Jacob Pagendarms Stimmbücher: Ein Beitrag zur Lübecker Kirchenmusikgeschichte
Abstract
Um 1700 wurden in den Gottesdiensten an der Hauptkirche St. Marien in Lübeck Choräle in der Regel mehrstimmig zur Führung des Gemeindegesangs…
Full text
| 143 BIRGER PETERSEN Johann Jacob Pagendarms Stimmbücher Ein Beitrag zur Lübecker Kirchenmusikgeschichte Das Archiv der Hansestadt Lübeck verwahrt drei umfangreiche Stimmbücher mit einer Sammlung von 303 Choralsätzen aus dem frühen 18. Jahrhundert, deren Genese in unmittelbarem Zusammenhang mit einer der wirkmächtigsten Gesangbuchpublikationen für den Ostseeraum steht, die vor allem aber aus der Dienstzeit Dieterich Buxtehudes (1637–1707) stammt, Organist und Werkmeister an der Hauptkirche St. Marien. Das Findbuch, das der zwischen 1845 und 1886 amtierende Lübecker Organist und Werkmeister Johann Hermann Jimmerthal 1860 angelegt hat, weist entsprechend – und ohne Verweis auf ihren Urheber – unter den laufenden Nummern 14–17 aus: »4 dicke, in Pergament gebundene Bücher, enthaltend eine große Anzahl 4stimmiger Choräle – für Sopr. Alt. Ten. & Baß. (Vollständig.)«1 Tatsächlich gab es bis zum Zweiten Weltkrieg noch vier Stimmbücher; nach der verheerenden Bombardierung Lübecks durch die Alliierten an Palmarum 1942 wurden sie zusammen mit allen weiteren Archivmaterialien nach Gröna bei Bernburg in Sachsen in ein Salzbergwerk ausgelagert. Die Materialien des Archivs der St. Marienkirche wurden nach 1945 zunächst von der U.S. Army, dann von der Roten Armee beschlagnahmt und über Potsdam als Beutekunst mehrheitlich über Archive der DDR und der UdSSR verteilt. Nach der Restitution 1988 sind noch drei Stimmbücher erhalten (Diskant, Alt und Tenor).2 Die Stimmbücher und die in ihnen enthaltenen Chorsätze sind – trotz ihrer Unvollständigkeit und der damit verbundenen Spekulation über ihre Beschaffenheit – ein wichtiges Zeugnis zur Präsenz des schlichten Kantionalsatzes im Umfeld des norddeutschen Protestantismus in seiner spezifischen Ausprägung in der freien Reichsund Hansestadt Lübeck. Ihre eingehendere Untersuchung und Kontextualisierung ist ein Desiderat – unter anderem angesichts des Umstands, dass sie zum Repertoire des Schülerchors an der Hauptkirche St. Marien gehörten, als Buxtehude seinen Dienst auf der Orgelempore versah. Urheber der Chorsätze war sein Gegenüber auf dem Lettner: der Kantor Johann Jacob Pagendarm. 1 Im Archiv der Hansestadt Lübeck: D–LÜsa, [etc.], D–LÜsa 6.1 St.-Marien 3: Verzeichniß der Bücher, Schriften, Zeichnungen, Musikalien etc. des Archivs der St. Marien-Kirche, eingerichtet von H. Jimmerthal, Organist und Werkmeister der St. MarienKirche 1860, S. 17. – Vgl. D–LÜsa, 6.1–1 St. Marien 107–109, bzw. Graßmann 2005, S. 272–273. 2 Vgl. Heering 2021, S. 96, außerdem Graßmann 1992 und Snyder 2006. Anders als bei Snyder angegeben fand die Restitution 1987 statt. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2941-3362/p16
