Schleswig-Holsteinische Literatur 2023
Abstract
Dieser Beitrag stellt knapp 50 Werke der schleswig-holsteinischen Literatur, die im Jahr 2023 in deutschsprachigen Verlagen erschienen sind,…
Full text
| 257 OLAF IRLENKÄUSER Schleswig-Holsteinische Literatur 2023 Der Aufsatz stellt fast 50 Werke der schöngeistigen Literatur Schleswig-Holsteins, die im Jahr 2023 in deutschsprachigen Verlagen erschienen sind, in Kurzrezensionen vor. Die Übersicht ist so vollständig wie möglich. Für das Jahr 2023 gilt es 49 Novitäten schleswig-holsteinischer Literatur anzuzeigen. Als eine solche wird bewertet (vgl. Nordelbingen 89.2024, S. 209), wenn Autor*innen in Schleswig-Holstein entweder geboren wurden oder länger gelebt haben oder wenn ihre Werke in besonderem Maße dort zur Wirkung kommen. Hinzu kommen zwölf Nachträge aus 2022, diese sind mit der Jahreszahl markiert. Es sind neue Werke anzuzeigen von bekannten Autor*innen wie Paul Brodowsky, Heiner Egge oder Tilmann Spreckelsen. Jüngere schleswig-holsteinische Autor*innen haben neue Werke vorgelegt wie Florian Knöppler, Max Richard Leßmann oder Anne Müller. Es erschienen neue Stücke beispielsweise von Caren Jeß oder Svealena Kutschke. Ferner ist eine Reihe Debütwerke erschienen, darunter Bücher von Dara Brexendorf, Michael Lange oder Selina Seemann. Auch moderne Klassiker sind mit Neuausgaben und wissenschaftlichen Editionen vertreten, darunter James Krüss, Siegfried Lenz oder Peter Rühmkorf. Im Jugendbuch gilt es neue Werke u.a. von Kirsten Boie, Antonia Michaelis und Arne Rautenberg anzuzeigen. Prosa, Lyrik, Drama Der Sänger, Podcaster und Dichter Max Richard Leßmann (*1991 in Paderborn), der seine Jugend in Kiel und Husum verbrachte, legt 2023 seinen ersten Roman vor. In Sylter Welle erzählt er von den Urlauben seiner Jugend auf Sylt. Jeden Sommer verbringt der Junge einige Wochen bei seinen Großeltern auf dem Campingplatz. Mit viel Lokalkolorit (Nord-Ostsee-Bahn, Kupferkanne, Strandmuschel und natürlich das titelgebende Freizeitbad im Ort) erzählt Leßmann die schwere Familiengeschichte flott und beherzt. Der Debütroman Die Stärkste unter ihnen von Selina Seemann (*1993 in Flensburg) behandelt das moderne Thema des Grooming. Die Heldin Milena, Anfang 20, ist dabei, sich zu verlieben. Doch dann tauchen aus ihrer tief verschütteten Erinnerung Bilder auf, die sie verstören. Selina Seemann, die groß geworden ist im von ganz direkter Sprache geprägten Poetry Slam-Milieu, hat einen verstörenden Roman geschrieben über toxische, wenn nicht schlimmere Beziehungen und darüber, was mit den Seelen von Menschen langfristig geschehen kann, wenn sie in jungen Jahren missbraucht werden. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2941-3362/p21
258 | Nordelbingen 90 Einen kleinen Band mit der Erzählung Restwärme hat die Kieler Autorin Dara Brexendorf (*1991 in Kiel) publiziert. Brexendorf studierte Literarisches Schreiben und Lektorieren am Literaturinstitut Hildesheim, ist Mitherausgeberin des Kieler Literaturmagazins Der Schnipsel und Mitbetreiberin des Podcasts Literarisch solidarisch. Erste Texte erschienen in den Zeitschriften BELLA triste, Das Narr oder Landpartie. Die vorliegende Erzählung veröffentlichte sie auch in der Anthologie NEUE PROSA in der Edition Literaturhaus. Restwärme thematisiert das Verschwinden eines Ökotops für einen Industriebau und was dieser Verlust mit dem Leben der Menschen in der Nachbarschaft macht (Lärm, Emissionen, Veränderung der Lebensgewohnheiten). Erschienen ist der kleine Nature Writing-Band in der ›grünen Reihe‹ des Verlages. »Der Deich wird brechen« – so beginnt Michael Lange (*1972) seinen dystopischen Roman Koogland. Er spielt im Jahr 2029 in Dithmarschen. Eine eingeschworene Gemeinschaft stellt hier in einer untergehenden Welt ihre eigenen Regeln auf. Während der Corona-Zeit recherchierte Lange, der zuvor als Drehbuchautor für die TV-Serie Lindenstraße gearbeitet hatte, eine Weile in Marne und den Kögen für seinen Roman um die »Bauernrepublik Koogland«. Im Jahr 2021 hatte Florian Knöppler aus Altenmoor (*1966) seinen Debütroman Kronsnest vorgelegt. Knöppler studierte Romanistik, Germanistik und Philosophie in Bonn und Bologna, im Anschluss war er als Redakteur für Radio und TV tätig. Er lebt in der schleswig-holsteinischen Elbmarsch. Für Kronsnest war er sehr gelobt worden, u.a. vom NDR: »Ein faszinierendes Sittengemälde des bäuerlichen Lebens im Schleswig-Holstein der Zeit zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg.