Fürstliche Geschenke: Persische Seidengewebe aus Schloss Gottorf
Abstract
Im August 1639 traf eine persische Gesandtschaft am Hof des Herzogs Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf ein. Die Delegation aus Isfahan…
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| 89 ANNA JOLLY Fürstliche Geschenke Persische Seidengewebe aus Schloss Gottorf In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges bemühte sich Herzog Friedrich III. von Schleswig-HolsteinGottorf (reg. 1616–1659) um die Aufnahme von Handelsbeziehungen zwischen seinem Herzogtum und dem Reich der Safawiden-Dynastie, welches damals etwas größer als der heutige Iran war. Im Jahr 1635 rekrutierte Friedrich III. eine Delegation von 94 Männern für eine Gesandtschaft an den Hof des persischen Schahs Ṣafī I. (reg. 1629–1642) in Isfahan.1 Sie sollten zwischen Schleswig-Holstein und Persien ein Handelsabkommen für den Import iranischer Rohseide – Hauptexportgut des persischen Reiches – via Russland und die Ostsee nach Nordeuropa vereinbaren. Im Gegenzug bot Herzog Friedrich III. dem Schah ein Bündnis gegen das Osmanische Reich an, mit dem Iran seit dem 16. Jahrhundert in kriegerischen Auseinandersetzungen um die Kontrolle der Gebiete an der gemeinsamen Grenze stand. Eine vorangegangene Delegation an den russischen Hof hatte mit Zar Michail Fjodorowitsch (reg. 1613–1645) bereits ein Abkommen über eine zehnjährige Zollbefreiung des Transithandels durch russisches Gebiet und entlang der Wolga gegen eine jährliche Gebühr vereinbart. Die daran anschließende Gesandtschaft nach Isfahan wurde vom Diplomaten Philipp Crusius (1597–1676) und dem Hamburger Kaufmann Otto Brüggemann (1600–1640) geleitet. Der Universalgelehrte Adam Olearius (1599–1671) begleitete die Delegation als Berater und Sekretär und verfasste später einen ausführlichen Bericht über ihre abenteuerliche Reise.2 Weitere Delegierte kamen aus verschiedenen nordeuropäischen Gebieten. Sie reisten per Schiff von Travemünde über die Ostsee nach Narva, von dort auf dem Landweg nach Moskau, dann wieder mit dem Schiff die Wolga hinauf und über das Kaspische Meer nach Derbent und von dort auf dem Landweg über Qazvin und Kashan nach Isfahan, wo sie schließlich am 3. August 1637 ankamen. Die Reise dauerte fast zwei Jahre. Während ihres fünfmonatigen Aufenthalts am persischen Hof gelang es den Gesandten jedoch nicht, eine Einigung mit dem Schah zu erzielen. So mussten sie im Dezember 1637 wieder abreisen, ohne ihre Mission erfüllt zu haben. 1 Zur Geschichte der schleswig-holsteinischen Gesandtschaft nach Isfahan vgl. Lohmeier 1971, S. 9–28. – Matthee 1999, S. 141–142. – Kuhl 2017, S. 14–16. – Khodaee 2017. 2 Vgl. Olearius 1647. – Olearius 1656. Kiel-UP • https://doi.org/10.38072/2941-3362/p14
90 | Nordelbingen 90 Eine persische Gesandtschaft in Schleswig Auf der Rückreise nach Schleswig-Holstein folgte ihnen eine kleinere Delegation des persischen Schahs, der sich durch den Besuch der schleswig-holsteinischen Gesandtschaft trotz gescheiterter Verhandlungen zum Gegenbesuch einer eigenen Delegation veranlasst sah. Die persische Gesandtschaft traf Anfang August 1639 in Schleswig (Abb. 1) ein und wurde einige Tage nach ihrer Ankunft mit allen Ehren auf Schloss Gottorf empfangen. Dabei überreichte der persische Gesandte dem Herzog ein von Schah Ṣafī I. verfasstes Beglaubigungsschreiben, das sogenannte Kreditiv.3 Adam Olearius schildert die Ankunft der persischen Gäste im vorletzten Kapitel seines berühmten Reiseberichts.4 Nach der am 11. August erfolgten offiziellen Audienz des persischen Gesandten und seiner Entourage im Schloss wurden dem Herzog drei Tage später im Rahmen einer imposanten Zeremonie die aus Isfahan mitgebrachten Geschenke überreicht. 3 Zu dem in einem samtenen Beutel überreichten und heute in Kopenhagen bewahrten Kreditiv in persischer Sprache vgl. Jolly/ Mühlemann 2023, S. 60–63. 4 Vgl. Olearius 1647, S. 539–542. – Olearius 1656, S. 762–765. Eine in Kopenhagen erhaltene Zeichnung von Jürgen Ovens, welche den Empfang der persischen Gesandtschaft, inklusive Kreditiv, zeigt und vermutlich auf dem Bericht von Adam Olearius beruht, entstand in Vorbereitung des sogenannten Gottorf-Zyklus um 1663–1665, wurde jedoch nicht in Malerei umgesetzt; vgl. Köster 2017, S. 210–212 (mit Abb.). Abb. 1: Georg Braun und Frans Hogenberg, Ansicht der Stadt Schleswig mit Schloss Gottorf, aus: Civitates Orbis Terrarum, Köln 1588, Bd. 4, Taf. 31. Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Schleswig. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Inv. Nr. 1949/15. Foto: Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 91 Gemäß der persischen höfischen Sitte wurden die Geschenke alle einzeln durch je eine oder mehrere Personen präsentiert.5 Dazu wurden zahlreiche Schleswiger Bürger aufgeboten, die auf diese Weise an dem feierlichen Anlass teilhaben durften. Olearius beschreibt die Zeremonie in folgenden Worten: »Den 14. Augusti hat der Persische Gesandte die Königlichen Präsenten, welche waren etliche schöne Persische Pferde, köstliche mit Edelgesteinen versetzte Hauptgestelle, Item sehr viel kostbare güldene Stück [i.e. Stoffbahnen], und sonst allerhand Indianische und Persische, auff ein Hohes sich erstreckende Wahren, Güter und Rariteten, durch drey hundert Personen auffbringen und an Ihre Fürstliche Durchlaucht überreichen lassen.«6 Die diplomatischen Geschenke müssen bei den an der Zeremonie teilnehmenden Schleswiger Bürgern einen starken Eindruck hinterlassen haben. Eine noch im selben Jahr verbreitete achtseitige Flugschrift enthält einen ausführlichen Bericht über dieses Ereignis sowie eine detaillierte Liste der damals an Herzog Friedrich III. überreichten Textilien.7 Dazu zählten über zweihundert Bahnen kostbarer Seidengewebe, zum Beispiel schwere Samtgewebe mit Goldbzw. Silbergrund, farbige Flachgewebe mit Taftbzw. Atlasgrund sowie weiße und bedruckte Baumwollgewebe. Außerdem wurden dem Herzog drei Tischteppiche, verschiedene Satteldecken und einzelne aus bedruckten Baumwollgeweben gearbeitete Gewänder überreicht. Dekorationstextilien im Schloss Gottorf In der Folge wurden die persischen Seidenstoffe am Hof Herzog Friedrichs III. zu textilen Dekorationen verarbeitet, die zur Ausstattung zahlreicher Säle und Schlafkammern im Gottorfer Schloss genutzt wurden. Herzogin Maria Elisabeth (1610–1684) war bei den Ausstattungsprojekten des Schlosses maßgeblich beteiligt.8 Gemusterte Seidengewebe zählten im 17. Jahrhundert zu den kostbarsten Elementen der mobilen Schlosseinrichtung und wurden primär zur Ausstattung fürstlicher Appartements eingesetzt. In der Hierarchie der Räumlichkeiten standen die Schlafgemächer an oberster Stelle; sie waren deshalb am prunkvollsten eingerichtet.9 Inventare der Mobilien in Schloss Gottorf aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts belegen die damalige Verwendung der kostbaren Seidengewebe in Form von Bettund Tischdekorationen sowie Stuhlbezügen. Aus der Zeit Herzog Friedrichs III. selbst sind leider keine Inventare der damaligen Schlosseinrichtung überliefert. Erhalten sind hingegen drei Inventare aus der Zeit seines Nachfolgers Herzog Christian Albrecht (reg. 1659–1695); sie datieren aus 5 Vgl. Simpson, S. 135. 6 Olearius 1956, S. 763. Zur Bedeutung des Begriffs ›Stück‹ s. Anhang 1, S. 113, Anm. 85. In seiner Holsteinischen Chronik identifiziert Olearius die zuletzt genannten Stoffe als Seidengewebe: »[…] viel Indianische und Persianische Seidene Wahren […]«; Olearius 1663, S. 251. 7 Vgl. Relation 1639, S. 5. Eine kommentierte Transkription des vollständigen Textes findet sich im Anhang 1. 8 Zur Rolle von Herzogin Maria Elisabeth am Hof von Schleswig-Holstein-Gottorf vgl. Greinert 2017, Greinert 2018 sowie zuletzt Auge et al. 2024. 9 Vgl. Jolly 2016, S. 14.