144 | Nordelbingen 90 Im Schatten Buxtehudes: Johann Jacob Pagendarm Trotz der theologischen Prominenz der Söhne dieses Lübecker Kantors, Hermann Heinrich (1674– 1749) und Johann Gerhard (1681–1754) fehlt der Name Pagendarm in Wolf-Dieter Hauschilds schon über vierzig Jahre alten, gleichwohl nach wie vor maßgeblichen (weil nicht ersetzten) Kirchengeschichte Lübecks.3 Das ist nicht weiter verwunderlich, zumal das vornehmliche Interesse der protestantischen Kirchengeschichte als universitärer Disziplin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in erster Linie auf der Reformationsgeschichte einerseits und auf der jüngeren Historie andererseits lag. Stärker irritiert der Umstand, dass eine erheblich jüngere Publikation, die die Besonderheiten der Kirchenmusik Lübecks herausstellen will, sich auf eine Darstellung der Organisten beschränkt und nicht nur die Kantoren der Hauptkirche St. Marien bis in die Gegenwart unberücksichtigt lässt.4 Johann Jacob Pagendarm wurde am 6. Dezember 1646 als Sohn des Kaufmanns Heinrich Pagendarm und dessen Frau Anna geb. Fürstenau in Herford in Westfalen geboren und hatte nach dem Schulbesuch (u.a. an der Andreasschule in Hildesheim und des Gymnasiums in Magdeburg) in Helmstedt und in Wittenberg studiert – ein Universitätsstudium der Theologie war Vorbedingung für die spätere Tätigkeit Pagendarms als Kantor und zugleich Lehrer an einer Lateinschule – und zum Michaelisfest 1670 das Kantorat in Osnabrück angetreten.5 Mit dem Dienstantritt in Lübeck im August 16796 wurde er Nachfolger von Samuel Franck (1633–1679) und unmittelbarer Mitarbeiter von Dieterich Buxtehude, der seit 1668 als Organist und Werkmeister an St. Marien amtierte (und wie Franck eine Tochter seines Amtsvorgängers Franz Tunder geheiratet hatte).7 Pagendarm starb am 13. Januar 1706; seine Tochter Regina Catharina (1688–1762) heiratete am 8. November 1706 seinen Nachfolger Heinrich (Hinrich) Sivers (1674–1736).8 Der schlechte Ruf, der Pagendarm durch die Jahrhunderte anhaftete, ist letztlich dem Lübecker Kantor Caspar Rüetz zu verdanken. Er schreibt 1753 in seiner zweiten Polemik zur Musik seiner Gegenwart über die Musiksammlung seiner Vorgänger: »Ich habe einen grossen Vorrath an Kirchenstücken von meinem seel: Schwiegervater Sivers und Schwieger-Großvater Pagendarm geerbet. Von des letztern seinen hinterlaßnen Sachen habe kein eintziges Stück, von des ersteren Sachen, nur einige wenige gebrauchen können. Sie zeugen von dem grossen Fleisse und der Arbeitsamkeit dieser redlichen Männer. Alles was diese Männer mit saurer Mühe und Arbeit zusammen geschrieben, oder mit vielen Kosten gesammlet und abschreiben lassen, hat nicht den geringsten Wehrt mehr, ob gleich kein geringes Capital darinnen steckt. Es ist diese Menge musicalischer Papiere von vielen Jahren her wohl bey nahe biß auf die Hälffte geschmoltzen, indem ein gar vieles dem Ofen zu Theil, und 3 Vgl. Hauschild 1981; auch der Name Diet(e)rich Buxtehude findet sich nur ein einziges Mal (S. 347–349). 4 Vgl. 4 Viertel. o. J., vor allem S. 18–19; als Ausnahme erscheint nur der aktuelle Organist von St. Marien Johannes Unger, der zugleich den Dienst des Kantors (und seit 2023 zugleich des Kirchenmusikers am Dom zu Lübeck) versieht. 5 Vgl. Stahl 1952, S. 50. 6 Laut Gerber am 28. August, vgl. Gerber 1792, Sp. 58. 7 Vgl. Snyder 2007, S. 120; die Berufungsurkunde Pagendarms (D–LÜsa, 1.1–4 Altes Senatsarchiv Ecclesiastica, Schulsachen Vol. 1 Fasz. 2) ist bei Stahl 1952, S. 193 wiedergegeben. 8 Jöcher 1751 (Sp. 1178–1179) nennt »sieben Söhne und eben so viel Töchter«.