« Habichtland (2022), sein zweiter Roman, setzt diese Zeit fort: 1941 leben die Helden zurückgezogen in der Elbmarsch, sie wollen sich aus der Politik heraushalten. Doch das ist alles andere als einfach. Ein Roman mit viel Zeitund Lokalkolorit aus dem ländlichen Schleswig-Holstein, mit einer dichten Atmosphäre und einer eine besonders starke Intensivität bildenden großen Nähe zu den Figuren. 2023 erschien sein dritter Roman, Südfall. Hier nimmt sich Knöppler die historische Figur der »Halliggräfin« Diana von Reventlow-Criminil (1863–1953) vor und webt den Abschuss eines britischen Kampfpiloten während des Zweiten Weltkriegs und dessen – fiktive – Flucht von Südfall über Dänemark bis heim nach England in eine Romanhandlung. Von Heiner Egge (*1949 in Heide) erschienen 2023 gleich zwei Bücher – die Erzählsammlung Meeresgeschichten und der Roman Eine gute Schwimmerin. Ein großer Teil der Erzählungen spielt in Schleswig-Holstein, darunter Blauort in Meldorf oder Sturmflutkino auf Hallig Hooge. Der Roman Eine gute Schwimmerin thematisiert den Tod einer Gorch-Fock-Kadettin (historischer Fall) mit dem fiktiven Namen Marie Kramer. In dem Roman überlebt die Marinesoldatin den Sturz über Bord, schwimmt lange und taucht ein in ein anderes, gänzlich neues Leben. Egge komponiert hier – mit vielen norddeutschen und maritimen Anklängen – eine Verbindung von Meer, Wüste und Himmel, drei wichtigen Elementen seines umfangreichen Oeuvres. Mit Väter legt der Autor Paul Brodowsky (*1980 in Kiel) sein Romandebüt vor. Brodowsky ist bisher hervorgetreten durch kleinere Prosawerke, durch Herausgaben sowie v.a. durch Theaterstücke. Diese wurden u.a. in Berlin und in Freiburg uraufgeführt. Er lehrt heute Dramentechnik an der Universität der Künste in Berlin. In Väter entwirft der Autor einen Drei-Generationen-Plot: Der Erzähler, mit Namen Paul Brodowsky, berichtet von der Beziehung zu seinem Vater (einem Anhänger der NS-Ideologie) und zu seinem eigenen (gewaltfrei erzogenen) Sohn. Er selbst ist prototypischer Vertreter der »Lastenfahrrad-Väter«-Generation. Gerrit Bekker (*1943 in Hamburg) feierte im Oktober 2023 seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass erschien erstmals ein Band, der alle Gedichte Bekkers versammelte, inklusive etlicher hier
O. Irlenkäuser: Schleswig-Holsteinische Literatur 2023 | 259 erstmals publizierter Texte. Bekker studierte von 1965 bis 1968 an der Muthesius-Fachhochschule in Kiel, zog 1962 nach Rendsburg und 1996 nach Lindewitt. Sein erster Gedichtband, Wachsflügels Furcht (1982), brachte ihm gleich den Hebbel-Preis. Er wurde zwar von der Kritik gut beachtet, ein großer Durchbruch beim Publikum gelang jedoch nicht. Dieses neue Buch fasst das lyrische Werk Bekkers zusammen und bewahrt es gleichzeitig. »Damit steht dieser Band neben den Romanen und den Erzählungen und dem reichen malerischen Werk, das Gerrit Bekker in einem langen Leben geschaffen hat«, schreibt der Herausgeber und Freund Arnulf Conradi in seinem Vorwort. Die Eckernförder Rechtsanwältin und Autorin Anna Lena Stapelfeldt (*1991) schreibt in ihrem ersten Roman Manchmal denkt man, es sei Liebe (2022) über Glück und Unglück in der Ehe, über Manipulation und Unterdrückung, vor allem aber über Freiheit und Selbstbestimmung von Frauen. »Wir sprachen über die nächste Nummer des Vademecums, als er mir sagte, dass er etwas über eine Kleinstadt in Schleswig-Holstein gelesen hatte, das seine Neugier geweckt hätte.« Der Autor William Boehart (*1947 in Vermont/USA), der beruflich lange als Archivar im Herzogtum Lauenburg tätig war, nennt seine Roman Der Klang der blauen Gitarre ein »Bekenntnis«. Er erwähnt die Bekenntnisse von Augustinus von Hippo oder von Jean-Jacques Rousseau, doch sein Bekenntnis »soll keine Beichte sein, keine Bitte um Absolution. Ich erwarte keine Vergebung. Von wem auch? Und wofür?« Sein Ich-Erzähler ist gleichalt wie der Autor, hat die gleichen Lebensstationen, nur einen anderen Namen. Ein großer Teil des Romans spielt in Schleswig-Holstein, als Beispiel sei angeführt: »Etwas nördlich von Hamburg an der Bahnlinie nach Neumünster liegt die Kleinstadt K. Ein typischer Ort im ländlichen Schleswig-Holstein, ruhig, bemüht gepflegt, die Einwohnerschaft eher verschlossen. Es war keine attraktive Stadt.