. Sein Sohn Thomas wurde 1972 als RAF-Mitglied in Augsburg erschossen. In einem Interview mit den Kieler Nachrichten zu seinem Amtsantritt wurde Weisbecker nach seinem Verhältnis zur APO befragt und äußerte sich diplomatisch: »Meine Erziehung in der Schule stand unter dem Leitwort ›Toleranz‹. Ich stimme zwar mit vielen Methoden und Zielen der APO nicht überein; ich werde aber dafür auf die Barrikaden gehen, daß diese Leute ihre Meinung sagen und vertreten können. Ich habe Verständnis für diese jungen Leute. […] Ich meine auch, die geistige Auseinandersetzung sollte hart geführt werden. Ich bin Arzt und deshalb gegen jedes Blutvergießen. Ich habe früher genug mitgemacht, um zu wissen, was Gewalt ist und werde mich gegen sie wehren, von welcher Seite sie auch ausgeht.« 47 Ob Weisbecker dem Zitat seines Kollegen im Titel des vorliegenden Beitrags zugestimmt hätte, erscheint im Licht dieser Äußerung äußerst unwahrscheinlich. Im Oktober 1969 geriet der Professor Karl August Ott zum wiederholten Mal mit seinen Studierenden aneinander. In dem bereits erwähnten Flugblatt vom 6. November 1969 wird der Hergang der Vorlesung wiedergegeben. 48 Demnach hätten Studierende ihn dazu aufgefordert, zum Thema Strafanzeigen Stellung zu nehmen. Ott habe daraufhin erwidert, »[…] man habe ihm Unrecht getan, man habe sogar sein Leben bedroht, er habe Anschläge erlebt, indem ›unanständige‹ Studenten Fakultätssitzungen und Vorlesungen gesprengt hätten. Zur Auffassung der Studenten, die Forderungen nach Öffentlichkeit seien selbstverständlich, meinte Ott: ›WIE KANN ÜBERHAUPT JEMAND, DER PHILOLOGIE STUDIERT, DAS WORT »DEMOKRATISIEREN« IN DEN MUND NEHMEN.‹ […] Er sagte wiederholt: ›DEMOKRATISIERUNG IST DOCH ALBERN!‹« 47 ›Autorität ist Persönlichkeit plus Leistung‹, in: Kieler Nachrichten vom 22. März 1969, LASH Abt. 47 Nr. 4123. 48 Flugblatt, 1969 (wie Anm. 1).
84 85|2024 Christiana Albertina Karl August Ott stammte aus dem hessischen Helsa, wo er 1921 geboren wurde und 1939 das Abitur ablegte. 49 Er studierte mit mehrjähriger Unterbrechung durch Kriegsdienst und Dolmetschertätigkeit an der Universität Heidelberg Romanische und Deutsche Philologie sowie Philosophie. 1947 wurde er promoviert und war dann zunächst als Assistent, später als Lektor am Romanischen Seminar in Heidelberg tätig. Hier habilitierte er sich auch 1960. 1964 folgte er dann dem Ruf nach Kiel und war im Wintersemester 1969/70 Dekan der Philosophischen Fakultät. 50 Das angespannte Verhältnis der Studierenden zu Ott schwelte bereits seit mehreren Semestern. In der Kritik der Studierenden standen dabei nicht nur Otts Lehrverhalten, sein als autoritär empfundenes Auftreten und der Umgang mit Studierenden und seinen Mitarbeitenden. Es herrschte darüber hinaus Missmut darüber, dass drei weitere Lehrstühle an der Philosophischen Fakultät angeblich aufgrund eigener Bemühungen von Ott unbesetzt waren und dieser sich nicht angemessen für ein Ende dieser Vakanz einsetzte. In der studentischen 49 Zu Karl August Ott vgl. Kieler Gelehrtenverzeichnis, https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/26b7ed83-c2146485-c3ee-4eb01ea37922 [3. August 2024]. 50 Vgl. Personalund Vorlesungsverzeichnis CAU Kiel, Wintersemester 1969/70, S. 21. ↑ Abb. 3. Vandalismus in der Christian-Albrechts-Universität (CAU). Seminarraum des Romanischen Seminars. Das Mobiliar ist mit Löschschaum unbenutzbar gemacht, Pult und Wandkarte mit Farbe beschmiert; an der Wand Drohsprüche gegen den Ordinarius für Romanische Philologie, Prof. Dr. Ott: »Ott! Wir werden dich schlagen«; »Ott! Das wär‘s fürs erste«; »Ott! Du Schwein«. Foto 12.5.1970): Friedrich Magnussen, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-SA 3.0 DE , Stadtarchiv Kiel, Fotoarchiv , Sign. 22.110.
Anne Krohn | »Demokratisierung ist doch albern!« 85 Berichterstattung ist außerdem immer wieder die Rede von Hiwis und Tutoren, die von Ott dazu angehalten wurden, unliebsame, störende Studierende zu fotografieren, was ihm als Bespitzelung ausgelegt wurde. Die Auseinandersetzungen am Romanischen Seminar dauerten noch bis ins Jahr 1970. In einem Schreiben vom 2. Juni 1970 bat Ott den Kultusminister Walter Braun um Erlaubnis, seine Vorlesungen im Sommersemester 1970 einzustellen. 51 Gleich die erste Vorlesung des Semesters sei von linksradikalen Studenten gestört worden. Man habe ihn mit Farbeiern beworfen und aufgefordert, seine Lehrtätigkeit einzustellen. In der dritten Vorlesung am 4. Mai habe man sogar gezielt Stinkbomben, Farbeier und Feuerwerksraketen auf ihn geworfen. Otts Bericht zu den Vorgängen während seiner Vorlesungen mutet an wie der dramatische Niedergang eines Professors auf verlorenem Posten. Als in der Nacht vom 11. auf den 12. Mai der Hörsaal im Romanischen Seminar verwüstet wurde ( Abb. 3 ), sah Ott sich gezwungen, seine Vorlesungen einzustellen, obgleich er bis zum Schluss wiederholt seine Bereitschaft betonte, seinen »Verpflichtungen im vollen Umfang nachzukommen.« Eine Unterredung mit dem werdenden Rektor des anstehenden Wintersemesters, Diedrich Schroeder, veranlasse ihn zur Überzeugung, vom Rektorat keinen Schutz erwarten zu dürfen, insofern bleibe ihm schlichtweg keine andere Wahl. Fazit Die durch den bundesweit kritisierten Bildungsnotstand und den rasanten Anstieg an Studierendenzahlen bedingten und in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre immer stärker zutage tretenden Probleme an den Universitäten, waren auch in Kiel spürbar. Die großen überregional wirkmächtigen Schlüsselmomente der Studentenbewegung hallten einerseits im provinziellen Kiel nach, gleichzeitig gewannen die Proteste aber auch ihre eigene Prägung mit spezifischen Höhepunkten. Die Auseinandersetzungen mit Lehrpersonen, mehr noch, hohen Amtsträgern aus den Reihen des Rektorats oder Dekanats, können nicht nur als Nebenerscheinung, sondern als Ausdruck dieser Protesthöhepunkte interpretiert werden. Das Augenmerk hierbei auf die Professoren zu lenken, scheint dabei lohnenswert, weil diese eine Kontinuität innerhalb einer sehr dynamischen Zeitspanne darstellen und als Entscheidungsträger und Personen in Machtpositionen die Universität und vor allem den Umgang mit Konflikten in besonderem Maße prägten. Neben Details zu konkreten Streitpunkten erfahren wir durch das Beleuchten der Konfliktmomente mit den Studierenden auch etwas über bestehende Loyalitäten innerhalb der Professorenschaft und über Konflikte zwischen verschiedenen innerund außeruniversitären Akteursgruppen. 51 Schreiben verfasst von Karl August Ott an das Kultusministerium vom 2. Juni 1970, LASH Abt. 47 Nr. 213.
86 85|2024 Christiana Albertina Dass die von den Studierenden gewählten Protestformen nicht immer so friedlich wie zum Zeitpunkt des Sit-Ins im Uni-Hochhaus ausfielen, sondern vor allem zu Beginn der 1970er Jahre radikaler wurden, liegt neben politisch-ideologischen Motivationen sicherlich auch in der lange als unzureichend wahrgenommenen studentischen Teilhabe an Entscheidungsprozessen begründet. Allen vier hier vorgestellten Professoren ist gemein, dass ihr Handeln eher als reaktionär denn proaktiv bezeichnet werden kann. Hatte sich Erdmann bei dem Sit-In im Juli 1967 noch bereitwillig auf ein Gespräch mit den Protestierenden eingelassen, griff er 1972, wie auch sein Kollege Halbsguth Jahre zuvor, zum Mittel der Strafanzeige gegen einen Studenten. Ungeachtet der Frage, ob solche Strafanzeigen berechtigt waren oder nicht, polarisierten sie in der Studierendenschaft, da sie vor dem Hintergrund eines noch auszuhandelnden Ordnungsrechts getätigt wurden. Eine Verwicklung in Auseinandersetzungen vor dem Hintergrund der Studentenproteste ist natürlich bei der Fokussierung auf vier Professoren, die gleichzeitig Amtsträger waren, zu erwarten. Hier greift eine Problematik in der Überlieferung. Dekane, Rektoren oder jene Professoren, die in besondere Konfliktsituationen mit Studierenden geraten sind, die innerund außeruniversitär verhandelt wurden, sind in den Quellen wesentlich besser zu fassen, als solche, die ein gutes Verhältnis zu den Studierenden pflegten oder einfach ihrem Forschungsund Lehralltag nachgingen, obgleich unter sicherlich erschwerten Bedingungen einer sich im Umund Ausbau befindlichen Institution. Die Rektoren und der Senat hatten vorrangig die Aufgabe, sich mit der Verwaltung und Umstrukturierung, mit Fragen der Studienund Hochschulreform auseinanderzusetzen. Eine Fokussierung auf diese Professorengruppe erweckt womöglich bisweilen den Anschein einer bewegten Universität unter dem Eindruck politisierter und gewaltbereiter Studierender. Eine Bilanz von Professor Diedrich Wilhelm Schroeder, Rektor des Jahres 1970/71, kann dieses Bild wieder etwas zurechtrücken. Im Juni 1970 geben die Kieler Nachrichten die Aussagen des frischgewählten Rektors im Hinblick auf die Situation der deutschen Hochschulen wieder: »Tatsächlich sieht es so aus: In Kiel wurden im letzten Semester nur 22 Vorlesungen gestört oder gesprengt (von 1400 Veranstaltungen), vier Institute beschädigt oder beschmiert (von rund 100 Seminaren), eine Fakultätssitzung gesprengt (bei etwa 70 bis 80 derartiger Sitzungen). Das entspricht einem Störungsfaktor von nur etwa drei Prozent, sagte Schroeder. Diese Unruhe bezeichnete er als einen ›Ausdruck der Gärung‹, der ›Erneuerung von innen‹, die nach jahrelanger Stagnation einsetzte.«52 52 ›Erneuerung von innen‹, in: Kieler Nachrichten vom 24. Juni 1970, LASH Abt. 47 Nr. 4123.
Anne Krohn | »Demokratisierung ist doch albern!« 87 Autorin Anne Krohn M.A. , Abitur 2014, Studium der Geschichte und Anglistik/Nordamerikanistik in Kiel, Bachelor 2019, Master 2022. Seit August 2022 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt ›Kieler Gelehrtenverzeichnis‹ an der Abteilung für Regionalgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. E-Mail: akr[email protected].de Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Werks von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.