B. Petersen: Johann Jacob Pagendarms Stimmbücher | 145 an statt der Spähne gebraucht worden, vieles zum häuslichen Gebrauch angewandt, und vieles an solche Leute, die zu ihren Geschäfften allerley Maculatur und Papiere gebrauchen, dahin gegeben worden. […] Ich prophezeye meinen Musicalien nach mir kein besseres Schicksal, und bin auch damit zufrieden.; weil ich nicht besser bin denn meine Väter.«9 Die Vernichtung, der Rüetz die Werke seiner Vorgänger demnach zugeführt hat, versteht Christian Bunners als »Verhältnisbestimmung von kirchenmusikalischer Gegenwart und Tradition«10 – und empfindet es nur als konsequent, dass Rüetz auch eigene Werke nicht von den von ihm beschriebenen Alterungsund daraus folgenden »Makulierungsaktionen« ausgenommen (und vermutlich auch in der Marienkirche verwahrte Buxtehude-Manuskripte verfeuert) hat.11 Unter anderem die Eingriffe Rüetz’ sorgten dafür, dass gegenwärtig nur ein einziges anderes musikalisches Werk von Pagendarm überliefert ist: Seine Vertonung von Psalm 37,5: Befiehl dem Herrn deine Wege – verwahrt in der Sherard Collection der Bodleian Library – orientiert sich am modernen venezianischen Stil.12 Darüber hinaus hat Pagendarm einen Nachdruck der Cantiones sacrae initiiert, der das Repertoire der liturgischen Sätze im Gottesdienst an St. Marien versammelte.13 Ort und Funktion der Stimmbücher Eine maßgebliche Quelle zur Frage der Lübecker Liturgie – und damit verbunden zur Funktion der Stimmbücher Pagendarms – ist das erste amtliche Lübeckische Gesang-Buch von 1703:14 Dieses wurde als erstes amtliches Gesangbuch der Hansestadt Lübeck nach intensiven Verhandlungen mit dem Geistlichen Ministerium verordnet – ein offizielles Gesangbuch, das ausdrücklich »den überkommenen Liedbestand bewahren und die auch in Lübeck spürbare Flut neuer, nicht-orthodoxer Lieder eindämmen« sollte.15 Dieses Gesangbuch war verbunden mit einem Gebetbuch, dem wiederum eine Kurtze Anweisung / wie künfftig hin der Gottes-Dienst in denen Lübeckischen Kirchen wird anzustellen seyn angefügt war – keine Reform der liturgischen oder kirchenmusikalischen Praxis, sondern deren Vereinheitlichung, vor allem aber eine Abgrenzung gegenüber der Frömmigkeitsbewegung der Reformorthodoxie und dem Pietismus. Sie bildet die Liturgie vermutlich für die gesam9 Rüetz 1753, S. 112–113. 10 Bunners 2011, S. 214. 11 Vgl. Bunners 2011, S. 215, bzw. Snyder 2007, S. 357. 12 GB–Ob Mus. Sch. C. 43; zur Provenienz vgl. Wollny 1993, S. 83–85 und Snyder 1994, S. 233–234. 13 Gerber 1792, Sp. 59, nennt die »Cantiones sacras, quas coetus lubecensis scholasticus sub horarum intervallis canere consuevit«; darüber hinaus weist er auf eine historisch-geographische Publikation hin (Gründliche Nachrichten von den meisten Völkern des alten Deutschlandes) sowie auf das numismatische Interesse Pagendarms. – Vgl. auch Stahl 1952, S. 64. 14 Die älteste auffindbare Auflage befindet sich in der Forschungsbibliothek Gotha (Sign.: Cant. spir. 8° 00020): Lübeckisches Gesang=Buch, Nebst Anfügung eines Gebeth=Buchs, Auff Verordnung Eines Hoch=Edlen Hochweisen Raths, Von einem Ehrwürdigen MINISTERIO Ausgegeben, Lübeck 1704, das älteste in der Stadtbibliothek Lübeck überlieferte, später inhaltlich unverändert nachgedruckte Exemplar ist von 1729 (Sign.: Lub. 8° 7407). – Vgl. Heering 2007, S. 49, außerdem Kadelbach 1995, S. 28–30; Schnoor 2011, S. 169–170 sowie Heering 2014, S. 115–120. 15 Heering 2017, S. 17, bzw. Kadelbach 2017b, S. 39–40; mit der Publikation von 1703 nicht zu verwechseln ist das Lübeckisch=V ollständige Gesangbuch von 1698. – Vgl. Kadelbach 2017, S. 40–53; dagegen Karstädt et al. 2022 mit der Verbindung der Stimmbücher mit dem Gesangbuch von 1698/99.