92 | Nordelbingen 90 den Jahren 1663, 1666 und 1695.10 Im Inventar von 1663 werden insbesondere mehrere Ensembles von Bettdekorationen – bestehend aus Bettvorhängen, einem Betthimmel und einer Bettdecke – genannt. Sie waren jeweils aus mehreren Bahnen persischer Seidengewebe mit goldenem bzw. silbernem Grund gefertigt. In »Hertzog Christians Schlaf Cammer« befand sich zum Beispiel ein Bett, zu dem »3 stück umbheng von persianischem gezeug mit goldenem Grundt, wie auch silbernem grunde« sowie »1 Himmel, so dazu gehoret, mit gelb unnd goldenen Fransen« und »1 Decke von goldenem grundt und Bilder, Persianische Arbeit« gehörten. Im selben Schlafgemach befand sich auch »1 Tischdecke von goldenem persianischen stuck mit fransen« und »1 Tischdeck, persianisch, von goldenem stuck« sowie »2 Tischdecken von geblümeten Sammet mit Blumen uf einem weißen Grund«. In »Hertzog Moritzen Schlaf Cammer« befand sich damals eine Bettstatt zu der »2 stuck umghang von persianischen guldenen und silbernem tuch ein umb des ander« sowie »1 Himmel von selbigem tuch« und »1 bettdecke auch von selbigem tuch« gehörten.11 Die Namen dieser beiden genannten Schlafkammern beziehen sich vermutlich auf Herzog Christian von Sachsen-Merseburg (1615–1691) und Herzog Moritz von Sachsen-Zeitz (1619–1681), zwei jüngere Brüder der Herzogin bzw. seit 1659 Herzoginwitwe Maria Elisabeth.12 Sie dürften in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zeitweise zwei für sie eingerichtete Gäste-Appartements im Schloss bewohnt haben. Ein Vergleich der erhaltenen Inventare untereinander belegt, dass die textilen Dekorationen im Laufe der Zeit in andere Räume verlegt und zum Teil neu zusammengesetzt bzw. ausgebessert wurden. Dekorierten die prächtigen Samtgewebe zur Zeit Friedrichs III. vermutlich noch das Appartement des regierenden Herzogs, wurden sie unter seinem Nachfolger offenbar in weniger prominente Säle geräumt. Dabei fällt auf, dass die persischen Stoffe gegen Ende des Jahrhunderts kaum mehr als komplette mehrteilige Bettdekorationen genutzt wurden, sondern unterdessen verschiedene Gewebe miteinander kombiniert oder größere Stücke zu kleineren Stuhlbezügen verarbeitet worden waren. Im Inventar von 1695 wird stellenweise auch das inzwischen hohe Alter bzw. der schlechte Zustand der persischen Stoffe erwähnt; in »Des Churfürsten Schlaffgemach« standen 1695 zum Beispiel zwei französische Stühle »von persianischen Gold St.e [Stücke] mit Gold und silbern Spitzen besetzet, aber sehr alt«.13 Das »Herzog Moritzen Gemach« war inzwischen »mit Persianisch gestrichenen Atlas bezogen, wovon hinter dem Bette ein St. [Stück] fehlt, damit die andere St.e [Stücke] gebessert worden«.14 Vermutlich verloren die Geschenke der persischen Gesandtschaft im Verlauf der Zeit an Bedeutung, wohl auch weil nach 1639 nie wieder eine persische Gesandtschaft nach Schleswig kam und die Nachfolger Herzog Friedrichs III. nach den missglückten Verhandlungen keinen weiteren Kontakt zum persischen Reich suchten. Hinzu kommt, dass die Seidensamte mit ihren den Gewebegrund zwischen den Florpartien bedeckenden feinen silbernen bzw. vergoldeten Metalllahnen in ihrer Funktion als Dekorationstextilien im Laufe der Jahrzehnte ihren Glanz verloren. Die eingewebten Metallstreifen dürften nach einer Generation zu einem matten Grau oxidiert oder sogar ausgefallen sein. Heute finden sich in den erhaltenen Textilien nur noch Reste der originalen Metallstreifen an ehemals geschützten Partien. 10 Schleswig, Landesarchiv Schleswig-Holstein (LASH), Abt. 7, Nrn. 194, 195, 196. Diese Quellen wurden erstmals von Mogens Bencard für seinen geschichtlichen Überblick zu den später nach Kopenhagen transferierten persischen Geweben (siehe unten, S. 93–94) ausgewertet; vgl. Bencard 1995, S. 65–70. 11 LASH, Abt. 7, Nr. 194, unter Nr. 7 u. Nr. 9. 12 Vgl. Wiesinger 2015, S. 115. 13 LASH, Abt. 7, Nr. 196, Nr. 19. 14 LASH, Abt. 7, Nr. 196, Nr. 11.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 93 Unter dem Einfluss des Lichtes verblassten zudem die ehemals kräftigen Farben des Samtflors langsam zu Beigeund Brauntönen.15 Textilien aus Schloss Gottorf in Kopenhagen Nach dem Großen Nordischen Krieg (1700–1721) ging das Herzogtum Schleswig wieder in den Besitz des dänischen Königs über. Schloss Gottorf wurde in der Folgezeit als Residenz des dänischen Statthalters genutzt. Die herzogliche Kunstkammer, die Bibliotheksbestände sowie ein Großteil der mobilen Einrichtung des Schlosses wurden ab Mitte des 18. Jahrhunderts nach Dänemark überführt.16 Darunter war auch der vom persischen Gesandten anlässlich seiner Audienz am 11. August 1639 in einem samtenen Beutel überreichte Brief des persischen Schahs, der sich heute im dänischen Nationalarchiv in Kopenhagen befindet.17 Im Schloss Gottorf wurde 1848 ein Lazarett und 15 Einen Eindruck vom ursprünglichen Glanz der goldgrundigen Samtgewebe vermitteln zwei in sehr gutem Zustand in Kopenhagen erhaltene Briefbeutel, in welchen Herzog Friedrich III. 1639 zwei Briefe des Schahs empfing; vgl. Jolly/Mühlemann 2023, S. 57, Abb. 4a-b u. S. 58, Abb. 5a-b. 16 Zur Kunstkammer und Bibliothek im Schloss Gottorf vgl. Schnabel 2017. – Gundestrup 2017. 17 Vgl. Jolly/Mühlemann 2023, S. 60–61, Abb. 10–11. Abb. 2: Wandbehänge im sogenannten Tur mzimmer König Christians V. in Schloss Rosenborg, Kopenhagen, Foto um 1900. Reproduziert aus: Fredrik Robert Martin: Die Persischen Prachtstoffe im Schlosse Rosenborg in Kopenhagen, Stockholm 1901, Taf. 1. Foto: Abegg-Stiftung, Christoph von Viràg, 2022.