« (S. 137) Der Roman selbst ist insgesamt handlungsarm, erinnert nicht wenig an Henry David Thoreaus Walden und endet: »Am Ende habe ich auch über mich geschrieben, schreiben müssen, über mein Leben, und im Laufe des Jahres erkannt, dass es noch nicht vorbei ist. So schreibe ich den (vorläufigen) Schluss meiner Erzählung im Präsens« (S. 387). In relativ hohem Alter legt K. J. Sartor (*1941) seinen ersten Roman vor: Irish Blues oder Das fremde Kind. Hier wird eine entscheidende Phase des 40-jährigen Helden erzählt, dessen Frau mit dem Samen eines fremden Mannes schwanger wird. Alexander zieht sich in den Nordwesten Irlands zurück, um sein Leben zu überdenken. Dabei taucht er tiefer in die Wirklichkeit ein, als ihm anfangs lieb ist. Der Autor lebt in Hamburg und Lübeck. Klaus Rave (*1950 in Eckernförde) kennt man in Schleswig-Holstein vorwiegend als langjährigen Vorstand der Investitionsbank S-H, als Vorsitzenden des S-H Kunstvereins oder als Vorstand der Kulturstiftung des Landes S-H. Mit Der Hammer legt Rave sein Romandebüt vor. Genauer gesagt handelt es sich um einen Kriminalroman, der in der internationalen Kunstszene stattfindet. Zwischen den europäischen Metropolen der Kunst, in denen der Roman spielt (London, Berlin, Riga), blitzt auch immer wieder Schleswig-Holstein hervor: »Immer wenn ich diese großen blauen Kräne sehe, weiß ich, dass ich in Kiel bin.« (S. 151) Ebenfalls im Verlag Rote Katze, betrieben vom ehemaligen Lübecker Bürgermeister Bernd Saxe, ist der Roman Kopflos der in Lübeck lebenden Autorin Charlotte Kerner (*1950 in Speyer) erschienen. Lange Jahre war sie als Journalistin tätig, bevor sie sich dem literarischen Schreiben zuwandte. 1987 erhielt sie für die Biografie von Lise Meitner den Deutschen Jugendliteraturpreis. Sie hat einige Sachbücher geschrieben, Kopflos ist ihr Debütroman. Er spielt im Jahr 2067, 100 Jahre nach der ersten erfolgreichen Herztransplantation, und thematisiert eine erste erfolgreiche »Kopftransplantation« und stellt die Frage, was einen Menschen ausmacht: Der Körper? Das Gehirn? Und wie reagiert die Umgebung? Ein interessantes Gedankenexperiment über die Möglichkeiten und die Grenzen von Medizin.
260 | Nordelbingen 90 Michael Augustin (*1953 in Lübeck) studierte in Kiel und Dublin Anglistik und Volkskunde. 1977 erhielt er den Hebbel-Preis, 1978 gründete er in Kiel das erste Literaturtelefon Deutschlands – das heute noch betrieben wird – und seit 1979 ist er Rundfunkredakteur und Autor bei Radio Bremen. Von Augustin liegen zahlreiche Bücher vor, u.a. Der Chinese aus Stockelsdorf (2005). Sein neuer Band Immer was zu knabbern versammelt eine kompakte Auswahl seiner neuesten und bekanntesten Gedichte und der für ihn typischen Miniaturen aus über 30 Jahren, anlässlich seines 70. Geburtstags. Eine Miniatur als Kostprobe: »Einhaus. Auf dem Weg nach Ratzeburg fahren wir durch einen Ort namens Einhaus, der aber, für jeden sichtbar, mindestens zwei, wenn nicht sogar erheblich mehr Häuser umfasst. ›Man darf nicht alles glauben, was geschrieben steht‹, sagt mein Vater.« (S. 65) Im vergangenen Jahr haben wir an dieser Stelle den Roman Klaus muss raus der Elmshorner Autorin Maiken Brathe (*1970) angezeigt. In diesem Berichtsjahr hat Brathe nachgelegt und den Roman Tünde weiß alles wiederum im auf Frauenliteratur fokussierten Ulrike Helmer Verlag (Sulzbach am Taunus) veröffentlicht. Der Roman erzählt leichtherzig und lebensfroh vom weiblichen Leben auf dem Dorf: Tünde hat sich von ihrer Partnerin getrennt und lebt bei ihrer Tante Hedi. Es geht drunter und drüber in diesem Dorf voller Frauen, und am Ende geht es natürlich noch um »Modern Love«. Inselhochzeit im kleinen Friesencafé ist der dritte Band in Janne Mommsens (d.i. Volkmar Nebe, * 1960 in Kiel) Friesencafé-Reihe. Im letzten Band (vgl. Nordelbingen 89.2023) konnte die Heldin eine Liebesbeziehung retten und eine eigene beginnen, in diesem greift die Handlung aus bis Montauk auf Long Island/USA. Die Beziehungen zwischen Föhr und Amerika waren schon in der Geschichte stark, nun erreichen sie auch die (Unterhaltungs-)Literatur. Am Ende geht alles gut aus: Oma Anita heiratet ihren Nachbarn, Julia und der Bürgermeister Finn-Ole leben »auch ohne Trauschein gut« und die Geschichten gehen weiter… Anne Müller (*1963 in Flensburg) hatte große Erfolge mit ihren Schlei-Romanen Sommer in Super8 (2018) und Zwei Wochen im Juni (2020). In Wer braucht schon Wunder kehrt sie an die Schlei zurück, in den Sommer 1983. Der Roman erzählt die Geschichte von Lika, die, mit gerade bestandenem Abitur, ihren letzten Sommer in der Heimat verbringt, bevor sie in die große weite Welt zieht. Ein schöner Lesestoff für ›Boomer‹, mit viel Atmosphäre rund um 99 Luftballons, NatoDoppelbeschluss, Vamos a la playa und einem gerüttelt Maß norddeutschen Lokalkolorits. Reimer Boy Eilers (*1948 in Wedel) hat seine neuesten Gedichte versammelt in de m Band Der Schweinswal ist von Menschengröße. Hier wird das Reisen thematisiert, das Gendern, die CoronaPandemie, Hamburg und »Ein schleswig-holsteinischer Janmaat«. Gedichte mit Gehalt. Die Dichterin Anja Ross (*1963 in Kiel) legt in fischkind ihren ersten Lyrikband vor. Zuvor war sie vorwiegend mit wissenschaftlicher Literatur hervorgetreten. Ross spielt in ihrer Lyrik mit mythischen Meeresbewohnerinnen – Undinen, Medusen, Nymphen –, und auch der Titel spricht. Schleswig-Holstein spielt keine kleine Rolle in diesen Gedichten, u.a. erkennbar an Totentanz (in St. Marien, Lübeck) oder Kieler Förde. Der Blick der Dichterin aber geht insgesamt weit über das Heimatliche hinaus. Ein kleiner Anmerkungsapparat mit wertvollen Hinweisen zu Quellen, Einflüssen oder biographischen Hintergründen sowie ein kenntnisreiches Nachwort von Kerstin Hensel ergänzen den Band. Doris Runge (*1943 in Carlow) beging 2023 ihren 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass gibt Heinrich Detering einen Band mit gesammelten Gedichten heraus, von liebe viel. Enthalten sind Gedichte aus elf Bänden zwischen 1985 und 2022, darunter auch café niederegger, die mönche von c. oder das meer.
O. Irlenkäuser: Schleswig-Holsteinische Literatur 2023 | 261 Das Werk von Siegfried Lenz (*1926 in Lyck/Ostpreußen, gest. 2014 in Hamburg) wird seit einigen Jahren in der Hamburger Werkausgabe in 25 Bänden neu gesammelt, zudem werden die einzelnen Bände mit einem großen erläuternden Kommentar versehen. Der im Berichtszeitraum vorgelegt Band 16 Novellen enthält die zwischen 1960 und 2009 erschienenen Texte Das Feuerschiff, Ein Kriegsende, Schweigeminute und Landesbühne – und spannt also einen weiten Bogen um das erzählerische Werk Lenz’. Der Herausgeber Heinrich Detering versieht den Band mit einem umfangreichen Kommentar, der beispielsweise erwähnt, dass Lenz Das Feuerschiff 1958/59 im dänischen Lebøllykke auf Alsen verfasste, der hier Lenz’ Äußerungen zum Feuerschiff auf der Fl ensburger Förde bringt, und der Änderungen des Autors in der Korrekturphase der späten Novelle Schweigeminute, die sich im Deutschen Literaturarchiv befinden, hier genauso beiträgt wie zu allen Texten einen lehrreichen Stellenkommentar. Nach dem 2022 veröffentlichten ersten Band der Oevelgönner Ausgabe Peter Rühmkorfs (*1929 in Dortmund, gest. 2008 in Roseburg im Herzogtum Lauenburg), der Band I/12 – Essays und Monographien 4. Literaturkritik (1953–1962) –, erschien 2023 der zweite Band, startend mit frühen Essays: Sämtliche Werke Bd. I/9: Essays und Monographien 1. Schriften zur Poetik (1953–1967). Dieser Band wurde herausgegeben vom Kieler Germanisten Hans-Edwin Friedrich unter Mitarbeit von David Röhe und Sina Röpke. Der Band enthält vom frühen Über die Künstler und die anderen, erschienen in der Zeitschrift Zwischen den Kriegen im Januar 1953, bis zur großen Schrift Über das Volksvermögen, publiziert bei Rowohlt als Buch 1969. Hier finden sich vielerlei Bedenkenswertes, etwa, wenn Rühmkorf in Lyrik auf dem Markt von dieser Bedeutung als einem »schwarzen Schimmel« schreibt oder wenn er festhält: »Realiter darf sich doch jeder noch praktizierende Poet als lebender Leichnam einer aussterbenden Gattung fühlen« (S. 155). Der »akribische, nie aufgesetzte Apparat« (FAZ) trägt viel zum Lesegewinn bei. Margarete Böhme (*1867 in Husum, gest. 1939 in Hamburg) veröffentlichte 1905 ihren großen Erfolgsroman: Tagebuch einer Verlorenen. Dieses Werk wurde 2021 neu aufgelegt. Im gleichen Verlag erschienen weitere Bände von ihr, im Berichtszeitraum der weniger bekannte Roman Millionenrausch (erstveröffentlicht 1919). Hier kommt