146 | Nordelbingen 90 te Lübecker Amtszeit Pagendarms wie auch Buxtehudes ab und wurde 1754 nahezu unverändert in das Lübecki sche Kirchenhandbuch aufgenommen (Abb. 1).16 Die liturgischen Hinweise für St. Marien in der Kurtzen Anweisung stimmen weitgehend mit den Angaben in einem entsprechenden Druck von 1645 überein.17 Demnach war in den liturgisch geprägten Gottesdiensten – also zur Vesper, zum Hauptund Nachmittagsgottesdienst sowie bei den Frühgottesdiensten am Dienstag und Donnerstag – die Mitwirkung des Chors konstitutiv, der aus Schülern des nahegelegenen Katharineums bestand und vom Kantor (als Mitglied des Lehrkörpers) geleitet wurde.18 Der Chor trug allerdings nur vom Lettner aus die liturgischen Elemente vor und führte – meist einstimmig – den Gemeindegesang an; allein die Festtagsgottesdienste (und die damit verbundenen Vespern am Vortag) wurden mit dem Chorus symphoniacus reicher ausgestattet: durch Mehrstimmigkeit in der Liturgie, vor allem aber durch Motetten oder vokal-instrumentale Kompositionen vor oder nach der Predigt, den sogenannten ›Organistenmusiken‹. Bei Werken mit Instrumen16 Vgl. Heering 2007. – Zur Provenienz des Lübeckischen Gesang-Buchs vgl. Heering 2021, S. 115–116. 17 Vgl. Heering 2007 bzw. Jannasch 1928, S. 174. 18 Vgl. dazu Stahl 1931, S. 88–89, bzw. Heering 2007, S. 51. Abb. 1: Lübeckisches Gesang-Buch, Ausgabe Lübeck 1729. Stadtbibliothek Lübeck, D-LÜh, Lub. 8° 7408.
B. Petersen: Johann Jacob Pagendarms Stimmbücher | 147 talbegleitung wirkten bis zu elf Ratsmusiker mit; die Marienkirche hatte das Privileg mehrstimmiger Figuralmusik an allen Festtagen, während in den anderen vier Hauptkirchen der Stadt nur viermal im Jahr in einem festen Turnus figural musiziert wurde.19 Die Liturgie des Hauptgottesdiensts an St. Marien wies eine Reihe von festen Elementen auf, die im Sinn eines Ordinariums als Gemeindelieder zum regelhaften Ablauf gehörten, so das Eingangslied Komm, heiliger Geist, erfüll die Herzen und das darauffolgende »Symbolum Athanasii« als deutsches Te Deum: Herr Gott, dich loben wir; das Gloria in excelsis Deo als Allein Gott in der Höh sei Ehr folgt dem Kyrie, das Lied »im Hingang nach der Cantzel« war regulär entweder Nun bitten wir den heiligen Geist, Herr Jesu Christ dich zu uns wend oder Liebster Jesu, wir sind hier. Nach Kanzelund Altardienst sang die Gemeinde als Credo Wir glauben all an einen Gott, am Ende – nach dem Segen – das Lied Sei Lob und Ehr mit hohem Preis oder einen anderen kurzen »Lob-Psalm«. Zur Austeilung sah die Gottesdienstordnung »Unter der Communion« »Communion-, Lobund Danckals auch PaßionsLieder« vor, außerdem wurde der Ablauf an Festtagen und zu besonderen Zeiten des Kirchenjahrs ergänzt und vor allem kirchenmusikalisch aufwändiger ausgestaltet; die Besonderheiten der Lübecker Liturgie – die insbesondere auf die von Hermann Bonnus geprägte Praxis zurückgeht – haben Jürgen Heering und Ada Kadelbach ausführlich erörtert.20 Die Aufteilung der Musik auf die unterschiedlichen, am lutherischen Gottesdienst beteiligten Gruppen – deren Zusammenstellung in Lübeck durchaus auf altkirchliche Traditionen verwies –21 ist an dieser Stelle von Belang. Die Gemeinde sang das deutsche Tedeum, das deutsche Gloria und das Glaubenslied, außerdem die