94 | Nordelbingen 90 später eine Kaserne eingerichtet; die Innenräume wurden ihrer neuen Funktion angepasst. Viele der persischen Seidengewebe aus Schloss Gottorf kamen bereits 1817 nach Kopenhagen und wurden in den 1830er Jahren im damals zum Museum konvertierten Schloss Rosenborg als Wandbespannung montiert. Sie dekorierten dort die Wände eines Turmzimmers im Erdgeschoss, das im Stil der Epoche König Christians V. eingerichtet war ( Abb. 2 ). Dazu wurden einige der verbliebenen Samtgewebe einmal mehr neu zusammengesetzt. Einzelne lange, zu Bögen geformte Lambrequins wurden als oberer Abschluss auf die nun zu Wandbehängen zusammengesetzten Gewebebahnen montiert. Die mit farbigen und goldglänzenden Fransenborten verzierten Lambrequins schmückten vormals in Schloss Gottorf vermutlich die oberen Kanten eines Betthimmels. Zusätzlich wurden neue seidene Fransenborten im oberen Drittel der Wandbespannung montiert. Ihr Farbton entspricht jenem des bereits verblassten Flors der gealterten Samtgewebe.18 Im frühen 20. Jahrhundert wurden die Wandbehänge in einen anderen Raum transferiert, seit 1979 werden sie im Textildepot der königlichen dänischen Sammlung aufbewahrt. Die aus Schloss Gottorf stammenden und bis heute im Besitz der dänischen Krone befindlichen persischen Samtgewebe wurden 1995 von Carol Bier in einer ausführlichen Monografie publiziert.19 Stuhlbezüge aus persischen Samtgeweben Einzelne Textilien, die 1639 mit der persischen Gesandtschaft an den Hof Friedrichs III. gekommen waren, verblieben währenddessen in Schleswig-Holstein und kehrten im frühen 20. Jahrhundert auf Umwegen nach Schloss Gottorf zurück.20 Dazu zählen zwei zweiteilige Stuhlbezüge aus gemusterten Samtgeweben, die noch im späten 17. Jahrhundert zur Schlosseinrichtung gehörten und heute zum Bestand des dortigen Museums für Kunst und Kulturgeschichte der Stiftung Schleswig-Hol steinische Landesmuseen Schloss Gottorf in Schleswig zählen.21 Die Stuhlbezüge bestehen jeweils aus einem Überzug für die Rückenlehne und einem Bezug für die Sitzfläche. Die einzelnen Teile sind mit farbigem Leinengewebe gefüttert. Auf der an einem freistehenden Stuhl sichtbaren Rückseite d es Überzugs für die Rückenlehne wurde zusätzlich ein weiteres Seidengewebe angebracht. Die Oberstoffe der Stuhlbezüge ähneln in Musterstil und Webtechnik den in Kopenhagen erhaltenen Samtgeweben, sie befinden sich im Vergleich zu Letzteren jedoch in besserem Zustand. Allerdings sind in allen Geweben nur noch wenige originale Metallstreifen im Grund erhalten; Reste davon finden sich lediglich entlang der geschützten Kanten. Die in den Inventaren genannten Fransenborten aus farbigen Seidenund vergoldeten Metallfäden, welche die Kanten der Bettund Stuhldekorationen auf Schloss Gottorf schmückten, konnten an den in Schleswig erhaltenen Stuhlbezügen ebenfalls identifiziert werden. 18 Diese späteren Fransenborten sind an einigen in Kopenhagen bewahrten rechteckigen Teilstücken erhalten. Sie bestehen aus Seidenfäden und enthalten im Gegensatz zu den Fransenborten des 17. Jahrhunderts aus Schloss Gottorf keine Metallfäden. 19 Vgl. Bier 1995. 20 Für die Möglichkeit, die im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf erhaltenen persischen Textilien zu studieren, danke ich Ulrich Schneider und Anne-Christine Henningsen sehr herzlich. 21 Schleswig, Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Inv. Nrn. 1924/4 u. 1924/5 sowie 1924/6 u. 1924/7. Von diesen wurde bisher nur ein Paar Stuhlbezüge (1924/6 u. 1924/7) publiziert; vgl. Spielmann/Drees 1997, Bd. 3, S. 270, Kat. Nr. 68, u. S. 290, Kat. Nr. 132, mit Hinweisen auf ältere Literatur. Die dort angegebene herstellungstechnische Einordnung als »Knüpftechnik« und die Materialbezeichnung »Wolle« sind nicht korrekt.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 95 Einer der erhaltenen zweiteiligen Stuhlbezüge (Abb. 3a, 3b und Abb. 4a, 4b) ist aus je einem Abschnitt eines mehrfarbigen Seidensamtes mit stilisiertem Pflanzenmuster gearbeitet und mit einem dunkelblauen Leinenstoff gefüttert. Der Sitzbezug ist aus einem kurzen Abschnitt einer Gewebebahn in ihrer vollständigen Breite (69 cm zwischen den Webkanten) gearbeitet, der Bezug der Lehne aus einem kleineren Teilstück des gleichen Gewebes. Die Rückseite der Lehne ist zusätzlich mit einem gelben Seidentaft bedeckt. Bei dem Oberstoff handelt es sich herstellungstechnisch um ein gemustertes Samtgewebe mit mehrfarbigem seidenem Flor, einem lancierten vergoldeten Metalllahn, der ursprünglich den beigefarbenen Gewebegrund bedeckte, und einem broschierten vergoldeten Metallfaden, der bis heute den Grund innerhalb der großen ovalen Blüten bedeckt (siehe die Gewebeanalyse im Anhang 2).22 Der web technische Musterrapport umfasst zwei nebeneinanderliegende, höhenversetzte Pflanzenmotive in der Breite und ein vollständiges Pflanzenmotiv in der Höhe ( Abb. 5 ). Die in sieben verschiedenen Farbtönen eingefärbten seidenen Florkettfäden wurden auf dem Webstuhl farblich sortiert in vertikalen drei bzw. acht Zentimeter breiten Streifen angeordnet. Jeder Streifen enthält jeweils drei verschiedenfarbige Florkettfäden, von denen einer immer schwarz ist. Die 22 Die hier verwendeten webtechnischen Begriffe entsprechen der im CIETA-Vokabular verwendeten Terminologie; vgl. CIETA (Centre International d’Etude des Textiles), Vokabular der Textiltechniken: https://cieta.fr/wp-content/uploads/2018/09/vokabular_deutsch_2018-1.pdf (15.10.2024). Abb. 3 a–b (oben): Bezug der Rückenlehne eines Stuhls, Schleswig, um 1640, 37 x 57 cm. Oberstoff: Gemustertes Samtgewebe, Iran, erstes Drittel 17. Jahrhundert. Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Schleswig. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Inv. Nr. 1924/6, Vorderund Rückseite. Foto: Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf. Abb. 4 a–b (unten): Sitzbezug eines Stuhls, Schleswig, um 1640, 56 x 67 cm. Oberstoff aus gemustertem Samtgewebe, Iran, erstes Drittel 17. Jahrhundert. Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Schleswig. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Inv. Nr. 1924/7: Vorderund Rückseite. Foto: Museum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf.
96 | Nordelbingen 90 Kombination der anderen Farben variiert von einem zum nächsten Streifen. Dadurch unterscheiden sich die Farben des ansonsten in gleicher Form wiederholten Pflanzenmotivs innerhalb der Breite der Gewebebahn. Während die Farben der hellblauen, himmelblauen, grünen und gelben Florkettfäden noch frisch erscheinen, sind die ehemals rosafarbenen und orangefarbenen Florkettfäden zu einem cremebzw. beigefarbenen Ton verblasst. Ihre ursprünglichen Farben sind in den von den Fransen bedeckten Randpartien noch zu erkennen. Beide Bezüge sind ringsherum mit gewebten Fransenborten aus farbigen Seidenund vergoldeten Metallfäden verziert (Abb. 6).23 Zwei kleinere Teilstücke des gleichen Samtgewebes haben sich in Kopenhagen an zwei langen Lambrequins einer ehemaligen Bettdekoration erhalten ( Abb. 7a – b ).24 Die Farben des Samtflors sind dort jedoch stärker verblasst als in den in Schleswig erhaltenen Teilstücken des gleichen Gewebes. 23 Die gewebten Fransenborten, welche an den Stuhlbezügen im Museum in Schloss Gottorf (Inv. Nr. 1924/4–5 u. Inv. Nr. 1924/6–7) sowie an den in der Royal Danish Collection in Kopenhagen bewahrten Lambrequins (Inv. Nr. 31 Rulle 3 h, i) angebracht sind, bestehen aus farbigen Seidenund vergoldeten Metallfäden, die als Kettund Schussfäden verarbeitet sind. Sie passen farblich perfekt zu den sie schmückenden Samtgeweben und dürften daher gezielt für diese Verwendung ausgewählt, wenn nicht gar eigens dafür hergestellt worden sein. 24 Kopenhagen, Royal Danish Collection, Inv. Nr. 31 Rulle 3 h, i; vgl. Bier 1995, S. 51–53, S. 83, Tab. VII. Abb. 5: Musterrapport des Samtgewebes vom Sitzbezug Inv. Nr. 1924/7. Ausschnitt aus Abb. 4a. Abb. 6: Fransenborte am Sitzbezug Inv. Nr. 1924/7. Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf, Schleswig. Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Foto: Anna Jolly, 2023.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 97 Auf der Unterseite des mit blauem Leinenstoff gefütterten Sitzbezugs ist ein schmaler Papierzettel angebracht, auf dem in Tinte »Hertzog Christians Gemach« notiert ist (Abb. 8). Diese Beschriftung erlaubt es, den vormals mit diesem Gewebe bezogenen Stuhl im Inventar der Mobilien aus dem Jahr 1695 in Herzog Christians Schlafkammer zu lokalisieren.25 Dort sind zwei Lehnund zwei Tafelstühle »mit persianischen Zeugen überzügen daran Gold und seidene Fräntzen« erwähnt.26 In den früheren Inventaren von 1663 und 1666 werden in diesem Schlafgemach noch keine Stühle erwähnt, stattdessen wurden dort damals Bettvorhänge, ein Betthimmel, eine Bettdecke sowie mehrere Tischdecken aus persischen Stoffen verzeichnet (siehe oben, S. 92).27 Das zweite Paar der im Museum für Kunst und Kulturgeschichte auf Schloss Gottorf erhaltenen Stuhlbezüge ist aus einem mehrfarbigen Samtgewebe gearbeitet, dessen Muster grüne Zypressen an einem kleinen Teich und umgeben von bunten Blütenranken zeigt (Abb. 9a, 9b und Abb. 10a, 10b).28 Auch dieses Samtgewebe weist einen seidenen Flor und feine Metallstreifen im Grund auf, mit dem Unterschied, dass die eingewebten Metalllahne in diesem Fall silberfarben sind (siehe die Gewebeanalyse im Anhang 2). Wie im oben beschriebenen Samtgewebe wurden auch hier die Florkettfäden auf dem Webstuhl in dreifarbigen vertikalen Streifen angeordnet. Die Gewebebreite und die Musterkomposition mit jeweils höhenversetzt wiederholten Motiven entsprechen ebenfalls dem Samtgewebe des anderen Stuhlbezugs, und der webtechnische Musterrapport erscheint auch hier drei Mal innerhalb der Gewebebreite. Der Sitzbezug ist mit einem blassrosafarbenen Leinenstoff gefüttert. Der Überzug der Rückenlehne ist hingegen aus zwei zusammengesetzten Abschnitten eines gemusterten Seidengewebes mit kleinen Tierund Blumenmotiven gearbeitet ( Abb. 11 ). Die Rückenlehne und die ausgesparten Ecken des Sitzbezugs sind auf der Vorderseite mit gewebten Fransenborten aus gelben und weißen Seidenfäden verziert ( Abb. 12 ). Leider ist auf der Rückseite des Sitzbezugs kein Hinweis auf seinen ehemaligen 25 Mogens Bencard vermutete bereits diesen Zusammenhang; vgl. Bencard 1995, S. 67, 69, u. S. 75, Anm. 28. 26 LASH, Abt. 7, Nr. 196, unter Nr. 9. 27 LASH, Abt. 7, Nr. 194 u. Nr. 195, jeweils unter Nr. 7. 28 Die auf den Fotos der Vorderseite des Sitzbezugs sichtbaren horizontalen schwarzen Linien sind oberflächliche Verschmutzungen. ↑ Abb. 7a: Lambrequin einer ehemaligen Bettdekoration (Ausschnitt), Schleswig, um 1640. Oberstoff: Gemustertes Samtgewebe, Iran, erstes Drittel 17. Jahrhundert. Kopenhagen, The Royal Danish Collection, Schloss Rosenborg, Inv. Nr. 31 Rulle 3 h. Foto: The Royal Danish Collection, Berit Møller. ← Abb. 7b: Samtgewebe am rechten Rand des Lambrequins, Ausschnitt aus Abb. 7a. The Royal Danish Collection, Schloss Rosenborg, Inv. Nr. 31 Rulle 3 h. Foto: The Royal Danish Collection, Berit Møller.
104 | Nordelbingen 90 heute zur Sammlung der Dänischen Krone zählt ( Abb. 16 ).51 Die beiden Gewebe sind in ihrer webtechnischen Struktur identisch, sie unterscheiden sich lediglich in der Farbe der Seidenfäden, die für die Hauptkette und den Grundschuss verwendet wurden. Im Schleswiger Gewebe sind sie beide grün und in dem in Kopenhagen bewahrten Gewebe beide schwarz. Ursprünglich dürfte es sich bei dem heute in Form einer Decke in Schleswig erhaltenen Textil um eine mindestens drei Meter lange Gewebebahn gehandelt haben. Später wurde die Gewebebahn zu einer Decke verarbeitet; dazu wurde sie horizontal in zwei Teile zerschnitten und die Webkanten wurden entfernt. Eine der Hälften wurde dann noch einmal längs durch die Mitte zerschnitten und die daraus resultierenden Streifen links und rechts an die in der Mitte platzierte komplette Gewebebahn angesetzt. Dabei wurden die einzelnen Abschnitte entlang ihrer seitlichen Kanten auf versetzter Höhe so aneinandergefügt, dass die Figuren entlang der Nähte nicht gespiegelt direkt nebeneinanderstehen. Das Gewebemuster setzt sich so scheinbar nahtlos über die Breite der Decke fort. Die obere linke und rechte Ecke der Decke wurden in einer Rundung ausgeschnitten, möglicherweise um ihre Form dem Möbelstück, auf dem sie zu liegen kam – denkbar wäre ein Bett mit Pfosten am Kopfende – anzupassen. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden die Fehlstellen in den oberen Ecken mit kleinen Abschnitten des gleichen Stoffes wieder geschlossen, wobei die Fragmente in diesem Fall ohne Rücksicht auf die Richtung des Gewebemusters eingesetzt wurden. Sämtliche heutigen Nähte der Decke wurden mit einer Nähmaschine, also frühestens im 19. Jahrhundert, ausgeführt. Lampasgewebe mit figürlichen Darstellungen und farbigem Atlasgrund wurden im persischen Reich überwiegend im 16. Jahrhundert hergestellt. In späteren Jahrhunderten wurden andere Web51 Kopenhagen, Royal Danish Collection, Inv. Nr. 31 Rulle 3 n, o (2 Gewebebahnen); vgl. Boisen 1971, S. 129, Abb. 5. – Jensen 1987, Abb. 31, S. 112, Kat. Nr. 233. Abb. 15: Musterrapport des Lampasgewebes Inv. Nr. 1925/161, Ausschnitt aus Abb. 13.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 105 strukturen – insbesondere sogenannte Schuss-Kompositbindungen – bevorzugt. Das Lampasgewebe mit grünem Atlasgrund und einer Darstellung von georgischen Gefangenen wie auch das webtechnisch identische, heute in Dänemark bewahrte Lampasgewebe mit schwarzem Atlasgrund (Abb. 16) dürften demgemäß bereits im späten 16. Jahrhundert und damit einige Jahrzehnte vor der Reise der persischen Gesandtschaft nach Schleswig hergestellt worden sein. Es mag zunächst verwundern, dass zu den Geschenken der persischen Gesandtschaft auch solche Seidengewebe zählten, die damals bereits mindestens 40 Jahre alt waren. Denkbar ist, dass Schah Ṣafī I. von der Größe der nach Isfahan gereisten schleswig-holsteinischen Gesandtschaft und deren ehrgeizigen – wenngleich letztlich unerreichten – Zielen, beeindruckt war. Vermutlich konnte er die geopolitische Bedeutung des schleswig-holsteinischen Hofs nicht recht einschätzen. Der persischen Tradition folgend, gab er seinen auf einen Gegenbesuch nach Schleswig geschickten Gesandten daher möglichst viele kostbare Geschenke mit. Gemusterte Seidengewebe zählten damals zu den wertvollsten Produkten, die im Iran hergestellt wurden. Doch ihre Herstellung nahm mehrere Monate in Anspruch. Daher musste Schah Ṣafī I. offensichtlich auch auf die in seiner fürstlichen Schatzkammer aus der Zeit seines Vorgängers Schah Abbās I. (reg. 1587–1629) erhaltenen Luxusgewebe zurückgreifen. Unter Schah Abbās I. entstanden im Auftrag des fürstlichen Hofs besonders aufwendig gemusterte und mit kostbaren Materialien gewebte Seidenstoffe. Dazu zählten neben Samtgeweben mit Goldund Silbergrund auch figürliche Lampasgewebe. Der ursprüngliche Empfänger und die frühere Verwendung des Seidengewebes sind nicht belegt. Mit seinem glatten Atlasgrund könnte es zu jenen dem Herzog geschenkten Gewebebahnen gehört haben, die im Bericht der ›Neuen Zeitung‹ von 1639 als »gläntzend Seidenzeug, dem Atlas gleich« bzw. als »allerhand Farben mit sonderlichem Muster Seidenzeug sehr gläntzend« beschrieAbb. 16: Lampasgewebe mit schwarzem Atlasgrund und figürlichem Muster, 267 x 72 cm, Iran, 16. Jahrhundert, Ausschnitt. The Royal Danish Collection, Schloss Rosenborg, Inv. Nr. 31 Rulle 3 n. Foto: The Royal Danish Collection, Berit Møller.