eine junge Frau aus Husum nach Berlin und erlebt, wie die Welt des Handwerks gegen den Industrialismus untergeht. Böhme thematisiert die Probleme des Kapitalismus ebenso wie die Zeitumstände in Kriegsund Nachkriegszeit. Husum spielt auch eine Rolle im fünften Band der Krimi-Reihe Theodor Storm ermittelt von Tillman Spreckelsen (*1967 in Kronberg im Taunus). Dieses Mal spielen Storms Verlobte Constanze Esmarch und sein Schreiber Clausen eine Rolle in diesem Fall um einen historischen Geheimbund auf Eiderstedt. Der Band Kuckuckslichtnelken von Sarah Kirsch (*1935 in Limlingerode/Harz, gest. 2013 in Heide) erschien in der Erstauflage bereits 2006. Der Steidl Verlag, zu dem Kirsch damals gewechselt war, macht diesen Band nun wieder lieferbar und ergänzt ihn durch zarte, stilvolle farbige Zeichnungen von Siegfried Klapper. Kirsch schrieb hier ihre Prosa-Autobiographie, die nun wieder zu haben ist. Im Berichtszeitraum erschien ein zweites Buch von Sarah Kirsch, dies eine Erstveröffentlichung: Der Sohn Moritz Kirsch veröffentlicht, versehen mit Anmerkungen von Frank Trende, das Tagebuch aus dem Jahr 1990 – Der Sommer fängt doch so an! Zu der Zeit lebte sie schon einige Jahre in Tielenhemme an der Eider. Im vergangenen Jahr hatte sie sich noch für die gesamtdeutschen Ereignisse interessiert, nun sind ihr die Schafe und ihre Katzen wichtiger. Sie stellt das Private und Politische nebeneinander: »Nebel dampft aus der Eider. Wenig über 0 Grad, die Amsel tut ihr Bestes. Gorbatschow droht nun mit Bürgerkrieg und Blutvergießen.« (S. 25/26)
262 | Nordelbingen 90 Am 30. April 2023 wurde das Stück Dem Marder die Taube von Caren Jeß (*1985 in Eckernförde) am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt, unter der Regie von Stephan Kimmig. Zwischen zwei Frauen entwickelt sich eine vorsichtige Freundschaft. Jeß entwickelt in ihrem Stück Kontraste zwischen Kultur und Kulturfolgern, zwischen Trivialem und Tiefsinn, zwischen Sprache und der Musik der Elmshorner Punkband »Your Toothbrush« – die Jeß extra für dieses Stück erfunden hat. Svealena Kutschke (*1977 in Lübeck) erhielt 2022 den Hebbel-Preis für ihren Roman Gewittertiere (2021). Ihr erstes Theaterstück zu unseren füßen, das gold, aus dem boden wurde 2019 zu den Autorentagen am Deutschen Theater Berlin eingeladen. Ihr Stück No shame in hope wurde am 26. Oktober 2023 am Theater Offenbach aufgeführt, unter der Regie von Magdalena Schönfeld. Das Stück handelt von drei Frauen, mehr oder weniger am Ende ihres Lebens, gerade entlassen aus einer Klinik. Nun sitzen sie an einem Imbiss, an einer verregneten Ampelkreuzung, in einer verregneten Vorstadt, oder ist es doch die Ostsee? »Eigentlich können sie jetzt nach Hause. Aber vielleicht vorher noch kurz ein Brathähnchen? Bevor man sich ganz allein in diese ewig leicht betrunkene BRD wagt?« (S. 249). Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass (*1927 in Danzig, gest. 2015 in Lübeck) hat viele Jahre in der Nähe von Ratzeburg gelebt und gearbeitet. Wenige Schritte von seinem Wohnhaus entfernt stand seine Werkstatt. Hier waren Bücherregale, das Stehpult, seine Schreibmaschine, die Werkbank untergebracht. Nach seinem Tod blieb dies alles an seinem Platz. Der Berliner Fotograf Hans Grunert (*1969) bietet Einblicke in eine Wunderkammer der kleinen Dinge, aus und mit denen Grass große Kunst machte. Grunerts Bilder entdecken diese Dinge neu, ergänzt wird der Band durch einen Text von Heinrich Detering. Kirsten Boie (*1950 in Hamburg) hat über 100 Kinderund Jugendbücher geschrieben und ist nach wie vor überaus produktiv. An dieser Stelle ist ein besonderes Buch von ihr anzuzeigen : Aufruf zum Größenwahn. Es enthält ihre Rede zum Weltfrauentag 2020 beim Senatsempfang im Hamburger Rathaus, und damit ist auch schon angedeutet, worum es geht: Es ist ein Rückblick, eine Bestandsaufnahme und ein Plädoyer für mehr Gerechtigkeit. Sie erzählt von ihrem Weg als Frau und von den Widerständen, die sie überwinden musste. Das kleine Buch ist ein Aufruf, mit Mut und Selbstbewusstsein überkommene Rollenstrukturen zu verändern und auch die eigenen Rollenbilder immer wieder zu überdenken. Plattdeutsch, Friesisch Ein kleines plattdeutsches Kinderbuch hat Ove Thomsen (*1989 in Flensburg) mit Regen in’n Kopp geschrieben. Es geht um den Ameisenbär Gunnelt, der Hausmeister