ausgewählten Gesangbuchlieder – an bestimmten Positionen mehrere hintereinander (zum Beispiel während der Abendmahlsausteilung im Hauptgottesdienst).22 Dass die Gemeinde die Lieder aus dem protestantischen Kernbestand des 16. Jahrhunderts auswendig gesungen hat, lässt sich ohne weiteres auch an den Gesangbüchern der Zeit erkennen, die ohne Angaben von Noten auskamen. Die mit dem letzten Jahrhundertdrittel hinzukommenden neuen Lieder wurden in der Regel Lübecker Privatdrucken entnommen; welche Lieder gesungen werden sollten, war in der Regel am Orgelvorspiel zu erkennen. Erst die Erweiterungen des Liedrepertoires sowie die Verwendung von Lehnmelodien führten unter anderem an St. Marien nach der Einführung des offiziellen Gesangbuchs von 1703 zu der Verwendung von Nummerntafeln.23 Der Gemeindegesang wurde vom Schülerchor des Katharineums angeführt, der an regulären Sonntagen einstimmig (»choraliter«) sang; die Mitwirkung des Organisten beschränkte sich in den sonnund festtäglichen Hauptund Nachmittagsgottesdiensten und in den Vespern insbesondere auf die Liedvorspiele. Die Lieder selbst wurden traditionell alternatim gesungen – bei liturgischen Gesängen im Wechsel von Chor und Orgel, bei Gemeindeliedern im Wechsel von Gemeinde und Orgel.24 Alternatim-Praxis ist an den Lübecker Hauptkirchen seit dem 15. Jahrhundert nachweisbar.25 Der Kantor benutzte dafür »handschriftliche und gedruckte Kantionale und vierstimmige Choralbücher«.26 19 Vgl. Stahl 1952, S. 26. 20 Vgl. Heering 2017, S. 20–21, bzw. Heering 2014, S. 117–120, sowie Kadelbach 2017a. 21 Zu diesem Kontext vgl. Roth 2020, besonders S. 57–185. 22 Vgl. Heering 2017, S. 23. 23 Vgl. Heering 2017, S. 23–24, bzw. Snyder 2007, S. 509–510. 24 Vgl. Heering 2017, S. 24. 25 Vgl. Snyder 2007, S. 127–128. – Zur Musik »auf dem Chor« und »auf der Orgel« vgl. Edler 1982, S. 51–62. 26 Vgl. Stahl 1952, S. 64, bzw. Heering 2017, S. 25.
148 | Nordelbingen 90 Der Schülerchor hat dabei ganz offensichtlich auch in Lübeck die rein homophone Tradition des Choralsatzes gepflegt: den vierstimmigen Kantionalsatz mit der Choralmelodie im Sopran. Informationen für die Aufführungspraxis der Zeit ergeben sich aus dem Umstand, dass Pagendarms Vorgänger Samuel Franck 1664 ein Orgelpositiv mit fünf Registern für den Lettner anschaffte – »zu behueff der jetzigen ahrt der Music«.27 Als erste Publikation hatte Lucas Osiander (›der Ältere‹, 1534–1604) in seiner Sammlung Fünfftzig Geistliche Lieder und Psalmen von 1586 diesen Typus präsentiert, der nicht für die Gemeinde, sondern den Chor gedacht war; fortgesetzt wurde diese Tradition im mitteldeutschen Raum von Komponisten wie Johann Crüger (1598–1662), der mit den Geistlichen Kirchen-Melodien (1649) vierstimmige Kantionalsätze kompiliert und dann in seiner Sammlung Praxis pietatis melica ab 1647 – dem am weitesten verbreiteten Gesangbuch der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts –28 allerdings nur Sopranund bezifferte Generalbass-Stimme lieferte, eine Praxis, die sich zumal in Norddeutschland noch bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts halten sollte. Neben Crüger waren für den norddeutschen Raum die Sammlungen Johann Rists (1607–1667) von Belang: Anders als Osiander oder Crüger kompilierte Rist eigene, also