106 | Nordelbingen 90 ben wurden.52 Zu den Raumbezeichnungen im Inventar der Mobilien im Schloss Gottorf von 1663 zählt »Der grüne Sahl«, in dessen zugehöriger Cammer damals eine Bettausstattung mit »3 stuck umbheng von grünen damasch verblumet« sowie »1 Himmel von selbigem« und »1 Bettdecke von verblumeten grünen damsch« gehörten.53 Im Inventar von 1666 sind »In Ihr. Hochfürstl. Durchl. Schlafkammer« unter anderem »1 gantz großes Frantzösisches Bett, mit grünem Dammasch, 1 grüne Tischdecke mit gelben Blumen, 1 große und 2 kleine grün Dammaschen Tischdecken« erwähnt.54 Vielleicht stammt die erhaltene Decke aus diesem Zusammenhang. Was der Verfasser des Inventars unter »damasch« [i.e. Damast] verstand, ist unklar; doch der Glanz des grünen Atlasgrundes des erhaltenen Lampasgewebes ist durchaus mit jenem von Damastgeweben, die meist ebenfalls in Atlasbindung gewebt sind, zu vergleichen. Die Bedeutung von Stoffbezeichnungen wandelte sich im Lauf der Zeit, so dass wir heute in den meisten Fällen nicht mehr genau nachvollziehen können, welche Art von Stoff mit einem bestimmten Begriff gemeint war. Gleichwohl konnte die heute im Museum in Schleswig erhaltenen Decke bisher nicht mit Sicherheit mit einem der in den Schlossinventaren des 17. Jahrhunderts aufgelisteten Textilien identifiziert werden. Daher soll hier zum Schluss noch eine alternative These zur Provenienz dieses Seidengewebes vorgebracht werden: Es könnte sich um eines jener diplomatischen Geschenke handeln, die nicht für den Herzog bestimmt waren, sondern einem seiner Gesandten in Isfahan überreicht worden waren. Olearius berichtet, dass bei ihrem Abschied vom persischen Hof jeder Gesandte neben einem Pferd und zwei persischen Ehrenroben auch »105 Stück allerhand seiden Zeug, als Atlas, Damasch, Darai, oder Doppelttafft, Item Cattun und dergleichen, funffzehnerley Sorten« erhielt.55 Das Lampasgewebe mit Atlasgrund könnte zu den hier als »Atlas« bezeichneten Geweben gezählt haben. Möglicherweise lag in der Wahl eines Seidengewebes mit der Darstellung von Gefangenen eine diskrete Botschaft an den Empfänger des Geschenks. Safawidische Herrscher setzten mit ihren diplomatischen Geschenken an europäische Besucher und ferne Fürsten mitunter bewusst subtile Zeichen. Der Samtbeutel, in den der Brief von Schah Ṣafī I. an Herzog Friedrich III. gehüllt war, zeigt zum Beispiel ein Muster mit einem Falkner. Er dürfte damit eine für die holsteinischen Gesandten während ihres Aufenthaltes in Isfahan veranstaltete Falkenjagd in Erinnerung gerufen haben.56 Mit solchen diplomatischen Andeutungen stand Schah Ṣafī I. in einer Tradition, die schon sein Vorgänger gepflegt hatte. So ehrte Schah Abbās I. den venezianischen Dogen Marino Grimani (reg. 1595–1605), indem er ihm im Jahr 1603 durch seinen Gesandten ein persisches Samtgewebe mit einer Darstellung der Jungfrau Maria mit ihrem Kind als Geschenk überreichen ließ.57 Vielleicht zeugt das Geschenk des Lampasgewebes mit einer Darstellung von Gefangenen vom Unmut des Schahs gegenüber dem Hamburger Kaufmann und Holzhändler Otto Brüggemann, der neben Philipp Crusius als zweiter offizieller Gesandter des schleswig-holsteinischen Hofs nach Persien gereist war. Brüggemann fiel während seines Aufenthaltes in Isfahan durch sein lasterhaftes, unehrliches und zum Teil sogar brutales Verhalten auf. In seinem Schreiben an Herzog Friedrich III. wies der Schah höflich darauf 52 Relation 1639, S. 5. 53 LASH, Abt. 7, Nr. 194, unter Nr. 35. 54 LASH, Abt. 7, Nr. 195, unter Nr. 1. 55 Vgl. Olearius 1647, S. 409. – Olearius 1656, S. 533. Im Unterschied zu Herzog Friedrich III. erhielten die Gesandten ihrem geringeren Status entsprechend keine Samtgewebe mit Goldbzw. Silbergrund, sondern in erster Linie Flachgewebe. 56 Vgl. Jolly/Mühlemann 2023, S. 65–66. 57 Vgl. Casale 2015, S. 637–639. – Guliyev 2023, S. 34–35. Das Muster des Samtes ist eingewoben und nicht gestickt, wie in den zitierten Literaturstellen erwähnt.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 107 hin, dass er sich wünsche, in Zukunft »liebreiche« Gesandte aus Holstein empfangen zu dürfen, so wie er seinerseits auch angenehme Gesandte schicken wolle.58 Vor diesem Hintergrund wäre es denkbar, dass das Lampasgewebe zu jener Gruppe von Textilien gehörte, welche Otto Brüggemann beim Abschied vom fürstlichen Hof in Isfahan als persönliche Geschenke erhielt. In der zweiten Ausgabe seines Reiseberichtes fügte Olearius dem Bericht über die den Gesandten überreichten Geschenke hinzu, dass das Pferd, welches Brüggemann erhielt, nicht gesund war.59 Gemäß der 1639 erschienenen Flugschrift nahm Otto Brüggemann außerdem zwei junge Dienstmägde aus Persien mit, die er bei seiner Rückkehr nach Schleswig dem Herzog überließ.60 Das Seidengewebe mit der Darstellung von zwei gefangenen georgischen Damen, wie auch das kranke Pferd, könnten Brüggemann als diskrete Verwarnung gegolten haben. Sein unehrenhaftes Verhalten während des Aufenthaltes am persischen Hof wurde Brüggemann schließlich zum Verhängnis, weil er persönlich für den Misserfolg der Gesandtschaft und den immensen damit verbundenen finanziellen Verlust verantwortlich gemacht wurde. Einige Monate nach der Rückkehr der Gesandtschaft nach Schleswig wurde Otto Brüggemann zum Tode verurteilt und am 5. Mai 1640 hingerichtet.61 Nach Brüggemanns Tod könnte seine in Hamburg lebende Familie das in seinem Besitz verbliebene persische Lampasgewebe dem bei Hamburg gelegenen Kloster Uetersen gestiftet haben.62 Fazit Seidene Textilien mit figürlichen oder floralen Mustern zählen zu den kostbarsten kunstgewerblichen Produkten, die im Iran des 16. und 17. Jahrhunderts hergestellt wurden. Persische Schahs der Safawiden-Dynastie setzten sie daher gezielt als diplomatische Geschenke an ferne Fürsten und ausländische Gesandte ein. Die im Jahr 1639 nach Schleswig-Holstein gelangten Seidengewebe sind herausragende Beispiele persischer Webkunst und auch durch ihre gut dokumentierte Provenienz für die Geschichte der textilen Künste von hoher Bedeutung. Während die später aus Schloss Gottorf nach Kopenhagen transferierten Seidengewebe von der textilhistorischen Forschung bereits gut aufgearbeitet worden sind, erhielten die in Schleswig-Holstein verbliebenen Einzelteile bisher kaum Beachtung. Sie sind jedoch keinesfalls von geringerer Bedeutung, zumal sie in erfreulich gutem Zustand erhalten sind. Es sind die wenigen an ihrem Bestimmungsort erhaltenen Zeugnisse der vor knapp vierhundert Jahren in großer Zahl an den schleswig-holsteinischen Hof gelangten Geschenke des persischen Schahs. 58 Vgl. Olearius 1647, S. 540. 59 Vgl. Olearius 1656, S. 533. 60 Vgl. Relation 1639, S. 6. 61 Vgl. Olearius 1647, S. 541–546. – Olearius 1656, S. 765–778. 62 Bisher konnte für den Eingang des Gewebes ins Kloster Uetersen kein Beleg oder Datum gefunden werden; vgl. Lühning 2003, S. 50–51.