89 FRANK SCHLÜTZ, ROBERT HOFMANN, WIEBKE KIRLEIS, JOHANNES MÜLLER Pflanzliche Proteine ermöglichten die ersten stadtgroßen Siedlungen der Welt, gesellschaftliche Spannungen führten zu ihrem Zerfall In der weiteren Schwarzmeerregion, genauer gesagt im Gebiet der heutigen Ukraine und Moldawiens, entstanden vor rund 6.000 Jahren nördlich vom Schwarzen Meer im Waldsteppengebiet riesige Siedlungen der vorgeschichtlichen Trypillia-Gesellschaften ( Abb. 1 ). Mit einer Fläche von bis zu 320 Hektar und über 10.000 Einwohnern waren diese Megasiedlungen nicht nur wohl weltweit die größten Siedlungen ihrer Zeit, sondern gelten auch als die ältesten planmäßig angelegten stadtartigen Gründungen Europas. Sie sind damit noch älter als die frühen Städte Mesopotamiens, also älter als Ninive und Uruk. 1 Die Versorgung dieser gigantischen Siedlungen mit Nahrungsmitteln – ein Thema, das die Forschung lange Zeit vor ein Rätsel stellte – konnte nun im Rahmen des SFB 1266 ›TransformationsDimensionen – Mensch-Umwelt Wechselwirkungen in Prähistorischen und Archaischen Gesellschaften‹ am Institut für Urund Frühgeschichte der CAU weitgehend entschlüsselt werden. 2 Eine ausgeklügelte Landwirtschaft mit einem qualitativ hochwertigen Nahrungsangebot machte die Megasiedlungen möglich. Es handelt sich dabei um den bislang frühesten bekannten Fall in der Geschichte der Menschheit, bei dem eine intensive Mistdüngung zur Produktion von pflanzlichen Proteinen eingesetzt wurde. Unmittelbar damit verbunden war die erste intensive Tierhaltung für die Gewinnung des zur Düngung benötigten 1 Vgl. Johannes Müller und Susan Pollock: Trypillia and Uruk, in: Trypillia mega-sites and European prehistory 4100– 3400 BCE, hg. v. Johannes Müller, Knut Rassmann und Mykhailo Videiko, Routledge 2006, S. 281–287. 2 Vgl. Frank Schlütz u.a.: Isotopes prove advanced, integral crop production, and stockbreeding strategies nourished Trypillia mega-populations, in: Proceedings of the National Academy of Sciences 120 (52) (2023): e2312962120, https://doi.org/10.1073/pnas.2312962120 . → Kiel-up: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p24 89
96 85|2024 Christiana Albertina Erbsen vorhanden. Durch die klug ausgewogene Kombination von Getreiden und Hülsenfrüchten stimmte die Balance in der menschlichen Versorgung mit ausreichend Kalorien und Proteinen für ein gesundes Körperwachstum. 9 Gegenüber Fleisch als Proteinquelle bringt eine Proteinversorgung aus Hülsenfrüchten zudem Vorteile für die menschliche Gesundheit. 10 Dungbeete für die Hülsenfrüchte Erbsen und andere Leguminosen verfügen in ihren Wurzeln über Knöllchenbakterien, die den Pflanzen aus der Luft gewonnene Stickstoffverbindungen zum Wachstum zur Verfügung stellen. Im Gegenzug versorgen die Pflanzen die Bakterien mit energiereichen Verbindungen aus ihrer Photosynthese. Leguminosen sind daher von Natur aus nicht auf Stickstoffdüngung angewiesen und ihre Isotopenwerte des Stickstoffs liegen nahe bei null. Mit Werten um fünf Promille zeigen die Erbsen aus der Megasiedlung Maidanetske hingegen eine erstaunlich hohe Anreicherung des schweren Stickstoffisotops. 11 Solch hohe Werte kennt man nur von Leguminosen, die auf sogenannten Mistböden gezogen wurden, Böden also, denen vom Menschen große Mengen Tiermist beigemischt wird. Wenn Leguminosen keine Stickstoffdüngung benötigen, wozu dann die Mistböden? Wie andere Pflanzen entziehen auch Leguminosen dem Boden sehr viel Phosphor und auch Kalium. Beides ist reichlich im Mist enthalten und wird mit der sehr intensiven Mistdüngung dem Boden wieder für das Pflanzenwachstum zugeführt. Zudem verbessert reichlich Phosphor die Kocheigenschaften von Erbsen. 12 Das Kalium wiederum wirkt sich positiv auf die Herzgesundheit des Menschen aus. 13 Die Hauptaufgabe der eingezäunten Rinder, Schafe und Ziegen bestand wohl darin sich die Arbeit zu erleichtern. Ihr Dung wurde für die Mistbeete gebraucht, deren hohe Erträge die Produktion von hochqualitativer Nahrung auf kleinen Flächen erst möglich machte. Diese intensiv bewirtschafteten, hoch produktiven Gartenparzellen brauchten recht wenig Platz. So musste man trotz des hohen Nahrungsbedarfs der tausenden Einwohner nicht zu weit laufen, um die Anbauflächen regelmäßig kontrollieren und pflegen zu können. Rinder wurden zudem auch 9 Vgl. Shiksha Adhikari u.a.: Protein Quality in Perspective: A Review of Protein Quality Metrics and Their Applications, in: Nutrients 14,5 (2022), S. 947. 10 Vgl. Rashad J. Belin u.a.: Diet quality and the risk of cardiovascular disease: the Women’s Health Initiative (WHI). The American journal of clinical nutrition 94,1 (2011), S. 49–57. 11 Vgl. Kirleis 2023 (wie Anm. 5). 12 Vgl. Guido Krafft: Lehrbuch der Landwirtschaft auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage. Die Pflanzenbaulehre Bd. 2, Berlin 1918. 13 Vgl. Yanni Papanikolaou u.a.: Adding more beans to the US typical dietary pattern can lead to greater intake of shortfall nutrients and a higher diet quality in younger and older adults, in: Maturitas 108012 (2024).
Frank Schlütz, Robert Hofmann, Wiebke Kirleis, Johannes Müller | Pflanzenproteine 97 zum Ziehen von Schlitten verwendet und der gemeinsame luxuriöse Verzehr ihres Fleisches bei wiederkehrenden Festen und besonderen Anlässen schuf soziale Verbundenheit und ein Zugehörigkeitsgefühl. Soziale Gleichheit und demokratische Teilhabe Die riesigen Grundrisse der Megasiedlungen wurden vor ihrer Errichtung planmäßig angelegt. Es gab einen großen Ringkorridor als Hauptstraße der Siedlung sowie einen offenen Zentralplatz. Zu Anfang gab es neben zahlreichen Wohnhäusern viele kleine Versammlungshäuser, in denen die Bewohner des zugehörigen Quartiers sich zu Entscheidungsprozessen und anderen integrativen Aktivitäten zusammenfanden. Mit der Zeit fiel diese kleinteilige basisdemokratische Organisation weg und es gab nur noch einzelne größere zentrale Versammlungshäuser, in denen aber nur noch ein Bruchteil der Menschen Platz hatte. Die Wohnhäuser der Bevölkerung waren in Größe und Ausstattung zunächst durch erstaunliche Gleichwertigkeit geprägt, bis sich dann mehr und mehr reichere und ärmere Haushalte entwickelten. 14 Der Wegfall der allgemeinen Teilhabe an den Entscheidungsprozessen in Verbindung mit der zunehmenden sozialen Ungleichheit führte wahrscheinlich zu gesellschaftlichen Spannun14 Vgl. Hofmann u.a. 2019 (wie Anm. 3). – Hofmann/Müller-Scheeßel/Müller 2024 (wie Anm. 3). ↑ Abb. 6. Dal Bhat, eine aus Linsen (Leguminosen) und Reis (Getreide) bestehende Hauptnahrungsspeise den Küchen Indiens und Nepals. Ähnlich könnte es auf den Tellern der Menschen der Trypillia-Siedlungen ausgesehen haben. Anstatt Linsen aß man damals jedoch Erbsen, und anstelle von Reis gab es Emmer, Einkorn und Gerste. Foto: © freepik .
98 85|2024 Christiana Albertina gen. Nach unserer Interpretation waren diese Entwicklungen in der sozialen und politischen Sphäre, hinter denen aber mit Sicherheit auch ökonomische Differenzierungsprozesse standen, die maßgeblichen Faktoren für das Scheitern und die anschließende Auflösung der Megasites. Die Menschen waren unzufrieden, kehrten den bis dahin florierenden Megasiedlungen den Rücken und gründeten kleinere Siedlungen. So endete um 3600 v. Chr. dieser um 4150 v. Chr. begonnene vorläufige Höhepunkt in der Entwicklung hochgradig innovativer menschlicher Gemeinschaften. Autorin und Autoren Dr. Frank Schlütz , geboren 1966 in Nieheim, Studium der Biologie in Göttingen, Diplom 1993, Promotion zum Dr. rer. nat. an der Biologischen Fakultät der Universität Göttingen 1998, Forschungsstipendium der DFG 1999-2000, wissenschaftlicher und freier Mitarbeiter mit den Schwerpunkten Palynologie, Nicht-Pollen Palynomorphe, Archäobotanik, Datierungen und stabile Isotope in Projekten zur Paläoökologie Eurasiens, Arabiens, Afrikas und Südamerikas an den Universitäten in Göttingen, Marburg, Aachen, Bayreuth, Hamburg, Freie Universität Berlin, Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum in Wünsdorf, Senckenberg Forschungsinstitut Quartärpaläontologie in Weimar, Ostfriesische Landschaft Archäologischer Dienst in Aurich, Landschaftsverband Westfalen-Lippe Archäologie für Westfalen in Bielefeld, Zentrum für Marine Umweltwissenschaften MARUM in Bremen, Niedersächsisches Institut für historische Küstenforschung in Wilhelmshaven. Seit Juni 2022 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Urund Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im SFB 1266 und im Excellenzcluster Roots. E-Mail: frank.sc[email protected]iel.de Dr. Robert Hofmann , geboren 1968 in Frankenberg/Sachsen, 1998-2005 Studium der Urund Frühgeschichte und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin, 2005 Magister Artium, 2011 Dr. rer nat, seit 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Urund Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, der Graduiertenschule ›Human Development in Landscapes‹ und des SFB 1266. E-Mail: rober[email protected]iel.de Prof. Dr. Wiebke Kirleis , geboren 1970, Studium der Biologie in Göttingen, Diplom 1998. Promotion an der Biologischen Fakultät der Universität Göttingen 2002. Von 1998–2000 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung (NIhK) in Wilhelmshaven, von 2000–2001 Stipendium zur Graduiertenförderung der Universität Göttingen, von 2002–2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Urund Frühgeschichte der Universität Göttingen, 2004–2005 Kinderpause, 2005 wissenschaftliche Hilfskraft am SFB 586: Differenz und Integration an der Universität Halle-Wittenberg, 2006 Stipendiatin am Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum, Wünsdorf, von 2006–2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin im SFB 522: Stability of Rainforest Margins, STORMA, in der Abteilung Palynologie und Klimadynamik der Universität Göttingen, von 2008–2014 Juniorprofessorin für Umweltarchäologie/Archäobotanik an der Graduiertenschule Human Development in Landscapes und dem Institut für Urund Frühgeschichte der CAU, seit 2014 Professorin (W2) für Umweltarchäologie/Archäobotanik am Institut für Urund Frühgeschichte der CAU. E-Mail: wiebke.kir[email protected]iel.de
Frank Schlütz, Robert Hofmann, Wiebke Kirleis, Johannes Müller | Pflanzenproteine 99 Prof. Dr. Johannes Müller , geb. 1960, seit 2004 Professor für Urund Frühgeschichte (Prähistorische Archäologie) an der CAU, 2007–2014 Sprecher des DFG-Schwerpunktprogrammes ›Frühe Monumentalität und Soziele Differenzierung‹, 2011–2018 Sprecher der Exzellenz-Graduiertenschule ›Human Developments in Landscapes‹, seit 2016 Sprecher des Sonderforschungsbereiches ›TransformationsDimensionen — Mensch-Umwelt Wechselwirkungen in Prähistorischen und Archaischen Gesellschaften‹, seit 2019 Sprecher des Exzellenzclusters ›ROOTS‹, seit 2022 synERC ›Xscapes - Material Minds‹. E-Mail: johannes[email protected].de Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Werks von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.