neue Gedichte, die von Persönlichkeiten wie Michael Jakobi, Johann Schop oder Andreas Hammerschmidt vertont wurden; von Dieterich Buxtehude stammt die Musik zu O Gottes Stadt, o güldnes Licht BuxWV 87. Das Ziel der Sammlungen Rists war aber auch ein grundlegend anderes als die Sammlungen Osianders oder Crügers – nämlich die heimische Andacht, nicht der öffentliche (Fest-) Gottesdienst.29 Zur Beschaffenheit von Pagendarms Sätzen Johann Jacob Pagendarm erhielt im Jahr 1705 für die von ihm komponierte Sammlung 60 Mark lübsch; für die Eintragung der fehlenden Texte in die Stimmbücher wurden zwei »Aritmetici« gesondert vergütet – bemerkenswerterweise mit 150 Mark.30 Als Kantor bezog Pagendarm ein Jahreseinkommen von 80 Mark – wobei er sein Haupteinkommen als Lehrer des Katharineums einwarb, zuständig für den Lateinund Religionsunterricht der Tertia und Sekunda sowie für den Musikunterricht der gesamten Schule, an der er nach dem Rektor und dem Subrektor an dritter Stelle rangierte; dieses Salär betrug jährlich 330 Mark (und freie Unterkunft).31 Tatsächlich kamen Freunde und Gönner seinem Haushalt durch eine regelmäßige Sammlung zu Hilfe, die jeweils zwischen 120 und 283 Mark ergab.32 Die Ergänzung um 60 Mark dürfte dem vielfachen Familienvater – der zumal seine in Rostock und Wittenberg studierenden Söhne unterstützte – gut zupass gekommen sein. Die beiden »Aritmetici« sind identifizierbar als Christian Partike und Walter Möllrath, dem Eintrag des Werkmeisters Dieterich Buxtehude im Wochenbuch der Marienkirche folgend: 27 Vgl. Stahl 1926, S. 20. 28 Vgl. Snyder 2007, S. 185, bzw. grundlegend Bunners 2012. 29 Vgl. grundlegend Steiger 2007. 30 Vgl. Snyder 2007, S. 117. 31 Vgl. Snyder 2007, S. 120. 32 Vgl. Stahl 1952, S. 51
B. Petersen: Johann Jacob Pagendarms Stimmbücher | 149 »Sonnabend, wie die Herren Vorsteher am negst verwichenen Montagem aufm Werckhause bey abgelegter Kirchen Rechnung zusammen wahren, haben dieselbe ggl. Consentiret, dem Cantori Pagendarm, für die Melodeyen derer 303 zusammen synd, in denn 4. neugemachten Gesangbüchern con canto, Alto, Tenor et Basso, ohne die Texte ein Zuschreiben pro Labore zu geben 60/–/– Noch Christian Partike et Walter Möllrath, beiden Aritmetici, für den Text unter denn 303: Gesängen in quadruplo zu legen, laut Quittung zahlet 150/–/–«33 Über den Gebrauch dieser Bände berichtet Wilhelm Stahl in seiner Musikgeschichte Lübecks: »Die dicken, in Pergament gebundenen Bücher konnten wegen ihrer Schwere und ihres unhandlichen Formats von den einzelnen Sängern nicht ohne Ermüdung gehalten werden. Sie lagen altem Brauch gemäß auf einem vierseitigen Pult, um das sich der nicht zahlreich besetzte Chor herumstellte. Noten und Werte mußten so groß und deutlich geschrieben sein, daß sie von allen Sängern abgelesen werden konnten.«34 Kerala Snyder wies darauf hin, dass die Zählung im Lübeckischen Gesang-Buch von 1703 fast genau derjenigen in den Stimmbüchern entspricht, allerdings fehlen 22 Nummern – und zwar ausgerechnet die der bekanntesten, liturgisch relevanten Lieder wie Allein Gott in der Höh sei Ehr oder 33 D–LÜsa, 6.1–1 St. Marien: Wochenbuch 1705–1711, fol. 18. 34 Stahl 1952, S. 104. Abb. 2: D–LÜsa, 6.1–1 St. Marien 107, S. [1]r: Nun komm der Heiden Heiland (Diskant).