108 | Nordelbingen 90 Anhang 1: Die Relation von 1639 In deutschen Bibliothekskatalogen wird diese in mindestens vier Exemplaren erhaltene Druckschrift unter dem übergreifenden Gattungsbegriff der Flugschrift verzeichnet.63 Sie entspricht in Form, Umfang und Inhalt den in der jüngeren Literatur als ›Neue Zeitung‹ bezeichneten Druckschriften.64 Die seit dem 16. Jahrhundert nachweisbaren, in Auflagen von wenigen hundert Exemplaren gedruckten sogenannten Neuen Zeitungen enthielten Berichte über zeitgeschichtliche Ereignisse und erschienen jeweils in einer einmaligen Ausgabe. Im Laufe des 17. Jahrhunderts wurden sie von periodischen, also fortlaufend in regelmäßigen Zeitabständen erscheinenden Zeitungen verdrängt. Die im Folgenden transkribierte ›Neue Zeitung‹ ist ein achtseitiges Quartformat (H. 19,5 cm; B. 14,5 cm). Auf dem Titelblatt steht das Publikationsjahr, jedoch kein Publikationsort ( Abb. 17 ). Das für diese Studie in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel konsultierte Exemplar befindet sich seit spätestens 1651 in der Bibliothek ihres Gründers Herzog August d. J. zu Braunschweig-Lüneburg.65 Der durch die Relation noch im selben Jahr verbreitete Bericht des im August 1639 erfolgten Besuchs der persischen Gesandtschaft in Schleswig vermittelt einen lebhaften Eindruck von diesem spektakulären Ereignis. Diese Quelle wurde von der Olearius-Forschung bisher kaum beachtet.66 Sie ergänzt die durch Olearius’ Reisebericht von 1647 bzw. 1656 und seine Holsteinische Chronik von 1663 überlieferten Informationen zum Besuch der persischen Gesandtschaft in der Residenzstadt durch eine genauere Schilderung der zeremoniellen Abläufe und der daran beteiligten Amtspersonen.67 Zudem enthält er überaus interessante – zum Teil auch amüsante – Beobachtungen zur Kleidung und zum Verhalten der persischen Gesandten in der Fremde. Er bietet damit auch für die Forschung zum höfischen Zeremoniell, insbesondere bei interkulturellen Begegnungen, sowie zur Geschichte der diplomatischen Geschenkkultur eine ungewöhnlich detailreiche Schilderung.68 Die vorliegende kommentierte Transkription enthält zur besseren Lesbarkeit folgende Anpassungen an die moderne Rechtschreibung: Die im Original mit übergestelltem kleinen ›e‹ gekennzeichneten Vokale ›a‹, ›o‹ und ›u‹ wurden zu den modernen Umlauten ›ä‹, ›ö‹ und ›ü‹ verändert. Der Buchstabe ›w‹ wurde wo angemessen zu ›u‹ verändert. Das einem ›i‹ entsprechende ›y‹ wurde ebenfalls modernisiert. Die sogenannten Virgeln (Schrägstriche zwischen zwei Wörtern als Vorläufer des Kommas) wurden durch Kommas ersetzt. Das anstelle eines einfachen ›s‹ verwendete ›ß‹ wurde durch ein ›s‹ ersetzt. Das an manchen Stellen verwendete Abkürzungszeichen in Form eines Überstrichs oder einer Tilde wurde aufgelöst. 63 Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Ue 2378. – London, British Library, G.6767.(7.). – Passau, Staatliche Bibliothek, S nv/Mb (b) 23. – Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, A: 32.18 Pol. (21). Das Exemplar in Passau liegt auch als Digitalisat vor: https://mdz-nbn-resolving.de/details:bsb11343254. 64 Zur Entstehung und Verbreitung der sogenannten ›Neuen Zeitungen‹ vgl. Lang 2011. – Wilke 2021. 65 Die Flugschrift ist im sogenannten Bücherradkatalog der Herzog-August-Bibliothek von 1651/52, S. 4015, verzeichnet. Diese Information verdanke ich Felix Kommnick. 66 Dieter Lohmeier erwähnte die Flugschrift lediglich in einer Fußnote in seinem Nachwort zum Reisetagebuch des Adam Olearius; vgl. Lohmeier 1971, S. 26, Anm. 92 . 67 Vgl. Olearius 1647, S. 539–542. – Olearius 1656, S. 762–765. – Olearius 1663, S. 248–253. 68 Interkulturelle Begegnungen und Audienzen wurden in der jüngeren Forschung zur Kulturgeschichte der Diplomatie in der frühen Neuzeit eingehend untersucht, vgl. zum Beispiel Baller et al. 2008; Burschel/Vogel 2014.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 109 Transkription [S. 1] Relation, Oder Eigentliche Erzehlung, aus Gottorff, Welcher Gestalt der Persianische Legat aus der Königlichen Haupt-Stadt Hispahan, welche bei sechzehenhundert Teutscher Meil Wegs von hinnen gelegen, zusampt denen in Anno 1635 im Monat Octobris, von Ihrer Fürstl. [Fürstlichen] Gn. [Gnaden] dahin abgefertigte an Personen starcke Legation, nach vollendeter weiten Reise anhero, widerumb glücklichen anund zu Hauskommen, empfangen worden.69 Nebenst angehengten zweien Brieffen, so der König in Persien an den Groß-Fürst in Rußland abgehen lassen. Im Jahr, M. DC. XXXIX. 69 Adam Olearius beschreibt die Ankunft der persischen Gesandtschaft und des Moskauer Gesandten in Schleswig ebenfalls, wenngleich nicht ganz so detailreich, in seinem Reisebericht sowie in seiner Chronik; vgl. Olearius 1647, S. 539–540. – Olearius 1656, S. 762–763. – Olearius 1663, S. 248–249. Abb. 17: Relation, Oder Eigentliche Erzehlung, aus Gottorff […], 1639, Titelblatt. Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, 32.18 Pol. (21). Foto: Herzog-August-Bibliothek, Wolfenbüttel.
110 | Nordelbingen 90 [S. 2] Nach deme die Königliche Persianische, neben der Mußkowitischen darzu gethanen Bottschafft mit Ihr. Fürstl. Gn. des Hertzogen von Holstein nunmehr bey die vier Jahr abgegangenen Legatis eine zeitlang zu Revel in Lieffland, und hernach in Riga sich etliche Zeit, bis so lange ihnen Schiffe von Lübeck entgegen geschicket auffgehalten, und folgends auff Trawemünde, von dannen nacher der Stadt Kyl glücklich übergebracht worden und angelanget, allda sie etliche Tage ausgeruhet und stille gelegen, und wol tractiret worden. So haben den 7. Augusti Ihre Fürstl. Gn. Hertzog Friderich Ihre Infanterie zu der jetzt gedachten Herrn Gesandten Ankunfft vorhero Mustern, auch ihre löbliche Landschafft in grosser Anzahl verschreiben lassen, die sich auffs stattlichste erzeiget. Darauff den 8. Augusti umb Morgenszeit 2000 zu Fuß, und zwo starcke Compagnien zu Pferde unter zween Rittmeistern den von Brockdorff und Alefeld,70 nicht allein absonderlich dem obgedachten Persianischen Gesandten auff eine halbe Meile von hier entgegengeschickt, sondern seyn auch darauff in einer prächtigen Ordnung Ihrer Fürstl. Gn. Herrn Räthe und Hofdiener, alle in schwartzen Trauerkleidern, wegen Ihr. Fürstl. Gn. Frau Mutter Todt,71 mit einem herrlichen Comitat der Holsteinischen Ritterschafft gefolget, darunter waren zwey köstliche Pferde, als ein Rappe, mit Perlen und Golde gesticktem Sattel und Zeug wie auch mit Kleinodien behengt, jedoch alles wegen der angedeuten Traurung mit schwartzen Lampers überzogen,72 und ward das eine Pferd auff 20000 das ander auff 60000 Reichsthaler, zusampt den köstlichen Kleinodien geschätztet. Item, drei überprächtige Kutschen, jede mit sechs Pferden, darunter der mit sechs schwartzen Rappen, mit Venetianischen schwartzen glatten Sammet und güldenen Posementen, und auch die Zeuge mit güldenen Pockeln beschlagen, und die Kutscher mit Sammeten Röcken bekleidet gewesen, wie auch die Wagen mit güldenen Pockeln beschlagen waren, drauff die Gesandten mit ihrem Comitat zu setzen. In offenem freien Felde ist die Empfahung geschehen, und hat der Amptmann Jörgen von der Wische zur guten Glückwünschung die Oration gethan.73 Nach beschehener Antwort durch den Dolmetscher ist der Persianische Gesandte zwischen dem Herrn Amptman, und dem Legato Brüggemann geritten,74 und haben die andern sich in die vorgedachte Wägen gesetztet, seind also in solcher Pracht in ein dazu wol zugerichtes Logier gebracht worden, da alsobald die Musquetirer zweimal Salve geschossen, bald darauff seind 32 Canonschüsse alle scharff geladen, gethan worden, wie dann auch des Gesandten Dame in einem verdeckten Wagen mit vier verschnittenen Knaben, nach ihrem Gebrauch unterm verdeckten Himmel geführet, daß sie niemand zu sehen bekommen,75 in dasselbe Losament bracht, wo selbsten so viel Volcks allenthalben versamlet, daß man sich kaum kundte durchdringen. 70 Die Adeligen Hinrich von Brockdorff (1600–1671) und Friedrich von Ahlefeldt (1618–1664) waren Amtmänner am Hof Herzog Friedrichs III.; vgl. Bischoff 1996, S. 157 u. 161. Hinrich Brockdorff befehligte seit 1625 als Rittmeister die schleswigsche Kompanie des Roßdienstes der Ritterschaft. 71 Die Mutter Herzogs Friedrich III., Herzogin Augusta von Schleswig-Holstein-Gottorf (1580–1639), war am 5. Februar 1639 verstorben. 72 Die Bedeutung des Begriffs ›Lampers‹ konnte nicht festgestellt werden. Vermutlich handelt es sich dabei um eine Stoffgattung. 73 Der Amtmann Jürgen von der Wisch (1594–1649) leitete von 1632 bis 1646 das Residenzamt; vgl. Bischoff 1996, S. 236. 74 Der Hamburger Holzhändler Otto Brüggemann war neben Philipp Crusius als zweiter Gesandter mit der schleswig-holsteinischen Gesandtschaft nach Persien gereist; siehe obe n, S. 106–107. 75 Olearius berichtet in seiner Chronik ergänzend dazu: »Der Persische Gesandte führete eine von seinen Frauen, die er zu Astrachan von einem Tartar, ihrem Bruder, erhandelt hatte, mit sich. Damit sie nun beim Einzuge von niemand, ihrem Gebrauch nach, gesehen wurde, ließ er vom Wagen biß zur Thür des Hauses 2 Zeltwende ziehen, zwischen welchen sie verdeckt hingehen mußte. Gab auch nicht zu, daß so lange er sich in Holstein auffhielt, Sie von jemand, ausser seinem verschnittenen Kammerdiener mit seinem Willen gesehen würde. Sie aber ließ sich doch ihm umwissend offt durchs Fenster sehen.«; vgl. Olearius 1663, S. 249–250 .