101 KLAUS GEREON BEUCKERS Mehr als nur Bilder Zum Abschluss eines zwölfjährigen Forschungsprojekts zur Kölner Buchmalerei des 10./11. Jahrhunderts Mit dem Erscheinen der vollständigen, kommentierten Ausgabe des Hitda-Codex (ULB Darmstadt, Hs 1640) schloss sich 2024 der Kreis zum Abschluss eines mehrjährigen, äußerst ergebnisreichen Forschungsprojektes zu den Kölner Prachthandschriften des 10./11. Jahrhunderts in Kiel. 1 Begonnen hatte es 2012 mit einer Kieler Tagung, bei der die Stifterin dieses Evangeliars, Äbtissin Hitda von Meschede, im Mittelpunkt stand und zum Anlass genommen wurde, den Forschungsstand der im späten 10. und der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts entstandenen ottonisch/salischen Kölner Buchmalerei neu zu überdenken. 2 Das Kölner Skriptorium bildete neben der Reichenau, Trier und – etwas später – Regensburg das künstlerisch vielleicht bedeutendste Zentrum der ottonischen Malerei, wobei in Köln der pastose, manchmal expressionistisch anmutende Farbauftrag, die stark abstrahierenden, wie Collagen komponierten Hintergrundgestaltungen, der Mut zu unkonventionellen Bildlösungen mit dynamischen Architekturdarstellungen und sphärischen Räumen einerseits sowie ikonografischen Neufindungen andererseits besonders auffallen. Die Bildtituli im Pariser Sakramentar (BNF Paris, Ms. lat. 817) und im Hitda-Codex lassen zudem eine explizite Bildreflexion erkennen, wie sie in frühmittelalterlicher Kunst äußerst selten ist und zeugen damit von einer intellektuellen Konzeption der Handschriften, die einen methodischen Zugang erfordert, der weit über eine Analyse der Bilder allein hinausgeht. 1 Der Hitda-Codex aus dem Kanonissenstift Meschede. Vollständige Wiedergabe des ottonischen Prachtevangeliars, komm. v. Klaus Gereon Beuckers, Kiel 2024. 2 Äbtissin Hitda und der Hitda-Codex (Universitätsund Landesbibliothek Darmstadt, Hs. 1640). Forschungen zu einem Hauptwerk der ottonischen Kölner Buchmalerei, hg. v. Klaus Gereon Beuckers, Darmstadt 2013. → Kiel-up: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p25 101
102 85|2024 Christiana Albertina Neuansätze zu den Tituli formulierte schon 2012 auf der Hitda-Tagung Joshua O’Driscoll, der später hierzu in Harvard promoviert wurde, 3 während Thomas Labusiak auf der Tagung gegenüber den bisher immer so fokussierten byzantinischen Einflüssen die karolingischen Grundlagen betonte und damit das Fenster zu einer anderen Kontextuierung öffnete. Der folgenschwerste Beitrag des Bandes war jedoch ein Aufsatz des Kieler Kollegen Ulrich Kuder, der die Datierungen der Handschriften der ›Malerische Gruppe‹ genannten Hauptgruppe neu diskutierte und dabei versuchte, die als ›Malerische Sondergruppe‹ benannten Scharnierhandschriften zu den salischen Codices ab den 1030er Jahren aufzulösen. Für den Hitda-Codex erschloss er dabei eine Frühdatierung bereits in den 970er Jahren, was sich zwar im weiteren Verlauf der Forschung nicht halten ließ, jedoch die Diskussion neu entfachte, die seit fast dreißig Jahren stagniert hatte. Der Tagung gelang damals somit zwar keine eindeutige Identifizierung der Person Hitdas, für die weiterhin ein Rahmen zwischen um 970 und um 1030 im Raum stehen blieb, sie zeigte aber, dass andere Herangehensweisen notwendig waren, um die Kölner Buchmalerei des 10./11. Jahrhunderts angemessen behandeln zu können. Dies war der Ausgangspunkt des Forschungsprojektes. Nach insgesamt fünf Tagungsund Aufsatzbänden (mit insgesamt 67 Beiträgen von 53 Autorinnen und Autoren aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Polen und den USA),4 drei Handschriftenmonografien,5 einer Monografie zur Rahmenornamentik6 und 3 Joshua O’Driscoll: Image and Inscription in the Painterly Manuscripts from Ottonian Cologne, Diss. Harvard University Cambridge MA 2015, https://dash.harvard.edu/handle/1/17467286 [10. März 2024]. – Die Texte in den Sammelbänden des Projektes werden zur Entlastung des Anmerkungsapparates nicht einzeln nachgewiesen. 4 Beuckers 2013 (wie Anm. 2). – Das Gerresheimer Evangeliar. Eine spätottonische Prachthandschrift als Geschichtsquelle, hg. v. Klaus Gereon Beuckers und Beate Johlen-Budnik (Forschungen zu Kunst, Geschichte und Literatur des Mittelalters, Bd. 1), Köln 2016. – Das Sakramentar aus Tyniec. Eine Prachthandschrift des 11. Jahrhunderts und die Beziehungen zwischen Köln und Polen in der Zeit Kasimirs des Erneuerers, hg. v. Klaus Gereon Beuckers und Andreas Bihrer unter Mitarbeit von Ursula Prinz (Forschungen zu Kunst, Geschichte und Literatur des Mittelalters, Bd. 3), Köln 2018. – Das Jüngere Evangeliar aus St. Georg in Köln. Untersuchungen zum Lyskirchen-Evangeliar, hg. v. Klaus Gereon Beuckers und Anna Pawlik (Forschungen zu Kunst, Geschichte und Literatur des Mittelalters, Bd. 5; Studien zu Kunstdenkmälern im Erzbistum Köln, Bd. 5), Köln 2019. – Das Gießener Evangeliar und die Malerische Gruppe der Kölner Buchmalerei, hg. v. Klaus Gereon Beuckers und Ursula Prinz unter Beteiligung von Markus Späth (Forschungen zu Kunst, Geschichte und Literatur des Mittelalters, Bd. 9), Köln 2023. 5 Klaus Gereon Beuckers: Das Prachtevangeliar aus Mariengraden. Ein Meisterwerk der salischen Buchmalerei. Die Handschrift Cod. 1001a der Erzbischöflichen Diözesanund Dombibliothek Köln (mit einem Beitrag von Doris Oltrogge), Luzern 2018. – Klaus Gereon Beuckers: Das Kölner Kaiserinnen-Evangeliar W 312. Ein ottonisches Prachtevangeliar im Historischen Archiv der Stadt Köln (Forschungen zu Kunst, Geschichte und Literatur des Mittelalters, Bd. 11), Köln 2024. – Beuckers 2024 (wie Anm. 1). 6 Ursula Prinz: Die Ornamentik der ottonischen Kölner Buchmalerei. Studien zur Rahmenfüllwerk (Libelli Rhenani. Schriften der Erzbischöflichen Diözesanund Dombibliothek zur rheinischen Kirchenund Landesgeschichte sowie zur Buchund Bibliotheksgeschichte, Bd. 71), Köln 2018.
Klaus Gereon Beuckers | Mehr als nur Bilder 103 ↑ Abb. 1. Cover der Tagungsbände und Monografien aus dem Forschungsprojekt.
104 85|2024 Christiana Albertina einem knappen Dutzend Aufsätze außerhalb der Tagungsbände7 kommt das Forschungsvorhaben jetzt zum Abschluss. Flankiert wurde es zudem noch durch einen Sammelband zu frühen Prachtepistolaren (mit 14 weiteren Aufsätzen), der Herausgabe der 1989 verfassten Habilitationsschrift von Ulrich Kuder zur ottonischen Buchmalerei sowie Beiträgen zu den Mainzer Handschriften unter Erzbischof Willigis (amt. 975–1011) und der Reichenau im 10. Jahrhundert. 8 Insgesamt waren 7 Insbesondere: Klaus Gereon Beuckers: Bildnisse des 10. und 11. Jahrhunderts als rhetorische Konstruktion memorialer Funktion. Bemerkungen zum Widmungsbild des Svanhild-Evangeliars und zu den Essener Stifteremails, in: Netzwerke der Memoria [Festschrift für Thomas Schilp], hg. v. Jens Lieven, Michael Schlagheck und Barbara Welzel, Essen 2013, S. 85–106. – Klaus Gereon Beuckers: Das Gundold-Evangeliar in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Bemerkungen zu einem Kölner Prachtcodex des 10./11. Jahrhunderts, in: Philologia sanat. Studien für Hans-Albrecht Koch zum 70. Geburtstag, hg. v. Gabriella Rovagnati und Peter Sprengel, Frankfurt am Main 2016, S. 41–65. – Klaus Gereon Beuckers: Der verfügte Adressat. Manifestation und Autorenschaft in Herrscherbildern ottonischer und frühsalischer Buchmalerei, in: Mäzenaten im Mittelalter aus europäischer Perspektive. Von historischen Akteuren zu literarischen Textkonzepten, hg. v. Bernd Bastert, Andreas Bihrer und Timo Reuvekamp-Felber (Encomia Deutsch, Bd. 4), Göttingen 2017, S. 239–266. – Klaus Gereon Beuckers: Zur Verwendung von Evangeliaren des Frühund Hochmittelalters anhand von Beispielen aus Essen und anderen Frauenstiften, in: Fragen, Perspektiven und Aspekte der Erforschung mittelalterlicher Frauenstifte. Beiträge der Abschlusstagung des Essener Arbeitskreises für die Erforschung des Frauenstifts, hg. v. Klaus Gereon Beuckers und Thomas Schilp (Essener Forschungen zum Frauenstift, Bd. 15), Essen 2018, S. 67–110. – Klaus Gereon Beuckers: Zum Typus der Kölner Kanontafeln im 10./11. Jahrhundert und ihren Vorbildern. Am Beispiel des Evangeliars aus St. Maria ad Gradus (Diözesanbibliothek Köln Cod. 1001a), in: Mittelalterliche Handschriften der Kölner Dombibliothek. Siebtes Symposion der Diözesanund Dombibliothek Köln zu den Dom-Manuskripten, hg. v. Harald Horst (Libelli Rhenani. Schriften der Erzbischöflichen Diözesanund Dombibliothek zur rheinischen Kirchenund Landesgeschichte sowie zur Buchund Bibliotheksgeschichte, Bd. 70), Köln 2018, S. 15–62. – Ursula Prinz: Die älteste ottonische Kölner Prachthandschrift. Überlegungen zur malerischen Ausstattung des Everger-Epistolars (Cod. 143) unter besonderer Berücksichtigung der Ornamentik, in: Mittelalterliche Handschriften der Kölner Dombibliothek. Achtes Symposion der Diözesanund Dombibliothek Köln zu den Dom-Manuskripten, hg. v. Harald Horst (Libelli Rhenani. Schriften der Erzbischöflichen Diözesanund Dombibliothek zur rheinischen Kirchenund Landesgeschichte sowie zur Buchund Bibliotheksgeschichte, Bd. 73), Köln 2019, S. 153–205. – Klaus Gereon Beuckers: Willkommen zurück! Das Widmungsbild des Mailänder Evangeliars (Biblioteca Ambrosiana, C. 53 Sup.) und Gründungsabt Sandrad von Mönchengladbach, in: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein 226 (2023), S. 15–31. – Klaus Gereon Beuckers: Nicht nur Bilder. Forschungen zu den Kölner Prachthandschriften des 10./11. Jahrhunderts, in: Colonia Romanica. Jahrbuch des Fördervereins Romanische Kirchen Köln 37 (2023), S. 42–65. – Ursula Prinz: Verflochtene Zweige. Zum Initialschmuck zwischen Trier und Köln in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, in: Mittelalterliche Handschriften der Kölner Dombibliothek. Neuntes Symposion der Diözesanund Dombibliothek Köln zu den Dom-Manuskripten (25. und 26. November 2022), hg. v. Harald Horst (Libelli Rhenani. Schriften der Erzbischöflichen Diözesanund Dombibliothek zur rheinischen Kirchenund Landesgeschichte sowie zur Buchund Bibliotheksgeschichte, Bd. 85), Köln 2024, S. 261–290. 8 Klaus Gereon Beuckers: Zur Mainzer Buchmalerei unter Erzbischof Willigis (amt. 975–1011), in: In Gold geschrieben. Zeugnisse frühmittelalterlicher Schriftkultur in Mainz, Ausst. Kat. Domund Diözesanmuseum Mainz, hg. v. Winfried Wilhelmy und Timo Licht (Publikationen des Bischöflichen Domund Diözesanmuseums Mainz, Bd. 9), Regensburg 2017, S. 164– 219. – Ulrich Kuder: Studien zur ottonischen Buchmalerei [Habilitationsschrift Ludwig-Maximilian-Universität München 1989], hg. und eingel. von Klaus Gereon Beuckers (Kieler Kunsthistorische Studien, N.F. Bd. 17), 2 Bde., Kiel 2018. – Illustrierte Epistolare des frühen und hohen Mittelalters, hg. v. Klaus Gereon Beuckers, Vivien Bienert und Ursula Prinz, Regensburg 2021. – Klaus Gereon Beuckers: Bemerkungen zur Reichenauer Buchmalerei im 10. Jahrhundert, in: Die Klosterinsel Reichenau im Mittelalter. Geschichte – Kunst – Architektur, hg. v. Wolfgang Zimmermann, Olaf Siart und Marvin Gedigk, Regensburg 2024, S. 220–241. – Ursula Prinz: In höchstem Auftrag. Hersteller und Empfänger der Reichenauer Prachthandschriften, in: Welterbe des Mittelalters. 1300 Jahre Klosterinsel Reichenau, Ausst. Kat. Badisches Landesmuseum Karlsruhe, hg. v. Badisches Landesmuseum, Regensburg 2024, S. 372–383.