ist im Regenwald und furchtbar viel zu tun hat. Zum Glück findet er den Weg zum Affen Doktor Willi, und auch zum Glück hat er eine Mitbewohnerin, Guschi, das Gürteltier. Der Grafikdesigner Melf Petersen steuerte die Bilder bei. Ove Thomsen ist gebürtig aus Nordfriesland und eigentlich Musiker. Dies ist sein erstes Kinderbuch, dazu ist eine Musikversion erschienen. Für Regen in’n Kopp erhielt Thomsen 2023 den Preis ›Plattdeutsches Buch des Jahres‹. Antje K. Arfsten, die Frisistin und Lektorin am Nordfriisk Instituut in Bredstedt, hat im dortigen Verlag eine Erzählsammlung herausgegeben, die entstanden ist aus einem Schreibwettbewerb. Lätj et hood ai hinge (Lass den Kopf nicht hängen) ist sie betitelt und enthält auf 95 Seiten insgesamt
O. Irlenkäuser: Schleswig-Holsteinische Literatur 2023 | 263 35 Texte – von Erwachsenen wie von Schülern. Den Schreibwettbewerb gewonnen hat die Schülerin Anni Christiansen von Föhr. Der Klappentext verheißt über das Buch: »Literarische Kleinode in nordfriesischen Dialekten, die von Abschiednehmen und Neuanfang, Krieg und Klimawandel handeln oder einfach der Aufmunterung dienen.« Da ich selbst des Friesischen nicht mächtig bin und Hinweise zu den Autor*innen fehlen, sei hier lediglich der Hinweis auf die Publikation erlaubt. 2023 fand zum 35. Mal der vom NDR Landesfunkhaus Schleswig-Holstein veranstaltete plattdeutsche Schreibwettbewerb ›Vertell doch mal‹ statt. Unterstützer sind seit Langem Radio Bremen und das Ohnsorg-Theater in Hamburg. Dieses Buch versammelt »26 plattdeutsche Geschichten« zum Titelthema ›Tohuus‹. Insgesamt, so ist im Vorwort zu lesen, haben sich 1.300 Autor*innen aus allen deutschen Bundesländern sowie aus dem Ausland an dem Wettbewerb beteiligt. Unter den Beiträgern finden sich die pensionierte Husumer Lehrerin Kirsten Abeling, der Dithmarscher Schriftsteller Heiner Egge oder der aus dem baden-württembergischen Dossenheim stammende Randolf Eilenberger, der hier seinen ersten plattdeutschen Text überhaupt schrieb. Einen plattdeutschen Kriminalroman hat Jörg Rönnau (*1961 in Plön) mit Grulich Fund (2022) geschrieben. Genauer gesagt einen plattdeutschen historischen Kriminalroman, mit Theodor Storm und Klaus Groth in den Hauptrollen. Rönnau, von Beruf eigentlich Krankenpfleger, lässt die beiden Husumer Heimatdichter und Hobbydetektive in Lebensgefahr geraten, bis sie den Fall lösen können – natürlich. Kinderund Jugendliteratur Im Jahr 2026 wäre der große schleswig-holsteinische Jugendbuchautor James Krüss 100 Jahre alt geworden. Natürlich bereiten die Verlage dieses große Jubiläum umfassend vor, in diese Arbeiten gehören auch die vier Nachauflagen von Krüss’ Hummerklippen-Büchern. Erschienen in der Reihenfolge Leuchtturm – Sommer – Gäste und Weihnachten wurden die Bücher 2023 neu aufgelegt und neu illustriert. Im Leuchtturm, den Krüss mit knapp 30 Jahren schrieb, ist das spielerische Element seiner späteren Werke noch nicht so ausgeprägt, aber schon angelegt. Die Reihe kommt sehr ansprechend daher. Die Illustrationen von Maja Bohn aus Berlin, die ganzseitige Tafeln und Vignetten geschaffen hat, zeigen den Sinn für den mitunter grotesken Unterton mancher Passagen. Mit den Worten »Ein Märchen von der Hoffnung auf Frieden unter den Menschen« kündigt der Verlag Der Hoffnungsvogel, das neue Buch von Kirsten Boie (*1950 in Hamburg) an. Es geht hier um den Königssohn Jabu, der sich seiner Verantwortung stellt, sich bei der Suche nach dem Hoffnungsvogel auf eine abenteuerliche Reise begeben muss und in deren Verlauf über sich hinauswächst. Das Buch ist ausgestaltet mit Illustrationen von Katrin Engelking, die schon mehrere Bücher von Kirsten Boie und Paul Maar illustriert hat sowie den Astrid-Lindgren-Büchern eine zeitgemäße Illustration geschaffen hat. Ein neues Kinderbuch hat die in der Nähe von Kappeln an der Schlei lebende Autorin Mareike Krügel (*1977 in Kiel) geschrieben: Die Heldin in Almuth und der Hühnersommer will später zur Feuerwehr und »Retterin« werden. Doch zuerst muss sie das Huhn Ingeborg vor dem Hahn retten. Selbstverständlich lernt Almuth in ihrem Urlaub auf dem Land jede Menge neue Freunde kennen und nebenbei noch viel über Couscous, Bio, Diversität und Migration. Ein stimmungsvolles Kinderbuch über Freundschaft, Entdecken und scheinbar unbeschwerte Kindheitsmuster.