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 111 [S. 3] Den 9. Augusti ward der Russische, oder Mußkowiterscher Gesandter, welcher 12 Personen starck, durch die Ritterschafft und etlichen Kutschen mit 6 Pferden und also nicht so starck, wie der Persianer,76 gleichwol von einer sehr prächtigen und ansehlichen Begleitung auch eingeholet, dem auch ein trefflich wol ausgeputztes Pferd, nemlich ein Fuchs darauff zu reiten, nebenst einer stattlichen Carossen, zu fahren, wie es ihm geliebte praesentiret ward, welches er sich doch geweigert und ist also auff seinem eigenen Russischen oder Tartarischen Pferd zwischen der Ritterschafft eingeritten. Deme das Kratzensteinische Regiment von 1000 Musquetirern an zwei Seiten abgetheilet, auffgewartet, daß er dazwischen bis in sein Losament durchgeritten, und allda eingeführet worden. Den 10. Augusti hat man den Abgesandten beiderseits Ruhe gelassen, ist ihnen aber doch sehr fleissige und ansehliche Auffwartung geschehen. Den 11. Augusti schickten Ihre Fürstl. Gn. vom Schloß hinunter zu dem Persianischen Gesandten ihren Marschalck sampt der Ritterschafft,77 denselben zur Audientz auffzuholen, darzu denn drei schöne Reitpferde, als ein Rappe und zween Füchse, die abermals mit schönen Kleinodern und andern vergüldete Zierath mehr als auff 130000 Reichsthaler werth ausgebutzt, daneben drei stattliche und mit Sammet und güldenen Borten ausgekleidete Kutschen, jede mit sechs Pferden verordnet waren. Hat sich also der Abgesandte hinten allein in den ersten Wagen, mit gedoppeltem Rocke von güldenen Stücken, einen köstlichen Bund auff seinem Häupte tragend,78 gesetzet, forne und an beiden Seiten setzeten sich zu ihm drei Persianer von seinen Fürnemsten, hatten kniend die Angesichter zu ihme gekehret mit grosser Reverentz, gleich als wann sie ihne hätten angebetet, und gieng die gantze Ritterschafft voran, denen der Marschalck in der Kutschen folget. Vor des Gesandten Wagen aber ritte ein stattlich gekleideter Persianer, der einen grossen Brieff an Ihre Fürstl. Gn. Haltend, in einen schönen Tafet gefasset,79 mit ausgestreckten Armen trug: Neben deß Gesandten Wagen auff jeder Seiten ritten zween Persianer, die kleine blancke auffgerichtete Handbeile führeten und musten zwischen der Soldatesca, die von des Gesandten Losament bis an die Oberpforte des Schloßthors beiderseits in vollem Gewehr geordnet war, durchziehen und fahren. Zween Persianer ritten auff den Fürstl. Pferden stracks hinter des Abgesandten Wagen her, so aber vor der Oberpforten des Schlosses abgestiegen, und die Pferde von sich gaben: Auff die andern beyde Wagen jede mit 6 Pferden, sassen des Gesandten nehesten Räthe. Von dem Thor durch den Platz bis an den Windelstein zu Ihr. Fürstl. Gn. Gemache stunden eitel Trabanten mit Helleparten, und wie vor der Treppe der Gesandte abge76 Olearius berichtet, dass die persische Gesandtschaft 24 Personen und damit doppelt so viele Personen wie jene der Moskauer Delegation umfasste; vgl. Olearius 1663, S. 249. 77 Hofmarschall auf Schloss Gottorf war zu jener Zeit der einem pommerschen Adelsgeschlecht entstammende Dionysius von Podewils (1590–1647); vgl. Andresen/Stephan 1928, Bd. 1, S. 88. 78 Der persische Gesandte trug zur Audienz offenbar ein Gewand aus Goldstoffen und einen Turban. Olearius liefert eine genauere Beschreibung des Turbans in seinem Reisebericht; vgl. Olearius 1647, S. 539. – Olearius 1656, S. 763. 79 Der textile Briefbeutel sowie das darin enthaltene Kreditivschreiben des persischen Gesandten wurden nach der Audienz in der Bibliothek des Gottorfer Schlosses verwahrt; vgl. Olearius 1663, S. 252. In späterer Zeit kamen sie nach Kopenhagen, wo sie bis heute im Designmuseum bzw. im dänischen Nationalarchiv bewahrt sind; vgl. Jolly/Mühlemann 2023. Entgegen der Aussage der Flugschrift handelt es sich beim Stoff des Briefbeutels nicht um einen Taft, sondern um einen Seidensamt mit Goldgrund. Eine präzisere Beschreibung des Briefbeutels liefert Olearius in seinem Reisebericht; vgl. Olearius 1647, S. 539. – Olearius 1656, S. 763. In seiner Chronik beschreibt Olearius auch den an den Herzog gerichteten Brief, einschließlich der in Goldfarbe notierten persischen Wörter für ›Christi‹ und ›Christen‹; vgl. Olearius 1663, S. 250–251.