Klaus Gereon Beuckers | Mehr als nur Bilder 105 an dem Kieler Projekt weite Teile der internationalen Spezialisten zur ottonischen Buchmalerei beteiligt. Von den zwanzig bekannten Kölner Prachthandschriften wurden 15 einer neuen Untersuchung durch mindestens einen monografischen Aufsatz, meist durch einen ganzen Band unterzogen. 9 Methoden und Konzept Die in dem Projekt angewandten Herangehensweisen waren entsprechend der Unterschiedlichkeit der Fragestellungen und Fachrichtungen sowie der beteiligten Forscherpersönlichkeiten und auch der thematischen Anforderungen bewusst breit gefächert. Hatte sich die bisherige Forschung, für welche die erste umfassende Untersuchung der Kölner Malerei durch Heinrich Ehl von 1922 und vor allem das große Korpuswerk von Peter Bloch und Hermann Schnitzler 1967/70 stehen,10 weitgehend mit den klassischen kunsthistorischen Methoden der Ikonografie, Stilund Motivkritik dem Material genähert, so wurden jetzt diese Aspekte insbesondere in der Motivanalyse auf aktualisiertem Forschungsstand fortgesetzt. Die Schwerpunkte lagen jedoch in einer Kontextforschung, die sich sowohl den historischen Umständen der Entstehung der Handschriften und ihres Umfeldes mit den in ihnen zeitgenössisch eingetragenen Texten, Namen und Darstellungen historischer Personen als auch den später hinzugekommenen Nachträgen und Veränderungen widmete. So beschäftigte sich die zusammen mit dem Kieler Historiker Andreas Bihrer an der Förde organisierte Tagung 2017 unter anderem mit den polnisch-kölnischen Kontakten um die Mitte des 11. Jahrhunderts, über welche das in Köln entstandene Sakramentar nach Tyniec bei Krakau (NB Warschau, BOZ 8) gelangt ist;11 in der Tagung in Gerresheim 2015 und dem Sammelband zum Lyskirchen-Evangeliar 2019 standen hingegen unter anderem die Nachträge im Mittelpunkt, die in den Evangeliaren nach deren aktiver Nutzung in der Liturgie seit dem Hochmittelalter bis in den Barock mit Urkunden, Eiden oder Visitationsprotokollen eingeschrieben wurden. Diese bisher kaum untersuchten Aspekte wurden in Kontexte anderer Codices gestellt und auch am kunsthistorischen Bestand beispielsweise mit dem Wechsel von Einbänden kon9 Keine monografischen Untersuchungen erhielten die Evangeliare aus St-Gérard de Brogne im Priesterseminar von Namur (M 43 [13]), aus St. Gereon (WLB Stuttgart, Cod. bibl. fol. 21), in Bamberg (StaB., Msc. Bibl. 94) und London (BL, Harley Add. MS 2820) sowie die Nürnberger Einzelblätter (GNM Kupferstichkabinett, Mn 394 u. 395). 10 Heinrich Ehl: Die ottonische Kölner Buchmalerei. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der frühmittelalterlichen Kunst in Westdeutschland (Forschungen zur Kunstgeschichte Westeuropas, Bd. 4), Bonn 1922. – Peter Bloch / Hermann Schnitzler: Die ottonische Kölner Malerschule, 2 Bde., Düsseldorf 1967/70. 11 Beuckers/Bihrer 2018 (wie Anm. 4).
112 85|2024 Christiana Albertina Dies ist jedoch problematisch, da hiermit die Kategorien von Objekt und Subjekt vermischt werden. Objekte sind zu einer Handlung unfähig und alle Dinge, die mit dem Objekt passieren, resultieren aus einem dahinterstehenden Subjekt, das mit dem Objekt eine Handlung vollzieht und damit Geschichte formiert. Dies mag mehr oder weniger intentional geprägt sein, steht in einem mehr oder weniger markant prägenden historischen Kontext, aber es ist das Subjekt als Handlungsund Entscheidungsträger, das beispielsweise bei Handschriften bestimmt, ob diese aus einem liturgischen Kontext genommen werden, einen neuen Einband bekommen oder ob etwas und was genau im Codex eingetragen werden soll. Wenn das Objekt hingegen selbst zum Handelnden stilisiert wird, dann fällt die Kategorie des eigentlich handelnden Subjektes weg und damit beschneidet das Wort ›Objektbiografie‹ die Komplexität gegenüber dem neutraleren Begriff der ›Objektgeschichte‹, der alle Facetten der Handlung impliziert und gerade über die handelnden Personen, ihre Netzwerke und ihren historischen Rahmen den Objektkontext greifbar macht. Man darf also mit dem von Matthias Jung aufgegriffenen Zitat Thomas Etzemüllers fragen: »Aber sind das noch Biographien? Werden hier Gegenstände in ein erprobtes Narrativ wie in ein Korsett gezwängt, das ihnen nicht passt?« 28 Jedenfalls sind die Vorschläge von Hans Peter Hahn, ›Objektbiografie‹ durch ›Itinerar‹ zu ersetzen, 29 und die Fokussierung auf das Narrativ bei Jung als grundlegende Qualität der ›Objektbiografie‹ aussagekräftiger Hinweis, wie verzichtbar diese terminologische Entlehnung eigentlich ist. Die Zuweisung von Handlungsfähigkeit an ein Objekt / Kunstwerk steht in der Disziplin Kunstgeschichte im 21. Jahrhundert nicht isoliert und weist – im großen Kontext der Diskussion einer ›agency‹ stehend – Bezüge zur Bildakt-Theorie von Horst Bredekamp auf. Diese schreibt dem Kunstwerk eine Präsenz zu, die über seine rein materielle Erscheinung hinausgeht und als Lebendigkeit sowie Wirkungspotenz gelesen wird, mit der das Objekt handlungsstiftend werden könne. 30 Sie geht jedoch nicht so weit, dass sie den Kunstwerken eine Handlungsfähigkeit zuweist, erweitert vielmehr – nicht ganz unbeeindruckt von der Vorstellung einer Aura – als Modell das Untersuchungspotential, was der Begriff der ›Objektbiografie‹ hingegen verengt. Er wurde von dem Forschungsprojekt zur Kölner Buchmalerei deshalb ganz bewusst nicht genutzt, denn diese terminologische Fassung widerspricht dem breit gesetzten, auf Kontextforschung ausgerichteten methodischen Zugang. 28 Thomas Etzemüller: Biographien. Lesen – erforschen – erzählen (Historische Einführungen, Bd. 12). Frankfurt am Main 2012, S. 18. – Matthias Jung: Das Konzept der Objektbiographie im Lichte einer Hermeneutik materieller Kultur, in: Boschung/Kreuz/Kienlin 2015 (wie Anm. 26), S. 35–65, hier S. 36. – Vgl. auch Matthias Jung: ›Objektbiographie‹ oder Verwirklichung objektiver Möglichkeiten? Zur Nutzung und Umnutzung eines Steinbeils aus der Côte d’Ivoire, in: Hunde – Menschen – Artefakte. Gedenkschrift für Gretel Gallay, hg. v. Britta Ramminger und Heike Lasch (Internationale Archäologie. Studia honoraria, Bd. 32), Rahden in Westfalen 2012, S. 375–383. 29 Hans Peter Hahn: Dinge sind Fragmente und Assemblagen. Kritische Anmerkungen zur Metapher der ›Objekbiografie‹, in: Boschung/Kreuz/Kienlin 2015 (wie Anm. 26), S. 11–33. 30 Horst Bredekamp: Theorie des Bildakts. Über das Lebensrecht des Bildes (Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007), Berlin 2010.
Klaus Gereon Beuckers | Mehr als nur Bilder 113 Finanzierung Das Projekt erhielt vielfältige finanzielle Unterstützung, war aber kein von einem Geldgeber gefördertes Gesamtvorhaben. Vielmehr wurden für jede Tagung und jede Drucklegung einzeln Mittel von verschiedener Seite eingeworben. Die Arbeitsleistung beispielsweise der Redaktion wurde von den Herausgebern selbst erbracht, so dass es keiner Personalmittel bedurfte und der finanzielle Aufwand überschaubar blieb. Die einzige Mitarbeiterin im Projekt, Ursula Prinz, erbrachte ihre Arbeit erst als Wissenschaftliche Hilfskraft, dann – neben ihren anderen dienstlichen Aufgaben – als Assistentin des Lehrstuhls. Als Unterstützer für die Tagungskosten und Druckkostenzuschüsse fungierten wechselnde, meist am Ort der Handschriften ansässige Partner wie beispielsweise die Gerricus-Bürgerstiftung bei dem Teilprojekt zum Gerresheimer Evangeliar, das Erzbistum Köln bei dem Projekt zum Lyskirchen-Evangeliar oder die DFG und die Gießener Hochschulgesellschaft bei dem Projekt zum Gießener Evangeliar. Das Teilprojekt zum Tyniec-Sakramentar wurde unter anderem durch verschiedene Stellen der CAU Kiel gefördert, da die internationale, mit großer polnischer Beteiligung durchgeführte Tagung in Kiel stattfand. Diese ›Schlankheit‹ der Struktur ohne Umwege über die Drittmittelstelle der CAU (die ja eher auf Kooperationen mit den klassischen Geldgebern wie dem BmBF, der DFG oder den großen Stiftungen ausgerichtet ist) ermöglichte eine zügige, unkomplizierte und vor allem inhaltlich freie Gestaltung der Teilprojekte. Insgesamt ist das Projekt mit seiner Reihung von Teilprojekten und seinen dadurch vielfältigen Ergebnissen ein Erfolg, der sich nicht zuletzt durch die Aufeinanderfolge von Einzeltagungen wie Buchprojekten fortentwickeln konnte und so einen sukzessiven Zuwachs der Ergebnisse und Erkenntnisse als kontinuierlichen Diskurs ermöglichte. Solche Projekte finden in der universitären Forschungslandschaft, die ganz auf Verbundprojekte, schon von Anfang an festgelegte Forschergruppen und eine Dienlichkeit für Exzellenzinitiativen ausgerichtet ist, wenig Aufmerksamkeit. Auch offenere Förderformate, wie das ›Collegium Philosophicum‹ der Philosophischen Fakultät der CAU, haben in den letzten Jahren ihren Fokus zunehmend mehr auf Verbundforschung gelegt. Dabei sind es vor allem solche Einzelprojekte, die oft den größten Beitrag zur Forschungsleistung an den Universitäten erbringen und vor allem im geisteswissenschaftlichen Bereich zeigen, dass mit relativ geringem finanziellem Aufwand durch eine motivierte Arbeitsleistung eine große Wirkung und ein hoher Ergebniszuwachs mit großer Außenwirkung in die Fächer hinein zu erzielen ist. Solchen Projekten fehlt hingegen an der CAU ein Forum, das ihre Ergebnisse gebündelt präsentieren würde und so zeigen könnte, wie gerade die Einzelforschungen einen ganz wesentlichen Beitrag zur Exzellenz einer Universität im wahren Sinne des Wortes leisten.
114 85|2024 Christiana Albertina Autor Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers , geboren 1966 in Köln, Studium der Kunstgeschichte, Mittleren und Neuen Geschichte, Vergleichenden Religionswissenschaft und Katholischen Theologie in Bonn, Mainz und Köln. Promotion 1993 an der Universität Bonn. Habilitation 1999 an der Universität Karlsruhe, 2006 Ernennung zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Stuttgart. Seit 2008 Professor für Mittlere und Neue Kunstgeschichte am Kunsthistorischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. E-Mail: [email protected] Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Werks von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.