264 | Nordelbingen 90 Das Buch Mut ist was Gutes von Arne Rautenberg (*1967 in Kiel) kombiniert Gedichte mit Illustrationen des bekannten Kinderbuch-Künstlers Wolf Erlbruch (1948–2022). Schon das Cover zeigt ein Schwein, das beim mutigen Sprung ins Wasser sowohl Angst als auch Freude empfindet – zwei Gefühle, die zum Mut dazugehören. Arne Rautenberg hat diese wunderschönen Bilder »auf das Schönste« (FAZ) mit Text ergänzt. Beispielsweise: »all diese albernen ängste! / jeder kann fliegen lernen – denkste!« Rautenberg legte 2023 ebenfalls das Buch Dieser Tag ist mein Freund vor, »Gedichte für die guten Minuten«. Diese sehr abwechslungsreichen Gedichte wecken, wie viele Bücher dieses Autors, die Lust am Klang, an Rhythmus und an verrückten Ideen. Dazu passen die Bildvignetten von Nadia Budde sehr gut, sie setzen Objekte wie Subjekte der Gedichte auf weißem Grund ins Bild. Seit 2009 schreibt Alice Pantermüller (*1969 in Flensburg) Kinderund Jugendbücher. Sie gewann damals einen Schreibwettbewerb, der mit einer Buchveröffentlichung verbunden war. Seit rund 25 Jahren hat Pantermüller zahlreiche Bücher publiziert, darunter die bekannte Mein Lotta-Leben-Serie, die Superhelden oder die neueste Florentine Blix-Serie. Diese neue Serie spielt in Flensburg, der Heimatstadt der Autorin: »Hallo. Oder auch Moin, wie man in Flensburg sagt, wo ich lebe.« Thema des ersten Bandes Tatort der Kuscheltiere ist ein verschwundenes Kind, und auch das deutsch-dänische Verhältnis in Flensburg spielt eine Rolle, da der Verschwundene nur Dänisch spricht. Im zweiten Band, Geheimakte Flaschenpost, wird am Strand eine Flaschenpost angespült, und die Segel-AG des Fördegymnasiums macht sich auf die Suche. Die Bände wurden aufwändig von Daniela Kohl illustriert, die auch bereits die Mein Lotta-Leben-Bände bearbeitet hat. Aus dieser Serie wurden der Band Alles Bingo mit Flamingo (2022) und Alles Tschaka mit Alpaka! (2022) verfilmt, »Alpaka«-Buch und Film spielen während einer Woche Schullandheim auf Amrum. Der 19. Band der ›Lotta‹-Reihe mit dem Titel Hier taucht der Papagei ist ebenso aufwändig illustriert (von Daniela Kohl) wie die übrigen Bände und eignet sich auch daher gut für wenig geübte Leser*innen. Lotta hat ein neues Hobby – Skateboardfahren. Die Kieler Schauspielerin Dayan Kodua (*1980 in Ghana) war früher einmal Cheerleaderin bei der Football-Mannschaft Kiel Baltic Hurricanes, 2011 war sie die erste schwarze ›Miss Schleswig-Holstein‹. Sie wuchs in Kiel-Gaarden auf, man kennt sie aus Filmen wie Die Pfefferkörner, Tod in Mombasa oder dem Tatort. Im Jahr 2021 veröffentlichte sie in ihrem eigenen Verlag ihr erstes Buch Odo und der Beginn einer großen Reise. Das Kinderbuch Wenn meine Haare sprechen könnten (2022) thematisiert die Bedeutung, andere Haare zu haben als die Mehrheit. Am Ende hat die Heldin Mut gefasst, zu sagen, wenn ihr etwas nicht gefällt. Ergänzt wird das von Nicole Gebel aus Bordesholm illustrierte Kinderbuch von weiterführenden Informationen zu »Braids« und »Cornrows« sowie einigen Frisuren aus dem Band wie »Bantu Knots« oder »Sisterlocks«. Ein Buch für andere Perspektiven auf die Welt. Die Bilderflut der modernen Welt lässt das Können von Sprache immer mehr in den Hintergrund treten. Kinder wissen noch intuitiv, dass Sprache ein wunderbarer Spielplatz ist. Der Autor Uwe-Michael Gutzschahn und der Kieler Illustrator Jens Rassmus (*1967 in Kiel) nehmen sich das bekannte Nonsens-Gedicht Dunkel war’s, der Mond schien helle vor und lassen mehrere Könner des Faches (darunter Paul Maar) weitere Strophen erfinden. Antonia Michaelis (*1979 in Kiel) ist eine produktive Kinderbuchautorin. Aus ihrer Feder stammen rund 50 Kinderund Jugendbücher, die sie seit 2002 veröffentlicht hat. Dazu zählen u.a. die Serien Kreuzberg 007, Ammerlo oder Ella Fuchs. Michaelis ist in jungen Jahren viel gereist, u.a. nach Indien, Italien, Griechenland, die Türkei. Diese Eindrücke finden sich in ihren Büchern vielfach wieder. In Weil wir träumten (2022) reist die Heldin Emma nach Madagaskar und kann hier ihre schwere Krankheit fast vergessen. Als sie die Einheimische Fy kennenlernt, lernt sie mehr über