112 | Nordelbingen 90 stiegen, ward Er alsbald durch den Herrn Marschalck auff den Fürstlichen Saal geführet,80 da ihme dann Ihre Fürstl. Gn. neben dem Hertzog Albrecht von Sachsen Lauenburg81 sehr freundlich empfangen haben. Nach gehaltener Audientz, und wie der Legatus sein Gewerbe abgelegt welches sich mit den Ceremonien wol über ein Stund verzogen, ist Er zur öffentlichen Tafel begleitet, da Er dann sich zimlich lustig und frölich so wol in Geberden als Gespräch bezeuget, welches doch alles durch einen Interpreten oder Dolmetscher [S. 4] geschehen müssen: Derowegen dann I. Fürstl. Gn. einen Griechen, so mit ihnen Persianisch und Türckisch reden kunte, bey sich stehend hatten: Ingleichem hatte der Persianisch Gesandter auch einen Dolmetscher bei sich, der auff Teutsch reden und alles auslegen kunte, was die eigentliche Meinung der Discursen. Es wurden die Zeit über in 30 Gesundtheiten getruncken, und dann allemal ein Schuß aus den Canonen gethan. Der Gesandte aber tranck weder den Spanischen noch Rheinischen Wein, entschuldigte sich höflich, wie ihme der Spanische gar zu süß, und der Rheinische wegen des Magens nicht wol bekäme, weil sie auch ohne das keinen Wein in Persien ihres Gesetzes halber trincken, als ward ihm ein ander Geträncke von Rheinischen Brandwein mit Muscaten, Ingwer und Zucker, abgezogener köstlicher Extract gemachet, daß Er wol ein halb Stübichen82 davon die Zeit über genossen, bis gegen 5 Uhr, da Er alsdann seinen Abschied genommen, Ist wider von obgedachten Fürstl. Personen bis an die Thür der Stiegen über den Saal begleitet worden, in die Kutsche gesessen, und haben ihn die von der Ritterschafft bis in sein Losament wider begleitet, daß alles sehr frölich anzusehen gewesen. Den 12. Augusti ward der Russische Gesandte von Ih. Fürstl. Gn. auch zur Audientz gebeten welcher zwar eben auff dieselbe Art, wie der Persianische gen Hof auffgeholet ward, aber wolte sich in keiner andern Gelegenheit sehen lassen, sondern ritte auff seinem eigenen Schimmel und wol ausgeputzten Türckischen Roß, führete zugleich mit die Praesenten vor seine eigene Person, und ließ einen grossen Brieff an I. F. Gn. voran tragen, und ward dabei geführet ein schön Russisch Pferd, mit einer stattlichen Decke, wie dann auch der Zeug mit dem Zaum und Hauptgestelle, mit seinen subtilen Golde gar artlich beschlagen war, ließ daneben einen grossen Köcher voller schöner Pfeilen mit einem starcken wolgemachten Bogen nachtragen.83 Item 2 Zimmer köstliche Zobeln und andere Rariteten des Orts. Nach gehaltener Audientz ward Er auch zur Fürstl. Tafel geführet, da dann ebenmässig viel Gesundheiten getruncken, und allemal die Canonen zimlich stark geladen und gelöset wurden, deme mit Trincken sehr viel zugesetzet ward: Wie Er sich nun zimlich Truncken befand, und Abschied von I. F. Gn. nemen wollte, ward ihme ein sehr köstlicher Wagen mit sechs Pferden, und dabei ein schönes muthiges Fürstlich Pferd vorgezogen, drauff Er saß, aber weil Er des Türckischen abgerichteten Pferdes Gemüt, und dessen, wie es nach dieser Art abgerichtet war, nicht gewohnet, begunte Er das Pferd zu Pickieren, und in deme ers nach seiner Art zu hart angriffe, stürtzete das Pferd mit ihme über einen Hauffen auff das Pflaster, Wie ihme nun das Pferd auff dem lincken Schenckel lage, und eine starcke Stimme von sich gab, lieffen die Adelspersonen 80 Da sich keine Grundrisse des Gottorfer Schlosses aus dem 17. Jahrhundert erhalten haben (vgl. Wiesinger 2015, S. 113), konnte nicht abschließend geklärt werden, über welchen Treppenturm der persische Gesandte geführt wurde und in welchem Saal die Audienz stattfand. Es ist jedoch möglich, dass die Audienz im damals ›Grüner Saal‹ oder ›Kirchsaal‹ und heute ›Hirschsaal‹ genannten Saal stattfand. Dieser war nach dem Tanzsaal der zweitgrößte Saal des Schlosses; vgl. Wiesinger 2015, S. 125–126. Hier empfing Herzog Friedrich III. im Jahr 1654 auch eine schwedische Gesandtschaft; vgl. Olearius 1663, S. 311. Für diese Hinweise danke ich Anja Wiesinger sehr herzlich. 81 Gemeint ist hier vermutlich Herzog August von Sachsen-Lauenburg (1577–1656), Ehemann von Elisabeth Sophie (1599– 1627), Schwester Herzogs Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf, und damit ein Schwager des Herzogs. 82 Altes deutsches Hohlmaß für Flüssigkeiten; vgl. Grimm 1854–1960, Bd. 20, Sp. 155. In Hamburg enthielt ein Stübchen 360 cl; vgl. Chelius 1830, S. 178. 83 Bei dem russischen Gesandten handelte es sich um Aleksey Savvich Romanchukov; vgl. Shorokhov et al. 2018.
A. Jolly: Fürstliche Geschenke | 113 alsbald Hauffenweis zu, grieffen das Pferd an, und rücktens ihm vom Leibe, daß Er wider auff die Bein kam, nichts weniger, erhub Er sich wider auffs Roß gegen der vom Adel Willen, und tummelte damit den Hof hinunter über die lange Brücke bis in sein Losament, dahin ihn auch der gantz Fürstliche Comitat mit guter Sorgfalt begleiteten: Ward auch des folgenden Tags fleissig besuchet, und geschahe ihm viel gute Auffwartunge. [S. 5] Den 14. Augusti hat der Persianische Gesandte zur Oblation seiner Praesenten, so Er bei sich hatte, gegen I. F. Gn. sich erbotten, dazu Er 306 Personen dieselbe ordentlich zu tragen begehret, wie dann hiezu die Bürger aus Schleswig auffgeboten und gebraucht worden, daß es darogestalt nacheinander praesentiret und getragen ist:84 Erstlichen 9 schöne Persianische und Türckische Pferde, darunter 2 Braune, die andern meist grau gesprinckelt, gleichsam als Silberfarb, alle mit sonderlichem Tafft, theils mit Silber gestickten Decken überhenget, darunter ein Fuchs, so dem Türckischen Kayser im Streit abgenommen, und also über die Massen schnell im Lauffen sein solle, daß einer einen Hasen damit erjagen, und zugleich mit erstechen oder todtschlagen kann, wie auch unter diesen Pferden etliche sein sollen, davon der Schecke über 1000 Ducaten werth: jedes Pferd ward von 2 Personen geführet. 89 Starcke güldene und silberne Stücke Lacken.85 18 Sonderliche Dito kleiner Stücke, davon jedes seine eigene Farbe und Blumen. 3 Über die Massen herrliche Tischteppichte, an welchen jeden 2 Personen trugen. 39 Stücke von allerhand Farben Seidenzeug, fast gleich als Taffet.86 28 Stück allerhand Farben gläntzend Seidenzeug, dem Atlas gleich.87 47 Stücke allerhand Farben mit sonderlichem Muster Seidenzeug sehr gläntzend. 16 Stücke weiß Seiden Flor klar wie Schiertuch.88 9 Stück breit Cathun subtil Leinwand.89 19 Schöne allerhand Farben Persianische Bogen. 84 Die hier aufgeführte Liste der persischen Geschenke ist wesentlich detaillierter als jene, die Olearius in seinem Reisebericht von 1647 bzw. 1656 sowie in seiner Chronik von 1663 aufführte; vgl. Olearius 1647, S. 539. – Olearius 1656, S. 763. – Olearius 1663, S. 251. Alle diese Berichte stimmen jedoch in der genannten Anzahl von 306 bzw. 300 Schleswiger Bürgern überein, die zur feierlichen Präsentation der Geschenke aufgeboten wurden. Besonders eindrücklich ist die Liste der bei dieser Zeremonie überreichten kostbaren Textilien, die Dutzende Gewebebahnen von seidenen Samtgeweben sowie etliche Gewebebahnen glatter Seidengewebe umfasst. 85 Bei den an erster Stelle genannten goldenen und silbernen Geweben handelt es sich vermutlich um die zum Teil in Kopenhagen erhaltenen Samtgewebe mit lancierten und broschierten Metallfäden im Grund (siehe oben, S. 93-94). Sie zählen zu den kostbarsten Textilien, die im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert in Persien hergestellt wurden. Der Begriff ›Stück‹ bezeichnet eine Gewebebahn. Olearius berichtet, dass die Weber in Kashan, das für die Herstellung reicher Samtgewebe bekannt war, »güldene Stücke« in Längen von bis zu zehn oder zwölf Ellen (ca. 6–7 Meter) webten; vgl. Olearius 1656, S. 601. 86 Vermutlich hatte der damals verwendete Begriff ›Taft‹ dieselbe Bedeutung wie heute. Es handelt sich dabei um ein seidenes, leinwandbindiges Gewebe. 87 Bei den als ›Atlas‹ bezeichneten Geweben könnte es sich um Atlasgewebe im heutigen Sinn des Wortes, d.h. Seidengewebe mit flottierenden Kettfäden, die dem Gewebe eine glatte, glänzende Oberfläche verleihen, oder auch um gemusterte Lampasgewebe mit Atlasgrund gehandelt haben. Zur webtechnischen Definition der heute in der Textilforschung gebräuchlichen Gewebebezeichnungen siehe das CIETA-Vokabular der Textiltechniken: CIETA (Centre International d’Etude des Textiles), Vokabular der Textiltechniken: https://cieta.fr/wp-content/uploads/2018/09/vokabular_deutsch_2018-1.pdf (15.10.2024). 88 Gemäß Grimm 1854–1960, Bd. 9 (1899), Sp. 29, war ›Schiertuch‹ ein durchsichtiges, lose gewebtes Tuch. Eventuell handelte es sich hier um indische Musselin-Gewebe. 89 ›Cathun‹ bezeichnet leinwandbindige Baumwollgewebe. Reservebedruckte Baumwollstoffe wurden im 17. Jahrhundert in Indien und Persien auch für den Export hergestellt.
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