115 CHRISTINE EWERS, DIRK BRANDIS Die Austernsammlungen von Karl-August Möbius im Zoologischen Museum gestern und heute Das Zoologische Museum ist eines der ältesten Naturkundemuseen Deutschlands. Seine Sammlungen dokumentieren einen Zeitraum von vier Jahrhunderten und umfassen mehr als sechs Millionen Exemplare. Die ältesten Sammlungen stammen von dem Entomologen Johann Christian Fabricius (1745–1808), der im Jahre 1775 auf eine Professur für »Oeconomie, Cameralwissenschaften und Naturhistorie« an die Kieler Universität berufen wurde.1 Seine heute im Museum archivierte Sammlung umfasst mehr als 10.000 Käfer, darunter 8.000 Typusexemplare. Der Hauptteil der Kieler Sammlungen stammt aus dem 19. Jahrhundert und archiviert besonders viele marine Sammlungen. Einen großen Anteil daran haben Expeditionen, durch die wissenschaftlich sehr wertvolles Material in die Kieler Sammlung kam. Genannt seien hier zum Beispiel die Galathea-Weltumseglung (1845/47) unter der Leitung des Kieler Zoologen und Anatomen Wilhelm Behn, die Reise von Karl August Möbius nach Mauritius und auf die Seychellen (1874/75), die erste Plankton-Expedition unter der Leitung des Kieler Mediziners und Meeresforschers Viktor Hensen (1889), bis hin zu den bedeutenden Expeditionen des frühen 20. Jahrhunderts wie beispielsweise die Deutsche Tiefsee-Expedition mit dem Forschungsschiff Valdivia (1898/99), die Deutsche Südpolarexpedition unter Erich von Drygalski mit dem Forschungsschiff ›Gauss‹ (1901/03) sowie Material des amerikanischen Tiefseeforschungsschiffes ›Albatross‹ (etwa 1885–1910). Ein weiterer wichtiger Anteil der Sammlungen des 19. Jahrhunderts entstand durch die Forschungsprojekte der damals im Zoologischen Museum aktiven Wissenschaftler. Von her1 Vgl. Dirk Brandis und Wolfgang Dreyer: Die zoologischen Schätze der Universität. Ein Jubiläum im Jubiläum, in: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. 350 Jahre Wirken in Stadt, Land und Welt, hg. v. Oliver Auge, Neumünster 2015, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:gbv:8-publ-10330 , S. 881–894, hier S. 881–883. → Kiel-up: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p26 115
116 85|2024 Christiana Albertina ↑ Abb. 1. Portrait von Karl August Möbius. Zoologisches Museum Kiel.
Christine Ewers, Dirk Brandis | Die Austernsammlungen von Karl-August Möbius 117 ausragender Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die Sammlungen, die durch die Arbeiten von Karl August Möbius aufgebaut wurden. Die Austernsammlungen von Karl August Möbius Als Karl August Möbius (1825–1908) im Jahre 1868 auf den ersten Lehrstuhl für Zoologie berufen wurde, bekam er vom damaligen preußischen Landwirtschaftsminister Preußens, Werner von Selchow (1806–1884), den Auftrag, Untersuchungen anzustellen, um die natürlichen Austernbänke im schleswig-holsteinischen Wattenmeer ( Abb. 2 ) produktiver zu machen und Methoden einer künstlichen Austernzucht im Wattenmeer zu erarbeiten. 2 Austern waren in dieser Zeit zu einer teuren und begehrten Handelsware geworden, daher hatte die preußische Regierung ein großes wirtschaftliches Interesse daran, die Austernbänke wirtschaftlicher zu entwickeln. Obwohl Möbius zum Zeitpunkt dieses Auftrages umfangreiche Studien zur wirbellosen Fauna der Ostund teilweise auch der Nordsee durchgeführt hatte, 3 waren ihm Austern und ihre Lebensweise bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend unbekannt. Deswegen untersuchte er zunächst die Austern der schleswig-holsteinischen Bänke. 4 Er analysierte Darminhalt und Gonaden sowie die Menge an produzierten Eiern der Austern, studierte den Bau und den Ernährungszustand der Austern, zudem dokumentierte er die Flora und Fauna, insbesondere die Organismen, die auf den Austernschalen selbst wuchsen. Neben einer sorgfältigen Analyse der Wasserqualität und der Menge der enthaltenen Schwebstoffe und Planktonorganismen beschäftigte sich Möbius ausführlich mit dem Bodengrund, auf dem Austern gut wachsen. Außerdem führte er Experimente zu Auswirkungen von Frost auf lebendes Austerngewebe durch, um zu prüfen, inwieweit kalte Winter die Austernbänke schädigen. 2 Vgl. Karl August Möbius: Ueber Austern und Miesmuschelzucht und die Hebung derselben an den norddeutschen Küsten, Berlin 1870, https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11012000-9 . 3 Vgl. beispielsweise Heinrich Adolf Meyer und Karl August Möbius: Kurzer Ueberblick der in der Kieler Bucht von uns beobachteten wirbellosen Thiere, als Vorläufer einer Fauna derselben, in: Archiv für Naturgeschichte 28,1 (1862), S. 229–237, https://www.biodiversitylibrary.org/page/7160661 [23. August 2024]. – Heinrich Adolf Meyer und Karl August Möbius: Die Hinterkiemer oder Opisthobranchia der Kieler Bucht, in: Fauna der Kieler Bucht, Bd. I, Leipzig 1865, https://archive.org/embed/faunaderkielerbu01meye [23. August 2024], S. I–XXX und 1–88. – Heinrich Adolf Meyer und Karl August Möbius: Fauna der Kieler Bucht. Bd. II: Die Prosobranchia und Lamellibranchia nebst einem Supplement zu den Opisthobranchia. Engelmann, Leipzig, 1872, S. I-XXIV, https://www.biodiversitylibrary.org/page/35505163 [23. August 2024]. – Karl August Möbius: Über meine und Herrn H.A. Meyer’s Untersuchungen der wirbellosen Thiere der Kieler Bucht, in: Mittheilungen des Vereins nördlich der Elbe, Heft 6 (1863), S. 1–126. – Karl August Möbius: Ueber den Bau, den Mechanismus und die Entwicklung der Nesselkapseln einiger Polypen und Quallen, in: Abhandlungen aus dem Gebiete der Naturwissenschaften, V, 1 (1866), https://www.biodiversitylibrary.org/page/11838395 [23. August 2024], S. 1–22. – Karl August Möbius: Das Aquarium des Zoologischen Gartens zu Hamburg, für die Besucher desselben beschrieben, Hamburg 1866, S. 1–55. 4 Möbius 1870 (wie Anm. 2).
118 85|2024 Christiana Albertina In einem zweiten Schritt studierte er die Austernbänke als Ganzes. Dort dokumentierte er Größe, Vielfalt, Form und Altersstruktur der jeweiligen Population und untersuchte dann die Lebensbedingungen der Austernbänke vom Ansiedeln bis zur Geschlechtsreife. Hierbei analysierte er sogar den optimalen Abstand, in dem Austern voneinander entfernt liegen müssen, um besonders gut wachsen und sich fortpflanzen zu können. Er dokumentierte auch die abiotischen Faktoren wie Qualität des Bodengrundes, Salzgehalt, Strömung und Temperatur und arbeitete damit die optimalen Fortpflanzungsund Wachstumsbedingungen für die Austern heraus. Entscheidend für diese Untersuchungen war, dass er biotische und abiotische Daten kombinierte und daraus die optimalen Lebensbedingungen für Austern ableitete. Zu jeder Austernbank legte er umfangreiche Schalensammlungen an, einerseits, um seine Ergebnisse so genau wie möglich zu dokumentieren, andererseits auch aus didaktischen Gründen, um in Ausstellungen das Wissen über die Austern weiter zu vermitteln. Mit dem Wissen aus diesen Studien reiste Möbius zu bekannten Austernzuchtregionen Europas und studierte Kulturtechniken und -strategien vor Ort sowie die jeweiligen Lebensbedingungen im Vergleich zu den schleswig-holsteinischen Austernbänken. Wichtige Stationen waren Frankreich und Großbritannien, daneben Belgien (Ostende), Dänemark, insbesondere Limfjord, ← Abb. 2. Historische Darstellung der schleswig-holsteinischen Austernbänke. Aus: Karl August Möbius: Die Auster und die Austernwirthschaft, Berlin 1877.
Christine Ewers, Dirk Brandis | Die Austernsammlungen von Karl-August Möbius 119 Italien und Norwegen. Um seine Studien zu dokumentieren, legte er wiederum an jeder Station umfangreiche, äußerst sorgfältig dokumentierte Sammlungen von Austernschalen an, welche die Größen, Altersstruktur und Lebensweise der jeweiligen Austernpopulation dokumentieren sollten ( Abb. 5 ). Auch die jeweiligen Zuchtansätze dokumentierte er in den Sammlungen. Er beschrieb erstmals Zusammenhänge zwischen dem körperlichen Zustand der Auster und der Nahrungsverfügbarkeit (Abb. 3). Bemerkenswert ist, dass Möbius auf diesen Reisen auch schon Aussterbeereignisse von Austern beschrieb, zum Beispiel in Arcachon an der Atlantikküste. Als Ursache hierfür nahm er die zunehmende Verschlammung der Buchten an, auch massive Überfischung spielte für ihn eine Rolle. Er gewann auf diesen Reisen auch wesentliche Erkenntnisse zum Verhältnis von schädlichen Raubschneckenarten zu den Austernpopulationen und stellte fest, dass Räuberpopulationen die Austern nicht dezimieren, sondern ganz im Gegenteil viele Austern zu vielen Raubschnecken führten, wohingegen bei wenigen Austern auch die Räuber selten waren. Das war eine bahnbrechende ökologische Erkenntnis. Aus diesen Untersuchungen leitete Möbius eine fundamentale Theorie ab, die bis heute eine der Grundlagen der Ökologie ist und für die er weltbekannt wurde. Möbius erkannte als ← Abb. 3. Die erste Publikation von Möbius (1870) zu seiner Austernforschung. Gemeinfrei. Bayerische Staatsbibliothek.
120 85|2024 Christiana Albertina erster Wissenschaftler überhaupt, dass die Produktivität der Austernbank von der Verfügbarkeit von Nährstoffen, von anderen Organismen, die in der Austernbank lebten und von den abiotischen Faktoren wie Temperatur, Salzgehalt oder Bodenuntergrund abhängt. Er konnte so als erster erklären, warum in der Ostsee die Ansiedlung von Austern scheitern musste und warum es zu Populationseinbrüchen auf Austernbänken kam. In seiner Schrift Die Auster oder Austernwirthschaft (1877) stellte er das Wechselgefüge zwischen Austern und den anderen Tieren und Pflanzen einer Austernbank detailliert dar und prägte hierfür erstmals den Begriff der ›Biozönose‹ oder ›Lebensgemeinde‹ »für eine den durchschnittlichen äußeren Lebensverhältnissen entsprechende Auswahl und Zahl von Arten und Individuen, welche sich gegenseitig bedingen und durch Fortpflanzung in einem angemessenen Gebiet dauernd erhalten« (Abb. 4).5 Damit war die Wissenschaft der Ökologie endgültig geboren. Am Ende seiner Untersuchungen kam Möbius zu dem Schluss, dass die Austernbänke bereits am Limit ihrer Produktivität angelangt waren und nicht verbessert werden könnten. Ganz im Gegensatz dazu fand er andere Verhältnisse bei der Miesmuschel, wo er ähnliche Studien 5 Karl August Möbius: Die Austern oder Austernwirthschaft, Berlin 1877, Zitat S. 76. Digitalisat unter: https://dbooks. bodleian.ox.ac.uk/books/PDFs/600030592.pdf [23. August 2024]. Erw. ND Frankfurt am Main 2006. ↑ Abb. 4. Die Publikation des Biozönose-Konzeptes von Möbius (1877).