O. Irlenkäuser: Schleswig-Holsteinische Literatur 2023 | 265 Armut, Ge walt und weitere Schattenseiten des Paradieses. Der Roman Scheißglitzertage spielt im Jahr 2022 auf Usedom, wo Michaelis heute lebt. Die 17-jährige Hauptfigur kennt die Plattenbauten in Wolgast aus eigener Erfahrung und jobbt als Eisverkäufer für die vielen Touristen, die die Insel jeden Sommer bevölkern. Als er die ukrainische Ulja trifft, die vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen ist, verändert sich seine Perspektive. Der Roman Die Bucht des blauen Oktopus spielt in Griechenland. Die 11-jährige Heldin, die hier ihren Urlaub verbringt, lernt den einheimischen Jorgos kennen, und gemeinsam suchen sie einen Schatz im Meer, das vermutlich die eigentliche Hauptrolle im Roman spielt. »Ich hörte das Meer. Das Rauschen seiner stetig an den Strand schlagenden Brandung. Und ich dachte einen klaren Gedanken: Ich muss ins Wasser« (S. 289). Daraus entwickelt sich eine magische Geschichte, in der ein uralter blauer Oktopus eine zentrale Rolle einnimmt. Ebenfalls im Meer spielt Michaelis’ Roman Minik. Aufbruch ins weite Meer (2022) in der Loewe-Reihe Das geheime Leben der Tiere. Der Seehund Minik schwimmt aus der Ostsee in die Nordsee, und zwar gemeinsam mit seinem Freund, dem Buckelwal Lottazwei. Ein »umweltpädagogischer« Roman mit Illustrationen von Verena Körting, die u.a. Kirsten Boies Sommerby-Serie illustriert hat. In dieser Serie erschienen weiterhin Minik. Der Ruf der Arktis (2022), Abenteuer im Korallenriff und Ein Seehund findet nach Hause. Die Autorin Yvonne Struck (*1976 in Lübeck) schreibt ausweislich eines Interviews »realistische Jugendbücher, das heißt, meine Bücher sollen das Leben der Jugendlichen abbilden« (Verlagshomepage). Ihr neues Buch Ich, die Jungs und die Sache mit dem Coolsein (2022) ist der vierte Band einer Teens-Serie, Zielgruppe sind Kinder ab 12 Jahren. In diesem Band dreht sich alles um erste Erfahrungen mit der Liebe, den ersten Kuss, und die Verwirrung der Gefühle. Eine humorvolle junge Lektüre. Der Billabongkönig ist das erste Jugendbuch des in Ratzeburg lebenden Autors Matthias Kröner (*1977 in Nürnberg). Er war bisher vorwiegend als Verfasser von Reiseführern tätig. Für seinen Billabongkönig (2022) wurde Kröner für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, außerdem stand das Buch auf der Shortlist der Stiftung Buchkunst für ›Die schönsten deutschen Bücher‹. In Australien ist ein Billabong eine natürliche Wasserstelle, und gewohnheitsgemäß sind die größten Krokodile deren ›Herrscher‹. Eine lehrreiche Geschichte über Gemeinschaft, Moral und ein gutes Leben. Die Illustrationen von Mina Braun tragen viel zum Lesevergnügen bei. Die Kinderbuchautorin Harriet Grundmann (*1969 in Berlin) wuchs in Büsum auf. Sie ist Autorin zahlreicher Bücher. 2023 erschien Ich muss los, sagte der Bär. Es geht darum, den Grund für die Reiselust zu finden. Das Fazit lautet, das sei an dieser Stelle verraten: »Das ist ganz einfach. Ich bin weit gegangen, um einen Ort zu finden, von dem aus ich gut zurückblicken kann.« Abstract This essay presents almost 50 works of Schleswig-Holstein literature published by German-language publishers in 2023 in brief reviews. In addition there are 12 as dating from 2022. The overview is intended to be as complete as possi ble. Today, Schleswig-Holstein literature is usually understood to mean that authors are born in Schleswig-Holstein or they have lived or worked in Schleswig-Holstein for a certain period of time or that their works have an impact in literary life in Schleswig-Holstein. The essay is intended as an overview of the literary landscape of Schleswig-Holstein and its anchoring in the German literary scene.