150 | Nordelbingen 90 Wir glauben all an einen Gott. Sie leitet daraus einen Schlüssel für die Verflechtung von Gesangbuch und Stimmbüchern beziehungsweise Gemeindeund Chorgesang ab;35 es ist anzunehmen, dass für diese Interventionen weiterhin das für den Schülerchor bestimmte Gesangbuch Der Catechismus Gesangsweise sampt den gebräuchlichen Geistlichen Liedern und Psalmen benutzt wurde.36 Gleich der erste mehrstimmige Satz, den Pagendarm zum Leitlied für den Advent am Beginn seiner Sammlung produziert hat, weist die Charaktereigenschaften der Sätze etwa Johann Crügers auf, so hinsichtlich der Kadenzbildung, aber auch im Akkordrepertoire, so in der Beschränkung auf wenige Sextakkorde oder im nahezu vollständigen Verzicht auf Vierklänge: Die Ergänzung des dreistimmigen Satzes ist – orientiert an entsprechenden Vorlagenkompositionen der einschlägigen Sammlungen – verhältnismäßig einfach, zumal es für den bereits bestehenden Satzverband in der Regel keine Alternativlösung für die Bass-Stimme gibt: Wie schön leucht’ uns der Morgenstern stimmt in seiner Melodiegestalt mit der Fassung der Erstausgabe von 1599 überein, nicht aber mit der Textfassung (die auch in der Erstausgabe Philipp Nicolais Wie schön leuchtet der Morgenstern betitelt war).37 Die hier niedergelegte Textgestalt wiederum entspricht der des Lübeckischen Gesang-Buchs; eine Textkonkordanz mit der Fassung in den Stimmbüchern mit der Nummer 275 (mit dem Hinweis »In bekannter Melodey.«)38 erweist die Übereinstimmung des Texts bis in die orthographischen Besonderheiten hinein – in einigen Fällen sogar bis in die Interpunktion: Auffällig ist etwa der fehlende Punkt am Ende der Abschrift von Vers 1 im Diskant sowie der Übernahme der auffälligen Minuskeln im Alt und zum Teil auch im Tenor. 35 Snyder 2007, S. 117; Snyder beruft sich auf die zum Zeitpunkt der deutschen Fassung (2007) früheste erreichbare Auflage des Lübeckischen Gesang-Buchs von 1729 (Stadtbibliothek Lübeck, D-LÜh, Lub. 8° 7408). 36 Verschollener Erstdruck vermutlich 1651, Nachdruck 1660; vgl. Heering 2021, S. 96: Das einzige Exemplar der Bibliothek der Hansestadt Lübeck ist seit der Auslagerung im Zweiten Weltkrieg verschollen; vgl. Stahl 1952, S. 47–48. 37 Im FrewdenSpiegel deß ewigen Lebens […], Frankfurt 1599; zur Frage der Textfassung vgl. Stalmann 2002 und Kurzke 2003. 38 Lübeckisches Gesang-Buch Nr. 275, S. 646–649. Notenbeispiel 1: Johann Jacob Pagendarm, Nun komm der Heiden Heiland. D–LÜsa, 6.1–1 St. Marien 107–109, Nr. 1.
B. Petersen: Johann Jacob Pagendarms Stimmbücher | 151 Dabei ist an diesem Satz unter anderem die Ausgestaltung der Kadenzen auffällig. So ist es zum Beispiel nicht möglich, die Kadenzen des Stollens unter Einbeziehung einer Terz im Schlussklang zu gestalten – der Terzton fehlt in allen drei vorhandenen Stimmen und kann jeweils auch nicht in die fehlende Bass-Stimme integriert werden. Außerdem vermeidet Pagendarm in vier von fünf Schlusswendungen den Einsatz einer dreiteiligen clausula formalis als Standardformulierung, die er in der ersten Kadenz Takt 4/5 noch gewählt hatte: Notenbeispiel 2: D–LÜsa, 6.1–1 St. Marien 107, S. [178]r: untere Hälfte Wie schön leucht’ uns der Morgenstern, Stollen (Diskant). Notenbeispiel 3: Johann Jacob Pagendarm, Wie schön leucht’ uns der Morgenstern. D–LÜsa, 6.1–1 St. Marien 107–109, Nr. 275.