Christine Ewers, Dirk Brandis | Die Austernsammlungen von Karl-August Möbius 121 durchführte. Diese hatten nach Möbius Untersuchungen sogar ein erhebliches Potential, produktiver bewirtschaftet zu werden. Die Wiederentdeckung der Austernsammlung des Karl August Möbius Im Jahre 2018 wurde die Austernsammlung des Karl August Möbius im Rahmen eines BMBFVerbundprojektes komplett digital erfasst (Abb. 5). Es wurde erneut deutlich, was für einen Schatz diese Sammlung darstellt. Zu gleicher Zeit gab es erste angeregte Gespräche zwischen dem Leiter des Zoologischen Museums, Dirk Brandis, und dem Professor der ancientDNA am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Ben Krause-Kyora, während eines retreats des Forschungsschwerpunktes ›Kiel Life Science‹ der CAU. Dabei wurde die Idee geboren, die gleichen Methoden, die für die molekulare Erschließung archäologischer Fundstücke wie Knochen und Zähne verwendet werden, auf Möbius’ Austernschalen anzuwenden. Erste Versuche verliefen sehr erfolgversprechend und markierten den Beginn einer fruchtbaren Kollaboration zwischen dem Zoologischen Museum und dem UKSH. ↑ Abb. 5. Einige der Austern, die Möbius während seiner Untersuchungen gesammelt hat. Die originale, von Möbius geschriebene Dokumentation ist noch erhalten. Foto: Christine Ewers.
128 85|2024 Christiana Albertina Schließlich dokumentieren Sammlungen auch Kulturund Landesgeschichte der Orte, an denen sie gesammelt oder bearbeitet wurden. Das geht soweit, dass Familien die Geschichte ihrer Vorfahren anhand der Sammlungsdokumentation oder der Provenienz bestimmter Exemplare identifizieren können. 2023 wurde der einzigartige Wert der Kieler Sammlungen auch von offizieller Seite bestätigt: Im Jahre 2023 ist in der Zeitschrift Science ein umfangreicher Artikel zur Bedeutung naturkundlicher Sammlungen erschienen, wo festgestellt wird, dass die Sammlung des Kieler Zoologischen Museums zu den 73 bedeutendsten Sammlungen der Welt gehört. 11 Autorin und Autor Dr. Christine Ewers , geboren 1984, Studium der Biologie in Kiel, Diplom 2010. Von 2010 bis 2016 Doktorarbeit an der University of Georgia, USA. Von 2017–2018 Postdoc an der University of California in Davis, USA. Seit 2018 Postdoc am Zoologischen Museum, Zoologisches Institut der CAU. E-Mail: ewers-[email protected]iel.de Prof. Dr. Dirk Brandis , geboren 1969, Studium der Biologie in Heidelberg, Diplom 1995, Promotion 1998 an der Karl-Ruprechts-Universität Heidelberg, Habilitation 2015 in Kiel, 2021 Ernennung zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Kiel. 1998–2003 Postdoc am Forschungsinstitut Senckenberg. Frankfurt a.M. 2003–2006 wissenschaftlicher Assistent am Zoologischen Institut der Uni Heidelberg. 2006–2014 Kustos am Zoologischen Museum der Universität Kiel und seit 2014 Direktor des Zoologischen Museums der Uni Kiel. E-Mail: [email protected]iel.de Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0. Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Werks von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können. 11 Johnson K.R., Owens J.F.P., Global Collection Group: A global approach for natural history museum collections, in: Science 379, 6638 (2023), S. 1192–1194, https://doi.org/10.1126/science.adf6434 .
129 JESSICA BRUNS Buchgewordene Gottesverehrung Ein Kölner Stundenund Gebetsbuch des 15. Jahrhunderts in den Historischen Sammlungen der Universitätsbibliothek Kiel »Als Meisterwerke spätmittelalterlicher Buchkunst, vor allem aber als private Andachtsbücher von Fürsten und Königen [...] haben einzelne Stundenbücher immer zum wertvollsten Bibliotheksbestand gehört. Durch ihre scheinbar unübersichtliche Vielfalt in Auswahl und Anordnung von Text und Bildern wie auch durch den reichen Bestand an erhaltenen Exemplaren bilden Stundenbücher eine kaum versiegende Quelle für die Handschriftenkunde.«1 Ein besonders schönes Exemplar eines solchen Stundenund Gebetsbuchs befindet sich in den Historischen Sammlungen der Universitätsbibliothek Kiel. Da bislang nur wenig über dieses Kleinod bekannt ist, soll es nachfolgend vorgestellt werden. 2 1 Eberhard König und Gabriele Bartz: Das Stundenbuch. Perlen der Buchkunst. Die Gattung in Handschriften der Vaticana, Darmstadt 1998, S. 12. 2 E ine kurze Handschriftenbeschreibung in Henning Ratjen: Verzeichniss von Handschriften der Kieler Universitätsbibliothek. Abth. 1–4 (Kiel, Programm zum Geburtstag des Kaisers 1873 = Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 [1874] Bd. 20, VI.2), Kiel 1873, S. 29. – Darüber hinaus ist der Kodex im Handschriftencensus erfasst, vgl. Handschriftenbeschreibung 24373, in: Handschriftencensus, Marburg 2023, https://handschriftencensus.de/24373 [21. Mai 2024]. – Weitere knappe Beschreibungen außerdem bei Conrad Borchling: Mittelniederdeutsche Handschriften in Skandinavien, Schleswig-Holstein, Mecklenburg und Vorpommern. Zweiter Reisebericht, in: Nachrichten von der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Phil.-hist. Klasse 1900 (Beiheft), Göttingen 1900, S. 146 sowie in Form von handschriftlichen Notizen des Bibliothekars Rudolf Bülck aus dem Jahr 1938. Vgl. Rudolf Bülck: Handschrift 70036361, in: Handschriftenarchiv, Berlin 1938, https://handschriftenarchiv.bbaw.de/id/70036361 [21. Mai 2024]. D er Fokus der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Handschrift lag bislang vor allem auf kunsthistorischen Aspekten. Eine ausführliche Erschließung nach den Richtlinien Handschriftenkatalogisierung der Deutschen Forschungsgemeinschaft steht hingegen bislang noch aus. → Kiel-up: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p27 129
130 85|2024 Christiana Albertina Bei dem Band mit der Signatur Cod. ms. KB 69 handelt um ein kleinformatiges Buch, das insgesamt 263 beschriebene Blätter umfasst. Wer es im Mittelalter in Auftrag gegeben hat, ist unbekannt. Sicher ist nur, dass es sich Anfang des 17. Jahrhunderts im Besitz einer Person mit den Initialen ›I S‹ befand, denn diese sind zusammen mit dem Jahr 1634, in dem der Einband gefertigt worden ist, als vergoldete Stempel in den Vorderdeckel geprägt worden. Bei dem überlieferten dunkel gefärbten Ledereinband, der mit kleinen Blüten, einem gezackten Metallrahmen zum Schutz der Kanten und zwei Schließen aus Messing ausgestattet ist, handelt es sich demnach nicht um den mittelalterlichen Einband. Das Einprägen von Initialen in Einbände war in der frühen Neuzeit zur Kennzeichnung des Buchbesitzes durchaus üblich. Fast zwei Jahrhunderte später, im Jahr 1821, wurde der Band von Andreas Wilhelm Cramer (1760–1833) in Köln erworben. Dies geht aus einer auf dem ersten ungezählten Folio eingetragenen, eigenhändigen Notiz »A. G. Crameri, JCti Coloniae 1821« 3 hervor. Cramer, der 1785 zum Dr. jur. promoviert worden und seit 1786 zunächst als außerordentlicher Professor an der Christian-Albrechts-Universität angestellt war, wurde 1782 Ordinarius für Pandekten, Philologie, Institutionen und Römisches Recht und 1826 Oberbibliothekar der Kieler Universitätsbibliothek. 4 In dieser Funktion setzte er sich intensiv mit historischen Büchern auseinander, wovon in Cod. ms. KB 69 unter anderem ein gefalteter Papierzettel zeugt, auf dem Cramer einen Datierungsvorschlag für den vorliegenden Text unterbreitet und die korrekte Bezeichnung des Buches erörtert. 5 Nach Cramers Tod wurde seine Bibliothek versteigert 6 und die Universitätsbibliothek erwarb die Handschrift 1834. 7 Auf diese Weise ist der Kodex in die Historischen Sammlungen gelangt, wo er noch heute verwahrt und für Studienund Forschungszwecke bereitgestellt wird. 8 Aufgrund der Materialien und der aufwändigen Gestaltung darf Cod. ms. KB 69 als Prunkhandschrift bezeichnet werden. Bei dem Beschreibstoff handelt es sich um ein hochwertiges, dünnes und helles Pergament, das keinerlei Risse oder Fehlstellen aufweist. Jede Seite bemisst sich auf 98 x 75 mm und umfasst 16 gleichhohe Zeilen. Das regelmäßige Layout wurde vorab 3 Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, fol. [1r]. 4 Art. ›Andreas Wilhelm Cramer‹, in: Kieler Gelehrtenverzeichnis, Kiel, https://cau.gelehrtenverzeichnis.de/person/ e335b843-f702-482b-a53e-b248058af585 [21. Mai 2024]. 5 Dabei verwirft er die Bezeichnungen Missale, Breviar und Officium S. Mariae und legt sich stattdessen darauf fest, dass es sich bei dem vorliegenden Band um ein Gebetbuch handele, vgl. Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, fol. [2r]. Die Entstehung des Textes setzt er ebenfalls um das Jahr 1488 an. 6 Vgl. Catalogus bibliothecae defuncti A. G. Crameri, in Universitate Kilonensi professoris juris ordinarii, praefecti Bibliothecae publicae, regi Daniae a consiliis status, ... die XVI. sqq. mensis Junii a. 1834 publica auctionis lege Kiliae divendendae, Hamburgi 1834. Das vorliegende Manuskript wird auf Seite 77 unter der Rubrik »A. Scriptores Anonymi et Collectanea« mit Nummer vier bezeichnet als: »Ein katholisches Gebetbuch mit vorangeschicktem Calender in sächsischer Sprache 12. Mscr. membranac. literae initiales auro picturisque ornatae sunt. Fortasse saec. XV«. 7 Vgl. Bülck 1938 (wie Anm. 1), S. 1, https://handschriftenarchiv.bbaw.de/storage/70036361/70036361.pdf [21. Mai 2024]. 8 Ein bereits vor einigen Jahren angefertigten Digitalisat der Handschrift kann unter folgendem Link eingesehen werden: http://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-1246227 .
Jessica Bruns | Buchgewordene Gottesverehrung 131 mittels dünner Linien definiert und so Textteile klar von Freiräumen abgegrenzt. Der Schriftraum der insbesondere oben beschnittenen Seiten bemisst sich dabei lediglich auf 57 x 40 mm, lässt also breite Ränder. Aus diesem großzügigen Umgang mit dem teuren Beschreibstoff lässt sich ein klarer Gestaltungswille erkennen und eine repräsentative Absicht des Auftragsgebers ableiten. Paläographische Untersuchungen legen nahe, dass der Text von einem einzigen Schreiber geschrieben worden ist. Das Schriftbild ist dabei ebenso wie das Layout gleichförmig. Bei der verwendeten Schriftart handelt es sich um eine Textura, also eine Buchschrift von hohem kalligraphischen Niveau. Sie kam nach dem 14. Jahrhundert bei volkssprachigen Texten in der Regel nur noch in liturgischen und prachtvollen Handschriften zum Einsatz. 9 Auffällig ist im vorliegenden Kodex vor allem das betonte Mittelband, über das die Unterund Oberlängen der Buchstaben nur wenig hinausragen. Die Buchstabenkörper, die allesamt aus zahlreichen Einzelstrichen variabler Breite konstruiert sind, wurden zudem häufig durch Haarlinien oder Häkchen an den Langschäften verziert. Vereinzelt finden sich auch Peitschen an den Unter9 Vgl. Karin Schneider: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten. Eine Einführung (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte, Bd. 8), Berlin 2014, S. 53. ↑ Abb. 1. Auszug aus dem Marienoffizium, Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, fol. 48v / 49r .
132 85|2024 Christiana Albertina längen. Doppelschäfte wie ›ll‹ oder ›lb‹ sind durch horizontale Linien verbunden. Die für die Textura üblichen starken Brechungen von Rundungen in Verbindung mit Schafteinwölbungen und Füßchen an den Buchstaben auf dem Mittelband lassen den Eindruck eines Buchstabenteppichs entstehen. Nach Bögen wird ein ›rundes r‹ verwendet und das ›Schluss-s‹ weist eine Brezelform auf. Während I-Punkte fehlen, sind über ›ij‹ zwei schräg gestellte Striche notiert. Lediglich die ebenfalls leicht schräg gestellten Lang-s und das ›a‹, das entgegen der üblichen Konventionen nicht doppelstöckig ausgeführt wird, lockern das Schriftbild etwas auf. Neben dem in dunkler Tinte geschriebenen Haupttext finden sich zahlreiche rubrizierte Textteile, die entweder neue Abschnitte einleiten, den Text untergliedern oder Gebetsanweisungen enthalten. Hinzu kommen abwechselnd in rot und blau ausgeführte Lombarden, meist zur Kennzeichnung von Satzanfängen. Als Elemente des Buchschmucks treten zudem zwei Typen von Initialen hinzu. Beim ersten Typ sind die Buchstabenkörper komplett in Blattgold ausgeführt und diese am Seitenrand mit dünnen blauen oder ockerfarbenen Zierlinien geschmückt. Beim zweiten Typ präsentieren sich die verschiedenfarbigen Initialen vor goldenem Hintergrund und sind mit mehrfarbigem und durch Weißhöhungen fast dreidimensional wirkendem Fleuronnéschmuck ausgestaltet. Außerdem finden sich im Buch insgesamt acht ↑ Abb. 2. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, Verkündigung an Maria, fol. 15v / 16r .
Jessica Bruns | Buchgewordene Gottesverehrung 133 künstlerisch anspruchsvolle, ganzseitige Buchillustrationen, deren breite Zierleisten mit Blumenranken und Vögeln teilweise auf die gegenüberliegende Seite ausgreifen. Buchschmuck und Miniaturen lassen sich der Kölner Buchmalerei zuordnen. 10 Die Entstehung der Handschrift erfolgte im niederrheinischen Raum, da die volkssprachigen Texte in Ripuarisch abgefasst wurden. 11 Eine Analyse des Textbestandes ergibt, dass die neuhochdeutsche Diphthongierung nicht durchgeführt und die Tenues /p/, /t/ und /k/ intervokalisch und im Auslaut zu <f>, <s> bzw. <ch> verschoben worden sind. Dies gilt jedoch 10 Vgl. Johanna Christine Gummlich: Bildproduktion und Kontemplation. Ein Überblick über die Kölner Buchmalerei in der Gotik unter besonderer Berücksichtigung der Kreuzigungsdarstellung, Weimar 2003, S. 226 mit Verweis auf das heute in der Russischen Nationalbibliothek in St. Petersburg verwahrten Gebetbuchs Lat.O.v.I, 206. – Elisabeth Hemfort: Monastische Buchkunst zwischen Mittelalter und Renaissance. Illuminierte Handschriften der Zisterzienserabtei Altenberg und die Kölner Buchmalerei 1470–1555 (Veröffentlichungen des Altenberger Dom-Vereins, Bd. 6), Bergisch Gladbach 2001, S. 80. – Zugehörig ist außerdem ein 1487 geschriebenes Stundenbuch in Privatbesitz. Vgl. Andachtsbücher des Mittelalters aus Privatbesitz, Ausst. Kat. Schnütgen-Museum Köln, bearb. v. Joachim M. Plotzek, Köln 1987, Kat. Nr. 67, S. 206–208. 11 Grundlage für diese Analyse waren die Merkmalkataloge des Repertoriums der Schreibsprachen im Spätmittelalter, vgl. Repertorium der Schreibsprachen im Spätmittelalter, hg. von Ulrich Seelbach und Jörn Wehmeier, Bielefeld 2022, https://wiki.uni-bielefeld.de/schreibsprachen/index.php [21. Mai 2024]. ↑ Abb. 3. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, Kreuzigung, fol. 73v / 74r .
134 85|2024 Christiana Albertina ↑↑ Abb. 4. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, David mit dem Psalter, fol. 88v . ↑ Abb. 5. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, Jesu im Garten Gethsemane, fol. 111v .
Jessica Bruns | Buchgewordene Gottesverehrung 135 ↑↑ Abb. 6. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, Gregorsmesse, fol. 148v . ↑ Abb. 7. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, Anna selbdritt, fol. 241v.
136 85|2024 Christiana Albertina nicht für /p/ im Anlaut, wo es, ebenso wie nach Liquid und Nasal, unverschoben blieb sowie für Kleinwörter. Auch der Mediae-Tenues-Wandel hat nicht stattgefunden. Stattdessen ist /t/ im Anlaut und in Gemination zum Affrikat <tz> verschoben und /b/ zu <f> oder <v> spirantisiert worden. Hinzu kommen das für das Ripuarische typischen Graphem <i> als Dehnungszeichen vorangestellter Vokale und das Wort ›ind‹ für ›und‹. Der Text selbst setzt mit einem Kalendarium ein. Auf insgesamt 24 Seiten werden nach Monaten sortiert die Heiligentage genannt und in tabellarischer Form den Epakten und den Tagesbuchstaben zugeordnet. Jede Doppelseite wird von einer goldenen Kl-Initiale mit filigranem Schmuck eingeleitet. Auf folio 13v schließt sich eine im Jahr 1488 einsetzende und bis 1526 reichende Tabelle an, in der in roter bzw. dunkler Farbe die Jahre, die goldene Zahl, das Schaltjahr, der Sonntagsbuchstabe, die Wochen und die Tage angegeben sind. Diese Aufstellung mit Beginn 1488 lässt – zusammen mit den paläographischen und kunsthistorischen Merkmalen – eine Datierung der Handschrift um dieses Jahr erschließen. Nach dem Kalender findet sich mit der Verkündigung an Maria die erste Illustration auf folio 15v in einem durch Ranken eingefassten Rahmen ( Abb. 2 ). Die Gottesmutter ist in einem Kirchenraum ins Gebet vertieft – sie selbst hält passenderweise ein Gebetbuch in den Händen – und ↑ Abb. 8. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, Katharina und Barbara, fol. 245v .
Jessica Bruns | Buchgewordene Gottesverehrung 137 zu ihr tritt der Erzengel Gabriel. Beide sind dabei durch goldfarbene Nimben ausgezeichnet, wie überhaupt der exorbitante Gebrauch von kostbarer goldener und blauer Farbe im gesamten Buch augenfällig ist. Hiernach setzt der Teil des Kodex ein, der als Stundenbuch zu klassifizieren ist. Er beginnt mit dem Marienoffizium – bestehend aus Eröffnung, Invitatorium und den Stundengebeten zu Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet. Hiernach folgt ein Kreuzoffizium, welches ebenfalls durch eine Miniatur der Kreuzigung eingeleitet wird ( Abb. 3 ). Sie zeig t die drei Kreuze auf dem Berg Golgota mit Jerusalem im Hintergrund. Jesus wird von Longinus mit der Lanze in die rechte Seite gestochen. Zu seinen Füßen würfeln Soldaten um seine Gewänder. Vor dem Kreuz betet Maria und wird dabei vom Evangelisten Johannes gestützt. Nach Johanna Gummlich und ihr folgend Regina Cermann wurde die Darstellung von einem um 1480 produzierten Kupferstich des Meisters I.A.M. von Zwolle inspiriert, 12 allerdings be12 Gummlich 2009 (wie Anm. 10), S. 226 f. mit Anm. 100. – Regina Cermann: Unter Druck? Buchmalerei im Wettstreit mit Reproduktionsmedien, in: Unter Druck. Mitteleuropäische Buchmalerei im 15. Jahrhundert, hg. von Jeffrey F. Hamburger und Maria Theisen (Buchmalerei des 15. Jahrhunderts in Mitteleuropa, Bd. 15), Petersberg 2018, S. 262–271, hier S. 268, Anm. 29, sowie den zugehörigen Abbildungsteil unter https://doi.org/10.11588/artdok.00004926 , hier die Folien 30 und 31 [11. Juli 2024]. ↑ Abb. 9. Miniatur aus Universitätsbibliothek Kiel, Cod. ms. KB 69, Maria Magdalena und Agnes, fol. 250v .
144 85|2024 Christiana Albertina ausschließlich experimentell gearbeitet. Aus seinem dortigen Forschungsthema ›experimentelle Transplantation der homologen Mitralklappe und ihres Halteapparats‹ ergab sich konsequent die erfolgreiche Habilitation. Erst dann im Oktober 1965 trat er eine klinisch-wissenschaftliche Oberarztstelle in der Klinik für Chirurgie bei Professor Berthold Löhr in Kiel an und entwickelte mit ihm gemeinsam die Herzchirurgie als neue Disziplin des Kieler Universitätsklinikums. Professor Bernhard war in dieser Zeit in allen Belangen die entscheidende treibende Kraft, die aus einer Pionierleistung eine neue, ganz wesentliche klinische Disziplin entstehen ließ. Ihm wurde 1969 die Leitungsverantwortung für das Programm übertragen und später im Zuge von Verhandlungen, nachdem er einen Ruf zur Übernahme der neu gegründeten Herzchirurgie an der Rheinisch-Westfälischen Technische Hochschule Aachen ablehnte, die in Kiel neu formierte Klinik für Herzund Gefäßchirurgie übergeben. Er machte daraus eine große, leistungsfähige Klinik, die einen der vorderen Plätze in der herzchirurgischen Versorgung in Deutschland belegte mit einem Operationsaufkommen von zunächst 150 offenen herzchirurgischen Eingriffen pro Jahr, das dann unter seiner Ägide auf 700 bis 900 Herzoperationen ausgeweitet werden konnte. Abgesehen von dieser an sich schon spektakulären Entwicklung war das etablierte Operationsspektrum ganz enorm breit und innovativ aufgestellt mit komplexer Kinderherzchirurgie, differenzierter Herzklappenchirurgie unter Einschluss auch von Rekonstruktionen, koronarer Bypasschirurgie und einem sehr aktiven Herztransplantationsprogramm. Unter seiner Leitung expandierte auch die Gefäßchirurgie. In seiner zentralen Schaffenszeit als Klinikdirektor von 1973 bis 1993 baute er eine hochmoderne Klinikund Teamstruktur auf, die dann eine attraktive Plattform für die weitere Entwicklung ab 1993 durch Professor Axel Haverich, ← Abb. 1. Prof. Dr. Alexander Bernhard (1927–2024). Foto: privat.
Jochen Cremer | In memoriam Prof. Dr. Alexander Bernhard 145 von 1996 bis 1998 kommissarisch durch Professor Dieter Regensburger und anschließend durch mich ermöglichte. Das ganz besondere an der Lebensleistung von Professor Bernhard war, dass er aus den Pionierleistungen der jungen Herzchirurgie im internationalen Kontext auf Augenhöhe mit anderen Koryphäen des jungen Fachs neue Operationskonzepte entwickelte und klinisch implementierte und aber zugleich auch Operationssicherheit und klinische Resultate überdurchschnittlich verbesserte und damit relevante neue tragfähige Versorgungkonzepte realisierte. Abgesehen von diesem an sich schon beeindruckenden Lebenswerk, hatte er schon in seiner klinisch aktiven Zeit damit begonnen, herzchirurgische Aktivitäten in östlichen europäischen Ländern in ganz unterschiedlichen Aspekten mit hohem persönlichem Engagement zu fördern. Dies erstreckte sich sowohl auf die direkte Behandlung individuell ausgewählter komplexer Patienten, als aber auch ganz entscheidend auf Weiterbildungskonzepte für ärztliche Kolleginnen und Kollegen mit mehrmonatigen Hospitationen in Kiel, beziehungsweise auch differenzierten Weiterbildungsprogrammen zum Erlernen neuer Techniken in klinischer Anstellung. Er reiste regelmäßig zu osteuropäischen Partnerkliniken in Polen, Litauen, Lettland, der Ukraine, Bulgarien und Weißrussland und operierte auch dort vor Ort und leistete so einen substantiellen Transfer von hochaktueller praxisnaher herzchirurgischer Expertise. Auch nach seiner Emeritierung hielt er diese Weiterbildungsaktivitäten in Zusammenarbeit mit der Klinik für Herzund Gefäßchirurgie und der Klinik für Kinderkardiologie in Kiel aufrecht mit erheblicher persönlicher Initiative in der Einwerbung notwendiger finanzieller Unterstützung von politischer Seite, medizinischen Organisationen und Privatpersonen. Darüber hinaus sorgte er immer wieder auch für direkte materielle Unterstützung mit medizinischem Equipment, aber auch Finanzmitteln zum Aufbau von Operationssälen und Intensivstationen. Im Zusammenhang mit seiner engen Kooperation mit der Klinik für pädiatrische Chirurgie in Poznan wurde ihm 2004 die Ehrendoktorwürde der Universität der medizinischen Wissenschaften Poznan verliehen. Privat lebte er als Bayer mit seiner Frau auch nach seiner Emeritierung weiterhin in Schulensee in Schleswig-Holstein. Neben vielfältigen anderen Interessen, die er jetzt wahrnehmen konnte, widmete er sich der bildgebenden Kunst in einer Vielzahl von Ölund Acrylgemälden sowie auch Drucken in verschieden Techniken. Dabei blieb das Hauptthema das menschliche Herz. Den nahen persönlichen Kontakt zu verschiedenen seiner Schüler und der von ihm aufgebauten Klinik hat er bis zu seinem Lebensende im Alter von 96 Jahren behalten. Professor Bernhard war einer der ausgewiesenen Pioniere der deutschen Herzchirurgie, der unter immensem persönlichen Engagement unter Verzicht auf die Wahrnehmung vieler anderer Interessen einerseits die Klinik für Herzund Gefäßchirurgie hier in Kiel sehr erfolgreich aufgebaut hat und andererseits aber einen internationalen Impact sowohl in der fachbezogenen Wissenschaft als auch in einer kontinuierlichen, fachlichen Unterstützung ausgewählter osteuropäischer Einrichtungen geleistet hat.
146 85|2024 Christiana Albertina Autor Prof. Dr. Jochen Cremer Ehemaliger Direktor der Klinik für Herzund Gefäßchirurgie am UKSH – Campus Kiel Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0 . Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Werks von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.
147 In memoriam Prof. Dr. Eberhard R. Dall’Asta (1940–2024) Am 19. März 2024 ist Eberhard Dall’Asta, pensionierter Professor für politische Bildung, im Alter von 84 Jahren in Kronshagen bei Kiel verstorben. Eberhard Dall’Asta wurde am 3. Februar 1940 in Berlin-Spandau geboren. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Kiel (Dipl. Volkswirt 1965) und war dort bis 1970 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftspolitik und Wettbewerb tätig. 1969 promovierte er mit einer Arbeit über Lohntheorie zum Dr. sc. pol. (Theorie der Lohnpolitik, Berlin 1971). Lohnund Sozialpolitik waren auch weiter seine wissenschaftlichen Arbeitsfelder (Perspektiven der Sozialpolitik, 1978, mit Bodo Scharf). Einem Lehrauftrag für Wirtschaftslehre an der Pädagogischen Hochschule Kiel folgte 1971 die Berufung zum Professor für politische Bildung in dem neu geschaffenen Lehramtsfach Wirtschaft/Politik, dessen Aufbau und Entwicklung Dall’Asta in den folgenden Jahren maßgeblich prägte. Zu den Grundvoraussetzungen für die Stabilität einer demokratischen Gesellschaft gehörten für Eberhard Dall‘Asta eine auf Bürgersinn, Mitbestimmung und Mitverantwortung gerichtete politische Bildung, und zwar nicht nur für gymnasiale Oberschüler, sondern auch für Hauptund Realschulabsolventen. Seine didaktische Konzeption entwickelte Dall’Asta in Anlehnung an Hermann Giesecke und andere Vordenker der politischen Bildung. Politik und Wirtschaft als Thema in der Lehrerausbildung und als Gegenstand von Unterricht in Schulen – das war damals ein in der Wissenschaft kontrovers diskutiertes und in der Bildungspolitik heiß umkämpftes Konfliktfeld. Erinnert sei an den Streit unter Politikdidaktikern um den ›Beutelsbacher Konsens‹ oder unter politischen Parteien um die Hessischen Rahmenrichtlinien für Gesellschaftslehre (1973). Schon früh hatte sich Eberhard Dall’Asta politisch engagiert. Von 1979 bis 2000 war er Mitglied des Schleswig-Holsteinischen Landtags, wo er sich besonders mit Bildungs-, Sozialund Verbraucherpolitik und mit Neuen Medien befasste und von 1987 bis 2000 als Vizepräsident des Landtags wirkte. Sein Engagement in Politik und in zahlreichen gesellschaftlichen Ehrenämtern erzwang eine Reduzierung seiner Lehrund Forschungsarbeit an der Hochschule (Beurlaubung zu 60 Prozent), aber Dall’Asta legte größten Wert darauf, weiter als Professor → Kiel-UP: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p29 147
148 85|2024 Christiana Albertina in der Lehrerbildung an der PH Kiel beziehungsweise ab 1994 in der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät an der Christian-Albrechts-Universität zu wirken. Nach seinem Ausstieg aus der Landespolitik konnte er sich ›endlich wieder‹ mit voller Energie als Hochschullehrer seinen Studierenden widmen. Im Institut für Sozialwissenschaften der Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Fakultät lehrte er bis zu seiner Pensionierung 2005 zur Didaktik der politischen Bildung, Politischen Theorie und zur Verfassungsund Regierungslehre. Eberhard Dall’Asta hat das Lehramtsfach Wirtschaft/Politik und die politische Bildung in Schleswig-Holstein als Hochschullehrer und in seinen politischen Funktionen vor allem in der schwierigen Entstehungszeit maßgeblich mitgeprägt und befördert. Viele WiPo-Lehrerinnen und -Lehrer an den Schulen unseres Landes haben ihn als ihren ›Politikprof‹ erlebt. Die Angehörigen des Instituts zu seiner Zeit werden sich an ihn als hoch geschätzten Kollegen erinnern, für mich war er ein lieber Freund. ← Abb. 1. Prof. Dr. Eberhard R. Dall’Asta (1940–2024). Foto: privat.
Klaus-Peter Kruber | In memoriam Prof. Dr. Eberhard R. Dall’Asta 149 Autor Prof. Dr. Klaus-Peter Kruber Pensionierter Professor für Wirtschaft/Politik und ihre Didaktik an der Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Fakultät der CAU Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0 . Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Werks von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.
151 In memoriam Prof. Dr. Martin Metzger (1928–2018) Am 10. Juni 2018 verstarb Prof. Dr. theol. Martin Metzger im Alter von 90 Jahren. Mit ihm verliert die Theologische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel einen international angesehenen Wissenschaftler und überaus freundlichen und liebenswürdigen Hochschullehrer. Von 1974 bis zu seiner Emeritierung 1993 war er hier ordentlicher Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie und amtierte zwischen 1975 und 1977 auch als Dekan der Fakultät. Martin Metzger wurde am 16. Januar 1928 in Wiedenest (Oberbergischer Kreis) als erstes von vier Kindern eines Sonderschullehrers und freikirchlichen Evangelisten geboren. 1934 bis 1938 besuchte er die Volksschulen in Uchtspringe (Altmark), Dreieichenhain (Kreis Offenbach) und Weißenfels, anschließend 1938 bis 1944 die Deutsche Oberschule in Bautzen und 1945/46 das Wöhler-Realgymnasium in Frankfurt am Main, wo er das Abitur ablegte. Seine theologische Ausbildung hatte er zunächst 1947 bis 1950 am Baptisten-Predigerseminar in Hamburg-Horn erhalten, bevor er von 1950 bis 1953 als Jugendpastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Köln arbeitete. 1950 begann er an der Universität Bonn mit dem Studium der Evangelischen Theologie und setzte es an der Kirchlichen Hochschule Hamburg fort. 1953 bis 1957 nahm er einen Lehrauftrag für Hebräisch und Griechisch im Predigerseminar in Hamburg-Horn und seit 1958 einen Lehrauftrag für Landesund Altertumskunde Palästinas an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Hamburg wahr. Zu seinen maßgeblichen akademisch en Lehrern gehörten Martin Noth (1902–1968) und Hans-Joachim Kraus (1902–1968). 1959 war er in Bonn bei Noth mit einer forschungsgeschichtlichen Arbeit über Die Paradieseserzählung. Die Geschichte ihrer Auslegung von J. Clericus bis W. M. L. Wette promoviert worden. Erste feldarchäologische Erfahrungen sammelte er 1960 als Volontär bei den deutschen Ausgrabungen in der Hethiter-Hauptstadt Hattuša (Türkei) unter der Leitung von Thomas Beran (1926–1998) und 1962/63 bei den Ausgrabungen in der gallo-römischen Tempelanlage von Hochscheid (Hunsrück) unter der Leitung von Rolf Hachmann (1917–2014). Seit 1957 unterrichtete er als hauptamtlicher Seminardozent für Altes Testament am Predigerseminar des Bundes der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden Deutschlands in Hamburg-Horn, mit bis zu 27 Stunden Unterricht in Alten Testament, Hebräisch und Griechisch. 1959 nahm er als → Kiel-UP: https://doi.org/10.38072/2942-2337/p30 151
152 85|2024 Christiana Albertina Stipendiat am Lehrkurs des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes unter der Leitung von Arnulf Kuschke (1912–1995) teil. Zwischen 1966 und 1981 arbeitete er als stellvertretender Grabungsleiter bei den Saarbrücker Grabungen in Kāmid el-Lōz im Libanon unter der Leitung von Hachmann mit. 1969 habilitierte er sich an der Universität Hamburg mit einer Arbeit über Thronformen und Throndarstellungen in Ägypten und im Vorderen Orient im 3. und 2. Jahrtausend vor Christus und wurde 1970 zum Universitätsdozent, Wissenschaftlichen Rat und dann zum Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie ernannt. Lehrstuhlvertretungen an der Kirchlichen Hochschule in Berlin und an der Universität Kiel folgten. 1974 wurde er als Nachfolger von Walter Beyerlin (1929–2015) an die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel berufen. 1980 lehnte er einen Ruf nach Mainz ab. An der in mehreren deutschen Städten platzierten Ausstellung Frühe Phöniker im Libanon. 20 Jahre deutsche Ausgrabungen in Kāmid el-Lōz war er 1983 bis 1988 mitbeteiligt. In den Jahren 1985 bis 1999 hat er wiederholt an der Dormitio in Jerusalem im Rahmen des Theologischen Studienjahres Biblische Archäologie gelehrt. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten gehörten die Archäologie des alten Israel, die Tempelarchitektur des Alten Orients und die vorderasiatische Ikonographie mit ihren Bezügen zur Bibel. Charakteristische Merkmale seines öffentlichen Wirkens waren unter anderem zahllose Dia-Vorträge vor allem im Rahmen der Schleswig-Holsteinischen Universitäts-Gesellschaft, zahlreiche Museumsexkursionen und viele Studienund Bildungsreisen in die Länder des Vorderen Orients. Neben seiner Dissertation und Habilitation sind sein Grundriss der Geschichte Israels , der inzwischen in der 13. Auflage vorliegt, und zwei Aufsatzsammlungen seine bekanntesten ← Abb. 1. Prof. Dr. Martin Metzger (1928-2018). Foto: privat.
Ulrich Hübner | In memoriam Prof. Dr. Martin Metzger 153 Publikationen. Besonders erwähnenswert sind die drei Grabungsbände über die mittelund spätbronzezeitlichen Tempelanlagen von Kāmid el-Lōz, die das Oeuvre von Martin Metzger bestimmen: Sie gehören zu den genauesten und akribischsten Grabungspublikationen innerhalb der vorderasiatischen Archäologie, in denen seine hohe Beobachtungsgabe und große Hingabe zur umfassenden Befundinterpretation und -dokumentation zum Ausdruck kommt. Autor Prof. em. Dr. Ulrich Hübner Emeritierter Professur für Religionsgeschichte Israels und Archäologie Palästinas und Syriens sowie ehemaliger Direktor des Instituts für Alttestamentliche Wissenschaft und Biblische Archäologie an der Theologischen Fakultät der ChristianAlbrechts-Universität zu Kiel Open Access // Der Artikel ist unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0 International veröffentlicht. Den Vertragstext finden Sie unter: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0 . Bitte beachten Sie, dass einzelne, entsprechend gekennzeichnete Teile des Werks von der genannten Lizenz ausgenommen sein bzw. anderen urheberrechtlichen Bedingungen unterliegen können.